Here under
follows the transcription of Houston Stewart
Chamberlain's Rasse und Persönlichkeit, 1st (unabridged)
edition, published by F. Bruckmann, 1925.
In later editions 3 essays were omitted: Richard Wagner und die Politik — Die
Bedeutung des Todes bei Richard Wagner — Der Bayreuther Festspielgedanke.
N.B.: Enumerated notes ¹),
²) etc are original, notes with asterisks *), **) are made by me.
|
1
PERSÖNLICHKEIT
AUFSÄTZE VON
Houston
Stewart Chamberlain
F. BRUCKMANN A.-G. /
MÜNCHEN / 1925
2
(Leere Seite)
3
ADOLF VON GROSS
Dem
Helfer in jeder Not
zu seinem 80. Geburtstage
bescheidentlich
dargeboten in dankerfüllter
Liebe
und Ehrerbietung
HOUSTON STEWART
CHAMBERLAIN
Bayreuth
zum 25. März 1925
4
(Leere Seite)
5
VORWORT
Dieser
Band ist als eine Art von Fortsetzung zu dem Band D e u t s
c h e s W e s e n, den
ich vor zehn Jahren herausgab, zu betrachten. Damals suchte ich aus
meinen Aufsätzen dasjenige aus, was besonders bezeichnend war
für die deutsche Wesensart; heute sind die Grenzpfähle weiter
gesteckt; zwar behandelt der umfangreichste Aufsatz die deutsche
Weltanschauung, und wir steigen in Tiefen des deutschen Gemütes
hinab bei jeder Richard Wagner gewidmeten Betrachtung. Dies bildet die
Verknüpfung mit dem vorigen Bande; doch liegt der Nachdruck mehr
auf allgemeinen Weltanschauungsfragen. Einige Aufsätze betreffen
Persönlichkeiten.
HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Bayreuth, 14. September 1925.
6
(Leere Seite)
7
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
Es muß in den
Gemütern der Menschen etwas vorhanden
sein, was der Aufnahme
der
Wahrheit, auch wenn sie
noch so hell leuchtete,
und der Annahme derselben, auch
wenn sie noch so lebendig
überzeugte, im Wege steht.
Ein alter Weiser hat es
empfunden, und es liegt in dem
vielbedeutenden Ausdruck
versteckt: » sapere audes «. Er-
kühne dich, weise zu
sein! Energie des Muts
gehört dazu,
die Hindernisse zu
bekämpfen, welche sowohl die
Träg-
heit der Natur als die
Feigheit des Herzens der Belehrung
entgegensetzen.
(S c h i l l e r)
Die
zwei Worte „deutsche Weltanschauung“ deuten auf einen schier
unerschöpflichen Gegenstand: wie gestaltet das Volk der Denker
und der Dichter (wie die Nachbarn es zu benennen belieben), das
Volk der Helden und der Erfinder (wie die Geschichte es nennen
würde), das Volk der Freien, der Wahrhaftigen und der
Züchtigen
(wie
es sich selber vor alters zu nennen pflegte) — wie gestaltet es sich
seine Welt? Seine große und seine kleine, seine sichtbare und seine
unsichtbare, seine zeitliche und seine ewige? Diese Frage in dem
Rahmen eines Aufsatzes zu beantworten, ist unmöglich. Hier soll
nur in einer Reihe kurzer Gedankenfolgen die Aufmerksamkeit darauf
gelenkt werden: daß es eine besondere deutsche Weltanschauung gibt, und daß es
wichtig für den Deutschen ist, sich
mit ihr
vertraut zu machen, auf daß er beständig zu prüfen in
der Lage sei,
ob er sich auf dem rechten Wege befinde oder von ihm abirre.
—————
Weltanschauung hat jeder deutsche Bauer: denn mag seine Welt noch so
begrenzt sein, er ist genötigt und geübt, sie mit nie
nachlassender Spannkraft zu betrachten und zu befragen; irrt sein
Urteil, so hat er nichts zu beißen. Weil er ihr angehört, so
gehört sie ihm an. Die Begrenztheit seiner Erkenntnisse wird
reichlich aufgewogen durch ihre unmittelbare Bedeutung. Und unser
deutscher Bauer erschaut
8
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
nicht bloß das
Sichtbare mit sehr klugen, vielsehenden Augen, sondern eine reiche Welt
des Unsichtbaren umgibt ihn auf Schritt und Tritt: was er glaubt, was
er fürchtet, was er hofft, was sein Handeln bestimmt, ist aus
nüchternem Sinne und reger Einbildungskraft, aus Wissen und
Wähnen, aus geprüfter Erfahrung und uraltem, seiner
ursprünglichen Bedeutung verlustig gegangenem Aberglauben
zusammengesetzt, — wobei wir ja nicht versäumen wollen, die
Weltanschauung des Bauern durch die Anführung des Wortes Goethes
zu ehren: „Der Aberglaube ist ein Erbteil energischer,
großtätiger, fortschreitender Naturen; der Unglaube das
Eigentum
schwacher, kleingesinnter, zurückschreitender, auf sich selbst
beschränkter Menschen.“ Nach dem übereinstimmenden Berichte
aller Kenner und nach dem Zeugnis seiner Märchen und Sagen ist
der deutsche Bauer noch heute zu dem rein begrifflichen
Eingottglauben der christlichen Bekenntnisse innerlich nicht
gewonnen: vielmehr stehen ihm Himmel und Erde noch voll lebendiger
Kräfte mannigfaltigster Eigenart. Nichts Bezeichnenderes für
echte deutsche Bauernweltanschauung —- und zwar für sie allein auf
der ganzen Welt — wüßte ich als die Art, wie diese den
grimmigen, scheußlichen orientalischen Teufel umgewandelt hat zu
der humoristischen Gestalt mit Großmutter und Tochter, die einmal
übers andere hereinfällt und — lange, ehe Goethe es sagte —
erkannt wurde als „die Kraft, die stets das Böse will und stets
das
Gute schafft“. Darum — wegen des Reichtums dieser angeblichen
Dürftigkeit, wegen der Vielgestaltigkeit des anscheinend
einförmigen inneren Lebens — bleibt dieser Volkskreis nicht
allein körperlich am zeugungsfähigsten, sondern auch der
Nährboden, auf den letzten Endes alle Großtaten des
deutschen Geistes zurückgehen. Wie arm erscheint hiergegen der
großstädtische Fabrikarbeiter! Nicht weniger arm an
Weltanschauung als an Kindern! Das muß anders werden — und kann
es nur durch sorgsame Rückleitung der halbverdorrten Wurzeln in
echten deutschen Volksboden.
—————
Daß ein Mensch sich bewußt sei, eine Weltanschauung zu
besitzen, wird nur in den verhältnismäßig seltenen
Fällen höherer Bildung und geübterer Selbstbesinnung
zutreffen; dies macht aber weder für den Reichtum noch namentlich
für die Lebhaftigkeit und damit auch
9
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
für den Lebenswert
einer Weltanschauung den Prüfstein aus. Darum täten wir nicht
gut
daran, wollten wir — um die deutsche Weltanschauung kennen zu lernen —
uns in erster Reihe an die Berufsdenker wenden. Denn diese pflegen
einen gewaltigen Ballast an fremder Weisheit durchs Leben zu schleppen,
und wer den Kopf voll anderer Leute Gedanken hat, muß ein
kräftiger Mann sein, soll er sich die Eigenart unverwirrt
erhalten; außerdem macht Gelehrsamkeit überhaupt leicht
blind: nur über das Lichtlose wirft die Nacht ihre Schatten und
öffnet dafür den Blick in unermeßliche Fernen; wogegen
der Tag zwar das Nahe aufhellt, dafür aber alle Sonnen am
Himmelsgewölbe auslöscht. Ich verehre in ganz besonderer
Dankbarkeit das edle Heer der deutschen „Philosophen“, glaube aber
doch, daß Grimms Märchen noch reicher an vielseitigen,
lichtstarken, eindruckstiefen Belegen zur deutschen Weltanschauung
sind, als die Fachschriften sämtlicher deutscher Philosophen
zusammengenommen. Nicht weniger Stoff zu diesbezüglicher Belehrung
bietet jede deutsche Chronik, jedes gute deutsche Geschichtswerk, jede
getreue Schilderung des Wesens und Webens bestimmter oder verschiedener
deutscher Gaue und Volkskreise — wie wir sie z. B. in den
unvergänglichen Blättern Justus Mösers besitzen.
Je
weiter wir nun von hier aus unser Wissen über deutsches Wesen
auszudehnen in der Lage sind, um so bestimmter werden sich die Umrisse
des Begriffes „deutsche Weltanschauung“ in unserem Bewußtsein vom
dunklen Hintergrund der vielen verschwommenen, verworrenen Begriffe
abheben, und eine um so größere Fülle an
Einzelzügen wird das Innere des also klar umrissenen Bildes
aufweisen. Jede Art Volksdichtung und alle Dichtung, die ihr
unmittelbar entspringt — nennen wir als Beispiel Hans Sachs — bildet
einen unerschöpflichen Born nie irreführender Belehrung; auch
jegliche andere Dichtung aus echt deutscher Quelle — so z. B. Freytags
„Bilder“ — ist reich an Beachtenswertem, nur daß unsere sog.
Bildung allerhand fremde Bestandteile in Denken und Fühlen
einzupflanzen pflegt, bis diese entweder wirklich die eigene Art
vielfach verfälschen oder aber eine gewisse Gewohnheit der
Ziererei erzeugen, ein undeutsches Getue; unter diesem Übel hat
gerade das deutsche Schrifttum lange Zeit hindurch gelitten.
Erlöst aus solchen Bedenklichkeiten sind wir, sobald wir bei den
ganz großen,
10
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
den gottbegnadeten
Gestaltern anlangen: hier steht wieder Volkskraft vor uns, doch
zusammengedrängt in einen Punkt und darum von sonst nie zu
erreichendem Gestaltungsvermögen und ungeheurer Wirkungsgewalt,
dazu begünstigt durch Stunde und Stern, auserkoren, Millionen zum
Worte zu verhelfen. Diese Männer .... ja, wie soll ich sie nennen?
Mit dem Wort „Genie“ wird das deutsche Volk nie was Rechtes anzufangen
wissen; aus dem auf Stelzen einhergehenden Schrifttum Englands und
Frankreichs im 18. Jahrhundert eingeführt, von trunkenen
Köpfen der Revolutionszeit in Deutschland aufgegriffen und
überspannt, ist das Wort selbst von einem Schopenhauer vor
verballhornendem Mißbrauch nicht bewahrt worden. Doch, was soll
uns ein Wort? Die Namen kennen wir ja. Wer — um nur einige zu nennen —
mit Dürer und Holbein, wer mit Bach und Beethoven, mit Goethe,
Schiller und Richard Wagner in Ehrfurcht und Liebe vertraut ist, wird
deutsche Weltanschauung stets auf den ersten Blick von jeder anderen zu
unterscheiden wissen.
Jedoch, es öffnen sich zu unserer Belehrung noch weitere
unerschöpfliche Quellen, sobald wir ein anderes Wort zu Hilfe
rufen, das sich zwar ebenfalls aus lateinischem Ursprung herleitet, von
den Deutschen vergangener Jahrhunderte aber — als Zeugnis ihrer
„Weltanschauung“ — mit einem Gehalt angefüllt wurde, den kein
anderes Volk kennt, und an den die nüchternen Römer mit ihrem
„dictare: vorsagen,
nachschreiben“
nie gedacht hatten: ich meine das Wort „dichten, Dichter“. Hier
bekommen wir einen Faden in die Hand, der uns durch weite Gebiete
deutscher Weltanschauung sicher führt. Nehmen wir unsern lieben
Hausschatz zur Hand: Grimms Wörterbuch! Bei der Welterschaffung
„dichtet der ewige Vater“; Luther sagt von einem Denker, „er dichte
Weisheit“, von seinen eigenen Schriften berichtet er, er „dichte sie“;
die Wendung „Recht dichten“, „Gesetze dichten“ war eine geläufige;
man „dichtet den Staat“; ein schönes Gefäß wird vom
Töpfer „gedichtet“; „Mut und Kraft dichten der Welt“ (d. h. Mut
und Kraft gestalten die Welt, erschaffen sie sich, wie sie sie haben
wollen). Wie man sieht: jede schöpferische Betätigung, d. h.
jede Betätigung, bei der etwas gestaltet wird, was vorher nicht
war, heißt für den noch unbefangenen Deutschen „Dichten“;
entscheidend ist das Schöpferische. Entschließen wir uns
nun, das Wort Dichter in diesem seinem alten, klaren und inhalt-
11
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
reichen Sinne zu nehmen,
so umfaßt es — außer den großen Dichtern in Worten
und Tönen, in Holz, Stein, Erz und Farbe — auch Otto und
Friedrich, die Großen, auch Luther und Bismarck, auch
Scharnhorst, Moltke und Hindenburg, auch Guttenberg, Gauß und
Zeppelin, auch Herder, Lagarde
und Treitschke, auch Leibniz, Kant und
Schopenhauer, auch Stahl,
Humboldt,
Baer, Bunsen, Helmholtz,
Uexküll,
auch Friedrich List, Savigny und Dahlmann, auch Eckehart,
Böhme und Schleiermacher....
Diese alle — und die Namen
habe ich in wilder Reihe, nur als Beispiele, wie sie mir einfielen,
hingeworfen — „dichten“ im echten alten deutschen Sinne des Wortes; und
wie uns uralte Sprachweisheit gleich belehren wird: dichten und
schauen, Welterdichten und Welterschauen sind nahe verwandt; bei ihnen
allen können wir uns also Belehrung über deutsche
Weltanschauung holen. Den stolz schallenden Beinamen Hekatompylos, die
hunderttorige, den die Griechen der altägyptischen Stadt Theben
beilegten, verdient auch der Begriffskreis „deutsche Weltanschauung“: wer den Willen und die
Befähigung besitzt, wird von allen Seiten Eingangstore finden. Man
sagt, deutsches Wesen sei schwer in Worte zu fassen; das mag sein; was
aber daraus entspringt — die deutsche Weltanschauung — ist überall
in ihrer Eigenart leicht aufzuweisen.
—————
Da nun
das Wort „Weltanschauung“ ein rein deutsches Wort ist — ein Wort,
welches der „Haupt- und Heldensprache“ (wie Leibniz sie nennt) und ihr
allein angehört, und dem weder die alten noch die neuen
Kultursprachen entsprechendes gegenüberstellen können, wird
es unser Verständnis für deutsche Weltanschauung gewiß
fördern, wenn wir uns über den genauen Sinn des Wortes
verständigen.
Sobald
wir deutsches Deutsch reden — und das heißt, auch denken —. wird
unser Besinnen wie ein Boot auf den Wellen eines breiten Stromes sicher
getragen und — selbst wo es Umwege kostet — ohne Möglichkeit der
Verirrung dem Ziele — dem abgrundtiefen Meere unerschöpflicher
Gedanken — zugeführt. Aus dem vorigen Absatz ist schon zu
entnehmen, daß der deutsche Begriffskreis „Weltanschauung“ sich
keineswegs mit dem griechischen „Philosophie“ deckt. Von „deutscher“
Philosophie kann man natürlich reden, kann auch Belangvolles
darüber zutage fördern; immerhin, wenn man
12
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
Leibniz aus Descartes und
Spinoza, Kant aus Plato, Hume und Rousseau,
Schelling aus Plotin und
Giordano Bruno hervorwachsen sieht, merkt man, daß die
Wurzelverästelung ins Nichtdeutsche hinein auf keinen Fall
unbeachtet bleiben darf, und auch hier wird man dann entdecken,
daß das bezeichnend Deutsche in der deutschen Philosophie nur
aufgezeigt werden kann, wenn man den weiteren Begriff einer deutschen
„Weltanschauung“ schon besitzt und zu Hilfe ruft. Die Bücher der
deutschen Philosophen kann ich allerdings auf den Tisch legen, wogegen
die deutsche Weltanschauung sich nur dem Verstand und dem Herzen
aufweisen läßt, — und zwar nur einem Verstand und einem
Herzen, die von Haus aus verwandt genug sind, um den Augenwinkel und
den „Herzenswinkel“ erfassen zu können, die hier maßgebend
wirken, und auch gedanklich und gemütlich genügend
ausgebildet, um Seelenregungen überhaupt wahrzunehmen und mit
einiger Schärfe zu unterscheiden; nichtsdestoweniger ist es weit
eher möglich — und für jedermann lehrreicher und
fördernder — über deutsche Weltanschauung als über
deutsche Philosophie klare Vorstellungen zu besitzen; es
läßt sich darüber ungleich mehr Sicheres sagen und
wissen, und es liegt auch mehr daran, daß es gesagt und
gewußt werde.
„Welt“
— so belehrt uns Kluge in seinem maßgebenden Werke über die
Abstammungsgeschichte der deutschen Wörter — „ist ein spezifisch
germanisches Wort“; darum ist es uns Germanen in seiner anregenden
Vieldeutigkeit angemessen. Dieses Wort Welt ist selbst eine „Welt“.
Zunächst bezeichnete es einen Mann, dann einen Menschen, dann ein
Menschengeschlecht; hieraus entstanden verschiedene Reihen, wie
Menschenalter, Zeitalter, wie Menschenmenge, Menschheit, menschliches
Tun und Lassen, menschliches (im Gegensatz zu göttlichem) Treiben
usw., und erst aus allen diesen schillernden Bedeutungen ergab sich die
neue wichtige Reihe: Welt, soviel als „Wohnplatz von Menschen“, Teile
des Erdgestirnes, das ganze Gestirn, der ganze Himmel, alles, was ist
(vgl. namentlich Hermann Pauls Deutsches Wörterbuch). „Welt“ ist
also je nach dem bestimmten Fall groß oder klein, weit oder eng
zu fassen; das eine ist ebenso richtig wie das andere — und auch ebenso
wichtig. Zum Wort „Anschauung“ ist namentlich zu bemerken, daß
„Schauen“ nach seiner Geschichte auf „Besinnung“ weist und nahverwandt
dem
13
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
Sanskrit für
„Dichter“ und dem Gotischen für „Gestalt“ ist — woraus das allem
Nachdenken abgeneigte heutige Geschlecht erfahren kann, daß schon
die unwillkürliche Weisheit seiner urwüchsigen Altvordern
lehrte, kein Anschauen sei uns Menschen möglich ohne eigene Zutat,
d. h. ohne Dichten und Gestalten. Schon aus der Betrachtung dieses
einen Wortes „schauen“ lernen wir also, daß die verschiedensten
Gruppen des arischen Stammes von Haus aus Idealisten waren, nicht
Materialisten: sie glaubten nicht an fertige „Dinge“, die, so wie sie
sind, in den Menschen hineindringen und sich da abspiegeln, vielmehr
begriffen sie — Jahrtausende ehe die Kenntnis des Baues und der
Verrichtungen der Sinneswerkzeuge es wissenschaftlich bewiesen und die
Besinnung der großen deutschen Denker es gedeutet hatte —‚
daß sämtliche vermeintliche Wahrnehmungen zum guten Teil vom
Menschen erdichtet und gestaltet sind, daß seine „Welt“ also
überall menschliche Bestandteile enthalten muß, — was
einerseits zu großer Vorsicht bei jeder Urteilfällung mahnt,
anderseits anspornen muß, aus freien Stücken
schöpferisch aufzutreten, der Menschensehnsucht ein Ziel zu
erdichten und übereinstimmend hiermit das Weltbild zu gestalten.
¹)
Dieses
reichhaltige Doppelwort Weltanschauung bitte ich nun so zu verstehen,
daß es nicht Weltweisheit, noch weniger Schulweisheit
heißen soll, wenngleich natürlich auch die Welt- und
Schulweisheit der Deutschen zu der ihnen angeborenen Weltanschauung
Beziehungen aufweisen müssen. Weltanschauung ist ein Begriff, dem
nicht hier oder dort ein sinnfällig vorhandener Gegenstand
Stück für Stück entspricht, sondern der tausenderlei
umfaßt und dazu
—————
¹) Platos Wort „Idee“ wird am besten durch
„Gedankengestalt“ verdeutscht. Der Idealist lehrt, der Mensch sei ein
unwillkürlicher Schöpfer und die Gestaltung — zunächst der
durch die Sinne gelieferten Empfindungen, sodann
aller seiner Begriffe, kurz seiner ganzen Gedankenwelt — mache das
geistige Wesen des Menschen aus, dem daher Zwiespältigkeit
anhaftet, indem er sich einer ersten Welt angehörig erkennt, die
er unfähig ist, zu ergründen, und zugleich einer zweiten
Welt,
für welche ihm die sinnliche Vorstellbarkeit fehlt; der
Materialist dagegen hält den Menschen für eine eindeutige
Maschine, die den Betriebsstoff von außen fertig geliefert
erhält und daraufhin die vorgesehenen Bewegungen ausführt —
das Bewußtsein ist ein zielloses Spiegelbild, die Freiheit ein
Hirngespinst. Der Materialismus ist gewaltsam, einfach und flach, der
Idealismus zart, tiefsinnig, unausdenkbar wie die Natur.
14
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
dient, eine Wirklichkeit
beachten und betrachten zu lehren und sie befruchtend ins
Bewußtsein zu pflanzen als ein zeugender und richtunggebender
Bestandteil der Lebenskräfte, was alles ohne diese gedankliche
Bemühung nicht hätte gelingen können. Plato schreibt: „Von den Göttern ein
Geschenk an das Geschlecht der Menschen: so schätze ich die
Gabe, im Vielen das Eine zu erblicken! Einen neuen Prometheus sandten
hiermit die Unsterblichen zu uns herab, und jetzt erst zündeten
sie uns ein helloderndes Licht.“ W e l t a n s c h a u u n
g zeigt sich in allem Tun
und Leiden, in allem Hoffen und Dulden, in allem Erstreben und
Unterlassen, sie offenbart sich in der Arbeit und in der Muße, im
Dichten und im Denken, im Ernst und im Scherz, in Kunst, Religion,
Staatsbildung, Verwaltung, Schule, Unterhaltungen, Spielen; wir sehen
sie am Werk in Krieg, Sieg und Niederlage, in der Stunde des Aufruhrs,
im Jubel, in Prüfungen, in den Jahren des Aufstiegs unter dem
belebenden Hauche großer Persönlichkeiten und in den Jahren
der Entmutigung, wenn die engköpfigen Gewohnheitsmenschen und die
engherzigen Eigensüchtler sich des öffentlichen Dinges
bemächtigt haben. Das Prometheische, das Plato von uns — auf allen
Gebieten — fordert und für dessen Möglichkeit er die
Götter preist, besteht gerade darin, in dem Vielen auf das
einigende Eine aufmerksam zu werden, bis es „erblickt“ wird, und d. h.
angeeignet.
—————
Hier
erwartet mich ein Einwurf, der sich für gewichtig hält, es
aber nicht ist. Mancher wird sagen: von Weltanschauung kann man in
diesem Sinne wohl reden, nicht aber von d e u t s c h e r
Weltanschauung,
höchstens von europäischer, besser noch von der
Weltanschauung gesitteter Erdbewohner überhaupt. Es ist nicht
meine Absicht, diesen Einwurf hier zu widerlegen: es würde zu weit
führen und doch fruchtlos bleiben. Denn hier scheiden sich die
Welten. Wissenschaft und Geschichte zeigen auf allen Gebieten die
Entstehung und Entwicklung des Eigenartigen als ein Hauptgesetz der
Natur: die Reihenfolge — wo sie sich aufwärts bewegt — geht nicht
von Unterschiedenem zu Ununterschiedenem, sondern umgekehrt. Nur der
Tod vernichtet — wie bei einzelnen Wesen so auch bei zusammengesetzten
Wesen — das Unterscheidende und löst es in einen Urbrei auf. Wer
die scharf ausgeprägten völkischen Eigen-
15
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
arten der verschiedenen
Bestandteile Europas wirklich nicht erblickt, ist blind geboren.
Meistens jedoch handelt es sich um absichtliche Irreführung; sie
wird von wesensfremden Bestandteilen des deutschen Volkes mit Geschick,
Ausdauer und ohne vor irgendwelcher Fälschung zurückzuscheuen
betrieben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil diese von
außen in den deutschen Volkskörper eingedrungenen
Bestandteile selber so hartgesottene Eigenart besitzen, daß eine
Verwandlung in die deutsche für die übergroße Mehrzahl
auf alle Zeiten ausgeschlossen ist; darum wird von ihnen die deutsche
Art aus der Welt glattweg fortgeleugnet und wird auf allen Gebieten —
Politik, Religion, Kunst, Schrifttum usw. — ein derartig babylonischer
Wirrwarr angerichtet, daß dem schlichten Deutschen die ganze Welt
vor den Augen herumwirbelt, und er schließlich nicht mehr
weiß, wo ihm der Kopf steht. Hier tut „Erneuerung“ not; sie wird
durch Besinnung auf sich selbst bewirkt.
—————
Wer
einmal eine zusammenhängende Darstellung der deutschen
Weltanschauung unternehmen wird, kann sein Ziel nur erreichen, wenn er
zwei Erwägungen nicht außer acht läßt. Einzig
Anschauungen, die auf den verschiedensten Stufen wiederkehren —
Zeitstufen, Raumstufen, Bildungs- und Lebensstufen — dürfen
allgemein „deutsche“ Anschauungen heißen, denn nur von ihnen, da
sie widersprechenden Interessenkreisen gemeinsam sind, kann man
schließen, daß sie eingeborenen gemeinsamen
Wesenszügen entspringen. Zu dem allgemeinen Befund genügt
diese eine Vorsicht. Die zur Körperlichkeit unentbehrlichen
Schlagschatten wird aber das Bild erst erhalten, wenn durch feine
Zergliederung das Unterscheidende an den Anschauungen der Deutschen
aufgezeigt wird, namentlich nahe verwandten Anschauungen gegenüber.
Ein
gutes Beispiel würde der Freiheitsbegriff dem künftigen
Darsteller bieten.
Von
jeher galten die Germanen als die eigentlichen Vertreter
der F r e i h e i t
unter den Menschen. Tacitus macht nicht viele Worte darüber,
erreicht aber um so größeren Eindruck mit der knappen
Schilderung, aus der hervorgeht, daß jeder wehrbare Mann sowohl
an der Beratung der Staatsangelegenheiten wie an den wichtigen
Gerichtssprüchen beteiligt war, jeder außerdem an der Wahl
des
16
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
Königs und der
Heerführer. Nun aber zerstreuen sich die Germanen, von denen er
erzählt, und tragen mit ihrem Blut auch ihre ursprüngliche
Art in allerhand Mischungen und Verhältnisse hinein, aus denen die
heutigen Völker Europas — ein jedes mit bestimmtem Gepräge —
hervorgehen; zugleich strömt nach dem deutschen Stammland von Ost
und West manches Fremde hinzu. Da ist es denn höchst
bemerkenswert, wenn mehr als anderthalb Jahrtausende nach dem
Römer ein nüchterner Stockengländer freiheitlichster
Richtung, der allerdings über ein ungeheures, tiefbegründetes
Wissen verfügt — John Stuart Mill — um die Mitte unseres 19.
Jahrhunderts urteilt:. „Nur in Deutschland versteht man, was Freiheit
des Geistes ist.“ ¹) Ich bitte wohl zu beachten: „nur in
Deutschland“!
Das war ein redlicher Weiser! Er bestätigt, was die besten
Deutschen alle gewußt und gesagt haben, was aber heutzutage gar
mancher unter uns, durch politische Leidenschaft verführt,
irregeführt und geistig farbenblind geworden, nicht weiß,
nicht versteht und nicht einsehen will: daß Deutschland allein
auf Erden der Hort wahrer Freiheit ist — und unter wahrer Freiheit
versteht der echte Deutsche, wie sein Hamann: „kein abergläubisch
Gemächte, weder einer Regierungsform noch der Gesetze“, sondern
die
eingeborene Freiheit, die nicht von der Gnade einer Regierung noch von
dem Mehrheitsbeschluß einer Volksvertretung abhängt,
vielmehr
eine mit auf die Welt gebrachte Seeleneigenschaft bestimmter Menschen
ist — unverleihbar, unabsprechbar. Man i s t frei,
man w i r d nicht frei —
es sei denn, man fasse als ein „Werden“ die vielleicht durch
äußere Hemmnisse verlangsamte oder unterdrückt gewesene
Entfaltung des Keimes zur Blüte; kein Mensch kann einem anderen
Freiheit schenken, den Weg dahin weisen aber kann er. Unser
ehrwürdiger Klopstock gibt die rechte deutsche Begriffsbestimmung,
wenn er sagt: „Wer selbst denkt, und selten nachahmt, ist ein Freier“
(Die deutsche Gelehrtenrepublik). Ein untrügliches Kennzeichen
dieser deutschen Auffassung der inneren wahr-
—————
¹) Angeführt nach Treitschke: Deutsche
Kämpfe, Neue Folge, 1896, S. 389. Treitschke gibt seine Quelle
nicht an, und ich bin augenblicklich nicht in der Lage, die Stelle
nachzuweisen. Eine Stelle aus Mill's „On Liberty“ (3. Aufl. S. 103) ist
mir bekannt, wo er von W. v. Humboldts Freiheitslehre — die seinem
ganzen Buche zugrunde liegt — sagt: „Wenige Personen außerhalb
Deutschlands sind imstande, diese Lehre auch nur zu verstehen.“
17
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
haften Freiheit ist die
unbedingte Achtung vor der Freiheit jedes anderen Menschen. Will z. B.
Schiller dem fürstlichen Freunde seine Gedanken über „den
Adel der menschlichen Natur“ vortragen, worin dieser bestehe und wie er
gepflegt und großgezogen werden könne, was eine ganze
Staats- und Erziehunglehre in sich schließt, beeilt er sich, auf
der ersten Seite ausdrücklich zu versichern: „Die Freiheit Ihres
Geistes soll mir unverletzlich sein.... Ihre eigene freie Denkkraft
wird die Gesetze diktieren, nach welchen (in dieser Schrift) verfahren
werden soll“ (Ästh. Erz., Bf. 1). Bei diesen Worten kommt
gewiß manchem sofort Goethes kühne Lehre von der freien
Erziehung in den Sinn, die allem schulmäßigen Herkommen
widerspricht: „Jede
Anlage ist wichtig
und sie muß entwickelt werden ... aber in jeder Anlage liegt
auch allein die Kraft, sich zu vollenden“; daher der Erziehende nur
für günstige Entwicklungsbedingungen zu sorgen habe und die
Einsicht besitzen müsse, daß selbst „der Irrtum nur durch
das Irren geheilt werden könne“ (Lehrjahre, 8. Buch, 5. Kap.). Das
ist die kühnste Lehre von der Freiheit des Geistes, die jemals von
einem Menschen ausgesprochen worden ist; hier findet die Freiheit
innerhalb der deutschen Weltanschauung ihren vollendeten Ausdruck. Nur
übersehe man nicht, was in demselben Werke Goethes dem
nämlichen Weisen an anderem Orte in den Mund gelegt wird: „Ich kann mich nur
über d e n Menschen freuen, der weiß, was
ihm und anderen
nütze ist und s e i n e W i l l k ü
r z u b e s c h r ä n k e n a
r b e i t e t“
(Lj., 1. Buch, 17. Kap.). Das ist der springende Punkt! Denn, sagt
Mill, nur in Deutschland verstehe man, was Freiheit des Geistes ist, so
dürfen wir ergänzen: das kommt daher, weil man nur in
Deutschland in der Willkür das Gegenteil von Freiheit erblickt,
die Willkür als Vernichterin der Freiheit erkennt. Höchst
bezeichnend ist es außerdem, wenn Goethe sagt: seine Willkür
zu beschränken „arbeitet“. Die Willkür ist nämlich jedem
Menschen auf Erden angeboren; sie bildet die Erbsünde des ganzen
Geschlechts. Diejenigen verdienen es, frei zu heißen, denen die
Neigung verliehen wurde, hiergegen anzukämpfen: alle wahre
Freiheit — sowohl die des einzelnen wie die einer Gesamtheit — ruht auf
dem Felsen der Selbstbeherrschung und des Selbstbescheidens. Insofern
ist das oben Gesagte zu berichtigen oder wenigstens zu ergänzen:
deutsche Freiheit kann zwar nicht verliehen werden, liegt aber
bloß als Anlage in der
18
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
Seele und muß durch
inneren Kampf und inneres Ausreifen erworben werden; sie ist eine Tat,
eine andauernde Handlung, ein „Dichten“; sie ist gelebte Weltanschauung.
Das
Unterscheidende dieser deutschen Freiheit fällt stark in die
Augen, wohin man auch behufs Vergleichung blicken mag. Der Franzose z.
B. — seitdem er seine Hugenotten verjagt und seinen fränkischen
Adel erschlagen hat — weiß überhaupt nicht, was der Begriff
„Freiheit“ bedeutet; vielmehr versteht er darunter lediglich die
unbeschränkte Willkür des einzelnen, also das genaue
Gegenteil wahrer Freiheit. Wer Frankreich in den letzten Jahren vor dem
Kriege bereist hat (ich berührte einen Zipfel noch Anfang 1914),
fand dort auf allen Gebieten um sich greifende Zuchtlosigkeit.
Außerdem: wer Gleichheit will — und das ist die vorwiegende
Leidenschaft des Franzosen — kann nicht Freiheit wollen; denn
Gleichheit ist die Zwingherrschaft des einebnenden Willens der dummen
Mehrzahl, ist Verbot jedes unterscheidenden Sonderwesens. Weit
interessanter fällt der Vergleich mit den mehrfach
stammverwandten Engländern aus, die noch heute, bei der
herrschenden Verwirrung und trotz des Ausspruches John Stuart Mills,
den meisten als das Vorbild freier Menschen gelten — und sich auch
selber dafür halten. Hier gehört schon eine feinere
Zergliederung zu dem Nachweis, daß die Engländer weit hinter
den Deutschen zurückstehen und in Wirklichkeit nur einen
täuschenden Schein von politischer Freiheit besitzen. Wie alle
seefahrenden Völker — wie die Bewohner der deutschen
Küstenländer — besitzen echt geartete Engländer in hohem
Maße die Eigenschaft des Selbstvertrauens; es ist ein
Aufsichselbstgestelltsein und ein Insichselbstgefestigtsein, das
letzten Endes auf die Gewohnheit des tagtäglichen Kampfes mit dem
verschlingenden Elemente zurückgeht; so werden Kühnheit,
Geistesgegenwart, Unverdrossenheit gezüchtet. Nur ein Narr kann
leugnen, daß dieses Volk prächtige Männer hatte und hat
und noch lange haben wird — denn die gegebenen Umstände werden sie
immer wieder heranbilden. Singt ein schottischer Dichter des
14. Jahrhunderts: „Freiheit ist höher zu preisen als alles Gold,
das
die Welt birgt“ (Barbour: „Freedom“), so erkennt man, daß aus
solchen Anlagen ein edelster Freiheitsbegriff hätte hervorgehen
können. Doch die Geschichte hat es anders gelenkt. Während
Deutschland die härteste Schule der Prüfungen durchmachte,
die je einem Volke
19
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
beschieden war, und —
weiß Gott! — „seine Willkür zu beschränken“
gründlich zu erlernen Gelegenheit genug hatte, erging es dem vom
schützenden Wellenmeere umgebenen England umgekehrt: sobald es
innerlich zur Ruhe gekommen war, stand ihm die ganze Welt zu Raub und
Unterdrückung offen. Als Richtschnur galt fortan: die
Engländer ein freies Volk, alle anderen Völker seine
gottbestimmte Beute — sei es für heute, sei es für morgen!
Von dem Augenblick ab wird Englands Politik der grundsätzliche
Raub. Nun haben wir aber gesehen, daß — nach deutscher
Weltanschauung — Freiheit stets die Achtung vor der Freiheit anderer
voraussetzt: schon aus dieser einen Erwägung geht hervor,
daß
ein solches Raubvolk nicht wirklich frei sein k a n n.
Seine
vielgerühmte parlamentarische Regierung diente von jeher der
Herrschaft einer Minderheit; niemals hat das Parlament in die
auswärtigen Beziehungen hineinreden dürfen, noch besitzt es
eine ausschlaggebende Stimme bei Kriegserklärungen und
Friedensschlüssen; heute herrscht despotisch eine ganz kleine
Sippschaft mehr oder weniger dunkler Ehrenmänner, die in engster
Abhängigkeit von den Geldmächten und von der durch und durch
verderbten, verbrecherischen Presse steht. So unfertig alles im
deutschen Staate noch sein mag, er steht berghoch über dem
englischen in bezug auf Menschenachtung, Menschenwürde,
Menschenfreiheit. Von Anfang an versteht der Engländer unter
Freiheit das Fehlen von Pflichten dem Staate gegenüber, weiter
nichts. Schon in der Blütezeit der großen englischen
Revolution erklärt das Hauptwerk über „Die Oberherrschaft der
Volksvertretungen“ (von Lilburne, 1643): ein Zwang zum Heeresdienst
dürfe nie eingeführt werden, denn das hebe die Freiheit auf
(vgl. Hasbach, Die moderne Demokratie, 1912, S. 9). Es fehlt also jede
sittliche Beziehung zwischen einzelnem und Gemeinwesen: auf dieser
Grundlage erringt weder der einzelne noch das Volk wahre Freiheit.
Daher kommt es auch, daß die Engländer ihre Schlachten ruhig
von Fremden schlagen ließen — in Europa zumeist von Deutschen, in
Asien von Indern; dem Engländer war alles gleichgültig, wenn
er nur unermeßliche Schätze hinter den Wellenwall seiner
Insel in Sicherheit brachte. Die Geschichte der Ausbreitung des
englischen Reiches ist wohl die unsittlichste, welche die
Weltgeschichte kennt, und man begreift, daß Swift (Anfang des 18.
Jahrhunderts) nach der Schilderung eines einzigen Jahrhunderts der
englischen Geschichte den König von Brob-
20
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
dingnag ausrufen
läßt: „Ihr seid das schandbarste Geschlecht widerlichen
Ungeziefers, das je die Natur auf der Erdoberfläche geduldet hat“
(Gulliver, Tl. 2, Kap. 5). Das Widerlichste ist die zum Lebensgesetz
erhobene Verpflichtung zur H e u c h e l e i. Denn
wie die Wellen seine
Goldbarren schützen, so hat der Raubwille dieses Staates sich
hinter einen Ozean von Lügen verschanzt, bis selbst die
redlichsten Leute nicht mehr wissen, was Wahrheit ist. Was wir in
diesem Kriege staunend und schaudernd erleben — der Lügenfeldzug
gegen Deutschland — ist nur die letzte Giftfrucht einer
jahrhundertlangen Übung; alles, was wir über Irland, Indien,
Afrika, China, Ägypten gehört haben und hören, alles ist
Lüge. Derselbe Swift, befragt, was ein englischer
„Premierminister“ sei, antwortet in demselben Werk: „Ein Mann, der
niemals die Wahrheit redet, er sei denn überzeugt, daß du
sie für eine Lüge hältst, und immer so lügt,
daß du die Wahrheit zu hören glaubst“ (Tl. 4, Kap 6). Wenn
nun das ganze Staatswesen auf Lüge ruht, wo soll Freiheit — sei es
des einzelnen, sei es des Volkes — herkommen? Der einzelne
Engländer ist noch in weitem Maße wahrheitliebend, edel,
gütig — nichtsdestoweniger aber zur Lüge verpflichtet und
daher ein aller echten Freiheit des Geistes verlustiger Knecht, der in
allen öffentlichen Dingen der Religion und des Staates bei dem
befohlenen Leisten bleiben muß. Wie groß erhebt sich
daneben die deutsche Freiheit! Wie schon oft bemerkt worden ist, kann
man sie zusammenfassen als d i e F r e i h e i
t, w a h r z u s e i n. Richard
Wagner
schreibt an August Roeckel (25. 1. 1854): „Was ist Freiheit? Etwa — wie
unsere Politiker glauben — Willkür? Gewiß nicht! Die
Freiheit ist W a h r h a f t i g k e i t. Wer
wahrhaft, d. h. ganz seinem Wesen
gemäß, vollkommen im Einklang mit seiner Natur ist, der ist
frei.“ Zwei herrliche Worte pflege ich zueinander in Beziehung zu
setzen, das bekannte Schillers: „Nehmt die Gottheit auf in Euren
Willen, und sie steigt von ihrem Weltenthron!“ und Hamanns weniger
bekanntes: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit; und die Wahrheit
macht uns frei.“ Wahrsein! das eben ist die Aufnahme der Gottheit in
unseren Willen, die dann ihren Thron in unserem Herzen aufrichtet: wo
der Geist Gottes ist, da ist Freiheit!....
—————
Ich
beneide den Mann, der die Darstellung der deutschen Weltanschauung wird
unternehmen dürfen, und ich glaube, er wird gut
21
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
daran tun, diesen
ausschließlich d e u t s c h e n Begriff der
Freiheit — diesen Begriff,
den man „nur in Deutschland versteht“ als Mittelpunkt aufzustellen.
Alles weitere wird sich dann ringsherum von selbst einstellen. So
gehört z. B. unmittelbar zu deutscher Freiheit der deutsche Sinn
für Gehorsam, für Eingliederung, für Unterordnung,
für Manneszucht: nur ein freier Mann weiß wirklich zu
gehorchen. Zugleich gehört aber hierher der ausgesprochene
Kriegssinn: von allen Menschen auf Erden ist der Deutsche für die
Kriegführung der begabteste; er bringt nicht bloß
unvergleichliche Führer hervor, sondern das Bezeichnende ist,
daß er sich auf allen Stufen der Heeresgliederung gleich
auszeichnet, und daß er sich, geschlagen, ebenso großartig
zurückzieht, wie er als Sieger verwegen voranstürmt. Wie
bezeichnend ist es, daß ein so friedfertiger Dichter wie Opitz —
und zwar mitten aus dem für Deutschland niederdrückenden 17.
Jahrhundert — sein schönes „Lob des Kriegsgottes“ schreibt, in
welchem er den Deutschen nachrühmt, daß sie „von allen
Zeiten“ sich ausgezeichnet hätten „in grimmer Schlacht und
Streiten“ und namentlich, daß sie:
Gemüte, Herz und Mut
Behalten wie es war, wann
Land, Leib, Gut und Blut
Schon draufgegangen
sind.....
mit anderen Worten, stets
die Freiheit über alles geschätzt haben. Nun höre man
aber, mit welchen Worten er den Krieg lobt; denn ich glaube nicht zu
irren, wenn ich behaupte, keine Dichtung der Welt biete ein
Gegenstück:
O Mars,
ich singe dich, du starker Gott der Kriege,
Du Schutz der Billigkeit,
du Geber aller Siege,
Bezwinger der Gewalt!
Den Krieg als Bezwinger
der Gewalt, als Schutz der Billigkeit besingen — das konnte nur ein
Deutscher. Wir vernehmen einen anderen Ton als in „Britannia rules the
waves!“ Die vergleichende Geschichte der letzten 45 Jahre — man
denke
an Englands, Frankreichs, Rußlands Länderraub innerhalb
dieser Zeit — würde allein zum Beweise genügen, daß der
Deutsche der unhabgierigste Mensch auf Erden ist; ihm würden
allezeit die Künste des Friedens genügen, um einen ersten
Platz unter den Völkern zu gewinnen. Seine Beherrschung des
Kriegshandwerks hängt aber hiermit eng zusammen: bei ihm ruht die
Kriegführung auf sittlicher Grundlage; daher zieht
22
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
sie ihre Meisterschaft
und ihren Gottessegen. Der Gedanke, den wir hier bei Opitz bewundern,
ließe sich hundertfach aus deutscher Dichtung belegen; ich
brauche nur an Goethes Wort aus bedrohlichster Zeit zu erinnern:
Und gedächte jeder
wie ich, so stünde die Macht auf
Gegen die Macht, und wir
erfreuten uns alle des Friedens!
Der Krieg als Bezwinger
der Gewalt, als Vernichter sündhaft mißbrauchter Macht, als
Schutzherr der Billigkeit auf dem ganzen Erdenrunde, als Stifter des
Friedens; das ist ein Stück deutscher Weltanschauung, das wir in
diesem Augenblick wieder mit Ehrfurcht und Begeisterung am Werke sehen,
Weltgeschichte gestaltend: „Mut und Kraft dichten der Welt“. Und wie
belehrt uns diese Bestimmung über deutsche Weltanschauung,
daß die sog. „Pazifisten“ keine Deutschen sind! Indem sie den
Krieg opfern, opfern sie den Frieden und die Freiheit. Anderseits
verstehen wir es, wenn ein friedfertiger, aber echt deutschadeliger
Gelehrter, Wilhelm von Humboldt, schreibt „Mir ist der Krieg eine der
heilsamsten Erscheinungen zur Bildung des Menschengeschlechts, und
ungern seh' ich ihn nach und nach immer mehr vom Schauplatz
zurücktreten“ (in der unten angef. Schrift, Abt. 5).
—————
Noch
gar vieles wird jener Glückliche ernten, indem er von der
deutschen Freiheit aus nach allen Seiten seine Kreise zieht. Möge
er hierbei ein merkwürdiges, nicht leicht auszudenkendes
Wort Jakob Grimms beachten. Dieser preist nämlich am Deutschen
„eine bescheidene Ungenügsamkeit“! Indem er diesem Faden folgt,
gelangt er von Bildungsfragen zu wissenschaftlichen, macht aufmerksam,
daß die deutschen Forscher „mehr zu erforschen als anzuwenden
streben“, was die Überlegenheit auch in der Anwendung bewirke, und
findet zu wichtigen politischen Betrachtungen Anlaß: der Fluch
der französischen Revolution ergebe sich aus „der rohen
Durchführung halber Wahrheiten“ und der Befangenheit in „den
dürren Banden eines Systems“ — Schäden, gegen welche „die
festgewurzelte Achtung vor der Geschichte und das rechte
Freiheitsgefühl“ die Deutschen schützen würden usw.
(Kleinere Schr. 8, 422). Der Deutsche ist weit ungenügsamer als
der Franzose und der Engländer — das ist allbekannt und oft
getadelt, in Wirklichkeit aber ein Ausfluß
23
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
innerer Geistesfreiheit
und ein kostbares Gegengift gegen das starre — selbst im besten Falle
nur halb wahre — „System“. Ungenügsamkeit ist nun sonst ein
Merkmal unbescheidener Anforderungen; hier dagegen entsteht — wie der
echteste deutsche Mann es bezeugt — die Ungenügsamkeit aus
Bescheidenheit! Grimms Bemerkung enthüllt den innerlichen,
unersetzlichen, aufbauenden Wert deutscher Bescheidenheit auch für
die Gemeinsamkeit: sie ist es, die Achtung vor der Geschichte, wie
überhaupt vor der Erfahrung und vor den ewigen Gesetzen alles
Seins eingibt. Wie das Sichbescheiden des deutschen Forschers die
Grundlage zu den unerhörten Erfolgen deutscher Technik legt, so
birgt eine wahre, tief innerlich gefühlte, das Wesen des ganzen
Menschen durchdringende Bescheidenheit eine ungeheure Kraft — denn auf
diesem Wege und nur auf diesem Wege könnte die Natur zur
Bundesgenossin des Menschen auch auf dem Gebiete des
gesellschaftlich-staatlichen Aufbaues gewonnen werden.
Soviel
nur — als Anregung — über den Wert deutscher Bescheidenheit
innerhalb der deutschen Weltanschauung. Hier geraten wir, wie man
sieht, ins politische Gebiet; doch ehe ich es betrete, muß ich
noch eine kurze Mahnung einschieben.
—————
Nie
und nirgends darf das große Naturgesetz der Entgegensetzung
außer acht gelassen werden, das Gesetz, welches bewirkt,
daß auf allen Gebieten des Lebens der „Satz“ den „Gegensatz“ mit
sich führt. Allgemein ist das Sprichwort: les extrêmes se
touchent, die entgegengesetzten Übertreibungen
berühren sich,
eine richtige, aber nicht sehr tiefreichende Beobachtung der
Weltklugen; ich habe ein anderes im Sinne. Bei einem Menschen von
ausgesprochenem Eigenwesen wird man stets — bei sehr genauer Kenntnis —
hinter seinen hervorstechendsten Geistes- oder Charakterzügen die
Anlage zu genau entgegengesetzten entdecken: es gibt Augenblicke, wo
der Geizhals verschwendet und wo der Verschwender knausert, der
Schweigsame — wie Wilhelm von Oranien oder Moltke — entpuppt sich bei
Gelegenheit als vollendeter Redner aus dem Stegreif, wem höchste
Anspannung zu Gebote steht, wird Erschlaffungszustände aufweisen,
die dem Durchschnittsmenschen unbekannt sind, Männer, die nicht
ohne Grund für zaghaft galten, erweisen sich manchmal
24
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
bei äußerster
Gefahr als völlig furchtlose Helden (ich kenne Beispiele aus dem
gegenwärtigen Kriege). Bei meiner eingehenden Befassung mit
Richard Wagner, Kant, Goethe, Luther, Bismarck und anderen großen
Männern bin ich überall diesem Gesetz der Entgegensetzung
begegnet, über das noch viel zu sagen wäre; hier mögen
diese Andeutungen genügen. Und ich meine, wer diese Tatsachen
bedenkt, wird nicht erstaunt sein, bei einem im Laufe der Jahrhunderte
noch so einheitlich gewordenen Volke unmittelbar gegensätzliche
Geistes- und Charakterzüge zu finden. Gerade die genau
entgegengesetzten sind am ehesten zu erwarten: was bei dem einen die
Ausnahme, ist bei dem andern die Regel und umgekehrt. Wer möchte
Grimm
widersprechen, wenn er die Bescheidenheit als besondere deutsche
Eigenschaft bezeichnet? Auch bei anderen Völkern trifft man
bescheidene Menschen, doch von so bezwingender Schlichtheit und
Reinheit wie bei einzelnen bedeutenden deutschen Männern begegnete
ich dieser Gemütsverfassung nirgends. Die echt deutsche
Bescheidenheit ist etwas Unnachahmliches: in ihr liegt wie in einem
verschlossenen Schrein eine ganze Geschichte, eine ganze Kultur und
eine ganze harrende Zukunft. Und doch mußte Bismarck klagen
über jene Deutschen, „die vom Kriegführen bis zum
Hundeflöhen alles besser verstehen wollen als sämtliche
gelernte Fachmänner.“ Was Unbescheidenheit ist, kann man wohl an
keinem Ort der Welt so gründlich erfahren wie in der Hauptstadt
des Deutschen Reiches. Und finden wir nicht gar zu häufig an
Stelle des Stolzes freier Männer Unterwürfigkeit, Mangel an
Selbstvertrauen, Buhlen um fremde Gnade, und zwar nicht bloß bei
den vom Schicksal Hartgeprüften, sondern bei hohen
Staatswürdenträgern und Vertretern der deutschen
Majestät an fremden Höfen? Allgemein gesprochen,. finde ich
merkwürdig wenig „Mittelware“ in Deutschland. Fichte hat gesagt:
„Deutschsein heißt Charakter haben“; ich stimme ihm zu,
möchte aber ergänzen: oder gar keinen Charakter haben.
Welches Begebnis der deutschen Geschichte wirkt hinreißender als
die Befreiungskriege? Und doch hatte in den unmittelbar vorangehenden
Jahren die ganze Bevölkerung versagt, vom Preußenkönig
bis zum letzten Schuhputzer; ein kläglicheres Schauspiel kennt
die Welt nicht. Clausewitz schreibt in jenen Tagen an seine Braut: „Der
Geist der Deutschen fängt an, sich immer erbärmlicher zu
zeigen; überall sieht
25
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
man eine solche
Charakterlosigkeit an Schwäche der Gesinnungen hervorbrechen,
daß die Tränen uns in das Auge treten möchten ¹).“
Und dennoch gelang es einer handvoll unerschrockener Männer —
Soldaten, Lehrer, Professoren — das gesamte Volk zu
aufopferungsfreudigen Helden umzuwandeln, was doch offenbar
unmöglich gewesen wäre, hätte das Heldentum ihm nicht
verborgen im Blute gelegen.
Einzig
die Kenntnis dieses Naturgesetzes der Entgegensetzung kann es
begreiflich machen, daß die Weltanschauung der Deutschen zugleich
eine heldenmäßige und eine philiströse sein kann, eine
staatbildende sonder gleichen und eine aufreizend kindisch
unpolitische,
eine zu höchsten Höhen sich erhebende, dichterisch
verklärte und im Bierkrug ersoffene, platt nüchterne, eine zu
der erhabensten Mystik, eines Eckehart sich durchläuternde
religiöse und eine Büchnersche
Philosophie der Verdauung.
Überall gehört beides zu „deutscher Weltanschauung“ —
wenngleich es sicherlich nicht willkürlich gewalttätig ist,
wenn wir bei der schöpferischen Lichtseite verweilen und sie als
„Bildseite“ betrachten, während der anderen Ehre genug geschieht,
wenn sie als „Kehrseite“, manchmal vielleicht sogar als „Schlagseite“
gelegentlich Beachtung findet.
—————
Im
Zusammenhang dieser Zeitschrift würde ohne Frage eine Untersuchung
der Gedankengestalten, die (innerhalb der deutschen Weltanschauung)
Staat und Politik betreffen, am belangreichsten erscheinen. Richtig
durchgeführt, müßte sie das für dieses Volk
Mögliche und Ersprießliche deutlich aufzeigen und dadurch
zugleich das Unmögliche und Unersprießliche nicht minder
überzeugend dartun. Hiervon kann heute keine Rede sein; doch
indem ich vorsätzlich die religiöse Weltanschauung der
Deutschen aus der Betrachtung ausschließe, gewinne ich wenigstens
Raum, um mit einigen Pinselstrichen das staatlich-politische zu
umreißen, in der bescheidenen Hoffnung, dies möchte meinen
Lesern Anregung zu eigenem Nachdenken
—————
¹) Vgl. „Karl und Marie v. Clausewitz, ein Lebensbild
in Briefen und Tagebuchblättern“, herausgegeben und eingeleitet
von
Karl Linnebach (Berlin 1916, bei Martin Warneck, S. 135). Dieses
geradezu herrliche Buch dürfte in keinem deutschen Hause fehlen;
sein Wert für die Erkenntnis und die Schätzung deutscher
Weltanschauung ist kaum geringer als der, den wir in Moltkes und
Bismarcks Hinterlassenschaft finden.
26
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
geben: auch in diesen
Fragen ist ein einziges entscheidend wichtig — daß man die
rechte Richtung einschlage; geschieht das, so ist jeder
vernünftige Mensch fähig, den Weg allein zu gehen. In weiten
Kreisen des deutschen Volkes herrscht in Bezug auf „Politik“ arge
Verwirrung, teils als Wirkung der Weltereignisse der letzten 150 Jahre,
teils infolge des weitreichenden Einflusses einer nichtdeutschen
Presse, die — in engster Fühlung mit der ihr verwandten
ausländischen Presse, einer Fühlung, die auch der Krieg
keinen Tag unterbrochen hat — gänzlich undeutsche und
ungermanische Auffassungen vertritt, wodurch sie die Ungebildeten
täuscht, die Halbgebildeten verwirrt und die Männer, die
besser
wissen könnten und sollten, gar zu oft verführt. Nichts
wäre wichtiger als der Gewinn einer übereinstimmenden
Überzeugung in Bezug auf das, was „deutsche Politik“ zu sein und
nicht zu sein hat.
In
Wilhelm von Humboldts unvergänglichem Werke: „Ideen zu einem
Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (4.
Abschnitt), findet sich ein Wort, das ich jedem Deutschen zu
eingehendem Nachsinnen empfehlen möchte: „Die Politik ist mit der
Knechtschaft entstanden.“ Wie er das verstanden haben will, geht aus
dem Vorangehenden hervor. Er redet von der Notwendigkeit von
Führern (Königen) und fährt dann fort: „Die Besorgnis,
daß der eine aus einem Führer und Schiedsrichter ein
Herrscher werden möchte, kennt der wahrhaft freie Mann, die
Möglichkeit selbst ahndet er nicht; er traut keinem Menschen die
Macht, seine Freiheit unterjochen zu können, und keinem Freien den
Willen zu, Herrscher zu sein.... und so ist, wie die Moral
mit dem Laster, die Theologie mit der Ketzerei, die Politik mit der
Knechtschaft entstanden.“ Der wahrhaft freie Mann — und das ist der
Deutsche, sobald er edelgeartet und nicht sich selber entfremdet ist —
steht zunächst also aller Politik fremd gegenüber, er
weiß nicht, was sie soll; dagegen ist der knechtisch gesinnte
Mann — gleichviel ob er herrscht oder dient — der geborene Politiker.
Wieviel lernen wir aus dieser einen Bemerkung des gelehrten und
hochgesinnten deutschen Mannes! Ein viel erörtertes, aber wohl
niemals recht ergründetes Verhältnis — das des Deutschen zur
Politik — wird durch diesen Lichtgedanken plötzlich
aufgeklärt. Gewiß sind nicht entfernt alle Deutschen
„wahrhaft freie Männer“ —
27
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
das Gesetz der
Entgegensetzung hat uns schon gelehrt, keine solche Erwartung zu hegen;
aber — und es ist dies ein sehr groß zu schreibendes Aber: jene
Charakterlosigkeit, über die Clausewitz Tränen vergoß,
jene „Domestikenhaftigkeit“, die den galligen Schopenhauer zu Zorn
erregte, jenes Scharwenzeln um Anerkennung und Gunst fremder Nationen,
das seit Bismarcks Abgang dem Ansehen des Deutschen Reiches so
unermeßlich geschadet hat, alle diese unter Deutschen
verbreiteten lächerlichen, unerträglichen Eigenschaften
entspringen nicht dem Sklavensinn (wie Humboldt ihn nennt), sondern
bilden die Kehr- oder Schlagseite des großen schöpferischen
Freiheitsdranges dieses Volkes; das haben die Freiheitskriege bewiesen,
das hat der Deutsche in den verschiedensten Abschnitten seiner
anderthalbtausendjährigen Geschichte bewiesen, das beweist er
heute in einem Kriege, wie ihn noch nie ein Volk zu bestehen hatte. Und
daher kommt es — weil wir es in Wirklichkeit immer mit der Freiheit zu
tun haben, sei es von der Bild-, sei es von der Schlagseite, daß
wir keine geborenen Politiker hier zu erwarten haben — es sei denn als
Ausnahmen, welche glänzend die Regel bestätigen, aber auch
dann nicht auf ausgebreitetes Verständnis rechnen können. Als
der größte Politiker aller Zeiten gerade Deutschland
geschenkt wurde — die äußerste Not gebar das unmöglich
Dünkende — hat es keine einzige politische Partei gegeben, die ihm
nicht entweder immer oder oft die Wege zu sperren ihr Bestes getan
hätte, und als die Krone sich des Gottgesandten entledigen zu
sollen glaubte, fand sich in der ganzen nach Hunderten zählenden
Volksvertretung keine einzige Stimme, die gegen den ungeheuerlichen
Vorgang Einspruch erhoben hätte, geschweige eine große
Bewegung um dieses Unheil abzuwenden: nie hat wohl ein Volk einen
schreienderen Beweis des gänzlichen Mangels an politischem Sinn
gegeben. Es ist weit besser, man sieht diesen angeborenen Mangel der
einen bestimmten Anlage ein, man gibt ihn offen zu, man macht sich
keine vergeblichen Hoffnungen auf unmögliche Besserung, sondern
man fragt sich einfach, was geschehen kann, um der eigenen
Unzulänglichkeit zu steuern. Da stellt sich denn sofort die
einzige richtige Antwort wie von selbst ein — und da sie aus der einzig
echt deutschen Weltanschauung mit Notwendigkeit hervorgeht, so
können wir ruhig bei dem aufgeschlagenen Werke Humboldts
verweilen, denn sie muß auch darin
28
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
stehen .... und richtig!
Abschnitt 16 lesen wir als Grundforderung an den deutschen Staatsmann:
er müsse „zwei Dinge unausbleiblich vor Augen halten: 1. die reine
Theorie, bis in das genaueste Detail ausgesponnen; 2. den Zustand der
individuellen Wirklichkeit, die er umzuschaffen bestimmt wäre.“
Diese beiden Punkte werden noch genauer ausgeführt, und es erhellt
daraus, was schon dieser erste Satz besagt: deutsche Politik, soll sie
etwas taugen, darf nicht instinktiv-zufällig und nicht
leidenschaftlich-parteimaßig, auch nicht nach irgendeinem
ausgeklügelten Eigennutz, vielmehr muß sie rein und
streng
w i s s e n s c h a f t l i c h betrieben werden. Es ist ja
dasselbe Geheimnis, das
auf anderen Gebieten den Deutschen zu unerhörten Ergebnissen
geführt hat und auf das uns Grimm vorhin aufmerksam machte: die
reine Wissenschaft um ihrer selbst willen, gefolgt von der reinen
unselbstsüchtigen Anwendung dessen, was sie gelehrt hat. Das
Wagnis, die geniale Tat, der Ruhm des Vaterlandes, die Ehre Gottes —
dafür sorgen schon das Volk als Ganzes und die großen
Einzelnen aus seiner Mitte; in der Politik aber — also im eigentlichen
Staate, wie Humboldt ihn will — soll mit echt deutscher reiner
Nüchternheit und grundsatzsicherer Festigkeit gehandelt werden und
nicht das Geringste dem Zufall und der Einzelwillkür
überlassen bleiben. Hört der Deutsche endlich auf, fremde
Art, als könne sie für ihn maßgebend sein, nachzuahmen,
lernt er die Politik des Franzmannes als Tollheit begreifen, gewahrt
er, wohin den Engländer sein Weg führt, nämlich in die
Hölle, wogegen dem Deutschen die Fähigkeit gegeben wäre,
unsere ganze Menschenwelt — ihr zum Glücke — umzugestalten, so
wird er — dessen bin ich überzeugt — der allererste, der einzig
heilbringende „Politiker“ der Welt werden, und zwar mit der doppelten
Notwendigkeit einer Naturkraft und einer unüberwindlichen
sittlich-geistigen Macht.
Was
hiermit gesagt werden soll, wird aber nicht recht begriffen, ehe man
eine zweite Gedankenreihe ins Auge gefaßt hat.
Aus
Humboldts Schrift ist nur das eine im allgemeinen Bewußtsein
lebendig geblieben: die Forderung der F r e i h e i t
des Einzelnen und der
M a n n i g f a l t i g k e i t seiner Lagen oder
Verhältnisse — eine
Doppelforderung, deren Einheitlichkeit der Denker nachweist; nur bei
Berücksichtigung dieser Doppelforderung komme die Nation zu der
vollen Entfaltung aller ihrer Kräfte, sie allein gewähre die
„innere
29
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
Würde« des
einzelnen und die glückliche Blüte der Gesamtheit. Um nun
diese Freiheit und diese Mannigfaltigkeit zu sichern, fordert Humboldt
die denkbar größte Einschränkung der „Wirksamkeit des
Staates“ — dieser Einschränkung gilt fast die ganze Schrift, mit
welcher er sich als der unbedingte Gegner erweist sowohl des
sozialdemokratischen Ideals, welches alle Mannigfaltigkeit abschafft,
wie des rückschrittlichen, welches die Freiheit einschränkt.
Was man aber nicht genug bedenkt, ist, daß Humboldt scharf
zwischen Staat und Nation, zwischen dem „Verhältnis der
Bürger zum Staat und dem Verhältnisse derselben
untereinander“ unterscheidet und es als eine Nebenabsicht seiner
Schrift bezeichnet, „die nachteiligen Folgen zu zeigen, welche
die Verwechslung der freien Wirksamkeit der Nation mit der erzwungenen
der Staatsfassung dem Genuß, den Kräften und dem Charakter
der Menschen bringt.“ Hiermit wird nun erstens auf das Gebiet
hingewiesen, das wir heute als das der „Selbstverwaltung“ bezeichnen
würden, und auf dem schon vor Jahrhunderten und heute wiederum —
trotzdem manches noch in den Anfängen steckt — Deutschland allen
angeblich freieren Nationen weit vorausschritt und voranschreitet, und
zweitens macht das Wort Humboldts darauf aufmerksam, daß der
schlechte Politiker — der Deutsche — der größte Erschaffer
staatlicher Werte und der größte Staatenbildner der
Weltgeschichte ist. Das gerade bildet den Lebenspunkt! Die Germanen im
engeren, deutschen Sinne des Wortes sind die Gestalter der ganzen
heutigen Welt, — insofern sie überhaupt Gestalt hat. Männer
aus dem Herzen Deutschlands haben England seine kühnen Seefahrer
und seine den Zwingherren trotzenden Bürger geschenkt; Männer
aus dem Herzen Deutschlands haben das Reich geschaffen, das noch heute
sich nach den Franken nennt, haben es unvermischt jahrhundertelang
beherrscht und ihm die geistige, die künstlerische und die
politische Größe geschenkt, von der früher dort keine
Spur anzutreffen war; ihnen nahe verwandte Männer machten aus der
chaotischen Iberischen Halbinsel die stolze, einheitliche spanische
Nation; in welchem Maße die Deutschen langobardischen und
gotischen Stammes beteiligt waren bei der Verwandlung des aller
Eigenart
baren römisch-italischen Landes in das städtereiche
blühende „Italien“ der mittleren Jahrhunderte, das hat schon vor
hundert Jahren der deutsche Rechtsgelehrte Savigny gezeigt; viele
Familien lebten dort noch bis ins 14. und 15. Jahrhundert
30
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
hinein getrennt von der
Grundbevölkerung nach eigenem germanischen Rechte; seitdem wies
Woltmann nach, daß die gesamte staatliche, städtische und
künstlerische Blüte dieses Landes das Werk germanischen
Blutes war und in das heutige Nichts auslief, sobald dieses Blut durch
fortgesetzte Mischung aufgebraucht war. Auf den wichtigeren Thronen
Europas sitzen auch heute deutsche Herrscher. Doch ist hiermit noch
lange nicht genug gesagt. Die in Deutschland verbliebenen, die
eigentlichen Deutschen haben sich zu allen Zeiten als großartige
Schöpfer staatlicher Werte erwiesen. W. H. Riehl — ein Mann, der
wahrlich kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es gilt, die
Schwächen seiner Deutschen aufzuzeigen und zu geißeln —
schreibt von ihnen: „Die Deutschen sind g e b o r e n
e S o z i a l p o l i t i k e r, und
von diesem Standpunkt aus sind sie stets ein wunderbar strebsames und
rühriges Volk gewesen“ (Land und Leute, II. Aufl., S. 8). Was
Riehl hier Sozialpolitiker nennt, ist genau dasselbe, was Humboldt
unter „freier Wirksamkeit der Nation“ versteht. Diejenige Politik, die
„mit der Knechtschaft entsteht“ — und dazu gehört noch
heutzutage die gesamte auswärtige und ein Großteil der
inneren —‚ die versteht der Deutsche nicht; um so besser versteht er
sich auf diejenige, welche im eigentlichen Sinne des Wortes keine
Politik ist, diejenige, die aus der freien Betätigung von
Männern entsteht, die zu bestimmten Zielen sich zusammentun und
nun Werke des Friedens und des Fleißes gliedern, gestalten und
mit Leben begaben. Aus den Büchern, die das blühende deutsche
Städteleben des Mittelalters und die Geschichte der Hansa
schildern, lernt man gar viel und gar Schönes über deutsche
Weltanschauung! Die Geschichte Europas hat gar nichts an die Seite zu
stellen. Und was sehen wir denn heute? Ganz Frankreich außerhalb
des einen Paris ist ein totes Land; in England bieten
Millionenstädte wie Manchester armselige geistige Kost; wohingegen
Deutschland an allen Enden und Ecken eigenartig lebt und schafft oder —
wie unsere Vorfahren gesagt hätten — „dichtet“. Besonders
auffallend und Humboldts Behauptung stützend ist folgende
Tatsache: diese
völkische
Kraft der Deutschen — wenn sie nur irgend Raum zur Entfaltung findet —
betätigt sich auch zu den Zeiten der allererbärmlichsten
Politik, fähig jedes Volk zugrunde zu richten, ja, sie führt
oft gerade dann zu glänzenden Ergebnissen. Der Deutsche Orden z.
B. ging ganz unabhängig vor, ohne jede Unterstützung durch das
31
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
Reich, und was der
Hochmeister Hermann von Salza angefangen hatte, führten andere —
und zwar nicht bloß seine Nachfolger, sondern Scharen von Bauern
und Handwerkern — fort, eine Art Völkerwanderung nach Osten, zu
einer Zeit, wo es kaum den Schatten eines Reiches gab; es ist ein
wunderbarer und ebenfalls beispielloser Vorgang: kein Erobern im
englischen und keine anbefohlene rohgewaltsame Grenzerweiterung im
russischen Sinne, vielmehr eine gestaltende Tat sich selbst
überlassener deutscher Männer. Man schlage nur in irgendeinem
Geschichtswerk nach. Ich tue es in dem ganz vortrefflichen von
Einhart-CIaß und lese: „Damals, zur Zeit des tiefsten Zerfalls
der Königsgewalt — es war in den Jahren, wo kein deutscher
König vorhanden war — brachte dies Volk es fertig, etwa zwei
Drittel des heutigen Reichsbodens deutsch zu besiedeln“ (Deutsche
Geschichte, 5. Aufl., 1914, S. 70). Und sehr richtig weist Claß
darauf hin, den heutigen Regierungen gelinge es nicht, „das
bißchen Preußisch-Polen einzudeutschen“. Es gelingt eben
darum nicht, weil es die Regierung unternimmt; das ist Politik — und
zwar keine wissenschaftliche, sondern ein schwankes Rohr von Beamten-
und
Reichstagsweisheit. Wenn es nur ein Mittel gäbe, ihm die Tore dazu
zu öffnen, das deutsche Volk würde aus eigener Kraft binnen
25 Jahren die polnische und die elsässische Frage lösen.
Die
Überzeugung, die ich hier wecken möchte, ist die, daß
der Deutsche — wie heute noch Politik getrieben wird — der denkbar
unfähigste „Politiker“ ist, daß aber diese Unfähigkeit
mit
so einzig hervorragenden Fähigkeiten zusammenhängt, daß
es nur der Besinnung bedürfte, um nicht nur aus dem Nichts ein
Etwas zu machen, sondern um eine Unzulänglichkeit in ein
Überragen
aller umzuwandeln. Das Volk und der Held: das sind die zwei Gewalten,
aus denen alles Ruhmvolle in der deutschen Geschichte hervorgegangen
ist: die beiden verstehen sich auch gut, solange nicht die leidige
Politik sich dazwischen stellt, deren Pflicht es vielmehr wäre,
beiden zu dienen — weiter nichts. Die deutsche Weltanschauung lehrt:
man lasse das Volk so frei wie möglich walten, und man sorge
dafür, daß seine Helden an die ausschlaggebenden Stellen
kommen und ebenfalls frei walten — nicht Kavaliere und tadellose Beamte
und Geldmänner: das sind die zwei
Grundpflichten aller deutschen „Politik“. Auf einen zweiten Bismarck
haben wir ebensowenig zu rechnen wie auf einen
32
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
zweiten Friedrich; es
käme also darauf an, nicht die Politik zu treiben, welche die
anderen treiben — nämlich die der Diplomaten nach außen und
die der Bankiers nach innen —‚ vielmehr entschlossen und offen die
deutsche „Nichtpolitik“; diese führt allein zum Ziele — und das
Ziel ist zwar nicht Weltherrschaft (diese ist ein politischer
Knechtsgedanke), wohl aber ein Zustand, in welchem Deutschland sein
kann, was es sein will und soll — allen ruhelosen Nachbarn und allen
neidischen Wettbewerbern zum Trotz. Ich nenne sie „Nichtpolitik“, weil
ich sie für eine nüchterne, unbeirrbare Staatswissenschaft
halte, vergleichbar der Strategie eines seiner Verantwortung
bewußten Generalstabs, dessen tausendfältige Tätigkeit
im Frieden unbeachtet bleibt und nur dazu dient, im Augenblick der Not
zuzuschlagen und zu siegen.
Dies
alles gilt nach innen wie nach außen; denn der Feind nistet am
Herd in vielfacher Gestalt, und der Krieg hat seine Fratze
widerwärtiger als je entlarvt.
Auch
hier steht der Deutsche vor der schwierigsten Aufgabe — nicht, wie der
Satan es ihm einflüstern möchte, weil er weniger fähig
als seine westlichen Nachbarn wäre, sondern weil er in Bezug auf
wahre Freiheit ganz andere Ansprüche macht und sich nicht mit
politischen Redensarten abspeisen läßt. Treitschke — gegen
den die undeutschen Deutschen eine Verschwörung des Verschweigens
und des Verleumdens angezettelt hatten, dessen unvergänglicher
Wert aber, sobald die Stunde der Not kam, sofort allen von neuem
aufging — Treitschke stellt den Deutschen ein hohes Endziel:
„Staatsmacht und Volksfreiheit, Wohlstand und Wehrkraft, Bildung und
Glaube, das sind die großen Gegensätze, die wir
versöhnen wollen. So schwierige Aufgaben, zu denen in neuester
Zeit dann noch die eigentlich sozialpolitischen gekommen sind, werden
unserem Staate gestellt. Zu ihrer Bewältigung hilft vor allem der
universelle Charakter der Deutschen, ihre Lösung macht ein
gut Teil unserer Bedeutung und Größe aus“ (Politik, I, 87).
Held Bismarck hat bekanntlich hier Gewaltiges in die Wege geleitet; wer
wissen will, was bisher auf dem Gebiete der Sozialpolitik geleistet
wurde, schlägt am besten nach in Stier-Somlos „Deutsche
Sozialgesetzgebung“; es bedeutet dies eine Art Grundmauerlegung, wie
sie kein zweiter Staat besitzt, wenn auch alle jetzt nachzueifern sich
genötigt sehen;
33
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
erst muß das Dasein
Sicherheit und Gesundheit erhalten; was noch zu leisten bleibt, zeigt
ein Blick auf Treitschkes Satz, der staatliche Generalstab hat noch
Arbeit vor sich. Nichts gereicht den Deutschen mehr zum Ruhme, als
daß sie die Aufgabe so hoch stellen, daß sie nie vollkommen
gelöst werden kann. Einer der Besten — gleich erfahren in der
Wissenschaft und im Leben — F. C. Dahlmann, hat die schönen Worte
geschrieben: „Das ist der Ruhm und die Gefahr der menschlichen Dinge,
daß der einzelne am Ende unberechenbar gegen den Staat steht“
(Die Politik, auf den Grund und das Maß der gegebenen
Zustände zurückgeführt, 2. Aufl., 1847, § 10). Wer
so tief denkt, wird freilich nicht so bald fertig wie ein
stämmiger britischer Baron des Jahres 1215 oder ein Pariser
Revolutionär des Jahres 1792! Dahlmann erkennt, daß der
Staat nicht durch Zufall und Willkür entsteht, daß er
vielmehr der Ausdruck einer dem Menschen angeborenen Naturnotwendigkeit
ist, „ein Vermögen der Menschheit und eines von den die Gattung
zur Vollendung führenden Vermögen“ (§ 2); im Staate zu leben,
gehört zur Natur des Menschen; der Mensch soll sich im Staate wohl
und geborgen fühlen. Genau aber wie Humboldt — wenn auch mit
andern Worten — kann er nicht umhin, das „Volk“ als eine vom Staate
verschiedene Wesenheit zu unterscheiden, und zwar als „eine Macht, die
ununterbrochen und mehr aus der Tiefe wirkt als alle politischen
Institutionen“ (§ 4, § 259 usw.); mit
andern Worten, das Volk
außerhalb des Staates ist die eigentlich schöpferische,
„dichtende“ Macht — diejenige, deren inneres Wesen, Forderungen,
Ablehnungen, Hoffnungen usw. in einer Weltanschauung (gleichviel ob
bewußt oder unbewußt) sich offenbart, und die auch den
einhegenden Staat gebiert. Der Staat muß stark und dauerhaft, er
muß unerschütterlich und voraussehend sein, zugleich aber
möglichst einfach, spannkräftig, schmiegsam; nur unter diesen
Bedingungen wird die vielfältige Gesamtheit, die wir „Volk“
heißen, lebens- und zeugungsfähig bleiben: überwuchert
der Staat, so verknöchert das Ganze von innen und „verschalt“ von
außen; schwächt das Volk in törichtem Wahn den Staat,
so verliert es die Fähigkeit, sich nach innen und nach außen
zu schützen und schließlich alle Bewegungsmöglichkeit.
Der Staat ist Macht, das Volk ist Leben: ein jedes fördert das
andere, ein jedes hemmt das andere. Der Widerstreit ist unausbleiblich,
— ein Widerstreit, den man nicht
34
DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG
in seiner Tiefe
erfaßt hat, wenn man glaubt, es handle sich bloß um „jene
Streite von Tyrannei und Sklaverei“, deren Mephistopheles so
überdrüssig war; vielmehr handelt es sich um ganz ein
anderes, und der — politisch betrachtet — freieste Staat kann mehr als
ein anderer tun zur Knebelung der schöpferischen Volkskraft (man
vgl. nur Hasbachs: Die moderne Demokratie); der für das
Aufblühen des Gemeinwesens entscheidende Streit entsteht genau
dort, wo deutsche Weltanschauung es erblickt: an der Grenze zwischen
Staatswirksamkeit und Volkswirksamkeit. Und inmitten dieses
Widerstreites, von beiden Seiten angezogen und abgestoßen, steht
der einzelne, die Persönlichkeit, der Mensch mit seiner
unsterblichen Seele, den Jesus Christus uns gelehrt hat, als zur
Gottessohnschaft berufen aufzufassen.
Schlüsse zu ziehen ist in diesem Zusammenhang nicht mein Amt; ich
tat es nur zögernd dort, wo das Bild sonst undeutlich geblieben
wäre. Ich glaube aber und hoffe, die Grundlinien der allgemeinen
Auffassung des „politischen“ Problems innerhalb der echt deutschen
Weltanschauung deutlich hingestellt zu haben. Ich hoffe auch,
überzeugt zu haben, daß derartige Betrachtungen von
großem praktischen Werte sind: für die Völker ist es
ebenso heilsam fördernd wie für die einzelnen, von Zeit zu
Zeit einzuhalten und in aller inneren Ruhe der Mahnung des alten Weisen
zu folgen: Erkenne dich selbst! Mehr als je bedürfen wir in
unserer hastigen Gegenwart dieser Besinnung — bei welcher wir entdecken
werden, daß schon diese Hast durchaus undeutsch ist, und
daß sie uns deswegen nicht fördert, sondern hemmt. Wir
sollten öfter dessen gedenken, was unser Schiller uns in seiner
wichtigsten staatspolitischen Schrift empfiehlt: „die
schöpferische Ruhe und der große geduldige Sinn“.
(April 1917.)
35
KULTUR UND POLITIK
Man müßte eine
dauernde moralische Macht organisieren,
die nichts anderes
ist, als
eine feste, systematische, zu-
sammenhängende
Administration, in allen
Teilen ge-
macht, die
Stimmung der Nation zu erheben, indem sie
sie
beherrscht. (W i l h e l m v o
n H u m b o l d t)
Schon
im achtzehnten
Jahrhundert schreibt Liscow, der Humorist: „Das Denken greift den
Kopf an, nimmt viel Zeit weg, und nützet doch — wenn man die
Wahrheit sagen soll — nichts.“ Hiermit macht der Schalk als erster, wie
so oft, auf eine Gefahr aufmerksam, an der die dreimal Weisen noch
heute, wo sie inzwischen ins Riesenhafte angewachsen ist, achtlos
vorübergehen. Denn die Denkträgheit, die nach und nach zu
buchstäblicher Denkunfähigkeit führt, ist ein Zeichen
unserer Zeit und, wenn ich richtig sehe, diejenige Klippe, an der
unsere gesamte europäische Zivilisation und Kultur zu scheitern
droht. Wir Menschen sind nun einmal vorwiegend Hirn-Wesen; vom Instinkt
haben wir uns losgesagt; das Urteil muß jetzt dessen Stelle
vertreten. Und wohin soll es mit uns kommen, wenn Urteilslosigkeit
nicht allein zu phantastischen Weltanschauungsfratzen und
ungeheuerlichen Kunstverirrungen führt, sondern uns auch blind
macht für die allgemeinen Gegebenheiten des praktischen Lebens und
für die notwendige Ausgestaltung des uns alle verbindenden,
schirmenden, gestaltenden Gebildes — des Staates? Nur tiefer und klarer
Einblick in die deutlich vorliegenden Verhältnisse — in die
fördernden und in die hindernden — und eiserne Folgerichtigkeit
bei ihrer Lenkung und Beherrschung könnte hier Heil bringen;
statt dessen bauen wir daran, wie an einem babylonischen Turm, im
Parteigewirre leidenschaftlich sich befehdender Begierden, nicht in der
Einmütigkeit einer wahren, erschöpfenden Einsicht. Sobald wir
aber wirkliches Denken fordern, wird uns erwidert, es komme nur auf den
Sinn für das Wirkliche an; diesen gelte es — im Gegensatz zu aller
Theoretisiererei — zu hegen und zu stärken; der Deutsche sei lange
genug Träumer gewesen, er solle jetzt praktisch werden. Schon gut;
dieses Programm unterschreiben auch wir; praktisch ist
36 KULTUR UND POLITIK
es aber im
hervorragendsten Sinne, sich zu überlegen, was es für eine
Bewandtnis mit dem „Wirklichen“ habe, und ob es nicht etwa verschiedene
Stufen des „Praktischen“ gebe, von denen jede der Beachtung wert sei.
Nur derjenige handelt wirklich „praktisch“, der zuerst diese Fragen der
reifen Besinnung vorlegt. Selbst ein so wenig zu Spintisiererei
aufgelegter Mann wie Goethe gelangte auf der Höhe seiner
Geistesreife zur Einsicht, erst „durch mächtige Geister
gewännen unsere Vorstellungen Wirklichkeit“; wir Menschen
erschaffen uns selber die Welt, in der wir leben; wohl bleibt die
Unterlage bestehen — der Hunger und die Liebe, diese machen aber doch
den geringsten Teil unserer Wirklichkeit aus; was sie färbt und
bestimmt, was auf uns als Überzeugung, als Hoffnung, als Antrieb
wirkt,
das alles ist im letzten Grund eine Schöpfung des Menschengeistes.
Wer sich dessen bewußt wird, wer nicht blind dahinstürmt,
sondern sich zu allererst über sich selber besinnt — über
sich und die Mitmenschen —‚ der erst wird ein wahrhaft freier Mensch,
und ihm eröffnen sich bisher verborgene Quellen der Kraft und des
Wachstums. Täte es ein ganzes Volk, täte es das deutsche Volk
— das gewiß
und
trotz allem, was man dagegen anführen kann, mehr Befähigung
dazu als irgendein anderes besäße —‚ entschlösse es
sich heute dazu: es würde in wenigen Jahren dahin gelangen, die
ganze Welt moralisch und intellektuell, dadurch aber auch in jeder
anderen entscheidenden Hinsicht zu beherrschen; denn sein Handeln
wäre fortan richtig, planmäßig, stark, schnell,
zielbewußt und zielerleichternd, mit einem Worte, was man
„wissenschaftlich“ zu nennen pflegt. Denn unter Wissenschaft verstehen
wir heute nicht bloß gelehrte Fachstudien: jede auf Grund genauer
Sachkenntnis zielbewußt geleitete Tätigkeit verdient diese
Bezeichnung: es arbeiten viele daran, Industrie und Handel in
Deutschland „wissenschaftlich“ zu gestalten. Unsere ganze Wissenschaft
der Natur, die auf den Gebieten der Welterforschung und der technischen
Verwendung zu Ergebnissen geführt hat, die alle
Märchenträume übertreffen, kann als d i
e F o l g e r e i n e r
B e s i n n u n g bezeichnet werden: die Besinnung erst
zeigte die Wege; das
übrige folgte von selbst. Wir Menschen sind auch Natur: wollten
wir uns nur über uns selber besinnen, wir würden uns selbst
beherrschen, wie wir heute die Natur beherrschen — nicht mehr, aber
auch nicht weniger; das heißt,
37 KULTUR UND POLITIK
das dunkle
unausforschliche Element bliebe, wie dort, so hier, aber wir
hätten zweierlei gar köstliche Gaben gewonnen: das
bewußt angewandte Verfahren zur Steigerung unseres ganzen
menschlichen Wesens und Wirkens, und — in Verbindung hiermit — ein zwar
nicht vollkommenes, aber immerhin brauchbares Gleichgewicht zwischen
dem Tatendrang des äußeren und der Glückessehnsucht des
inneren Menschen. Es hat keinen Zweck, an dem Grabe unbewußter
Jugendkräfte trauernd zu sitzen; wir treten ins Mannesalter ein
und damit in dessen Pflichtenkreis; in einer Beziehung ist das auf alle
Fälle Rückschritt, in einer anderen kann es — wenn wir wollen
— beglückender Fortschritt sein; will der Mann in der gleichen
Weise weiterleben, wie der Jüngling lebte — verschwenderisch,
unüberlegt, sturmgetrieben —‚ so rennt er notwendig ins Verderben;
dagegen, faßt er sich, so gehört ihm die schönste
Zukunft. Das erkannte vor hundertfünfzig Jahren Immanuel Kant;
„die Freiheit zu retten,“ schwebte ihm als Ziel vor; denn er sah ein,
daß die wahre Freiheit von allen Seiten heute bedroht sei; ja,
daß sie in Todesgefahr schwebe; und er begriff, daß die
Kultur, die mit ihrem Verluste zugrunde ginge, nur durch die „Politik“
gerettet werden könne, und zwar, indem wir mit vollem
Bewußtsein daran gingen, ein Reich zu errichten, „was nicht da
ist, aber durch unser Tun
und Lassen wirklich werden kann“. Da haben wir den besonnenen „Realismus“: das
Wirkliche sollen wir nicht als Gegebenheit hinnehmen, vielmehr
sollen wir uns diejenige Wirklichkeit erschaffen, die uns am
förderlichsten ist, — uns Gesamtheit, innerhalb deren ein jeder
trägt und getragen wird. Im letzten Grunde handelt es sich um die
Bändigung der dumm-tierischen Willenstriebe im Dienste einer nach
wissenschaftlichen Grundsätzen organisierten, bewußt
gestaltenden Staatskunst.
Diese
Gedanken kreisen mir durch den Kopf, da ich wieder einmal Hammachers
anregungsreiches Buch „Hauptfragen der modernen Kultur“ (Teubner, 1914)
aus der Hand lege. Nicht daß ich sie dort gefunden hätte und
den Bonner Philosophen dafür verantwortlich machen wollte;
Hammacher beschränkt sich auf die Besinnung und nennt als sein
Ziel, „den metaphysischen Charakter der modernen Kultur festzustellen“;
doch gerade die hier gebotene, tiefe — um nicht zu sagen abgrundtiefe —
Besinnung ruft als Gegen-
38 KULTUR UND POLITIK
wirkung den
unwiderstehlichen Drang zu entscheidenden Handlungen hervor. Der
philosophische Fachmann gehört als solcher nicht vor das Forum
dieses Blattes; was uns hier interessiert, ist der Blick, den ein in
sozialen Fragen durchaus bewanderter, in Rechtsgelehrsamkeit und
Staatenkunde nicht minder erfahrener, somit unser öffentliches
Leben genau überschauender Denker auf die gesamte soziale Lage der
Gegenwart richtet, ein tief-trauriger, eigentlich hoffnungsloser Blick;
denn er sieht die Zivilisation mit der Gedankenlosigkeit und der
maschinellen Kraft und Unerbittlichkeit eines Riesendampfhammers die
Kultur zerstampfen und vernichten; ergriffen ruft er aus: „Diese
Männer gilt es, aus der Zivilisation zu erlösen und für
die Kultur zu gewinnen!“ Doch daß dies gelingen könnte,
dazu gibt er keine Hoffnung. Man beachte: der Verfasser ist nicht
philosophischer Pessimist; im Gegenteil, er knüpft an Hegels
Gedankenwelt an und besitzt für seinen eigenen metaphysischen
Bedarf den Glauben an einen „ewig werdenden Gott“, so daß ihm um
das Weltall nicht bange ist: uns aber — uns moderne europäische
Menschen mit unserer ganzen gerühmten Wissenschaft und Kultur —
hält er nach nüchterner, eingehender Prüfung aller
Lebenseracheinungen für verloren. Indem unsere rein
verstandesmäßige Geistesrichtung darauf ausgeht, mit Hilfe
der Wissenschaften den Menschen eine neue Umgebungswelt zu erobern,
„schafft sie eine objektive Sachkultur, die dem Individuum als
beherrschende Lebensmacht gegenübertritt“ und infolgedessen „die
Persönlichkeit zertrümmert...“. Um uns herum — zugleich
aber an uns und in uns — wird „ein Kampf auf Leben und Tod zwischen
Masse und Individuum geführt“; in einer Reihe von Kapiteln wird
dieser Kampf verfolgt: im Recht, im Staat, in den Erscheinungen des
Kapitalismus und des Sozialismus, in der Frauenfrage, der
Religionsfrage, den neueren Weltanschauungsversuchen und
Kunstgebilden usw.; überall behält die Masse die Oberhand,
überall unterliegt die schöpferische Gewalt des großen
Einzelmenschen; von Tag zu Tag wächst die Gleichförmigkeit;
„der durch die besonderen modernen Lebensbedingungen erzeugte Triumph
der Mittelmäßigkeit steht bevor“; Gewalt der Majorität
über die Minorität „heißt Gewalt der Ungebildeten
über die Gebildeten“; „wegen der ständigen Zunahme der
objektiven Kultur in ständig verstärktem Spezialistentum ist
eine schließliche Erschöpfung der
39 KULTUR UND POLITIK
geistigen Kraft
unvermeidlich“; „entweder siegt die Masse und tötet allen
Kulturfortschritt, oder das Individuum wehrt sich erfolgreich gegen die
Ansteckung und bleibt vorläufig Herr, wird aber so sehr von dem
Zusammenhang mit dem Volke getrennt, daß ihm die zur Reproduktion
(wohl Schöpferkraft?) erforderlichen Kraftquellen versiegen.....“
usw. Und „hat erst die Masse einen vollständigen Sieg erfochten,
so bleibt uns nur der Untergang“.
Nennt
der Verfasser die Politik „Kunst des Möglichen“, so wollen wir
philosophisch nicht mit ihm rechten; mir scheint aber, dieser
Opportunismus erschöpfe den Begriff nicht, und große Politik
bestehe darin, das Unmögliche möglich zu machen; das ist das
eigentlich „politische“ daran, das weitere ist bloß ein mehr oder
weniger dumpfes oder schlaues Fortschieben der Regierungsmaschine. So
kann z. B. niemand die Geschichte der europäischen
Mittelmächte zwischen 1850 und 1870 nachsinnend überdenken,
ohne die Überzeugung zu gewinnen, daß die Einigung
Deutschlands unmöglich war — ohne die Dazwischenkunft des einen
Politikers Bismarck. Ich streite nicht um Worte und betone nur,
daß wir praktischen Menschen wohl daran tun, von der Politik
das Unmögliche zu fordern, denn nur auf diesem Wege erhalten wir
das Reich, „was nicht da ist, aber wirklich werden kann“. Und gerade
hier erblicke ich das Heil, an dem Hammacher verzweifelt; ich bin tief
überzeugt, daß das Unmögliche möglich ist und
daß aus der Glut der jetzigen Zeit ein neuer deutscher Staat
hervorgehen könnte — zweckmäßiger gegliedert, die
Kräfte wirksamer zur Geltung bringend, zielbewußter nach
außen, kulturfördernd nach innen. Freilich, wie Kant lehrt,
„jede Wirklichkeit entsteht durch Beschränkung“ und ich
beschränke mich streng auf Deutschland; es genügt von
Menschheit, ja, von Europa oder sogar von Mitteleuropa zu sprechen, und
das Ganze hat weder Hand noch Fuß. Und hier kann ich auf
vortreffliche Worte Hammachers verweisen: „Ich behaupte: beim Staat wie
beim einzelnen ist der Egoismus so viel wert wie derjenige, der ihn
hat. Auch die Nation, insonderheit die staatlich organisierte, ist eine
starke Individualität, ein Eigentümliches, das eben deshalb
selbst wertvoll ist, wie nach früherem gerade die
Persönlichkeit die Trägerin des Überindividuellen ist.
Und
wie die Menschheit nur durch die Summe und die Aufeinanderfolge der
Individuen zur Totalität,
40 KULTUR UND POLITIK
zur konkreten Einheit in
die Vielheit gelangt, so gehört zu ihrer Vollendung auch
geschichtliche Bewegung der Nationen und ihrer eigentümlichen
Kulturen. Eben deshalb reicht das Recht soweit wie die Macht: d. h.
indem das Besondere und Unwiederholbare als solches schon von Wert ist,
so besteht seine Legitimation in dem Vermögen, sich durchzusetzen;
daher muß die Nation sich im Kampfe stählen und ihre
Tüchtigkeit beweisen.“
Nicht
habe ich über die dreihundert reichen Seiten dieses gedankenvollen
Buches ein trockenes Referat geben wollen; es liegt mehr daran,
daß es selbst gelesen wird; hier muß die
Persönlichkeit des Denkers in ihrer sehr ausgesprochenen Eigenart
auf den einzelnen wirken. Daß ein so freier, im besten Sinne des
Wortes „moderner“ Mann deutlich den Abgrund erblickte, in den wir
hineinjagen, ist geeignet, jeden ernsten Menschen zur Besinnung zu
rufen. Sehen wir es nicht jetzt mit Augen, um uns herum, in welchen
Pfuhl die Zivilisation des zwanzigsten Jahrhunderts geraten war? Und
darf sich der Deutsche an die Brust schlagen: ich danke dir, Vater,
daß ich nicht ein Sünder wie jene bin? Ich glaube es nicht.
Aber ich glaube an Schätze reiner Kraft in seinem Busen und glaube
an seine Fähigkeit, das neue Reich „wirklich“ zu machen, wenn er
nur den Entschluß faßt, sich zu besinnen, und den weiteren,
zu wollen. (Januar 1923.)
41
„KATHOLISCHE“
UNIVERSITÄTEN
Denn was die Freiheit
langsam schuf,
Es kann nicht schnell
zusammenstürzen,
Nicht auf der
Kriegsposaune Ruf;
Doch hat die List den
Boden untergraben,
So stürzt das alles
Blitz vor Blitz.
Da kann ich meinen
stummen Sitz
In sel'gen
Wüsteneien
haben. (G o e t h e)
Cäsar
und Pompejus!
Wann wäre jemals die wahre Freiheit nur von einer einzigen Seite,
nicht von mehreren zugleich bedroht gewesen? Näher betrachtet,
handelt er sich immer um eine Liga; die gegnerischen Parteien scheinen
auf Tod und Leben gegeneinander zu kämpfen, doch in einem Punkte
wissen sie sich einig, in einer Beziehung spielen sie sich gegenseitig
in die Hände: die Freiheit muß vernichtet werden. Wer von
dem Schlachtfeld bei Pharsalos als Sieger heimkehren wird, das
mögen die Götter entscheiden; doch daß die Freiheit des
römischen Volkes gebrochen wird und für alle Zeiten gebrochen
bleibt, das ist schon vor der Schlacht sicher, das ist jener
freundfeindlichen Liga schon gelungen; jetzt handelt sichs nur noch um
das Hazardspiel zwischen den mit Menschenleibern, Menschenseelen und
Menschenschicksalen würfelnden Mächtigen. Freiheit ist ein so
natürliches Bedürfnis des Geistes, daß man zweifeln
darf, ob Menschen das einmal errungene Gut jemals an einen einzelnen
oder an eine einzelne Macht verlieren könnten; Verwirrung
muß immer vorausgehen, vielseitige Bedrohung, Parteibildung, bis
ein Chaos hereinbricht und die erschreckten Gemüter sich irgend
einem der bereitstehenden „Retter“ in die Arme flüchten, ihm
bedingungslos sich unterwerfen mit dem schmachvollen Bekenntnis:
Die
Fesseln selbst, sie schienen mir Gewinn.
Wir
erblicken es überall. Im republikanischen Rom, wo nach alter
Rechtsverfassung immer ein Mann für Viele stand, mußte sich
die antifreiheitliche Liga in bestimmten Gestalten gleichsam
verkörpern, und nachdem Marius und Sulla vorgearbeitet hatten,
konn-
42
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
ten Cäsar und
Pompejus vollführen. Doch auch wo die sich bekämpfenden
Mächte nicht so plastisch greifbar vor unseren Augen stehen, ist
der Erfolg derselbe. Zwischen Jakobinerklub und Direktorialregierung
geht die Freiheit auf alle Falle verloren. Dieses Beispiel ist nahe und
deutlich; doch sieht man sich weiter um, so findet man in den
Kämpfen zwischen Sekten, zwischen Staat und Kirche, zwischen
Fürsten und Städten, zwischen Königen und Vasallen —
überall dasselbe. Wobei ergänzend zu bemerken ist, daß
gegen Tyrannei meistens nur Tyrannei erfolgreich aufzukommen vermag,
nicht Freiheit. So hat z. B. die Reformation zu einer wesentlichen
Beschränkung des freien Denkens und Forschens geführt. Nicht
bloß versinkt bei dem Anprall zwischen Rom und Anti-Rom die
weitherzige Toleranz der Erasmus und More auf Jahrhunderte, sondern auf
beiden Seiten erwacht ein unduldsamerer Geist als bisher. Die
Sünden Roms sind bekannt; doch dürfen wir nicht
übersehen, daß wahre Duldsamheit keiner Kirche — als Kirche
— zu eigen sein kann, die in jüdischem Boden wurzelt, und
daß die große vorreformatische und jesuitenreine
katholische Kirche ungleich weitherziger war — solange man einzig ihre
Theologie in Ruhe ließ — als die späteren kleineren Kirchen,
— insoferne und solange diese die Macht besaßen, die Wissenschaft
zu hemmen. Der freisinnige amerikanische Naturforscher Draper, eine
gewiß unverdächtige Autorität, zeigt im 22. Kapitel
seines „Intellectual Development of Europe“, wie zögernd und
ungern die Kirche gegen Galilei vorging und das Buch des Kopernikus auf
den Index brachte; um die physikalischen Lehren an und für sich
würde sie sich damals gar nicht gekümmert haben, hätte
Galilei nicht eigensinnig darauf beharrt, die Bibel in die Diskussion
hineinzuziehen und dadurch herabzusetzen. Luther aber hatte inzwischen
Kopernikus „einen Narren“ genannt, und an den protestantischen
Universitäten war dessen Lehre von der Erdbewegung ebenso verboten
wie an den katholischen. Unterdessen schrieb ein katholischer
Geistlicher, Gassendi, voll Begeisterung die Biographie des Kopernikus
und wurde dafür von seiner Kirche ebensowenig molestiert wie
für seine Ehrenrettung Epikurs und Verteidigung des Atomismus.
Bruno lehrte in Paris völlig frei; nur die Weigerung die Messe zu
besuchen, verhinderte seine dauernde Anstellung; in dem reformierten
Helmstädt dagegen wurde er von dem Superin-
43
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
tendenten öffentlich
exkommuniziert. Ähnlich erging es dem Jesuitenzögling
Descartes mit dem berüchtigten holländischen Prediger
Voetius. Ja, die Unduldsamkeit war so umfassend auf reformiertem
Gebiet, daß, während die genannten Katholiken, Gassendi und
Descartes, jeder in seiner Art, gegen Aristoteles und den
Scholastizismus energisch zu Felde zogen und moderne Naturwissenschaft
dadurch begründen halfen, die deutschen protestantischen
Universitäten an Aristoteles, der „gemäß der
Reformation“ einzig Geltung besitze, als ewig unantastbarer
Autorität festhielten, sich sogar dem ausdrücklichen Wunsche
der Fürsten gegenüber weigerten, Nichtaristoteliker
anzustellen, und vielmehr ihre „magistri“ und „baccalaurei“ eidlich
verpflichteten, „ob des Aristoteles Lehre zu halten und so viel an
ihnen dieselbige propagieren“ (Paulsen: Gelehrter Unterricht, 2. A.,
II, 257).
Die
verschiedenen Erinnerungen, die ich in diesem kurzen Absatz
zusammengedrängt habe, sind von Nöten, sobald wir die wieder
akut gewordene Frage der katholischen Universitäten von einem
höheren Standpunkt als dem der widerstreitenden Tagesinteressen
und Tagesmeinungen, und aus einem anderen Winkel als dem der
konfessionellen Voreingenommenheit betrachten wollen. Auf diesem
Standpunkt will ich heute verweilen. Ich bin nicht gerüstet, um
das Gebiet historischer Einzelheiten und statistischer
Detailforschungen zu betreten, und ich bin nicht berechtigt, mich in
die Tagespolitik zu mischen. Außerdem ist es gar nicht
nötig; denn die Frage, ob wir im 20. Jahrhundert konfessionelle
und speziell römisch-katholische Universitäten brauchen, ob
wir sie dulden sollten, ob wir auch nur dem bloßen Gedanken
Daseinsberechtigung zugestehen dürfen, läßt sich mit
voller Bestimmtheit von einem höheren, uninteressierten,
unkonfessionellen Standpunkt aus beantworten, und wohl klarer und
überzeugender, als wenn über einen einzelnen Fall (wie z. B.
über die vorgeschlagene römische Universität in
Salzburg) mit Leidenschaftlichkeit für und wider gestritten wird.
An
Aufrichtigkeit hat es die römische Kirche in den letzten
fünfzig Jahren nicht fehlen lassen; sie hat uns genau gesagt,
worauf sie hinaus will. „Nicht bloß sollen uns unsere Gegner
nicht belächeln, vielmehr sollen sie uns fürchten lernen“ —
ut non solum non irrideant nos inimici nostri, sed timeant potius —‚ so
sprach der Papst am 18. Juli
44
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
1870, es waren seine
ersten Worte unmittelbar nach der Annahme des Unfehlbarkeitsdogmas;
diese Kriegserklärung war eine ebenso deutliche wie die, welche
Frankreich an demselben Tage beschloß. Ich wünschte, diese
Worte — non irrideant sed timeant — blieben in allen Ohrmuscheln meiner
Zeitgenossen als ein beständig schwingendes Warnungssignal
haften. Wer nur einen schwachen Dunst von geschichtlichen Kenntnissen
besitzt, den muß es von Kopf zu Fuß durchschauern bei dem
Gedanken, der Pontifex Maximus Romanus könnte dereinst wieder
einmal die Macht besitzen, uns Furcht einzuflößen. Nicht
etwa als wäre die römische Kirche schlimmer als andere; gegen
diese Unterschiebung schützen mich die einleitenden Bemerkungen;
„in vielen Pastoren steckt ein kleiner Papst“, schreibt der jetzige
deutsche Reichskanzler 1874 an Fürst Bismarck (siehe Anhang II der
Ged. u. Erinn., S. 461), und ich habe selber einen calvinistischen
Geistlichen gekannt, der offen erklärte, er würde die
Scheiterhaufen lieber heute als morgen anzünden. Diese kleinen
Päpste sind aber isoliert und machtlos, wogegen der große
Papst an der Spitze einer der gewaltigsten und bedrohlichsten — weil
völlig aus der Gesellschaft losgelösten — Organisationen der
Welt steht. Und wem erklärt er den Krieg und verspricht er „das
Fürchten zu lehren“? Auch hier ist die Antwort deutlich:
„Verflucht sei, wer behauptet, der römische Pontifex könne
und solle sich mit der Kultur der Gegenwart aussöhnen und
vertragen!“ In diesen Worten steckt unendlich viel; sie verdienten
Bände. Greifen wir gleich tief hinein, dorthin, wo die
verborgensten Gedanken ruhen. Einer der bekanntesten Kommentatoren des
Syllabus, Kardinal Hergenröther, holte einige zwanzig Jahre nach
dieser Kundgebung in einem grundlegenden wissenschaftlichen Werke die
Worte hervor: „Haeretici possunt non solum excommunicari, sed et juste
occidi“ (Ketzer dürfen nicht allein exkommuniziert, sondern dem
Rechte nach auch getötet werden), und bekannte, das sei „die
kirchliche Lehre“ (Konziliengesch. IX, 137). Dem heiligen Thomas von
Aquin sind ja diese Worte entnommen, und gerade er ist in den letzten
Jahren durch allbekannte päpstliche Entscheidungen, mit
Ausschluß der anderen großen Philosophen, die die Kirche
hervorgebracht hat, zum einzigen Lehrer ernannt worden. ¹) Jene
Worte
—————
¹) Da man an den bekannten
Bullen herumzudeuteln
versucht, so sei an eine weniger bekannte Kundgebung erinnert. In einem
„Apostolischen Brief“ an den
45
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
drücken also das
eigentliche Kirchenrecht aus, jenes Recht, welches die ruchlose
„moderne Kultur“ nicht anerkennt; und derselbe Prälat belehrt uns
an anderer Stelle (Antijanus, S. 21): „Die Kirche verzichtet nicht
prinzipiell auf Rechte, die sie einst geübt hat und deren
Ausübung in verhältnismäßig entsprechender Weise
unter Umständen wieder notwendig werden könnte“. Die
Versicherung der „verhältnismäßig entsprechenden Weise“
gewährt geringe Beruhigung; denn schließlich, das Haeretici
possunt juste occidi bleibt bestehen, und ob wir Ketzer einzeln auf dem
Scheiterhaufen oder en masse durch Elektroktonie enden, wir sind
gewarnt, was uns gegenüber „wieder notwendig werden könnte“,
sobald die erforderliche materielle Macht vorhanden wäre, um — wie
der Papst am selben Orte sich ausdrückte — proeliari proelia
Domini, die Schlachten des Herrn zu schlagen. Man glaube nur ja nicht,
daß, indem ich bis auf den tiefsten Grund greife und — des
verfügbaren Raumes halber — die näherliegenden und insofern
auch plausibleren Bedrohungen übergehe, ich irgendwie
übertreibe. Der Absatz 24 des Syllabus sagt ja ausdrücklich:
„Verflucht sei, wer behauptet, die Kirche habe nicht das Recht, Gewalt
anzuwenden“ (ecclesia vis inferendae potestatem non habet). Und da nun
verschiedene Paragraphen des Syllabus und anderer Verlautbarungen der
letzten Jahre sowohl das Existenzrecht anderer christlicher
Konfessionen, wie auch jegliches Recht der Staaten, der Kirche
gegenüber, leugnen ¹), so wissen wir genau, wohin das
politische
Ideal Roms strebt; es ist dasselbe Ideal heute wie vor jahrhunderten.
Der Wiener, der an dem Reiterstandbild Joseph II. einen Augenblick
stillesteht, wird auf einer der Ecksäulen zwei Hände sehen,
die aus Wolken sich einander entgegenstrecken und erfassen; darunter
steht: Concordia
—————
Jesuitenorden vom
30.
Dezember 1892 gebietet der Papst, „in keinen Dingen von irgend welchem
Belange von Aristoteles abzuweichen“; dies, wie Leo XIII. selber
vorausschickt, im Interesse der Philosophie des Thomas von Aquin, „von
welcher abzuweichen verboten ist“. Dieses sein Gebot bezeichnet der
Pontifex im selben Schreiben
als eine
„perpetua lex de doctrinarum delectu“.
¹)
Die Frage, ob der Papst das früher von
ihm beanspruchte und nicht selten ausgeübte „Recht“
noch heute besitze, Fürsten abzusetzen und Völker ihrer
Treuepflicht zu entbinden, ist strittig; doch hat Pius IX. wohl das
Richtige getroffen, indem er kurzweg von einem „diritto“ spricht, und
nur einschränkend hinzufügt, dieses Recht könne einzig
„in secoli di fede“ zur Anwendung kommen. Mit Hilfe des „Rechtes der
Gewalt“ könnten ja die „secoli di fede“ bald wieder da sein.
46
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
religionum. Diese
Vorstellung ist nach §§ 77 und 78 des Syllabus dem
„anathema sit!“
verfallen; es sollte vielmehr eine einzige Hand, bewaffnet mit dem
Doppelschwert der Kirche (als geistliche und weltliche Macht)
abgebildet sein und darunter: „convenit, religionem catholicam haberi
tanquam unicam status religionem, caeteris quibuscumque cultibus
exclusis“, (es ist angezeigt, die katholische Religion als die einzige
Religion des Staates anzuerkennen, mit Ausschluß sämtlicher
anderer Bekenntnisse). Und wie wird es nun in diesem kirchlichen
Allstaat, in diesem neuerstandenen römischen Weltreich mit der
Wissenschaft aussehen? Das ist ja hier und heute die Hauptfrage, und
ich mußte nur bei den anderen Betrachtungen einen Augenblick
verweilen, damit deutlich werde, welche Sanktionen die Kirche in
Anwendung zu bringen gedenkt, um sich Gehorsam zu verschaffen.
Auch
auf diese Frage, die Freiheit der Wissenschaft betreffend, erhalten wir
deutliche Antwort. Denn in genauem Gegensatz zu jenem vielzitierten
Verfassungsparagraphen: „ die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei“,
belegt die vom vatikanischen Konzil am 24. April 1870 gutgeheissene
Constitutio dogmatica de Fide Catholica, in dem Abschnitt 4 der
Canones, § 2, die Behauptung „die Wissenschaft ist frei“
(disciplinas humanas cum libertate tractandas esse) mit dem Bannfluch.
Das liesse an Verständlichkeit nichts zu wünschen übrig.
Nun kommt aber ein Zusatz, der zu allerhand Sophistikationen die
Türe öffnet. Frei sei nämlich die Wissenschaft, „solange
sie nicht Behauptungen für wahr ausgibt, die der geoffenbarten
Lehre widersprechen“ (assertiones tanquam verae retineri, etsi
doctrinae revelatae adversentur). Die geoffenbarte Lehre! Wenn darunter
nur das Wesen der Dreieinigkeit, die unbefleckte Empfängnis und
sonstige Glaubensmysterien zu verstehen wären, so könnte man
in der Tat behaupten, das alles ginge die Wissenschaft gar nichts an
und sie bliebe darum in der Praxis unbeengt. So faßt es auch
jener sympatische Gelehrte, Freiherr von Hertling auf, der die
Behauptung verficht: „auf die Welt des (römisch-katholischen)
Glaubens braucht nicht zu verzichten, w e r d e
r v e r s t a n d e s m ä ß i g e n
E r k e n n t n i s u n d W i s s e n s c h a f
t a u f i h r e m e i g e n e
n G e b i e t e i h r v o l l e
s R e c h t
z u w a h r e n e n t s c h l o s s e
n i s t“ (Prinzip des Katholizismus, 2. A., S. 16).
Das mag k a t h o l i s c h gedacht sein, ja, ohne
Frage, die Jahrhunderte
belehren uns, das ist es; doch römisch ist es nicht. Wie wäre
die
47
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
„verstandesmäßige
Erkenntnis“ frei, wenn der Papst das Recht hat, mir jede
erkenntniskritische Untersuchung zu verbieten, also jede Untersuchung
des aller Wissenschaft zu Grunde liegenden Menschengeistes? wenn er mir
als eine „lex perpetua“ gebieten darf, nie einen Schritt von
Aristoteles und Thomas von Aquin abzuweichen? Und diese
Beschränkung der freien Forschung reicht in Wahrheit viel weiter.
Ich zitierte oben den zweiten Absatz des Canons De Fide et Ratione; der
dritte bringt eine sehr beachtenswerte Ergänzung. Er lautet
ungekürzt: Si quis dixerit, fieri posse, ut dogmatibus ab Ecclesia
propositis aliquando secundum progressum scientiae sensus tribuendus
sit alius ab eo, quem intellexit et intelligit Ecclesia; anathema sit.
Das heißt (in einer erzbischöflich approbierten
Verdeutschung): „Wenn Jemand sagt, es könne geschehen, daß
den von der Kirche aufgestellten Glaubenssätzen mit der
Zeit, ¹) zufolge des Fortschrittes in der
Wissenschaft, e i n a n d e r e r
S i n n z u u n t e r l e g e n s e
i, a l s d e r i s t, w e l c h e
n d i e K i r c h e e r k a n n
t h a t
und erkennt: der sei ausgeschlossen.“ Das hört sich harmlos genug
an; doch, wie Goethe sagt: „unsterblich ist die Pfaffenlist“, und mit
diesem einen Satz rafft die römische Zentralgewalt die gesamte
Naturwissenschaft, Philosophie und Geschichte in ihre
Kompetenzsphäre. Denn zu den „Glaubenssatzen“ der Kirche
gehört in erster Reihe der Glaube an die göttliche
Offenbarung jeder Zeile des alten Testaments (siehe § 4 des
Abschnittes II derselben Canones); sie umfassen somit die kosmische
Weltordnung (Astronomie, Molekularphysik), die Schöpfung der Erde
(Geophysik, Geologie und Chemie), den Werdegang des Lebens (Biologie im
weitesten Sinne), die historischen Hauptgeschehnisse (Geschichte und
Anthropologie). Der berühmte russische Rumpfmensch Kobelkoff, der
weder Arme noch Beine besitzt, hat gerade Finger genug, um die
wissenschaftlichen Gebiete aufzuzählen, die da noch „frei“
bleiben. Denn sobald ich in keinem mir heiligen Glaubenssatz die
allegorische oder symbolische Verkündigung eines unfaßbaren
Mysteriums erblicken, sobald ich vielmehr den Glaubenssätzen
keinen anderen Sinn beilegen darf als denjenigen, den die Kirche irgend
einmal erkannt hat (intellexit), so werde ich mich ja nur zitternd bei
dem kühnen Neuerer Thomas
—————
¹) Ich würde statt „mit der Zeit“ j e m a l s
gelesen haben.
48
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
von Aquin aufhalten und
werde mindestens ins fünfte Jahrhundert zurückeilen, wo
Augustinus zeigt, die Annahme einer runden Erde mit Antipoden sei nicht
allein vernunftwidrig, sondern — was ausschlaggebend ist — schrift- und
gottwidrig. Dieser Absatz (sowie mehrere andere kanonische
Bestimmungen, die hier vorzulegen zu weit führen würde) ist
ganz speziell g e g e n jeden Versuch idealistischer
und — wenn ich so
sagen darf — mythologisierender Deutung gerichtet. Und darum kann auch
die naturwissenschaftliche Forschung unter der Herrschaft dieser Kirche
niemals frei sein. Nehmen wir als Beispiel die Entwicklungs- und
Transmutationshypothese. Ich gehöre zu den drei oder vier lebenden
Menschen, die, ohne alte Waschweiber zu sein, nicht daran glauben; ich
spreche also ohne Voreingenommenheit. Hertling tritt nun in der
genannten Broschüre für die Evolution ein; er meint (S. 67):
„der gläubige Forscher kann sich ohne Gefahr dieser Richtung
anschließen; er verzichtet damit in keiner Weise auf die
Anerkennung einer schöpferischen Weltursache und gibt auch von dem
mosaischen Schöpfungsberichte höchstens Form und Einkleidung
preis, sicherlich nicht Wesen und Gehalt.“ Nicht allein gibt sich nun
Hertling eine arge Blöße, indem er auf der folgenden Seite
den Menschen von der Evolution ausnimmt, weil das Gegenteil „mit dem
Wortlaut des biblischen Textes und dem Inhalt der christlichen Lehre
unvereinbar“ sei — was wäre eine Wissenschaft, die überall
vor dem Menschen Halt machte! —, ¹) sondern seine Aufforderung,
ruhig „Form
und Einkleidung“ des mosaischen Schöpfungsberichtes preiszugeben,
ist eine so gräßliche Häresie, daß sie nach dem
Scheiterhaufen förmlich schreit. Gerade dieses vermaledeite
„Unterlegen eines anderen Sinnes“ — von dem selbst ein Augustinus nicht
ganz freizusprechen ist, und das seit Abälard viele große
und bewundernswerte Kirchendoktoren so meisterhaft betrieben hatten —‚
gerade
—————
¹) Weshalb Hertling diesen Vorbehalt machen
muß, trotzdem an und für sich gar nicht einzusehen ist,
warum nicht auch hier „Form und Einkleidung preiszugeben“ seien und
warum ein göttlicher Schöpfer den Menschen nicht auch durch
Evolution hätte hervorgehen lassen können, wenn es ihm so
gefallen hätte, weiß ich genau. Der Papst hat nämlich
in seinem Sendschreiben „De vita christiana“ vom Weihnachtstage 1888
verboten zu lehren: „hominum et pecudum easdem esse origines
similiemque naturam“ (die Menschen und das Getier stammen aus
gleichen Ursprüngen und sind sich dem Wesen nach ähnlich).
49
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
das soll fortan
aufhören. Wozu wurde denn die Constitutio dogmatica de Fide
Catholica verfaßt? Anathema sit! Haben denn die Herren die Glocke
noch nicht 1870 schlagen hören? Wäre ich
Großinquisitor, der Münchener Philosophieprofessor sollte
nicht lange auf die Verwandlung in Asche zu warten haben. Schon Franz
Xaver Kraus — dessen allzufrühen Heimgang heute die Männer
aller Nationen und Meinungen betrauern — hat in seiner Kritik der
Hertling'schen Schrift (Deutsche Literaturztg. 1900, Nr. 1) auf die
Unzulässigkeit jener Auffassung hingewiesen und Namen von
Ordensgeistlichen genannt, die wegen evolutionistischer Ansichten von
Rom aus zurechtgewiesen wurden. Inzwischen erfolgte die feierliche
Exkommunikation des englischen Naturforschers St. George Mivart. Und im
vorigen Sommer ward ein alter verehrter Freund von mir, ein
gläubiger Priester von tadellosem Lebensgang und hohen Verdiensten
um die Erziehung, wegen der Ansichten, die Hertling hier so leichten
Herzens als „ohne Gefahr“ bezeichnet, gemaßregelt, und zwar
trotzdem er seine darwinistischen, die „Einkleidung“ der
mosaischen Schöpfungsgeschichte bildlich deutenden Ansichten nur
privatim, nicht in der Schule und nicht vor der weiteren
Öffentlichkeit geäußert hatte, und trotzdem er so
streng orthodox gläubig ist, daß die Kirche ihn zwar seines
Amtes entheben, sonst aber keine geringste Handhabe finden konnte zu
irgendeiner Strafe. Jetzt sitzt er auf der Straße, hat nichts zu
essen, hat aber dafür Muße, über „das Prinzip des
Katholizismus und die Wissenschaft“ nachzudenken. Und wir können
ruhig, gestützt auf Tatsachen, weitergehen und (dem Beispiele der
Civiltà cattolica folgend) behaupten, die Verurteilung Galileis
bestehe noch heute zu Recht; das führt in dem soeben genannten
Aufsatz Franz Xaver Kraus aus — dessen Autorität niemand in Frage
ziehen wird, da er Priester und Professor der Kirchengeschichte an
einer Fakultät für katholische Theologie war. Es ist
nämlich nicht wahr, daß diese Verurteilung von
„untergeordneten Behörden“ als ein „Mißgriff“ geschah,
sondern der Papst selber hat sie genehmigt, und wenn auch seit etwa 80
Jahren die Bücher, in denen die Bewegung der Erde gelehrt wird,
nicht mehr verboten sind, so wurde doch die Verurteilung der
Kopernikanischen Lehre niemals zurückgenommen, und somit besteht
jene Entscheidung noch heute, nach welcher sie nicht allein ein error
(Irrtum), sondern auch
50
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
eine haeresis (Ketzerei)
ist. ¹) Hier wieder gilt jener Kanon, nach welchem man nicht
„zufolge
des Fortschrittes in der Wissenschaft“ sich vermessen darf, „einen
anderen Sinn unterzulegen, als der ist, welchen die Kirche
e r k a n n t
h a t“. Das ist auch vollkommen logisch, denn derartige neue
Anschauungen
können leicht, wenn sie auch nicht selber ins dogmatische Gebiet
hineinreichen, doch den Zusammenhang der Glaubenslehre und den von der
Kirche angenommenen Sinn derselben gefährden. Hierüber hat
sich Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika vom 10. Januar 1890 mit voller
Deutlichkeit ausgesprochen. Er sagt daselbst; „nemo arbitretur,
sacrorum Pastorum maximeque Romani Pontificis auctoritati parendum in
eo dumtaxat esse, quod ad dogmata pertinet“ (niemand bilde sich ein, es
sei genügend, wenn er sich der Autorität der heiligen Hirten
und des römischen Pontifex unterwerfe, nur insofern die Dogmen in
Betracht kommen)! Auch genüge es nicht, führt der Papst
weiter aus, wenn man auch sonst alles „sincere et firmiter“ annehme,
was nicht streng zum Dogma, doch zur Offenbarung und zum katholischen
Glauben gehöre. Vielmehr sei es Pflicht der Christen, sich in
einem weiteren Sinne „potestate ductuque Episcoporum imprimisque Sedis
Apostolicae regi se gubernarique patiantur“ (von der Macht und der
Autorität der Bischöfe, insbesondere des apostolischen
Stuhles leiten und weisen zu lassen). Woraus nun gefolgert wird,
daß es im umfassendsten Verstande dem Papste zustehen müsse,
„pro auctoritafe“ (autoritativ) zu entscheiden, welche Ansichten und
Lehren mit der Offenbarung in Übereinstimmung gebracht werden
können und welche nicht, „quae cum eis doctrinae concordent, quae
discrepent“. Hierdurch ist ohne jede Zweideutigkeit das gesamte Gebiet
der Naturwissenschaft dem Papste unterworfen, der morgen entscheiden
kann, wie er es für die Evolutionshypothese schon getan hat,
daß die Ätherhypothese mit der Offenbarung „discrepat“. Das
liegt nicht einmal so fern. Denn nach den neuesten Annahmen der
Helmholtz
und Kelvin
wären die Atome nur Wirbelringe im
Äther, die sogenannten „festen Körper“ also nur eine durch
Bewegungsenergie hervorgerufene Täuschung; durch diese Annahme
erfährt aber unsere ganze Auffassung der Natur, somit auch der
Schöpfungsgeschichte, des Lebens nach dem Tode usw. eine
tiefgreifende Umwälzung, und es läßt sich wohl nicht
—————
¹) Man sehe die Abschwörungsformel
Galilei's.
51
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
vermeiden, daß man.
„den von der Kirche aufgestellten Glaubenssätzen“ einen „anderen
Sinn unterlege, als der ist, welchen die Kirche erkannt hat und
erkennt“. Doch schon für die Kopernikanische Welttheorie liegt die
Sache auf der Hand. Denn kann auch die geozentrische Lage der Erde
nicht gerade zu den „Glaubenssätzen“ im eigentlichen Sinne des
Wortes gezählt werden, so müssen es doch die Hölle
„unten“ (descendit ad inferos) und der Himmel „oben“ (ascendit ad
coelos); und da Thomas von Aquin lehrt ¹): am Ende der Welt werden
zwar
die Himmel aufhören, sich um die Erde herumzudrehen (motus coeli
cessabit), doch die Materie (universum corporeum) wird fortbestehen,
die Seelen der Seligen werden mit deren Leibern auferstehen (anima
omnino idem corpus resumit) und die Körper der Verdammten im
buchstäblichen Sinne (secundum litteram intelligenda) ewig im
Feuer schmachten, — so ist in der Tat nicht einzusehen, wie die also
gefaßten und einzig gültigen Vorstellungen (welche
unwandelbare, unfehlbare Glaubenssätze sind), mit der neuen
Vorstellung des Universums sich vereinbaren lassen. Wäre dem
Idealismus, dem Mystizismus, dem Symbolismus ein Schlupfloch gelassen,
dann ginge es; das ist aber, wie wir gesehen haben, nicht der Fall. Und
so zweifle ich denn keinen Augenblick, daß wenn erst das
Haeretici possunt juste occidi hinreichend zur Anwendung gekommen sein
wird und auf dem also gereinigten Boden genügend zahlreiche
„katholische Universitäten“ ihre Tätigkeit werden entfaltet
haben, auch die Erde sehr bald sich besinnen und stillstehen wird. Nemo
arbitretur....!
Das
ist der Weg, den Rom unserer Wissenschaft weisen würde. Nun habe
ich aber oben gelegentlich zwischen „römisch“ und „katholisch“
unterschieden, und in der Tat, wenn auch die öffentlichen
Fürsprecher Roms sie heute nicht zugeben würden, diese
Unterscheidung bildet dennoch die große, mittlere Tatsache des
Katholizismus, ohne deren Berücksichtigung kein vernünftiges
Urteil in irgend einer hierhergehörigen Frage gewonnen werden
kann. An keine Religion der Welt wird in Wirklichkeit so wenig
geglaubt, wie an die von Rom gelehrte. Je strammer die dogmatische
Forderung gespannt wurde, umso schlaffer wurde die echte, herzensinnige
„fides“. Und indem diese Kirche der Logik ihrer Entwicklung in rasendem
Schnellgang
—————
¹) Compendium theologiae cap. 93, 171, 177, 180.
52
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
folgte — denn keine
christliche Kirche hat in den letzten vierhundert Jahren eine solche
Umgestaltung erfahren und ist sich selber so wenig ähnlich
geblieben —‚ ist ihre Geistlichkeit immer ferner und ferner von dem
Gedanken- und Gemütskreise der Laienwelt geraten. Ich darf wohl
behaupten, ich spreche aus reicher und lebendiger Erfahrung, denn von
Kindheit auf habe ich fast mein ganzes Leben in vorwiegend katholischen
Ländern gelebt. Schon als achtjähriger Bube war ich der
einzige Protestant unter sechzig Klassenkameraden. Nie werde ich mein
kindliches Entsetzen vergessen, als ich zum ersten Male diese Knaben
ihre Gebete herunterhaspeln hörte und als ich ihre völlige
Respektlosigkeit in Bezug auf alle religiösen Dinge kennen lernte.
Ich selber gehörte einer antibigotten, recht wenig orthodoxen
Familie an, doch wie rein und innig war der schlichte Glaube an Gott
und an seinen eingeborenen Sohn, der für uns alle in den Tod ging!
wie vertraut war uns schon in jüngsten Jahren die Stimme des
Heilands! wie gern lernten wir im Evangelium das Buchstabieren! wie
gegenwärtig war uns vom Aufwachen bis zum Niederlegen die
Nähe des Göttlichen und Guten! Solch eine einfache
protestantische Familienerziehung ist wohl eine wunderbare Schule des
Glaubens — des Glaubens in seinem weitesten und zugleich
eindringlichsten Sinne. Uns ward von Klein auf gelehrt: ihr sollt jeden
Glauben achten, Gott steht über allen; dies pflanzte uns die
Verehrung für den Glauben überhaupt ein. Und
gerade d i e s e
G e b ä r d e d e s G l a u b e n s
(wenn ich so sagen darf) war es, was meinen
kleinen Kameraden fehlte. Zwar gab es Augenblicke, wo sie mich als
„Ketzer“ schmähten und prügelten, doch geschah das nur, weil
ihnen von Klein auf eingeschärft worden war, der Nichtkatholik sei
ein boshaftes, teuflisches Wesen; es war Aberglaube, nicht etwa
gläubiger Fanatismus; vom Aberglauben hatten sie überhaupt
eine ziemliche Portion, noch viel mehr Indifferenz aber, und so gut wie
gar keinen wahrhaften Glauben. Wäre hier Ort und Zeit, ich wollte
zeigen, daß Aberglaube und Glaube in umgekehrtem Verhältnis
zueinander stehen, und daß, je mehr Dinge „konkret“ geglaubt
werden (das gerade ist Aberglaube), umsoweniger der Glaube als
Gemütsverfassung Platz greifen könne. „Der Glaube ist nicht
ein fauler, loser Gedanke, sondern eine lebendige, ernstliche
Zuversicht des Herzens“, schreibt Luther. Und diese lebendige, ernste
Zuversicht ist es, die einem als charakteristisch für eine
53
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
ganze Bevölkerung
auffällt, sobald man eine Grenze überschreitet und aus einem
katholischen in ein protestantisches Land tritt. Ob diese Protestanten
kirchlich fromm sind oder nicht und ob sie einer oder dreißig
Sekten angehören, ist völlig gleichgültig: eine
bestimmte moralische Anlage ist in ihnen entwickelt, und darauf kommt
es an. Wogegen wenn ich selbst einen so milden Mann wie Leo XIII. immer
wieder versichern höre, wer nicht zur römischen Kirche
gehöre, der sei des Teufels, ich nicht den Eindruck der
felsenfesten Überzeugung, sondern im Gegenteil der inneren
Unsicherheit daraus gewinne. ¹) Höchst bemerkenswert ist
Bismarcks
Zeugnis über Windthorst, den vorsitzenden Rat eines katholischen
Konsistoriums, den vieljährigen Führer der Zentrumspartei:
„politisch latitudinarian, religiös ungläubig“ (Ged. II,
310).
Ich habe Katholiken aus allen Gesellschaftskreisen bis hinunter zu
Bauern und Bootsleuten intim gekannt, bin mit ihnen aufgewachsen, habe
ihre Entwicklung verfolgt, habe bei einzelnen ihre Phasen der
religiösen Schwärmerei, der Gewissenskämpfe, der
Abwendung, der reuigen Rückkehr in den Schoß der Kirche
miterlebt, bei noch viel Zahlreicheren die völlige
Gleichgiltigkeit in allen Lebensaltern, — und ich vermute fast, der
norddeutsche Protestant hätte von seinem Standpunkt aus über
Alle geurteilt: religiös ungläubig. Selbst die Priester, die
ich gut gekannt habe, fand ich viel mehr beschäftigt, im
Blutschweiße eines unablässigen Ringens den ungeheuren
Forderungen an Vernunft und Herzenswillen Genüge zu tun und gegen
sich selber anzukämpfen, als im ruhigen Besitze der „lebendigen
Zuversicht“. Das aber gerade ist eine der unerschöpflichsten
Quellen der römischen Macht, daß sie, die so viel vom
Glauben zu fordern scheint, sich in Wirklichkeit in dieser Beziehung
mit einem Mindestmaß zufrieden gibt. Bei ihr genügt es,
wenn man zur Kirche gehört; wem es beschwerlich fällt, mehr
zu glauben, kann es dabei bewenden lassen. Der Katechismus nach dem
Beschluß des Tridentinischen Konzils sagt ausdrücklich (pars
I., cap. 10), die Pfarrer sollen
—————
¹) Schon der Katechismus für die Pfarrer nach
den Beschlüssen des Tridentinischen Konzils versichert: haec una
ecclesia errare non potest; wogegen: ceteras omnes diaboli spiritu
ducantur. Und Papst Leo XIII. teilt in seiner Enzyklika vom 20. April 1884 das
humanum genus in zwei „diversas adversasque partes“ ein: die eine ist
die römische Kirche, das Reich Gottes auf Erden, die andere ist
das Reich des Teufels, „alterum Satanae est regnum“.
54
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
das „credo sanctam
ecclesiam catholicam“ von allen Glaubensartikeln am häufigsten
einprägen (omnium frequentissime inculcandus est); es ist, wie man
sieht, wichtiger, daß man an die Kirche als an Gott und an
Christus glaube; denn sobald Einer nur in der Kirche verbleibe und
„ihre Autorität nicht in Frage ziehe“, so könne er „in
Glaubensdingen irren und sei darum doch nicht als Ketzer zu betrachten“
(non enim, ut quisque primum in fide peccarit, haeriticus dicendus
est). Und so kann sich denn gerade innerhalb dieser Kirche der
breiteste, alle göttlichen und menschlichen Dinge umfassende
Skeptizismus behäbig entfalten, ohne darum mit der Kirche in
Konflikt zu kommen, und ein Windthorst kann ganz gut „religiös
ungläubig“ sein und zugleich ein unermüdlicher Kämpfer
für die Kirche.
Man
mißverstehe mich nicht; nichts liegt mir ferner, als zu
insinuieren, die Katholiken hingen nicht mit Treue und Liebe an ihrer
Kirche. Im Gegenteil, keine Kirche der Welt versteht es so wie diese,
an sich zu fesseln. Sie ist die große Kennerin des
Menschenherzens, die unendlich liebreiche Pflegerin der an Leib und
Seele Erkrankten, die unvergleichliche Trostesspenderin; wie eine
Mutter wiegt sie uns arme, einsame Menschenkinder in ihren Armen,
stützt den wankenden Willen zum Guten, richtet den Sünder
auf, hebt uns in ihren Mysterien über uns selber hinaus.
Während wir Protestanten aber — die wir mit Luther bekennen: „des
Glaubens Materia ist der Wille“ — in prometheischer Kühnheit
hinanstürmen, um selber das ewige Licht der Gotteserkenntnis vom
Himmel uns zu holen, wobei gar häufig uns die Kräfte ausgehen
und wir, wie Ikarus, zu Boden fallen, ist diese Kraftanstrengung beim
Katholiken weder erfordert, noch überhaupt gestattet. Daher eine
völlig andere Gemütsrichtung, die — im paradoxen Gegensatz zu
den Lehren der Päpste und Konzilien — sich als große
Toleranz, Weitherzigkeit, Indifferenz kundgibt. Der Protestant, sobald
er orthodox kirchlich ist, ist von einer harten Unduldsamkeit; denn er
knüpft direkt bei den engherzigen rachsüchtigen Juden an, und
nimmt täglich aus dieser hohen Schule der erstarrten
Rechtgläubigkeit und grundsätzlichen Intoleranz die Lehren
auf, die ihn dem Menschen und der Natur entfremden. Der Katholik kennt
die Bibel nicht; und verliert er dadurch auch die Gestalt Christi aus
den Augen und seine göttliche Stimme aus dem Gehör, so saugt
er dafür das semitische Gift nicht ein. Dadurch wird er der Natur
nicht
55
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
entfremdet, während
er durch die vielen altmythologischen Bestandteile seines
Kirchenglaubens in mancher Beziehung unserem angestammten arischen
Religionsleben näher bleibt.
Und
weil dem allen so ist, müssen wir, wie gesagt, in der Praxis
scharf zwischen der von Rom aus verkündeten Kirchenlehre und den
Katholiken, wie sie in Wirklichkeit sind, unterscheiden. Es ist eine
empörende Unwahrheit, wenn man den katholischen Männern
weniger Freiheit in der Forschung, dem Urteil und der Sprache
zuschreibt als uns Nichtkatholiken. Manche unter ihnen mögen
Scheuklappen tragen; unter uns tun es nicht wenige. Wer, frage ich,
vermag auf einer deutschen Naturforscher- und Ärzteversammlung die
Katholiken von den Protestanten zu unterscheiden? Wer wagt die
Behauptung, daß die katholischen Laien in ihren Forschungen
weniger frei, weniger kühn, weniger erfolgreich seien? Man schaue
doch auf die letzten vier Jahrhunderte zurück und heute um uns
umher. Ist nicht Descartes der wahre Begründer der modernen
wissenschaftlichen Weltanschauung? Freilich wissen es manche nicht,
aber er ist es doch. Ein Jesuitenschüler! Ein Mann, der es
peinlich vermied, der Kirche untreu zu werden. Allerdings, als er
seinen „Le Monde“ herausgeben wollte, erfuhr er von Galileis
Verurteilung und schrak zurück; die Phrasenmacher haben viel
über diesen Mangel an Charakterstärke gejammert; ein
Experimentator und ein Waffenschmied neuer Gedanken hat Besseres zu
tun, als sich verbrennen zu lassen. „Pour rien au monde je ne voudrais
qu'il sortît de moi un discours où il se trouvât le
moindre mot qui fût désapprouvé de
l'église,“ schreibt er am 22. Juli 1633 an Mersenne. Was tut er?
Er läßt die Erde stillstehen; schreibt an denselben Freund,
Januar 1634, er hoffe doch, daß die Bewegung der Erde mit der
Zeit das Schicksal der früher verurteilten Antipoden teilen werde;
stellt aber einstweilen seine Hypothese des Kosmos als ein Bild davon
auf, wie es der Allmächtige hätte machen können, wenn es
ihm gefallen hätte! Allen Feinschmeckern — Leuten, heißt
das, deren Nerven nicht erst beim Gestank des verbrennenden Fleisches
in Bewegung geraten — empfehle ich den § 45 des dritten Teiles der
Principia, wo Descartes ruhig sagt: „jetzt werde ich die Sachen lehren, von denen ich —
da die christliche Religion mich anders zu glauben nötigt —
überzeugt bin, daß sie falsch sind, die es aber
56
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
im Interesse einer
wissenschaftlichen Naturerkenntnis geboten ist, sich in dieser Weise
vorzustellen“; folgt die Verwerfung der ganzen
Schöpfungsgeschichte des Moses, mit der plötzlich aus nichts
entstandenen Erde, den plötzlich hervorschießenden Pflanzen,
Adam und Eva usw. Das ist echt katholisch! Und „echt“ ist auch,
daß Descartes von den holländischen Pastoren verfolgt wurde,
nicht aber von dem Papst zu Rom. Und wenn einer hier Tadel verdiente,
so wäre es nicht der geistvolle Mann, der sich in das Gegebene
schickt, ohne das Geringste von seinen Gedanken preiszugeben, sondern
die Kirche, der ein solcher Glaube Genüge tut. Und nun lassen wir
an unseren Augen die unübersehbare Reihe der katholischen
Physiker, Mathematiker, Astronomen vorbeiziehen, der katholischen
Botaniker und Zoologen (die die Evolutionslehre zuerst aufstellen,
wogegen der Protestant Cuvier sie mit aller Energie bekämpft!),
der katholischen Juristen, Historiker, Kirchenforscher! Und heften wir
den Blick auf einen der letzten und größten Katholiken, den
unsterblichen Pasteur. Ohne Fanatismus, doch aus tiefer
Überzeugung war er der Kirche seiner Väter treu geblieben,
und als er den Tod nahen fühlte, verlangte er zweierlei — so wird
uns von seinem Biographen erzählt —: einen Priester, der ihm das
Kruzifix zum Kusse reiche, und einen alten Philosophenfreund, der ihm
von Kants Sittenlehre spreche und das eherne Glaubensbekenntnis des
kategorischen Imperativs ihm noch in den letzten Tagen wiederhole. Auch
das ist „echt katholisch“. Weder mag Pasteur den Kuß der
bergenden Mutter, noch den stolzen Gruß des freiesten
Protestanten, der je gelebt, entbehren.
Und
nun, wenn dem so ist, warum verwerfen wir die sogenannten „katholischen
Universitäten“? Wir verwerfen sie, weil es eine evidente, nicht
erst zu beweisende, schlechthin axiomatische Tatsache ist, daß,
wer heute von katholischen Universitäten spricht, nicht
katholische im Sinne der großen katholischen Laienwelt, im Sinne
Descartes und Pasteurs meint, sondern römische, dem Klerus ganz
und gar unterworfene, den Jesuiten wehrlos preisgegebene. Und wohin
diese uns führen würden, das haben wir im ersten Teil dieses
Aufsatzes gesehen. Die Katholiken selber wollen nichts davon wissen;
der Beweis ist ja schon geliefert: die katholischen Universitäten
Frankreichs haben ein klägliches Fiasko gemacht. Geboren aus
leiden-
57
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
schaftlicher politischer
Erregung, unterstützt durch enorme Kapitalien, sind sie an der
einfachen Tatsache gescheitert, daß wohlhabende katholische
Eltern, um dem Bischof zu gefallen, wohl ihr Geld geben, nicht aber
ihre eigenen Söhne benachteiligen wollen. Wozu die fast komische
Entdeckung kommt, daß die Kirche selber, obwohl sämtliche
Professoren von dem „Conseil des évêques“ ernannt werden
und größtenteils Priester sind, diesen Instituten wenig
traut und darum ihre künftigen Diener dort nicht ausbilden lassen
will. Die folgenden Zahlen verdanke ich einem ehrwürdigen und
bitter enttäuschten Förderer dieser Universitäten; ich
garantiere ihre Genauigkeit. Von den fünf Universitäten, die
vor wenigen Jahren gegründet wurden, sind zwei — Toulouse und
Angers — schon eingegangen; sie werden nur noch dem Schein nach
erhalten. Von den drei übrigen — Paris, Lyon, Lille — hat einzig
die zuletzt genannte es vermocht, die fünf Fakultäten
(Theologie, Jus, „lettres“, Naturwissenschaft, Medizin) dauernd zu
erhalten. Die Gesamtzahl der Studierenden der Theologie in Paris
(einschließlich mehrerer Hörer des Kirchenrechts, die nicht
Priester werden), beträgt in diesem Jahre 35; an den anderen
Universitäten weniger. Im ganzen werden also kaum 100 Priester an
diesen Universitäten ausgebildet! Für ein Land mit 45 000
Weltpriestern und 30 000 Ordensgeistlichen ist das mager. In der
philosophischen Fakultät (lettres) in Paris, in welcher 13
Geistliche und 3 Laien Unterricht erteilen, kommen auf jeden Professor
genau zwei Hörer. In die Fakultät der Naturwissenschaften
entsendet die Millionenstadt summa summarum 10 Lernbegierige! So
urteilen eifrige und militante Katholiken über Institute, deren
Lehrer in Gemäßheit des Beschlusses der 25. Sitzung des
Konzils von Trient (cap. 2) zu Beginn eines jeden Jahres den
feierlichen Eid des Gehorsams gegen Rom wiederholen müssen.
Einzig
in Deutschland kann man über dieses Verhalten der
überwiegenden Mehrheit aller Katholiken irregeführt werden.
Denn Deutschland besitzt ein Vorrecht, um das es die katholischen
Länder nicht beneiden: es besitzt eine Zentrumspartei, d. h. eine
politische Fraktion, welche die Interessen der internationalen Kirche
über die des Vaterlandes, und die Interessen des italienischen
Klerus über die des deutschen Volkes setzt. In Frankreich ist es
trotz aller Härte der Regierungen nie gelungen, eine
parlamentarische Kirchenpartei
58
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
zu bilden; die
öffentliche Erbitterung würde sie hinwegfegen. Eine so
traurige Erscheinung dürfte überhaupt die gesamte
Weltgeschichte nicht aufweisen; und wenn wir auch die
Überzeugungen der Männer, die diese Partei bilden — wie jede
andere ehrliche Überzeugung — achten, wir können doch nicht
zweifeln, daß die reuige Erkenntnis ihrer Verirrung sie selber
einmal tief beschämen wird. Jedoch, vergessen wir nie, wie viel
die große Unkenntnis der katholischen Volksseele bei manchen
deutschen protestantischen Staatsmännern zu dieser bedauerlichen
Erscheinung beigetragen hat. Vor dem Kulturkampf war die Zentrumspartei
schwach an Kräften und von ganz anderen politischen Zielen
beseelt. Bismarck selber urteilt über den Kulturkampf in seinen
Erinnerungen (II, 130), daß „die juristischen Einzelheiten
psychologisch nicht richtig gegriffen waren“. Ob der große
Staatsmann wirklich so unbeteiligt an diesem Kampfe war, wie sein
Gedächtnis es ihm später vorspiegelte, mögen
Eingeweihtere entscheiden. Jedenfalls war der Fehler ein
verhängnisvoller. Vereint gingen Protestant und
Jude gegen den Katholiken vor: ein unheilbringendes Bündnis!
Virchow,
Mommsen und andere politische Petrefakten aus den
achtundvierziger Jahren, die Männer, die in jeder einzelnen Etappe
der Entwicklung Deutschlands auf der nachweisbar falschen Seite
gestanden hatten und auch seither immer gestanden haben, sie jubelten
dieses eine Mal der Regierung zu — ein bedenkliches Symptom! Und so
fand denn der vielgepriesene Kulturkampf statt; jetzt liegt der
Schatten der Kämpfenden in der Gestalt der Zentrumspartei wie eine
Sonnenfinsternis über Deutschland. Doch kann diese
vorübergehende Erscheinung — unter welcher außerdem noch
andere Dinge verborgen liegen, als auf der Oberfläche sich zeigen
— über den oben dargelegten Tatbestand nicht täuschen, Wenn
der Vorstoß Roms bedrohlich wird, wenn eine so ungeheuerliche
Forderung wie die nach angeblich katholischen und in Wirklichkeit
jesuitischen Universitäten überhaupt laut zu werden wagt, so
liegt die wahre Erklärung hiefür an ganz anderem Orte.
Mit
dieser letzten Erörterung kehren wir zum Anfang unserer
Betrachtung zurück. Cäsar und Pompejus! Dem einen Feind
unserer Kultur haben wir zwar kurz, doch recht fest ins Auge geblickt;
er hätte nichts zu bedeuten, wenn nicht ein zweiter Feind auf der
Lauer stünde; zu Zweien aber verwirren sie das allgemeine Be-
59
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
wußtsein, hetzen
die Männer in Zorn und Zank hinein, treiben die ruhigeren Elemente
wie erschrecktes Vieh hinüber und herüber, wild
durcheinander. Auf diese Weise entsteht zuletzt wirkliche Gefahr; sie
entsteht dort, wo nicht die geringste Veranlassung zu ihr war; sie wird
immer bedrohlicher; und zuletzt — wenn nicht beizeiten energische
Vorsorge getroffen wurde — gehen Freiheit und Kultur verloren; so war
es und so wird es wieder sein, wenn wir — die große
Mehrzahl — dieser pharsalischen Schlacht erkenntnislos und
tatenlos als bloße Zuschauer beiwohnen. Dem zweiten Feind ist es
nicht so leicht, ins Angesicht zu schauen; seine Physiognomie wechselt
wie seine Gestalt, er verbirgt sich, er schlüpft einem aalglatt
durch die Finger; er trägt heute Hoflivrée und drapiert
sich morgen in die rote Fahne; Fürstendiener und
Freiheitsapostel, Bankier, Parlamentsredner, Professor, Journalist —
alles was man will; man erkennt ihn nicht, wie den Priester, an seiner
Kutte; unbemerkt drängt er sich in alle Kreise ein. Der Wille zu
Besitz und Macht ist der gleiche, doch auf weniger edler Grundlage und
darum skrupelloser; die Fähigkeit, aufzubauen — im Gegensatz zu
Rom — gleich Null, dagegen die Kunst, das Bestehende, langsam
Errichtete von innen anzufressen, bis es niederstürzt,
entsetzenerregend. Die Waffe, mit der er die Welt erobert — Geld
erbeutet, Völker entsittlicht, Kriege entfacht, Reputationen
künstlich errichtet, Verdienste aus der Welt schafft —‚ ist in
erster Reihe die P r e s s e. Wollten wir, um ein
Gegenstück zu der
gewaltigen Einheit zu erhalten, die wir „R o m“
nennen müssen, weil
sie geographisch, geschichtlich, moralisch, tatsächlich und seit
Jahrtausenden von Rom ausstrahlt, wollten wir den zweiten Feind
ebenfalls in ein einziges Wort zusammenfassen, wir könnten ihn
allenfalls „J e r u s a l e m“ nennen. Doch
wäre die Bezeichnung
nicht ganz zutreffend. Denn erstens gibt es berühmte und in
großer Fülle auch unberühmte Beispiele dafür,
daß Juden sich der christlich-germanischen Kultur völlig
assimilieren und ihr hervorragende Dienste leisten können;
zweitens steht der eigentlich gläubige und zionistisch angehauchte
Jude so völlig außerhalb unserer ganzen Kultur, daß er
wohl bisweilen unser Portemonnaie, doch selten unser Denken bedrohen
kann, nur durch irgendeine unerforschliche, prästabilierte
Harmonie
läuft er mehr oder weniger parallel nebenher, doch ohne je zu
begreifen, um was es sich in Wirklichkeit handelt;
60
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
und drittens dienen unter
der Fahne dieses zweiten Feindes recht viele Nichtjuden und eine
traurig große Anzahl verführter, starrköpfiger echter
Germanen. Es ist aber unerläßlich, zu wissen, gegen wen wir
kämpfen sollen; herunter muß das Visier! Und da wir diesen
Feind mit den tausend verschiedengestalteten Hydraköpfen nicht auf
dem Wege positiver Definition erfassen können, da er keine
Enzykliken erläßt und keine Glaubenssymbole verfaßt,
so müssen wir versuchen, ob ihm nicht auf negativem Wege
beizukommen ist. Und in der Tat, hier halten wir ihn
gleich: e r i s t d e r
F e i n d d e s C h r i s t e n t u m s.
Der Haß gegen Jesus Christus und gegen
das Kulturideal, welches in langem Kampfe — Kampf gegen die
eigene niedrigere Natur — unter diesem heiligen Namen zu erstreben, uns
— uns andere — als ein höchstes Ziel einigt, begeistert und
beseelt: dieser Haß ist es, welcher der buntscheckigen Armee —
trotzdem sie keine Leitung besitzt — Einheitlichkeit gibt, und daran
mögt Ihr sie allerorts und alleweile erkennen. Daß dieser
zweite Feind die Sache Roms fördert, liegt auf der Hand; denn die
übergroße Mehrzahl der vernünftigen Menschen wird
lieber — wenn ihr die Wahl aufgedrängt wird — dem historisch auf
Felsen gegründeten und ideell an die höchsten Erscheinungen
des Menschengemütes anknüpfenden, dabei organisierten und
disziplinierten Rom sich anvertrauen, als der gestaltlosen,
zertrümmernden Lauge des Geistes, der stets verneint und der,
indem er das geschichtlich Gewordene vernichtet, alle Wurzeln
durchschneidet, durch die der Baum der Kultur aus dunklen Tiefen —
nenne man diese Tiefen Aberglauben, wenn man will, was verficht ein
Name! — den Saft des Lebens herleitet zu neuem Wachsen und Blühen.
Vieles
hörten wir in den letzten Wochen zum Preise einer
„voraussetzungslosen Wissenschaft“; das ist eine recht
charakteristische Phrase dieses Dämons der Zerstörung. In
zwei Worten eine ganze Weltverwirrung. Denn es kommt ja nicht auf
Wissenschaft, sondern auf Kultur an; eine Wissenschaft, die nicht im
Dienste einer Kultur steht, mit anderen Worten, die nicht eine
bestimmte Kultur „voraussetzt“, ist die verrückteste
Monstrosität, die je ein tollgewordenes Menschenhirn
ausbrütete; alle sogenannte „Wissenschaft“ ist an und für
sich völlig gleichgültig, ja man könnte die Wissenschaft
als „die Kenntnis des unbedingt Gleichgültigen“ definieren;
61
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
erst durch die Beziehung
auf den Menschengeist, erst durch die Einreihung in den organischen
Komplex der Gedanken, das heißt also, erst durch die Assimilation
seitens der schon vorhandenen Kultur zu einem neuen Kulturelement tritt
eine wissenschaftliche Tatsache gleichsam aus dem Reich des
Unorganischen in das des Organischen über und erhält damit
lebendige und ferneres Leben zeugende Bedeutung. Dieser lebendige Geist
aber macht Kultur aus; die Wissenschaft bildet nur einen ihrer
Bestandteile unter anderen. Von allen Dingen der Welt wächst die
Kultur am langsamsten; sie ist die „bedingteste“ Tatsache, von der wir
Kenntnis haben. Aus dem Leben, Streben, Hoffen, Suchen und Leiden
tausend und abertausend bedeutender Menschen baut sie sich langsam auf,
wie die Eiche Zelle für Zelle. Und wie die Eiche nicht die
Föhre ist, so hat auch jede Kultur ihre eigene, nur ihr
eigentümliche Art, bedingt durch die physische Struktur bestimmter
Rassen oder Rassenkomplexe, bedingt durch den historischen
Entwicklungsgang, bedingt durch das eigenartige Seelenleben der
hingegangenen Geschlechter, die in uns sich fortpflanzen. Genau
bestimmt ist allen und jedem Lebenden der Weg seines Werdens; die
Abweichung ist Tod, und die F r e i h e i t bedeutet
nie und nimmer
Voraussetzungslosigkeit und Ungebundenheit, sondern im Gegenteil die
Möglichkeit, uns ungehindert nach dem bestimmten Lebensgesetz der
uns eigenen Voraussetzungen zu entwickeln, ohne daß andere
Voraussetzungen und andere Gesetze uns den Weg versperren. Freiheit ist
nicht ein angeborenes Menschenrecht, sondern ein allmählich
erworbener — beziehentlich wieder verlorener — Zustand; Freiheit kann
nicht verliehen und entzogen werden, sondern man ist frei oder man ist
es nicht. Die Leute, welche das Feldgeschrei der „voraussetzungslosen
Wissenschaft“ erheben, berufen sich also auf Wissen und verkennen im
selben Atem das erste Gesetz aller Natur. Auch daran mögt Ihr den
Feind erkennen und auf der Hut sein!
Goethe
hatte ein unendlich tiefes Wort gesprochen, als er sagte, die
gefährlichste Bedrohung der Freiheit geschehe durch die „solutio
continui“, d. h. die Unterbrechung des historischen Zusammenhangs; erst
durch sie gelinge es, „das was die Freiheit l a n g s a m
schuf“, auf immer
zu vernichten. Darum ist der Antichrist ein gefährlicherer Feind
als Rom. Niemand wird wohl geneigt sein, Vol-
62
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
taire eines
reaktionären, intoleranten Christentums zu beschuldigen; doch als
ein Jude namens Pinto sich erkeckt hatte, ihm Vorstellungen über
seine Ansichten bezüglich der jüdischen
Gemeingefährlichkeit zu machen, da weist Voltaire ihn mit
Würde zurück, sagt: „Restez Juif, puisque vous l'êtes“,
und unterschreibt sich: „V o l t a i r e, c h r
é t i e n“. Und ebenso sehen
wir ihn an hundert Orten, trotz aller dogmatischen und konfessionellen
Ungebundenheit, Rasse und Religion stets als unantastbare Güter
verteidigen. Ebenso Goethe, der nicht bloß das Christentum als
die „nie wieder aufzulösende Religion“ bezeichnet sondern seine
Meinung betreffs der Zulassung der Juden zum Lehrkörper recht
unverhohlen ausspricht: „Wir dulden keinen Juden unter uns; denn wie
sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen,
deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?“ Das ist das entscheidende
Wort: wer unsere Kultur verleugnet, wer die Voraussetzungslosigkeit
predigt oder die Voraussetzung eines fremden Kulturideals, der
schneidet die Wurzel des Lebensbaumes durch, er bewirkt die solutio
continui, Freiheit und Dasein vernichtend. Nur wollen wir in Goethes
Satz das Wort „Jude“ streichen, aus den oben genannten Gründen,
und
es ersetzen durch: „Wir
dulden Keinen unter
uns, gleichviel, wer er auch sei, der Christentum und Germanentum nicht
als die Grundpfeiler unserer Gesellschaft anerkennt.“ Schopenhauer —
ich nenne absichtlich lauter Freidenker — Schopenhauer weiß keine
höhere Anpreisung, keine höhere Empfehlung für seine
Philosophie, als daß sie „die eigentliche christliche
Philosophie“ sei, und fordert von jeder Regierung die sofortige
Entlassung aller Professoren, die den Materialismus lehren: das ist die
praktische Bewährung von Goethes Maxime.
So
stehen wir nun zwischen zwei sich gegenseitig bekriegenden, doch in der
Gefährdung unserer Kultur einander in die Hand spielenden
Feinden. Von der einen Seite droht uns die gefesselte Grabesruhe, die
„agri deserti“ des Geistes, von der andern das entfesselte Chaos, der
Sieg der dummen Maschine. Rom ist bei weitem der ehrwürdigere;
doch indem es jedes Wachstum unterbindet, indem es mit seinem „quod
ecclesia intellexit“ alle Entwicklung inhibiert, führt es den Tod
herbei; denn die Biologie lehrt uns: ohne Wechsel und Wachstum bleibt
nichts am Leben. Rom hat eben, wie wir schon sahen, den Glauben
verloren — die Kraft, die nur aus Glauben
63
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
sprießt, dem
Glauben des Menschen an sich selbst, dem Glauben einer in der
Entfaltung ihres Könnens noch begriffenen Rasse, dem Glauben einer
steigenden Kultur an ihre eigene Wachstumfähigkeit —‚ und so will
es uns denn beizeiten einbalsamieren, auf daß wir nie verwesen,
und unter einer himmelhoch ragenden Pyramide — der Kirche — prunkvoll
bestatten, auf daß keine frevelnde Hand uns je berühre. Der
Antichrist dagegen gönnt uns nicht einmal ein Grab, sondern
löst unsere Rasse in einen gestaltlosen Urbrei auf und unsere
Kultur in Atome, als wäre sie nie gewesen. Nur wenn wir
uns n a c h
b e i d e n S e i t e n wehren, können wir
Siegen; nur dann beweisen wir,
daß wir außer dem blinden Willen zum Leben auch die Kraft
und den Verstand dazu haben. Die Kraft aber haben wir nur, wenn wir
geeinigt bleiben und uns weder von hüben noch von drüben
aufhetzen und mißbrauchen lassen. Die Zeiten sind vorbei, wo
Katholiken und Protestanten. sich in den Haaren liegen durften. Es ist
auch nicht zu dulden, daß irgend einer der beiden den andern als
einen untergeordneten Menschen, als einen Bürger zweiter Güte
betrachte. Wie weit es an einigen Fakultäten schon gekommen ist
und welcher bedauerliche Geist sich bereits in einem
beträchtlichen Teil des deutschen Professorentums eingeschlichen
hat, das erfuhr die Welt kürzlich durch die Unbedachtsamkeit
Theodor Mommsens und der schlauen Aufwiegler, die sich hinter dem
ehrwürdigen Geschichtsforscher versteckt hielten; die Welt ist
gewarnt. Goethe, der dem Dämon der List einen Pfaffen als
Begleitung beigab, gesellte ihm auch (im ursprünglichen Entwurf,
der später gekürzt werden mußte) einen Gelehrten bei;
die beiden sind nicht so unverwandt, wie sie sich häufig tun; wir
Weltkinder wollen auf beide ein Auge haben. Die Reformation, deren
Bedeutung als politischer Wendepunkt, als endgültige Gesundung des
Willens, vor allem als ewig vorbildliche deutsche Tat gar nicht
überschätzt werden kann, hat doch — sonst hätte sie
nicht durchzudringen vermocht — Beschränkungen auferlegt, die
jetzt fallen müssen. Beide, Katholiken und Protestanten, leiden
wir; beide haben wir an den Eigenschaften des Geistes und des
Gemütes etwas eingebüßt, was der einzelne nicht mehr
aus sich selber hervorbringen kann. Jeder von beiden bedarf des
anderen. Pasteur sahen wir auf dem Sterbebett nach Kant rufen, und ein
Mann von höchster Kultur und umfassender Gelehrsamkeit,
64
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
der vor wenigen Wochen,
um dem vernichtenden Einfluß Roms zu entfliehen, aus der
katholischen Kirche austreten mußte, schrieb mir: „und doch werde
ich nie sagen können, was sie mir alles gegeben hat, das nur sie
allein geben konnte — die menschliche Nahe des zu allen Sinnestoren
einströmenden Göttlichen und (bei aller Starrheit ihres
eigenen Dogmengebäudes) ein weitherzigeres Verständnis der
anderen Weltreligionen, als sie der der Natur entrückte Protestant
meistens besitzt.“ Und in der Tat, die Atmosphäre des
Katholizismus, während sie — wie oben angedeutet — manches
versagt, verleiht auch manches, was ganz speziell zu dem historischen
und philosophischen Verständnis gar vieler Handlungen und
Denkungsarten
förderlich ist. Es wird den protestantischen Studenten viel Nutzen
bringen, wenn sie Philosophie und Geschichte auch bei katholischen
Lehrern hören; ich denke mir einen derartigen edlen Wettstreit
innerhalb der Fakultäten höchst erfrischend und
aufklärend. Der Katholik seinerseits hat das schon längst
eingesehen. Denn, ich frage es: wo lebt ein gebildeter Katholik (ich
rede nur von Laien, die Diener der Kirche sind aus der Gesellschaft
ausgetreten, indem sie sich einem besonderen Gesetze unterworfen
haben), wo lebt aber ein gebildeter Katholik, der die glänzende
Reihe der protestantischen Denker, Dichter, Forscher nicht kennt und
schätzt und der nicht genau weiß, daß er selber ohne
sie kein Deutscher des Jahres 1902 sein könnte? So sind wir denn
auf einander angewiesen; je mehr wir zusammenkommen, zusammen arbeiten,
uns gegenseitig durchdringen, um so reicher wird sich unser
Geistesleben entfalten. Wer dagegen uns voneinander trennen will, wer
die Katholiken in „katholische Universitäten“, die Protestanten in
„protestantische Universitäten“ einhegen und isolieren will,
während es der antichristlichen Liga unbenommen bleibt, zuerst die
Katholiken und nach und nach, ganz sachte, auch jeden, der sich zum
christlichen Kulturideal bekennt, von den anderen Universitäten zu
entfernen, der ist ein Feind des Germanentums, unser aller Feind.
Gleichviel ob er sich als klerikalen Reaktionär oder als
fortschrittlichen Radaudeutschen gibt, er sät Zwietracht, wo wir
Einigkeit brauchen; er dient — bewußt oder unbewußt — dem
Feinde; wir reißen ihm die Larve vom Gesicht! Vereint haben wir
weder Cäsar noch Pompejus zu fürchten.
Und
weil es sich hier um ein Bewußtwerden handelt, um ein Er-
65
„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN
wachen aus
gefahrbringendem Schlafe, so ende ich, wie ich begonnen hatte, mit
Worten aus Epimenides, die ich den Deutschen zugleich als Mahnung und
als zuversichtsvolle Prophezeiung zurufen möchte:
So rissen wir uns rings
herum
Von fremden Banden los:
Nun sind wir Deutsche
wiederum!
Nun sind wir wieder
groß!
(Januar 1902.)
66
DIE RASSENFRAGE
Wer
die Geschichte des
neunzehnten Jahrhunderts darstellen und beurteilen will, kann die
Frage nach den an dem Aufbau dieser Geschichte
beteiligten R a s s e n nicht umgehen.
Wollen wir über den Gang eines
menschlichen Ereignisses Klarheit und ein organisch-kritisches
Verständnis besitzen, so wird unsere erste Frage nach den
handelnden Personen sein, und zwar mit Recht; denn alles Verstehen
bedeutet eine Ableitung aus Ursachen, und hier sind die
Ursachen M o t i v
e, das heißt also die Bedingtheit bestimmter Handlungen
durch
bestimmte intellektuelle Anlagen im Bunde mit bestimmten Eigenschaften
des Charakters. Daß wir niemals dazu gelangen können, eine
Definition eines Individuums zu geben, wird uns keinen Augenblick
abhalten, nach einem möglichst umfassenden Bilde seiner
Persönlichkeit zu streben; ebensowenig wird uns der circulus
vitiosus beirren, der daraus entsteht, daß wir Handlungen aus der
Persönlichkeit des Handelnden erklären wollen und doch
andererseits auf die Statur der betreffenden Persönlichkeit einzig
aus ihren Handlungen schließen können. Ein logischer
circulus ist eben nicht notwendigerweise auch ein organischer circulus,
und wissen die Philosophen nach fünftausend Jahren nicht, ob das
Ei oder das Huhn zuerst da war, so weiß doch jeder Bauer,
daß man aus dem Ei auf das Huhn und aus dem Huhn auf das Ei
schließen kann. Ich wüßte nun nicht, warum einem
größeren Komplex von Ereignissen gegenüber dasselbe so
natürliche und gesunde Bestreben, die Individualität der
handelnden, schaffenden Faktoren in ihren Hauptzügen klar zu
erfassen, nicht ebenso am Platze sein sollte. Geschichte besitzt doch
nicht bloß akademisches Interesse, sondern wir Lebenden, wir
machen sie ja, und darum eignet unseren Vorstellungen und unseren mehr
oder weniger wissenschaftlichen Erkenntnissen ein lebendiger Wert.
Gerade die Wissenschaft spielt uns aber in dieser Beziehung manchmal
üble Streiche; sie, welche
67 DIE
RASSENFRAGE
fördern sollte,
hemmt; sie, welche die Sicherheit des freien Urteils entwickeln und
gewährleisten sollte, schlägt uns in Ketten, beraubt uns
unseres natürlichen Erbteils eines klaren Blickes und gesunden
Urteils und macht uns so dumm, wie den Schüler in „Faust“. Dieser
Tyrannei wollen wir uns aber ebenso wenig beugen, wie irgend einer
anderen; einer der freiesten Männer unseres Jahrhunderts,
Friedrich
Albert Lange, hat uns schon vor dreißig Jahren vor
diesem „modernen Pfaffentum“ gewarnt, das er um sich herum aufwachsen
sah. So z. B. in der R a s s e n f r a g e.
Daß gegenwärtig auf der Oberfläche dieses Planeten
verschiedene Menschenrassen leben, bezeugt schon der Anblick der
Physiognomien; ebenso evident — nein, noch evidenter! — ist die
Tatsache, daß unter dem Einfluß besonderer
historisch-geographischer Umstände sich innerhalb dieser Rassen
kleinere Nationaleinheiten bilden, die zur ausgeprägtesten
Individualität gelangen; wie alles Individuelle, entstehen und
vergehen diese „völkischen“ Persönlichkeiten vor unseren
Augen — was, nebenbei gesagt, die Vermutung nahelegt, daß auch
die größeren, weniger differenzirten Rassenkomplexe keine
Sempiternität besitzen, sondern ebenfalls entstehende und
vergehende
Erscheinungen sind.
Nun
kommt aber eine Schule von Naturforschern, die uns ex cathedra
verbietet, von Rassen zu sprechen. Und warum? Weil sich keine scharfe
Definition der verschiedenen Rassen geben läßt, weil
Übergangsformen oder schwebende Mischformen gefunden werden, vor
allem aber, weil es der Wissenschaft durchaus nicht gelingen will, die
Rassen bis auf ihren Ursprung zurückzuverfolgen und sie
hübsch sauber auseinanderzuhalten. Selbst ein so geistvoller
Anthropolog, wie Salomon
Reinach, spottet in seinem unterhaltenden Buch
„L'origine
des Aryens“ über den Begriff einer arischen Rasse und
verbietet uns, das Wort jemals in den Mund zu nehmen, d. h. uns Laien
verbietet er es, er selber aber spricht in dieser selben Schrift und
auch in späteren immerfort von „Ariern“, weil in der Tat diese
schwer definirbare Vorstellung einer ganzen Reihe von unleugbaren
Phänomenen zum zusammenfassenden und dadurch verdeutlichenden
Ausdruck dient. Auf halbem Wege konnten unsere Neodogmatiker aber nicht
stehen bleiben; gibt es keine Rassen im weiteren Sinne, so gibt es auch
keine im engeren — sonst läge ja auch die Vermutung
68 DIE
RASSENFRAGE
nahe, daß dieser
engere nur eine Steigerung, eine Klimax des weiteren bedeuten und somit
die Existenz des letzteren unumstößlich dartun würde, —
und richtig, vor wenigen Jahren wurde auf einem anthropologischen
Kongreß zu Ulm, unter dem Pontifikat Virchows und dem Vikariat
Kollmanns
das Dogma verkündet, alle Menschen seien „für jede
Aufgabe gleichbegabt“. Die Hellenen haben sich also nicht von den
Römern unterschieden, der Gesamtcharakter des Volkes und seine
Leistungen sind die „gleichen“? Phidias wäre in
Jerusalem eben so
am Platze gewesen, wie in Athen, und Jeremia brauchte bloß nach
Latium auszuwandern, um ein Koriolan
zu werden? Hier wird Wissenschaft
offenbar Wahnsinn. Sie wird aber Frevel, sobald sie — was gerade hier
bei der Rassenfrage der Fall gewesen ist — in das praktische und
politische Leben gesetzgebend eingreift. Virchow und seine Schule haben
seit vierzig Jahren viel Unheil angestiftet, denn sie haben urbi et
orbi proklamiert, die Vermengung aller Typen sei ein Menschheitsideal,
sie haben es als ihre besondere Aufgabe betrachtet, alle Pfade, die zur
weiteren Differenzierung und dadurch zu immer höherer Entwicklung
von besonderen Anlagen führen, mit Dornen zu bepflanzen und
dadurch unzugänglich zu machen, und indem sie den Mischmasch des
Blutes als die Panacee der Menschheit priesen, waren sie in
Wirklichkeit — ganz unbewußt, aber nicht minder erfolgreich — die
mächtigsten Bundesgenossen aller Jesuiten der Welt. Sie haben uns
bereits soweit auf dem Wege zum Chaos zurückgeführt,
daß uns im Kopfe wirre wurde, sowohl in Bezug auf unsere
Herkunft, wie in Bezug auf unsere Zukunft. Und dies alles durch das,
was die Franzosen la confusion des pouvoirs nennen, weil sie
nämlich nach oben und nach unten zu unfähig waren, die
Grenzen — die scharfgezogenen engen Grenzen — der Wissenschaft
wahrzunehmen; nach oben infolge philosophischer Unzulänglichkeit,
nach unten infolge politischer Voreingenommenheit. Jetzt endlich tritt
eine Reaktion ein und geberdet sie sich auch hier und dort recht
absurd, so kann uns das nicht verhindern, sie mit freudiger Hoffnung zu
begrüßen. Überall zugleich macht sie sich bemerklich.
Der
Germane wird sich seines Germanentums wieder bewußt; der
südeuropaische Bastard empfindet deutlich seine Abneigung gegen
das echt Germanische und sucht mit verzweifelter Anstrengung in dem
erdichteten „Ro-
69 DIE
RASSENFRAGE
manentum“ einen
organischen Mittelpunkt, aus welchem Leben sich entwickeln ließe;
die Juden, die zwar nicht ihre eigene Existenz, aber doch ihren Stolz
ein wenig vergessen hatten, erwachen wieder zu alttestamentarischem
Selbstgefühl und strafen Jean Paul
Lügen, der von unserem
Jahrhundert vorausgesagt hatte: „Die Juden werden aufhören und die
Völker frei werden.“ Woran es noch empfindlich mangelt, das sind
klare regulative Ideen. Wir ahnen die Bedeutung von Rasse, finden uns
aber in der großen, verwirrten Masse von Tatsachen nicht zurecht.
Hier brauchen wir einen Führer. Goethe mahnt:
Willst im Unendlichen
dich finden,
Mußt unterscheiden
und dann verbinden.
Es hat
aber nicht jeder die Zeit, so komplizierte Fragen durchzustudieren und
— vor allem — durchzudenken. Wer jedoch sie hat, soll unbefangen daran
gehen, im Bewußtsein, daß hier allerdings das Wissen ein
gewichtiges Wort mitzusprechen hat, vor allem aber das Wissen als
Anschauungs- und Gestaltungskraft, nur in zweiter Reihe die
theoretische Wissenschaft und vollends gar nicht die Grübelei
über Ursprünge u. dgl. Und da ich selber noch wenig
Autorität besitze, will ich einen Protagonisten aller
wissenschaftlichen Freiheit anrufen, einen Mann, dem niemand
Obskurantismus oder Illuminismus vorwerfen wird, Diderot. Dieser
geniale Mann warnte schon vor mehr als hundert Jahren gegen die
Verrohung des Geistes, welche eine schlecht verstandene
Wissenschaftlichkeit verursachen könnte, und meint in Bezug
hierauf (Entretien
d'un père avec ses enfants): „Wir nennen uns
zivilisiert und sind in Wirklichkeit schlimmer daran, als die Wilden.
Es scheint, als ob wir uns noch während Jahrhunderten im Kreise
herumdrehen und aus einer Extravaganz in die andere, aus einem Irrtum
in den anderen verfallen würden, um zuguterletzt dort
anzugelangen, wo ein einziger Funke gesunden Urteils, ja, der
bloße Instinkt uns sofort ohne Umwege hingeführt hätte.“
Getrieben nun durch die gebietende Notwendigkeit, Klarheit über
unser Jahrhundert zu gewinnen, habe ich in meinem Buch „Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ es unternommen, die
Rassenfrage zu untersuchen und für den praktischen Gebrauch eines
gegenwärtig lebenden Menschen zu gestalten; das ist weder
Selbstüberhebung noch Tollkühnheit — wie gesagt worden ist —
sondern die einfache Ausübung einer unerläßlichen
Lebensfunktion. Es ist Selbst-
70 DIE
RASSENFRAGE
erhaltungstrieb auf
geistigem Gebiete, Vertrauen auf die allgütige Mutter Natur,
Arbeiten bei dem Lichte jener von Diderot angerufenen „Funken“ eines
gesunden Urteils.
Das
Wort „Rasse“ ist nicht lateinischen, sondern germanischen Ursprungs; es
gehört zu den vielen Wörtern, welche die echten Germanen
nach Westen hinausgetragen und dann von Frankreich und Italien
romanisiert zurückbekommen haben; es stammt von dem
mittelhochdeutschen „Reiz“ und dem althochdeutschen „Reiza“ ab, welche
eine gerade Linie bedeuten, und daher auch das gerade — d. h. das echte
— Geschlecht, zum Unterschiede von dem aus Zickzacklinien
zusammengesetzten, vermischten. Und dieses Wort Reiza
hängt wiederum mit einem im Altpersischen und Altindischen
nachweisbaren Stamme zusammen, der in einem weiteren, umfassenderen
Sinne überhaupt das Gerade, das Richtige, das Gerechte bezeichnet.
(Daher, nebenbei gesagt, ist die richtigere Schreibart die mit ss,
nicht die noch vielfach übliche mit dem französischen
entstellenden c). Ist nun diese Erwähnung, ich gestehe es,
zunächst vor allem eine pittoreske, so ist sie trotzdem nicht ohne
weiteren Wert. Denn sie zeigt uns, daß die Betonung des Geraden
und die Wertschätzung einer einheitlichen Abstammung nicht etwas
Neues ist, sondern ein uralter gesunder Instinkt. Den Verlust dieses
Instinktes hat ohne Zweifel die christliche Kirche auf dem Gewissen,
denn sie ist ihrem Wesen nach zugleich antiwissenschaftlich und
antinational; sie sieht nur Individuen und alle Individuen gelten ihr
gleich: „Der Letzte ist der Erste“. Und so war das Wort Rasse
außer Geltung gekommen und mußte im vorigen Jahrhundert
gleichsam von neuem erfunden werden. Man sieht aber, daß es sich
hierbei nicht, wie der populäre Unverstand wähnt, um eine
neue, sondern um eine uralte, uns lange Zeit hindurch gleichsam
gestohlene Vorstellung handelt.
Das
ist die eine Seite der Sache; die andere ist noch interessanter. Manche
Leute, ja auch viele Gelehrte, fragen erstaunt, woher es komme,
daß man gerade in neuester Zeit die Betonung der Rasse so
energisch in den Vordergrund rückt. So bezichtigte mich z. B. vor
kurzem der Philosoph Ziegler in
einem Wiener Blatte mittelalterlicher
Reaktionsgelüste, er sah mich schon die Scheiterhaufen für
die Juden anzünden, bloß weil ich mit vollkommener
Objektivität die grundlegende Bedeutung von Rasse für die
Gestaltung — und
71 DIE
RASSENFRAGE
daher auch für das
Verständnis — der Geschichte der Menschheit in meinen „Grundlagen“
kräftig hervorgehoben hatte. Das heißt aber blind sein
für die unabweisbaren geistigen Strömungen unserer Zeit; und
nicht derjenige Steuermann, der mit offenen Augen deutlich sieht, nach
welcher Richtung das Schiff vom Lebensstrom getrieben wird, läuft
Gefahr, es an einem Felsen zerschellen zu lassen, sondern der andere,
welcher die Gewalt der Elemente mißachtet und gegen Tatsachen mit
Prinzipien zu kämpfen unternimmt. Das Vergangene sollen wir
gewiß achten, doch ein wirkliches Leben gibt es nur in der
jeweiligen Gegenwart, und die Anschauungen des vergangenen Jahrhunderts
und der Achtundvierziger sind weder die unseren von heute, noch
können und sollen sie die unserer Söhne sein. Denn zwischen
uns und unseren Vätern liegt eine gewaltige Entwicklung
wissenschaftlichen Wissens und eine gewaltige Gärung im
wissenschaftlichen Denken. Dasjenige daran, was unser Rassenthema
betrifft, läßt sich in dem einen Satz deutlich
zusammenfassen: in dem Maße, als der Begriff „Art“ schwankend
wurde, nahm der Begriff „Rasse“ an Bestimmtheit und an Inhalt zu.
Nirgends läßt sich das besser verfolgen als in den Werken
Darwins. Gleich im ersten Kapitel des „Origin of
species“ wird die
ungeheure Bedeutung der Rasse mit einer Fülle von Beispielen
belegt und die unbedingte Notwendigkeit der geraden Abstamnungslinie —
der „Reiza“ — hervorgehoben, solle die Natur Edles hervorbringen.
Freilich hat die Welt diese Seite der Darwin'schen Lehren zunächst
gar nicht beachtet. Denn wie viel man auch das Empirische betonen mag,
wir Menschen fliegen intuitiv in einer Tangente ab und ereifern uns
immer mehr über das Unerforschte und Unerforschliche, als
über die sicheren Ergebnisse tatsächlicher Beobachtung. Je
platter sich der angebliche Empirist gebärdet, um so üppiger
wuchert bei ihm — wie der Urwald im Sumpfe — Superstition und
Phantasterei; und so sahen wir in unserem Jahrhunderte einen Ludwig
Büchner einer Scheherezade den Rang ablaufen. Ob wir Menschen
von Affen abstammen oder nicht, das war der Roman, für den wir uns
passionierten; außerdem eignete sich der Fachmann die
Hypothese der natürlichen Zuchtwahl an und bekämpfte sie
leidenschaftlich; wogegen die praktischen Ergebnisse, die sich aus
Darwins gewaltigem Lebenswerke für uns — Götter- oder
Gorillasöhne, gleichviel — er-
72 DIE
RASSENFRAGE
gaben, gänzlich
unbeachtet blieben. Darwin selber, und zwar trotzdem er in seinen
„Animals and plants“
die Rassenfrage noch ausführlicher dargelegt
und in seinem „Descent
of Man“ häufig die Anwendbarkeit der von
ihm gesammelten Erfahrungen auf das Menschengeschlecht betont hat,
lebte ganz seinem babylonischen Weltbau. Jedoch es gibt in allen
menschlichen Dingen einen Unterstrom, der lange unbeachtet bleibt,
später aber das Übergewicht erlangt. So auch hier. Darwins
Theorie der natürlichen Züchtung ist nach kaum einem
Menschenalter von allen kompetenten Naturforschern als gänzlich
unzureichend erkannt worden; und ob die Welt wirklich noch lange
fortfahren wird, sich an demselben Märchen angeblicher
„Ursprünge“ und „Abstammungen“ zu erquicken, möchte ich
bezweifeln; sämtliche Tatsachen, die für die Evolutionslehre
vorgebracht werden, ließen sich auch anders deuten, es brauchte
nur der rechte Baumeister zu kommen, der mit demselben Material ein
neues Gebäude aufzuführen verstünde. Man weiß, wie
weit auch die Weltbahn um die Sonne ist, es ergibt sich aus ihr keine
Parallaxe für die meisten Fixsterne; ebenso verschmelzen die noch
so gegensätzlichen Gedanken über die Natur, sobald sie den
engen Gesichtskreis des dem Menschengeist Faßbaren
überschreiten. Moses oder Ernst Haeckel:
der Unterschied ist nicht
gar so groß. Dagegen kommt heute das Sichere und das praktisch
Verwendbare an Darwins Lebensarbeit immer mehr zur Geltung. Sein
Hauptwerk trägt den nicht sehr bezeichnenden Titel: „Über die
Entstehung der Arten“, gilt aber dem Nachweis, daß es gar keine
Arten gebe; dies ist jedoch nur die negative Leistung; in ihr liegt die
positive Leistung gleichsam verhüllt und belehrt uns über
Ursprung, Bestand und Bedeutung der Rassen (wie dies übrigens der
nie zitierte Nebentitel ausdrücklich besagt). Auf Darwin,
sowie auf die ganze große wissenschaftliche Bewegung, welche
durch ihn teils gefördert, teils ins Leben gerufen wurde, ist die
wachsende Erkenntnis von der Bedeutung der Rasse im Menschengeschlecht
zurückzuführen.
Das
ist eines jener „Ergebnisse“, von denen ich im vorigen Aufsatz sprach,
und zwar das grundlegende. Die unvergleichliche Bedeutung der Rasse ist
eine unanfechtbare, bleibende wissenschaftliche Erkenntnis. Daß
manche, auch unter den häufig genannten Naturforschern, es noch
nicht eingesehen haben, tut nichts zur Sache; es
73 DIE
RASSENFRAGE
sind eben
mittelmäßige Köpfe, und wie Anselm Feuerbach
so
schön sagt: „Die Mittelmäßigkeit wägt immer
richtig, nur ihre Wage ist falsch.“ Man darf auch nicht etwa glauben,
daß die Fülle und Präzision der Einzelkenntnisse die
Denkkraft schärfen, im Gegenteil, sie scheinen häufig
bedenklich lähmend auf sie zu wirken. Nur ein sehr glücklich
veranlagtes Gehirn vermag es, die riesige Wissenslast eines heutigen
Gelehrten zu tragen, ohne an Anschauungskraft und allgemeiner
Schärfe des bindenden und trennenden Urteils
einzubüßen; schon Schiller hat dies erkannt und in
ergreifenden Worten darauf hingewiesen. Wir dürfen uns also nicht
irremachen lassen, und zwar um so weniger, als die Mehrzahl der
hervorragenden und unabhängigen Naturforscher die Richtigkeit des
Gesagten einsieht und bezeugt.
Für die näheren Ausführungen über die Rassenfrage
im allgemeinen, wie sie sich aus unseren heutigen Kenntnissen ergibt,
und für einen Versuch, die wichtigsten Gesetze, welche das
Entstehen und Vergehen der Rassen zu bedingen scheinen, muß ich
auf das vierte
Kapitel meiner „Grundlagen“ verweisen, wo ich bestrebt
war, diese Ergebnisse in einem übersichtlichen System anschaulich
vorzuführen und mit typischen Beispielen aus der genauer bekannten
Geschichte der Menschheit zu belegen. Natürlich darf man nicht die
Begriffe Rasse und Nation miteinander verwechseln: die Rasse gilt
für die gesamte organische Natur, die Nation ist nur ein Gebilde
unter anderen in der gesellschaftlichen Gliederung der Menschheit. Es
kann Rassen geben ohne eigentliche Nationenbildung, wie das im alten
Indien Jahrtausende hindurch der Fall war; für gänzlich
rassenlose Nationen bieten uns Vergangenheit und Gegenwart viele
Beispiele. Doch ist die Nation die kräftigste Erhalterin und
Förderin der Rasse (siehe das alte Rom) und sie ist namentlich
dazu geeignet, neue, scharf differenzierte Rassen zu erzeugen, (so z.
B. die Spartaner, die Preußen, die Engländer).
Wollen
wir nun Klarheit über die Beschaffenheit und die Bedeutung der
Rasse in dem geschichtlichen Werden und in dem heutigen Sein der
europäischen Menschheit erlangen, so müssen wir vor allem die
soeben genannte wissenschaftliche Methode im Auge behalten. Der
herrschende ungenaue Gebrauch des Wortes Rasse, sobald die Menschheit
in Betracht gezogen wird, stiftet zunächst viel Schaden. Was man
bisher bei Menschen „Rasse“ genannt hatte —
74 DIE
RASSENFRAGE
die Arier, die Semiten,
die Mongolen, die Neger u. s. w. — sind eigentlich „species“, d. h.
Arten. Darwin setzt dies sehr klar auseinander in dem 7. Kapitel seiner
„Menschenabstammung“, und der bekannte französische Anthropolog
Topinard hat es neuerdings bestätigt. Ob wir dabei mit einigen
Fachmännern trotz aller Verschiedenheiten nur eine einzige Art,
oder mit anderen zwei, vier, acht, sechzehn oder gar dreiundsechzig
Menschenarten annehmen, das ist hier gleichgültig, denn es ist
bloßes Herumwaten in formalistischen Nebeln; niemand weiß
heute, wie eine „Art“ zu begrenzen ist. Wichtig ist für den
Historiker einzig die Einsicht, daß die Angehörigkeit zu
dieser oder jener „Art“ noch lange keine R a s s e
bedingt. Rasse ist ein
gesteigerter Lebenszustand, der durch reine Züchtung, verbunden
mit besonderen, einseitig fördernden Umständen, erzeugt wird,
und durch welchen gewisse Anlagen des Körpers oder auch gewisse
Züge des Charakters und des Intellektes eine früher
ungeahnte, individuell differenzierende Entwicklung erfahren. Bei
Tieren und Pflanzen erzeugen wir Rassen künstlich (innerhalb der
von der Natur gesteckten Grenzen); bei uns Menschen werden sie von
historisch-geographischen Umständen erzeugt. Genau so wie bei
Tieren und Pflanzen sehen wir auch bei Menschen die Rassen entstehen,
blühen, sich verzweigen, sich durch Kreuzung (gefolgt von Inzucht)
vermannigfaltigen oder auch entarten und vergehen. Und diese „Rassen“
sind die eigentlichen geschichtlichen I n d i v i d u e n;
sie haben alles
wahrhaft Große geleistet, was bisher der Menschheit zum Ruhme
vollbracht wurde. Man sieht aber, daß wir — um über diese
Rassen ins Klare zu kommen — nicht in eine gänzlich unbekannte
Vergangenheit und zu rein hypothetischen Urrassen zurückzugreifen
haben, sondern im Gegenteil von der Gegenwart und von der ihr
unmittelbar vorangegangenen, gut gekannten Zeitepoche ausgehen
müssen. In meinen „Grundlagen“ schreibe ich: „Schließlich
bleibt der Semit, als Begriff einer Urrasse, gleichwie der Arier, einer
jener Rechenpfennige, ohne welche man sich nicht verständigen
könnte, die man sich aber wohl hüten muß, für bare
Münze zu halten; die wirkliche bare Münze sind dagegen die
empirisch gegebenen, historisch gewordenen Individualitäten“. Das
Wort „Hellenentum“ z. B. bezeichnet nicht ein luftiges Gedankending,
sondern eine erlebte Tatsache, eine unendlich reich dokumentierte
Tatsache, voller
75 DIE
RASSENFRAGE
Widersprüche
gewiß, wie alles, was lebt, anlehnend an alles Nachbarliche, von
ihm borgend und aufnehmend, kurz, nicht ausgeschaltet aus dem Kreislauf
gegenseitiger Beeinflussungen, außerdem zusammengesetzt aus edlen
und gemeinen, aus klugen und dummen Menschen, aus Genies und aus
Böotiern, trotz alledem aber eine scharf umschriebene, deutlich zu
unterscheidende, durchaus individuelle Erscheinung, zwar in ihrem Wesen
mit manchem, was vorging und nachkam, verwandt, doch so klar und
eingreifend differenziert, daß sie nirgends ihresgleichen findet.
Das ist Rasse. Ob nun diese unter besonderen Bedingungen
geschlechtlicher Vermischung zwischen nahe verwandten, kräftigen
Stämmen entstandene, durch Krieg gesichtete, durch Absonderung zur
Inzucht angehaltene, durch günstige geographische Lage, anregende
Nachbarschaft, schönen Himmel geförderte hellenische Rasse
mit den Italienern und Germanen genetisch nahe verwandt war, das ist,
obschon gewiß zu bejahen, doch immerhin eine verwickelte,
strittige Frage, und noch strittiger ist die Frage des
verwandtschaftlichen Zusammenhanges dieser Stämme mit den
Indoariern und den Eraniern. Das alles berührt aber den Historiker
der Gegenwart nur mittelbar; denn wenn es auch tatsächlich eine
„arische Menschenspezies“ geben sollte, so sehen wir, daß aus ihm
tüchtige und minder tüchtige, energische und indolente,
geschichtlich wichtige und geschichtlich belanglose Menschen
hervorgingen: eine
Anlage, die hier zum
Segen gedieh, konnte dort zum Fluche ausarten. Wesentlich ist für
uns nur die von der gesamten biologischen Wissenschaft
unwidersprechlich bezeugte und von der Menschengeschichte allerorten
bestätigte Erkenntnis, daß einzig gezüchtete „Rassen“
Außerordentliches leisten.
Betrachten wir nun von diesem Standpunkte aus das jetzige Europa, und
ziehen wir dabei unsere geschichtlichen Kenntnisse über die
Vorgänge der letzten drei Jahrtausende zu Rat, so erhalten wir ein
weit einfacheres und infolgedessen auch belehrenderes Bild, als nach
bisherigen Methoden möglich war. In der Hauptsache stehen zwei
große Mächte einander gegenüber. Die numerisch kleinen,
doch infolge ihrer reingezüchteten Rasse großen und
gestaltenden Völker des südlichen Europa — Hellas und Rom —
sehen wir zu Beginn unserer Zeitrechnung vor unseren Augen
hinschwinden. Das kaiserliche Rom gab die festbegrenzte Nation mit
ihrem verantwortungs-
76 DIE
RASSENFRAGE
vollen und zugleich
adelnden Bürgerrecht preis und setzte an ihre Stelle den orbis,
das Weltimperium. Und nicht bloß strömten Kleinasiaten aller
Gattungen, Syrier, Ägypter, Nordafrikaner nach Europa ein, sondern
Rom machte es sich zur besonderen Aufgabe, die Menschen kolonienweise
von einem Ende seines Reiches zum anderen zu versetzen; man braucht nur
an die nach Galatien verpflanzten Kelten und an die in umgekehrter
Richtung nach Spanien hinübergeführten Juden zu denken.
Ähnliches geschah jahraus, jahrein. Auf diese Weise wurde im
ganzen
Bereiche des römischen Imperiums ein durch und durch
bastardiertes, rassenloses Völkerchaos gezüchtet. Dieses
Völkerchaos ist nie ausgerottet worden; an ihm läßt
sich noch heute die frühere Grenzlinie des römischen
Imperiums verfolgen. Zwar haben die germanischen Invasionen große
Mengen edlen Rassenblutes nach Süden und Westen getragen und dort
Nationen gegründet, von denen einige noch heute bestehen. Doch mit
der Zeit wurde dieses Blut aufgesogen; das Chaos wächst wieder
heran; eine südliche Nation nach der anderen löst sich in
Anarchie auf; es fehlt ihnen die physische und die moralische Kraft,
welche Rasse allein verleiht. Dieser negativen Macht gegenüber
steht eine positive: der reingezüchtete nordeuropäische
Mensch, den der französische Anthropolog Lapouge als Homo
europaeus genau beschrieben hat und der für den gewöhnlichen
Gebrauch am besten einfach „Germane“ genannt wird. Dieser Germane ist
seit 1500 Jahren die lebendige, die einzig und allein
schöpferische Kraft unserer Zivilisation und unserer Kultur. Das
heutige weltumfassende Europa ist sein Werk; ein Werk, das er trotz dem
Völkerchaos und gegen das Völkerchaos durchgesetzt hat. Wohin
er kam, entstanden — so lange er sich von der Bastardenplebs
abgesondert hielt — mächtige Völker und trieb der
Menschengeist
die Blüte des Genies; wo er sich mit einer ungermanischen
Überzahl vermischte, schwand er, und mit ihm schwand die
überschwängliche Lebenskraft dahin.
Auch
hier zwingt mich die Rücksicht auf den Raum, für alles
Nähere auf meine „Grundlagen“
zu verweisen. Nur auf zweierlei
möchte ich noch in aller Kürze den aus seinen hergebrachten
Anschauungen allzu heftig aufgerüttelten Leser aufmerksam machen.
Erstens, daß die ursprüngliche Identität der Kelten,
der Germanen (im engeren Sinne) und der Slaven eine unwidersprechlich
erwiesene
77 DIE
RASSENFRAGE
Tatsache ist. Wir haben
ja gesehen, daß Rasse nicht eine tote, mathematische Erscheinung
ist, von je auf je, etwa wie eine kristallinische Gestalt, sondern ein
Lebendiges, Bewegliches. Das Wesen der Rasse ist ja, daß durch
Züchtung der Rasse ein Neues, individuell Differenziertes erzeugt
wird; zu ihrem Wesen gehört also Bewegung, Bewegung nach irgend
einer bestimmten Richtung hin. Diese Bewegung kann aber auch nach
anderen Richtungen in mehr oder weniger spitzen Winkeln abzweigen; und
so spaltet sich eine echte Rasse in mehrere neue, ebenso echte
Rassen; zahllose Beispiele aus der Tier- und Pflanzenzucht können
zur Illustration dienen; bei den Menschen wirken neue geographische
Bedingungen und neue Kreuzungen zwischen verwandten, doch
differenzierten Stämmen dahin. Und so hat sich denn die
ursprünglich einheitliche germanische Rasse zunächst in drei
Rassen gespaltet, und dann häufig wieder, so daß wir noch
heute neue germanische Völkerrassen entstehen sehen. Doch
ursprünglich treten, wie gesagt, nicht drei Rassen aus dem Norden
auf, sondern eine. Schon vor 25 Jahren seufzte Virchow ¹)
über die
Unmöglichkeit, unterscheidende anatomische Merkmale zwischen den
alten Kelten, Germanen und Slaven aufzuweisen, und die Schriftsteller
Roms schildern sie in der Tat als physisch und moralisch identisch.
Für den streng wissenschaftlichen Nachweis der Identität der
alten Kelten und der alten Germanen verweise ich auf das
erschöpfende Werk von Gabriel de
Mortillet, Professor an der École
d'Anthropologie in Paris: „Formation
de la nation française“
(1897). Was die Slaven betrifft, so hat schon Tacitus gewußt
(Germania, 46), daß sie „zu den Germanen gezählt werden
müssen“, und wenn man auch leider hier nicht auf ein
zusammenfassendes Werk nach der Art Mortillets hinweisen kann, so bin
ich doch in der Lage, meine Behauptung durch ein autoritatives Zeugnis
zu bekräftigen, durch dasjenige des Herrn Professors Ferdinand
Hueppe in Prag, der mir neulich im Gespräche bestätigte,
die
u r s p r ü n g l i c h e I d e n t i t ä
t v o n „S l a v e“ u n d „G
e r m a n e“ könne
von keinem Sachkundigen mehr bezweifelt werden. Ein zweiter Punkt, der
bisher so gut wie unbeachtet geblieben ist, trotzdem der große
Rechtslehrer Savigny
ihn schon vor 80 Jahren ins hellste Licht gestellt
hatte, ist die Tatsache, daß diejenigen Germanen, welche sich
keilweise in die vom
————
¹) Abhandl. d. kgl. Akad. d. Wiss., Berlin 1875
(nach Buchner).
78 DIE
RASSENFRAGE
Völkerchaos
dichtbesetzten Gebiete hineingedrängt hatten, sich Jahrhunderte
hindurch von diesem geschieden hielten, und somit eine geradezu
exzessive Inzucht trieben. Den Westgoten z. B. war bei Todesstrafe die
Ehe mit Nichtgermanen verboten; so wurde der herrliche spanische Adel
gezüchtet. In Italien lebten die Alamannen, die Langobarden usw.
bis ins 13., 14., ja teilweise sogar bis ins 15. Jahrhundert — wie
urkundlich nachgewiesen werden kann — zwar durch Sprache und Sitte mit
dem übrigen Volke vereint, doch geschlechtlich geschieden.
Daß Dante z. B. ein Germane reinster Abkunft sei, kann heute kaum
mehr bezweifelt werden; eine Menge Einzeltatsachen weisen darauf
hin, ¹) und das einzige ganz Sichere, was bisher über seine
Ahnen in Erfahrung gebracht werden konnte, ist, daß seine
Großeltern den gut deutschen Namen Aldigêr führten und
Goten aus Ferrara waren (vergl. F. X. Kraus,
„Dante“,
1897). Alle die
berühmten Fürstenhäuser Italiens sind germanischer
Abkunft, und es wird ohne Zweifel mit Evidenz nachgewiesen werden„
daß auch die geistige und künstlerische Blüte dieses
Volkes eine germanische war, wenn auch natürlich nicht in der
Person aller einzelnen Künstler und Denker, so doch als
Gesamterscheinung und treibende, erfindende Kraft. ²) Wogegen das
jetzt
so sehr beliebte Wort „Romane“ ein pures Gedankending bezeichnet.
Nannte ich die Begriffe Semit und Arier „Rechenpfennige“, so muß
ich den Begriff Romane (insoferne damit eine Rasse und eine Kultur
bezeichnet werden sollen) eine „falsche Münze“ nennen. Was man
romanische Kultur zu nennen beliebt, ist einfach eine besondere
Erscheinung germanischer Kultur, vielfach begünstigt durch Klima
und Sonne, vielfach belehrt und in bestimmte Richtungen gewiesen durch
die Überreste vergangener Rassenkulturen, vielfach aber auch
gehemmt und entartet durch den Einfluß des stets
Originalität und Lebenskraft schwächenden und zuletzt
vertilgenden Bastardenwesens.
Das
also sind die zwei großen Faktoren unserer Geschichte: auf der
einen Seite eine kraftstrotzende, völlig originale, ewig neue
————
¹) Siehe „Grundlagen“, S. 499 der
ersten Auflage.
²) So teilt uns z. B. derjenige Fachmann mit, der
unter allen lebenden Gelehrten am genauesten mit der Lebensgeschichte
Michelangelos bekannt ist, Henry Thode,
daß der dokumentarische
Nachweis von dessen germanischer Abstammung nur noch eine Frage der
Zeit ist, da die Tatsachen mit Bestimmtheit darauf hindeuten.
79 DIE
RASSENFRAGE
Zweige hervortreibende
Rasse; auf der andern ein saft- und kraftloses, alles nivellierendes
Völkerchaos, ohne Originalität, ohne Charakter, ohne Genie,
und welches die Edlen schnell aufsaugt, die unvernünftig genug
sind, sich ihm anzuvertrauen.
Doch
fordern noch zwei geschichtliche Elemente die Aufmerksamkeit, will man
vollständig sein: leider muß ich mich heute darauf
beschränken, sie zu nennen. Über das eine ist es nicht gerade
leicht, zu sprechen, denn es besitzt noch keinen zusammenfassenden
generischen Namen. Es gibt nämlich in Europa Überreste einer
vermutlich sowohl von den Hellenen und Italern im Süden, als
später von den Germanen in Nord- und Mitteleuropa teilweise
ausgerotteten, teilweise unterjochten und teilweise in das Gebirge
vertriebenen früheren Einwohnerschaft. In welchem Maße diese
Stämme zur heutigen Bevölkerung beitragen, ob sie selber
früher rassenartig einheitlich, rassenartig vielfältig oder
rassenlos waren, das alles sind vielumstrittene hypothetische Fragen.
Sicher ist, daß höchst charakteristische und durch
Abgeschiedenheit reingezüchtete Bruchstücke dieser
fremdartigen Menschen vorkommen, so z. B. die Basken und die
Savoyarden. Und das Eine wissen wir genau: daß von dieser
Menschengruppe der Schlachtenplan entworfen und das Signal gegeben
wurde zum Ansturm auf alles Germanische. Von den drei ersten Jesuiten
waren zwei — Ignatius
von Loyola und Franz Xavier
— reinrassige Basken,
der dritte — Faber
— ein typischer Savoyard. ¹)
Das
letzte Element, das zu nennen wäre, ist das jüdische Volk. Zu
den zuletzt genannten Völkern geheimnisvoller Herkunft und
unheimlicher Ubiquität bilden die Juden den absolutesten Kontrast:
der
Vorgang ihres Werdens ist genau bekannt, und seit der babylonischen
Gefangenschaft (d. h. seit 2500 Jahren) halten sie sich von allen
übrigen Völkern vollkommen abgeschieden, so daß keine
zweite menschliche Erscheinung derartig scharf abgegrenzt uns
entgegentritt. So haben z. B. Virchow's
Untersuchungen an
sämtlichen Schulkindern Deutschlands ergeben, daß die Juden
als völlig „abgesonderte Rasse unter den Germanen wohnen“ (vergl.
Joh. Ranke: „Der Mensch“, 2. Ausg., II, 293). Die ganze Macht des
Judentums liegt in seiner Rasse. Alle seine
————
¹) Und die Konstitutionen des Ordens sind ein
wörtlicher Abklatsch von mohammedanischen, d. h.
reinsemitischen Ordensregeln: hier tritt also das Antigermanische
geschlossen auf.
80 DIE
RASSENFRAGE
Brüder — die aus
ähnlichen Mischungen von Syriern und Semiten hervorgegangenen
Völker — sind spurlos untergegangen; nur das eine kleine Volk
blieb und trotzte allen verwischenden Trennungen des Raumes, allen
schwächenden Dehnungen der Zeit, und behauptete sich nicht allein
trotz zerstörender Verfolgungen, das ist das Wenigste, sondern
sogar trotz der zerstörenden Gewalt des bis zu schwindligen
Höhen emporgestiegenen Glückes. Das geschah, weil eine
Handvoll patriotischer Männer in der Stunde der höchsten Not
dem widerspenstigen Volk die Reinheit der Rasse als das heiligste aller
religiösen Gesetze aufgezwungen hatte. Und darum — weil ihn eines
der merkwürdigsten und bewunderungswürdigsten Blätter
der Geschichte belehrte — durfte der berühmteste Jude unseres
Jahrhunderts, Disraeli,
jene Worte sprechen (in „Coningsby“),
welche
uns allen als Mahnung dienen sollten: „Rasse ist alles; es gibt keine
andere Wahrheit. Und jede Rasse muß zugrunde gehen, die ihr Blut
sorglos Vermischungen hingibt.“
(Januar 1900.)
81
DIE PREUSSISCHE RASSE
Berufenere
als ich
werden den historischen Gedenktag feiern; ihren belehrenden
Betrachtungen sehe ich erwartungsvoll entgegen. Inzwischen beging ich
eine stille Vorfeier, indem ich in der glorreichen Geschichte des
Hauses Hohenzollern jene beiden Männer mir wieder einmal
näher betrachtete, die als Persönlichkeiten mich am meisten
interessieren: den Großen Kurfürsten und Friedrich Wilhelm
I. Sie sind schon vom Ausgangspunkt genügend entfernt, damit das
Werdende Gestalt bekommen habe, und doch so ganz noch in der Zeit des
Entstehens, daß das innere Getriebe dem Auge noch deutlich
sichtbar bleibt. So blickt man denn von dort aus rückwärts
und vorwärts. Man erkennt, daß diese Fürsten groß
sein konnten, weil sie den Untergrund zu nationaler Größe
vorfanden, und man erkennt, daß sie nebst ihren Taten als
Diplomaten, Verwalter und Feldherren nicht aufhörten, an jenem
Untergrund, nämlich an der nationalen Eigenrasse ihres Landes,
weiter zu bauen. Diese Betrachtung regte zu einer Fülle von
Gedanken an; denn während pragmatische Geschichte eine
undurchdringliche chaotische Masse von scheinbaren
Willkürlichkeiten und Zufällen ist, in welcher die einzelnen
Tatsachen kaum an dem dünnen Faden einer kurzen Logik hängen,
steht man vor einem Unerschöpflichen, sobald der Blick bis zur
Natur durchgedrungen ist; frei wandelt nunmehr der Geist nach allen
Richtungen, auf dem Boden einer unverbrüchlichen Konsequenz. Im
folgenden will ich nur den mittleren Gedanken, um welchen die anderen
strahlend sich anschlossen, kurz andeuten. Vielleicht regt er
befreundete Geister an, in ähnlicher Weise Vergangenheit und
Zukunft aus dem Brennpunkt der lebendigen Gegenwart zu betrachten — der
Gegenwart, für welche ein jeder von uns in alle Ewigkeit die
Verantwortlichkeit trägt.
—————
82 DIE PREUSSISCHE RASSE
Wohl
lernen wir die Kräfte der Natur nach und nach praktisch
beherrschen, dieses Beherrschen ist aber im wesentlichen ein
Sichanschmiegen und insofern ein Gehorchen, und der Fortschritt
wissenschaftlicher Erkenntnis bedeutet eher eine ausführlichere
Darlegung des Unverstandenen als eine Zunahme an wirklicher Einsicht.
Das erfahren wir jetzt wieder an der Rassenfrage. Je reicher das
Wissensmaterial anwuchs, um so verwirrter wurde das Ergebnis, dasjenige
Ergebnis nämlich, welches als eine genaue, zwingende Darlegung der
historischen und prähistorischen Tatsachen gelten könnte.
Befragt man heute die anerkannt ersten Philologen, Anthropologen und
Historiker über die Rassengeschichte Europas, ja, fragt man sie
bloß, was unter dem Begriff einer Rasse zu verstehen ist, so
erhält man eine solche „olla potrida“ von Meinungen zur Antwort,
daß einem „dumm wird“ wie dem Schüler im „Faust“. Und
trotzdem, wollten wir hier uns nur beschränken lernen — etwa wie
ein Ingenieur sich darauf beschränkt, die Elektrizität der
Menschheit dienstbar zu machen, ohne daß er eine dogmatische
Antwort auf die Frage „was ist Elektrizität?“ bereit hätte —
welche segensreiche Ergebnisse lägen schon da vor aller Augen, so
daß wir uns nur ein wenig zu bücken brauchten, um sie zu
erblicken, und nur ein wenig zu wollen brauchten, um aus Lehren der
Vergangenheit Lehren für die Zukunft zu gewinnen!
Wie
ein hohes, kühnes Felsengebirge, das mitten aus der sarmatischen
Tiefebene, ein Zeugnis ewiger Naturwahrheiten, emporstrebt, so erhebt
sich vor unseren Augen die Geschichte des preußischen Volkes und
Reiches; ein Beispiel, aus dem ewig zu lernen sein wird. Die
bestrittenen anthropologischen Einzelheiten über Wesen und
Wanderungen der verschiedenen Ureinwohner des Landes dürfen wir
liegen lassen, wir brauchen sie nicht; der sicheren Lehren gibt es hier
für uns so viele, daß wir der unsicheren entraten
können.
Die
erste Lehre, die wir dieser Geschichte entnehmen, ist, daß neue
Rasse, ausgestattet mit neuen Eigenschaften, jederzeit entstehen kann,
und daß sie eben so echt, so energisch, so widerstandsfähig,
so durchaus originell ist, wie irgend eine von denen, die man uns als
„Urrassen“ zu schildern pflegt, und die man mit allerhand
mythisch-unerreichbaren Tugenden ausstattet. Hätten wir Augen zu
sehen, jede europäische Nation könnte uns lehren, auf welche
Weise neue
83 DIE PREUSSISCHE RASSE
Rasse entsteht, keine
aber mit so überzeugender Deutlichkeit wie diese zwei:
Preußen und England. Die führenden Mächte Europas sind
beide neu, sie zeigen einen neuen Körper und eine neue Seele.
Ranke sagt in
der Vorrede zu seiner G e n e s i
s d e s p r e u ß i s c h e n
S t a a t e s: „Der preußische Staat gehört nicht zu
den
nationalen Potenzen uralter Berechtigung; er ist eine in der Mitte
derselben emporgekommene territoriale Macht.“ Damit aber die
territoriale Macht emporkam, mußte vorerst ein Stamm
gezüchtet werden, reich an Kraft und Begabung, befähigt,
unter jenen „Potenzen“ sich Raum zum Atmen zu verdienen und zu
erzwingen. Ich leugne überhaupt, daß Preußen
eine Territorialmacht in dem Sinne eines
Gegensatzes zu „nationalen Potenzen“ ist; Preußen hat sich
Territorien angeeignet, wie England Kolonien, weil es sie brauchte, und
weil es gerade vermöge seines starken nationalen Charakters
geeignet war, ein politischer Gestalter ersten Ranges zu werden.
Preußen ist eine Nation mit einer scharfgeschnittenen,
unverkennbaren Physiognomie und einer bis zur rauhesten
Unnachgiebigkeit ausgeprägten Eigenart. Und fassen wir die
historische Entwickelung Preußens als in der Hauptsache aus einem
Kampf bestehend zwischen ihm und Österreich, so erkennen wir
deutlich, daß hier die unbezwingbare physische Kraft echter Rasse
über Rassenlosigkeit und die moralische Kraft einer wahren Nation
über die numerisch hundertfach überlegene Masse eines nur aus
dynastischen Interessen zusammengestoppelten, jeder inneren Einheit
ledigen Territoriumkonglomerats gesiegt hat. Wer das nicht einsieht,
für den ist Geschichte eine sinnlose Verkettung angeblich
„pragmatischer“ Zufälle. Nicht die kluge Politik der
Kurfürsten und Könige liegt dem Emporkommen Preußens
zugrunde; diese Ursache seiner Größe — wie hoch wir sie auch
veranschlagen müssen — kommt offenbar erst in zweiter Reihe; den
wahren rocher de bronze „stabilierte“ nicht ein willensstarker,
berechnender Fürst, sondern die Naturgewalt, genannt „Rasse“.
Das,
was ich hier meine, hat Carlyle mit unbewußter Genialität
geahnt und in seiner apokalyptischen Weise ausgesprochen, ohne
daß sein Auge die klaren Linien des natürlichen
Zusammenhanges erblickt hätte. Von dem Großen Friedrich
sprechend, meint er: „Preußen, tapferes
Preußen! Die wahre Seele deines Verdienstes ist, daß du
einen solchen König an deiner Spitze zu haben verdient
84 DIE PREUSSISCHE RASSE
hast! Und du, Leser, du
meinst, hier herrsche nicht Verdienst, sondern Zufall? O nein, glaube
mir, nur einen geringen Anteil kann sich der Zufall an derartigen
Entwicklungen zuschreiben. Und wären wir Menschen nur fähig,
die
Geschichte vorangegangener Jahrhunderte, anstatt in menschlichen
Chroniken, in dem großen Archiv nachzuschlagen, das ein
allwissender Engel führt, wir würden dann einsehen lernen,
daß von Zufall überhaupt nicht die Rede ist, es gibt
Völker, bei denen ein Friedrich möglich ist, und es gibt
Völker, bei denen er nie und nimmer vorkommen kann.“ Das sind die
Wahrheiten, die zu wissen uns not tut. Friedrich I. war kein
hervorragender Monarch; seine Hast, sich den leeren Reif auf das Haupt
zu setzen, hat etwas Weibisches, durchaus Unpreußisches; ein
wenig Geduld, ein wenig Größe in der politischen Auffassung,
und die Krone wäre erobert, nicht verliehen worden. Doch
gleichviel; wer in Wirklichkeit am 18. Januar 1701 gekrönt wurde,
war das preußische Volk, es war diese neue Abart der germanischen
Rasse, würdig unter die besten der Alten als gleichberechtigt
aufgenommen zu werden.
Ich
meine nun, keine Tatsache berechtigt so sehr, hoffnungsvoll in die
Zukunft zu blicken, wie diese: daß starke Rasse nicht von weither
kommt, sondern unter unseren Augen erzeugt wird. Denn sobald wir
das begreifen, liegt es an uns, groß zu sein. Was frommt mir der
ganze ungeheure Apparat gelehrter Akademien und Hochschulen und
geschichtlicher Forschungen, wenn er mich über dieses Eine nicht
aufklärt: was ich zu tun habe? Weiß ich dagegen — und alle
Geschichte lehrt es mich — daß nationale Größe stets
auf Eigenschaften einheitlicher, gezüchteter Rassen beruht hat,
dann kenne ich meine Pflicht. Was unbewußt geschah muß
bewußt geschehen; das erst ist Wissenschaft, ein Gestalten des
Gewußten, wie sie der Elektriker übt, wenn er verheerende
Naturkräfte in den Dienst der Menschheit stellt.
Weise
Mischung mit edelgearteten Verwandten, weise Abwehr des Fremden: so
wird Rasse gezüchtet. Nirgends sehen wir deutlicher als bei
Preußen die belebende Bedeutung von Völkermischungen
für die Bildung überschwenglicher Rassenkraft. Denn der erste
Grundstock des preußischen Volkes wurde durch Mischung gelegt,
und die systematische Zuziehung von kernigen Zuwanderern
85 DIE PREUSSISCHE RASSE
aus dem Auslande war
lange Zeit die weise Politik der Hohenzollern; diese hörten nicht
auf, Rasse zu züchten. Doch waren diese so verschiedenen
Ingredienzien, welche den mehr elementaren Grundstock — hervorgegangen
aus deutscher Kraft gepaart mit slawischer Kraft — nach und nach
bereicherten, alle demselben großen germanischen Stamme
entwachsen (denn Virchow
hat der finnischen Märe längst den
Garaus gemacht). Dagegen lehrt uns die Naturwissenschaft und weiß
jeder Züchter:
Was euch nicht
angehört,
Müsset ihr meiden.
Und warum? Der
Züchter antwortet mit Darwin: weil Erfahrung zeigt, daß
jedes Kreuzen zwischen Organismen, welche einander fern stehen,
unfehlbar zur schnellen Entartung führt; Goethe antwortet: weil es
„das Innere stört“, und dieses „dürft ihr nicht leiden“. Die
großen Hohenzollern waren ungelehrte Menschen; trotzdem
besaßen sie in Bezug auf Rasse einen unfehlbaren Instinkt; sie
wußten nämlich das Eine genau: wer ein Protestant ist, der
ist uns reinen Germanen sicher verwandt, der „gehört uns an“,
gleichviel woher er kommt. Und so wurden denn aus aller Herren
Ländern die vertriebenen Protestanten in Preußen willkommen
geheißen. Tausende und Abertausende der Besten sind auf diese
Weise nach und nach ins Land gewandert. Das war echte
Rassenzüchtung, die nicht mit dem Zirkel Schädel mißt,
sondern aus dem Innern auf das Äußere schließt. Mit
dem Papsttum dagegen wurde nicht geliebäugelt; wo es irgend ging,
wurde keinem Päpstlichen der dauernde Aufenthalt im Lande
gestattet; ein ebenso weiser Instinkt. Denn kann auch ein guter
Deutscher zu Rom sich bekennen — daß er es tut, ist an ihm ein
Undeutsches; er steht im Schatten eines fremden, allem Germanentum
feindlichen Gedankens. Und wenn wir auch heute sehen, daß es
unter uns, genau so wie im 16. Jahrhundert, „protestantische
Katholiken“ gibt, Männer, welche nur die Luftlinie einzelner
unverständlicher Dogmen von uns Protestanten scheidet, so
daß der Gedanke an eine Reform, an die Bildung einer neuen,
allumfassenden deutschen Nationalkirche wohl manchmal mit Sehnsucht
sich einschleicht — für derlei Gedanken war die damalige Zeit
nicht reif. Auch die jetzige Zeit und ein jetziger Monarch dürfte
sie nie in einem anderen Sinne auffassen, als Schiller, wenn
86 DIE PREUSSISCHE RASSE
er schreibt: „Berlin ist
bestimmt, einmal die Metropole des Protestantismus zu sein.“ Wenn je
ein Hohenzoller die Prophezeiung vergäße, er hätte das
Erbe seiner Väter verwirkt. Wogegen der große Kurfürst
auf dem rechten Wege sich befand, als er klagte, das Luthertum sei noch
durchsetzt mit undeutschem Aberglauben, und Friedrich Wilhelm I.
ebenfalls, als er zur ersten Maxime für die Erziehung seines
Sohnes „die Abscheu des Papsttums“ aufstellte.
Man
sieht, welches Verdienst diese Fürsten, die ein tüchtiges
Volk vorgefunden hatten, für dessen weiteres Emporblühen im
Sinne gesunder Rassenbildung sich erwarben. Man sieht auch, auf welchen
einfachen Wegen es möglich ist, nicht über Rasse ziellos zu
theoretisieren, sondern sie zu züchten und sie vor dem Verderbnis,
das jede Nation zu Grunde richtet, zu bewahren.
Möchte doch ein Gedenktag wie der 18. Januar die Preußen
veranlassen, über Geschichte in diesem Sinne nachzudenken!
(Januar 1901.)
87
EIN BRIEF ÜBER HEINRICH
HEINE ¹)
Sehr geehrter Herr!
Offen
gesagt, wenn ich
Sie wäre, würde ich den Vortrag nicht halten, oder ich
würde den Titel ändern. Heine allein, gut; aber Heine im
Zusammenhang mit dem ganzen Judenproblem erfordert eine in die Weite
und in die Tiefe gehende kulturgeschichtliche Übersicht — sonst
kommen falsche Verallgemeinerungen heraus, und in ihrem Gefolge
öde Gehässigkeit oder Suttnerische Phrasenwüstenei.
Wir
wissen alle, daß Juden ebenso begabte und ebenso redliche
Menschen sein können wie andere, und daß diese „anderen“ gar
häufig dumm oder unehrlich sind. Als G e s a m t e r s
c h e i n u n g bedeuten
die Juden eine unleugbare große Gefahr für unsere Kultur: hier addieren sich die
bedenklichen Charakterzüge und neutralisieren sich die
anerkennenswerten. Das war schon in alten Zeiten der Fall. Sympathisch
sind die früheren Hebräer nur so lange sie Nomaden bleiben;
über die listig-schlauen Praktiken eines Jakob und eines Laban
lächeln wir; tausende solcher Männer, miteinander verbunden,
und von der Arglosigkeit anderer sich nährend, richten ein
Gemeinwesen zugrunde, wie schon Herder warnend ausführt. Sie
wirken auf geistigem Gebiete ähnlich zerstörend. Dagegen ist
es ebenso unedel wie auch sicherlich psychologisch falsch, einen
einzelnen herauszugreifen und ihn auf Grund angeblicher
Rasseneigenschaften zu verdammen; so einfach liegen die Dinge nicht;
die Seele des einzelnen ist ein Mikrokosmos und hat das Recht als eine
Erscheinung sui generis beurteilt zu werden — sonst befinden wir uns
auf dem primitiven Standpunkte einer ins Moralische übertragenen
Blutrache. Der innerste Kern alles echt christlichen Lebens ist die
—————
¹) Ein junger Mann hatte mir seine Absicht gemeldet,
einen Vortrag zu halten unter dem Titel „Heine und das Judentum“; Heine
wollte er als „großen Dichter“ preisen, zugleich aber die
Gefährlichkeit seines — wie jedes — Judentums aufzeigen. Zu diesem
Vorhaben erbat er sich meinen Rat.
88 EIN
BRIEF ÜBER HEINRICH HEINE
Anerkennung der autonomen
Bedeutung des einzelnen Menschen — womit, nebenbei gesagt, nicht das
geringste zugunsten der schalen sozialen Nathanweisheit unserer
Anti-Antis gesagt ist.
Wer es
nun Heine weder zum Verdienst noch zur Schuld rechnet, daß er dem
jüdischen Stamme angehört, kann nicht umhin das eine klar zu
erkennen: daß Heine ein ehrloser Schuft ist. Seine eigene Familie
nannte ihn „die Kanaille“; und je genauer wir heute den Mann kennen
lernen, um so mehr müssen wir ihr recht geben: Kanaille ist der
einzige treffende Ausdruck. Es steckt ein solcher Abgrund von
Gemeinheit in diesem Manne, daß man sich schon durch den
bloßen Anblick beschmutzt fühlt. Übrigens waren zu
diesem Urteile die Enthüllungen der letzten Jahre, über
verschiedene von Heine an seinen Verwandten und an anderen
ausgeübte Gaunereien und Erpressungen gar nicht nötig; denn
die gedruckten Schriften enthalten so viel offenbare
Revolverjournalistik schlimmster Art, der Verfasser wälzt sich so
oft mit dem Behagen eines Schweines in trivialsten, Brechlust
erregenden Obszönitäten, er ist so bar jedes sittlichen
Ernstes, jeder intellektuellen Überzeugung, jeder Zucht des
Willens, jedes wenn auch nur hinter Wolken durchschimmernden und
oftmals aus den Augen verlorenen, dennoch erschauten und erstrebten
Ideals — kurz, dieser Mann zeigt sich in seinen Schriften so
uneingeschränkt frivol und niederträchtig, daß die
Schlechtigkeiten, die wir jetzt von ihm erfahren, dem Tieferschauenden
keine neuen Züge, oder wenigsten keine unerwarteten enthüllen.
Von
diesem also beschaffenen Manne behaupten zu wollen: er ist wie er
ist,
w e i l er Jude ist, bedeutet nach meiner Überzeugung eine
„Heine“-mäßige Frivolität. Und mögen auch solche
schiefe Urteile durch die Juden selber veranlaßt sein, die im
vermeintlichen Interesse ihres eigenen Stammes gerade Heine um jeden
Preis zu einem großen Manne metamorphosieren wollen, so verlohnt
es sich dennoch nicht, bei diesen verblendet leidenschaftlichen
Behauptungen zu verweilen.
Aber
glauben Sie wirklich, daß ein so beschaffener Mann „groß“
sein konnte? Daß er „Größe“ in irgendeiner Gestalt
besessen haben kann? Ich glaube es nicht. Heine besitzt nicht einmal
die Kühnheit einer echten Verbrechernatur. Selbst in seinen
Ausschweifungen und selbst in seinen Ehrenabschneidungen und
Schurkereien erscheint
89 EIN
BRIEF ÜBER HEINRICH HEINE
er unsagbar klein und
nichtig. Und so ist auch sein Intellekt in Wirklichkeit eng,
verkümmert, bedeutungsarm; darüber dürfte die technische
Virtuosität nicht hinwegtäuschen. Lesen Sie nur seine Urteile
über zeitgenössische Dichter — von Goethe und Platen
an bis
zu Immermann und Uhland —‚ verfolgen Sie seine politischen
Orakelsprüche — was er über Preußen und dessen Zukunft
denkt und was er von Frankreich erwartet... — nirgends hat er richtig
gesehen; und im U r t e i l offenbart sich doch das
Genie.
Heine
ist kein Genie, auch kein lyrisches. Denn Lyrik ist Seele, ist
Zartgefühl, ist ein sympathetisches Miterklingen mit den leisen
Regungen der uns allumgebenden unschuldsvollen Natur. Man nenne nicht
Goethe allein, — das ist Phrase; denn wenn auch ein einziges Lied wie
Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne
an Naturgehalt, an
Gefühlswert, an geheimnisvoll unausdeutbarem Sprachzauber mehr
wiegt als alle Heineschen Lieder zusammen, so ist hiermit noch nicht
entfernt genug gesagt. Denn die Geistesgewalt Goethes spricht nur
vollkommener aus, was Tausende im Herzen bewegt; mindestens hundert
Namen deutscher und hundert Namen englischer Dichter könnten
herbeigezogen werden, wert, wenn auch nicht neben, so doch nach Goethe
als Lyriker genannt zu werden, und Abertausende der unaussterblichen
Gattung schlechter Versemacher waren und sind immerhin
größere Lyriker als Heine, insoferne sie aus innerem Drang,
aus unstillbarer Sehnsucht, aus dem religiösen Bedürfnis sich
in Natur, Natur in sich zu finden, schreiben. Wogegen der
Revolverjournalist, Pornograph und Witzbold Heine nur „anempfindet“ und
mit Hilfe eines unheimlich biegsamen Talents Goethe, die Romantik und
die gerade zu jener Zeit von den Romantikern ans Licht gezogene echte
Volkslyrik planmäßig ausbeutet. Daß Heines Lieder —
und zwar trotz zahlreicher Verstöße gegen den Geist der
Sprache und namentlich gegen die Naturwahrheit — viele schöne
Verse enthalten, das wird niemand leugnen wollen; doch sobald man
entdeckt hat, daß alle diese Gedichte e r l o g e n
sind, alle, dann
wendet man sich von ihnen mit Abscheu.
Schon
im Jahre 1835 — also zu einer Zeit, wo von antisemitischer Aufwiegelung
keine Rede sein kann und wo die schmählichsten
90 EIN
BRIEF ÜBER HEINRICH HEINE
Pamphlete Heines gegen
Deutschland und deutsches Wesen noch nicht geschrieben waren — hat ein
Mann von ungewöhnlich reicher Verstandeskraft und von
unverderblich reinem Gemüte, Theodor Fechner, der bahnbrechende
Physiker und Philosoph, über Heines Lyrik geurteilt: „Alles in
allem ist der ganze Grundzug dieser Gedichte eine L i b e r
t i n a g e d e r
E m p f i n d u n g e n ... Heine spielt mit den Gefühlen wie die
Katze
mit der Maus, läßt sie laufen, hascht sie wieder und mordet
sie zuletzt ... Wie leuchtend die Poesie sei, die in Heines Gedichten
erscheint, greifen muß man nichts dahinter wollen ... Goethes
Poesie ist mächtig im Schaffen, Heines ist es nur im
Zerstören; jene schwingt sich wie ein Adler in den hellen Tag
hinein und überschaut klar das Ganze, diese sieht mit ihren
feurigen Eulenaugen nur im unheimlichen verneinenden Dunkel der Nacht
und ergreift mit Sicherheit ihre einzelne Beute, taumelt aber matt,
wenn es gilt, durch den lichten Tag zu fliegen.“ In ein einziges Wort
faßt noch Fechner sein Urteil zusammen: „Heines Poesie ist ein
abstraktes Gift.“ Man hat seitdem viel und leidenschaftlich über
Heine gestritten; doch besser als Fechner hat niemand gesprochen.
Was
aber die Denkmalsfrage anbetrifft, so genügt es, auf den Aufsatz
zu verweisen, den ein besonnener französischer Akademiker, nachdem
er Heines sämtliche Schriften durchgelesen hatte, neulich im
Pariser Figaro veröffentlichte, und in welchem er zu dem
Schluß kommt: „Errichten die Deutschen wirklich dem Heine ein
Denkmal, so können wir Franzosen am selben Tage ein Armeekorps
entlassen.“ Es wäre in der Tat ein Denkmal der Ehrlosigkeit. Gott
beschütze nicht bloß das Deutsche Reich, sondern auch jenes
heiligere Ganze — das Deutschtum, das gesamte Erbe der großen
Vergangenheit und der unvergleichlichen Sprache, das wir unter diesem
Ehrfurcht gebietenden Namen zusammenfassen — vor einer solchen Schmach!
Sehr
geehrter Herr! Ich pflege heute Briefe von Unbekannten überhaupt
nicht zu beantworten; es fehlt mir dazu die Muße; Ihren Brief
habe ich beantwortet, und zwar nicht aus Rücksicht der Person,
denn ich kenne Sie nicht und weiß nicht, wer und was Sie sind,
sondern aus folgenden zwei Gründen: 1. über Heine zu
schweigen, wenn man direkt aufgefordert wird zu reden, halte ich
für Feigheit; 2. der Schätzung Heines lege ich einen
ähnlichen symptomatischen
91 EIN
BRIEF ÜBER HEINRICH HEINE
Wert bei wie der soeben
angeführte Vicomte de Vogué. An und für sich
hätte es nicht viel auf sich gehabt, ob der Verfasser von
Du hast Diamanten und
Perlen
Hast alles, was
Menschenbegehr
irgendwo auf deutschem
Boden in Stein ausgehauen gestanden hätte oder nicht; wie aber die
Dinge einmal liegen, ist die Frage zu einer entscheidenden Machtfrage
herangewachsen: die überwiegende Mehrheit aller Deutschredenden
will nichts von der monumentalen Verherrlichung eines Menschen wissen,
der Deutschlands Zukunft mit „dem Mist aus sechsunddreißig
Gruben“ verglich; die kleine Minderheit aber, welche die
öffentliche Meinung tyrannisiert, ist entschlossen, jener Mehrheit
das Denkmal abzutrotzen und aufzuzwingen, und sie weiß besser als
ihre Gegner, welchen Wert solche rein ideale Entscheidungen besitzen.
Darum wird es eine Pflicht — auch für solche, die lieber abseits
stehen und sich möglichst wenig mit den Streitfragen des Tages
befassen — hier laut und deutlich zu reden, und zwar ohne jene
vorsichtigen Verklausulierungen, die üblich sind, sobald von Heine
die Rede ist. Sie fragen mich, ob Sie meine Antwort verwenden
dürfen; ja, wenn es Ihnen beliebt, aber unter einer Bedingung:
entweder die ganze Arbeit lückenlos oder gar nicht.
Wien,
23. November 1906.
Ihr sehr ergebener
Houston Stewart
Chamberlain
92
HERMANN LEVI
Wer
mit richtigem
Verständnis ein Charakterbild Hermann Levis
entwürfe,
würde, glaube ich, einen nicht uninteressanten Beitrag zu der
Kenntnis unserer Zeit liefern. Denn Levi war einer jener Menschen, in
denen ein Allgemeines scharf individualisierte Gestalt gewinnt, wodurch
dann wiederum das betreffende Individuum eine
überpersönliche, typische Bedeutung erhält und uns,
gleichsam wie mit einem Schlüssel, das Verständnis
höchst verwickelter Gesamterscheinungen aufschließt. Auch
vom Genie kann man behaupten — und es ist häufig
geschehen —‚ es gäbe uns eine Synthese des Mannigfaltigen, eine
Verdichtung zum Einfachen und daher Anschaulichen; doch gilt dies nur
unter vielfachen Beschränkungen und Synthese ist etwas ganz
anderes als Typus. Wohl spiegelt sich in dem Lebenswerk eines Platon
oder eines Goethe die umgebende Zeit mit eigentümlicher
Leuchtkraft wieder, nicht aber weil diese Männer typisch für
ihre Zeitgenossen wären, sondern im Gegenteil, weil sie, ihrem
Wesen und Können nach, einer höheren Gattung angehören
und nunmehr das Zeitlose, was sie schöpferisch formen wollen, mit
vollendeter, naiver und objektiver Unumwundenheit aus dem vorliegenden
Stoffe gestalten. Weil das Genie n i c h t seiner
Zeit angehört, darum
spiegelt es die Zeit so richtig wieder. Das Gegenteil ist bei einem
Manne wie Levi der Fall. Er gehört ganz und gar seiner Zeit und
seinem Volke an; sein Leben ist ein leidenschaftliches
Leben i n d e r
Z e i t; und indem er das, was er ist, restlos in Tat umsetzt,
lernen wir
aus den Taten dieses Mannes sein Wesen kennen, — nicht sein
individuelles Wesen allein aber, sondern das vieler anderer,
gleichgearteter Männer, die nicht begabt genug oder energisch
genug waren, um in ähnlicher Weise das Unsichtbare ihres Innern
deutlich in das Tageslicht hervortreten zu lassen. Die typische
Bedeutung ist das Ergebnis einer ungewöhnlichen Begabung und einer
noch ungewöhnlicheren Energie.
93
HERMANN LEVI
Wäre Levi lediglich ein sehr tüchtiger Musiker und
Kapellmeister gewesen, so würde die nackte Chronik seiner
Beziehungen zu Richard Wagner genügen; solcher Kometen gibt es
viele im Leben des Meisters; sie leuchten auf, sobald des Himmels
Lichtgestirn sie erfaßt und in seine Nähe zieht, sie
löschen aus, sobald sie von ihm zurückweichen. Levi dagegen
ist schon an und für sich eine Erscheinung, wert unsere
Aufmerksamkeit zu fesseln. Seine Beziehungen zu Wagner und Bayreuth
sind nicht passive. Von gar vielen Mitarbeitern wird man sagen
müssen, der Meister habe aus ihnen alles gemacht, was er wollte —
soweit die eisernen Grenzen der Begabung dies zuließen; und wenn
man dann dieselben Leute an anderen Bühnen wirken sah, begriff
man, daß sie in Bayreuth ein Übermäßiges
geleistet hatten, als angezauberte Träger eines höheren
Willens. Bei Levi verhielt es sich anders. Wagner und er standen
einander wie zwei völlig geschiedene Erscheinungen gegenüber.
Wer es bezweifelt, wird durch die Briefe des Meisters an ihn eines
Besseren belehrt werden. Hier war es vielmehr das Genie, welches sich
passiv verhielt, während das seltene und glühend
begehrensvolle Talent aus eigener Kraft an ihm sich emporrankte. Und
darum erschöpfen die Beziehungen Levis zu Wagner keineswegs das
Interesse, welches uns seine Gestalt einflößt; sie bilden
nur einen Höhepunkt in einem Leben, welches ganz und gar dem einen
einzigen Streben gewidmet war, sich deutsche Kultur als ein Eigenes,
wirklich Besessenes zu assimilieren, ja, in sie aufzugehen, mit ihr zu
verschmelzen. Und hatten wir vorhin in Levis Begabung und Energie die
Eigenschaften erkannt, welche die B e d e u t u n
g s e i n e r
P e r s ö n l i c h k e i t begründen, so
berühren wir jetzt
dasjenige, was die bewußte T r a g i k d
i e s e s L e b e n s war.
Wer das ‚Judentum in der Musik“ kennt, wer namentlich „Erkenne dich
selbst“ so aufgenommen hat, wie diese Schrift aufgenommen werden soll —
feierlich, unerbittlich und dennoch tatenfrisch — wird mich verstehen.
Das gewaltige geschichtliche Verhängnis, in dessen Schatten wir
wandeln, gestaltete sich hier zu einem leidenschaftlichen Kampfe in
eines bedeutenden Menschen Busen um.
Es
wäre kleinlich und durchaus nicht im Sinne Levis, wollte man an
der Tatsache seiner Stammesangehörigkeit stillschweigend
vorübergehen; er selber berührte sie häufig; sie lag dem
Rätsel — ich
glaube. ich darf
sagen, dem unlösbaren Rätsel — seines
94
HERMANN LEVI
Wesens und seines Lebens
zugrunde, sie war es, welche seinem erfolgreichen Wirken und seinem
Wesen, auch bei allem öfter hervorbrechenden Übermute, den
Stempel des Tragischen aufdrückte. Und daß sie es tat, das
gerade beweist, daß wir es hier mit einem Mann von Bedeutung zu
tun haben, mit einem Mann, den Phrasen nicht sättigten. Die Kluft,
welche Sem und Japhet scheidet, reicht gewiß sehr tief in das
Verborgene hinunter, doch bleibt sie an manchen Orten unsichtbar und an
anderen ist sie ein bloßer Riß; es gibt aber eine Stelle im
Gemüt und eine andere im Intellekt, wo sie weit offen gähnt.
Es ereignet sich nicht selten, daß reich begabte und ernst
beanlagte Juden an diesem Bewußtsein einfach zugrunde gehen;
während die ungeheure Mehrzahl ihrer Volksgenossen sich unter uns
unendlich wohl fühlen, Heine und Goethe, Spinoza und Kant,
Karpeles und Treitschke in ihrem steppenartigen, für jede
Gestaltsunterscheidung unfähigen Bewußtsein gatten, gibt es
Juden — ich habe mehrere solche gekannt und einer von ihnen war einer
der liebsten Freunde meiner Jünglingsjahre — welche jene Kluft so
schmerzlich empfinden, daß sie an dem Leiden hinschmachten; keine
Worte und Taten der Liebe vermögen hier zu trösten und
aufzurichten, und während unsere Menschheitsdudelsackpfeifer ihre
endlose Melodie mit aufgepausten Backen weiter leiern, sterben diese
armen ehrlichen Menschen dahin. Das sind Juden, wie Josef R
u b i n s t e i n
z. B. einer gewesen ist. Bei Levi dagegen war das Verhältnis ein
umgekehrtes. Nicht etwa als hätte er kein Gemüt besessen. Die
Leidenschaftlichkeit seines Wesens habe ich schon betont; er war auch
leidenschaftlich gut, hilfreich, werktätig, generös. Ich
glaube, Levi gehörte zu jenen Naturen, die im Geben kein Maß
kennen. Und wer, der ihn näher gekannt hat, könnte vergessen,
wie es in seinem Auge in gewissen Momenten vor Freude über
gelungene Guttat aufleuchtete? Wer von uns — wenn nur mehr es
wüßten! — könnte je vergessen, daß er, fast
allein unter allen, des Meisters letztes Vermächtnis, den
Stipendienfonds, nie aus den Augen ließ und immer wieder —
rastlos, eigensinnig, anfeuernd — dafür eintrat, dafür warb,
dafür kein Opfer scheute? Wie er ja auch für die Bayreuther
Stylschule stets ein tätiges Interesse bekundete, wovon die
Zuführung des von ihm entdeckten Burgstaller gewiß ein
vorzügliches Zeugnis ablegt. Welchen Eifer er in den Verhandlungen
mit dem Verwaltungsrate bei Festspiel-Ange-
95
HERMANN LEVI
legenheiten an den Tag
legte, das wurde mir erst vor kurzem aus dankbarem Sinne mündlich
berichtet. — Zu diesen Äußerungen der
Werktätigkeit gehören aber auch die der Begeisterung und
des Temperamentes; mit der einen zündete er und mit dem anderen
riß er hin; und zwar nicht bloß wenn er den Taktstock
schwang, nein, auch im Gespräch, in der freundschaftlichen
Kontroverse an seinem gastfreien Tische, in dem Bestreben, kritische
Abwehr zu brechen. Wie behend konnte der schon kränkliche Mann
aufspringen, wenn es galt, diesen und jenen „Dichter“ oder einen Band
aus unseres Meisters gesammelten Schriften herunterzuholen aus seiner
reichen Büchersammlung, und wie warm klang die Stimme, wenn sie
die Worte vortrug! Trotz alledem überwog bei Levi entschieden die
intellektuelle Befähigung. Und ganz genau an diesem Punkte fand
eine so intime Berührung mit uns Germanen statt, daß wir ihn
zu den Unsrigen zählen durften; z u g l e i c h
aber gähnte gerade
hier die Kluft so weit, daß man von hüben und drüben
mit trostlosen Augen sich anblickte.
Das
war die herbe Tragik dieses Schicksales; Jeder, der mit dem seltenen
Manne in Berührung kam, hat an sich etwas davon erfahren.
Wäre Levi eine weniger tief beanlagte Natur gewesen, er wäre
bei seiner großen Begabung sorglos und mit vollen Segeln auf die
Oberfläche unserer Zivilisation hingesteuert. Levi war aber kein
bloßer Musiker, er war ein Mann von großer Bildung, ja, was
mehr ist, von weiter Kultur. Gerade der Kulturgedanke war es, der ihn
magisch an das Germanentum heranzog und mit trotziger
Leidenschaftlichkeit und Unermüdlichkeit die Aufnahme begehren und
erarbeiten hieß. Es gibt wenige Deutsche, die in Goethe so zu
Hause sind, wie Hermann Levi es war. Ihm galt es nicht, sich ein
Bildungsminimum anzulackieren und glänzend zu erhalten, noch war
es jene widerliche Goetheprotzerei, aus der einige Juden sich eine
Spezialität gemacht haben, nein, es war echte Einsicht in die
überragende Größe dieses Fürsten unter den
Germanen, es war anbetende Verehrung, es war hingebende Liebe, es war —
vor allem — ein ewiges Sehnen. Ich glaube, wir wären berechtigt
zu sagen: der Blick hinauf zu deutscher Kultur war Levis R
e l i g i o n.
Goethe, Mozart, Richard Wagner: sie waren die Heiligen, zu denen er
betete. Doch ließ er es nicht bei diesen Größten
bewenden. Die lebendige Atmosphäre deutscher Kulturarbeit war ihm
ein tägliches Bedürfnis: von Gottfried Keller
96
HERMANN LEVI
bis zu Wilhelm Hertz,
er
hat sein ganzes Leben in der Umgebung reichbegabter, schaffender
Deutscher zugebracht; ihre Nähe war ihm Bedürfnis und sein
eigenes Wissen und Wesen machte ihn allen wert. Es konnte sogar
vorkommen, daß er nur aus Sehnsucht und Liebe recht schiefe
Urteile fällte. Hier schwand manchmal die Sicherheit des
vielerfahrenen Mannes. Doch wer scharfe Augen besitzt, blickte gerade
in solchen Momenten bis in die Tiefen dieses unablässig an sich
arbeitenden Geistes hinein und sah, wie dort, in der Glut, alles
geschweißt und geschmiedet wurde. Denn Levi war immer bereit,
seine Irrtümer einzugestehen. Was ihm fehlte, war jene unschuldige
Unbefangenheit, deren Blick sich mühelos die Wahrheit aneignet;
was ihm eignete, war — außer der rastlosen Energie — die
intellektuelle Redlichkeit gegen sich selbst. Sollte es jemals in
seinem Innern Konflikte zwischen Sem und Japhet gegeben haben, die nur
durch Zugeständnisse an ersteren zu lösen waren, so kann ich
mir vorstellen, daß er ihm eine Handlung, irgend etwas
Äußeres zum Opfer gebracht habe, nicht aber eine
intellektuelle Überzeugung und Errungenschaft.
Wer es
nun einstens unternimmt, diesen Mann zu schildern, wird aus seinem
Leben eine große und schöne Moral ziehen können. Sie
wäre geeignet in dem Sinne der Schlußworte vom „Judentum in
der Musik“ und von „Erkenne dich selbst“ Hoffnung zu wecken. Denn immer
wieder lehrt uns das Leben, daß Hoffnung nicht das
Herbeiwünschen eines Unmöglichen bedeuten kann — sonst
wäre sie ja die hohe Schule der Hoffnungslosigkeit — sondern
daß wir uns von diesem guten Genius führen lassen sollen,
ohne zu fragen, wohin der Weg geht. Taten allein heiligen das Leben.
Und vermögen wir auch nicht zu ersehen, woher die Lösung des
tragischen Problems kommen soll, dessen typischer, weil hervorragender
und bewußter Vertreter Levi war, so lehrt uns doch dieser Mann,
was wir inzwischen zu tun haben. Er zeigt uns, welche
unvergängliche
Verdienste ein jeder sich erwerben kann, der mit Ungestüm sich dem
Dienste deutscher Kultur widmet. Er ist hierdurch nicht allein seinen
engeren Stammesgenossen, sondern uns allen ein Beispiel. Und durch
Beispiele zu bilden ist die Lehre, welche Richard Wagner uns
hinterlassen hat.
Mußten wir uns aber zuletzt sagen, daß das
Eigentümliche dieses nun abgeschlossenen Lebens eben jenes
unermüdliche Streben und Suchen — ein großes Sehnen —
gewesen sei, so empfängt auch dies
97
HERMANN LEVI
eine über das Leben
und seine Erscheinungsformen hinausreichende Weihe, in unserer
Erinnerung an die unvergleichliche Art, wie es Hermann Levi gelang, das
trostlose, aber auch rastlose Irren des nach dem Grale suchenden
Parsifal im Vorspiele zum dritten Aufzuge bei seiner Direktion des
Werkes wiederzugeben. In dieser bedeutsamen Vereinigung von Mensch und
Künstler, Wesen und Begabung, erfuhr ein in der Wirklichkeit
unlöslich dünkendes Problem seine ahnungsvolle
künstlerische Lösung. —
„Noch
einmal vernehmen wir die Verheißung und — hoffen!“
(1904)
98
ÜBER
DILETTANTISMUS
Trotz
Goethe und
Schopenhauer schmeckt der Ausdruck „D i l e t t a n t“
noch immer mehr nach
einem Scheltwort als nach einem Ehrennamen. Nur in Dingen der Kunst
erkennt die öffentliche Meinung dem Dilettantismus Berechtigung zu
und zieht ihn groß, — gerade dort also, wo der Altmeister von
Weimar ihn mit Recht schonungslos bekämpfte, denn alle Kunst ist
zugleich eine Technik, und über Technik kann nur der Techniker
urteilen, und alle große Kunst ist Kunst des Genies, und Werke
des Genies kann man annehmen oder ablehnen, nicht aber abschätzen.
Dagegen stehen die Wissenschaften einem jeden offen; die
größten Gelehrten sind häufig sehr
mittelmäßige Köpfe; von Zoologie, von Philologie, von
Theologie kann jeder Kenntnis nehmen, den es gelüstet. „Die
Erfahrung gibt,“ schreibt Goethe, „daß Dilettanten zum Vorteil
der Wissenschaft vieles beitragen“; selten gelingt es dem Fachmann, wie
es dem Liebhaber gelingt, „einen Hochpunkt zu erreichen, von woher ihm
eine Übersicht, wo nicht des Ganzen, doch des Meisten, gelingen
könnte.“ ¹) Und Schopenhauer — der wie wenige Menschen fast
das
gesamte Gebiet menschlicher Leistungen überblickte — spricht die
Überzeugung aus, daß von Dilettanten und nicht von
angestellten „Fachleuten“ stets das Größte ausgegangen
ist. ²)
Diese
Urteile erwähne ich jedoch nur nebenbei, und es genügt mir,
wenn sie die Berechtigung des ernsten Dilettanten, neben dem Manne von
Fach mit Ehren genannt zu werden, einstweilen bezeugen: Ich selber
ziele tiefer. Auf einen Wettbewerb zwischen Fachmann und Dilettant habe
ich es nicht abgesehen; ich bezweifle auch, ob es hinfürder
möglich sein wird, auf irgend einem Gebiete ohne Fachkenntnisse
wissenschaftlich Bedeutendes zu leisten; der Laie, dem es gelingt, ist
einfach ein Gelehrter ohne öffentliches Amt. Die
—————
¹) B o t a n i s c h e Studien, Weimarer Ausgabe, Abt.
2, Band 6, S. 114.
²) P a r e r g a u n d P a r a l i p o m e
n a II, § 255. Man vgl. auch
Seite 760 der
Grundlagen.
99
ÜBER DILETTANTISMUS
Zeit ist nicht still
geblieben. Mußte schon vor hundert Jahren der Fachgelehrte sich
beschränken, jetzt muß er es noch viel, viel mehr. Wer nicht
selber Fachstudien betrieben hat, wird sich kaum vorstellen
können, wie eng und eisern der Umfassungswall ist, der sich um das
Gebiet eines wissenschaftlichen Forschers zieht. Das kann nicht anders
sein; doch es gibt noch einen anderen Weg, den uns Goethe durch sein
bekanntes, tiefsinniges Wort weist: „das Unzulängliche ist
produktiv“; ein Wort, das seinen ganzen Sinn enthüllt, wenn man es
ergänzt: „zu viel Wissen erzeugt Unfruchtbarkeit“. ¹) Ich
glaube, der echte Dilettant ist heute ein Kulturbedürfnis. Sowohl
der Gelehrte — zur Belebung seiner Wissenschaft —‚ wie auch der Laie —
zur Befruchtung seines Lebens durch lebendig gestaltetes Wissen —‚
beide können heute des Dilettanten nicht entraten, des Mannes, der
mitten inne zwischen Leben und Wissenschaft steht. Wir brauchen
Männer, die befähigt und gewillt sind, gleichsam als
„geschulte Nicht-Fachgelehrte“ zu wirken, sonst fällt die
Gesamtheit unseres Wissens immer mehr auseinander und bildet im besten
Falle ein Mosaikbild, nicht einen lebendigen und als lebend empfundenen
und verwerteten Organismus. Das Zusammenfassen und das Beleben ist das
Werk, das heute dem Dilettanten, wie ich ihn verstehe, obliegt.
Wirkliches Leben entsteht immer nur dort, wo verschieden Geartetes
zusammentrifft, — also außerhalb der Schranken der
Fachwissenschaft. Daß dieser Dilettant kein Stümper sein
darf, liegt auf der Hand; wäre er einer, so täte er besser,
umzusatteln und sich Fachstudien zu widmen, denn in den Wissenschaften
kann jede noch so geringe Begabung Verwendung finden, im Dilettantismus
nicht. Und noch eins: Dilettant ist, wer aus Liebe und Leidenschaft,
ohne jede Eigensucht, eine Sache betreibt; echter Dilettant aber nur,
wer sich selber im Zaum hält und dessen Vernunft seiner
Leidenschaft gebietet; der Gelehrte darf Steckenpferde reiten, denn es
kann vorkommen, daß er hierdurch Wissenschaft fördert, der
Dilettant darf es nicht, denn er stiftet damit nur Verwirrung. An den
echten Dilettanten werden hohe Ansprüche gestellt: wir fordern von
ihm eine vorzügliche Urteilskraft, das Auge
—————
¹)
Hierher gehört auch Kants Behauptung, daß bei genügend
großer Begabung „die
Unerfahrenheit desto vorurteilsfreier und darum desto geschickter
mache.“ (Brief an Bernoulli vom 16. November 1781).
100
ÜBER DILETTANTISMUS
eines Feldherrn —
zugleich scharf und vielumfassend, innere Freiheit, unermüdlichen
Fleiß und volle Hingebung. Gewiß unterliegen solche
Männer besonderen Beschränkungen, doch ich meine, sie
verdienen es, eine geachtete Stellung zwischen Fachgelehrten,
Künstlern und Männern des praktischen Lebens einzunehmen, und
es ist vollendet lächerlich, wenn schale Zeitungsfeuilletonisten
und beschränkte Dutzendprofessoren mit Achselzucken von
„bloßen Dilettanten“ sprechen.
Hier
muß aber auf noch eine Sache aufmerksam gemacht werden. Jeder
Beruf, indem er bestimmte Fähigkeiten unausgesetzt übt und
dadurch kräftigt, lähmt andere; das Naturgesetz des
organischen Gleichgewichtes bringt das mit sich; jeder Beruf birgt also
besondere Gefahren. Wer Augen hat zum Sehen, beobachtet das
täglich beim Offiziersstand, beim Kaufmannsstand, beim Juristen,
beim Geistlichen, beim Arzt, beim
Künstler...... Die Erkrankung, die dem
Fachgelehrten droht, ist nun eine besonders gefährliche; Immanuel
Kant, der sein Leben lang an der Quelle saß und also aus
täglicher Erfahrung schöpft, hat die Redlichkeit gehabt, es
offen auszusprechen: große Gelehrsamkeit schwächt leicht die
Urteilskraft. Teils kommt das von der Überanstrengung des
Gedächtnisses her, teils von der engen Beschränkung der
Interessensphäre, teils von der — für
Durchschnittsköpfe — demoralisierenden Wirkung des
widerspruchslosen Dozierendürfens. Daher Kants merkwürdig
schroffe Behauptung: „Die Akademien schicken mehr abgeschmackte
Köpfe in die Welt, als irgend ein anderer Stand des gemeinen
Wesens.“ Und mit Staunen bemerkt der weise und stille
Menschenbeobachter, was er „das Vorurteil des Unwissenden für
die Gelehrsamkeit“ nennt. ¹) Eine solche Sprache im Munde eines
Fachgelehrten und eines Mannes, der besonders vorsichtig und mild zu
urteilen pflegt, sollte uns wohl zu denken geben. Und in der Tat, das
Fachgelehrtenwesen, dessen unschätzbare Verdienste einem jeden
bekannt sind, birgt große Gefahren, auf die es Zeit wäre,
aufmerksam zu werden. Wie die übrigen Einrichtungen der
menschlichen Gesellschaft, erfordert auch das Gelehrtentum ein
Korrektiv, ein Gegengewicht. Schon im Interesse der Wissenschaft
wäre dies nötig. Der Gelehrte
—————
¹) Vgl. K r i t i k d e r r e
i n e n V e r n u n f t, 2. A., S. 174,
N a c h r i c h t v o n d e r E i n
r i c h t u n g d e r V o r l e s u n g e
n usw., V e r s u c h d e
n B e g r i f f
d e r n e g a t i v e n G r ö ß e
n usw. III, 4, Logik, IX und zahlreiche
andere Stellen.
101
ÜBER DILETTANTISMUS
wird leicht zugleich eng
und autoritär; weil er in e i n e r Sache
Bescheid weiß, glaubt
er sich manchmal allwissend und wird unduldsam wie nur irgend ein
zelotischer Pfaffe. Daher mag es wohl kommen, daß nirgends das
Autoritätenunwesen, ja, der Terrorismus üppiger blüht
als in der Gelehrtenrepublik; ein einziger „berühmter“ und
vielleicht wirklich hochverdienter Name genügt manchmal, um
dreißig Jahre lang alle originellen Köpfe, alle neuen,
fruchtreichen Gedanken in der betreffenden Wissenschaft brachzulegen
und eine Generation heuchlerischer Nachbeter und hochmütiger
Mittelmäßigkeiten heranzuziehen. In ähnlicher Weise
herrscht in der Wissenschaft das Dogma; wer z. B. heute nicht ohne
weiteres anzunehmen bereit ist, sämtliche lebende Wesen
hätten sich aus einer einzigen Urzelle „entwickelt“, wird auf
Naturforscherversammlungen einfach nicht zum Worte zugelassen. Man ist
erstaunt, wenn man erfährt, wie viele der bedeutendsten deutschen
Universitätsprofessoren von der Regierung ohne Mitwirkung und
sogar gegen den Willen der Fakultäten ernannt wurden — ich brauche
nur Johannes Müller, Leopold von
Ranke, Helmholtz,
Gräfe zu
nennen. Da sieht man echten Dilettantismus am Werke, zum Heile der
Wissenschaft und der Kultur! Und dieser Dilettantismus ist es, der
jetzt seine Einflußsphäre noch weiter ausdehnen muß, —
der Dilettantismus, der zwischen Gelehrten und Gelehrten zu
unterscheiden weiß, der die urteilsmächtigen und die
„abgeschmackten“ nicht in einen Topf wirft und der auch beim wirklich
großen Gelehrten zwischen dessen Gelehrsamkeit und dessen
unbewußtem Dilettantismus, zwischen dessen glänzenden
Gedanken und dessen beschränkten Vorurteilen eine Grenzlinie
zieht. Ein Gegner der Fachgelehrten soll der Dilettant beileibe nicht
sein, vielmehr ist er ihr Diener; ohne sie wäre er selber nichts;
er ist aber ein völlig unabhängiger Diener, der zur
Erledigung seiner besonderen Aufgaben auch seine besonderen Wege gehen
muß. Und empfängt er sein Tatsachenmaterial zum großen
Teile vom Gelehrten, so kann er seinerseits durch neue Anregungen
diesen sich vielfach verpflichten.
Zwischen dem Wissen und dem Leben zu vermitteln, ist ein schönes,
aber schwieriges Amt; keiner sollte sich daran wagen ohne ein tiefes
Bewußtsein der übernommenen Verantwortlichkeit.
(November 1902.)
102
DIE NATUR ALS
LEHRMEISTERIN
EIN NEUES BILDUNGSIDEAL
Orationis apices, non
rerum
subtilitates,
secuti sunt
homines.
F r a n c i
s B a c o n
Daß
bei der Frage
einer Reform des Unterrichts die Schulmänner das große Wort
führen, ist natürlich, doch meine ich, daß es nur zum
Teil berechtigt ist. Denn wir müssen hier zweierlei unterscheiden.
Zunächst ist es nicht anders möglich, als daß jede
erstrebte Umbildung der Unterrichtsmethoden auf gewaltige praktische
Hindernisse stößt. Es handelt sich darum, eine Maschine
umzubauen, während sie arbeitet und ohne die kürzeste
Einstellung des Betriebes. Ein schwieriges Unternehmen, bei dem der
Fachmann sich als der Konservator fühlt, verantwortlich
dafür, daß kein Stillstand stattfinde. Immerhin wird aber
hiermit nur die eine Seite der Sache ins Auge gefaßt. Genau
ebenso wichtig wie die Bewahrung unseres ererbten Bildungsbesitzstandes
vor dem Schiffbruche, den eine unbesonnen plötzliche Umgestaltung
der Erziehungsgrundsätze zur Folge haben könnte, ist
nämlich die grundsätzliche Frage nach dem Bildungsideal, das
wir als erstrebenswert betrachten sollen, eine Frage, deren klare
Beantwortung jeder noch so vorsichtigen und allmählichen
Änderung in unseren Schulplänen vorangehen muß. Und ich
habe den Eindruck, als werde diese Frage selten aus genügender
Ferne — besser gesprochen, aus genügender Höhe betrachtet.
Eine grundsätzliche Überlegung nützt wenig, wenn sie
nicht von einem umfassend allgemeinen Standpunkte aus stattfindet. Der
Kampf für und gegen die Gymnasien, für und gegen den
klassischen Unterricht, für und gegen die Zulassung moderner
Sprachen und naturwissenschaftlicher Unterrichtsgegenstände wird
gewöhnlich viel zu sehr empirisch, praktisch,
opportunitätsmäßig geführt. Wogegen der Besitz
eines Ideals
die Hauptsache ist. Und ein Ideal braucht Luft und Licht; es braucht
breiten Bodenraum, um seine Wurzeln weithin zu verzweigen, und es
braucht Sonne und Sauerstoff, um ein Lebendiges zu sein und zu bleiben,
103 DIE NATUR ALS LEHRMEISTERIN
Ich verstehe unter einem
„Ideal“ die deutliche Vorstellung eines Erstrebenswerten, dem der
Einzelne und seine Nachkommen immer näher kommen können, ohne
wähnen zu dürfen, daß sie es jemals ganz besitzen
werden. Ein Ideal ist das Richtunggebende, und wer bei irgendeiner
Frage keins besitzt, gleicht einem Seemann ohne Kompaß. Der
klassische Philologe nun — der seit mehr als einem Jahrtausend das
Monopol über unseren europäischen Unterricht führt und
es auch jetzt nur scheinbar an einzelnen zerstreuten Orten für
Bruchstücke der gebildeten Bevölkerung einzubüßen
beginnt — der klassische Philologe besitzt ein Ideal, ein zwar stark
verholztes, mehr durch mechanische Massenhaftigkeit, als durch
frischen, reichlichen Saftstrom aufrecht erhaltenes, aber immerhin ein
wirkliches, bewährtes, verehrungswürdiges Ideal. Und nie
werden wir moderne Menschen erfolgreich durchdringen, wenn wir nur
praktische Rücksichten wider ihn ins Feld führen, wie da sind
die Unentbehrlichkeit neuerer Sprachen, die Zahl der Schulstunden und
dergleichen. Gegen ein altes Ideal vermag nur ein neues Ideal
aufzukommen. Der Idealist wird immer siegen; er allein ist wirklich
„praktisch“, nämlich in einem höheren Sinne; und er allein —
wie anfechtbar sein Ideal auch sein mag, ja, wie alles Menschliche sein
muß — er allein besitzt jene übermäßige
Lebenskraft, welche ihren Willen gegen andere Willen durchsetzt. Ohne
also dem Schulmanne in sein Fach hineinzupfuschen, müssen wir
darauf bedacht sein, in den Herzen unserer Zeitgenossen ein neues
Bildungsideal zu wecken, ein vollkommen klares, zusammenhängendes,
logisches, zugleich ein feuriges, unabweisbares, mit aller Zauberkraft
der Sehnsucht begabtes; besitzen wir es erst, so wird es sich als ein
Übermächtiges schon selber den Weg in die Praxis bahnen.
Betrachten wir zunächst das sogenannte „klassische“ Ideal. Heute
erzählen uns seine Verteidiger Wunder über den bildenden
Einfluß, den die Beschäftigung mit lateinischer Grammatik
auf Geist, Gemüt und Geschmack ausüben soll; das bedeutet
aber nur eine letzte Verschanzung, in die sich die Philologen
verrammelt haben; um die tausendjährige Macht dieses
Bildungsideales zu verstehen. müssen wir auf seinen Ursprung
zurückgehen. Hier finden wir alles klar und ohne jede Sophistik.
Mochte auch das römische Imperium zugrunde gegangen sein, eines
blieb übrig: die Kirche, die es sterbend geschaffen hatte, und die
Sprache dieser Kirche. Sie — die Kirche —
104 DIE NATUR ALS
LEHRMEISTERIN
ist es, welche die alte
Sprache aufzwingt als einziges Medium der Rechtgläubigkeit, des
Rechtes, des Wissens, und die jeden Versuch abwehrt, den neuen — und
das heißt den germanischen — Sprachen einen Anspruch aufs Dasein
als Kultursprachen einzuräumen. Was hätten wohl römische
Bürger und Bauern dazu gesagt, wenn ihr Recht in einer fremden
Sprache gehandhabt worden wäre? und die Männer von Athen,
wenn ihre Philosophen und Dichter assyrisch oder ägyptisch
geschrieben hätten? Das aber ist die Zumutung, von welcher das
heute noch herrschende Bildungsideal seinen Ausgang nimmt. Und so
erstrebt denn eingestandenermaßen die älteste Form des
klassischen Bildungsideals nur zweierlei: erstens die
Rechtgläubigkeit im Sinne Roms, zweitens die möglichst feine
Ausbildung der Sprachkünste, der „artes sermocinales“, wie man sie
nannte. Nur die Rechtgläubigkeit sicherte die Herrschaft des
seiner irdischen Gewaltmittel beraubten Roms, während die
meisterhafte Ausbildung der Dialektik oder Redegewandtheit nicht dazu
diente, Geist und Gemüt auszubilden — wie man es uns heute
einreden möchte — sondern zur Verteidigung der Dogmen, mithin zur
Befestigung jener Rechtgläubigkeit. Die „orationis apices“, wie
Francis Bacon sagt, das heißt die Spitzfindigkeiten der Rede: sie
bildeten das eigentliche Ziel allen Unterrichtes; denn nur durch sie
wurden die Dogmen der Kirche verständlich und nur durch sie war
man fähig, diese Dogmen gegen Irrglauben zu verteidigen. „Ohne
logicam kann niemand zu dem ewigen Leben kommen“, lehrt im
fünfzehnten Jahrhundert an der Wiener Universität der
Dominikaner Johann Nieder. (Vergleiche Paulsen: Geschichte des
gelehrten Unterrichts.) War also die Erhaltung der lateinischen Sprache
eine Grundbedingung für die Erhaltung des römischen
Imperiums, so diente, wie man sieht, die ungeheure, fast alles andere
verdrängende Bevorzugung des Sprachstudiums im Grunde genommen
demselben Ziele. Nun kam aber mit der Zeit folgendes hinzu. Es ist ein
Charakteristikum der spezifisch römischen Kirchenväter (im
Gegensatz zu den hellenischen), daß sie alle Wissenschaft und
Kunst überhaupt abschaffen wollten; Ambrosius sagt: „Wissenschaft
ist eine schädliche Torheit, der man den Rücken kehren
muß, ehe man Gott finden kann“, und Augustinus meint, die
Beschäftigung mit Wissenschaft sei „Zeitverlust“, und die Kunst
sei „eine überflüssige Einrichtung“.
105 DIE NATUR
ALS
LEHRMEISTERIN
Das
Bildungsideal der Kirche in seiner ganzen Reinheit hätte also die
Unterdrückung jeglichen Unterrichtes mit Ausnahme der Theologie
und der lateinischen Disputierkunst gefordert. Doch so läßt
sich der Menschengeist auf die Dauer nicht knechten; er wollte wissen,
er wollte forschen, er wollte gestalten. Zu fest aber wurzelte schon
und zu bewußt das Bildungsideal der Rechtgläubigkeit, als
daß es durch den blinden Drang nach Wissen hätte
umgestoßen werden können; vielmehr wurde es lediglich
erweitert. Über die lateinischen Autoren, welche Naturlehre und
Philosophie behandelt hatten, drang man durch zu ihren griechischen
Quellenschriften; das Ideal der Rechtgläubigkeit blieb jedoch
bestehen, nur daß man für Naturdinge an Aristoteles glaubte,
wie man für übernatürliche Dinge an die Heilige Schrift
und die Enunziationen der Kirche zu glauben gewohnt war. Hierdurch aber
entstand ein zweites sprachliches Bedürfnis; denn da das Wort des
Aristoteles unbedingte Autorität besaß, mußten
ernstere Männer dieses Wort in unzweifelhaft zuverlässiger
Rezension zu besitzen streben; die lateinischen Übersetzungen,
womöglich lateinisch nach arabischen Verdolmetschungen, konnten
ihnen nicht genügen. So sehen wir denn im 13. Jahrhundert bei
Männern vom Schlage des Physikers und Naturalisten Roger Bacon das
Bedürfnis nach philologisch genauer Erforschung der griechischen
Sprache laut werden, zu einer Zeit, wo die eigentlichen Literaten
garnicht daran dachten und die Auswanderung der griechischen, von den
Türken verjagten Gelehrten nach Italien noch nicht begonnen hatte.
Diese Tatsache darf man nicht übersehen, denn sie zeigt, daß
die Einbeziehung des Griechischen in den Bildungsplan nicht der
aristokratischen Schöngeisterei der Renaissance zu verdanken ist,
sondern aus genau den gleichen Erwägungen wie die des zugrunde
liegenden Lateinischen hervorging; nicht also aus irgend einer konfusen
Vorstellung besonderer geist- und gemütbildender Eigenschaften der
lateinischen und griechischen Sprachen und Literaturen, sondern aus der
gläubigen Überzeugung, daß alles Wissen über
göttliche und menschliche und natürliche Dinge, dessen unser
Geschlecht fähig sei, in den Schriften dieser Sprachen
aufgespeichert liege. Es handelt sich um ein konkretes Bedürfnis
nach Wissen.
Was
weiter geschah, ist bekannt. Die Hoffnung auf Wissen wurde betrogen.
Ausschließlich abseits von dem klassischen Bil-
106 DIE NATUR ALS
LEHRMEISTERIN
dungsideal, ja, nur im
Gegensatz zu ihm ist unsere gesamte heutige Zivilisation entstanden;
und vier Jahrhunderte, nachdem der eine große Forscher behufs
Ergründung der Naturgesetze die wissenschaftliche Philologie der
alten Sprachen gefordert hatte, durfte ein anderer, ebenso bedeutender,
René Descartes, die Behauptung wagen: „il n'est pas du devoir
d'un honnéte homme de savoir le grec ou le latin, pas plus que
le langage suisse ou bas-breton.“ Für die Erforschung der Natur ist
in der Tat die Kenntnis der alten Sprachen völlig wertlos und die
einseitige Ausbildung der Redekunst und — hiermit im Gefolge — der
Logik und Dialektik, geradezu schädlich. Jedoch, wie es mit
Idealen zu gehen pflegt, leer lassen sie einen nie ausgehen, und an
Stelle des gesuchten Wissens hatten wir im alten Griechenland die nicht
gesuchte Kultur gefunden, das heißt Kunst und Weltanschauung,
Homer, Sophokles, Plato, damit zugleich die Vorstellung eines romfreien
Menschen. Wer vermöchte es, die Bedeutung dieses Gewinnes
anzugeben? Und zwar wäre es ein restloser Gewinn gewesen, wenn
nicht jene beiden Grundpfeiler des altsprachlichen Bildungsideals — die
Rechtgläubigkeit und die Grammatik — unerschütterlich
geblieben wären. So aber kristallisierte die neuentdeckte Kultur
sofort zu einem neuen Dogma, und nach wie vor bildete für unsere
Erzieher die Beherrschung ausgestorbener Sprachen und die
grammatikalische Gewandtheit den Inbegriff von „Bildung“. Handgreiflich
ausgedrückt: Bücher
kennen und
darüber zu reden verstehen, — das war und ist noch heute das
klassische Bildungsideal.
Nun
liegt die Frage sehr nahe: wenn die Hellenen eine beneidenswert
hochentwickelte Kultur besaßen, wie haben sie ihre Kinder gebildet? Welches
war ihr Bildungsideal? Denn daß dies für jede Kultur
ausschlaggebend sein muß, liegt auf der Hand; und der
Unterrichtsgang atheniensischer Knaben ist uns genau bekannt. Nichts
zeigt aber deutlicher, wie sehr die Rechtgläubigkeit das Fundament
unseres Bildungsideales geblieben ist, als daß die Beantwortung
dieser Frage niemals den geringsten Einfluß auf unsere eigenen
Erziehungsmethoden ausgeübt hat. Das Dogma stand eben und steht
noch fest: wir Germanen müssen aus den Büchern der Griechen
und Lateiner unsere Bildung schöpfen. Ganz anders dachten die
alten Griechen. Die fremden Sprachen wurden von ihnen grund-
107 DIE NATUR ALS
LEHRMEISTERIN
sätzlich verachtet;
alle Liebe gehörte der eigenen. Doch kannten diese großen
Sprachkünstler unsere ängstlichen grammatikalischen
Bemühungen nicht; diese galten höchstens als vollendend
für einzelne Bevorzugte, nicht als grundlegend. Und mit Recht;
denn jede wirklich schöne Sprache entsprießt spontan dem
wahren Bedürfnisse, etwas zu sagen; wogegen der philologische
Unterrichtsgang unserer Kindheit zwar die Handhabung der Sprache
übt, doch ihren Brunnquell zustopft. Die Griechen gingen
anders zu Werke. Wie bei uns die Rechtgläubigkeit, so war bei
ihnen die
grundsätzliche Ausbildung des Körpers zu Gesundheit und
Stärke und Schönheit die unerschütterliche Grundlage
aller Bildung. Die kleineren Knaben genossen (wenigstens von Staats
wegen) überhaupt keinen anderen Unterricht, und die Pflege der
Gymnastik, sowie allerhand körperliche Leibesübungen blieben
von da an bis ins Mannesalter die große Hauptbildungsaufgabe; es
war das „Latein“ dieser glücklichen Menschen. „Ungebildet“ nannten
die Griechen einen Mann, der nicht schwimmen konnte! Die zweite
Säule, auf welcher die hellenische Kultur ruhte, war die
sorgfältige Unterweisung jedes Menschen in der Musik. Nicht etwa
die dilettierende Musiksimpelei unserer Tage, sondern Musik,
aufgefaßt als die Seele der Dichtkunst und jeder anderen Kunst.
Da nämlich die Griechen keine bloße Wortdichtung, sondern
nur gesungene Dichtung kannten, so konnten sie ihren Knaben nicht — wie
wir den unserigen — bloße Verse eintrichtern, sondern zugrunde
mußte die Unterweisung im Gesange, in der Rhythmik und Melodik,
sowie auch namentlich in der Unterscheidung der Tonarten gelegt werden.
Virtuosität ward nicht erstrebt, sondern durch die Musik sollte
die innerste Seele alles künstlerischen Schaffens geweckt und
vertraut, zugleich auch die Roheit des Naturmenschen überwunden
werden. Die alleinige gymnastische Bildung hätte aus den Griechen
ein Volk von Gladiatoren gemacht; Gymnastik gepaart mit Musik machte
aus ihnen ein Volk von Künstlern. Dazu kam denn noch ein Drittes
und Letztes: die Mathematik. Wiederum nicht die Virtuosität, nicht
Schnellrechnerei — das alles nennt der Grieche mit seinem Plato „die
gemeine Weise“ — sondern „eine Leitung der Seele zum Wesentlichen und
ein Bildungsmittel philosophischer Denkart“. Die Mathematik spielte bei
den Hellenen die Rolle, die,
108 DIE NATUR ALS
LEHRMEISTERIN
bei uns leider die
Grammatik übernommen hat. Die Logik jeder Grammatik ist eine
zeitlich und örtlich beschränkte; eine ganz logische Sprache
wäre eine unbrauchbare Monstrosität; darum hat jede sogen.
„Regel“ sogen. „Ausnahmen“, und beide, Regel und Ausnahme, entspringen
willkürlichen, lediglich methodischen Auffassungen; außerdem
führt keine Grammatik weiter als bis zu sich selbst. Dagegen ist
die Mathematik das einzige Rein- und Allgemeinmenschliche; die
Mathematik ist ohne Willkür, ist evident, ist ewig wahr; das
Gebiet der Mathematik ist grenzenlos; statt in einer beschränkten
Überlieferung eingesperrt zu sein, schreitet hier der Mensch jeden
Tag vorwärts. Dazu kommt, daß die Mathematik die hohe Schule
der Anschauung und (wie Leonardo uns gelehrt hat) aller bildenden Kunst
ist. Zugleich ist sie (wie Plato geahnt und Descartes gezeigt hat) die
hohe Schule der Philosophie und philosophischer Naturforschung, weil
sie allein lehrt, die Natur vom Konkreten zum Abstrakten und wieder vom
Abgezogenen zurück zum Anschaulichen zu bringen.
Wie
groß und bewundernswert ist nicht dieses hellenische
Bildungsideal
— Gymnastik, Musik, Mathematik — unserm armseligen philologischen Ideal
gegenüber! Der Mensch als physisches Individuum: dies die Quelle
jeglicher Tatkraft; der Mensch als empfindendes Wesen: die Grundlage
der moralischen Persönlichkeit; der Mensch als die zum Denken
erwachte Natur: Klarheit und Folgerichtigkeit als erste Pflicht. So
ward in einfacher, kühner Weise die Physis, das Ethos, die Sophia
herangebildet, das heißt zur selbsttätigen Entwicklung
gereizt und gefördert. Und wir? Von klein auf über
Bücher gebückt, bebrillt und bucklig, in der Moderluft toter
Sprachen, die kein Mensch mehr auch nur auszusprechen weiß. Und
wozu? Weil die philologische Rechtgläubigkeit das Dogma vertritt: nur in den Schriften
dieser ausgestorbenen Völker sei ein „bildendes“ Element
enthalten; und weil unsere Schulmänner aus alter kirchlicher Zeit
den Wahngedanken übernommen haben: die Ausbildung der
Sprachgewandtheit bedeute eine kulturelle Tat und sei sich Selbstzweck.
Ich
nannte vorhin das Bildungsideal, das noch heute unsere Schulen
beherrscht, verehrungswürdig; ich tat es, weil es in der Tat in
früheren Zeiten große Verdienste sich erwarb; ich tat es,
weil ich es noch heute — als ein Ideal — verehrungswürdig finde
109 DIE NATUR
ALS
LEHRMEISTERIN
im Vergleich zu gewissen
angeblich „praktischen“, in Wahrheit bornierten, jegliche Ausbildung
des Menschen zum Menschen verachtenden und vernichtenden Bestrebungen
unserer Tage. Tausendmal lieber will ich den langweiligen Cicero noch
weiter mit der Rute einpeitschen lassen, als jene durch doppelte
Buchführung, englisch-französisch-italienisches Radebrechen
und konfusen Darwinismus zum Kampf ums Leben ausgerüsteten
Unseligen für „gebildet“ anerkennen. Kontokorrentbarbaren sind
das, weiter nichts; Kaffern, die nicht einmal in der Sonne zu
vollwertigen Menschentieren ausgedunkelt sind. Das aber soll uns nicht
verhindern, unser neues Ideal zu errichten; und mag auch die Praxis
Kompromisse erfordern (wie gleich anfangs zugestanden wurde), in unserm
Ideal selbst dürfen wir keine Spur eines Kompromisses dulden,
sondern wir müssen offen erklären: das heute herrschende
latein-griechische grammatikalische und rethorische Bildungsideal ist
von Grund aus verfehlt; seit mindestens einem Vierteljahrtausend steht
es der kulturellen Entwicklung des Homo europaeus hemmend im Wege;
darum muß es bis auf die letzte Spur vertilgt werden; an seiner
Stelle soll unser neues Ideel rein und restlos zur Durchführung
kommen.
Und
welches wird diese neue Ideal sein? Etwa die Wiederaufnahme des
bewundernswerten hellenischen? Jedensfalls steht uns dieses viel
näher als das mönchische System, unter dessen Druck wir noch
heute als Sklaven Roms seufzen. Doch meinte ich, daß es unserer
germanischen Eigenart und den Bedürfnissen des neuen Tages nicht
entspricht. Wir müssen über die Hellenen hinausgehen; wir
müssen — wie
sie — unsere freie
Originalität wahren. Nur dem einen Bildungselement, der Gymnastik
und überhaupt der Leibesübung werden wir natürlich
denselben Platz einräumen müssen wie sie: das corpus sanum ist die
unentbehrliche Grundlage für die mens sana; „bewahret das Fleisch,
auf daß Ihr des Geistes teilhaftig werdet“, sprach Christus; und
da unser Leben ein ungesunderes ist, können wir umsoweniger der
Leibeskräftigung entbehren. Betrachten wir aber unsere Eigenart in
den Leistungen, die sie — allem Klassizismus zum Trotze — auf
wissenschaftlichem, philosophischem und künstlerischem Gebiete
aufzuweisen hat, so erkennen wir einen tiefgehenden Unterschied
zwischen den Hellenen und uns, und diesem Unterschied muß unser
Bildungsideal Rechnung tragen. Die
110 DIE NATUR
ALS
LEHRMEISTERIN
Natur im Gegensatz zu
Büchergelehrsamkeit und Autoritätenglauben: das wird uns mit ihnen
gemeinsam sein. Das hellenische System ist aber ein ausgesprochen
anthropozentrisches; was jener großartige Bildungsgang —
Gymnastik, Musik, Mathematik — bezweckt und auch tatsächlich
erzielt, ist einzig die möglichste Entwicklung der Menschennatur,
oder (wie wir ebenso gut sagen können) der Natur im Menschen. Wir
aber neigen und sind befähigt zum Übermenschentum — dies Wort
im Sinne Goethes, nicht im Aftersinne Nietzsches; uns lockt es, die
Natur außerhalb des Menschen zu erkennen und zu bewältigen.
Ebensowenig wie die Sonne um die Erde kreist, ebensowenig kreist die
Natur um das Hirn des Menschen; alle Hegels der Vergangenheit und
Gegenwart werden uns den Unsinn einer Identität zwischen Denken
und Sein nicht einschwärzen; unsere gesamte Naturwissenschaft
zeugt dagegen und ebenso alles, was in unserer Philosophie und
Kunst Originalität besitzt. Anstatt also uns in dem harmonischen
Kreise reinen Menschentums abzuschließen, streben wir hinaus und
suchen überall den Kontakt mit der großen Natur; so nur
können wir wachsen und das heißt leben; so nur können
wir von den Hellenen lernen, ohne sie steril nachzuahmen. Darum werden
wir in unserm Bildungsideal, nach der Ausbildung des Körpers, das
Hauptgewicht nicht auf die Musik, sondern auf die Anschauung legen, auf
das, was Goethe „die Welt des Auges“ nannte, Des Sehen müssen wir
planmäßig lernen und lehren. Die Griechen waren in mancher
Beziehung eigentümlich blind; sie sahen das menschlich
Schöne, nicht aber das Naturwahre; unsere Philologen haben
bekanntlich für beides keinen Sinn mehr, was Goethe an seinem
berühmten Freunde F. A. Wolf manchmal bis zur Fassungslosigkeit
ärgerte. Das Sehen allein aber genügt nicht, sondern
während die Hellenen die menschliche Logik durch die alleinige
Pflege der Mathematik einseitig ausbildeten, müssen wir von jung
auf die Aufmerksamkeit auf jene ganz andere Logik, die Logik der Natur,
lenken lernen, was nur durch die Erziehung zur Naturbeobachtung
geschehen kann. Hierin war der Grieche fast absurd unbeholfen; was wir
Germanen dagegen können, haben unsere großen Forscher
gezeigt; es muß Allgemeingut werden. Die Mathematik — das
heißt die Beobachtung des Reinmenschlichen — wird einen Teil,
aber nur einen Teil dieser allgemeinen Anleitung zur Beobachtung
ausmachen.
111 DIE NATUR
ALS
LEHRMEISTERIN
Ich
glaube, wir könnten dieses neue Bildungsideal mit dem Namen
bezeichnen „die Natur als Lehrmeisterin“. Sein Grundsatz ist, die
„rerum subtilitates“ statt der „orationis apices“ als Grundlage der
geistigen Ausbildung zu benutzen. Und wie bei dem hellenischen Ideal
die Musik zwischen den Leibesbewegungen und den Bewegungen des Denkens
vermittelt (die Musik war für sie zugleich Mathematik und Tanz),
ebenso wird bei uns die „Welt des Auges“ zwischen der innermenschlichen
und der außermenschlichen Natur vermitteln.
Das
Auge ist, wie Leonardo es nannte, „das Fenster der Seele“; in dem Bild,
das es uns schenkt, ist Menschliches und Außermenschliches
verwoben. So entrollt sich denn vor unserm Blick ein vollkommen neues
und absolut harmonisches Bildungsideal. Nichts speist die produktive
Phantasie so sehr wie die Anschauung, jede andere Phantasie ist eine
erborgte; nichts erzieht zur Wahrhaftigkeit, zur Geduld, zur
Bescheidenheit, zum exakten Denken, wie die Beobachtung der Natur. Die
innige Berührung mit der Natur erweitert den geistigen Horizont
und wirkt wahrlich klärender auf das Gemüt, als die lasziven
Dichter des verrotteten Roms. Die Natur schenkt nicht Glauben im
kirchlichen Sinne, wohl aber Religion, sie schenkt nicht Wissen im
aristotelischen — von unserm Schulideal weiterverfochtenen — Sinne,
wohl aber Weisheit, sie schenkt nicht künstliche Beredtsamkeit,
dafür aber den unerschöpflichen Brunnen alles Redenswerten.
Daher Goethes Wort über „die offenbare Nichtigkeit anderer Dinge
und die Wahrheit und Wichtigkeit der sich ewig immergleichen Natur“.
Die Natur als Lehrmeisterin wird den Leib, den Geist, das Gemüt,
den Charakter wahrhaft bilden.
Die
mir gesteckte Raumgrenze ist bereits überschritten und kaum habe
ich das Bildungsideal der Zukunft angedeutet; wer ein neues
Gebäude dort aufführen will, wo ein altes steht, muß
zuerst das alte herunterreißen und abtragen. Vielleicht wird mir
die Gelegenheit gewährt, ein anderes Mal den Neubau
ausführlicher zu besprechen; einstweilen mag es genügen, wenn
ich seine Notwendigkeit bewiesen und zu Gedanken über seine
Durchführung angeregt habe. Denn Eines ist gewiß: die
sogenannte „Nacht des Mittelalters“ wird erst dann von uns gewichen
sein, wenn das heutige Bildungsideal gestürzt und das neue an
seine Stelle gesetzt sein wird.
(Dezember 1904.)
112
GOETHE, LINNÉ UND
DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
Das Jahrhundert geht auf
rechten und falschen Wegen
nach allen Seiten in die
Breite, so dass
eine unschuldige,
Schritt vor Schritt sich
bewegende Naivität, wie
die
meinige, vor mir selbst
eine wundersame Rolle spielt.
G o e t h e (1817).
Goethe
den Naturforscher
erblicken wir heute in einer anderen Perspektive als früher; erst
durch die Weimarer Ausgabe ist es möglich geworden, diese Seite
seiner Tätigkeit hinlänglich zu überschauen. An dem in
die Betrachtung des Kosmos versenkten Goethe ist es hinfürder
unmöglich, achtlos vorüberzugehen; denn die unvergleichliche
kulturelle Bedeutung des Verfassers von „WilheIm Meister“ und „Faust“
wurzelt in seinem Verhältnis zur Natur. Und da hat denn eine so
ungestüme Reaktion Platz gegriffen, daß wir in derjenigen
Goethe-Biographie, die als die klassische gepriesen wird und die sich
in der Tat durch eine gewisse — dem Meister abgeguckte —
gravitätische Zurückhaltung auszeichnet, folgende Worte
lesen: „Man darf sagen, daß erst unser Dichter die Botanik und
mit ihr zugleich die Zoologie zum Range einer wirklichen Wissenschaft
emporgehoben hat“. ¹) Derlei unbesonnene Urteile finden wir in den
meisten neueren Lebensschilderungen und auch in den Gesamtausgaben mit
Kommentaren, welche, wie die Hempels und Kürschners und wie Cottas
Jubiläumsausgabe, durch den wissenschaftlichen Charakter der
Herausgeber das Vertrauen ernster Leser erwecken. ²) Zu der
kritiklosen
Anpreisung von Goethes Leistungen gesellt sich, um den Eindruck
—————
¹) Bielschowsky: Goethe II, 422, in dem von Prof. S.
Kalischer (Berlin) verfaßten Kapitel: „Goethe als Naturforscher“.
²) Schulrat Heynacher z. B. macht in der
„Philosophischen Bibliothek“ Goethe zum „hervorragendsten
Vorgänger Darwins“ — eine Ungeuerlichkeit, die wohl nur der
fachmännisch gebildete Naturforscher recht würdigen kann
(„Goethes Philosophie aus seinen Werken“, S. IV u. 30).
113 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
zu erhöhen, eine
systematische Geringschätzung der großen empirischen
Forscher. Jedoch nicht allein Goethe-Philologen, sondern auch
berufsmäßige Naturforscher sind bereits von dem Taumel
ergriffen.
Im Jahre 1904 erfuhr man mit Erstaunen aus dem Goethe-Jahrbuch,
Linnés Philosophia botanica sei „kaum als Botanik“ zu
betrachten; zwei Jahre darauf war die Erkrankung des gesunden Urteils
so weit fortgeschritten, daß uns an derselben Stelle versichert
wurde, „die mit scholastischen Kunststücken herausgeputzte
Pflanzenregistratur, in welcher Linné sich eingebildet hatte,
eine ebenbürtige Wissenschaft begründet zu haben“, sei nichts
weiter als „geistloses Handwerk“. Auf diese Weise und in diesem Tone
glaubt ein Fachbotaniker einen Goethe zu ehren! Wäre doch der
Meister selber da, um es sich zu verbitten! Als einmal ein
Anfänger es sich herausgenommen hatte, wegwerfend von Linné
zu reden, weist ihn Goethe zurecht: „Wenn du weiter vorwärts in
dem Felde der Naturgeschichte kommst, wirst du anders von Linné
denken und seine unsterblichen Verdienste kennen lernen.“ Und 1817, als
fast siebzigjähriger Mann, zurückblickend auf die Entstehung
seiner Ideen über die Pflanzenwelt, schreibt er: „Ich fühlte
immer mehr Ehrfurcht für diesen einzigen Mann“. ¹) Goethe
wäre nicht Goethe, wenn er nicht so gedacht und gesprochen
hätte. Seine eigenen wahren Verdienste um die Erkenntnis der Natur
liegen an anderem Orte; zwar berührt er sich mit Linné,
doch wie er selber sagt, nur um die Ergebnisse der herkulischen
Lebensarbeit dieses Forschers „symbolisch zu benutzen“ und sich daraus
„ein Organ“ zu erschaffen, mit dem „sich viel tun läßt“.
²)
Goethe benutzt also die exakte Wissenschaft, geht aber selber andere
Wege. Und so hören wir denn Alexander von Humboldt fast mit
denselben Worten berichten, durch die Berührung mit Goethes
Naturansichten sei er „gewissermaßen mit neuen Organen
ausgestattet worden“. Sich und den anderen neue Organe erschaffen;
wahrlich, das ist keine geringe Leistung; jeder denkende Naturforscher
wird sie mit Humboldt verehren und sich einzuverleiben trachten, ohne
darum die Verdienste der großen Empiriker, denen allein wir die
exakte Wissenschaft der Natur verdanken, geringer zu schätzen, und
ohne sich selber in den Methoden exakter Forschung irreleiten zu lassen.
—————
¹) Briefe, 13, 8, 86 und „Zur Morphologie“ I, XXIX
(vgl. Weimarer A., 2. Abt., 6. 394).
²) Brief an Zelter, 14, 10, 16.
114 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
Die
Verwirrung, die heute in Bezug auf Goethes Verhältnis zur exakten
Wissenschaft herrscht, geht nun zum nicht geringen Teil auf Goethe
selbst zurück; keiner vermag es, sich selber historisch zu
erfassen; einzig eine sachgemäße Kritik kann Klarheit
schaffen. Dies wird im folgenden versucht. Der knapp zugemessene Raum
zwingt aber, lediglich das Verhältnis Goethes zu Linné zu
behandeln und auch hier nur einzelne Punkte herauszuheben, die als
Leitgedanken anregen sollen. Die Polemik dient bloß als
Sprungbrett. Oft schon Gesagtes zu wiederholen, ist tunlichst vermieden
worden.
—————
Trotz
der ciceronischen Künste, die auf den Nachweis des Gegenteils
verwendet worden sind, bleibt die Tatsache bemerkenswert, daß die
erste Ausgabe der Pflanzenmetamorphose einen wesentlich anderen Titel
trägt als die beiden folgenden, die Goethe noch selbst
veranlaßt hat; es drückt sich hierin eine geänderte
Auffassung der eigenen Leistung aus. 1790 heißt es: „Versuch, die
Metamorphose der Pflanzen zu erklären“; 1817: „Die Metamorphose
der Pflanzen“; 1831: „Versuch über die Metamorphose der Pflanzen.“
Der bloße Titel genügt zum Nachweis, daß 1790 Goethe
den Begriff „Metamorphose der Pflanzen“ als bekannt voraussetzte
und sich lediglich vornahm, diese Metamorphose „zu erklären“.
Zahlreiche Stellen aus seinen Schriften und Briefen bestätigen
dies. In einer der Skizzen zu seiner Abhandlung notiert er z. B.:
„Botaniker selten, welche die Metamorphose merkwürdig genug
fanden“ (13, 30¹), und im § 4 der Metamorphose lesen wir:
„Die geheime Verwandtschaft der verschiedenen äußeren
Pflanzenteile ... ist von den Forschern im allgemeinen längst
erkannt ... und man hat die Wirkung, wodurch ein und dasselbe Organ
sich uns mannigfaltig verändert sehen läßt, die
Metamorphose
der Pflanzen genannt.“ Also, beides ist schon da, die Beobachtung und
der Name. ²) Und wenn auch Goethe von den Forschern im allgemeinen
spricht, im Sinne hat er jedenfalls speziell
—————
¹) Alle Zitate ohne nähere Angabe beziehen
sich auf die 2. Abteilung der Weimarer Ausgabe.
²) Das Wort „Metamorphose“ war in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Modewort. Voltaire sagt in seinem
Dictionnaire Philosophique: „La terre est couverte de
Métamorphoses“ (ungefähr 1755); man braucht nur in einem
beliebigen Briefwechsel jener Zeit zu blättern, um dem Worte zu
begegnen (öfters z. B. bei Galiani in den siebziger Jahren).
115 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
den einen Linné.
Den Gedanken der morphologischen Identität aller Seitengebilde der
höheren Pflanzen und den Namen für den Gedanken: beides
verdankt er Linné. Wenn er z. B. am 18. August 1787 an Knebel
schreibt: „Durch meine Harmonia plantarum wird das Linnéische
System aufs schönste erleuchtet“, so deutet er hiermit gewiß
auf Linnés Metamorphosis vegetabilis; das künstliche
Sexualsystem kann unmöglich gemeint sein, und Linnés
Versuch eines natürlichen Systems überstieg weit Goethes sehr
beschränkte Kenntnisse; meines Wissens hat er es kein einzigesmal
erwähnt. ¹) Da nun Goethe erzählt, Linnés
„Philosophia
botanica“ sei sein „tägliches Studium“ gewesen (6, 104), da er es
mit sich in die Ilmenauer Einsamkeit nimmt, um es „in der Folge“
durchzustudieren (Bf. 8, 11, 85), und Bücher von Linné
später in Italien seine ganze naturwissenschaftliche
Reisebibliothek ausmachen, so dürfen wir wohl voraussetzen, die in
der Philosophia knapp ausgesprochenen, in anderen Schriften
Linnés näher ausgeführten Beobachtungen und Gedanken
über die Metamorphose seien ihm nicht nur bekannt, sondern auch
interessant gewesen. Und so sehen wir denn, auch n a c h
Italien,
daß Goethe, als er an die nähere Ausarbeitung seiner
inzwischen gereiften Ideen über die Pflanzen geht, nichts
Eiligeres und Dringenderes weiß, als sich noch weitere Werke
Linnés zu bestellen (Bf. 28, 9, 88). Die erste Ausgabe der
„Metamorphose“ ziert dementsprechend ein langes Motto von Linné,
das in der zweiten Ausgabe verschwand und in der dritten durch ein
griechisches und ein biblisches ersetzt wurde. Hat nun Goethe bei der
zweiten Ausgabe das Motto fortgelassen und in der dritten Ausgabe
schöne Stellen aus der zweiten über Linné gestrichen
oder abgedämpft (vergl. z. B. 6, 394 mit 6, 116 ff.) und pflegte
er —
wenn wir uns auf Eckermann verlassen dürfen — in späteren
Jahren zu sagen: „Ich entdeckte das Gesetz der Metamorphose“ (1, 2, 27)
oder: „Ich habe die Metamorphose der Pflanzen erfunden“ (20, 12, 26),
sollte er wirklich — in direktem Widerspruch zu jenem oben zitierten
§ 4 — Johannes Falk gegenüber geäußert haben: „Ich
stellte als erster die Idee von der Metamorphose der Pflanzen auf“
(Goethe, S. 32),
—————
¹) Die Worte 6, 109 über „Linnés fromme
Wünsche“ wären ein so unwürdiger Spott auf Linnés
Verdienste um eine natürliche Systematik, daß man sie nur
als Flüchtigkeit einschätzen könnte.
116 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
so müssen wir als
unparteiische Beurteiler der Dokumente anerkennen: erstens, daß
Goethe wohl von Anfang an sich nicht recht vergegenwärtigt hat,
wie sehr viel er Linnés Anregungen verdankte, woraus begreiflich
wird, daß bei zunehmendem Alter die Erinnerung hieran immer mehr
verblaßte, zweitens, daß seine eigene Auffassung seiner
eigenen Metamorphosenlehre im Laufe der Zeit eine sehr bedeutende
Verschiebung erlitten hat — was ja auch zur Genüge aus der
Tatsache hervorgeht, daß er erst durch Schillers Einwürfe
(also von 1794 ab) begreifen lernte, was er hier lehre, sei Idee und
nicht Erfahrung, wogegen er früher, wie er sich ausdrückt,
„in einem steifen Realism und einer stockenden Objektivität“
befangen gewesen war (Bf. an Schiller 13, 1. 98).
Mehrere Jahre vor Goethes Geburt finden wir Bernard de Jussieu und
Linné in brieflichem Verkehr über die von Linné
entdeckte Pelorienbildung bei Linaria; Jussieu neigt dazu, sie als
„Metamorphose“ der normalen Blüte aufzufassen, wogegen
Linné gern darin eine plötzlich „durch Transmutation einer
Art in eine andere neu entstandene Art“ erblicken möchte;
Experiment und fortgesetzte Beobachtung sollen das Weitere entscheiden
¹). Diese Tatsache erwähne ich anekdotenhaft nebenbei, nur um
zu
zeigen, wie plastisch lebendig sich alles in den Köpfen
bedeutender Forscher gestaltet, und wie bitteres Unrecht Gelehrte
begehen, die ruhig zusehen, wenn Halbwissen und Unwissen ihre
großen Vorgänger bis zur Karikatur degradieren — wie das
heute bei Linné der Fall ist. Solange uns Linné nur in
einem Zerrbild bekannt ist, bleibt es unmöglich, das
Verhältnis Goethes zu Linné historisch objektiv zu
beurteilen.
Dies
leitet nun zu der Frage über: Waren Linnés Vorstellungen
über die Metamorphose des Blattes so geartet, daß sie Goethe
zu seiner Lehre die Anregung geben konnten? Die Beantwortung dieser
Frage ist nicht so einfach, wie man zuerst wähnen möchte,
denn sie setzt eine eingehende Kenntnis der wissenschaftlichen
Vorstellungen im 18. Jahrhundert voraus, und zwar in ihrem historischen
Zusammenhang. Zum Glück besitzen wir hier ein Urteil, welches uns
aller weitläufigen Diskussion enthebt. Joseph Dalton Hooker, der
frühere Präsident der Royal Society, der durch seinen ebenso
berühmten
—————
¹) Man schlage in dem von J. S. Smith (London,
1821) herausgegebenen Briefwechsel Band 2, S. 214 u. 375 nach.
117 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
Vater (geb. 1785) die
Tradition des vorausgegangenen Säkulums als Kind einsog, ist ein
so anerkannt tüchtiger Botaniker, dazu ein Mann von so umfassenden
wissenschaftlichen Kenntnissen, von so reifem, überlegtem Urteil,
daß wir ihm sicher trauen dürfen; man kann sich auch
schwerlich vorstellen, Charles Darwins intimster Freund und Ratgeber,
der einzige Vertraute des noch werdenden „Origin of Species“, sei durch
Parteilichkeit für Linné geblendet; und er nun spricht sich
kategorisch folgendermaßen aus: „Linné zeigt nacheinander,
daß Brakteen, Kelch, Krone, Staubgefäße und Griffel,
ein jedes metamorphosierte Blätter sind, und gibt für alle
diese Metamorphosen viele Beispiele, die er sowohl aus monströsen
Bildungen wie auch aus normalen Charakteren der betreffenden Organe
entnimmt.“ Nachdem Hooker noch des großen Brown Zeugnis angerufen
und die Genauigkeit, das Geschick, den Erfindungsreichtum an
Linnés Beobachtungen gepriesen hat, fährt er fort: „Einmal
über das andere behauptet Linné von allen diesen Organen
und von einem jeden im besonderen, sie seien Blätter ... Man
lasse die spekulativen Beigaben beiseite und man wird bei Linné
keinen einzigen Irrtum finden, weder in der Beobachtung, noch im
Urteil“ ¹) Hooker bemerkt schließlich, er wolle Goethes
Verdienste nicht leugnen, soweit er aber sehe, sei Goethe deduktiv zu
Werke gegangen, Linné dagegen induktiv; ja, Linnés
Beobachtungen über die Pflanzenmetamorphose bildeten sogar „ein
Muster des induktiven Verfahrens“.
Aus
alledem schöpfe ich die Überzeugung, daß Goethes
Deduktion durch die vorangegangene Induktion des exakten Forschers
angeregt worden ist und ohne sie nie möglich gewesen wäre.
Und ich meine, die Kenntnis dieser Tatsache ist nicht nur für
diesen einen Fall, sondern überhaupt für die Beurteilung der
Geschichte der Wissenschaft und des Denkens von Bedeutung. Daß
Goethe, in der Wechselwirkung zwischen seinem schöpferischen Auge
und der unerschöpflichen Natur, im Laufe der Zeit eine neue
Metamorphosenlehre schuf, eine Lehre, wie sie sein Wesen forderte, das
ist wieder eine Sache für sich; im Jahre 1790 war er selber sich
dessen nur halb bewußt. Und das, was er später unter
Metamorphose verstand, die „esoterische Lehre“ (wie er sie nennt) hat
in Wahrheit kaum etwas gemein mit
—————
¹) Vgl. Whewell: History of the inductive
sciences, 3. ed., III, 551 ff.; von Hooker gegen Whewells frühere
Unterschätzung Linnés als Berichtigung eingeschickt.
118 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
dem, was die
wissenschaftliche Organographie auch heute bisweilen noch als
„Metamorphose“ bezeichnet ¹).
In
verschiedenen neueren Goethe-Publikationen legt man großes
Gewicht darauf, daß Linné die Evolution (im Sinne des 18.
Jahrhunderts) gelehrt, Goethe dagegen zur Epigenesis geneigt habe,
woran die Folgerung geknüpft wird, jener sei ein
mittelalterlicher Scholastiker, dieser ein voranschreitender
exakter Wissenschaftler gewesen. Mit dem Ausdruck „absurde
Einschachtelungslehre“ wird wie mit einem Popanz verfahren. Doch wer
nicht in der Atmosphäre verpuffter Dogmen lebt, sondern in der
klaren Luft strebenden Forschens, weiß, daß die Dinge gar
nicht so einfach liegen. Man nehme ein anerkanntes standard work des
heutigen Tages zur Hand, Wilsons „Cell in Development“ und man wird
sehen, daß Evolution und Epigenesis wieder wie vor 150 Jahren
einander gegenüberstehen. Goethe selber, als sein Urteil gereift
war, erkannte: „Evolution und Epigenesis scheinen Worte zu sein, mit
denen wir uns hinhalten ... wenn wir keine Präformation denken
mögen, so kommen wir auf eine Prädelineation,
Prädetermination, auf ein Prästabilieren, und wie das alles
heißen mag, was vorangehen müßte, bis wir etwas gewahr
werden könnten“ (7, 73). Die eigentliche Epigenesis, wie Caspar
Fr. Wolff sie lehrte, ist längst endgültig abgetan; dagegen
ist in Darwins Pangenesis und Weismanns Keimplasma die Evolution oder
die Einschachtelungslehre in neuer Gestalt wieder aufgetreten. Wie
Huxley schon vor Jahren sagte: „Was oberflächlich als Epigenesis
erscheint, ist seinem Wesen nach Evolution in dem Sinne, in dem Bonnet
sie in seinen späteren Schriften lehrt“: diese Ansicht hat sich
seitdem immer mehr bestätigt. ²) So ist denn die alte
Überzeugung so bedeutender Naturforscher wie Swammerdam, Malpighi,
Leuwenhoeck, Haller, Linné usw. wieder zu Ehren gekommen, und
Bonnet — über den jener Botaniker im Goethe-Jahrbuch spottet —
wird selbst von Darwin mit Anerkennung genannt.
In dem
Verhältnis Goethes zu Linné erfordert noch ein Punkt
besondere Aufklärung; wer sich nicht gern bei Phrasen beruhigt,
muß sonst stutzig werden.
Goethe
redet nämlich immer so, als hätte Linné nichts weiter
—————
¹)
Vgl. Goebel: Organographie, § 1.
²)
Evolution, Science and Culture.
119 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
als eine Terminologie und
ein künstliches Sexualsystem geschaffen, und erzählt von der
„unbeschreiblichen Förderung“, die er (Goethe) von Hofrat
Büttner in Jena erfahren habe, indem dieser Liebhaber „als
Zeitgenosse Linnés, gegen diesen ausgezeichneten, die ganze Welt
mit seinem Namen erfüllenden Mann, in stillem Wetteifer dessen
System niemals angenommen, vielmehr sich bemüht habe, die
Anordnung der Gewächse nach Familien zu bearbeiten usw.“ (6, 109
ff.). Nun referiert aber Linné in seiner Philos. bot.
ausführlich über a l l e Systeme —
natürliche und
künstliche —‚ die je in der Wissenschaft eine wenn auch nur
vorübergehende Bedeutung erlangt hatten, von Caesalpin im 16.
Jahrhundert an. Und nicht allein widmet er mehrere Seiten seinem
eigenen natürlichen System mit Aufzählung aller Familien und
der meisten Gattungen, sondern wiederholt betont er: „Methodi naturalis
fragmenta studiose inquirenda sunt. Primum et ultimum hoc in Botanicis
desideratum est“ (§ 77); „Methodus naturalis est ultimus finis
Botanices“ (§ 163) usw. Die flüchtigste Untersuchung
überzeugt von dem bedeutenden Wert dieser Versuche Linnés,
und wir besitzen von dem kompetentesten zeitgenössischen Richter,
Bernard de Jussieu, einen Brief vom 15. Februar 1742, in welchem er
sagt, erst Linné habe den Weg zu einer wahrhaft natürlichen
Systematik gewiesen ¹). Daß sein Sexualsystem nur ein
künstlicher Schlüssel, ein „filum ariadneum“, (§ 156)
sei in
Ermanglung eines hinreichenden natürlichen Systems, ist in der
Phil. bot. deutlich zu lesen, und in den Gen. plant., sect. 9, steht
ausdrücklich, es solle nur als „vorläufiger Notbehelf“
dienen. Und da muß sich Goethe erst von dem guten Hofrat
Büttner die „unbeschreibliche Förderung“ holen? und muß
wiederholt so feierlich umständliche Worte zur Abwehr des noch
heute für Anfänger unentbehrlichen Linnéischen
Schlüssels vorbringen?
Wir
werden kaum fehlgehen, wenn wir vermuten, es sei nicht so sehr das der
Absicht der sicheren Pflanzenbestimmung prächtig
—————
¹) Loc. cit. II, 212. Einen Nachdruck von
Linnés „Genera plantarum“ hat Jussieu selbst in Paris, 1743,
veranlaßt. Namentlich aus Linnés Briefwechsel mit Haller
geht hervor, wie beständig die Fragen der natürlichen
Systematik ihn beschäftigten und mit welchem bewundernswerten
Scharfsinn er hier meistens das Richtige traf. (Für die
Wertschätzung Linnés als natürlichen Systematikers
seitens der heutigen Wissenschaft vgl. Wettstein: Hdb. der syst.
Botanik I, 2.)
120 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
dienende Künstliche
in Linnés Methoden als vielmehr das E x a k t e,
was Goethe zuwider
war. Nicht bloß die Mathematik, sondern alles Exakte
überhaupt war ihm antipathisch. „Die Beobachtung des einzelnen war
nie meine Stärke“, schreibt er (16. Aug. 1797) an Bötticher,
und am folgenden Tag an Schiller: „Das Aufzählen eines einzelnen
ist mir nun einmal nicht gegeben.“ Und so entdeckte er, gerade zur Zeit
seiner intensivsten Beschäftigung mit den Pflanzen, einen seiner
„Kapitalfehler“: daß nämlich jede „schrittweise
Ausführung“ ihm „nojos und unerträglich“ sei (Ital. Reise 20.
Juli 1787). Dieses schließt jede folgerechte Beschäftigung
mit exakter Wissenschaft aus. Aus Goethes eigener Erzählung
entnehmen wir auch mit ziemlicher Sicherheit, daß er nie imstande
gewesen ist, selbständig eine Pflanze zu bestimmen. Den Apotheker
Bucholz, den Naturalisten Batsch, Hofrat Büttner, Professor Loder,
die Hofgärtner, alle hatte er zur Hand und alle waren
natürlich stets bereit, dem vielvermögenden Minister
gefällig zu sein; ging er auf Reisen, so nahm er den jungen
Herboristen Dietrich mit, der „alle Namen wußte“; er selber
versuchte zwar in seiner Karlsbader Muße zu analysieren, „doch
ohne bedeutenden Erfolg“ (6, 107). Und so wundern wir uns nicht, wenn
Goethe seufzt: „Unauflösbar schien mir die Aufgabe, Genera mit
Sicherheit zu bezeichnen“ (6, 117); gerade dies aber — die
G a t t u n g e n
mit Sicherheit zu bezeichnen — hatte der lynxäugige Linné
schon in jungen Jahren als das mittlere Bedürfnis der Wissenschaft
seiner Zeit erkannt, sollte sie jemals zu einem Überblick
über die organische Natur gelangen können. Mit
„natürlichen Systemen“ waren die damaligen Naturforscher schnell
bei der Hand, Familien und Ordnungen gab es so viel man wollte, „Arten“
wurden zu Tausenden aus allen kleinsten Abweichungen geschaffen
¹);
in diesem Chaos schwammen alte und neue Gattungsbegriffe hoffnungslos
unbestimmt und unbestimmbar umher. Da trat Linné auf und
erklärte (unter Anlehnung an Caesalpin); „Confusis generibus
confundi omnia necesse est“ (Phil. § 159). Falsch aufgestellte
Klassen, meint er, richten keinen großen Schaden an; mit den
Arten geht er selber ziemlich herrisch um, sie auf eine Mindestzahl
zurückzuführen ist sein Hauptbestreben; Gattungen aber
müssen der Natur streng konform sein
—————
¹) „Ex varietatibus quotidiana multiplicatio
specierum pendebat, quae se, ut contagium, infinite
propagavit“, klagt Linné (Amoen. acad., VI. 321).
121 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
(Brief an Haller vom 8.
Juni 1737) ¹). Hier liegt der unverwüstliche Zeugungspunkt in
Linnés erstaunlichen Leistungen für die Einverleibung der
gesamten Tier- und Pflanzenwelt in das Inventarium unseres menschlichen
Wissens. Gerade das, was einem Goethe „unauflösbar“ erschien und
wofür der Dichter allerdings fast rührend inkompetent war,
das hat Linné ergriffen und geleistet. Blätternd in
Linnés Büchern, hielt sich Goethe an die vielfach
anregenden, vielfach anfechtbaren Nebensachen; manche seiner
schönen Bemerkungen, zum Beispiel „Jedes Lebendige ist eine
Mehrheit“ (6, 10) oder „Die allerentferntesten Pflanzen haben eine
ausgesprochene Verwandtschaft“ (6, 121), lesen sich wie Transkriptionen
aus dem System: „Vegetabile est vita multiplicata coadunata“ (§ 2) oder
aus der Philosophia: „Plantae omnes utrinque affinitatem monstrant“ (§
77); für die Hauptleistung aber blieb er wenn auch nicht blind,
doch unempfindlich. Er erkannte sie an, sie interessierte ihn aber
nicht.
—————
¹) Meiner Meinung nach wird der vielzitierte Satz: „Species tot
sunt, quot diversas formas ab initio produxit Infinitum Ens“ (Phil.
bot.
§ 157) heute durchweg falsch gedeutet. Linnés Absicht war
nicht, hiermit ein Dogma aufzustellen: was wir in unseren
Büchern eine Art nennen, besteht seit Anfang der Welt; sondern er
hat gegen die im vorangehenden Paragraphen genannten Maeandros
Botanices und gegen die „Autophilorum rabies contagiosa“ (§ 259) mit
entscheidendem Nachdruck aussprechen wollen: wenn unter dem
Einfluß verschiedener Standorte, Klimate, Atmosphärilien
(siehe § 158) auch tiefgreifende Gestaltsänderungen
vorkommen, so seid ihr nicht befugt, „Spezies“ daraus zu machen, als
wäret ihr der liebe Gott. Denn — und hier entdeckt man den sehr
gesunden wissenschaftlichen Kern jener zuerst im theologischen
Geschmack der Zeit abgegebenen Sentenz — „generatio est vera
continuatio“, und da jene Abweichungen aus einer continuatio
hervorgehen, da z. B. die Gartenzucht erwiesenermaßen viele von
ihnen versteht „et producere et reducere“ (§ 162), so können
sie
nicht als von jeher bestehend betrachtet werden und sind darum als
bloße Varietäten, nicht als Arten aufzufassen. Linné
schrieb eben nicht für künftige darwinistische
Feuilletonisten, sondern für die Auferrichtung einer jungen
Wissenschaft, die zur Bewältigung des plötzlich aus allen
Weltteilen massenhaft zuströmenden Materials ungenügend
ausgerüstet war und im Durcheinander unterzugehen drohte, und er
hat nicht, wie Goethe und unsere Goethe-Philologen erzählen, von
einem autokratischen Throne aus Gesetze erlassen, sondern hat
während des größeren Teiles seines Lebens allein gegen
fast alle gekämpft, für Klarheit gegen Nebelhaftigkeit,
für Ordnung gegen Chaos (Phil. § 156), für Wissenschaft
gegen Dilettanterei; daher die Schärfe seiner Definitionen;
gesiegt hat nicht seine Autorität, sondern die Richtigkeit seiner
Gedanken. Wir haben Linné oben bereit gesehen, an eine
„Transmutation“ der Arten zu glauben. nur die Beobachtung und der
Versuch überzeugten ihn in jenem Falle von seinem
122 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
Wo
Gemeinsamkeit gebietet und belebt, wie in dieser Festschrift, muß
sich der einzelne zu beschränken wissen; darum breche ich ab.
Was
hier für das Verhältnis zu Linné bruchstückweise
angedeutet ist, laßt sich für Goethes gesamte
wissenschaftliche Tätigkeit nachweisen. Exakt und ausdauernd hat
Goethe nur auf einem Gebiete gearbeitet: auf dem der Farbenlehre; hier
hat er wirklich „Wissenschaft“ gefördert, was man heute immer
deutlicher einsieht; und dennoch springt gerade hier die Konfusion in
die Augen, die aber an allen anderen Orten in Wahrheit genau dieselbe
ist. ¹) Wie Helmholtz
in seiner ersten (und bei weitem
bedeutenderen) Goethe-Rede sagt: hier handelt es sich um „einen tiefer
liegenden prinzipiellen Gegensatz verschiedener Geistesrichtungen“.
²)
Versuchen wir, diesen Gegensatz näher zu bestimmen, damit wir
zugleich erfahren, was die exakte Wissenschaft von Goethe erhoffen darf
und was nicht.
Empirisch ist das Verfahren beider — Goethes und der Wissenschaft; denn
beide gehen von der Beobachtung der Natur aus und lehnen jegliche a
priori-Erwägung ab. Goethe aber sucht I d e e n,
Ideen von, solcher
Leuchtkraft, daß die beobachteten Tatsachen gleichsam
durchsichtig werden und auch das Verborgene an ihnen sich dem Auge
unmittelbar offenbart; wogegen die Wissenschaft bestrebt ist, die
Tatsachen unter B e g r i f f e zu subsumieren, um
desto leichter darüber
nachzudenken und sie desto vollkommener
—————
Irrtum. Zwanzig
Jahre
später fordert er zu Experimenten auf (für die er
Südafrika als
besonders
günstigen Boden vorschlägt), um durch den Versuch
festzustellen, ob nicht alle Arten mancher Gattungen aus einer einzigen
Art hervorgegangen sein könnten, fügt aber gleich hinzu: „Si
vero hoc experimentis fuerit confirmatum, nullas habebit amplius
tenebras doctrina de Generibus plantarum .....“ (Amoen. acad., Diss.
116,
§ 10.)
¹) Vgl. namentlich Magnus: Goethe als Naturforscher,
Leipzig 1906. Das Werk des Heidelberger Pharmakologen ist das beste,
was wir bisher über den Gegenstand als Gesamtübersicht
besitzen, wenngleich dieser erste Wurf noch tiefgreifender Umarbeitung
bedarf, falls er bleibenden kritischen Wert gewinnen will. Um
Mißdeutungen vorzubeugen, füge ich hinzu: exakt hat Goethe
in der Osteologie gearbeitet, nicht aber ausdauernd, ausdauernd betrieb
er seine mineralogisch-petrographischen Studien, nicht aber eingehend
exakt.
²) Vorträge und Reden, 4. A., I, 34. In
einem erst kürzlich veröffentlichten Fragment Goethes aus dem
Jahre 1822 lesen wir: „Daß die Naturforscher nicht durchaus mit
mir einig werden, ist bei der Stellung so verschiedener Denkweisen ganz
natürlich“ (15, 445).
123 GOETHE, LINNÉ
UND
DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
dem kombinierenden
Menschengeiste zu assimilieren. „Die Idee muß über dem
Ganzen walten“ (8, 11) sagt Goethe. „Eine Idee über
Gegenstände der Erfahrung ist gleichsam ein Organ, dessen ich mich
bediene, um diese zu fassen, um sie mir eigen zu machen“ (Bf. an
Sômmering, 28. August 1796). Von den physikalischen
Erklärungen bemerkt Helmholtz,
sie könnten „nie Objekt der
sinnlichen Anschauung werden, sondern nur Objekt des begreifenden
Verstandes“ (Optik, 1867, S. 268); dagegen sind Goethes Ideen ganz
platonisch, in dem Sinne, wie Hermann Cohen Platos ἰδέα
definiert, als „lebendige Aktion des Schauens“. ¹) Bildlich
ausgedrückt: der Standpunkt unserer exakten Wissenschaft ist
ein peripherischer; immer strebt sie über eine letzte Grenze
hinaus; „leerer Raum und darin kontinuierliche Bewegung“ ist ihr Ideal;
sie ist gleichsam à cheval auf der Trennungslinie zwischen
einer zwar im Tatsächlichen festgegründeten, doch
möglichst abstrakten Empirie und einer möglichst an
empirischen Inhalt angegliederten, exakten Abstraktion. ²) Goethes
Standpunkt hingegen ist ein zentraler, ringsumher von konkreter,
sinnenfälliger Tatsächlichkeit umgürtet, und die „exakte
sinnliche Phantasie“ (11, 75) ist es, die von diesem Mittelpunkt aus
organisierend ausstrahlt, „Leben erst muß Leben geben“. Es ist
der Gegensatz von Organisieren und Schematisieren, und darum sind die
Einheiten in dem einen Falle Ideen, in dem anderen Begriffe. Beide
Verfahren sind natürlich anthropomorph; wie sollte der Mensch dem
entgehen können? Doch darf man wohl behaupten, daß Goethe,
indem er naiv und gläubig die Natur betrachtet, selber reinere
Natur bleibt, ihr also näher steht und sie insofern besser
ver-steht (wenn auch nicht beherrscht), „mit klammernden Organen“ sie,
die Mutter, umfassend. Es liegt auf der Hand, daß infolge
bestimmter religiöser und philosophischer Richtungen wir
Europäer der Natur immer ferner gerückt waren; wir
rückten ihr so fern, daß wir sie plötzlich als ein
Fremdes uns gegenüber erblickten; so entstand die exakte
Wissenschaft der Natur; ihre Leistungen liegen vor aller Augen, ihre
fernere Bahn ist unbegrenzt, über ihre not
—————
¹) Die platonische ldeenlehre, in der Zeitschrift
für Völkerpsychologie, 1866, S. 440.
²) Zur Illustration dessen, was ich hier anzudeuten
versuche, darf ich vielleicht
auf das
schöne Buch
von Professor Stöhr hinweisen: „Philosophie der unbelebten
Materie“, Leipzig 1907.
124 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
wendige Methode; in der
allein ihre Kraft wurzelt, konnte nicht einmal ein Goethe sie dauernd
irreführen; nichtsdestoweniger birgt sie eine drohende Gefahr: die
unüberbrückbare Naturentfremdung. Sie, die sich „Wissenschaft
der Natur“ nennt und auch ist, hat trotzdem die unabweisbare Tendenz,
die sinnlich wahrgenommene Natur in lauter Schemen aufzulösen, Die
organischen Wissenschaften gehen denselben Weg wie die unorganischen;
die Botanik oder die Zoologie ist am letzten Ende nicht mehr und nicht
weniger „beschreibende Wissenschaft“ als die Physik oder die Chemie
(vergl. Kirchhoffs berühmte Einl.); alle wissenschaftliche
„Beschreibung“ streift soweit tunlich das Lebendige des einzig lebenden
Individuums ab; eine Wissenschaft des Lebens steuert notwendig — wir
erfahren es täglich — auf die Leugnung des Lebens, also der
einzigen uns unmittelbar gegebenen Tatsache; auch die
Lebensphänomene müssen eben auf Formeln und zuletzt auf
„kontinuierliche Bewegung im leeren Raum“ zurückgeführt
werden. Das muß sein, weil es in Wesen und Methode einer exakten
Wissenschaft begründet liegt. Hier, wenn irgendwo, darf man sagen:
sit ut est aut non sit. Wer sich dagegen empört, leistet nichts;
Goethes Diatriben gegen die mathematische Physik sind in den Wind
gesprochen. Doch was nicht übersehen werden darf, ist folgendes:
die Einseitigkeit jener Wissenschaft, die heute einen wachsenden
Bestandteil unseres geistigen Lebens ausmacht, läßt eine
Ergänzung immer dringender erscheinen. Das unerwartete
Wiederauflodern religiöser Schwärmerei und kindischen
Aberglaubens ist ein Symptom der drohenden Gefahr. Kants
kopernikanische Tat der Erkenntniskritik hat die Unfruchtbarkeit aller
rein metaphysischen Spekulation ein für allemal nachgewiesen, den
Instinkt aller echten Naturforscher somit rechtfertigend; ohne Synthese
aber und, ohne ein Etwas, das ich als neue innige Anknüpfung an
die Natur bezeichnen möchte, die als Jungbrunnen für
Gemüt und Phantasie zu dienen hat, steuern wir ins Chaos und in
ein an Kenntnissen reiches, an Ideen armes Greisentum. Was Goethe
bietet, ist nun gerade diese Ergänzung der Wissenschaft — nicht
ihr Gegenteil, sondern ihr Gegenstück, nicht ihre Verleugnung,
sondern eine neue Methode, die im Interesse der Kultur
unerläßliche, infolge der zunehmenden Stoffmenge immer
dringender geforderte Synthese nicht mehr auf metaphysischem, sondern
auf konkretem Wege herzustellen.
125 GOETHE, LINNÉ
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
DER NATUR
Zur
genauen Orientierung mögen zwei Worte Goethes dienen, die er in
einen einzigen Satz eingeschlossen hat: das eine besagt, was er bei
seinen Naturstudien erstrebe, sei „eigentlich die Welt des Auges“, das
andere, daß er an Stelle der logischen Kausalitätsmethode
„eine Art von Darstellung“ gebe (an Schiller 15. Nov. 1796). Das Wort
Auge steht hier symbolisch für Sinnentätigkeit überhaupt
und bedeutet greifbar im Gegensatz zu abstrakt, sinnfällig im
Gegensatz zu begrifflich, nacherschaffend plastisch ¹) und daher
unmittelbar wahrnehmbar im Gegensatz zu nacktem Schematismus mit
Koordinatensystem und Differentialgleichung als letzter
Vervollkommnung; hier vielmehr jene „Darstellung“ als Ziel,
nämlich die Zusammenhänge und Vorgänge der Natur
sichtbar gemacht nach Analogie eines Kunstwerkes, welches unmittelbar
ergreift, aufzeigt, belehrt, ungeahnte Beziehungen mit einem Schlage
aufdeckt, die auseinanderreißende Zeitenfolge gleichsam
aufhebt. ²) Daß hiermit etwas Positives geschaffen sei, eine
tatsächliche Bereicherung und Kräftigung des Menschengeistes,
dafür zeugt Humboldts Wort von den „neuen Organen“, und ein
anderer exakter Naturforscher ersten Ranges, Johannes Müller,
spricht begeistert von diesen „produktiven Einbilden“, wie er es nennt,
von dieser „plastischen Imagination“, von dieser „aus dem Mittelpunkt
der Organisation entworfenen Projektion“. ³)
Wollte
man das Neue auch durch einen neuen Namen bezeichnen, was bisweilen zur
Klärung der Vorstellungen beiträgt, so würde man
vielleicht dies eigentümliche Durchschauen der Natur, wodurch
Goethe die Mannigfaltigkeit zu Einheit zaubert, im Gegensatz zur
Metaphysik eine Diaphysik heißen.
—————
¹)
„Einbildungskraft und Natur scheinen hier miteinander zu wetteifern“
(6, 395)
²) So liebt es Goethe z. B. von einem „simultanen
Werden zu reden“ (10, 67) und betont: „In der Idee
ist Simultanes und Sukzessives innigst verbunden“ (11, 57).
³) Über die phantastischen
Gesichtserscheinungen, §§ 175, 186. 188.
(September 1907.)
126
RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
VORTRAG,
zugleich FESTREDE
zur Feier
der achtzigsten
Wiederkehr von Rich. Wagners Geburtstag,
gehalten im Neuen
Wagner-Verein zu Wien, am 17. Mai 1893
Ein
uraltes,
vielgestaltiges Märchen, das mir aus „Tausend und eine Nacht“
erinnerlich ist, erzählt von einem Prinzen, der Wasser aus dem —
auf der höchsten Spitze eines steilen Berges hervorsprudelnden —
Lebensquell schöpfen soll; mit seinem Schwerte hat er schon
früher H e l d e n t a t e n vollbracht
und mit der Kraft seines Leibes
physische Riesenhindernisse überwunden, hier aber — um zum
Lebensquell zu gelangen — genügen Mut und Muskeln nicht, hier
muß er vor allem einen unerschütterlich festen C
h a r a k t e r
besitzen; denn (so warnt ihn ein weiser Greis) auf dem ganzen Wege den
Berg hinauf werden oben und unten und auf allen Seiten Gestalten
erscheinen und ihn anrufen: die einen werden ihn verhöhnen,
verspotten, seine ritterliche Ehre angreifen; andere werden ihm von
seinem Vorhaben ernst abraten und mit triftigen Gründen ihn davon
abzubringen trachten; andere wieder werden Verlockungs- und
Verführungskünste versuchen — — — usw. — —. Tatsächlich
können alle diese Gestalten ihm nichts anhaben; sie vermögen
es nicht, ihm physische Wunden beizubringen oder seinen Fuß in
Fallstricke zu verwickeln; hört er aber auf ihre Stimmen,
hält er einen Augenblick auf dem mühsamen Pfade inne und
wendet er sich um — sei es auch nur um seinem gerechten Zorn Ausdruck
zu geben oder um auf vernünftig scheinende Mahnungen mit
Gegenreden zu antworten — so kann er niemals den Lebensquell
erreichen; denn sein Fuß wird schwer wie Blei, der zum Schlag
erhobene Arm erstarrt — die frische Heldengestalt ist zu einem
Felsblock umgewandelt! Und in der Tat, der hohe Berg ist mit solchen
versteinerten Menschen über und über besäet. — Diese
schöne Fabel paßt ganz genau auf unseren heutigen
Gegenstand; denn nach meiner Überzeugung ist die Grundlage zu
jedem
wirklichen Erfassen des Regenerationsgedankens: der C h a r
a k t e r, der
127 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
W i l l e. Nicht nur
der
Schwächling und der Feige erklimmen den Berg nicht; es erklimmt
ihn auch nicht der Wankelmütige, der Überzeugungslaue, der
Strebensmatte; auch nicht der Überbildete, der auf alle die
Stimmen der fünfzehntausend lebenden deutschen Schriftsteller
achtet und dabei das Rauschen des Lebensquelles überhört, —
des Quelles, der „Weisheit raunend“, „im kühlen Schatten“
fließt und an dessen Ufern die vereinzelten Weisen sitzen, die so
eindringlich mahnend uns zuwinken; es erklimmt ihn auch nicht der
Vernunftphilosoph, der das Disputieren und Argumentieren nicht lassen
kann, und der trotz der glorreichen Bahn des arischen Geistes von
Yadjnavalkya bis
Kant und Schopenhauer, immer wieder die ganze, volle,
weltumfassende menschliche Natur in die enge Zwangsjacke des
logisierenden Gedankens einzwängen will, — und zwar trotzdem die
Inder vor einigen tausend Jahren schon entdeckten, daß, (um ihren
eigenen, ergreifend-einfachen Ausdruck zu gebrauchen) daß „der
Gedanke vor dem Höchsten erschrocken zurückscheue,“ und
trotzdem Kant ein- für allemal nachgewiesen hat, daß die
„reine Vernunft“ nach jeder möglichen Richtung hin in die
jähen Abgründe unlösbarer Widersprüche führt.
Es gehört aber viel C h a r a k t e r dazu, um
einsam hinauszuwandern und
unbeirrt den steilen Weg zu erklimmen, der zum Lebensquell führt.
Außer dem Charakter — oder vielmehr als dessen Bestandteil —
gehört aber zu diesem Unternehmen, wie Sie sehen, viel
V e r t r a u e n;
ja, ein unbedingtes, unerschütterliches V e r t r a u
e n! Und vielleicht
wirft mir ein skeptischer Zuhörer ein: woher man denn das
Vertrauen zu einer Sache, die man noch nicht kennt, schöpfen soll?
Worauf ich aber mit meinem Prinzen antworte, der das Wagnis niemals
unternommen hätte, hätte er nicht die unerschütterliche,
aber
logisch nicht zu rechtfertigende Überzeugung besessen, daß
oben der Lebensquell fließe; und der auch dann den Quell nicht
erreicht haben würde, hätte er nicht den starken Charakter
besessen, unbedingt den Worten seines weisen Ratgebers zu trauen; denn
so wie er diese Weisheit hätte prüfen wollen, so wie er auf
dem wissenschaftlichen Wege des E x p e r i m e n t e s
ihre Richtigkeit
festzustellen gesucht hätte — da war er ja schon selber zum Stein
erstarrt!
Und
nun stelle ich mir vor, daß nicht bloß ein einzelner
Zuhörer, sondern die gesamte verehrte Versammlung mit einiger
Ungeduld
128 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
einwirft: ich hielte eine
Moralpredigt und hätte noch kein Wort von Wagner und seinem
Regenerationsgedanken gesagt! Und doch werde ich meinen ersten Zweck
erreicht haben, wenn es mir gelungen ist, Ihre Aufmerksamkeit auf
diesen Fundamentalpunkt zu richten: daß zum Erfassen jener Lehre,
jenes Gedankens — — — nein, beides ist nicht gut, sagen wir lieber,
jener W e l t a n s c h a u u n g, es vor allem
nicht auf einen logischen
Gedankenprozeß, sondern auf moralische Eigenschaften ankommt und
auf einen Vorgang im innersten supralogischen Wesen des Menschen. Ich
halte es für ganz unmöglich, daß einer sich über
die Idee der Regeneration aus Wißbegier „informiere“. Er wird
immer nur eine Schale erblicken; und ist er etwa ein Mann, der es sehr
ernst meint, bricht er in seiner Wißbegier die Schale auf, so hat
er zugleich den darin ruhenden, lebendigen Samen getötet, — während ein
Weltenbaum aus diesem Samenkorn emporgewachsen wäre, hätte er
es nur mit frommer Hand in den Boden gesenkt und mit Geduld und Liebe
gepflegt.
Wende
ich mich also jetzt zur näheren Betrachtung der Regenerationsidee,
so werden Sie es begreiflich und recht finden, daß ich sie mit
„frommer Hand“ aufhebe und als Ganzes vorzeige, — nicht mit dem
analytischen Seziermesser zerschneide.
Aber
noch ein Punkt muß im Vorbeigehen erst kurz berührt werden: gehört Glaube und
Vertrauen dazu, um eine Weltauffassung wie die Wagners überhaupt
begreifen zu können, und habe ich vorhin meinen skeptischen
Unterbrecher abgewiesen, — so kann doch noch gefragt werden: ob dieser
Glaube und dieses Vertrauen uns von selbst anfliegen oder ob wir
bestrebt sein sollen, sie uns anzueignen?
Sie
sehen, wie sehr die Regenerationslehre mit religiösen
Vorstellungen parallel geht; denn diese Frage ist im Grunde genommen
dieselbe, welche den Theologen stets so viel zu schaffen gab (und zwar
eben weil diese eine nicht wegzuleugnende, aber alle Logik weit
überragende Tatsache, durchaus logisch „rechtfertigen“ wollten): es ist die Frage nach der
G n a d e. — Ich bin in theologischen Dingen wenig bewandert; auch hier
möchte ich unsere alten Vorfahren, die Inder, zu Hilfe rufen; sie
hatten ja den großen Vorzug, keine jüdische Vorbildung zu
besitzen, wodurch ihre subtilsten Diskussionen, anstatt wie bei uns in
abstrakte Wortklaubereien auszuarten, das Lebendig-Vorstellbare
behielten von Menschen, denen es
129 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
wirklich um die
anschauliche Wahrheit zu tun ist. Bezüglich der Gnade hatten sie
nun klar erkannt, daß der Verstand sich die Sache nur in
zweierlei Gestalt vorstellen kann: die eine Vorstellung nannten sie
„das Argument der Katze“, die andere „das Argument des Affen“. Droht
nämlich Gefahr, so faßt die Katze ihre Kleinen mit den
Zähnen und trägt sie schnell hinweg; die kleinen Affen
dagegen springen von selbst der Mutter auf den Rücken, halten sich
fest, so gut sie können, und werden auf diese Art von ihr
weggeschleppt! — Für die weisen Inder waren aber solche
Betrachtungen nicht das Hauptsächliche, sondern das
Nebensächliche; wesentlich war nur die Einsicht, daß zur
Erlösung ein logisch nicht zu erklärendes V e r t
r a u e n
nötig ist. — Und wenn wir nun einige Jahrtausende
überspringen, zu dem echtesten Fortsetzer indischer Weisheit,
Schopenhauer, so werden wir die G n a d e mit
der W i e d e r g e b u r t in so enge
Beziehungen gebracht sehen, daß wir mit einem Male inmitten
unseres Gegenstandes — des Regenerationsgedankens — uns versetzt finden
werden. — Schopenhauer führt nämlich aus, daß: „die
Möglichkeit einer gänzlichen Sinnesänderung des Menschen
(Wiedergeburt), nicht mittels abstrakter Erkenntnis (Ethik), sondern
mittels intuitiver Erkenntnis (Gnadenwirkung)“ gegeben sei. Und an
anderer Stelle schreibt er: „Notwendigkeit ist das Reich der Natur;
Freiheit ist das Reich der Gnade — — jener Eintritt in die Freiheit ist
aber nicht durch Vorsatz zu erzwingen, sondern geht aus dem innersten
Verhältnis des Erkennens zum Wollen im Menschen hervor, kommt
daher plötzlich und wie von außen angeflogen. (Bis hierher,
wie Sie sehen, das Argument der Katze!) Daher eben nannte die Kirche
sie
G n a d e n w i r k u n g: wie sie aber diese noch abhängen
läßt
von der Aufnahme der Gnade, so ist auch die Wirkung des Quietivs doch
zuletzt ein Freiheitsakt des Willens. (Also kommt auch das Argument des
Affen zu seinem Recht!) Und weil infolge solcher Gnadenwirkung das
ganze Wesen des Menschen von Grund aus geändert und umgekehrt
wird, so daß er nichts mehr will von Allem, was er bisher heftig
wollte, also wirklich gleichsam ein neuer Mensch an Stelle des alten
tritt, nannte sie diese Folge der Gnadenwirkung die W i e d
e r g e b u r t.“ (II,
478—479.)
Hier
haben wir also die theologisch-kirchliche Auffassung der Wiedergeburt
gestreift. Daß die philosophische Auffassung ihren
130 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
vollendetsten Ausdruck
bei Schopenhauer gefunden hat, als eine Umkehr des Willens, daran
brauche ich Sie kaum zu erinnern. Bei den alten Indern findet eine
Verschmelzung statt; oder vielmehr, ist die Scheidung zwischen der
philosophischen und der theologischen Auffassung noch nicht
vorgegangen; daher hat ihre Lehre etwas so körperhaftes,
konkretes ¹) und wird sie (bis zum Eintritt des auflösenden
Buddhismus) sowohl den realen wie den idealen Anforderungen des Lebens
gerecht: eine Eigenschaft, die nach langen Jahrhunderten zu allererst
wieder bei Richard Wagner zutage tritt!
Den
ausschließlich rein religiösen, idealen Ausdruck hat aber
die Wiedergeburt des Individuums in der Lehre Jesu Christi gefunden.
Ich erinnere hier namentlich an die Unterredung mit Nicodemus. Dieser,
ein Gelehrter, kommt nachts zu Jesu, um sich von ihm belehren zu
lassen, worunter er natürlich (als Gelehrter) eine logische,
wissenschaftliche, vernunftgemäße Auseinandersetzung
versteht und erwartet. Der Heiland aber antwortet auf seine Fragen mit
den Worten: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß
Jemand v o n n e u e m g e b o r e n
w e r d e, kann er das Reich Gottes nicht
sehen.“ Nicodemus, der als echter Gelehrter die Gedanken real und die
Bilder konkret auffaßt, begreift nicht, wie ein Mann wieder in
seiner Mutter Leib zurückkehren und von neuem geboren werden soll,
worauf Christus ihm erwidert: „Laß dich's nicht wundern,
daß ich dir gesagt habe: Ihr müsset von neuem geboren
werden. Der Wind bläset, wo er will, und du hörest sein
Sausen
wohl ²), aber du weißt nicht, von wannen er kommt und wohin er
fährt. Also ist ein Jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.“ —
Nicodemus antwortete und sprach zu ihm: „Wie mag solches zugehen?“ —
Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Bist du ein M e i s t
e r in Israel
und weißt das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage
dir: W i r reden,
daß wir w i s s e n, und zeugen, das
wir g e s e h e n h a b e n — — (Ev. Joh., Kap.
III.) Und hier möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, wie sehr
alle wahren Lehren Christi, ja seine einzelnen Worte, an unsere
ureigene, indische Weisheit gemahnen. Dieses: „wir zeugen, das wir
gesehen haben,“ finden Sie in der Chandogya-
—————
¹) Ich erinnere hier an ihre Vorstellung einer
körperlichen Wiedergeburt, der Metempsychose; die aber nur
symbolischen Wert hatte.
²)
Theologia deutsch: „Der Geist
geistet wâ er wil und du hôrest sine
stimme — —“
131 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
Upanishad: „Wenn
Einer
s i e h t, dann begreift er. Einer der nicht sieht, begreift
nicht. N u
r
w e r s i e h t, b e g r e i f t.“ — — — Aber,
verehrte Freunde, hier sind wir
ganz unvermutet bei Richard Wagner schon angekommen! Wir hatten den
Geist unserer V ä t e r heraufbeschworen — und
auf einmal steht unser
eigener, lebendiger M e i s t e r vor uns!
Wenige
Wochen vor der Vollendung seines siebzigsten Jahres schrieb
Wagner:
„S e h e n, s e h e n, w i r k l i c h s e h
e n, — das ist es, woran allen es gebricht.
Habt ihr Augen? habt ihr Augen? — möchte man immer dieser ewig nur
schwatzenden und horchenden Welt zurufen, in welcher das Gaffen das
Sehen vertritt. W e r j e w i r k l
i c h s a h, w e i ß w o r a
n e r m i t i h r i s
t.“
(X, 410.)
Dieses
„Sehen“ nun, diese unbedingte Forderung der tatsächlichen,
leiblichen Erfassung durch die Sinne und den Verstand, im Gegensatz zu
dem abstrakten Verfahren der Vernunft und zu ihren, durch keine
Vorstellung zu fassenden Resultaten ist das ü b e
r a l l e s
charakteristische Moment bei Wagner! Wir werden niemals etwas bei ihm
wirklich begreifen und am allerwenigsten seine besondere Auffassung
der
R e g e n e r a t i o n, wenn wir dieses Moment der Sichtbarkeit
— und die
Sichtbarkeit bedeutet sinnliche oder sinnfällige Greifbarkeit —
außer acht lassen. — Dreiunddreißig Jahre vor den soeben
zitierten Worten hatte Wagner (im K u n s t w e r k
d e r Z u k u n f t) geschrieben:
„Wahr und lebendig ist aber nur, was sinnlich ist und den Bedingungen
der Sinnlichkeit gehorcht. Die höchste Steigerung des Irrtums ist
der Hochmut der Wissenschaft in der Verleugnung und Verachtung der
Sinnlichkeit; ihr höchster Sieg dagegen der, von ihr selbst
herbeigeführte Untergang dieses Hochmutes in der Anerkennung der
Sinnlichkeit.“ (III, 56. 57.) — Daß Wagner nun im Laufe seines
ganzen Lebens und ausnahmslos die S i c h t b a r k e i t,
die Faßbarkeit
als eine unabweisbare Grundforderung aufstellt, daß dieses
Prinzip sein eigenes ganzes Denken beherrscht, das dürfen wir wohl
zunächst als eine Äußerung seines k ü
n s t l e r i s c h e n Wesens betrachten und als einen wertvollen
Beweis davon,
daß er überall und immer seine Künstlerschaft bewahrte.
Es ist aber von großer Bedeutung darauf hinzuweisen, daß
die Wurzeln dieser Auffassung viel tiefer als der Boden einer selbst
genialen Sonderanlage reichen, ja, bis in jene tiefsten Tiefen, aus
welchen alles Größte unserer
132 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
Rasse emporgewachsen ist.
Denn das „Nur wer sieht, begreift“ der indischen Weisen ist geradezu
ein Kompendium der Wagnerischen Methode und Überzeugung; und von
dem was er lehrt, speziell von seiner Regenerationslehre, könnte
der Meister mit Christo sagen: „wir zeugen, das
wir
g e s e h e n haben.“
Durch
dieses Sehen findet nun etwas sehr Wichtiges seine Erklärung; das
nämlich, was Christus über die „Armen an Geist“ sagt. Hiermit
wird ausgesagt, daß die eigentliche, tiefste und allein
unentbehrliche Weisheit ebensowenig durch die Tätigkeit der
Vernunft, wie durch Gelehrsamkeit erworben wird; es gibt eben noch eine
ganz andere Quelle des Wissens, — ihre Wellen spiegeln sich im Gedanken
als Intuition, im Auge als Bild wieder; der Gelehrsamkeit, der Schulung
bedarf es hier nicht. Was der gelehrte Nicodemus, „ein Meister in
Israel“, durchaus nicht begreifen konnte, das hatten einfache Fischer
erfaßt; sie hatten eben g e s e h e n! Wie die
Chandogya lehrt: „Wenn
Einer sieht, dann begreift er.“ — Und das kann man — dem verbreiteten
Vorurteil entgegen — gewiß behaupten: von Wagners Lehren ist
gerade seine Regenerationslehre einem Jeden zugänglich. Wir
brauchen ja nur ein Auge auf seine Partituren zu werfen, um etwas zu
erblicken, was nur dem eigens dafür Begabten und dafür
Ausgebildeten seinen Sinn enthüllt; auch Manches in den Schriften
ist durchaus nicht Jedermanns Sache; die leitenden Ideen aber des
Regenerationsgedankens sind allen zugänglich. Gerade um diese sich
zu eigen zu machen bedarf es weder der Gelehrsamkeit noch eines
überragenden Intellektes; ¹) man braucht nicht „ein Meister
in
Israel“ zu sein! Und nun will ich einiges über die
Regenerationsidee sagen, wie wir sie speziell bei Richard Wagner
vorfinden.
—————
Wir
werden, glaube ich, zunächst wohltun, zwischen der W i
e d e r g e b u r t
des einzelnen Individuums und einer R e g e n e r a t i o n
der gesamten
Menschheit zu unterscheiden. —
Den inneren, mystischen Vorgang einer
Wiedergeburt — einer Neugeburt — des Individuums, der den Kern der
christlichen Religion ausmacht, wo diese Lehre unmittelbar an das
Gemüt sich wendet,
—————
¹) „Der
Vedânta bezeichnet sehr richtig, als Wohnung der höchsten
Seele, nicht etwa in kartesianischer Weise den Kopf, sondern das Herz.“
(Deussen: System des
Vedânta,
S. 61.)
133 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
und der in der
Philosophie Schopenhauers der denkenden Vernunft als faßlicher
Gegenstand dargestellt wurde, — diesen Vorgang in Worten und Lehren
darzustellen, konnte am allerwenigsten dem Künstler einfallen.
Zwar ist Wagner nach und nach zu der unerschütterlichen
Überzeugung gelangt, daß — wie er in einer seiner letzten
Schriften sagt —; „aller echte Antrieb, und alle vollständig
ermöglichende Kraft zur Ausführung der großen
Regeneration n u r a u s d e
m t i e f e n B o d e n e i n e
r w a h r h a f t e n R e l i g i o
n
erwachsen könne.“ (X, 313.) Was man aber in seinen Schriften
findet, was er über die R e g e n e r a t i o n
sagt und lehrt, bezieht sich
immer auf eine Regeneration der g e s a m t e n
m e n s c h l i c h e n G e s e l l s c h a f t.
— Wenn also Wagners Regenerationsgedanke mit seinen Wurzeln in den
dunklen Schoß des Unergründlichen, dem Verstand und den
Sinnen Unzugänglichen hinabreicht, — so ist doch dieser Gedanke
bei ihm in seinen mannigfaltigen Gestaltungen und Darstellungen stets
ein durchaus sichtbarer, faßlicher, gewissermaßen
„handgreiflicher“, und jedenfalls eminent „praktischer.“ Was er
erstrebt, ist: die menschliche Gesellschaft von Grund und Boden aus zu
regenerieren. Und man muß großen Nachdruck auf das
Wort
R e g e n e r a t i o n legen, weil hiermit ausgesprochen wird,
daß es sich
um eine Wieder-Erzeugung, um eine Neugeburt handelt, d. h. also, um ein
Zurückgreifen auf das von der Natur gegebene, auf die
unverfälschten Urkräfte des Lebens, — während der
eigentliche Politiker (welcher Partei er auch angehöre)
nur
R e f o r m a t i o n kennt, allmähliche, progressive
Änderung und
Besserung der als ewig gültig gedachten gesellschaftlichen,
künstlichen Ordnung, — und der Sozialist mit der R e v
o l u t i o n einzig
eine Änderung dieser Ordnung zu s e i n e n
Gunsten bezweckt, also einer
neuen, politischen Ordnung zugunsten.
Dieser
Gedanke einer Regeneration unterscheidet sich demnach von Grund aus,
wie Sie sehen, von allen üblichen Weltbeglückungslehren.
Denn, indem er das Z u r ü c k g r e i f e n
auf das „Ewig natürliche“,
auf das „Rein menschliche“, als den Weg des Heils
verkündigt,
brandmarkt er unseren jetzigen Zustand des angeblichen „Fortschrittes“
als einen Z u s t a n d d e s V e r
f a l l e s. — Ist es folglich nötig, wie ich
sagte, großen Nachdruck auf den Begriff einer „R e g
e n e r a t i o n“ zu
legen, so ist zur Feststellung dieses Begriffes vor allem anderen das
eine unerläßlich: einzusehen, wie dieser Be-
134 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
griff den eines V
e r f a l l e s
der Menschheit, ihrer E n t a r t u n g voraussetzt
und einschließt.
Wagner hat das auch in folgendem Satze deutlich formuliert: „Die
Annahme einer E n t a r t u n g des menschlichen
Geschlechtes dürfte, so
sehr sie derjenigen eines steten Fortschrittes zuwider erscheint,
ernstlich erwogen, dennoch d i e e i n z i g e
sein, welche uns einer
begründeten H o f f n u n g zuführen
könnte.“ (X, 304.)
Fasse
ich also den Regenerationsgedanken nach seinen ganz allgemeinsten
Umrissen auf, so finde ich drei Hauptbestandteile: 1. die Annahme eines
ursprünglichen, gesunden N a t u r z u s t a n d e s,
in welchem zwischen dem
Ganzen und seinen Teilen kein Antagonismus bestand, d. h. in welchem
die freie Entwickelung des Individuellen vom Allgemeinen befördert
wurde und diesem zugute kam; 2. die Annahme eines V e r f a
l l e s aus diesem
Zustand und einer progressiven Entartung, in welcher das heutige
Menschengeschlecht noch begriffen ist; 3. die Lehre, daß einzig
und allein in einer R ü c k k e h r zu jenem
Zustande des
Ewig-Natürlichen und Rein-Menschlichen, d. h. zur Natur, das Heil
zu hoffen sei.
Dieser
Regenerationsgedanke ist an und für sich nichts weniger als neu;
um nur zwei naheliegende extreme Beispiele zu wählen: Sie finden ihn in der
christlichen Religion und sie finden ihn in Jean Jacques
Rousseau. Die
christliche K i r c h e aber verzichtet auf eine
Regeneration der
menschlichen Gesellschaft auf dieser Welt; sie begnügt sich damit,
das einzelne Individuum, auf dem Wege der Wiedergeburt, aus dem
Zustande des Verfalles der Erlösung zuzuführen. — J. J.
Rousseau, dahingegen, als echter Franzose, faßt die Frage
einerseits ganz abstrakt und formell, andererseits materiell auf (und
seinen Spuren folgt Tolstoj
heutzutage): er versteht unter dem „ewig
Natürlichen“ den kunstlosen „Naturzustand,“ die Negation aller
Kultur, aller Kunst, aller Wissenschaft. — Ganz anders ist jene
Auffassung der Regenerationsfrage, welche man wohl mit Recht
die
d e u t s c h e nennen kann, und wie wir sie bei den zwei
idealsten deutschen
Dichtergestalten finden: Schiller und Wagner. Ja! gerade in Bezug auf
die Frage, die uns heute beschäftigt, sind diese zwei Namen eng
verknüpft. Jeder Deutsche, dem es Ernst um die Sache ist, sollte
Schillers „Briefe
über die ästhetische Erziehung des
Menschen“ und Wagners „Religion und Kunst“ zu-
135 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
sammenbinden lassen, sich
immer wieder in sie vertiefen und sich ihren Geist und ihre Lehren zu
eigen machen. Nach m e i n e r innigsten
Überzeugung, wenigstens,
sind es nicht seine Politiker, sondern diese zwei Dichter, welche dem
deutschen Volke die Wege gewiesen haben, die es wandeln muß, will
es seine Mission erfüllen, will es seinen ihm
eigentümlichen
„G e i s t reiner Menschlichkeit“ (X, 347), jene, „der
Natur um ihrer Erlösung willen unendlich wichtige Anlage“ (wie
Wagner sich ausdrückt) zur Reife entwickeln. ¹) — Ja! ich
gehe so weit, Schiller und Wagner als einander unentbehrlich zu
finden; unentbehrlich nämlich für ein volles, eingehendes
Verständnis der deutschen Regenerationslehre. Heute kann ich
dieses ergänzende Verhältnis nicht näher ausführen;
nur das eine, rein äußerliche Moment will ich nicht
unerwähnt lassen, als Anregung für meine Zuhörer,
daß mancher Schiller erst mit Hilfe von Wagner und mancher
umgekehrt Wagner erst vom Standpunkt der Schillerschen Darstellung aus
ganz begreifen wird. Schiller ist gewiß unvergleichlich schwerer
als Wagner, weil seine Darstellung durchwegs im Reiche der Ideen und
der poetischen Vergleiche sich bewegt; gerade hierdurch aber steht er
vielen zunächst näher als Wagner; denn nichts erschreckt den
modernen Menschen mehr wie das Konkrete, Unmittelbare,
Unverhüllte. Wesentlich aber, und von unermeßbar
großem Einfluß auf die Geister, die diese Einsicht erlangt
haben, ist die Erkenntnis, daß die Grundlehre der beiden
Männer d i e s e l b e ist,
und daß, wie Schiller sagt: die
Menschheit, die durch Vernünf t e l e i von der Natur
abgefallen ist,
durch V e r n u n f t zu ihr zurückkehren
muß. (Vergl. Bf. 5.)
Daß es nun in Deutschland gerade die D i c h t e r
sind — nicht die
Mönche (wie in Italien Franz von Assisi), oder die Philosophen
(wie in Frankreich) — welche die Regenerationslehre verkünden, das
ist gewiß für den spezifisch d e u t s c h e n
Geist sehr
charakteristisch; das gibt aber auch der deutschen Regenerationslehre
ihre so ganz eigene, unterscheidende Gestalt. Der Dichter ist eben
der
S e h e r; er „zeuget, was er sieht.“ Darum berührt uns
seine Lehre
so voll und warm m e n s c h l i c h; wogegen das
rein-Mystische der
—————
¹) Um dieser Improvisation ihren Charakter als
solcher nicht zu nehmen, hat der Verfasser darauf verzichtet, auf die
hohe Bedeutung Goethes in dieser Rücksicht, die in jenem Vortrag
unerwähnt blieb, noch nachträglich hinzuweisen.
136 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
körperlichen Gestalt
ermangelt, und das Abstrakte auf die dürre Linie beschränkt
bleibt. Der Dichter dagegen — als Weltweiser — nimmt uns einfach bei
der Hand und führt uns hin „an das süße Wasser der
Natur.“
Wie
Sie sehen, ich werfe da eilig und skizzenhaft eine ganze Menge
Anregungen hin; auf diese letztere — das Verhältnis Wagners zu
Schiller — bitte ich besonderes Gewicht zu legen.
Mit
der selben Flüchtigkeit — denn die beschränkte Zeit, die mir
zur Verfügung steht, läßt es nicht anders zu — will ich
jetzt einiges über die Regenerationsidee in Wagners Schriften
sagen.
—————
Bereits im Jahre 1848, in seiner Rede im Vaterlandsverein, bezeichnet
Wagner als das zu erstrebende Ziel: „die vollkommene W i e
d e r g e b u r t der
menschlichen Gesellschaft“; erreicht denkt er sich diese durch „die
Emanzipation des Menschengeschlechtes“ aus der „knechtischen
Leibeigenschaft des bleichen Metalls.“ — Gleich hier in 48 haben wir
also die beiden bezeichnendsten Merkmale von Wagners Auffassung der
sozialen Frage: die Idee der Wiedergeburt und die plastisch-greifbare
Vorstellung, daß diese durch einfache, materielle Mittel zu
erreichen sei (wie z. B. durch die Abschaffung des Geldes). Auch,
daß R e l i g i o n zur Regeneration
gehöre, ist schon hier
deutlich empfunden; denn nicht nur nennt Wagner die Regeneration „die
Erfüllung der reinen C h r i s t u s l e h r e“,
sondern er erklärt
ausdrücklich, daß wir bei unserem Zurückgreifen auf das
Ewig-Natürliche auf G o t t bauen sollen.
¹) — In der
gleichzeitigen Schrift: „Die W
i b e l u n g en,“
wird sowohl unser
Eigentumsbegriff, wie auch die ganze, undeutsche, römische
Rechtsgrundlage unseres modernen Staates schonungslos angegriffen. — In
dem selben Jahre entstand auch jener dramatische Entwurf: J e s u s v o n
N a z a r e t h, in
welchem der Meister, angeregt durch die Erhabenheit des Gegenstandes,
in aphoristischer Form manches sagte, was man in so schöner,
klarer Fassung nirgendswo bei ihm wiederfindet. Die ganze
Jämmerlichkeit unserer Zivilisation wird hier bloßgelegt und
die Rückkehr zum Rein-Menschlichen im Anschluß an die Worte
des Neuen Testamentes mit einer Kühnheit gelehrt
—————
¹) „Gott wird uns erleuchten, das richtige
Gesetz zu finden.“
137 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
die in ihrer schmucklosen
Einfachheit fast eben so ergreifend wirkt, wie die dreißig Jahre
später in R e l i g i o n u n
d K u n s t ausführlicher begründete
Doktrin. „Wo kein Gesetz ist, ist auch keine Sünde. — — — Wer Schätze
häufte, die die Diebe stehlen können, der brach zuerst das
Gesetz, indem er seinem Nächsten nahm, was ihm nötig ist. — —
— Die Versöhnung der Welt ist daher nur durch Aufhebung des
Gesetzes zu bewirken, welches den einzelnen von seiner freien
Entäußerung seines Ichs an die Allgemeinheit abhält,
ihn von ihr t r e n n t.“ An anderer Stelle
heißt es: „Das Himmelreich
ist nicht außen, sondern in uns.“ ¹) Die drei Bestandteile
des
Regenerationsgedankens treten also in diesem Werke sehr scharf und
klar auf: der
ursprüngliche,
„sündenlose“ Zustand, — der Verfall, — die Notwendigkeit einer
Rückkehr. — Besonders bei J e s u s v o
n N a z a r e t h muß das jedem
vernünftigen Menschen sofort in die Augen springen.
Was
aber vielleicht ganz allgemein übersehen wird, woran die Meisten
vielleicht gar nicht erst überhaupt denken, das ist die Tatsache,
daß die nun folgenden, berühmten und
verhältnismäßig viel gelesenen Schriften: D
i e K u n s t u n d
d i e R e v o l u t i o n, D a s K u n s
t w e r k d e r Z u k u n f t, K u n s
t u n d K l i m a, O p e
r u
n d
D r a m a, mit dem Regenerationsgedanken so eng
verwoben
sind, daß
sie in Wahrheit ohne ihn jede Existenzberechtigung verlieren! Denn, was
ist diese Z u k u n f t, von der Wagner immer
spricht, auf die er als einzige
Hoffnung hinweist? Ein Zustand progressiven Fortschrittes aus unserer
Gegenwart ist sie wahrlich nicht, dagegen verwahrt er sich stets und
kräftig; der erste Schritt zur Hoffnung ist (wie es in
der
M i t t e i l
u n g a n m e i n e F
r e u n d e heißt) „d i e s e
r Welt den R ü c k e n
zu kehren“, und der Meister bezeichnet sich ausdrücklich
im K u
n s t w e r k d e r Z u k u n f t, p.
75, als: „d e r n a c h d e
r N a t u r s i c h
z u r ü c k s e h n e n d e, und deshalb in der modernen
Gegenwart
unbefriedigte Geist.“ Dieser „nach der Natur sich zurücksehnende
Geist“ ist nun derselbe, der in O p e r u n
d D r a m a (IV, p. 284) uns
vorgeführt wird, als: „der Künstler der Gegenwart, der das
Leben der Zukunft ahnt und in ihm enthalten zu sein sich sehnt.“ Die
Sehnsucht nach der Z u k u n f t ist also bei Wagner
ganz genau dasselbe wie
— und nur ein anderer Ausdruck für — die Sehnsucht „zurück
nach der Natur“; — das heißt folglich: u n t e
r „Z u k u n f t“ v e r s t e h t
W a g n e r R e g e n e-
—————
¹)
Vgl. zu diesen Zitaten: Röm. 4, 15; Matth. 6, 19; Luk. 17, 21.
138 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
r a t i o n! — Wer das nicht
weiß oder nicht ahnt, für den haben die großen
Kunstschriften des Meisters eigentlich keinen Sinn.
Daß eine Schrift wie D i e K u n s
t u n d d i e R e v o l u t i o n
sich
hauptsächlich g e g e n unsere „zivilisierte
Barbarei“ wendet und
weniger konstruktiv sich äußert, zerreißt den
Zusammenhang durchaus nicht; im Gegenteil, denn die Einsicht, daß
unsere Welt eine durch und durch schlechte ist, bildet ja den ersten
Schritt zur Erfassung der Regenerationsidee. Außerdem stehen
gerade in dieser ersten, mehr polemisierenden Schrift die
entscheidenden Worte: „Die N a t u r, und nur
die N a t u r, kann auch die
Entwirrung des großen Weltgeschickes allein vollbringen.“
(III, p. 38) ¹) Ebenso wenig wird der wahre Zusammenhang dadurch
aufgehoben, daß im K u n s t w e r k d e
r Z u k u n f t das Hauptgewicht auf die
zu erreichende Z u k u n f t gelegt wird, weniger
auf die Notwendigkeit des
Zurückgreifens. In der folgenden Schrift: K u n s
t u n d K l i m a wird
letzteres nun stark hervorgehoben: „Nicht unserer [pfäffischen
Pandekten —] Zivilisation, sondern der zukünftigen — — wirklichen
und wahren K u l t u r wird demnach aber auch erst
das Kunstwerk
entblühen, dem jetzt Luft und Atem versagt ist, und auf dessen
eigentümliche Beschaffenheit wir gar nicht eher Schlüsse zu
ziehen vermögen, als bis wir Menschen, die Schöpfer dieses
Kunstwerkes, uns nicht im v e r n ü n f t i g e
n E i n k l a n g e m i t d i e s e
r N a t u r
entwickelt denken können.“ (III, 262).
Und da
muß ich im Vorbeigehen Sie auf etwas sehr Wichtiges aufmerksam
machen: man behauptet, diese früheren Schriften enthielten blutige
Angriffe auf die christliche Religion. Nichts ist falscher! Denn — ganz
abgesehen von dem Entwurf J e s u s v o
n N a z a r e t h, dessen tiefe
Religiosität durch die Auffassung der göttlichen Person des
Heilandes bezeugt wird ²) — darf man nicht übersehen,
daß Wagner hier unter Christentum ausnahmslos die Kirche, d. h.
die moderne Staatskirche versteht, und gerade weil er — im Einklang mit
aller wahren Religion — eine R e g e n e r a t i o
n d e r g a n z e n M e n s c h h e
i t
erstrebt, muß er einem Institut feindlich gegenüberstehen,
welches, anstatt unseren „barbarischen Staat“ (wie Schiller
—————
¹) Diese Schrift hätte überhaupt ebensogut
„Die Kunst und die Regeneration“ betitelt werden können!
²) Vgl. das vor kurzem erschienene Werk des
Abbé Hébert: Le Sentiment Religieux
dans l'oeuvre de
Wagner. (Fischbacher 1895.)
139 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
sich ausdrückt) zu
bekämpfen, von ihm als eine Hauptstütze betrachtet wird, um —
wie Wagner sagt — „den millionenfachen Egoismus“ der nach „absoluter
Seligkeit“ einzeln strebenden Menschen großzuziehen und die
Regeneration in das Jenseits zu verlegen. Wagner erklärt aber
ausdrücklich im K u n s t w e r k d e
r Z u k u n f t: „wenn die herrschende
Religion des Egoismus — — — ausgerottet ist — — — wird die
n e u e
R e l i g i o n, und zwar ganz von selbst, in das Leben treten,
die auch die
Bedingungen des Kunstwerkes der Zukunft in sich schließt.“ — Weit
entfernt ein atheistischer Religionszerstörer zu sein (wie
gewisse Schriftsteller uns glauben machen möchten), erklärt
also Wagner in seiner revolutionärsten Schrift ganz
ausdrücklich:
„die R e l i g i o n schlösse die Bedingungen
des Kunstwerkes der Zukunft
in sich“! —
Diesen Gedanken bitte ich nun festzuhalten; denn er
ist der
Keim, aus welchem
ein wichtigster Teil der späteren Regenerationslehre hervorwuchs:
das
„K u n s t w e r k d e r Z u k u n f t“,
d. h. (wie wir gesehen haben) das Kunstwerk
der regenerierten Menschheit, e r b l ü h
t a u s d e r R e l i g i o
n; das lehrte Wagner im Jahre 1849.
Diesem
Gedanken (ein „Leitmotiv“, wie man im heutigen Jargon sagen würde)
bitte ich aber gleich jenen zweiten entgegen zu stellen und
zuzugesellen, der die Schlußworte von „O p e r u n d D r a m a“ bildet:
„Wer diese Sehnsucht (nach dem Leben der Zukunft) aus seinem eigensten
Vermögen in sich nährt, der lebt schon jetzt in einem
besseren Leben; — n u r E i n e r a b e
r k a n n d i e s: — der Künstler.“ (IV,
284.) — Entblüht also das Kunstwerk aus der Religion, und kann
wahre Religion erst dann entstehen, wenn die herrschende Religion
des
E g o i s m u s ausgerottet ist, das heißt
also, d u r c h R e g e n e r a t i o n der
menschlichen Gesellschaft, — so ist andrerseits festzustellen,
daß die lebendige Sehnsucht nach dieser Regeneration
n u r in der
Seele des K ü n s t l e r s feste G
e s t a l t u n g gewinnen kann; nur in ihm
l e b t sie wirklich; denn nur er e r s c h a u t
eben dieses Leben der Zukunft;
nur e r „zeuget, das er sieht.“ Folglich ist es
der K ü n s t l e r, der
dazu berufen ist, die Menschheit zur Regeneration zu führen;
die
K u n s t ist „der freundliche Lebensheiland“, der der
Menschheit den Weg
auch zum Wiedergewinn der wahren Religion weisen wird!
Hier
enthüllt sich uns also bereits ganz klar und deutlich jener
wunderbar tiefe Gedanke, den Wagner mehr als ein Vierteljahr-
140 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
hundert später in
den Bayreuther Blättern als Antwort auf die Frage: „Wollen wir hoffen?“, in
den Vordergrund aller Betrachtungen über die Regeneration stellte
und ausführlich darlegte. Darum überspringe ich, was ich
über die M i t t e i l u n g a
n m e i n e F r e u n d e sagen
wollte (wo die
allmähliche Entwicklung des Regenerationsgedankens bei Wagner uns
enthüllt wird) und auch über „S t a a
t u n d R e l i g i o n“ (wo die
Bedeutung der Religion für die Regeneration bereits ganz in den
Vordergrund gerückt erscheint). Denn die bei weitem wesentlichste
Anregung, die ich Ihnen in Bezug auf die Regenerationsidee in Wagners
Schriften heute anbieten kann, ist die Einsicht, daß eine
absolute Kontinuität herrscht, daß die früheren und
späteren Schriften eng mit einander verwachsen sind und zu
einander gehören, daß sie sich ergänzen, daß die
leitenden Gedanken, die Welt- und Kunstauffassung, aus welcher sie
emporwachsen, im tiefsten Grunde identisch sind. Und Sie werden bei
einigem Nachdenken leicht begreifen, daß man mit vollkommenem
Recht die Kunstschriften der fünfziger Jahre als
„Regenerationsschriften“, und die Regenerationsschriften der siebziger
Jahre als „Kunstschriften“ bezeichnen kann; denn wahre Kunst wird es
nur durch Regeneration geben, und zur Regeneration kann uns allein die
Kunst führen: das ist der Kern von Wagners Lehre; das ist auch das
ganz Individuelle und Charakteristische daran.
Sie
entsinnen sich aber, daß Wagner uns aufgefordert hatte, „diesem
Ideale in unseren G e w o h n h e i t e n
einen r e a l b e f r u c h t e t e n
Boden zu geben“;
und er versteht darunter nicht bloß Gewohnheiten des Denkens,
sondern eben des ganzen „realen“ Lebens. Dieses, „ins volle
Menschenleben Eingreifen“, diese Art, alles bei der Wurzel, mit voller,
praktischer Energie anzufassen, ist eines der charakteristischen
Kennzeichen Wagner's, sie kennzeichnet auch die absolut einzig
dastehende Universalität seines Wesens. — Sie entsinnen sich
weiter, daß er schon 48 auf den Begriff des „Geldes“ und auf das
„Eigentum“ als Ursachen des Verfalles hingewiesen hatte; seine Ansicht
hat sich später nur insofern verändert, als er derlei
Erscheinungen jetzt eher als S y m p t o m e, denn
als Ursachen betrachtet; er
geht jetzt tiefer auf den Grund. Zunächst legt er noch einmal
(in
„E r k e n n e d i c h s e l b s t“) den
absolut mörderischen Einfluß des
Judentumes in unserer Mitte dar. „Unser Heil“, sagt er, „läge
einzig in einem E r w a c h e n d e
s M e n s c h e n z u s e i n e
r e i n f a c h - h e i l i g e n
141 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
W ü r d e“; der
Deutsche
ist aber seiner Eigenart ganz entfremdet, denn unsere Zivilisation ist
keine deutschchristliche, sondern eine „barbarisch-judaistische“;
der
„p l a s t i s c h e D ä m o n d e
s V e r f a l l e s der Menschheit“, derjenige, der
den Deutschen im Wahnsinne des Parteikampfes erhält, ist der
religionslose, dem Deutschen gänzlich und ewig fremde Jude. Der
Jude, dieser Apostel des „Fortschrittes“, ist der geborene und
geschworene Gegner aller Regeneration; ein Deutschtum, das sich selbst
erkennen will, hat zuerst diesen Dämon in ihm selbst zu bezwingen.
(X, 343 bis 350.) — In R e l i g i o n u n
d K u n s t, in H e l d e n t u
m u n d C h r i s t e n t u m und
in D a s W e i b l i c h e i
m M e n s c h l i c h e n weist Wagner nun aber auf
noch
tiefer liegende Gründe des Verfalles hin. Zunächst auf den
wahrscheinlichen Einfluß der N a h r u n g: er
nimmt den indischen
Gedanken wieder auf, daß die tierische Nahrung eine Hauptursache
des Verfalles der Menschheit sein mag. ¹) Man hat viel über
diese Verquickung des Wagnerianismus mit Vegetarianismus gelacht; aber
dieses Lachen war ein recht blödes; denn selbst die
nüchternste Wissenschaft wird die Richtigkeit des bekannten
Feuerbach'schen Satzes: „Der Mensch ist was er ißt“ — nicht
leugnen; wozu dann noch die ungleich wichtigeren sittlichen
Erwägungen in Bezug auf den „Tiermord“ hinzukommen. Übrigens
macht die vegetarianische Bewegung gerade bei dem praktischsten Volk
der Erde, dem Angelsächsischen, in allerletzter Zeit riesige
Fortschritte. — Auch des entnervenden Einflusses a l k o h
o l i s c h e r
G e t r ä n k e gedenkt der Meister. — Ganz besonderes
Gewicht legt er
aber auf die R a s s e n f r a g e und auf die so
ziemlich erwiesene Tatsache,
daß, bei jeder Vermischung, die höher entwickelte und
reicher beanlagte Rasse mehr verliert als die niedrigere Rasse
gewinnt. — In der unvollendeten Schrift über D a
s W e i b l i c h e i m
M e n s c h l i c h e n, welche der Meister zwei Tage vor seinem
Tode begann,
macht er schließlich auf die progressive Degeneration aufmerksam,
die eine notwendige Folge unserer modernen Ehen — der Ehen ohne Liebe —
ist. „Ist es die Ehe (schreibt er), welche den Menschen so weit
über die Tierwelt zur höchsten Ent-
—————
¹) Man übersehe jedoch nicht, daß das
Verbot des Fleischessens eine Buddhistische Neuerung war und daß
Buddha selber, nach der Legende, durch den übermäßigen
Genuß von Schweinefleisch sich den Tod holte! Auch die
Zend-Avesta verurteilt den Vegetarianismus in den heftigsten Worten.
142 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
wickelung seiner
moralischen Fähigkeiten erhebt, so ist eben wiederum der
Mißbrauch der Ehe zu gänzlich außer ihr liegenden
Zwecken der Grund unseres Verfalles bis unter die Tierwelt.“
(Fragmente, S. 126.)
Mit
diesem Hinweis auf einige jener praktischen Vorschläge des
Meisters, welche als Winke aufzufassen sind, wie wir dem
Regenerationsideale auch in unserem Leben „einen real befruchteten
Boden“ geben könnten, breche ich meine heutige fragmentarische und
so sehr unzureichende Skizze ab. Hätte ich einige meiner verehrten
Zuhörer zu einem erneuten, gründlicheren,
verständnisinnigeren Eingehen auf Wagners Regenerationsgedanken
veranlaßt, so
wäre mein Zweck erreicht.
—————
Gerade
diese Zuhörer erinnere ich aber an das, worauf ich zu Beginn so
großen Nachdruck legte, daß zum ernsten Befassen mit dem
Regenerationsgedanken vor allem C h a r a k t e r
gehöre. Wie Schiller in
seiner „Ästhetischen Erziehung“ sagt: „Energie des Mutes
gehört dazu, die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die
Trägheit der Natur als die F e i g h e i t des
Herzens der Belehrung
entgegensetzen.“ E n e r g i e d e
s M u t e s! — Was aber die Meisten entmutigt,
was ihnen die Energie raubt, das ist das Gefühl der
Unerreichbarkeit des Ideales; hier liegt ein tiefer Irrtum vor; um ihn
zu bekämpfen berufe ich mich wiederum auf Schiller, welcher
schreibt: „Der reine moralische Trieb ist aufs U n b e d i
n g t e gerichtet,
für ihn gibt es keine Zeit, und die Zukunft wird ihm zur
Gegenwart, sobald sie sich aus der Gegenwart notwendig entwickeln
muß. Vor einer Vernunft ohne Schranken ist d i
e R i c h t u n g z u g l e i c h
d i e V o l l e n d u n g, und der Weg ist
zurückgelegt, sobald er
eingeschlagen ist. — — — Gib der Welt, auf die du wirkst,
die R i c h t u n g
z u m G u t e n, so wird der ruhige Rhythmus der
Zeit die Entwicklung
bringen. Diese Richtung hast du ihr gegeben, wenn du — l e h r e n d —
ihre
Gedanken zum Notwendigen und Ewigen erhebst, wenn du — h a n d e l n d
oder
b i l d e n d — das Notwendige und Ewige in einen Gegenstand ihrer
Triebe verwandelst.“
Verehrte Versammlung, die Festrede auf Richard Wagner, die ich halten
sollte, Schiller hält sie jetzt! Denn wie sollten wir das Wirken
des erhabenen Geistes, dessen 80. Geburtstag wir heute feiern,
schöner und erschöpfender bezeichnen, als es diese Worte
143 RICHARD WAGNERS
REGENERATIONSLEHRE
Schillers tun? L e
h r e n d —
hat er unsere Gedanken zum Notwendigen und Ewigen erhoben, — b i l d e
n d,
hat er das Notwendige und Ewige in einen Gegenstand unserer Triebe
verwandelt. Daß er B e i d e s vollbracht hat,
daß Lehren und
Bilden zwei ganz gleichberechtigte, einander bedingende Seiten seines
Wesens sind, das eben macht, daß er eine fast einzig dastehende
Erscheinung in der Geschichte der Menschheit ist. Ich wüßte
nur Schiller, der ihm in dieser Beziehung verglichen werden
könnte. Als stünde er wirklich auf dem Archimedes'schen
Punkte, hat Wagner — der Einsame (der, wie er es so ergreifend sagt:
nur „in der Gemeinsamkeit mit sich und mit den Menschen der Zukunft“
lebte) — die Welt aufgehalten und ihr „die Richtung zum Guten“ gegeben!
— Wie nun vermochte er das? Denn dazu reicht die Göttergabe des
Genies nicht hin, und die „Energie des Mutes“ mag für Unsereinen
genügen, der selbst für das bloße schweigende Ertragen
vielen Mutes bedarf, — für das Lebenswerk eines Wagner konnte das
aber unmöglich ausreichen. Auch hier gibt uns des Meisters
Geistesverwandter, Schiller, die beste Antwort: „Die Philosophie,
welche uns zuerst von ihr abtrünnig machte, ruft uns laut und
dringend in den Schoß
der Natur
zurück — woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind? —
— — Ein alter Weiser hat es empfunden, und es liegt in dem
vielbedeutenden Ausdrucke versteckt: s a p e r
e a u d e! E r k ü h n e d i c h,
w e i s e z u s e i n!“ — Ja, die
Kühnheit, die maßlose,
heldenmäßige Kühnheit, das ist die herrlichste
Eigenschaft Richard Wagners; vor allem anderen wollen wir ihn für
seine unerschrockene Kühnheit verehren und lieben! Heil ihm,
daß seine L e h r e n „kühne“ sind;
gerade in ihrer Kühnheit
liegt die Bürgschaft ihrer Weisheit! Heil ihm, daß er in
dieser unserer jämmerlichen Welt K u n s t w e r k e
zu bilden sich
erkühnte, welche nicht ihr, sondern der Zukunft angehören!
(Juni 1895.)
144
RICHARD WAGNER UND DIE POLITIK
Wie hat sich Richard Wagner der praktischen
Politik gegenüber
verhalten? Hat er jemals in den Gang der tatsächlichen,
politischen Tagesereignisse persönlich eingegriffen? Und was ist
die genaue Bedeutung seiner etwaigen Teilnahme an ihnen? — Das ist eine
Frage, über die noch große Unklarheit herrscht — selbst
unter
uns näheren Anhängern des Bayreuther Meisters, und diese
Unklarheit ist darin begründet, daß wir in Biographieen und
anderen Schriften sich völlig widersprechende Angaben und Urteile
finden, oder aber, wir finden überhaupt nur einige ganz konfuse
Phrasen, aus denen höchstens des Eine hervorgeht, daß der
Verfasser selber nicht gewußt hat, was er sich denken soll. „Wenn
ich nicht mehr sein werde, werdet ihr über mich zur K
l a r h e i t
kommen“, sagt nun der Meister im „Jesus von Nazareth“, und ich erachte
es nicht nur für einen Gewinn, sondern geradezu für
eine
P f l i c h t, für uns, die wir den erhabenen Namen —
Richard Wagner —
auf unsere Fahne schreiben, daß wir auch genau wissen, was wir
unter diesen Namen zu verstehen haben, daß heißt also,
daß wir nach jeder Richtung hin volle K l a r h e i t erstreben.
In jener schon angeführten Stelle aus Jesus von
Nazareth
heißt es weiter, „ihr werdet über mich zur Klarheit
kommen,
d e n n i h r w i s s e t d a n n,
w a s i c h g e t a n h a b e.“ —
Bezüglich der Frage,
die uns heute beschäftigt, macht sich aber gleich hier ein Mangel
fühlbar. Denn nicht nur widersprechen sich die Angaben
darüber, was Wagner getan hat, sondern es ist überhaupt mit
der Feststellung von materiellen Begebenheiten noch kein „Wissen“
gegeben, sondern nur das M a t e r i a l zu diesem.
— Unser Streben
muß also vor Allem darauf gerichtet sein, zu wissen,
w a s der
Meister „getan hat“; hierzu müssen wir zunächst
die T a t s a c h e n
feststellen, und sodann ihren S i n n
ergründen, was nur
möglich ist, wenn wir sie in ihrem Verhältnis zu der
Gesamterscheinung Wagners betrachten.
145 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
Daß
Wagner, mit seiner Person, das Gebiet der tatsächlichen
Zeitpolitik nur ein einziges Mal berührte, nämlich in den
Jahren 1848/49, ist allbekannt und wird von niemandem bestritten. Mein
heutiger Vortrag gilt deswegen auch diesem Zeitabschnitt allein. — 1848
und 1849 sind aber zwei scharf zu scheidende Perioden. — Im Jahre 1848
gährte es gewaltig in Sachsen; nach dem damaligen Stand der
Gesetze herrschte dort aber fast unbeschränkte Rede- und
Vereinsfreiheit; täglich wurde über die verschiedenen
Regierungsformen, über die Abschaffung des Königtums usw.,
ganz frei und unbehindert geredet und geschrieben; — im Mai des Jahres
1849 dagegen kam es zu einem bewaffneten Aufstande gegen die Regierung
des Königs. — Wer also im Jahre 1848 die Republik etwa als die
wünschenswerteste Regierungsform für Sachsen oder für
ein geeinigtes Deutschland hinstellte, beging damit keine Verletzung
seiner Bürgerpflicht oder seines Untertaneneides; solche
Erörterungen waren nach dem Gesetze erlaubt und fanden ganz
öffentlich statt. Wer dagegen im Jahre 1849 auf den Barrikaden
stand, der hat gegen seinen König zu den Waffen gegriffen, und —
welche mildernde Umstände in diesem speziellen Falle vielleicht
auch geltend gemacht werden können — es ist keine Frage, daß
wir einen solchen als einen „Revolutionär“ bezeichnen müssen.
Bezüglich des Verhaltens Richard Wagners ist
nun folgendes
zunächst festzustellen: sein Benehmen im Jahre 1848 bildet —
insofern es sich um materielle Tatsachen handelt — keinen strittigen
Punkt; er wurde Mitglied eines politischen Vereins, des
„Vaterlandsvereins, in welchem sehr verschiedene politische Ansichten
vertreten waren; er ging aber selten in die Versammlungen, nahm keinen
tätigen Anteil an dem Wirken des Vereins, und hat e i
n e i n z i
g e s M a l das Wort ergriffen, am 14. Juni 1848, zu
einer Rede, welche
er am nächsten Tage im Dresdener „Anzeiger“, unter dem Titel —
„Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königtume
gegenüber?“ — im Druck erscheinen ließ. Nur über
den
S i n n dieser Rede, über ihre B e d e u t u n
g, da gehen die Meinungen
auseinander; meines Wissens ist auf die wahre Bedeutung dieser Rede
noch niemals in eingehender Weise aufmerksam gemacht worden; das zu
versuchen wird der Hauptzweck meines heutigen Vortrages sein. — Anders
verhält es sich mit der Frage bezüglich des Benehmens
146 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
Richard Wagners im Jahre 1849;
hier sind es die Angaben über die
materiellen, greifbaren Facta, welche nicht nur beträchtlich
voneinander abweichen, sondern die sich direkt widersprechen. Daß
eine politische Rede Wagners falsch aufgefaßt wird, das wird
keinen wundern, der es weiß, bis zu welcher Reife Wagners
Weltanschauung schon im Jahre 1848 gediehen war; daß es aber so
schwer fällt, festzustellen, ob Wagner an dem Maiaufstand einen
tätigen Anteil nahm oder nicht, ob er auf den Barrikaden focht
oder nicht, das ist sonderbar. Man sollte glauben, die Z e
i t würde
Klarheit in diese Frage bringen; aber, im Gegenteil, die Konfusion wird
immer größer, und kein Buch hat mehr dazu beigetragen, als
das im vorigen Sommer erst erschienene von Ferd. Praeger: „Wagner, wie
ich ihn kannte“, in welchem der Verfasser sich zu der Behauptung
versteigt: Wagner hätte „an der S p i t z
e“ des Aufstandes gestanden! — was noch Niemand — selbst
nicht die erbittertsten Feinde des Meisters — bisher zu behaupten sich
erkühnt hatte, — und Praeger ist ein
„Freund“!
Meine Aufgabe am heutigen Abend wäre also:
bezüglich des
Jahres 49, T a t s a c h e n festzustellen;
bezüglich des Jahres 48, die
unbestrittene einzige Tatsache, nämlich die R e d e
im
Vaterlandsverein, zu deuten.
Aus Gründen, die Sie nachher einsehen und
gewiß
gutheißen werden, bitte ich um die Erlaubnis, über die
Ereignisse des Jahres 1849 zuerst sprechen zu dürfen. Ich werde
mich sehr kurz fassen, da eine Schilderung der damaligen Vorgänge
heute zu weit führen würde und eine Widerlegung,
ungezählter falscher Behauptungen am gründlichsten und am
raschesten durch die Feststellung einzelner unanfechtbarer Tatsachen
geschieht.
—————
Bezüglich der Ereignisse des Jahres 1849 haben
wir
zunächst und vor allem das eigene Zeugnis des Meisters. Und dieses
Zeugnis besagt, daß er keinen Anteil an der Revolution vom Mai 49
nahm.
Hier drängt sich uns aber nun gleich eine Frage
von
höchster, prinzipieller Wichtigkeit auf: können wir uns auf
Wagners Wort verlassen oder nicht? — In zwei Büchern, die im Jahre
1892 erschienen, in Praegers „Wagner, wie ich ihn kannte“ und
Dingers „Richard Wagners geistige Entwicklung“, — beide als Werke be-
147 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
geisterter Anhänger
geltend — wird das in Abrede gestellt. Praeger
sagt ganz offen, Wagner habe „Unwahrheiten über sich verbreitet“;
Dinger drückt sich weniger derb aus, läßt dasselbe aber
vermuten, und bezüglich der Mai-Ereignisse, speziell, spricht er
von einem Versuch „zu verdecken und zu vertuschen“.
Wenn ich von Wagners unbedingter Wahrheitsliebe
nicht überzeugt
wäre, so hätte ich nicht die Ehre, heute vor ihnen zu stehen;
es ist mir unbegreiflich, wie man einem Manne als „Lehrer im Idealen“
(um mich eines Kantschen Ausdruckes zu bedienen) soll folgen
können, wenn man nicht vor allem von seiner W a h r h
a f t i g k e i t
überzeugt ist. „Die größte Verletzung der Pflicht des
Menschen gegen sich selbst, gegen die Menschheit in seiner Person, ist
das Widerspiel der Wahrhaftigkeit, die Lüge“, sagt Kant; und
Wagner selber schreibt einmal: „Wahrhaftigkeit ist die
u n e r l ä ß l i c h e Bedingung alles
künstlerischen Wesens, wie
nicht minder alles Wertes eines guten Charakters.“ (IX, 272.) Und da
möchte ich die Behauptung aufstellen, daß in bezug auf
Wagners Wahrhaftigkeit, „die unmittelbare, auf Anschauung
beruhende
E v i d e n z“, um mit Schopenhauer zu reden, „der durch
einen B e w e i s
begründeten so vorzuziehen ist, wie Wasser aus der Quelle dem aus
dem Aquädukt“. — Bezüglich dieser Evidenz hat ein Franzose,
Gasperini, bereits im Jahre 1866 das Richtige gesagt, als er schrieb:
„Ein Wort s t r a h l t (rayonne) uns aus jeder
Kundgebung Richard Wagners
entgegen, und dieses Wort ist — W a h r h e i t!“ Ja, ich halte
die
„strahlende Wahrhaftigkeit“ für die absolut grundlegende
Charakteristik von Wagners ganzem Wesen und Wirken und Schaffen. Es
gilt von ihm, was er in seiner Schrift „Heldentum und Christentum“ von
den germanischen Ariern sagt: „u n d e n k b a r war
ihnen das Lügen, und
ein freier Mann hieß der w a h r h a f t i g e
Mann.“ — Diese seine
Wahrhaftigkeit geht vor allem mit überzeugendster Evidenz aus
seinen K u n s t w e r k e n hervor, denn die
eigentliche Ursache von jener
unvergleichlichen Wirkung, welche diese Werke auf uns hervorbringen,
ist — die W a h r h a f t i g k e i t d e
s A u s d r u c k e s. Sie geht aber auch aus seiner
ganzen Lebensgeschichte hervor; die Unfähigkeit, unwahr zu sein
ja, sich nur aus dringendster Not ein klein wenig zu verstellen, oder
wenigstens, was er auf dem Herzen trägt, zu verschweigen, ist bei
ihm so auffällig, daß man es fast als ein
physisch-psychologisches Gebrechen be-
148 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
zeichnen möchte. Wie er
selber einmal von sich berichtet: „Die
Selbstentehrung — gemeinhin Lebensklugheit genannt“ verstand er
nicht. Um ein Beispiel unter Tausenden anzuführen, erinnere ich
nur an die Schriften über das Judentum, durch welche er sich die
erbitterte Feindschaft der Journalistik zuzog, derjenigen Macht, von
der der Künstler am direktesten abhängt; die erste dieser
Schriften erschien im Jahre 1850, als er „nicht wußte, wo er sein
Haupt bergen sollte“; die zweite im Jahre 1869, als die Münchener
Hoffnungen schmählich zugrunde gegangen waren und der wirklich
allgemeine Erfolg auf anderen Bühnen gerade erst im Beginnen war;
dann erschienen diese beiden in Neuauflage in den Jahren 72 und 73, wo
gerade das Bayreuther Festspielhaus unter den größten
Nöten langsam entstand, und jede Anfeindung des Unternehmens
möglichst zu vermeiden gewesen wäre; im Jahre 78, in dem
Augenblicke, als die Bayreuther Schule gegründet werden sollte,
veröffentlichte er eine neue Schrift über denselben
Gegenstand; „Modern“; und noch vor der endlichen Verwirklichung des
„Parsifal“ erschien 1881 der Aufsatz „Erkenne dich selbst“, worin das
Wort vom „plastischen Dämon des Verfalls der Menschheit“
ausgesprochen wurde. — Dieses eine Beispiel genügt, um die
rücksichtslose Wahrhaftigkeit des Mannes zu bezeichnen. Wenn also
Wagner an dem 49er Aufstand tatsächlich beteiligt war, und er
sich, wie die Herren Praeger und Dinger behaupten, „später
Mühe gab, dieses zweifelhaft zu machen, zu verwischen“ — — — indem
„er Unwahrheiten verbreitete“ — —, so stehen wir vor dem
merkwürdigsten psychologischen Problem; denn die Beharrlichkeit
des Charakters wird sowohl von Physiologen wie von Philosophen gelehrt,
und Kant hat diese Tatsache in dem hübschen Satze formuliert: „Der
Mensch hat nur einen einzigen Charakter oder gar keinen.“ Daß
Wagner gar keinen Charakter hatte, wird Niemand behaupten, daß er
mehrere besaß, wird kein vernünftig Denkender sich weis
machen lassen. — Noch eines muß aber speziell hervorgehoben
werden: der Aufstand vom Mai 1849 bot n i c h t
d i e g e r i n g s t e V e r a n l a s s u n g
dazu, sich seiner Beteiligung daran zu schämen, sie „vertuschen“
zu wollen. Selbst Herr von Beust gibt zu, daß „d a s
g a n z e
s ä c h s i s c h e V o l k“ an dem Aufstande
beteiligt war. Die — mit Zustimmung sämtlicher Regierungen — in
Frankfurt tagende „Nationalversamm-
149 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
lung“ hatte eine
„Reichsverfassung“ ausgearbeitet, durch welche
die Einheit des deutschen Reiches begründet werden sollte. Das
ganze sächsische Volk war für die Einheitsidee begeistert;
der
König selber schien geneigt, der neuen Reichsverfassung seine
Zustimmung zu geben; e i n Mann war dagegen — Graf
Beust. Das ist in
gedrängtester Kürze die Entstehungsgeschichte dieses
Aufstandes. Und ohne ein Volk, welches gegen die Regierung seines
Königs zu den Waffen greift, in Schutz nehmen zu wollen, muß
ich Sie darauf aufmerksam machen, daß so ziemlich j e
d e r M a n
n von irgend welcher geistigen und moralischen Bedeutung in
Sachsen auf
Seiten der Aufständischen war, wenigstens seinen Sympathieen nach,
und daß von Denen, die vor Gericht als tatsächlich
Beteiligte kamen, die Mehrheit den gebildeten Ständen
angehörte; Sie finden unter den Angeklagten: Bürgermeister,
Professoren, Rechtsanwälte, Abgeordnete, Geistliche usw. in
großer Anzahl. Dieser Maiaufstand war also durchaus nicht eine
„Revolution“ in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes, und es ist
Ihnen bekannt, das Viele 49er — selbst allerkompromittirteste
Führer — später Staatsämter, und sogar hohe, bekleidet
haben, oder noch bekleiden, wie z. B. in Dresden der Stadtrat Heubner,
der wirklich ein Führer und sogar ein Mitglied der provisorischen
Regierung war. Es ist also nicht ersichtlich w a r u m
Wagner, wenn er
auch einen tätigen Anteil an diesem Aufstand genommen hätte,
die Erinnerung daran durchaus hätte „verwischen“ wollen. — Nun
behauptet allerdings Herr Dinger, Wagner habe sich für die Einheit
Deutschlands nicht interessiert; er sei aber ein „roter
Revolutionär“ von der internationalen Bakunin-Schule gewesen!
Auf diese mindestens erstaunliche Behauptung wird die Rede im
Vaterlandsverein die beste Antwort geben.
Ich behaupte also, daß bezüglich einer
etwaigen Beteiligung
Richard Wagner's an dem Maiaufstande sein eigenes Zeugnis uns das
Allerwertvollste und als ein unbedingt Vollständiges gelten
muß, und daß es ebenso unvernünftig wie unwürdig
ist, dem erhabenen Meister hier Mißtrauen entgegenzubringen.
Und
w a s zeugt der Meister von sich?
Im Jahre 1864 schreibt er: „Daß ich die Kunst
im modernen Leben nicht finden konnte, veranlaßte mich, die
Gründe in meiner
Weise zu erforschen; ich mußte mir die Tendenz des S
t a a t e s
deutlich
150 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
zu machen suchen, um aus ihr
die Geringschätzung zu
erklären, welche ich überall im öffentlichen Leben
für mein ernstes Kunstideal antraf. — Gewiß war es aber
für meine Untersuchung charakteristisch, daß ich hierbei n i e
auf das Gebiet der e i g e n t l i c h e n P o
l i t i k herabstieg, namentlich die
Zeitpolitik, wie sie mich trotz der Heftigkeit der Zustände nicht
wahrhaft berührte, auch von mir gänzlich unberührt
blieb. Daß diese oder jene Regierungsform, die Herrschaft dieser
oder jener Partei, diese oder jene Veränderung im Mechanismus
unseres Staatswesens, meinem Kunstideale irgend welche wahrhaftige
Förderung verschaffen solle, habe ich n i e
gemeint; wer meine
Kunstschriften wirklich gelesen hat, muß mich daher mit Recht
für unpraktisch gehalten haben; wer mir aber die Rolle
e i n e s
p o l i t i s c h e n R e v o l u t i o n ä r s,
mit wirklicher Einreihung in die Listen
derselben, zugeteilt hat, w u ß t e o f f
e n b a r g a r n i c h t s v o
n m i r, und
urteilte nach einem äußeren Scheine der Umstände, der
wohl einen Polizeiaktuar, nicht aber einen Staatsmann irre führen
sollte.“ (VIII, 8.)
Das ist doch sehr deutlich, nicht wahr? „Ich stieg
nie auf das Gebiet
der e i g e n t l i c h e n P o l i t i
k herab,“ — „nur ein Polizeiaktuar könnte
mir die Rolle eines Revolutionärs zuteilen.“
Da heute die Zeit drängt, habe ich nur das eine
hervorheben und
ins rechte Licht stellen wollen: Wagner's eigenes Zeugnis. —
Könnte ich Ihnen aber in ausführlicher Weise über die
Mai-Ereignisse berichten, so wäre es zwar unterhaltend, über
Wagner persönlich würden Sie jedoch nur Negatives erfahren,
aus dem einfachen Grunde, weil er in keiner Weise an dem Aufstande
beteiligt war, so daß eben n i c h t s z
u e r z ä h l e n i s t! Das
bezeugen die gerichtlichen Aussagen der Führer des Aufstandes,
welche von Wagner gar nichts zu berichten wissen, außer daß
sie ihn niemals auch nur sahen; das bezeugen sämtliche offiziellen
und offiziösen Schriften über den Aufstand, in denen der Name
Wagner's (— NB. R i c h a r d Wagner's! —) nicht ein
einziges Mal
erwähnt wird; das bezeugt die Tatsache, daß Wagner nur mit
großer Mühe zur Flucht bestimmt werden konnte, da er die
Ratsamkeit dieses Schrittes nicht einsah und meinte, er sei doch nicht
beteiligt, sondern nur Neugieriger gewesen. — Ein mißverstandener
Brief Wagner's an Röckel bildete das einzige gravirende
Belastungsmoment bei seiner gericht-
151 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
lichen Verfolgung. Und was
Graf Beust's bekannte Behauptungen anbelangt, Wagner sei in
c o n t u m a c i a m zum Tode verurteilt worden, und es
liege der schriftliche Beweis in den Akten vor, daß er die
Brandlegung im Prinzenpalais veranlaßt habe, — so hat Herr Dinger
das große Verdienst, a k t e n m ä ß i g
nachgewiesen
zu haben, (und zwar trotz seiner unverhohlenen Hochachtung vor dem
Grafen), daß diese Behauptungen vollständig aus der Luft
gegriffen und jedes Atoms von Wahrheit bar sind! Das königliche
Amtsgericht zu Dresden hat sogar die Güte gehabt, dies neuerdings
offiziell zu bestätigen!
Bezüglich der T a t s a c h e n,
die ich feststellen sollte, möge
also für heute das Gesagte genügen; an dem Aufstand im Mai
1849 hat Wagner keinen Anteil genommen.
Hierdurch wird aber nicht in Abrede gestellt:
erstens, daß er
schon damals unsere moderne Gestaltung der Gesellschaft „aus tiefstem
Grunde des Herzens verachtete“ (das sind seine eigenen Worte), und
zweitens, daß er einer großen, allgemeinen
Menschheitsrevolution mit Ruhe und Gelassenheit entgegensah, ja,
daß er sie eine Zeit lang erhoffte. Seine Schriften und seine
Briefe bezeugen es. In welchem S i n n e aber er
eine große
Umwälzung mit Freuden begrüßt hätte, w
a s er von
ihr erwartete, darüber belehrt uns am allerbesten gerade jenes
eine und einzige Auftreten Wagners in einem politischen Verein, — seine
einzige Berührung mit der eigentlichen Politik: die Rede, die er
am 14. Juni 1848 im Vaterlandsverein hielt.
Wenden wir uns nunmehr ausschließlich zu der
Betrachtung dieser
Rede.
—————
Im Jahre 1848, in dem Jahre, als es in ganz
Deutschland so mächtig
gährte, und es mit den beiden Worten — Einheit und Freiheit —
ernst werden zu wollen schien, da war es undenkbar, daß ein
Richard Wagner abseits stehen bliebe. Wie er selber irgendwo sagt: „Wer
sich unter der Politik hinwegstiehlt, belügt sich selber.“ Er
wurde Mitglied eines politischen Vereines.
Welchen der damals zahlreichen Vereine wählte
er nun? (denn diese
Wahl ist höchst bezeichnend) — den V a t e r l a n d s
v e r e i n!
Der Name war schön; es scheint aber in diesem
wie in den meisten
Vereinen dieser Welt zugegangen zu sein: die Phrasen-
152 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
macher und die Aufhetzer
trieben auch dort ihr frevelhaftes,
leichtfertiges Spiel. Wagner war in dieser Umgebung nicht wohl zu Mute.
Er berichtet: „Ich habe die Versammlungen (des Vereins) selten besucht
und n i e in ihre Debatten mich gemischt, sondern nur beobachtet.“ Wenn
aber ein Mann von dieser elementaren Lebhaftigkeit, dessen Herz wie
keines Zweiten für das deutsche Vaterland schlägt, in einem
„Vaterlandsverein“ schweigt und sich mit der Rolle eines stummen
Zuschauers begnügt, so ist das schon allein ein genügender
Beweis, daß er sich dort fremd fühlte. Einmal, ein einziges
Mal, ließ er sich nun dazu hinreißen, in diesem Vereine
eine Rede zu halten. Unter welchen Bedingungen er es tat,
welche M o t i v e
ihn dazu bestimmten, darüber belehrt uns ganz ausführlich ein
langes Schreiben, welches der Meister vier Tage nach der Rede (und drei
Tage nach ihrer Veröffentlichung) an den Intendanten, Herrn von
Lüttichau, richtete, das Prölß in seinen
„Beiträgen zur Geschichte des Dresdener Hoftheaters“ *) zum Abdruck
gebracht hat, und das merkwürdigerweise von allen Autoren mit
Stillschweigen übergangen wird.
Hören Sie, was Wagner in diesem Schreiben an
Lüttichau sagt:
„In einer Zeit, wo auch dem Ungebildetsten das Recht zugestanden ist,
über die Angelegenheiten unserer Verhältnisse sich
auszusprechen, erkennt der Gebildete um so mehr seine Pflicht, sich
dieses Rechtes ebenfalls zu bedienen. Die Parteireibungen der letzten
14 Tage haben unter den Einwohnern unserer Stadt die sich
entgegenstehenden Ansichten so auf die äußerste Spitze
getrieben, daß der Beobachter einer ängstlichen Spannung
nicht entgehen konnte. Ich schloß mich demjenigen Vereine an, in
dem die Fortschrittspartei am entschiedensten sich ausspricht:
einesteils, weil ich erkenne, daß die Fortschrittspartei die der
Zukunft ist, andernteils aber a u c h a u
s d e r R ü c k s i c h t, d a
ß e s
g e r a d e d i e s e r P a r t e i
a m n ö t i g s t e n i s t, d u r c
h G e i s t u n d M i l d
e d e r
G e s i n n u n g v o n r o h e n A u s
s c h w e i f u n g e n z u r ü c k g e h a l t e
n z u w e r d e n. Ich
habe diese Versammlungen selten besucht und nie in ihre Debatten mich
gemischt, sondern nur beobachtet; so gewann ich in der letzten Zeit die
Einsicht, daß grade durch die heftigen Angriffe der sogen.
Monarchisten dort ein trotziger Geist sich immer bedenklicher
herausgestellt hat. — — —“ (Es folgt hier eine Ausführung
über
Republik und Königtum.) — „Ich sah nirgends einen Redner oder
politischen
—————
*) Robert Prölß, Beiträge zur Geschichte des Hoftheaters zu Dresden in actenmässiger Darstellung, Erfurt, 1879.
153 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
Schriftsteller den Gedanken in
das Auge fassen, daß das
K ö n i g t u m i m m e r d e
r h e i l i g e M i t t e l p u n k
t b l e i b e n könnte, um den
sich alle volkstümlichen Institutionen errichten lassen,
— — — — —. Es lag mir nur daran, den Leuten einmal recht klar
zu zeigen, daß, wir möchten erreichen wollen, was nur irgend
erreichbar sei, das e i g e n t l i c h e K
ö n i g t u m an und für sich doch
diesem Streben nie unmittelbar entgegenstände: daß mit dem
Königtum eben alles sehr wohl und nur noch dauerhafter zu
erreichen sei. — Hiermit mußte natürlich der Wunsch in mir
entstehen, beide Parteien, Monarchisten wie Republikaner, von dieser
mir beigekommenen Ansicht zu überzeugen, um, gelänge mir
dies, beide Parteien n a c h e i n e
m Z i e l e hinzulenken: d i
e E r h a l t u n g d e s
K ö n i g t u m e s und mit ihm d i e E
r h a l t u n g d e s i n n e r e n F r
i e d e n s“ — (Das
also ist der Zweck jener Rede im V. V., und von diesem Standpunkte aus
muß sie beurteilt werden!) — — „Mußte ich, um zu meiner
erzielten Schlußfolge zu kommen, hier und dort gegen Bestehendes
anstoßen, so durfte mich die Furcht vor Verfeindung nicht
abhalten, eine tief empfundene Überzeugung auszusprechen, mit der
nicht Unfrieden, sondern Frieden und Vereinigung erzielt werden sollte.
Die Wärme dieser Überzeugung ist daran Schuld, daß ich
sogar mit meiner Person dafür eintrat. Als ich letzthin zu der
Versammlung des Vereins eintrat, hörte ich eben wieder jene Reden,
die den Begriff der Republik — — stets in unmittelbare Verbindung mit
der Abschaffung des Königtums bringen. In dem vollen
Bewußtsein, gerade jetzt vor dieser Versammlung einen guten und
wohltätigen Gedanken auszusprechen, entschloß ich mich
schnell, meinen Aufsatz sogleich vorzulesen, und hätte dieser
Schritt alle gute Absicht verfehlt, so hat er doch die e i
n e ganz
unleugbar erfüllt: noch nie ist nämlich in diesem Vereine ein
so enthusiastisches Lob unseres Königs ausgesprochen, noch nie mit
solcher Begeisterung aufgenommen worden. — — Gerade dieser Beifall nun,
sowie auch der Grund desselben, hat mir Neider und Gegner erweckt: ich
will in eine Ansicht über viele dieser Volksführer hier nicht
weiter aussprechen — sie erfüllt mich mit den trübsten
Befürchtungen, denn namentlich m e i n e B
e g e i s t e r u n g f ü r d a
s
K ö n i g s t u m hat ihnen nicht gefallen. Was ich
von dieser Seite her
erfahre, könnte mir persönlich sehr gleichgültig sein,
anders verhält es sich damit, wenn
154 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
ich befürchten
müßte, von der anderen Seite her
gänzlich mißverstanden worden zu sein, wenn selbst der
König, möge Ihm auch immerhin das Formelle meines Planes
unausführbar dünken, auch darin, daß ich mich
unterfing, einer sehr prosaisch geleiteten Masse e i
n p o e t i s c h e s B i l d
d a v o n v o r z u h a l t e n, w i e i c
h m i r d a s K ö n i g t u
m d e n k e, etwas übel
Erfundenes sehen sollte. Ich gestehe, daß ich jetzt herzlich
betrübt darüber werde, aus mancherlei Anzeichen zu ersehen,
daß ich in der Tat mißverstanden worden bin: ich erkenne
darin das Gefährliche, in diesen Zeiten einen s e l b
s t ä n d i g e n
Gedanken auszusprechen, wenn er nicht der Firma der einen oder der
anderen Partei vollständig angehört — — Ich ersehe zu meinem
großen Kummer, daß es jetzt nicht mehr an der Zeit ist, mit
den Waffen des Geistes zu kämpfen; eine düstere, schreckliche
Ahnung haftet auf meinem Gemüte, daß der Kampf jetzt bald
nur noch von dem rohen Elemente der Masse geführt werden wird — —
— — ich habe einen Blick auch in die Masse der Bevölkerung
Dresdens geworfen: nichts Verbrecherisches liegt in ihr am Tage: wer
will aber für den Strom des Wahnsinns stehen, wenn er sich von da
und dort auch zu uns herüberzieht? — In dieser Angst, dieser
tiefen Bekümmernis glaubte ich mir durch jenen besprochenen
Schritt Luft zu machen: nach meiner innersten Überzeugung erschien
er mir als der geeignete Weg zur Versöhnung. War nun meine
schwarze Vorstellung unbegründet — o, desto besser! Hat dagegen
mein Schritt Ärgernis erregt, so hat er seine Absicht nicht
erfüllt: hat er nicht v e r s ö h n t,
sondern n u r beleidigt — so
beruhte er allerdings auf einer Täuschung, für die ich jeden,
den ich beleidigt, herzlich um Verzeihung bitte.“
Aus diesem Aktenstücke ersehen Sie ganz genau
die Bedeutung, den
Sinn, die Veranlassung und die Absicht der Rede im Vaterlandsverein.
Deswegen lag mir daran, es Ihnen mitzuteilen — e h e wir zur
weiteren
Betrachtung der Rede übergehen.
Der praktische E r f o l g der
Rede scheint gleich Null gewesen zu sein; die
Verstimmung höheren Ortes, auf welche der Brief an Lüttichau
schließen läßt, schwand bald, und die Herren vom
Vaterlandsverein begnügten sich damit, daß sie einige
Ausdrücke von Wagner sich annektierten und
mißverständnisvoll anwandten. Auf Wagner selbst blieb aber
dieses Erlebnis nicht ohne Einfluß; in der
155 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
„Mitteilung an meine Freunde“,
nachdem er ausgeführt hat,
daß die Hervorhebung des „r e i n m e n s
c h l i c h e n K e r n e s“ der damaligen
Bewegung der Zweck seiner Rede gewesen sei, berichtet er: „Die
Lüge und Heuchelei der politischen Parteien erfüllte mich mit
einem Ekel, der mich zunächst wieder i n d
i e v o l l s t e E i n s a m k e i
t
z u r ü c k t r i e b.“ (IV, 379.)
Wir sind also nunmehr über die Ursachen, welche
die Rede im
Vaterlandsverein veranlaßten, und auch über ihren Erfolg —
sowohl bezüglich der Zuhörer, wie auch in Bezug auf den
Redner — unterrichtet. Was i s t nun der Inhalt
dieser Rede?
Diese Rede gilt: — d e r „E m a n
z i p a t i o n d e s K ö n i g t u m s“,
u n d d u r c h
d i e s e d e r E m a n z i p a t i o
n d e s d e u t s c h e n V o l k e s.
Diese Emanzipation des Königtums sollte, nach
Wagners Gedanken,
durch ein Zurückgreifen auf altgermanische Sitte und Gebrauch
stattfinden. „Je weiter,“ sagt er, „je weiter wir in der Aufsuchung der
Bedeutung des Königtums in den germanischen Nationen
zurückgehen, je inniger wird sie sich dieser neugewonnenen als
einer eigentlich n u r w i e d e r h e r g e s t e l
l t e n anschließen; der
Kreislauf der geschichtlichen Entwickelung des Königtums wird an
seinem Ziele bei sich selbst wieder angelangt sein, und als die
weiteste V e r i r r u n g von diesem Ziele werden
wir den Monarchismus, ¹)
diesen fremdartigen, u n d e u t s c h e n Begriff,
anzusehen haben.“
Sie sehen hier den echten Wagner! Während seine
angeblichen
Genossen, die Revolutionäre, durch ihre Mißachtung des
nationalen und durch ihre utopischen Doktrinen von kommunistischer
Gleichheit sich auszeichnen, greift Wagner auf die echte, lebendige
tatsächliche — auf die d e u t s c h e Wurzel
zurück: den allein
herrschenden König; und um ihn herum sein freies Volk. Vielleicht,
daß das Paradox: absoluter König, freies Volk — einige
zunächst befremdet? Versteht man aber etwas bei Wagner nicht
recht, so wird man stets gut daran tun, sich zu fragen: was wäre
hier, im tiefsten, wahren Sinne des Wortes, die ganz
spezifisch-charakteristische, unterscheidend-eigenartige, d
e u t s c h e
Auffassung? Wohl immer wird man dann entdecken, daß man auf
einmal Wagners wahre Ansicht versteht. Und auf diesem Gebiete kann man
wohl sagen, daß, was die
—————
¹) Wagner versteht stets unter
„Monarchismus“ die konstitutionelle
Monarchie auf demokratischer Grundlage.
156 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
Deutschen auszeichnet, ein —
zunächst höchst
widerspruchsvoll erscheinendes — Nebeneinanderbestehen von
unbedingter
K ö n i g s t r e u e und unzerstörbarem
Freiheitsstolz ist. Diese, im
tiefsten Grunde aller echtgermanischen Herzen wurzelnde Auffassung ist
es, welche Wagners Rede mit der ganzen Unmittelbarkeit, welche
Klarheit, Leidenschaftlichkeit und Wahrhaftigkeit verleihen, von Anfang
bis Ende beherrscht. Und was er angreift ist die konstitutionelle
Monarchie, und zwar nicht aus doktrinären Gründen, sondern
ebenfalls weil „der Begriff fremdartig, undeutsch“ sei. — Hierdurch
unterscheidet sich Wagner ganz und gar von allen damaligen (und wohl
auch von fast allen heutigen) politischen Parteien. Diese eine, einzige
Stelle aus der Vaterlandsvereinsrede — welche die Krone und das Ziel
des Ganzen bildet — genügt, um uns den Sinn und die Wahrhaftigkeit
jener späteren Aussage des Meisters klar zu enthüllen; Sie
entsinnen sich, er schreibt: „Gewiß war es aber für meine
Untersuchung charakteristisch, daß ich hierbei n i e
auf das Gebiet
der e i g e n t l i c h e n P o l i t i
k herabstieg.“ — Die ganze Argumentation in
dieser Rede ist eben keine politische, im gewöhnlichen Sinne des
Wortes, sondern (wenn ich mich so ausdrücken darf) eine
organische. Wagner fragt sich, schon damals: „w a
s i s t d e u t s c h? — Das
muß auch das Richtige sein.“ ... Zwar wendet er dieses Argument
erst am Schlusse seiner Rede an; aber dieser Schluß ist eben der
Kulminationspunkt des Ganzen.
D i e W i e d e r h e r s t e l l u n
g d e s K ö n i g t u m s i
n e i n e r e c h t d e u t s c h e
n
G e s t a l t, des Königtumes als „heiliger Mittelpunkt“,
wie es in dem
Brief an Lüttichau heißt, — das ist also Zweck und Ziel
dieser Rede im Vaterlandsverein! Schauen wir nun die Gliederung des
Argumentes näher an; sie ist sehr einfach. Die Rede besteht aus
zwei scharf geschiedenen Teilen; in der ersten Hälfte bringt
Wagner fünf praktische Vorschläge, welche
äußerlich (aber eben nur äußerlich) mit jenen,
welche in den damaligen fortschrittlichen Vereinen gang und gäbe
waren, wohl ziemlich übereinstimmten, und durch welche er
gewiß auch seine Zuhörer für sich gewann; mit dem Lobe
des damaligen Königs von Sachsen, der sehr populär war,
führte er aber hinüber in jenen zweiten Teil der Rede, zu
welchem das Übrige nur als Einleitung dient: plötzlich macht
er gegen alle die widerstreitenden Parteien Front — gegen die Demo-
157 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
kraten, gegen die Kommunisten,
gegen die Monarchisten — und, als ob die
schweren Gewitterwolken, die damals von allen Seiten sich
zusammenballten, von einem plötzlichen Blitzstrahl geteilt worden
wären, zeigt der große deutsche Meister den im Dunkeln sich
bekämpfenden Parteien, als einzige Erlösung, die Gestalt
des
e c h t d e u t s c h e n K ö n i g t u m
s, des wirklich herrschenden Monarchen
inmitten seines freien Volkes! — Als oratorische Leistung halte ich
diese Rede geradezu für ein Meisterstück, und es wundert mich
nicht, daß — obwohl sie im Grunde genommen g e g e n
alle
Anwesenden gerichtet war — sie dennoch begeisterten Beifall erntete.
Ebensowenig kann es uns allerdings wundern, daß das im
Blitzstrahl Erschaute sofort wieder den Blicken entschwand. ¹)
Die fünf praktischen Vorschläge der ersten
Hälfte der
Rede sind nun folgende: 1. Abschaffung aller Adelsprivilegien, — der
Hof soll das ganze frohe, glückliche Volk werden, „wo jedes Glied
dieses Volkes in freudiger Vertretung seinem Fürsten zulächle
und ihm sage, daß er der Erste eines freien, gesegneten Volkes
sei.“ 2. Jeder Deutsche ist stimm- und wahlberechtigt: „je ärmer,
je hilfsbedürftiger er ist, desto natürlicher ist sein
Anspruch auf Beteiligung an der Abfassung der Gesetze, die ihn fortan
gegen Armut und Dürftigkeit schützen sollen.“ — 3. Schaffung
einer allgemeinen großen Volkswehr. — 4. Befreiung des Menschen
aus der „knechtischen Leibeigenschaft des bleichen Metalles.“ — 5. Die
Besitzergreifung von Kolonien.
Ich habe Sie schon darauf aufmerksam gemacht,
daß dieser erste
Teil der Rede in Wahrheit nur eine Einleitung ist, in gewissem
Maße also ein Nebensächliches. — Es ist aber höchst
interessant zu sehen, wie anders auch solche Forderungen, die damals zu
den Gemeinplätzen der Fortschrittspartei gehörten, bei Wagner
ausfallen, und zwar eben, weil sein Standpunkt ein ganz anderer, ja,
ein absolut
—————
¹) In einem Berichte über die Rede, den das „Dresdener
Morgenblatt
für Unterhaltung und Belehrung“ am 18. Juni 1848
veröffentlichte, heißt es, daß die Ausführungen
des Redners „ihn mit allen Meinungen und Parteien etwas in Spannung
brachten, und wenn am Schlusse des jedenfalls geistvollen
Vortrages endloser Beifall ertönte, so galt dieser wohl am meisten
der N e u h e i t u n d O r i g i n
a l i t ä t d e r I d e e n und dem
Mute des Redners.“
— Also schon am 18. Juni fanden die Fortschrittsmänner Wagners
Ideen „neu und originell“
und erkannten in ihnen nichts weniger, als den Abklatsch dessen, was
sie täglich zu hören bekamen! —
158 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
entgegengesetzter war. Zum
Beispiel gleich die Abschaffung des Adels,
welche gewiß diejenige Forderung ist, welche am
revolutionärsten aussieht: — bei den Zeitgenossen, die Dinger zum
Beweise, daß Wagner seine Ideen von ihnen geborgt hätte, in
Zitaten aus politischen Zeitschriften, anführt, lesen wir nur von
„Räubern“, die „den Stärksten zum Könige“
wählten und die nun „das unrechte Gut herausgeben sollen“, usw.
Bei Wagner ist der Gedankengang ein ganz anderer; von einem
„Herausgeben unrechten Gutes“ ist nicht die Rede; die Adeligen sollen
ihre Titel von sich werfen, „damit wir fortan Kinder e i n
e s Vaters,
Brüder e i n e r Familie seien!“ — Also gleich
hier zu Anfang
steht der König als Mittelpunkt des Ganzen; er ist der
V a t e r
seines Volkes; und damit alle Deutschen vor ihrem Könige gleich
seien, damit sein Hof, „ein Hof des ganzen, frohen, glücklichen
Volkes werde“, erwünscht Wagner „den Untergang auch des
letzten Schimmers von Aristokratismus“. Und mit Bezug hierauf mache ich
Sie auf die gerade in diesem Jahre, 1848, entstandene Schrift
aufmerksam:
„Die Wibelungen“, in welcher Wagner mit größter
Ausführlichkeit gerade das Königtum bespricht, welches er
wahrlich nicht vom Räubertum herleitet, sondern von der Familie,
vom Patriarchat, — „der (königliche) Vater war der Erzieher und
Lehrer seiner Kinder“; — aus diesem Ursprunge nun, und aus dem Glauben
an die Kraft eines bestimmten Geschlechtes, leitet Wagner die
Heiligkeit des Königtumes her. „Es gibt daher“, sagt er,
„kein Anrecht auf irgend welchen Besitz oder Genuß dieser Welt,
das nicht von diesem K ö n i g e
herrühren, durch s e i n e
Verleihung oder Bestätigung, erst geheiligt werden
müßte: aller Besitz oder Genuß, den der Kaiser nicht
verleiht oder bestätigt, ist an sich rechtlos und gilt als Raub;
denn der Kaiser verleiht und bestätigt in Berücksichtigung
des Glückes, Besitzes oder Genusses A l l er,
wogegen der
eigenmächtige Erwerb des Einzelnen ein Raub an Allen ist.“
Und
d a h e r eifert Wagner gegen den Begriff des „realen Besitzes“,
der
„e r b l i c h e n Lehen“, des Adels, weil hierdurch die
absolute Herrschaft
des Königs, des Vaters seines Volkes, ganz und gar illusorisch
wird! Nicht der B e s i t z, nicht das E i g e n t u m
sind das „Recht“, sondern
allein die G n a d e d e s K ö
n i g s; diesen altgermanischen Standpunkt
verficht Wagner und er bekämpft unsere jetzige römische
Rechtsgrundlage als den Grund zu der „immer tieferen Entwertung des
Menschen“.
159 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
(Aus ihr leitet sich ja auch
erst die jetzige Herrschaft des Geldes
her.) — Es mag sein, daß nach unseren heutigen Gesetzen eine
Bekämpfung des römischen Rechtes als „revolutionär“
betrachtet wird; Sie sehen aber schon aus dieser einen kurzen
Ausführung, wie geradezu kindisch es ist, Wagner in einen Topf mit
den demokratischen Volksbeglückern und Umstürzlern von 1848
zu werfen, oder gar (wie Dinger es versucht hat), seine
Ansichten a u s
den ihrigen abzuleiten!
Auf noch einen jener fünf Punkte muß ich
Ihre ganz besondere
Aufmerksamkeit lenken: die Erkenntnis, daß d e r
B e g r i f f d e s G e l
d e s „der Grund alles Elendes in unserem jetzigen
gesellschaftlichen
Zustand“ sei. Diesen Gedanken begründet Wagner in einer Weise,
welche den Gegensatz zwischen ihm und den Aposteln der Revolution auf
das schärfste präzisiert. Auch hier gibt sich Herr Dinger
große Mühe, analoge Stellen aus Zeitgenossen
anzuführen; es ist aber sehr belehrend, daß es selbst diesem
gewissenhaften und enorm belesenen Forscher nicht gelungen ist,
einen
e i n z i g e n Satz aufzutreiben, welcher auch nur von fern her
Wagners
Gedanken erraten ließe. In den von Dinger vorgeführten
Zitaten aus politischen Zeitschriften ist von „dem widrigen Gekreische
der Geldherrschaft“ die Rede, es wird geklagt, daß „der eine im
Überflusse des Glücks sitze, während der andere im
tiefsten Elend umkommen muß“, etc. etc. etc. — Hiervon ist bei
Wagner gar nicht die Rede; das G e l d s e l b
s t ist es, welches er als einen
A l l e — die Reichen sowohl wie die Armen — e n t s i t t l i c h e n
d e n Begriff
bekämpft! Er fragt: „ob dem Gelde die Kraft zu lassen sei, den
schönen freien Willen des Menschen zur widerlichsten Leidenschaft,
zu Geiz, Wucher und Gaunergelüste zu verkrüppeln.“ Die
Gemeinplätze vom „goldenen Kalb“, von dem „unverdorbenen, niederen
Teil der Gesellschaft“, von dem ungerechten „Überflusse des
Glückes“, usw., die Dinger anführt, haben nicht, wie Sie
sehen, die allerentfernteste Verwandtschaft mit Wagners Gedankengang.
Das Geld „verkrüppelt den schönen, freien Willen des
Menschen“, — des Menschen überhaupt (des Reichen wie des Armen) —,
deswegen soll die entwürdigte Menschheit diesen künstlichen
Begriff abwerfen. „Dieser Befreiungskampf wird nicht einen Tropfen
Blutes, nicht eine Träne, ja nicht eine Entbehrung kosten: nur
eine Ü b e r z e u g u n g werden wir zu
gewinnen haben, sie wird sich uns
unabweislich aufdrängen: — — — Wir werden
160 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
erkennen, daß es der
sündhafteste Zustand in einer
menschlichen Gesellschaft ist, wenn die Tätigkeit einzelner
entschieden gehemmt ist, wenn die vorhandenen Kräfte sich nicht
frei rühren und nicht vollkommen sich verwenden können, so
lange — dies ist die einzige Bedingung — der Erdboden zu ihrer Nahrung
ausreicht. Wir werden erkennen, daß die menschliche Gesellschaft
durch die Tätigkeit ihrer Glieder, nicht aber durch die vermeinte
Tätigkeit des Geldes erhalten wird: wir werden den G r
u n d s a t z in
klarer Überzeugung feststellen, — G o t t wird uns
erleuchten, das
richtige Gesetz zu finden, durch das dieser Grundsatz in das Leben
geführt wird, und wie ein böser nächtlicher Alp wird
dieser dämonische Begriff des Geldes von uns weichen mit all
seinem scheußlichen Gefolge von öffentlichem und heimlichem
Wucher, Papiergaunereien, Zinsen- und Bankierspekulationen. Das wird
die volle Emanzipation des Menschengeschlechtes, das wird
die
E r f ü l l u n g d e r r e i n e
n C h r i s t u s l e h r e s e i n — — —.“
Nicht also die ungleiche Verteilung der irdischen
Güter
bekämpft Wagner, sondern den B e g r i f f
d e s G e l d e s ü b e r h a u p t,
weil dieser auf a l l e entsittlichend wirkt. Seine
Gründe sind rein
e t h i s c h e! — Gleich darauf verteidigt sich auch Wagner im voraus
gegen
den etwaigen Vorwurf des Kommunismus, dessen Lehre er als „die
abgeschmackteste und sinnloseste“ hinstellt, „die sich in ihrer reinen
Unmöglichkeit selbst das Urteil der Totgeborenheit spricht.“ Er
fügt aber hinzu: „Wollt Ihr damit aber die Aufgabe selbst als
verwerflich und unsinnig, wie jene Lehre es in Wahrheit ist, ebenfalls
verschreien? Hütet Euch!“ — Hier gibt uns Wagner ein wirklich
erhabenes Beispiel, eine Lehre von unverfälschter, unerschrockener
Wahrhaftigkeit; ich komme später noch darauf zurück. Wie
Wagner sagt: „Wir werden den Grundsatz in klarer Überzeugung
feststellen, — G o t t wird uns erleuchten, das richtige Gesetz
zu finden,
durch das dieser Grundsatz in das Leben geführt wird!“ ¹)
Daß Wagner vor fast fünfzig Jahren die
Bedeutung
der K o l o
n i e n für das Deutsche Reich so bestimmt und klar
ausgesprochen
—————
¹) Diese Worte spricht Herrn Dingers „atheistischer
Sozial-Revolutionär!“ Uns klingt daraus deutlich jener
königliche Glaube wieder, der zur ungefähr gleichen Zeit im
„Lohengrin“ seine erhabenen Töne fand: „Mein Herr und Gott, dich
rufe ich!“ — „Gott, lass' mich weise sein!“ —
161 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
hat, verdient auch,
als Beweis seines politischen Scharfsinnes,
besonders hervorgehoben zu werden. Hätte man damals der Stimme des
„phantastischen Künstlers“ Gehör geschenkt, Deutschland
stünde heute anders da als jetzt, wo es, der Hauptsache nach, als
Kolonien, nur das besitzt, was kein anderer Staat hat nehmen wollen.
Wie begeistert klingen Wagners Worte: „Wir wollen in Schiffen über
das Meer fahren, da und dort ein junges Deutschland gründen, es
mit den Ergebnissen unseres Ringens und Strebens befruchten, die
edelsten, gottähnlichsten Kinder zeugen und erziehen: wir wollen
es besser machen als die Spanier, denen die neue Welt ein
pfäffisches Schlächterhaus, anders als die Engländer,
denen sie ein Krämerkasten wurde. Wir wollen es d e u
t s c h und
herrlich machen; vom Aufgang bis zum Niedergang soll die Sonne ein
schönes, freies Deutschland sehen — — —!“
Das wäre also der erste Teil der Rede. Mit
Bezug auf Wagners
damaligen, augenblicklichen Zweck, kann man sagen: er sucht hier
dasjenige heraus, was ihn bei seinen Zuhörern vorteilhaft
einführen kann, er hebt die Hauptforderungen heraus, die damals in
der Volkspartei auf der Tagesordnung waren; — zwischen ihr und ihm ist
hier auch wirklich ein Berührungspunkt, aber eben nur
ein P u n k t, —
denn schon seine Formulierung und seine Begründung dieser
Forderungen zeigen die tiefe Kluft, welche die beiden trennt. Herr
Dinger zitiert an einer Stelle seines Buches den Bericht, den das
„Dresdener Journal“ vom 17. Juni 1848 über jene Sitzung des
Vaterlandsvereins bringt; darin wird gesagt: „Unter den kalten
Verstandesmännern des Vaterlandsvereins ist die Politik des
romantischen Dichters und Komponisten des Tannhäuser eine f r e m d e
Erscheinung; mir scheint, als ob diese beiden, so verschiedenen
Richtungen n u r i n d e
m e i n e n P u n k t e, d e
r A u f s t e l l u n g d e s P r o
b l e m s der
politischen und sozialen Befreiung, sich decken, daß
aber, s o w i e
d i e A u s g a n g s p u n k t e
beider v e r s c h i e d e n g e w e s e
n s i n d, auch d i e E n d
p u n k t e
a u s e i n a n d e r f a l l e n w e r d e n.“ — Dieser
Mann hatte Recht. Wie verschieden
die Ausgangspunkte sind, das sahen wir bei einer Vergleichung der
Gründe, auf welche die Forderung der Abschaffung der
Adelsprivilegien bei ihm und bei den anderen sich stützten, und
bei einer Vergleichung der Argumente, die sie gegen unsere jetzige
Geldherrschaft anführen. Ein oberflächlicher Blick kann
jedoch immer-
162 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
hin den wahren Sachverhalt
hier übersehen. — Wo das aber
gänzlich unmöglich erscheint, das ist in der zweiten
Hälfte der Rede, wo, wie der obenzitierte Journalist sagt, „die
Endpunkte auseinanderfallen,“ — ja, s e h r
weit auseinander!
Die zweite Hälfte der Rede behandelt eben die
Frage, w i e das alles
zu erreichen sei? Und da nun Wagner gleich bei seiner ersten Forderung
den König als Mittelpunkt hingestellt hatte, so nimmt es uns nicht
Wunder, daß er jetzt ausführt, dies alles sei n
u r m i t dem
König und sogar n u r d u r c h den
König zu erreichen. In dem
Vaterlandsverein hatten einige an der Möglichkeit eines Bestehens
des Königtums gezweifelt; ihnen erwidert Wagner, er halte das
Bestehen nicht nur für möglich, sondern „für mehr als
möglich,“ — das heißt also für notwendig. Gilt doch die
ganze Rede — wie Wagner am Schlusse ausdrücklich sagt — der
„Wiederherstellung“ des germanischen Königtumes, ihrer
„Emanzipation“ aus dem Konstitutionalismus! Es folgt aber
zunächst am Beginn des zweiten Teiles eine ganz kurze Stelle,
welche entschieden Mißverständnisse veranlassen kann. Wagner
sagt nämlich: „so wäre die Republik ja das Rechte, und wir
dürfen nur fordern, daß der König der erste und
allerechteste Republikaner sein solle. Und ist einer mehr berufen, der
wahrste, getreueste Republikaner zu sein, als gerade der Fürst?“
Wagner deutet allerdings Republik gleich als „Volkssache“, und
fährt dann fort: „Welcher Einzelne kann mehr dazu bestimmt sein
als der Fürst, mit seinem ganzen Fühlen, Sinnen und Trachten
lediglich n u r der V o l k s s a c h e
anzugehören?“ — W i r sind nun
gewohnt, das Wort „Republik“ lediglich auf eine Staatsform anzuwenden,
welche der konträre Gegensatz der königlichen ist. Wagner
aber greift gleich zu B e g i n n seiner Rede die
„offene, königslose
Republik“ an, und die sogenannten „republikanischen Bestrebungen“
deutet er sofort um als „Bestrebungen für das Wohl Aller“. Es
handelt sich hier also um ein bloßes Wort; daß Wagner es
überhaupt gebraucht, ist offenbar bloß ein oratorischer
Kunstgriff (sozusagen), nichts weiter. Er spricht ja in einem Vereine,
in welchem die einen für die Republik, die anderen für die
konstitutionelle Monarchie sind; an demselben Abend, an welchem der
Meister seine Rede hielt, hatte unmittelbar vor ihm einer für die
Republik gesprochen und gleich nach ihm sprach ein anderer zugunsten
der kon-
163 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
stitutionellen Monarchie;
Wagner stand vollständig allein da mit
seiner Auffassung; von wem sollte er Gehör erwarten, wenn er den
Leuten nicht wenigstens scheinbar entgegenkam? Jedenfalls dürfen
wir uns durch das — allerdings starke — Paradox des „Königs als
ersten und allerechtesten Republikaners“ in unserer Auffassung der
ganzen Rede nicht irre machen lassen. Der Ausdruck kehrt ja nicht
wieder. — Wagner konstatiert nun, daß in ganz Europa „zwei
Feldlager aufgeschlagen sind: hier ertönt es Republik! dort
Monarchie!“ und, nachdem er gleich zu Beginn seiner Rede den Bekennern
der „königslosen Republik“, oder denjenigen, die sie zitternd
und drohend vorherverkündeten, zugerufen hatte: „Ihr seid
kenntnislos oder Ihr seid böswillig,“ — fällt er jetzt
mit der ganzen Wucht seiner Überzeugung über die moderne
konstitutionelle Monarchie auf demokratischer Grundlage her: „Ihr seid,
was die Grundlage betrifft, entweder unredlich, oder, ist es Euch mit
ihr Ernst, so martert Ihr die künstlich von Euch gepflegte
Monarchie langsam zu Tode. Jeder Schritt vorwärts auf dieser
demokratischen Grundlage ist eine neue Bewältigung der Macht
des Monarchen, nämlich: des Alleinherrschers; das Prinzip selbst
ist die vollständigste Verhöhnung der Monarchie, die eben nur
im wirklichen Alleinherrschertum gedacht werden kann: usw.,“ und an
anderer Stelle sagt Wagner: „was Lüge ist, kann nicht bestehen,
und die Monarchie, d. h. die Alleinherrschaft, ist eine Lüge, sie
ist es d u r c h d e n K o n s t i
t u t i o n a l i s m u s geworden.“ — Also, weder Republik,
noch (konstitutionelle) Monarchie; es bleibt eben noch eine Lösung
und diese ist die richtige: das „emanzipierte Königtum“, die
Wiederherstellung des Königtums in ihrer alten, deutschen
Bedeutung. — Es erhellt aber aus dieser Auffassung, daß nicht das
Volk, sondern allein der König hier erlösend einschreiten
kann; nur er vermag es, den verworrenen Knoten moderner Bestrebungen
mit seinem geheiligten Schwerte zu zerhauen; wie Wagner sagt: „nur ein
einziger Namenszug kann hier der rechte und entscheidende sein — — —
—;“
und darum erhofft und erfleht Wagner, zum Schlusse, das
Heil nur und allein vom König; an ihn wendet er sich auch „mit
brünstiger Überzeugung“.
Das ist also die berühmte, vielerwähnte,
aber wenig gekannte
Rede Wagners. Bis jetzt ist diese einzige politische Kundgebung Wagners
entweder gar nicht gewürdigt oder kraß mißverstanden
164 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
worden. Nirgends findet sich
eine Spur von jenem Gedanken, aus welchem
die ganze Rede Wagners hervorgeht: d i e R e g
e n e r a t i o n d e r m e n s c h l i c h e
n G e s e l l s c h a f t d u r c h
d i e E m a n z i p i e r u n g d e
s K ö n i g t u m s a u s u n
d e u t s c h e n B e g r i f f e n u n
d W i e d e r h e r s t e l l u n g d e
s a l t g e r m a n i s c h e n V e r h ä
l t n i s s e s z w i s c h e n d e
m F ü r s t e n (dessen G n a
d e die Grundlage des Rechtes und des Besitzes
bildet), u n d d e m f r e i e
n V o l k e.
Der Hauptzweck meines heutigen Vortrags wäre
nun erreicht, wenn es
mir gelungen wäre, bei meinen verehrten Zuhörern ein
richtigeres und tieferes Verständnis dieser wichtigen Kundgebung
des Meisters anzubahnen. Sie haben gesehen: wer Wagner
einen
d e m o k r a t i s c h e n Monarchisten nennt, redet Unsinn;
wer ihn als
Sozial-R e v o l u t i o n ä r bezeichnet, schlägt der
Wahrheit ins
Gesicht; wer, wie Tappert und wie leider Gottes, so sehr viele unter
uns, „mildernde Umstände“ geltend machen möchte, man
dürfe n u r „den Reformator der K u
n s t“ im Auge behalten (als
wäre Wagners Lehren über die sozialen Fragen nicht das
mindeste Gewicht beizulegen), — diese sprechen damit das Gedankenbarste
aus oder nach, was Liliputaner über die Heldengestalt eines
Richard Wagner aussagen können. Wagner hat sich schon in seiner
„Mitteilung an meine Freunde“ entrüstet gegen diese
höhnische Bezeichnung als „Revolutionär zu Gunsten des
Theaters“ gewehrt! W i r erkennen dagegen folgendes:
die eigentliche
Zeitpolitik blieb von Wagner gänzlich unberührt (wie er es
selber von sich meldet): wenn er aber auch, wie er uns sagt, „von der
Lüge und Heuchelei der politischen Parteien mit Ekel erfüllt
— (nach jenem einen Abend) — wieder in die vollste Einsamkeit sich
zurückzog,“ — so griff er doch an jenem einen Abend in die
politischen Ereignisse ein; zwar „stieg er nicht auf das Gebiet der
eigentlichen Politik hinab,“ — er zeigte aber, oder wenigstens, er
versuchte, den verschiedenen streitenden Parteien eine neue Auffassung
des großen, zu Grunde liegenden sozialen Problems zu zeigen, sie
überhaupt auf das w a h r e Problem hinzuweisen
und auf die w a h r e
Lösung, — und er kam dabei ihren Ideen und ihrer Terminologie nur
so weit entgegen, wie ihm unerläßlich schien, um von seinen
Zuhörern überhaupt verstanden zu werden. Das war die
damalige,
a u g e n b l i c k l i c h e Bedeutung der Rede. — Für uns
nun, die wir die ganze abgeschlossene
165 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
Gestalt des großen
Meisters vor uns haben, besitzt diese Rede
eine Bedeutung, welche w e i t über ihre
augenblickliche
hinausreicht; den damaligen Zeitgenossen des Meisters können wir
es gar nicht verdenken, daß sie die Rede nicht verstanden; erst
jetzt — beim Zurückblicken — sind wir in der Lage, den
Grundgedanken deutlich zu erfassen. Wie es im „Jesus von Nazareth“
heißt: „wenn ich nicht mehr sein werde, werdet ihr über mich
zur Klarheit kommen, denn ihr wisset dann, was ich getan
habe.“ J e t z t
enthüllt sich uns auch mit voller Klarheit der Sinn jener Rede,
und zwar, „w e i l wir wissen, was der Meister getan
hat.“ Es ist eben
eine durch und durch falsche Methode, zur Erklärung und Deutung
bestimmter Handlungen und Worte ausschließlich die vorangegangene
Entwicklung und die umgebenden Einflüsse des Augenblickes in
Betracht zu ziehen; es ist im Gegenteil gerade das, was f o
l g t, welches
uns gewöhnlich erst mit voller Klarheit und Bestimmtheit über
die wahre Bedeutung eines Geschehnisses, über die
wahre A b s i c h t,
aus welcher eine Handlung hervorging, gründlich unterrichtet.
Namentlich aber in Bezug auf die P e r s ö n l i c h k
e i t gilt das Gesagte,
denn das Leben ist hier ein Durchringen der sich gleichbleibenden
Individualität zu immer größerer Klarheit; und die
früheren Kundgebungen eines Genies können wir ganz
gewiß nur dann mit Sicherheit deuten, wenn die „siebenzig
Jahre,“ die, nach dem Psalmisten, das Leben währen soll, und
die es bei Wagner buchstäblich gewährt hat, ausgebreitet vor
uns liegen, wo dann — wenn ich mich so ausdrücken darf — das
Vorangegangene und das Umgebende für das W e r d e n
des Folgenden
überall die wertvollsten Aufschlüsse geben, das Nachfolgende
aber ebenso wertvolle über das S e i n des
Vorangegangenen. Das ist
auch hier der Fall. — Erst wenn wir den späteren Wagner mit in
Betracht ziehen, erst wenn wir den ganzen Lebensgang überblicken,
sind wir in der Lage, solche Sachen wie den Gebrauch des Wortes
„Republik“, z. B., und das Lob des Hauses Wettin (welche den
Zeitgenossen als das Hauptsächlichste erschienen) auf ihr
richtiges Maß, als verhältnismäßig bedeutungslose
Nebensächlichkeiten, zurückzuführen; erst dann erkennen
wir den Sinn der zunächst ganz phantastisch erscheinenden
Paradoxe; erst dann ersehen wir, daß der Widerspruch, welcher das
Verständnis dieser Rede erschwert, der ist, daß diese
„politische“ Rede im Grunde gar keine
166 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
politische ist, sondern
daß sie aus jener Sehnsucht hervorging,
die nur in einem einzigen kleinen Satz sich k l a r
aussprach, die aber
die ganze Rede durchzieht, die Sehnsucht nach der „vollkommenen
Wiedergeburt der menschlichen Gesellschaft“, — — kurz, erst
dann
v e r s t e h e n wir wirklich die Vaterlandsvereinsrede.
Von h o h e r Bedeutung
erscheint sie uns da, und zwar in zweierlei Beziehungen: erstens, als
eine ganz großartige Auffassung der politisch-sozialen Probleme,
zweitens aber, als ein neuer Beweis von jener
unerschütterlichen
E i n h e i t des Denkens und des Strebens, welche allen
großen Genies
zu eigen ist, Richard Wagner aber in ganz hervorragendem Maße.
Über die großartige Auffassung des
Problems brauche ich
nicht viel mehr hinzuzufügen; die vorangegangene Besprechung der
Rede hat sie auch, wie ich hoffe, zur Genüge dargetan. Nur eine
Bemerkung kann ich nicht unterdrücken: mit aller Energie
protestiere ich gegen jene üblichen Kritiken: Wagners Ideen
über solche Fragen seien „phantastische Gebilde“, „idealistische
Schwärmereien“, „Träume eines unpraktischen Künstlers“,
usw. — Unpraktisch, phantastisch usw., sind sie nur, insoferne sie
nicht verstanden werden; an und für sich sind aber Wagners Lehren
von der Wiedergeburt der menschlichen Gesellschaft das
Allerpraktischste, was man sich denken kann, weil es eben
nicht
a b s t r a k t e Theorien und logisch deduzierte D
o g m e n sind, sondern stets
ein Zurückgreifen auf die N a t u r, auf
das o r g a n i s c h G e g e b e n e.
Was
die angeblich „praktischen“ Politiker leisten, das wissen wir; Buckle
und Herbert Spencer haben schwarz auf weiß nachgewiesen,
daß alle Gesetze und alle Verfassungen ausnahmslos das Gegenteil
von dem erwirkt haben, was ihre „praktischen“ Urheber beabsichtigten;
unter unseren Augen geht ja dieses praktische Kombinations- und
Gegenkombinationsspiel in den feierlichsten Formen weiter!
W a h r h a f t
praktisch aber, behaupte ich, war einzig jener Lehrer, welchem unsere
verschiedenen Regierungsformen und Parteien gleich uninteressant und
schlecht schienen, weil er in unserer ganzen modernen
gesellschaftlichen Ordnung nur „den durch Lug, Trug und Heuchelei
organisierten und legalisierten Mord und Raub erblickte“ (wie er in
einer seiner allerletzten Kundgebungen sagte) und der nun, mit dem
klaren Auge des wahrhaften Künstlers, das Übel da erkannte,
wo es liegt, nämlich in jenen Erscheinungen, aus welchen Politik
überhaupt hervorgehen konnte, und auf die einzige
167 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
Heilung hinwies, nämlich,
auf jene Rückkehr zum „klaren,
süßen Wasser der Natur“ (wie er einmal es ausdrückt),
welche einer Wiedergeburt der menschlichen Gesellschaft gleichkommen
würde. Hierbei ist es aber charakteristisch für Wagner,
daß er immer auf das Nächstliegende, Sichtbare, Greifbare
hinweist. Ist z. B. sein Ziel das Reinmenschliche, so zeigt er, als den
einzig richtigen Weg um dahin zu gelangen, auf das Rein-Deutsche; redet
man von Staatsformen, so weist er auf die Familie hin, wo der Vater,
inmitten der mit einander nicht gleichgestellten, ihm aber gleich
werten Familienmitglieder, ungehemmt herrscht und gebietet und Gnade
übt usw., usw. — So viel, nur im Vorbeigehen, über diesen oft
gehörten trivialen Vorwurf.
Diese Rede ist aber auch, wie ich vorhin andeutete,
von sehr
großem Werte, als ein Beweis von der E i n h e i t
in Wagners Denken
und von der Art und Weise, wie alle Kundgebungen seines gewaltigen
Geistes von einem einzigen, unveränderlichen Punkte ausstrahlen,
denn in dieser unerschütterlichen, demantenen Festigkeit und
Schärfe der Individualität liegt ja die Gewähr für
ihre ungewöhnliche Bedeutung. Bezüglich der sozialen Fragen
herrscht ganz allgemein die Vorstellung, Wagner sei erst
gegen
S c h l u ß seines Lebens auf die Idee der R e
g e n e r a t i o n gekommen; auf
eine demokratische und revolutionäre Periode sei (in München)
eine aristokratisch-monarchische gefolgt, und zuletzt (unter dem
vereinten Einfluße Schopenhauers und des wiedergewonnenen
christlichen Glaubens) wäre die Regenerationslehre gefolgt.
Sie haben aber gesehen, daß Wagner niemals,
weder Demokrat, noch
Revolutionär gewesen ist, und daß er schon in der 1848er
Rede, w ö r t l i c h, „die v o l l
k o m m e n e W i e d e r g e b u r t der
menschlichen
Gesellschaft“ als das Ziel bezeichnet! D a r u m
konnte und mußte er
bekennen, „niemals auf das Gebiet der eigentlichen Politik
hinabgestiegen“ zu sein, — nicht weil er sich „unter der Politik
hinweggestohlen hätte“, noch weniger, weil er, der Künstler,
sich später geschämt habe, einmal in Politik gepfuscht zu
haben, — sondern, weil, als er — zunächst durch k
ü n s t l e r i s c h e
Betrachtungen dazu bewogen, „auf dem Wege des Sinnens über die
Umgestaltung des Theaters“, (wie er selber berichtet) — als er
zum ersten Male sein Auge auf das sozial-politische Gebiet warf, sein
Blick sofort das ganze Gewirre der Zeitpolitik durchdrang, so daß
168 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
diese für ihn sinnlos und
bedeutungslos wurde; er erkannte sofort,
daß (um seine eigenen Worte zu gebrauchen): erst da, „wo
Politiker und Sozialisten zu Ende wären, w i r
anfangen
würden;“ er erfaßte das Problem sofort — n i c h
t a l s e i n p o l i t i s c h e
s, s o n d e r n a l s e i
n s o z i a l - r e 1 i g i ö s e s! Das
ist die wichtigste Erkenntnis, die wir aus dieser Rede schöpfen!
Daß Wagner nach und nach, im Laufe der Jahre, dieser seiner
Auffassung ein immer bestimmteres, formvollendeteres Gepräge
gegeben hat — eine Vollendung, die der größeren Klarheit,
der Läuterung seiner eigenen Gedanken entsprach — das ist ja ganz
natürlich; von u n s c h ä t z b a r e m
Werte ist es aber, den ganz
identischen Kern in der 48er Rede zu finden, wie später, in jener
Reihe von Abhandlungen über die Regeneration, in den Bayr.
Blättern von 1878 an, welche des Meisters Wirken auf diesem
Gebiete krönen. — Das zu Erstrebende ist die „vollkommene
Wiedergeburt“, sagt schon dort (48) der Meister. Das Prinzip der
Regeneration ist also schon damals vollkommen anerkannt und in den
Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. — Nicht nur diese mittlere Idee
ist aber schon ganz im Sinne des späteren und spätesten
Wagners, sondern auch einige der wesentlichsten Ausführungen. Ich
mache Sie insbesondere auf den Kampf gegen den entsittlichenden Begriff
des G e l d e s aufmerksam, den Sie nicht nur in
„Kunst und
Revolution“, sondern noch ausführlicher in „Erkenne dich
selbst“ (aus dem Jahre 1881) wiederfinden werden, ebenso wie jene
Verdammung von unserem Begriffe des E i g e n t u m s,
welche in der Rede nur
angedeutet, in der gleichzeitigen Schrift „Die Wibelungen“ aber so
gründlich ausgeführt wird. Diese Anschauung ist also
vollkommen unverändert geblieben. — Dasselbe gilt von Wagner's
Stellung dem Königtum gegenüber: die Wiederherstellung des
Königtumes bildete den Gipfelpunkt jener 48er Rede; sechzehn Jahre
später aber schreibt Wagner: „in der Person des Königs
erreicht der Staat sein eigentliches Ideal“; er bezeichnet ihn als „den
Vertreter des rein menschlichen Interesses“, und spricht von dem
„Mysterium des königlichen Ideales“. Genau so wie in
den „W i b e l u n g e n“, weist auch Wagner
wiederum in „S t a a t u n d R e l
i g i o n“
darauf hin, daß in der Person des Königs Staat und Religion
„wie in den ahnungsvollen Uranfängen beider, wiederum
zusammentreffen“ — — —. Kurz, alle wichtigsten Grundsätze der
169 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
späteren
sozial-religiösen Lehre Wagner's sind in der Rede,
im Keime, enthalten: die vollkommene Regeneration als Ziel, das
Zurückgreifen auf die Eigenart als Mittel — durch das
Rein-Deutsche zum Rein-Menschlichen —, die Wiederherstellung des
Königtumes im altgermanischen Sinne und, damit
zusammenhängend, die Abschaffung des lateinischen
Eigentumsbegriffes und die Emanzipation des Menschengeschlechtes von
dem Todfeind aller christlichen Sittlichkeit, dem Gelde, — — usw., usw.
— Der allgemeinen Kurzsichtigkeit wegen, ohne Zweifel, hatte der
Meister beschlossen, diese Rede erst später der Welt wieder
mitzuteilen, da sie aber nun doch von unberufenen Händen vorzeitig
hervorgezogen wurde, so ist es Pflicht, s o an das
Studium dieser Rede
heranzutreten, wie man an eine große Kundgebung eines solchen
Mannes wie Richard Wagner heranzutreten hat, nicht mit kritischem
Dünkel, sondern mit Ehrfurcht und mit dem vollen Vertrauen,
daß ein solcher Mann uns niemals etwas Unbedeutendes, geschweige
denn Unwürdiges, darbieten wird. Tun wir das, so werden wir auch
reichlich belohnt; diese Überzeugung haben Sie, wie ich hoffe, aus
der heutigen Betrachtung gezogen, — wenn ich natürlich auch weit
entfernt bin, etwas Anderes in meinem Vortrag als eine
bloße
A n r e g u n g zu einem tieferen Erfassen der
Vaterlandsvereinsrede zu sehen.
Noch ein letztes Wort!
Von Religion ist in der Vaterlandsvereinsrede
allerdings nicht viel die
Rede; auf die „Erfüllung der reinen Christuslehre“ weist sie aber
doch hin, und eine andere Stelle ist so wunderbar ergreifend
schön, daß ihre tiefe Religiosität über das Ganze
ausstrahlt: „stellen wir den Grundsatz in klarer Überzeugung fest,
— G
o t t wird uns erleuchten, das richtige Gesetz zu finden!“
— Diese
Worte enthalten aber zugleich, wenn ich nicht irre, die tiefste Lehre,
welche wir der Vaterlandsvereinsrede entnehmen können, — und
sollen; nicht nur der Vaterlandsvereinsrede aber, sondern dem ganzen
Leben und Wirken des gewaltigen Mannes; denn wir Alle, insofern wir
nicht bloße Musikschwärmer, sondern echte jünger des
Bayreuther Meisters sind, wir Alle haben Überzeugungen, die wir
unmöglich in der jetzigen Welt in Taten umsetzen können; wir
erkennen Etwas als wahr, wir wissen uns aber nicht zu helfen, denn die
ganze umgebende Welt und unsere eigenen Lebensbedürfnisse sprechen
170 RICHARD WAGNER
UND DIE POLITIK
dieser Erkenntnis Hohn; das
darf uns nun nicht veranlassen, gering von
diesen Überzeugungen zu denken, etwa die Achseln über sie zu
zucken, als über „phantastische Utopien“! Im Gegenteil! — folgen
wir dem Beispiel des großen deutschen Meisters, der uns lehrt,
was man im tiefsten Herzen als wahr empfindet und weiß, das soll
man auch aller Welt — und sich selbst — zum T r o t z e
bekennen! „Stellen
wir unsere Grundsätze in k l a r e r
Überzeugung f e s t,“ —
betrachten wir es als unsere erste und wichtigste Pflicht, Andere zu
diesen erlösenden Überzeugungen hinzuführen, und — bauen
wir auf G o t t!
(Mai/Juni 1893.)
171
DIE BEDEUTUNG DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
GEDÄCHTNISREDE
Gehalten am 13. Februar
1893 im Neuen Wagnerverein zu Wien
Von dem Vorstand dieses Vereines wurde ich in
freundlicher Weise
aufgefordert, an dem heutigen, so Erinnerungs-schweren Tage, einige
Worte zu sprechen.
Ob es mir jedoch gelingen wird, den Absichten des
verehrten Vorstandes
zu entsprechen, muß ich bezweifeln. Denn — von großen
Männern, die ganz der Vergangenheit angehören, die wir von
jeher nur als abgeschlossene Gestalten, gewissermaßen als
„platonische Ideen“, gewahrten, von denen läßt sich leicht
reden, — und der Panegyrikus hat stets zu den beliebtesten oratorischen
Formen gehört, — es eignet sich auch keine mehr wie sie zu einem
Ergehen in hochtrabenden Phrasen; Wagner aber l e b t
noch, er lebt in
unserer aller Erinnerung, — wir sahen ihn vor seinem Festspielhause
durch die Menge daherschreiten, wir hörten seine Stimme, wir
blickten in sein Auge — und das sind Eindrücke und Erinnerungen,
die nicht und niemals schwinden können; für uns kann Wagner
nie eine abstrakte Idee, eine idealisierte Gestalt werden; — wie wir
uns auch bemühen mögen, seine Erscheinung als ein Ganzes,
Abgeschlossenes — — wie soll ich sagen? — — als eine lebendige,
einheitliche K r a f t zu betrachten, welche Gott in
die Welt setzte und
die nun bestimmt ist, auf unabsehbare Zeiten hinaus ihre Wirkung
auszuüben; — im Traume erscheint uns doch wieder der lebendige,
einzige Mensch, und wenn wir am Morgen erwachen, so wissen wir das
eine, — daß er nicht mehr da ist, daß wir ihn nie mehr
sehen und seine Stimme nie mehr hören werden; — und wenn wir auch
nicht bezweifeln, daß dieses Leben (ein so absolut einheitliches
und harmonisches, daß sich die Überzeugung uns
aufdrängen muß: nicht die „blinde Natur“, sondern ein
allsehendes Auge hat es gestaltet),
172 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
wenn wir auch nicht
bezweifeln, daß es am rechten Tage und zur
rechten Stunde abgeschlossen wurde, als der Meister sein hohes Amt
erfüllt hatte, so können wir doch nicht umhin, das eine
Einzige im tiefsten Herzen zu empfinden, daß wir auf immerdar
verwaist sind!
Wir alle haben liebe unersetzliche Freunde verloren;
auch ich. Von
denen kann ich aber sprechen, kann ich sagen, was ihr Verlust mir
bedeutet, — von Wagner vermag ich es nicht. Jeder nur denkbare Schmerz
scheint mir gering im Vergleich zu dem Bewußtsein, daß er,
der Eine, nicht mehr lebt, „noch Leben uns webt.“ — Denn dieser Schmerz
greift sämtliche Saiten unseres Wesens und läßt sie
alle erzittern, und indem wir empfinden, was Wagners Verlust für
die ganze Welt bedeutet, überfließt unser Herz von
Tränen, die weit über das Maß hinausgehen, welches auch
der herbste Kummer des einzelnen rechtfertigen könnte. — Wir haben
das Glück gekannt, um das uns spätere beneiden werden: den
großen Meister haben wir e r l e b t;
dafür tragen wir nunmehr,
als unauslöschlichen Bestandteil unseres Lebens, das
Bewußtsein von seinem Tode. Für dieses
Bewußtsein gibt es keinen Trost und keine Worte.
Um an einem solchen Tage einen Panegyrikum auf
Richard Wagner zu
sprechen, müßten wir also kein Herz haben, denn schöne
Reden kann man nur an einem Grabe halten, an dem man nicht weint; und
von dem, was tief im eigenen Herzen ruht — — davon gelten Wotans Worte:
„Was keinem in Worten ich künde — — unausgesprochen bleibe es
ewig!“
—————
Am 25. Juli 1882, am Abend vor der ersten
Aufführung des Parsifal,
— bei Gelegenheit eines Festes, welches oben am Festspielhaus, in der
großen Speisehalle, gegeben wurde, hielt Wagner eine Rede. Eine
Stelle, namentlich, ist mir unvergeßlich geblieben — ich sehe und
höre den Meister, als er sie sprach, als wäre es gestern
geschehen —: er hatte jener Worte gedacht, die er 1876 gesprochen,
Worte eines Meisters, der, im vollen Bewußtsein der ungeheuren
Tat, welche sein Wille soeben vollbracht hatte, an der
überzeugenden Kraft dieser Tat, an dem unbedingten Wollen seiner
Stammesbrüder nicht zweifelte, Worte, die nun aber die
unmittelbare Ursache wurden, daß, als der Meister, von seinem
Kunstwerk weg, auf die Welt blickte, er nur einen Sumpf von
Unverständnis, Mißverständnis,
173 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
Bosheit und Schmutz gewahrte.
Die Worte selbst („— — nun ist es an
I h n e n zu wollen, und w e n n S i e
w o l l e n, so haben wir eine Kunst“)
zitierte er nicht, ebenso wenig wies er auf die Art und Weise hin, wie
diese Worte von der gesammten deutschen Welt aufgenommen und gedeutet
worden, und auf den Grad von W o l l e n, der sich
dann zeigte und dem wir
es zu verdanken haben, daß der Meister die sechs letzten,
kostbaren Jahre seines Lebens einsam und untätig in Bayreuth
verbrachte, unfähig Festspiele zu geben, unfähig seine Schule
zu begründen, ja! sogar gezwungen, das „verwaiste Heiligtum“
selbst der Dekorationen und der Kostüme, die der Darstellung
seines Lebenswerkes dienen sollten, zu berauben und sie unter der
Ägide
eines Ahasverus in alle Länder um Brot betteln zu schicken — — —
Jetzt, in 82, erwähnte er nur, daß er damals, 76, bei den
Festspielen gesprochen hätte; dann, plötzlich, stockte seine
Stimme — — er schwieg — — es war, während einiger Augenblicke, als
kämpfe der Meister gegen eine ganze Flut von
überwältigenden Eindrücken — — dann sprach er sehr
langsam und leise, aber bestimmt, und mit einer ganz anderen Stimme,
tief und verschleiert, wie die Stimme eines Sterbenden: „J
e t z t h a b e i c h
z u s c h w e i g e n g e l e r n t,“ — Wenig
Wochen nachher schwieg der große
Meister auf ewig. Die Welt — die blinde, taube, dumme Welt — hatte
ihren glühendsten, aufrichtigsten, edelsten und begabtesten Freund
das S c h w e i g e n gelehrt! Als er nun aber
wirklich schwieg, da durchzuckte
die ganze Welt ein großer Schmerz; jetzt begann sie erst zu
merken, wer zu ihr geredet hatte.
Das Reden hatte G o t t dein
Meister gegeben; das Schweigen lehrte ihn die
Welt — ein Schweigen, aus welchem P a r s i f a l
hervorging! W i r aber
müssen, meine ich, mit dem Schweigen beginnen; wie Wagner wenige
Tage vor seinem Tode an seinen jugendlichen Freund, Heinrich
von Stein,
schrieb: „Nur wer aus solchem Schweigen seine Stimme erhebt, darf
endlich auch gehört werden.“ Und keine bessere Schule des
Schweigens wüßte ich, als das Grab Richard Wagners, um
welches wir heute, im Herzen, versammelt sind.
—————
Unserem schweigenden Sinnen können wir aber am
heutigen Tage
gewiß keinen würdigeren Inhalt geben, als wenn wir es auf
174 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
die B e d e u t u
n g des Todes richten, wie wir sie in den Schriften und
Kunstwerken des Meisters ausgesprochen finden.
Die schönsten Ausführungen über
diesen Gegenstand findet
man in „Jesus von Nazareth“.
„Durch den Tod“, schreibt Wagner, „bezeugt der
Einzelne seine schöpferische Mitwirkung am Leben, denn wir wissen,
daß nach dem Naturgesetz der Tod die Folge des von sich Gebens
einer vervielfältigenden Kraft ist: indem der Mensch also schafft,
wirkt und erzeugt, vernichtet er sich selbst, sein Leben ist demnach
ein
beständiges sich selbst Töten zu gunsten eines neuen,
vervielfältigten und bereicherten, was von ihm ausgeht, und somit
ist der endliche Tod nur das gänzliche von sich Geben des
entleerten Behältnisses jener zeugenden Kraft, also ein letztes
Schaffen selbst, nämlich das Aufheben eines unproduktiven
Egoismus, somit ein Raumgeben an das Leben.“ Nur „der liebelose
Egoist — — — ist (wenn er stirbt) wirklich tot, weil er gegen seinen
Willen, ohne Wissen und ohne darin sich wiedergefunden zu haben in das
Allgemeine aufgegangen ist.“ Bei dem edelen, selbstlosen Menschen,
dagegen, ist „all sein Tun in der Liebe begriffen, denn sein Leben
selbst ist die fortschreitende Entäußerung seines Ichs. Der
Ersatz für den Verlust an seinem Ich wird ihm aber durch
das
B e w u ß t s e i n seines Aufgehens in der Allgemeinheit,
— denn nur
durch das Wissen davon findet er sich im Allgemeinen wieder, und zwar
bereichert und vervielfältigt; dieses Bewußtsein von sich
oder besser: dieses Bewußtsein seiner im Allgemeinen macht unser
Lieben schöpferisch, weil wir durch das von uns Geben eben die
Allgemeinheit und in ihr uns selbst bereichern — — —.“ Somit
erscheint der Tod als „das höchste Opfer der Liebe, nämlich,
das Opfer unseres persönlichen Seins selbst zu gunsten des
Allgemeinen. Der Tod ist somit d i e v o l l e
n d e t s t e T a t d e r L i e b
e: er wird
uns dazu durch das Bewußtsein unseres Lebens in der Liebe.“ —
Ist nun der Tod das vollständige Aufheben des Egoismus — und
Wagner illustriert seine Meinung durch folgendes, schönes
Beispiel: „Ein gestorbener Vater ist durch seinen Tod vollständig
in das Allgemeine seiner Kinder, ihrer Leiber, Sitten und Tun
aufgegangen“ — so ist andrerseits der Tod gerade dasjenige, was die
individuelle Erscheinung abschließt und ihr als ein Besonderes
ewige Geltung verleiht. „Durch den
175 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
Tod,“ so heißt es in
Jesus von Nazareth, „wird meine
Individualität vollendet, durch den vollkommenen Abschluß
meines persönlichen Seins. So lange ein Mensch lebt, gehört
er (wissentlich oder unwissentlich) der Bewegung der Allgemeinheit an;
— — — durch den Abschluß seines Lebens tritt er uns als ein
festbegrenztes, sicher zu gewahrendes Besonderes gegenüber, an ihm
und nach ihm erkennen und beurteilen wir uns selbst.“
Die erste Auffassung des Todes war, wie Sie bemerkt
haben werden, die
ethische: — so soll der Einzelne sein und empfinden; die zweite ist die
künstlerische: — was für den einzelnen sein Aufgehen in die
Allgemeinheit bedeutet, gerade dieser Vorgang stempelt für die
Allgemeinheit die Erscheinung jenes Einzelnen zu einem
scharfumgrenzten, ewig I n d i v i d u e l l e n.
Über diese künstlerische Bedeutung des
Todes
äußert sich nun Wagner ausführlich in seiner
Schrift „Das Kunstwerk der Zukunft.“ — „Erst an dem im Leben
Vollendeten vermögen wir die N o t w e n d i g k e i t
seiner Erscheinung zu
fassen, den Zusammenhang seiner einzelnen Momente zu begreifen: eine
Handlung ist aber erst vollendet, wenn der M e n s c h,
von dem diese
Handlung vollbracht wurde, der im Mittelpunkt einer Begebenheit stand,
die er als fühlende, denkende und wollende Person, nach seinem
notwendigen Wesen leitete, willkürlichen Annahmen über sein
mögliches Tun ebenfalls nicht mehr unterworfen ist; diesen
unterworfen ist aber ein Mensch, so lange er l e b t:
erst mit seinem Tode
ist er von dieser Unterworfenheit befreit, denn wir wissen nun Alles,
was er tat und was er war. — — Nur die Handlung ist eine vollkommen
wahrhafte und ihre Notwendigkeit uns klar dartuende, an deren
Vollbringung ein Mensch die ganze Kraft seines Wesens setzte, die ihm
so notwendig und unerläßlich war, daß er mit der
ganzen Kraft seines Wesens in ihr aufgehen mußte. Davon
überzeugt er uns auf das Unwiderleglichste aber nur dadurch,
daß er in der Geltendmachung der Kraft seines Wesens
wirklich
p e r s ö n l i c h u n t e r g i n g, sein
persönliches Dasein um der
entäußerten Notwendigkeit seines Wesens willen wirklich
aufhob; daß er die Wahrheit seines Wesens nicht nur in seinem
Handeln allein, — was uns, so lange er handelt, noch willkürlich
erscheinen darf —, sondern mit dem vollbrachten Opfer seiner
Persönlichkeit, zu Gunsten dieses notwendigen Han-
176 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
delns, uns bezeugt. Die
letzte, vollständigste Entäusserung
seines persönlichen Egoismus, die Darlegung seines vollkommenen
Aufgehens in die Allgemeinheit, gibt uns ein Mensch nur mit seinem Tode
kund, und zwar nicht mit seinem z u f ä l l i g e n,
sondern mit seinem
n o t w e n d i g e n, dem durch das Handeln aus der Fülle
seines Wesens
bedingten Tode. — Die Feier eines solchen Todes ist die würdigste,
die von Menschen begangen werden kann. Sie erschließt uns nach
dem, durch jenen Tod erkannten, Wesen dieses e i n e
n Menschen, die
Fülle des Inhaltes des menschlichen Wesens überhaupt. Am
vollkommensten versichern wir uns des Erkannten aber in der
bewußtvollen D a r s t e l l u n g jenes Todes
selbst, und, um ihn uns zu
erklären, durch die Darstellung derjenigen Handlung, deren
notwendiger Abschluß jener Tod war.“
Die Bedeutung des Todes für das Drama
begründet und
erklärt demnach Wagner ganz anders als unsere Ästhetiker, mit
ihren Lehren von der tragischen Gerechtigkeit und anderen schönen,
aber abstrakten und schwer faßlichen Dingen. „Diejenige Handlung
muß der dramatischen Kunst als geeignetster und würdigster
Gegenstand der Darstellung erscheinen, die mit dem Leben der sie
bestimmenden Hauptperson zugleich abschließt“ — — w e i l
wir erst
durch seinen Tod das individuelle Wesen eines Menschen mit
völliger Bestimmtheit erkennen.
Sittlich bedeutet also nach Wagner der Tod: „die
vollendetste Tat der
Liebe“; künstlerisch, die Tat, durch welche erst die
Individualität vollendet und — in einem höchsten Sinne — zur
Verwendung im Kunstwerke geeignet wird.
Daher — ich meine, auf Grund dieser klaren
Erkenntnis — die hohe
Bedeutung des Todes in fast sämtlichen Dramen Wagners!
Jedoch, nicht daher allein, sondern es kommt noch
ein gewaltiges Moment
hinzu, ein Moment, welches für die menschliche Kunst von
weltgeschichtlicher Bedeutung ist: Wagner ist der erste Dichter,
welcher es vermocht hat, den Tod nicht nur als den Abschluß,
sondern als den Kulminationspunkt einer Handlung, den Tod als
eine
l e b e n d i g e Tat, ja! als die „vollendetste Tat“
darzustellen. Es liegt ja
auf der Hand, daß keine frühere Form des Dramas die Mittel
hierzu besaß. Denn das erste, wodurch die Gestalt des Todes sich
von der des Lebens unterscheidet, ist das Schweigen. Und
177 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
wenn, im gesprochenen Drama,
des Helden letztes Wort gefallen — wenn,
zum Beispiel, Hamlet geflüstert hat: „Was nunmehr bleibt, ist
Schweigen“ ¹) — da ist auch der Dichter zu Ende; selbst wenn
Horatio Engelchöre hört, wir hören sie nicht;
unfähig, uns diese Engelchöre vor Ohren zu zaubern, hat der
geniale Dichter zu dem Tosen der Pauken und Drommeten gegriffen; ein
Fortinbras tritt in die Kammer des Todes ein und, indem er sofort an
das Lebende, an das egoistisch Individuelle anknüpft, empfinden
wir das Eine nur, daß Hamlet wirklich tot ist; wie ein schwerer
Grabstein fällt dieses Bewußtsein dumpf auf unser Herz, —
denn unser Freund ist plötzlich vor unseren Augen verschwunden,
und — was man uns auch von „tragischer Gerechtigkeit“ vorfaseln mag —
jeder künstlerisch fühlende Mensch empfindet hier eine
gähnende Lücke und begreift, daß der Sieg des
Fortinbras unmöglich die ganze „Moral des Stückes“ sein kann.
Selbst wenn Hamlet ein schwarzer Verbrecher wäre, würde doch
kein künstlerisches Gemüt Befriedigung aus einem
R ü c k b l i c k m i t a b s t r a k t e
n R ü c k s c h l ü s s e n
schöpfen
können. — „Die Darstellung derjenigen Handlung, deren notwendiger
Abschluß der Tod ist,“ bezeichnete Wagner, wie wir sahen, als die
höchste Aufgabe der Kunst; die größten dramatischen
Werke aller Zeiten geben ihm Recht; das Beispiel des Hamlet beweist
aber, daß wir es als einen wirklichen Mangel empfinden, wenn die
Handlung, die zum notwendigen Tode hinführte — wie Tannhäuser
in der ersten Szene, den Inhalt des ganzen Dramas im voraus klar
verkündend, ausruft: „hin zum Tode drängt es mich!“ — wenn
diese Handlung nun mit dem bloßen Aufhören des Lebens
abschließt, — wenn der Tod, dieser Kulminationspunkt des Ganzen,
nur als ein Negatives, nicht als ein Positives, Inhaltsreiches, — nur
als eine endgültige Sistierung alles Tuns, nicht als — an und
für sich — die vollendetste T a t dargestellt
wird. — Nirgendwo ist
vielleicht ein Wortdichter der Wagnerschen Auffassung und Darstellung
des Todes so nahe gekommen wie der große Sophokles, in seinem
Oedipus in Kolonos — diesem idealsten Kunstwerke seines hohen Alters,
man könnte wohl sagen, dem Sophokleischen „Parsifal“ —; braucht
man aber einen definitiven Beweis, daß die Musik im griechischen
—————
¹) Denn so etwa muß die
übliche, verunstaltende deutsche
Übersetzung richtig gestellt werden.
178 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
Drama nicht im Wagnerschen
Sinne zur Anwendung kam, so genügt es
darauf hinzuweisen, daß in dieser Apotheose des Todes, in diesem
Drama, welches ganz und gar der Verklärung durch den Tod gilt, der
Held zuletzt die Bühne verlassen und ein gleichgültiger Bote
von seinem Übergang ins Aidoneische Reich weitschweifig
erzählen muß. — Denn das ist es eben: die M u s
i k allein, und
zwar die Musik als höchste, dramatische S p r a c h e,
vermag es,
einen Vorgang, eine Handlung darzustellen, wenn die Zunge schweigt und
wenn das Licht des Tages dem Auge erloschen ist. Zum ersten Male in
Wagners Wort-Tondrama gelangt eigentlich der Tod zur
künstlerischen Darstellung! Und man kann auch gewiß Wagner
als den „Dichter des Todes“ bezeichnen; er ist der große
Offenbarer von der Bedeutung dieses unergründlichen Mysteriums. In
seinen sämtlichen Dramen, von „Rienzi“ an, mit einziger Ausnahme
der „Meistersinger“, wird uns der Tod vorgeführt und — ich bitte
das wohl zu bemerken — ausnahmslos als die Versöhnung, die
Verklärung, als „die vollendetste Tat der Liebe“.
Mit Ausnahme von „Parsifal“ ist der Tod in allen
diesen Dramen der
Kulminationspunkt überhaupt. Und die ausführliche, bestimmte
Schilderung des Todes, das Hervorheben dieses Momentes als des
höchsten im Leben, dient gleichzeitig ebensowohl jener Vollendung
der individuellen Erscheinung, als auch der Erlösung aus den
hemmenden, egoistischen Schranken der Individualität. Dieses
höchste künstlerische Moment wirkt dadurch auch ethisch mit
einer unvergleichlichen Macht; und durch diese Darstellung des Todes
als der eigentlich v e r s ö h n e n d e n Tat
des Lebens, als des
Augenblicks, in welchem auch der Schwache aus seiner Schwäche
erlöst wird, und in welchem der Edle — mag auch was immer für
ein Fehltritt ihm jammervolles Leiden und Verscheiden bereitet haben —
strahlende Verklärung e r l e b t: — durch diese
Darstellung erscheint
uns der Tod in einer ganz anderen Bedeutung, in einer unvergleichlich
herrlichen Gestalt. Ich wiederhole es: der Tod wird bei Wagner zu
einer
l e b e n d i g e n Tat. —
Hierdurch bekommt aber auch das L e b e
n einen anderen
Sinn; wir schauen
viel tiefer in das göttliche Geheimnis hinein; und wenn wir sie
auch niemals logisch erfassen können, so ahnen wir doch mindestens
die göttliche Gerechtigkeit, welche sicherlich von jener
179 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
angeblich „tragischen“ ganz
und gar verschieden ist und welcher die
Indischen Weisen wohl nahe kamen, als sie lehrten: „Der Weise
betrübt sich nicht mit dem Gedanken, was tat ich Gutes? was tat
ich Böses? denn das Gute und das Böse hat er
abgeschüttelt, als er in die Seligkeit jenes höchsten Gottes
einging, vor welcher die Sprache verstummt und bei deren Anblick die
Vernunft umkehrt, ohnmächtig sie zu erreichen.“
Wir müssen uns also jetzt einen ganz anderen
Begriff des
T r a g i s c h e n machen, denn bei Wagner ist der Tod nicht
das dumpfe Ende,
und nur in einem sehr beschränkten Maße als Vergeltung
aufzufassen, — bei ihm ist der Tod vor allem die Vollendung und die
Erlösung und die Verklärung.
Wenn ich an einem so ernsten Tage mit Paradoxen
spielen wollte, so
würde ich die Behauptung aufstellen, daß nur ein einziges
Werk Wagners „tragisch“ im üblichen, beschränkten Sinne des
Wortes, wirkt, und daß das sein Lustspiel, „Die Meistersinger,“
sei! Denn hier bleibt dem Helden, wie Wagner selbst sagt, nur
Resignation. Seine Verklärung erleben wir nicht.
Aber sehen Sie, zum Beispiel, „Lohengrin“ an,
dasjenige Werk, welches
am meisten durch seinen Ausgang einer sonstigen Tragödie gleicht.
Elsa — die Hauptfigur des Dramas — stirbt, sie stirbt durch eigene
Schuld und nachdem sie das Lebensglück ihres Retters und ihres
Gemahls zerstört hat; aber auch sie stirbt „mit einem Blick
letzter, freudiger Verklärung“, und die breite, siegreiche
Umgestaltung der Weise, welche die Fahrt des Schwanes begleitete und
die nunmehr das Werk schließt, läßt uns mit
Bestimmtheit empfinden, daß Lohengrin sein hohes Amt
erfüllt, und gerade erst in diesem Augenblick, bei ihrem Tode,
vollendet hat; zwar nicht wie er es sich gedacht, hat der Held die
Erlösung Elsas vollbracht, aber wie Gott es bestimmt hatte, und
wie die nunmehr künstlerisch vollendet vor uns liegende
Individualität der Elsa es einzig gestattete. Die herbe
Unerbittlichkeit in diesem Werk ist ganz antik; die „freudige
Verklärung“ am Schlusse, die Triumph-Akkorde dagegen, weisen auf
eine Weltanschauung hin, welche erst die Zukunft voll erfassen wird.
Ganz besonders aber möchte ich auf die
Tragödien der beiden
großen „Sünder“, des Holländers und Tannhäusers,
hinweisen. In diesen wird das erhabene Wesen des Todes in seinem vollen
Um-
180 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
fang uns enthüllt: der
Opfertod, der Tod als Erlösung, die
unbedingt unentbehrliche Vollendung der Individualität, die
Verklärung durch den Tod! — Man hat „Tristan und Isolde“ eine
Apotheose des Todes genannt; jene beiden Werke verdienen, meine ich,
diese Bezeichnung in noch höherem Grade. Denn der eigentliche
Inhalt des Tristan-Dramas ist die L i e b e, und
erst die Liebe zeugt da
die Sehnsucht nach dem Tode; währenddem in den Holländer- und
Tannhäuser-Dramen die Erlösung durch den Tod den ganzen
Gegenstand der Handlung bildet und die Liebe gleich vom Beginn an im
Dienst des Todes auftritt. „Die düstre Glut, die hier ich
fühle brennen, — sollt ich Unseliger sie Liebe nennen? — Ach nein!
Die Sehnsucht ist es nach dem Heil: würd' es durch solchen Engel
mir zu Teil!“ Und wenn im „Holländer“ die freiwillige
Verzichtleistung auf das Leben erschütternd wirkt, so tritt doch
im „Tannhäuser“ der Tod in weit erhabenerer Gestalt auf, weil er
eben nicht gewaltsam vom Leben herbeigerufen wird, sondern selber einen
Lebensfaden nach dem andern in seine Hände sammelt, bis er aller
Gewaltsamkeiten Herr geworden, das flackernde Lebenslicht mit
freundlicher Geberde gelöscht, und nun in seiner sanften,
jungfräulich hehren Gestalt — erlösend, verklärend,
daherschreitet! Ach! jetzt erklingen sie vor unseren Ohren, die
Engelchöre des Horatio: „Heil! heil! der Gnade Wunder Heil!“ — Und
wie deutlich merkt man hier, daß durch diese lebendige Auffassung
und Darstellung des Todes auch das ganze Leben einen andern Sinn
bekommt. Nach jeder nur denkbaren weltlichen Moral ist Tannhäuser
ein verdammungswürdiger Mensch; selbst der fast allmächtige
Vertreter Jesu Christi auf Erden vermag es nicht, ihn aus ewiger
Verdammnis zu erlösen; durch den Tod der Elisabeth aber, diesen
Opfertod, der einen integrierenden Bestandteil von Tannhäusers
eigenem Leben bildet, wird uns erst mit überzeugender Kraft
Tannhäusers tiefstes Wesen enthüllt — denn nicht der edele
Wolfram und nicht die ganzen andern frommen Menschen waren es wert,
daß die Jungfrau für sie starb, um der Mutter Gottes
„reichste Huld nur anzuflehn für s e i n e
Schuld“, — sondern nur
Tannhäuser. Himmelhoch steht dieser über seiner ganzen
Umgebung. Wir schauen hier fast direkt in das tiefste Geheimnis des
ganzen Weltwesens und unserer eigenen Seele hinein, und wir empfinden,
daß nicht solche höchste
181 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
K u n s t symbolisch
ist, sondern daß, im Gegenteil, unsere B e g r i f f
e
von Schuld, Gnade u. s. w. nur Notbehelfe sind, um der Vernunft etwas
faßlich zu machen, was sie doch niemals begreifen kann. — Nur die
allergewaltigsten Dichter haben diesen Blick in das Unergründliche
getan und was sie schauten, auch darzustellen gesucht: nur ein
Shakespeare läßt den „Bösewicht“ Richard III den
herrlichsten Heldentod sterben und seinen frommen Gegner als
praetentiöse Nullität auftreten. Wagner steht hier
unmittelbar neben einem Aeschylos und einem Shakespeare; er zeigt sich
ihnen ganz intim verwandt; er geht aber weiter wie seine großen
Vorgänger, weil er eben jenem Hauptziel aller Kunst, das vom
Dichter Erschaute möglichst v o l l k o m m e
n darzustellen,
näher kommt wie sie. Und ich glaube mich nicht zu täuschen,
wenn ich die Behauptung aufstelle, daß zu den weittragenden
Eroberungen seiner neuen dramatischen Form — nennen wir sie kurzweg
des
d e u t s c h e n Dramas — die lebendige, charakteristische,
bestimmte und
bestimmende Darstellung des T o d e s in erster
Reihe gehört. Bei der
Vorführung des oben erwähnten Richards des Dritten z. B.
bleibt entschieden etwas Unbefriedigendes; man glaubt dem Dichter, man
empfindet die Macht seiner absoluten — geschauten, nicht gedachten —
Wahrhaftigkeit, aber es fehlt etwas, — die Zeichnung der
Individualität entbehrt doch des letzten, vollendenden Striches; —
an die Stelle der hohen, nie rastenden Tätigkeit des Helden tritt
plötzlich, unvermittelt das Nichts; er hört auf zu leben,
eigentlich tritt er aber nicht in den Tod ein. Gerade hier nun, gerade
an diesem Punkte, tritt die unvergleichliche Macht des Dichters Wagner
und seines Kunstwerkes hervor. Bei Wagner gelangt eben der
T o d selber
zur „bewußtvollen Darstellung“; wir verfolgen den Helden bis zu
der endgültigen Verflüchtigung seines individuellen Lebens in
das allgemeine, bis er „in des Welt-Atems wehendem All ertrinkt“; und
indem wir das tun, findet es sich, daß wir jetzt erst den
individuellsten, den ganz und gar charakteristischen, den eigentlich
unentbehrlichsten Zug zur Bestimmung der besonderen Persönlichkeit
gewonnen haben; und was die Kunst uns in diesem Augenblick ahnend
erschauen läßt — ich verweise auf den Schluß von
Rienzi, Holländer, Tannhäuser, Lohengrin, Tristan, dem Ring
(und auch von Parsifal) — das ist, was man von einem ganz anderen
Standpunkt aus als dem üblichen, abstrakten, als „die Moral“ des
182 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
betreffenden Heldenlebens
bezeichnen könnte. Schon unsere weisen
indischen Vorfahren hatten es ausgesprochen, daß die
Art, w i e ein
Mann stirbt und w i e er ins Jenseits übergeht,
das Moment ist,
welches für die Auffassung seines ganzen, vorhergehenden Lebens
maßgebend ist.
—————
Jedoch, ich muß abbrechen. Denn nicht einen
„Vortrag“ habe ich im
Sinne gehabt —, sondern, anknüpfend an die heilig-ernste
Veranlassung zu unserem heutigen Beisammensein, habe ich nur zu einer
Erkenntnis a n r e g e n wollen, welche sich ein
jeder für sich
aneignen, in welche er in weltabgewandten Stunden sich vertiefen
muß. Ist die Anregung verstanden worden, so ist es auch
unnötig, auf das Einzelne einzugehen; der Tod im Nibelungenring
allein — wo einzig die Rheintöchter am Leben bleiben — würde
zu einem langen Vortrag überreichen Stoff bieten.
Um aber sicher zu sein, daß meine Anregung
auch wirklich
verstanden wurde, möchte ich zum Schlusse noch jenen einzigen
anderen deutschen Zeitgenossen unseres Meisters herbeirufen, dessen
Bedeutung mit der seinigen vielleicht verglichen werden kann: Artur
Schopenhauer. In einem nachgelassenen Fragmente des großen
Denkers lesen wir: „Für uns ist und bleibt der Tod ein Negatives,
— das Aufhören des Lebens: allein er muß auch eine positive
Seite haben; die jedoch uns verdeckt bleibt, weil unser Intellekt
durchaus unfähig ist, sie zu fassen. Daher erkennen wir wohl, was
wir durch den Tod verlieren, aber nicht, was wir durch ihn gewinnen.“ —
Meine Anregung bezweckt nun die Erkenntnis, daß noch niemals
diese „positive Seite des Todes“ — nicht unserem Intellekt, denn das
wäre ja unmöglich, wohl aber — unserem Gefühle so nahe
gebracht, daß uns niemals auch nur annähernd so deutlich und
überzeugend offenbart wurde, „was wir durch den Tod gewinnen“,
wie in Wagners Kunstwerken. Das ist zwar nur Eines unter Vielem in dem
Schaffen des großen Meisters, aber gewiß ist es nicht ein
Geringes; nein! ohne Frage gehört es zu den höchsten
Errungenschaften seines Genies.
Am Beginn meiner Ansprache meinte ich, es gäbe
für uns keinen
Trost; ich muß es wiederholen; denn mit Gefühlen
läßt sich nicht rechten, und wer täglich den Tod dieses
unvergleichlichen Menschen
183 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
beweint, der wird sich mit der
Erwägung, daß dessen Genie,
wie die Menschen sagen, „unsterblich“ ist, nicht trösten
können; die echte Herzenstrauer ist wie der Hunger: keine
Argumente der Welt vermögen etwas über sie. An jenem Grabe
aber, wo heute unsere Gedanken weilen, ist es wohl erhebend, ja, es ist
eine Forderung der Gerechtigkeit, mit dankbarem — ich möchte fast
sagen, mit jubelndem — Herzen dessen zu gedenken, daß der
große Tote, der hier liegt, der Mann ist, der vor allen Anderen
es verdient, der Offenbarer vom wahren Wesen des Todes genannt zu
werden, der Verherrlicher des Todes!
* *
*
Verehrte Versammlung! Dem Charakter des Tages
entsprechend habe ich es
nicht gescheut, Sie zu den ernstesten und tiefsten Betrachtungen
aufzufordern. Da man aber in einem solchen geselligen Beisammensein
unmöglich auf diesen Höhen dauernd verweilen kann, so
möchte ich — um einen allzu schmerzhaft jähen Übergang
aus einer Stimmung in die andere abzuwehren — mit einem Hinweis auf die
„Meistersinger“ schließen, jenes Werk, welches in knapper,
ernst-heiterer Form einen Inbegriff aller Wagnerschen Weisheit
enthält. — Als der Junker „Herrn Walther von der Vogelweid,“ als
seinen Meister genannt hat, meint Beckmesser, dieser wäre „lang'
schon tot“, währenddem Hans Sachs, der Weise, mit großem
Ernst und Nachdruck — und indem er freudig gerührt zu dem
Jüngling hinaufblickt und beifällig ihm zunickt — die Worte
spricht: „Ein g u t e r M e i s t e r!“
Hier gilt es, sich Tristans Frage zu
stellen: „Was stürbe dem Tod?“, und Wagner hat uns eben
einsehen gelehrt, daß erst durch den Tod, gerade, die
Individualität ihre nunmehr ewige Geltung als Abgesondertes,
Eigenartiges erlangt. Je gewaltiger nun die Persönlichkeit, desto
mehr dient die Zeit dazu, sie in immer schärferer
Individualisierung hervortreten zu lassen. Die Verklärung, welche
das Individuum im Augenblicke des Todes erlebte, vollzieht sich im
Bewußtsein des Menschengeschlechtes langsam, im Verlaufe der
Jahrhunderte. Homer, zum Beispiel, von dem uns Plato erzählt, er
wäre während seines Lebens wenig beachtet worden, ist jetzt
so hoch, so unermeßlich hoch in unserer Wertschätzung seiner
individuellen Bedeutung gestiegen, daß einige kurzsichtige
Gelehrte von
184 DIE BEDEUTUNG
DES TODES BEI
RICHARD WAGNER
der „lang' schon tot“-Schule
ihn gar nicht mehr zu erblicken
vermögen und infolgedessen die Behauptung aufstellen, er
hätte überhaupt niemals gelebt! — Richard Wagner gehört
zu diesen Größten des Menschengeschlechts; wie Viele unter
den Lebenden a h n e n auch nur die wahre,
individuelle Größe
dieses gewaltigen Geistes? Dazu — zum klaren, scharfen Erfassen der
Bedeutung dieses Dichters — gehören Jahrhunderte. Halten wir also
das Grab in Ehren, welches den Späteren, die ihn nicht sahen,
dafür bürgt, daß Richard Wagner gelebt hat; und wenn
die Beckmesser, die wie die Heuschrecken überall herumspucken,
achselzuckend meinen; „Ach, lang' schon tot!“, — so halten wir an
unserer Überzeugung unerschütterlich fest, daß unser
Meister für die Welt kaum erst geboren wurde, und daß die
wirklich Weisen unter den Menschen noch nach Jahrhunderten
und Jahrhunderten gerührt und ehrfurchtsvoll von ihm sprechen
werden: „Ein g u t e r M e i s t e r!“
(Februar 1893.)
185
DER BAYREUTHER FESTSPIELGEDANKE
Festspiele, Meisterspiele,
Heroenaufführungen! Ganz Deutschland
ist voll davon; und der Gedanke, den Richard Wagner vor fünfzig
und etlichen Jahren faßte und der während vierzig Jahren als
die praktisch undurchführbare Extravaganz eines eitlen,
allzubegehrlichen Künstlers verhöhnt und bekämpft wurde,
scheint auf dem besten Wege, „Mode“ zu werden. Und dennoch — oder
vielleicht gerade deswegen — wird mancher sich mit den Nürnberger
Meistern fragen:
„Soll man sich freu'n? oder
wär' Gefahr?“
Jedenfalls wird sich jeder das fragen, der wirklich
weiß, was
W a g n e r ursprünglich gewollt und was er und seine
Nachfolger in
Bayreuth erstrebt und in einem zu hoher Bewunderung herausfordernden
Maße erreicht haben. Denn ihm kann es nicht verborgen bleiben,
daß unter demselben Schild entgegengesetzte Ideale am Werke sind.
Nicht gern möchte ich feindselige Polemik in Festesstimmung
hineintragen; vielmehr will ich ohne weiteres anerkennen, daß
für abweichende Auffassungen auf dieser weiten Welt Platz ist und
daß man es keinem Theaterunternehmen verübeln kann, wenn es
einen Teil der durch Wagners Genie gewonnenen Ergebnisse sich aneignet
und einen anderen Teil abweist, entweder weil es kein Verständnis
dafür hat, oder weil es seine Unfähigkeit, den Anforderungen
zu genügen, einsieht. Suum cuique! Lassen wir also den anderen
das ihrige, doch versuchen wir, uns über das Unterscheidende der
Bayreuther Festspiele klar zu werden.
Zugrunde lag bei Wagner die heilig feste
Überzeugung, das Theater
sollte nicht — oder doch nur in untergeordneter Weise — der Zerstreuung
einerseits und dem Gelderwerb andererseits, vielmehr sollte es den
höchsten Zielen der Kultur dienen. „Im Theater“, schreibt er,
„liegt der Keim und der Kern aller national-poetischen und
national-sittlichen Geistesbildung“. Darum kommt es zunächst auf
zweierlei an: die wirtschaftliche Grundlage des Theaters muß
geändert werden;
186 DER BAYREUTHER
FESTSPIELGEDANKE
die Gemütsverfassung, in
welcher das Publikum das Theater betritt,
muß geändert werden. „Nur dann wird das Theater den
höchsten und gemeinsamen Berührungspunkt eines
öffentlichen Kunstverkehres ausmachen, wenn es aufgehört
haben wird, eine industrielle Anstalt zu sein, die um des Gelderwerbes
willen ihre Leistungen so oft und dringend wie möglich ausbietet“.
So lautet die eine Forderung; über die andere äußert
sich Wagner: „Wollen Sie dies Publikum wirklich erziehen, so
müssen Sie es vor allen Dingen zur Kraft erziehen, ihm die
Feigheit und Schlaffheit aus den philisterhaften Gliedern treiben, es
dahin bestimmen, im Theater sich nicht zerstreuen, sondern sammeln zu
wollen.“
Das sind die zwei Wurzeln, aus denen der
F e s t s p i e l g e d a n k e W a g n e r s
hervorwächst. Moralisch betrachtet, ist es eine zwiefache
Veredelung, die er erstrebt: die Faktoren, durch welche das Kunstwerk
in die Erscheinung tritt, sollen in jeder Beziehung auf eine
höhere Stufe gehoben werden; die Zuhörer aber sollen nicht
bloß neue Forderungen an die Aufführung, sondern vor allem
an sich selbst stellen und einsehen lernen, daß große
Kunstereignisse nicht ohne die Mitwirkung eines „allmächtig
mitgestaltenden Publikums“ (wie Wagner sich ausdrückt) zustande
kommen können.
Aus diesen Prämissen ergibt sich von selbst der
eigentliche
Festspielgedanke: die Veranstaltung seltener, außerordentlich
sorgfältig vorbereiteter Aufführungen an einem abseits
gelegenen Orte. Von dem E n t w u r f z u
r O r g a n i s a t i o n e i n e s
d e u t s c h e n
N a t i o n a l t h e a t e r s, vom Jahre 1848 an, bis zu der
Grundsteinlegung des
Bayreuther Festspielhauses, 1872, und bis zu dem Entschlusse, die
Festspiele nicht nur den „mitschöpferischen Freunden“, sondern dem
großen zahlenden Publikum ohne weiteres freizugeben, 1882, hat
der Meister die verschiedensten Pläne ausgearbeitet und hat er
sich bereitgefunden, verschiedene Kompromisse einzugehen, damit sein
Gedanke nur kenntlich in die Erscheinung trete. „Das Publikum muß
durch Tatsachen gebildet werden, denn eher als es das Gute nicht in
konsequenter Folge kennen gelernt hat, kann ihm auch kein rechtes
Bedürfnis danach geweckt werden.“ Ganz ohne Kompromiß ging
es auch in Bayreuth nicht ab, doch dürfen wir mit Freude
feststellen, daß das jetzige Bayreuth das Ideal Wagners weit
reiner verkörpert, als dies bei den früheren Plänen mit
Dresden,
187 DER BAYREUTHER
FESTSPIELGEDANKE
Zürich, Weimar,
München der Fall gewesen wäre. Kein Hof-
und kein Stadttheater hätte sich mit einem Verzicht auf den
Gelderwerb einverstanden erklärt oder sein Repertoire auf lange
der Festspielvorbereitungen wegen unterbrechen können. Ja,
gestehen wir es unumwunden: einzig der Umstand, daß das
Festspielhaus im ungeteilten Besitze Wagners und seiner Erben verblieb,
hat die Fortführung von Festspielen in seinem Sinne
ermöglicht, denn hierdurch allein war die unbedingte
Selbstlosigkeit des Unternehmens, seine Verwaltung à fonds perdu
mit unantastbarem Grundstock möglich — ganz abgesehen von der
Befähigung zur künstlerischen Leitung. Und wenn auch die
Zulassung jedes beliebigen hinzugereisten Zuschauers gegen Lösung
einer Eintrittskarte Wagner in der Seele zuwider war und er sie nur
„notgedrungen“ ein Jahr vor seinem Tode zugab, gerade hierdurch hat
sich Bayreuth nach und nach eine eigene Gemeinde aus aller Herren
Länder erzogen, Leute, die Wagners Festspielgedanken erfaßt
haben und seinem in diesem Gedanken verkörperten allgemeinen
Kulturideal heute auf den verschiedensten Gebieten leben.
So viel nur über die
praktisch-geschäftliche Seite.
Künstlerisch ist das Ziel: „Jede Aufführung muß den
Stempel möglichster Vollendung an sich tragen.“ Heißt aber
hier „Vollendung“ das Zusammentrommeln möglichst vieler „Sterne“?
Über diese Unsitte, die jetzt wieder üppig aufblüht in
vielen Festspielen — bei denen die Hauptdarsteller kontraktlich von dem
Besuche auch nur einer einzigen Probe entbunden sind! — urteilt Wagner:
„Man füttert den Mimen mit Leckerbissen und läßt den
Dichter verhungern. Alles, was von schlechter Anlage und
Herzlosigkeit in der Mimennatur steckt, wird, wiederum mit dem alles
leitenden Instinkt, angelegentlichst hervorgelockt und einzig gepflegt:
widerwärtigste Eitelkeit und dirnenmäßige Gefallsucht.“
Was Wagner erstrebt, steht hiervon so fern wie nur irgend möglich.
Es ist — in geistiger Beziehung — die vollkommene Durchdringung der
dramatischen Absicht des Dichters, — in technischer Beziehung, die
„absolute Korrektheit“. Dagegen gesteht er der Virtuosität der
Mittel, rein als solcher, so wenig Wert zu, daß er häufig
betont, die Aufführungen an deutschen Provinztheatern seien
durchwegs besser als die an den großen Hoftheatern, daß er
behauptet: „Auch die geringsten Mittel sind fähig, eine
188 DER BAYREUTHER
FESTSPIELGEDANKE
künstlerische Absicht zu
verwirklichen,“ und daß er
hinzufügt: „Wo eine so verwirklichte künstlerische Absicht
dem Publikum vorgeführt wird, handelt es sich nicht mehr um eine
Kritik der Mittel; das Publikum hat nicht mehr inbezug auf sie zu
wünschen und zu sorgen, keine Vergleichung mit anderen (Mitteln)
mehr anzustellen.“ Die Vergleichung soll eben ein anderes betreffen:
die Vollendung des ganzen, die Art, in welcher „die künstlerische
Absicht verwirklicht worden ist.“
* *
*
Als Wagner nun sah, daß sein Bayreuth, obwohl
es nicht ganz sein
Ideal verkörpern konnte, doch nach beiden Richtungen hin das von
ihm Erstrebte klar genug andeutete — da schuf er sein letztes Werk,
Parsifal, zur Weihe dieser einen, einzigen Bühne und beschritt
damit, wie er sagt, „eine unseren Operntheatern mit Recht durchaus
abgewandt bleiben sollende Sphäre.“ Dieses Werk ist seinem
Bühnenfestspiel — dem Kulturgedanken seines ganzen Lebens —
heilig. In ihm hat er — wie er selber kurz vor seinem Tode sagte —
„eine Anleitung“ hinterlassen, eine Anleitung zu dem vollen
Verständnis dessen, was ihm vorschwebte, wenn er so
Überschwengliches von der Bühne und ihrem Einfluß auf
die Geistesbildung der Menschheit erwartete.
So besitzen wir denn die eine, dem ganzen Geist
ihrer Anlage und ihrer
Absicht und ihres Wirkens nach einzige und unvergleichliche Bühne,
und diese hohe Stätte besitzt ein für sie erdachtes, nur an
diesem Ort mögliches Werk erhabenster Religiosität. Wer
bedenkt, wie hier erstens der Gedanke, zweitens dessen Verwirklichung,
und drittens die Weihe dieser Verwirklichung ineinander greifen, wird
das Unterscheidende der Bayreuther Festspiele klar erkennen.
(Juli 1902.)
189
VORWORT ZUR VIERZEHNTEN
AUFLAGE DER
„GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS“
Hoffen soll der Mensch!
Er rage nicht!
(Beethoven)
Den
Grundgedanken, aus
dem dieses Werk geboren wurde, bildete die Überzeugung von der
überlegenen Bedeutung der aus dem Norden Europas stammenden
Menschenart — des homo europaeus Linnés, des Slavokeltogermanen
der Geschichte: einer Überlegenheit, welche Ansprüche
rechtfertigt und Pflichten auferlegt. Kein aufmerksamer Leser wird
urteilen, der Verfasser verherrliche in parteilicher Weise den
deutschen Zweig dieser Familie; vielmehr wird er finden, daß das
Germanische überall, wo es sich am Werke zeigt, bis in die
entlegensten Gebiete von Europa, ja bis an die äußersten
Enden der Weltkugel, aufgewiesen und freudig anerkannt wird. Freilich
hat das geschichtliche Werden es mit sich gebracht, daß
Deutschland —
oder sagen wir lieber
das Deutschtum, womit wir alle politische Beschränkung abweisen —
der Sitz des eigentlichen germanischen Bewußtseins wurde: zum
Teil mag das aus der geographischen Lage erfolgen, bestimmend wirkte
jedoch die Tatsache, daß die üppigsten Blüten des
Geistes zugleich mit der tiefsten Besonnenheit über die
germanische Eigenart durch Männer aus dem deutschen Sprachgebiet
in die Erscheinung traten: Luther und Bismarck, Friedrich der
Große und Moltke, Goethe und Richard Wagner, Bach und Beethoven
konnten einzig Deutsche sein. Man darf es aussprechen: damit erhielt das
Deutschtum die Würde und die Verantwortlichkeit eines Hauptes des
germanischen Rassegedankens, weil es in seiner Mitte Hirn und Herz
dieser besonderen Menschenart birgt. Doch wurde diese Tatsache in dem
vorliegenden Werke nirgends hervorgehoben; blieb doch des Verfassers
Hoffnung für eine edlere Ge-
190
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
staltung der
Menschendinge auf dieser Welt an ein Zusammenwirken der am meisten
germanisches Blut führenden Völker zu gemeinsamen hohen
Zielen geknüpft. Darum lag ihm vor allem daran, ein Gefühl
der Solidarität bei den Germanen der verschiedenen Länder zu
wecken. Hierbei handelte es sich offenbar in erster Reihe um ein
Zusammengehen von Deutschland und England: Eintracht zwischen diesen
beiden würde das Schicksal der ganzen Menschheit bestimmt und auf
Jahrhunderte hinaus das heute über uns alle hereingebrochene
Wirrsal abgewendet haben. Das Vorwiegen dieses Gedankens beim Verfasser
zur Zeit, als er die „Grundlagen“
schrieb, beweist eine Stelle aus
einem Brief vom 19. März 1897, der ihm kürzlich wieder zur
Kenntnis kam: „Inzwischen beschäftigt mich der Gedanke viel, wie
wirs am besten anfingen, den Samen eines pangermanischen Gedankens
auszusäen. Wenn englischer Mut, englische Kraft und Zähigkeit
sich zu deutschem Geist und Genie gesellten, dann dürfte man noch
alles hoffen, — sonst kaum etwas.“
Mittlerweile hat das größte Verbrechen der Weltgeschichte
auf lange hinaus jede Hoffnung dieser Art vernichtet, und indem es das
Deutsche Reich zertrümmerte, hat es den einzigen Hort des Friedens
und einer rechtlichen Entwickelung der Weltpolitik vernichtet und ganz
Europa in ein Chaos verwandelt. Daß England (mitsamt seinen
Kolonien) noch heute die Heimat vieler Millionen echter
deutschverwandter Germanen ist, kann nicht in Abrede gestellt werden;
die Durchseuchung mit spätslavischen Mischvölkern, die so
viel Charakterlosigkeit in große Teile des Deutschen Reiches
gebracht hat, blieb dem Inselreich erspart. Nur spielte gegen
Schluß des 19. Jahrhunderts eine verhängnisvolle
Entwickelung die Führung von Englands Geschicken in ungermanische
Hände, die es verstanden haben, das Volk vollkommen irre zu
leiten. Was der Prophet Carlyle voraussagte, ist seit dem
Regierungsantritt Eduards VII. eingetroffen. Carlyle schreibt in seinen
Lebenserinnerungen: „Die Politiker, welche Britannien aufzuweisen
pflegte, waren eine ganz andere Art Menschen als die
Millionär-Hebräer, die geldwechselnden Rothschilds, die neuen
Demosthenes-Disraelis und beflügelten jungen Goschens mit ihrem
vielgerühmten 'beispiellosen Glück'. Weine Britannien, wenn
erst diese letzteren dein Parlament bevölkern!“ Und sie
bevölkern es heute. Bekanntlich zählte das englische
Ministerium wäh-
191
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
rend des Krieges mehrere
Vollblutjuden, die umso ausschlaggebenderen Einfluß
ausübten, als der halbgebildete Demokrat, der keltische „Premier“,
ein grundsätzlicher politischer Gegner seiner englischen Kollegen
und des englischen Adels überhaupt ist, und er einzig bei der
Judenschaft wirkliche Gesinnungsgenossen fand. Dazu kam als weitaus
mächtigste Macht die seit Carlyles Zeiten gänzlich in die
Hände der Juden und der Kryptojuden geratene, früher
hochstehende und stolzunabhängige Presse, die nunmehr mit
schamloser Offenheit die Lüge zu ihrer Hauptwaffe erwählte,
und die seit Jahren mit dieser Waffe systematisch auf den
Vernichtungskrieg gegen Deutschland hinarbeitete; im engsten
Interessenbunde mit ihr die noch weit tieferstehende Presse der
Vereinigten Staaten, die genau derselben Gruppe gehorcht. Das sind die
Elemente, welche den Haß gegen das naheverwandte Volk gesät
haben; ihr Werk ist ihnen gelungen. Ehe diese teuflische Tätigkeit
anhob, standen die Dinge ganz anders, und trotz der manchen
Charakterzüge, geeignet Volk von Volk zu scheiden, bestand bei den
Engländern überwiegend die Neigung, für die Deutschen
und ihre Leistungen Hochachtung zu empfinden. Ein so
volkstümlicher Mensch wie Charles Dickens — ein solcher
Nur-Engländer, ohne alle Spur Carlylescher Kultur — schreibt doch
Worte wie folgende: „Ich verehre und bewundere das deutsche Volk mehr,
als ich ausdrücken kann. Ich weiß, daß es mit seinen
großen geistigen Fähigkeiten und der Höhe seiner Kultur
das auserwählte Volk der Erde ist; und niemals war ich stolzer und
glücklicher, als da ich zum erstenmal hörte, daß meine
Werke vor seinen Augen Gnade gefunden haben“ (Brief an Heinrich
Künzel vom 13. 9. 1841). Wie viele englische Gelehrte von Ruf
hatten nicht ihre letzte Ausbildung auf deutschen Hochschulen erhalten!
Die Verbreitung der deutschen Sprache in England war vor 25 Jahren noch
im Zunehmen; an diesem Punkte wurde die Axt angelegt, es entstand durch
die Presse eine Bewegung gegen den deutschen Sprachunterricht in den
Schulen, aus dem richtigen Instinkt, daß mit dem Verschwinden der
deutschen Sprache der Lebensfaden des Verständnisses für das
verwandte Volk zerschnitten würde.
Nachdem der Verleumdungsfeldzug in England und den Vereinigten Staaten
seine Wirkung getan hatte, kamen auch alle übrigen Länder an
die Reihe, und zwar sehr natürlicher Weise mit dem
192
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
gleichen Erfolg, da
Deutschland weder zur Gegenwehr gerüstet war, noch über
Mittel und Wege zu einer solchen gebot. Nur wenige Völker — wie z.
B. die Argentinier und die Chinesen, die die Deutschen am Werke zu
sehen Gelegenheit gehabt hatten — ließen sich nicht
irreführen; sonst ist zur Stunde der gute Ruf des deutschen Volkes
auf der ganzen Welt vernichtet, und der kultivierteste, humanste Mensch
auf Erden gilt allgemein für einen „barbarischen Hunnen“.
Hier
sehen wir die Allgewalt der gedruckten Lüge!
Schon
vör 150 Jahren sah sich Herder veranlaßt, zu einem
„stillen Bund aller Guten untereinander“ gegen die „Giftmischer“ der
Presse und deren „unverschämten Despotismus“ aufzufordern. Mit
einem stillen Bund würde in der heutigen Welt wenig erreicht
werden; gegen das moderne Dogma von der Freiheit der Presse vermag
keine Menschenmacht aufzukommen, und Freiheit der Presse bedeutet
unbeschränkte Freiheit zu lügen.
So
wurde der Vernichtungswille gegen Deutschland bei einer großen
Anzahl Nationen geweckt und zur Glühhitze geschürt; den
Deutschen blieb ein einziges Mittel zur Rettung ihrer Ehre übrig: durch Manneszucht und
Mannestreue, durch unbedingte Aufopferung fürs Vaterland über
eine Welt in Waffen zu siegen. Und siehe da! Auf allen Fronten zugleich
angegriffen, siegten unsere Helden auf allen Fronten, und verwehrten
dem Feinde in vierjahrigem Kriege, auf irgend einer Stelle deutschen
Bodens Fuß zu fassen. Ein wahres Wunder! Ein umso
größeres, als im Gegensatz zu den Kriegen Wilhelms I., die
mit vollendeter militärischer Genialität und unterstützt
durch meisterliche Staatskunst geführt wurden, in diesem Falle
lange Zeit verstrich, ehe die geborenen Führer an die Spitze der
Heeresmacht berufen wurden, die Seemacht aber des vom Schicksal klar
bestimmten Gebieters überhaupt verwaist blieb und die politische
Leitung sowohl im Innern wie nach Außen hin von der ersten Stunde
an kläglich versagte. So handelt es sich denn nicht um den Sieg
eines genialen Einzelnen, sondern es handelt sich um einen Sieg der
gesamten deutschen Volkskraft. Wie ergreifend wirkt nicht die spontane
Erhebung bei Kriegsausbruch, die innerhalb weniger Tage zwei Millionen
freiwilliger Kämpfer für das Vaterland stellt — man
vergleiche, um die sittliche Bedeutung eines
193
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
derartigen Vorganges zu
würdigen, die erbärmlichen Lockkünste, gefolgt von
notgedrungenen Zwangsmaßnahmen der Feindesländer, um ein
Heer zusammenzubringen! Und diese vaterländische Begeisterung
besitzt feste Wurzeln. Man weiß nicht, was man mehr bewundern
soll, den grenzenlosen Opfermut der Truppen, die allerorten sich
bewährenden altdeutschen Kriegertugenden der Befähigung zum
Anführen und zum Gehorchen, den Reichtum an Erfindung, die
Anpassung an alle Lagen, das unvergleichliche Talent zur Organisation...
Das
Bewußtsein, daß der große Krieg ein sieghafter Kampf
war, daß die Deutschen wahre Wunder siegender Willenskraft
vollbracht haben: dieses Siegesbewußtsein tut uns heute sehr not;
es zu hegen, sind wir nicht nur unseren gefallenen Besten schuldig,
sondern dies bildet die einzige Tragsäule, fähig, einer
Hoffnung für die Zukunft als Stütze zu dienen. Wer
vermöchte ohne Hoffnung zu leben? würdig zu leben? Hoffen ist
Pflicht. Und wir dürfen hoffen angesichts unserer Leistungen im
großen Völkerringen. Das Fehlen dieses Bewußtseins bei
Vielen bedeutet ein Element der Schwächung; es ist, als habe der
furchtbare Zusammenbruch alles Vorangegangene ausgelöscht. Oder
wiederum die Leute verweilen bei Betrachtungen über das, was
hätte sein können, und ergehen sich in Jeremiaden über
die begangenen Fehler; freilich haben sie recht: hätten Hindenburg
und Ludendorff vom ersten Tag an dort gestanden, wo ihr Platz war, der
Frieden wäre, aller Voraussicht nach, schon vor Ende 1914 in Paris
diktiert worden, wobei ich Tirpitz als Reichskanzler voraussetze. Man
müßte sich aber sagen, daß die Leistungen umso
bewundernswerter sind, in je mißlicherer Lage das Heer sich
häufig befand; diese übermenschlichen Leistungen einem stets
um ein Vielfaches stärkeren Feinde gegenüber sind es, die die
Wage vor dem Kippen rettete. Der Weltkrieg, aus dem richtigen
Augenwinkel erschaut, bildet eine Schule der Zuversicht. Darum
wünschte ich zwei Bücher in das Haus jedes deutschen Mannes:
„Im Felde unbesiegt“ und „Auf See unbesiegt“. ¹) Diese
authentischen Berichte von Teilnehmern an den beschriebenen Ereignissen
und Taten wecken in ihrer Unmittelbarkeit eine lebhaftere
—————
¹) Erschienen im
vaterländischen Verlag
von J. F. L e h m a n n,
München 1920 und 1921.
194
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
Vorstellung als sonstige
geschichtliche Darstellungen von dem Mut, der Ausdauer, der Findigkeit,
dem kraftvollen, heiteren Geiste treuer Kameradschaft, vor allem dem
Geiste der fraglosen Aufopferung fürs Vaterland; sind es auch
Fragmente, so zaubern sie doch, wie Kunstwerke es tun, das Leben des
Lebens hervor, und man lernt daraus, sich vor jedem Kleinmut tief in
der Seele zu schämen.
Allerdings ruft dieses Bewußtsein von der siegenden Kraft, die im
deutschen Volke lebt, und die für das Vorhandensein so vieler
großer und beglückender Eigenschaften zeugt, nur umso
schmerzlicher das Bewußtsein von der erlittenen schmachvollen
Niederlage hervor und von dem unwürdigen Zustand, in dem wir uns
heute unter dem Spottnamen „Frieden“ hinschleppen. Denn haben wir uns
erst als unbesiegbar erkannt, so müssen wir bekennen, daß
der Sturz ganz und gar unser eigenes Werk ist, und daß unser Volk
ebenso reich an Anlagen zur Schwäche, zur Beschränktheit und
zur Charakterlosigkeit wie zu Heldenkraft und Opfermut sein muß.
In der Tat, während das Volk in Waffen draußen im Felde und
auf dem Wasser Wunder wirkte und sein Blut in Strömen vergoß
beging das Volk in der Heimat — von dem Reichskanzler und dem Reichstag
angefangen — jede nur denkbare Torheit, so daß man behaupten
darf: wenn Niederlage bezweckt gewesen wäre, hätte man nicht
anders handeln können. Wäre am Tage der Kriegserklärung
eine militärische Diktatur eingesetzt worden, ganz Deutschland
hätte erleichtert aufgeatmet; stattdessen ließ die Regierung
vom ersten Tage an die Zügel locker hängen, und der
entscheidende Einfluß ging infolgedessen auf die Gesellschaft
politischer Dilettanten, genannt Reichstag, über, in welcher die
beiden Parteien, die seit jeher den Sturz des Reiches erstrebten, sehr
bald das Heft an sich rissen, und weit entfernt, alles zu tun, um die
vaterländische Begeisterung im Volke wachzuhalten, alles taten,
was geeignet war, die Kampfesfreudigkeit herabzusetzen und den
Siegeswillen auszulöschen. In verhängnisvollster Weise
mischten sich diese Männer sogar in die Beschlüsse der
Heeresleitung ein — und zwar immer im Sinne der Abschwächung. Ein
Beispiel. Ich hatte die Ehre, im November 1915 den mehrstündigen
Besuch des Grafen Zeppelin zu empfangen, der mir sein Herz
ausschüttete über die Lahmlegung der von ihm in Voraussicht
der kommenden Dinge für das Vater-
195
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
land geschaffenen
Kriegswaffe: nicht nur war ihm verboten, den Feind an den
empfindlichsten Stellen anzugreifen, sondern es war ihm streng
verwehrt, von seinen eigentlichen wirkungsvollen Brand- und
Sprengbomben
Gebrauch zu machen! Diesen Hemmnissen allein ist das Versagen der
erwarteten Wirkung des Luftschiffes zuzuschreiben. Und das geschah aus
zarter Rücksichtnahme auf den Feind, namentlich zur Schonung der
englischen Vettern! Ähnlich erging es der anderen neuen Waffe, die
deutschem Ingenium und deutschem Opfermut ihr Dasein verdankte: dem
Unterseeboot. Heute
wissen wir aus dem
Geständnis, das einem englischen Staatsmann entschlüpfte,
daß die Erfolge dieser Waffe Großbritannien bereits im
Sommer 1917 zur Anknüpfung von Friedensverhandlungen
veranlaßt haben würden, wenn nicht die unselige
„Friedensresolution“ des Reichstags die innere Schwäche
Deutschlands allen Augen offenbart hatte. Und wir wissen auch,
daß im Herbst 1918 trotz den verhängnisvollen
Einschränkungen, die den Unterseebootkrieg hemmten und zahlreichen
Helden das Leben raubten, die mißleitete Heimat nur noch drei
Monate standhaft auszuharren gebraucht hätte, um uns einen minder
entwürdigenden Frieden zu erzwingen! Und dieser Tage erklärte
der Vertreter Englands bei der Washingtoner Marinekonferenz,
Admiral Lee, wörtlich: „Im letzten Kriege wäre die Sache
anders ausgegangen, wenn die deutschen U-Boote ihre Operationen eher
begonnen hätten; Deutschlands Feinde wären gezwungen gewesen,
einen demütigenden Frieden zu schließen, wenn der Erfolg des
deutschen U-Bootskrieges nicht im vornherein durch Verzögerung und
Einschränkung sabotiert worden wäre.“ Damit wird klipp und
klar gesagt, der Deutsche Reichstag habe Deutschland um den Sieg
gebracht! Cromwell behält recht: „Ratschläge und Handlungen,
welche die Schwäche eingibt, vernichten alle Erfolge. Gedenket,
wer's euch sagt!“
Zu
einer derartigen Katastrophe, wie der gänzliche Zusammenbruch des
Deutschen Reiches eine darstellt, wäre es allerdings niemals
gekommen ohne die Mitwirkung der Presse. Deutschland besitzt unter
allen Nationen allein eine antinationale Presse, und zwar sind dies die
verbreitetsten, einflußreichsten Zeitungen; seit jeher
verfolgen sie alles Echteste und Beste im Leben Deutschlands mit
Verleumdung und Spott und tun somit ihr Möglichstes, es in den
196
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
Augen des eigenen Volkes
sowie der Feinde herabzusetzen. Schon Bismarck mußte klagen:
„Das, was das Schwert uns Deutschen gewonnen hat, wird durch die Presse
wieder verdorben.“ Es heißt z. B. gewiß nicht
übertreiben, wenn man das Heer als die große mittlere
sittliche Organisation Deutschlands bezeichnet und gesteht, daß
die Deutschen einer solchen Organisation besonders bedürfen: unter
ihnen finden sich gar viele Träumer, die in die 'Wirklichkeit erst
eingeführt werden müssen, unter ihnen finden sich gar viele
schwankende, unselbständige Charaktere, die durch Erziehung zu
eiserner Pflichterfüllung und Verantwortlichkeit eine vollkommene
Umwandlung erfahren; das Heer war die hohe Schule der Manneszucht und
zugleich die hohe Schule treuer Kameradschaft. Es sei hier erinnert an
die schönen Worte aus Hindenburgs, zu den klassischen Werken der
Weltliteratur gehörendem Buche „Aus meinem Leben“: „Wer nicht aus
Vorurteil und Übelwollen unsere militärische Friedensarbeit
von vornherein verwarf, mußte in der Armee die trefflichste
Schule für Wille und Tat, ja geradezu für Freude an der Tat,
anerkennen. Wie viele Tausende von Menschen haben unter ihrem
Einfluß erst gelernt, was sie körperlich und seelisch zu
leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und die innere
Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben erhalten
blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des Volkes eine
durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle gleichmachenden
Schule unseres großen, vaterländischen Heeres?“ Und gerade
dieses durch und durch deutsche Gebilde, die Schöpfung edelster
deutscher Männer, war die beständige Zielscheibe für die
Schmähungen und die Verhöhnung der genannten Presse; sie
wurde nicht müde, an der Untergrabung des verdienten Ansehens des
Offizierstandes zu arbeiten, und sie ergriff jede Gelegenheit, um die
unedlen Elemente, wie jedes Volk solche enthält, aufzuhetzen. Sie
ist es — nicht die Feindespresse — welche die Lügenmäre von
dem „Militarismus“ in Deutschland aufbrachte, während sie zugleich
ununterbrochen gegen jede Maßregel aufhetzte, die zur
Stärkung und zum unerläßlichen Ausbau der Waffengewalt
zu Land und zu Wasser von den zuständigen Stellen verlangt wurde.
Und wie in diesem Falle, so auch auf dem ganzen weiten Gebiete des
staatlichen, gesellschaftlichen und geistigen Lebens! Tag für Tag
nagte diese Presse an
197
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
allem, was das
Gepräge echten Deutschtums trug, und im selben Atemzug pries sie
und hielt sie ihren Lesern als mustergültig vor alles Undeutsche
und förderte namentlich alles, was geeignet schien, die
echtblütigen Bestrebungen zu verfälschen und zu vergiften. So
nährte denn Deutschland schon seit langen Jahren den Feind am
eigenen Busen!
Was
wohl bemerkt werden muß: dieser innere Feind ist wesentlich
identisch mit dem vorhingenannten äußeren Presse-Feind, der
die Verschwörung gegen Deutschland anzettelte. Das hat der Feind
im Kriege auszunützen verstanden. Er hat bald eingesehen,
daß deutsche Heldenkraft unüberwindlich sei; Deutschland
mußte deswegen von Innen aus zerstört werden. Wer eine
Vorstellung bekommen will von dem Maß, in welchem die innere
Propaganda zur Verführung der Deutschen zur Untreue an ihrem
Deutschtum seitens Englands und Frankreichs systematisch getrieben
wurde, dem empfehle ich zur genauen Beachtung Hindenburgs großen
Aufruf vom 2. September 1918 und einen Aufsatz in der Zeitschrift
„Deutschlands Erneuerung“ vom Dezember 1921, betitelt: „Wie Deutschland
revolutioniert wurde“. Nicht allein überschüttete der Feind
die Front und die vorgeschobene Etappe mit Aufforderungen zur Untreue
voll lügenhafter Behauptungen und Versprechungen, sondern ein
Organisationsnetz überzog ganz Deutschland, um die Stimmung der
Kriegsverdrossenheit zu wecken und zur Revolution aufzuhetzen. Diese
Organisation wagte sich sogar bis zur Berührung mit Mitgliedern
des Reichstags heran. Der Feind erkannte die Achillesferse des von ihm
gefürchteten Deutschen Reiches: das Bestehen zweier
r e i c h s f e i n d l i c h e n Parteien; auch wußte er
genau, daß mit
Einführung der demokratischen Regierungsform dieses Reich zugrunde
gerichtet würde. Schon Herder vergleicht die französische
Revolution „einem Schiffbruch, auf den die Deutschen vom sicheren Ufer
herabsehen, falls ihr böser Genius sie nicht selbst wider Willen
ins Meer stürzt“. Und nun kam der böse Genius, und wir
ertrinken in den Fluten des Elendes und der Schande!
So
viel nur, kurz zusammengedrängt, über die Umstände, die
zum Sturze des Deutschen Reiches von der stolzen Stelle, die es im Rate
der Völker einnahm, führten. Diese Umstände jedoch, so
zwingend sie auch wirkten, dürfen uns nicht blind machen für
die
198
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
eine große, zu
grunde liegende Tatsache: u n s e r e e r b
ä r m l i c h e S c h w ä c h e. Warum
dulden wir seit so lange jene giftschwangere Presse, dergleichen kein
anderes Volk duldet? Der deutsche Philister hat 50 Jahre lang dazu
vergnüglich geschmunzelt, wenn ihm früh zum Kaffee sein
unnachahmlich prächtiges Heer schlecht gemacht, wenn seine
Fürstentreue ins Lächerliche gezogen und seine Religion
unflätig behandelt wurde. Das war eine Sünde. Die Juden
müssen in Frankreich und in England in übertriebenem
Patriotismus „machen“, sonst würden sie vor die Türe gesetzt
werden. Einzig in Deutschland war es möglich, die Liebe zum
Vaterland und den berechtigten vaterländischen Ehrgeiz zu
verhöhnen und zu verfolgen. Jeder Engländer ist ein
All-Engländer; wie schwer hat man der kleinen wackeren Schar der
Alldeutschen das Leben gemacht! „Nirgendwo in der Welt wird soviel wie
in Deutschland von Narren deklamiert über Chauvinismus, und
nirgends gibt es so wenig Chauvinismus wie bei uns. Die
natürlichsten Forderungen, die ein Volk haben kann, scheut man
sich auszusprechen“, sagt mit Recht Heinrich von Treitschke. Und wie
ist es nur möglich, daß die deutschen Arbeiter, die bei
Kriegsausbruch so prächtig bewußt deutsch sich benahmen,
sich bald nachher von ihren jüdischen Führern und
Verführern einfangen ließen und zu jeder Torheit das Gewicht
ihrer Zahl liehen? Bei dem einzigen wirklich gebildeten Volk der Erde
sollte der Gedanke an eine Demokratie überhaupt unmöglich
sein. Schon vor 2400 Jahren urteilte der gescheiteste Mensch, der
vielleicht jemals das Licht der Welt erblickte — Plato — über die
Demokratie, sie zeichne sich unter allen Regierungsformen aus durch
„ihre Unersättlichkeit im Reichtum und Vernachlässigung alles
übrigen um des Geldmachens willen“. Alle spätere Erfahrung
hat dieses Urteil bestätigt: Demokratie ist stets und überall
ein Wort gewesen und ist es noch heute, hinter welchem die Herrschaft
des Geldsackes sich verbirgt; je demokratischer eine Regierung, um so
mehr Einschränkungen muß sich die persönliche Freiheit
gefallen lassen. Das alles sind Sünden des deutschen Volkes, die
es jetzt abbüßt. Und die Hauptsünde habe ich noch gar
nicht genannt: schreit
es nicht zum
Himmel, wenn es im bestgeordneten, dem Einzelnen die größte
Freiheit sichernden Staate der Welt — und das war das Deutsche
Kaiserreich — Millionen von Seelen gab, die,
199
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
anstatt an dessen
Weiterbau und Aufstieg zur Weltmacht freudig mitzuarbeiten, in den
Obersten Rat der Nation Vertreter wählten, die grundsätzliche
Verneiner dieses Reiches waren, Männer, die seine Vernichtung
erstrebten? Man darf sich fragen, ob ein solches Volk es verdient, noch
unter den Völkern mitgezählt zu werden — und man wird die
Frage verneinen müssen, es sei denn, daß der tüchtige
Teil sich ermannt, den überwiegenden Einfluß zu gewinnen
versteht und die untüchtigen Elemente ein für allemal matt
setzt.
Wesentlich ist und bleibt, daß wir unsere Schwache und unsere
Schwächen erkennen und bereuen und überwinden.
Zu dem
vorhingenannten Bewußtsein unserer siegenden Kraft muß als
unentbehrliche Ergänzung das ebenso lebendige Bewußtsein
unserer schmählichen Schwäche treten. Aus dem
Ineinandergreifen der beiden Erkenntnisse erwächst erst die
Berechtigung einer Hoffnung für Deutschlands Zukunft. Das
bloße übermütige Vertrauen auf die unvergleichlichen
Gaben wird immer von neuem zuschanden werden vor den üppig
wuchernden Mächten des Verfalles; außerdem bin ich heute
ebenso überzeugt, als ich es vor 45 Jahren war (siehe „Lebenswege“
S. 59), daß für Deutschland keine Zukunft zu erwarten
steht,
es sei denn auf einer Grundlage erhöhter Sittlichkeit: der
bloße Materialismus, ergänzt durch eine Religion der
Eigensucht, der dem Engländer so bewundernswerte Energie verleiht,
ist
nicht geeignet den Deutschen höhere Tatkraft
einzuflößen, ebensowenig die Eitelkeit und die Profitgier
der Franzosen; wir haben ja den Deutschen schon am Werke gesehen in
Tsingtau und in seinen afrikanischen Kolonien: Es gestaltete dort eine
ganz andere Menschenart. Darum muß dieses Bewußtsein von
unseren alles Heil ausschließenden Schwächen so
drängend und quälend uns gegenwärtig sein, daß wir
nicht anders können, als mit aller Kraft auf Umkehr hinzuarbeiten.
Es kommt ja nur auf unseren Willen an; allerdings leidet der Deutsche
vielfach an mangelnder Tatlkraft, — sobald, heißt das, der
Heldensinn nicht in ihm geweckt wurde. Vor einem Jahrhundert klagte
Freiherr vom Stein in einem Brief an Gneisenau: „Hätte die Nation
nur die geringste Energie, so wären wir nie so tief gesunken.“ Der
Weckruf an den Heldensinn soll eben jenes Bewußtsein von der
tausendfach bewährten Heldenkraft, und damit im Zusammenhang von
der hohen
200
GRUNDLAGEN DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
Bestimmung Deutschlands,
ständig wachhalten. Fehlt dieser Antrieb, so kommen wir nie aus
dem Sumpf heraus: keine Stimmung ist für den Deutschen
gefährlicher als die des mangelnden Selbstvertrauens; die
Verzweiflung, die heute so viele der Edelsten erfaßt hat,
lähmt sie vollständig. Darum kann es keine
unglücklichere Losung geben als die, welche der innere Feind
gerade in diesem Augenblick, wo wir alle Kraft des Glaubens
benötigen, in Umlauf gesetzt hat, die Parole von dem „Untergang
des Abendlandes“. Mit dem Worte „Abendland“ soll der
Rassengedanke untergraben, und mit dem Worte „Untergang“ alles Hoffen
abgeschnitten werden. Dem gegenüber gilt es, die von der
Wissenschaft inzwischen als unfraglich wahr erwiesene Tatsache der
Rasse allen unseren Volksgenossen noch weit lebendiger und plastischer
vor das Bewußtsein zu bringen und zu einer Triebkraft ihres
Handelns zu machen, zugleich die Überzeugung in ihnen zu wecken,
daß Deutschland, — wenn es nur will, w e n
n e s z u w o l l e n v
e r s t e h t —
weit entfernt, dem Untergang geweiht zu
sein, erst am Morgen seines großen Tages steht, verpflichtet zu
morgendlichen Entschlüssen und Taten.
Das
walte Gott!
(Januar 1922.)
—————
201
AUFSATZFOLGE
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Seite |
| Deutsche Weltanschauung |
7
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| Kultur und Politik |
35
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| „Katholische“
Universitäten |
41
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| Die Rassenfrage |
66
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| Die Preußische Rasse |
81
|
| Ein Brief über Heinrich
Heine |
87
|
| Hermann Levi |
92
|
| Über Dilettantismus |
98
|
| Die Natur als Lehrmeisterin |
102
|
| Goethe, Linné und die
exakte Wissenschaft
der Natur |
112
|
| Richard Wagners
Regenerationslehre |
126
|
| Richard
Wagner und die Politik |
144
|
| Die
Bedeutung des Todes bei Richard
Wagner |
171
|
Die
Bayreuther Festspielgedanken
|
185
|
| Vorwort zur vierzehnten
Auflage der Grundlagen des XIX. Jahrhunderts |
189
|
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Letzte Änderung
am: 10. Januar 2011