Here under follows the transcription of Houston Stewart Chamberlain's Rasse und Persönlichkeit, 1st (unabridged) edition, published by F. Bruckmann, 1925. In later editions 3 essays were omitted: Richard Wagner und die Politik — Die Bedeutung des Todes bei Richard Wagner — Der Bayreuther Festspielgedanke.

Rasse und Persönlichkeit — H. S. Chamberlain


Zurück zur Hauptseite / Back to main page


AUFSATZFOLGE Seite


Deutsche Weltanschauung 7
Kultur und Politik 35
„Katholische“ Universitäten 41
Die Rassenfrage 66
Die Preußische Rasse 81
Ein Brief über Heinrich Heine 87
Hermann Levi 92
Über Dilettantismus 98
Die Natur als Lehrmeisterin 102
Goethe, Linné und die exakte Wissenschaft der Natur 112
Richard Wagners Regenerationslehre 126
Richard Wagner und die Politik 144
Die Bedeutung des Todes bei Richard Wagner 171
Der Bayreuther Festspielgedanke
185
Vorwort zur vierzehnten Auflage der Grundlagen des XIX. Jahrhunderts 189


1



RASSE UND
PERSÖNLICHKEIT

AUFSÄTZE VON

Houston Stewart Chamberlain







F. BRUCKMANN A.-G. / MÜNCHEN / 1925

2

(Leere Seite)

3


ADOLF VON GROSS
Dem Helfer in jeder Not zu seinem 80. Geburtstage
bescheidentlich dargeboten in dankerfüllter
Liebe und Ehrerbietung

HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Bayreuth zum 25. März 1925

4

(Leere Seite)

5


VORWORT

    Dieser Band ist als eine Art von Fortsetzung zu dem Band   D e u t s c h e s   W e s e n,   den ich vor zehn Jahren herausgab, zu betrachten. Damals suchte ich aus meinen Aufsätzen dasjenige aus, was besonders bezeichnend war für die deutsche Wesensart; heute sind die Grenzpfähle weiter gesteckt; zwar behandelt der umfangreichste Aufsatz die deutsche Weltanschauung, und wir steigen in Tiefen des deutschen Gemütes hinab bei jeder Richard Wagner gewidmeten Betrachtung. Dies bildet die Verknüpfung mit dem vorigen Bande; doch liegt der Nachdruck mehr auf allgemeinen Weltanschauungsfragen. Einige Aufsätze betreffen Persönlichkeiten.

    HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Bayreuth, 14. September 1925.

6

(Leere Seite)

7


DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG


Es muß in den Gemütern der Menschen etwas vorhanden
sein, was der Aufnahme der Wahrheit, auch wenn sie
noch so hell leuchtete, und der Annahme derselben, auch
wenn sie noch so lebendig überzeugte, im Wege steht.
Ein alter Weiser hat es empfunden, und es liegt in dem
vielbedeutenden Ausdruck versteckt: » sapere audes «. Er-
kühne dich, weise zu sein! Energie des Muts gehört dazu,
die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die Träg-
heit der Natur als die Feigheit des Herzens der Belehrung
entgegensetzen.    (S c h i l l e r)



Die zwei Worte „deutsche Weltanschauung“ deuten auf einen schier unerschöpflichen Gegenstand: wie gestaltet das Volk der Denker und der Dichter (wie die Nachbarn es zu benennen belieben), das Volk der Helden und der Erfinder (wie die Geschichte es nennen würde), das Volk der Freien, der Wahrhaftigen und der Züchtigen (wie es sich selber vor alters zu nennen pflegte) — wie gestaltet es sich seine Welt? Seine große und seine kleine, seine sichtbare und seine unsichtbare, seine zeitliche und seine ewige? Diese Frage in dem Rahmen eines Aufsatzes zu beantworten, ist unmöglich. Hier soll nur in einer Reihe kurzer Gedankenfolgen die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden: daß es eine besondere deutsche Weltanschauung gibt, und daß es wichtig für den Deutschen ist, sich mit ihr vertraut zu machen, auf daß er beständig zu prüfen in der Lage sei, ob er sich auf dem rechten Wege befinde oder von ihm abirre.

—————

    Weltanschauung hat jeder deutsche Bauer: denn mag seine Welt noch so begrenzt sein, er ist genötigt und geübt, sie mit nie nachlassender Spannkraft zu betrachten und zu befragen; irrt sein Urteil, so hat er nichts zu beißen. Weil er ihr angehört, so gehört sie ihm an. Die Begrenztheit seiner Erkenntnisse wird reichlich aufgewogen durch ihre unmittelbare Bedeutung. Und unser deutscher Bauer erschaut

8 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

nicht bloß das Sichtbare mit sehr klugen, vielsehenden Augen, sondern eine reiche Welt des Unsichtbaren umgibt ihn auf Schritt und Tritt: was er glaubt, was er fürchtet, was er hofft, was sein Handeln bestimmt, ist aus nüchternem Sinne und reger Einbildungskraft, aus Wissen und Wähnen, aus geprüfter Erfahrung und uraltem, seiner ursprünglichen Bedeutung verlustig gegangenem Aberglauben zusammengesetzt, — wobei wir ja nicht versäumen wollen, die Weltanschauung des Bauern durch die Anführung des Wortes Goethes zu ehren: „Der Aberglaube ist ein Erbteil energischer, großtätiger, fortschreitender Naturen; der Unglaube das Eigentum schwacher, kleingesinnter, zurückschreitender, auf sich selbst beschränkter Menschen.“ Nach dem übereinstimmenden Berichte aller Kenner und nach dem Zeugnis seiner Märchen und Sagen ist der deutsche Bauer noch heute zu dem rein begrifflichen Eingottglauben der christlichen Bekenntnisse innerlich nicht gewonnen: vielmehr stehen ihm Himmel und Erde noch voll lebendiger Kräfte mannigfaltigster Eigenart. Nichts Bezeichnenderes für echte deutsche Bauernweltanschauung —- und zwar für sie allein auf der ganzen Welt — wüßte ich als die Art, wie diese den grimmigen, scheußlichen orientalischen Teufel umgewandelt hat zu der humoristischen Gestalt mit Großmutter und Tochter, die einmal übers andere hereinfällt und — lange, ehe Goethe es sagte — erkannt wurde als „die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Darum — wegen des Reichtums dieser angeblichen Dürftigkeit, wegen der Vielgestaltigkeit des anscheinend einförmigen inneren Lebens — bleibt dieser Volkskreis nicht allein körperlich am zeugungsfähigsten, sondern auch der Nährboden, auf den letzten Endes alle Großtaten des deutschen Geistes zurückgehen. Wie arm erscheint hiergegen der großstädtische Fabrikarbeiter! Nicht weniger arm an Weltanschauung als an Kindern! Das muß anders werden — und kann es nur durch sorgsame Rückleitung der halbverdorrten Wurzeln in echten deutschen Volksboden.

—————

    Daß ein Mensch sich bewußt sei, eine Weltanschauung zu besitzen, wird nur in den verhältnismäßig seltenen Fällen höherer Bildung und geübterer Selbstbesinnung zutreffen; dies macht aber weder für den Reichtum noch namentlich für die Lebhaftigkeit und damit auch

9 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

für den Lebenswert einer Weltanschauung den Prüfstein aus. Darum täten wir nicht gut daran, wollten wir — um die deutsche Weltanschauung kennen zu lernen — uns in erster Reihe an die Berufsdenker wenden. Denn diese pflegen einen gewaltigen Ballast an fremder Weisheit durchs Leben zu schleppen, und wer den Kopf voll anderer Leute Gedanken hat, muß ein kräftiger Mann sein, soll er sich die Eigenart unverwirrt erhalten; außerdem macht Gelehrsamkeit überhaupt leicht blind: nur über das Lichtlose wirft die Nacht ihre Schatten und öffnet dafür den Blick in unermeßliche Fernen; wogegen der Tag zwar das Nahe aufhellt, dafür aber alle Sonnen am Himmelsgewölbe auslöscht. Ich verehre in ganz besonderer Dankbarkeit das edle Heer der deutschen „Philosophen“, glaube aber doch, daß Grimms Märchen noch reicher an vielseitigen, lichtstarken, eindruckstiefen Belegen zur deutschen Weltanschauung sind, als die Fachschriften sämtlicher deutscher Philosophen zusammengenommen. Nicht weniger Stoff zu diesbezüglicher Belehrung bietet jede deutsche Chronik, jedes gute deutsche Geschichtswerk, jede getreue Schilderung des Wesens und Webens bestimmter oder verschiedener deutscher Gaue und Volkskreise — wie wir sie z. B. in den unvergänglichen Blättern Justus Mösers besitzen.
    Je weiter wir nun von hier aus unser Wissen über deutsches Wesen auszudehnen in der Lage sind, um so bestimmter werden sich die Umrisse des Begriffes „deutsche Weltanschauung“ in unserem Bewußtsein vom dunklen Hintergrund der vielen verschwommenen, verworrenen Begriffe abheben, und eine um so größere Fülle an Einzelzügen wird das Innere des also klar umrissenen Bildes aufweisen. Jede Art Volksdichtung und alle Dichtung, die ihr unmittelbar entspringt — nennen wir als Beispiel Hans Sachs — bildet einen unerschöpflichen Born nie irreführender Belehrung; auch jegliche andere Dichtung aus echt deutscher Quelle — so z. B. Freytags „Bilder“ — ist reich an Beachtenswertem, nur daß unsere sog. Bildung allerhand fremde Bestandteile in Denken und Fühlen einzupflanzen pflegt, bis diese entweder wirklich die eigene Art vielfach verfälschen oder aber eine gewisse Gewohnheit der Ziererei erzeugen, ein undeutsches Getue; unter diesem Übel hat gerade das deutsche Schrifttum lange Zeit hindurch gelitten. Erlöst aus solchen Bedenklichkeiten sind wir, sobald wir bei den ganz großen,

10 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

den gottbegnadeten Gestaltern anlangen: hier steht wieder Volkskraft vor uns, doch zusammengedrängt in einen Punkt und darum von sonst nie zu erreichendem Gestaltungsvermögen und ungeheurer Wirkungsgewalt, dazu begünstigt durch Stunde und Stern, auserkoren, Millionen zum Worte zu verhelfen. Diese Männer .... ja, wie soll ich sie nennen? Mit dem Wort „Genie“ wird das deutsche Volk nie was Rechtes anzufangen wissen; aus dem auf Stelzen einhergehenden Schrifttum Englands und Frankreichs im 18. Jahrhundert eingeführt, von trunkenen Köpfen der Revolutionszeit in Deutschland aufgegriffen und überspannt, ist das Wort selbst von einem Schopenhauer vor verballhornendem Mißbrauch nicht bewahrt worden. Doch, was soll uns ein Wort? Die Namen kennen wir ja. Wer — um nur einige zu nennen — mit Dürer und Holbein, wer mit Bach und Beethoven, mit Goethe, Schiller und Richard Wagner in Ehrfurcht und Liebe vertraut ist, wird deutsche Weltanschauung stets auf den ersten Blick von jeder anderen zu unterscheiden wissen.
    Jedoch, es öffnen sich zu unserer Belehrung noch weitere unerschöpfliche Quellen, sobald wir ein anderes Wort zu Hilfe rufen, das sich zwar ebenfalls aus lateinischem Ursprung herleitet, von den Deutschen vergangener Jahrhunderte aber — als Zeugnis ihrer „Weltanschauung“ — mit einem Gehalt angefüllt wurde, den kein anderes Volk kennt, und an den die nüchternen Römer mit ihrem „dictare: vorsagen, nachschreiben“ nie gedacht hatten: ich meine das Wort „dichten, Dichter“. Hier bekommen wir einen Faden in die Hand, der uns durch weite Gebiete deutscher Weltanschauung sicher führt. Nehmen wir unsern lieben Hausschatz zur Hand: Grimms Wörterbuch! Bei der Welterschaffung „dichtet der ewige Vater“; Luther sagt von einem Denker, „er dichte Weisheit“, von seinen eigenen Schriften berichtet er, er „dichte sie“; die Wendung „Recht dichten“, „Gesetze dichten“ war eine geläufige; man „dichtet den Staat“; ein schönes Gefäß wird vom Töpfer „gedichtet“; „Mut und Kraft dichten der Welt“ (d. h. Mut und Kraft gestalten die Welt, erschaffen sie sich, wie sie sie haben wollen). Wie man sieht: jede schöpferische Betätigung, d. h. jede Betätigung, bei der etwas gestaltet wird, was vorher nicht war, heißt für den noch unbefangenen Deutschen „Dichten“; entscheidend ist das Schöpferische. Entschließen wir uns nun, das Wort Dichter in diesem seinem alten, klaren und inhalt-

11 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

reichen Sinne zu nehmen, so umfaßt es — außer den großen Dichtern in Worten und Tönen, in Holz, Stein, Erz und Farbe — auch Otto und Friedrich, die Großen, auch Luther und Bismarck, auch Scharnhorst, Moltke und Hindenburg, auch Guttenberg, Gauß und Zeppelin, auch Herder, Lagarde und Treitschke, auch Leibniz, Kant und Schopenhauer, auch Stahl, Humboldt, Baer, Bunsen, Helmholz, Uexküll, auch Friedrich List, Savigny und Dahlmann, auch Eckehart, Böhme und Schleiermacher.... Diese alle — und die Namen habe ich in wilder Reihe, nur als Beispiele, wie sie mir einfielen, hingeworfen — „dichten“ im echten alten deutschen Sinne des Wortes; und wie uns uralte Sprachweisheit gleich belehren wird: dichten und schauen, Welterdichten und Welterschauen sind nahe verwandt; bei ihnen allen können wir uns also Belehrung über deutsche Weltanschauung holen. Den stolz schallenden Beinamen Hekatompylos, die hunderttorige, den die Griechen der altägyptischen Stadt Theben beilegten, verdient auch der Begriffskreis „deutsche Weltanschauung“: wer den Willen und die Befähigung besitzt, wird von allen Seiten Eingangstore finden. Man sagt, deutsches Wesen sei schwer in Worte zu fassen; das mag sein; was aber daraus entspringt — die deutsche Weltanschauung — ist überall in ihrer Eigenart leicht aufzuweisen.

—————

    Da nun das Wort „Weltanschauung“ ein rein deutsches Wort ist — ein Wort, welches der „Haupt- und Heldensprache“ (wie Leibniz sie nennt) und ihr allein angehört, und dem weder die alten noch die neuen Kultursprachen entsprechendes gegenüberstellen können, wird es unser Verständnis für deutsche Weltanschauung gewiß fördern, wenn wir uns über den genauen Sinn des Wortes verständigen.
    Sobald wir deutsches Deutsch reden — und das heißt, auch denken —. wird unser Besinnen wie ein Boot auf den Wellen eines breiten Stromes sicher getragen und — selbst wo es Umwege kostet — ohne Möglichkeit der Verirrung dem Ziele — dem abgrundtiefen Meere unerschöpflicher Gedanken — zugeführt. Aus dem vorigen Absatz ist schon zu entnehmen, daß der deutsche Begriffskreis „Weltanschauung“ sich keineswegs mit dem griechischen „Philosophie“ deckt. Von „deutscher“ Philosophie kann man natürlich reden, kann auch Belangvolles darüber zutage fördern; immerhin, wenn man

12 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

Leibniz aus Descartes und Spinoza, Kant aus Plato, Hume und Rousseau, Schelling aus Plotin und Giordano Bruno hervorwachsen sieht, merkt man, daß die Wurzelverästelung ins Nichtdeutsche hinein auf keinen Fall unbeachtet bleiben darf, und auch hier wird man dann entdecken, daß das bezeichnend Deutsche in der deutschen Philosophie nur aufgezeigt werden kann, wenn man den weiteren Begriff einer deutschen „Weltanschauung“ schon besitzt und zu Hilfe ruft. Die Bücher der deutschen Philosophen kann ich allerdings auf den Tisch legen, wogegen die deutsche Weltanschauung sich nur dem Verstand und dem Herzen aufweisen läßt, — und zwar nur einem Verstand und einem Herzen, die von Haus aus verwandt genug sind, um den Augenwinkel und den „Herzenswinkel“ erfassen zu können, die hier maßgebend wirken, und auch gedanklich und gemütlich genügend ausgebildet, um Seelenregungen überhaupt wahrzunehmen und mit einiger Schärfe zu unterscheiden; nichtsdestoweniger ist es weit eher möglich — und für jedermann lehrreicher und fördernder — über deutsche Weltanschauung als über deutsche Philosophie klare Vorstellungen zu besitzen; es läßt sich darüber ungleich mehr Sicheres sagen und wissen, und es liegt auch mehr daran, daß es gesagt und gewußt werde.
    „Welt“ — so belehrt uns Kluge in seinem maßgebenden Werke über die Abstammungsgeschichte der deutschen Wörter — „ist ein spezifisch germanisches Wort“; darum ist es uns Germanen in seiner anregenden Vieldeutigkeit angemessen. Dieses Wort Welt ist selbst eine „Welt“. Zunächst bezeichnete es einen Mann, dann einen Menschen, dann ein Menschengeschlecht; hieraus entstanden verschiedene Reihen, wie Menschenalter, Zeitalter, wie Menschenmenge, Menschheit, menschliches Tun und Lassen, menschliches (im Gegensatz zu göttlichem) Treiben usw., und erst aus allen diesen schillernden Bedeutungen ergab sich die neue wichtige Reihe: Welt, soviel als „Wohnplatz von Menschen“, Teile des Erdgestirnes, das ganze Gestirn, der ganze Himmel, alles, was ist (vgl. namentlich Hermann Pauls Deutsches Wörterbuch). „Welt“ ist also je nach dem bestimmten Fall groß oder klein, weit oder eng zu fassen; das eine ist ebenso richtig wie das andere — und auch ebenso wichtig. Zum Wort „Anschauung“ ist namentlich zu bemerken, daß „Schauen“ nach seiner Geschichte auf „Besinnung“ weist und nahverwandt dem

13 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

Sanskrit für „Dichter“ und dem Gotischen für „Gestalt“ ist — woraus das allem Nachdenken abgeneigte heutige Geschlecht erfahren kann, daß schon die unwillkürliche Weisheit seiner urwüchsigen Altvordern lehrte, kein Anschauen sei uns Menschen möglich ohne eigene Zutat, d. h. ohne Dichten und Gestalten. Schon aus der Betrachtung dieses einen Wortes „schauen“ lernen wir also, daß die verschiedensten Gruppen des arischen Stammes von Haus aus Idealisten waren, nicht Materialisten: sie glaubten nicht an fertige „Dinge“, die, so wie sie sind, in den Menschen hineindringen und sich da abspiegeln, vielmehr begriffen sie — Jahrtausende ehe die Kenntnis des Baues und der Verrichtungen der Sinneswerkzeuge es wissenschaftlich bewiesen und die Besinnung der großen deutschen Denker es gedeutet hatte —‚ daß sämtliche vermeintliche Wahrnehmungen zum guten Teil vom Menschen erdichtet und gestaltet sind, daß seine „Welt“ also überall menschliche Bestandteile enthalten muß, — was einerseits zu großer Vorsicht bei jeder Urteilfällung mahnt, anderseits anspornen muß, aus freien Stücken schöpferisch aufzutreten, der Menschensehnsucht ein Ziel zu erdichten und übereinstimmend hiermit das Weltbild zu gestalten. ¹)
    Dieses reichhaltige Doppelwort Weltanschauung bitte ich nun so zu verstehen, daß es nicht Weltweisheit, noch weniger Schulweisheit heißen soll, wenngleich natürlich auch die Welt- und Schulweisheit der Deutschen zu der ihnen angeborenen Weltanschauung Beziehungen aufweisen müssen. Weltanschauung ist ein Begriff, dem nicht hier oder dort ein sinnfällig vorhandener Gegenstand Stück für Stück entspricht, sondern der tausenderlei umfaßt und dazu
—————
    ¹) Platos Wort „Idee“ wird am besten durch „Gedankengestalt“ verdeutscht. Der Idealist lehrt, der Mensch sei ein unwillkürlicher Schöpfer und die Gestaltung — zunächst der durch die Sinne gelieferten Empfindungen, sodann aller seiner Begriffe, kurz seiner ganzen Gedankenwelt — mache das geistige Wesen des Menschen aus, dem daher Zwiespältigkeit anhaftet, indem er sich einer ersten Welt angehörig erkennt, die er unfähig ist, zu ergründen, und zugleich einer zweiten Welt, für welche ihm die sinnliche Vorstellbarkeit fehlt; der Materialist dagegen hält den Menschen für eine eindeutige Maschine, die den Betriebsstoff von außen fertig geliefert erhält und daraufhin die vorgesehenen Bewegungen ausführt — das Bewußtsein ist ein zielloses Spiegelbild, die Freiheit ein Hirngespinst. Der Materialismus ist gewaltsam, einfach und flach, der Idealismus zart, tiefsinnig, unausdenkbar wie die Natur.

14 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

dient, eine Wirklichkeit beachten und betrachten zu lehren und sie befruchtend ins Bewußtsein zu pflanzen als ein zeugender und richtunggebender Bestandteil der Lebenskräfte, was alles ohne diese gedankliche Bemühung nicht hätte gelingen können. Plato schreibt: „Von den Göttern ein Geschenk an das Geschlecht der Menschen: so schätze ich die Gabe, im Vielen das Eine zu erblicken! Einen neuen Prometheus sandten hiermit die Unsterblichen zu uns herab, und jetzt erst zündeten sie uns ein helloderndes Licht.“   W e l t a n s c h a u u n g   zeigt sich in allem Tun und Leiden, in allem Hoffen und Dulden, in allem Erstreben und Unterlassen, sie offenbart sich in der Arbeit und in der Muße, im Dichten und im Denken, im Ernst und im Scherz, in Kunst, Religion, Staatsbildung, Verwaltung, Schule, Unterhaltungen, Spielen; wir sehen sie am Werk in Krieg, Sieg und Niederlage, in der Stunde des Aufruhrs, im Jubel, in Prüfungen, in den Jahren des Aufstiegs unter dem belebenden Hauche großer Persönlichkeiten und in den Jahren der Entmutigung, wenn die engköpfigen Gewohnheitsmenschen und die engherzigen Eigensüchtler sich des öffentlichen Dinges bemächtigt haben. Das Prometheische, das Plato von uns — auf allen Gebieten — fordert und für dessen Möglichkeit er die Götter preist, besteht gerade darin, in dem Vielen auf das einigende Eine aufmerksam zu werden, bis es „erblickt“ wird, und d. h. angeeignet.

—————

    Hier erwartet mich ein Einwurf, der sich für gewichtig hält, es aber nicht ist. Mancher wird sagen: von Weltanschauung kann man in diesem Sinne wohl reden, nicht aber von   d e u t s c h e r   Weltanschauung, höchstens von europäischer, besser noch von der Weltanschauung gesitteter Erdbewohner überhaupt. Es ist nicht meine Absicht, diesen Einwurf hier zu widerlegen: es würde zu weit führen und doch fruchtlos bleiben. Denn hier scheiden sich die Welten. Wissenschaft und Geschichte zeigen auf allen Gebieten die Entstehung und Entwicklung des Eigenartigen als ein Hauptgesetz der Natur: die Reihenfolge — wo sie sich aufwärts bewegt — geht nicht von Unterschiedenem zu Ununterschiedenem, sondern umgekehrt. Nur der Tod vernichtet — wie bei einzelnen Wesen so auch bei zusammengesetzten Wesen — das Unterscheidende und löst es in einen Urbrei auf. Wer die scharf ausgeprägten völkischen Eigen-

15 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

arten der verschiedenen Bestandteile Europas wirklich nicht erblickt, ist blind geboren. Meistens jedoch handelt es sich um absichtliche Irreführung; sie wird von wesensfremden Bestandteilen des deutschen Volkes mit Geschick, Ausdauer und ohne vor irgendwelcher Fälschung zurückzuscheuen betrieben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil diese von außen in den deutschen Volkskörper eingedrungenen Bestandteile selber so hartgesottene Eigenart besitzen, daß eine Verwandlung in die deutsche für die übergroße Mehrzahl auf alle Zeiten ausgeschlossen ist; darum wird von ihnen die deutsche Art aus der Welt glattweg fortgeleugnet und wird auf allen Gebieten — Politik, Religion, Kunst, Schrifttum usw. — ein derartig babylonischer Wirrwarr angerichtet, daß dem schlichten Deutschen die ganze Welt vor den Augen herumwirbelt, und er schließlich nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Hier tut „Erneuerung“ not; sie wird durch Besinnung auf sich selbst bewirkt.

—————

    Wer einmal eine zusammenhängende Darstellung der deutschen Weltanschauung unternehmen wird, kann sein Ziel nur erreichen, wenn er zwei Erwägungen nicht außer acht läßt. Einzig Anschauungen, die auf den verschiedensten Stufen wiederkehren — Zeitstufen, Raumstufen, Bildungs- und Lebensstufen — dürfen allgemein „deutsche“ Anschauungen heißen, denn nur von ihnen, da sie widersprechenden Interessenkreisen gemeinsam sind, kann man schließen, daß sie eingeborenen gemeinsamen Wesenszügen entspringen. Zu dem allgemeinen Befund genügt diese eine Vorsicht. Die zur Körperlichkeit unentbehrlichen Schlagschatten wird aber das Bild erst erhalten, wenn durch feine Zergliederung das Unterscheidende an den Anschauungen der Deutschen aufgezeigt wird, namentlich nahe verwandten Anschauungen gegenüber.

    Ein gutes Beispiel würde der Freiheitsbegriff dem künftigen Darsteller bieten.
    Von jeher galten die Germanen als die eigentlichen Vertreter der   F r e i h e i t   unter den Menschen. Tacitus macht nicht viele Worte darüber, erreicht aber um so größeren Eindruck mit der knappen Schilderung, aus der hervorgeht, daß jeder wehrbare Mann sowohl an der Beratung der Staatsangelegenheiten wie an den wichtigen Gerichtssprüchen beteiligt war, jeder außerdem an der Wahl des

16 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

Königs und der Heerführer. Nun aber zerstreuen sich die Germanen, von denen er erzählt, und tragen mit ihrem Blut auch ihre ursprüngliche Art in allerhand Mischungen und Verhältnisse hinein, aus denen die heutigen Völker Europas — ein jedes mit bestimmtem Gepräge — hervorgehen; zugleich strömt nach dem deutschen Stammland von Ost und West manches Fremde hinzu. Da ist es denn höchst bemerkenswert, wenn mehr als anderthalb Jahrtausende nach dem Römer ein nüchterner Stockengländer freiheitlichster Richtung, der allerdings über ein ungeheures, tiefbegründetes Wissen verfügt — John Stuart Mill — um die Mitte unseres 19. Jahrhunderts urteilt:. „Nur in Deutschland versteht man, was Freiheit des Geistes ist.“ ¹) Ich bitte wohl zu beachten: „nur in Deutschland“! Das war ein redlicher Weiser! Er bestätigt, was die besten Deutschen alle gewußt und gesagt haben, was aber heutzutage gar mancher unter uns, durch politische Leidenschaft verführt, irregeführt und geistig farbenblind geworden, nicht weiß, nicht versteht und nicht einsehen will: daß Deutschland allein auf Erden der Hort wahrer Freiheit ist — und unter wahrer Freiheit versteht der echte Deutsche, wie sein Hamann: „kein abergläubisch Gemächte, weder einer Regierungsform noch der Gesetze“, sondern die eingeborene Freiheit, die nicht von der Gnade einer Regierung noch von dem Mehrheitsbeschluß einer Volksvertretung abhängt, vielmehr eine mit auf die Welt gebrachte Seeleneigenschaft bestimmter Menschen ist — unverleihbar, unabsprechbar. Man   i s t   frei, man   w i r d   nicht frei — es sei denn, man fasse als ein „Werden“ die vielleicht durch äußere Hemmnisse verlangsamte oder unterdrückt gewesene Entfaltung des Keimes zur Blüte; kein Mensch kann einem anderen Freiheit schenken, den Weg dahin weisen aber kann er. Unser ehrwürdiger Klopstock gibt die rechte deutsche Begriffsbestimmung, wenn er sagt: „Wer selbst denkt, und selten nachahmt, ist ein Freier“ (Die deutsche Gelehrtenrepublik). Ein untrügliches Kennzeichen dieser deutschen Auffassung der inneren wahr-
—————
    ¹) Angeführt nach Treitschke: Deutsche Kämpfe, Neue Folge, 1896, S. 389. Treitschke gibt seine Quelle nicht an, und ich bin augenblicklich nicht in der Lage, die Stelle nachzuweisen. Eine Stelle aus Mill's „On Liberty“ (3. Aufl. S. 103) ist mir bekannt, wo er von W. v. Humboldts Freiheitslehre — die seinem ganzen Buche zugrunde liegt — sagt: „Wenige Personen außerhalb Deutschlands sind imstande, diese Lehre auch nur zu verstehen.“

17 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

haften Freiheit ist die unbedingte Achtung vor der Freiheit jedes anderen Menschen. Will z. B. Schiller dem fürstlichen Freunde seine Gedanken über „den Adel der menschlichen Natur“ vortragen, worin dieser bestehe und wie er gepflegt und großgezogen werden könne, was eine ganze Staats- und Erziehunglehre in sich schließt, beeilt er sich, auf der ersten Seite ausdrücklich zu versichern: „Die Freiheit Ihres Geistes soll mir unverletzlich sein.... Ihre eigene freie Denkkraft wird die Gesetze diktieren, nach welchen (in dieser Schrift) verfahren werden soll“ (Ästh. Erz., Bf. 1). Bei diesen Worten kommt gewiß manchem sofort Goethes kühne Lehre von der freien Erziehung in den Sinn, die allem schulmäßigen Herkommen widerspricht: „Jede Anlage ist wichtig und sie muß entwickelt werden ... aber in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden“; daher der Erziehende nur für günstige Entwicklungsbedingungen zu sorgen habe und die Einsicht besitzen müsse, daß selbst „der Irrtum nur durch das Irren geheilt werden könne“ (Lehrjahre, 8. Buch, 5. Kap.). Das ist die kühnste Lehre von der Freiheit des Geistes, die jemals von einem Menschen ausgesprochen worden ist; hier findet die Freiheit innerhalb der deutschen Weltanschauung ihren vollendeten Ausdruck. Nur übersehe man nicht, was in demselben Werke Goethes dem nämlichen Weisen an anderem Orte in den Mund gelegt wird: „Ich kann mich nur über   d e n   Menschen freuen, der weiß, was ihm und anderen nütze ist und   s e i n e   W i l l k ü r   z u   b e s c h r ä n k e n   a r b e i t e t“   (Lj., 1. Buch, 17. Kap.). Das ist der springende Punkt! Denn, sagt Mill, nur in Deutschland verstehe man, was Freiheit des Geistes ist, so dürfen wir ergänzen: das kommt daher, weil man nur in Deutschland in der Willkür das Gegenteil von Freiheit erblickt, die Willkür als Vernichterin der Freiheit erkennt. Höchst bezeichnend ist es außerdem, wenn Goethe sagt: seine Willkür zu beschränken „arbeitet“. Die Willkür ist nämlich jedem Menschen auf Erden angeboren; sie bildet die Erbsünde des ganzen Geschlechts. Diejenigen verdienen es, frei zu heißen, denen die Neigung verliehen wurde, hiergegen anzukämpfen: alle wahre Freiheit — sowohl die des einzelnen wie die einer Gesamtheit — ruht auf dem Felsen der Selbstbeherrschung und des Selbstbescheidens. Insofern ist das oben Gesagte zu berichtigen oder wenigstens zu ergänzen: deutsche Freiheit kann zwar nicht verliehen werden, liegt aber bloß als Anlage in der

18 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

Seele und muß durch inneren Kampf und inneres Ausreifen erworben werden; sie ist eine Tat, eine andauernde Handlung, ein „Dichten“; sie ist gelebte Weltanschauung.
    Das Unterscheidende dieser deutschen Freiheit fällt stark in die Augen, wohin man auch behufs Vergleichung blicken mag. Der Franzose z. B. — seitdem er seine Hugenotten verjagt und seinen fränkischen Adel erschlagen hat — weiß überhaupt nicht, was der Begriff „Freiheit“ bedeutet; vielmehr versteht er darunter lediglich die unbeschränkte Willkür des einzelnen, also das genaue Gegenteil wahrer Freiheit. Wer Frankreich in den letzten Jahren vor dem Kriege bereist hat (ich berührte einen Zipfel noch Anfang 1914), fand dort auf allen Gebieten um sich greifende Zuchtlosigkeit. Außerdem: wer Gleichheit will — und das ist die vorwiegende Leidenschaft des Franzosen — kann nicht Freiheit wollen; denn Gleichheit ist die Zwingherrschaft des einebnenden Willens der dummen Mehrzahl, ist Verbot jedes unterscheidenden Sonderwesens. Weit interessanter fällt der Vergleich mit den mehrfach stammverwandten Engländern aus, die noch heute, bei der herrschenden Verwirrung und trotz des Ausspruches John Stuart Mills, den meisten als das Vorbild freier Menschen gelten — und sich auch selber dafür halten. Hier gehört schon eine feinere Zergliederung zu dem Nachweis, daß die Engländer weit hinter den Deutschen zurückstehen und in Wirklichkeit nur einen täuschenden Schein von politischer Freiheit besitzen. Wie alle seefahrenden Völker — wie die Bewohner der deutschen Küstenländer — besitzen echt geartete Engländer in hohem Maße die Eigenschaft des Selbstvertrauens; es ist ein Aufsichselbstgestelltsein und ein Insichselbstgefestigtsein, das letzten Endes auf die Gewohnheit des tagtäglichen Kampfes mit dem verschlingenden Elemente zurückgeht; so werden Kühnheit, Geistesgegenwart, Unverdrossenheit gezüchtet. Nur ein Narr kann leugnen, daß dieses Volk prächtige Männer hatte und hat und noch lange haben wird — denn die gegebenen Umstände werden sie immer wieder heranbilden. Singt ein schottischer Dichter des 14. Jahrhunderts: „Freiheit ist höher zu preisen als alles Gold, das die Welt birgt“ (Barbour: „Freedom“), so erkennt man, daß aus solchen Anlagen ein edelster Freiheitsbegriff hätte hervorgehen können. Doch die Geschichte hat es anders gelenkt. Während Deutschland die härteste Schule der Prüfungen durchmachte, die je einem Volke

19 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

beschieden war, und — weiß Gott! — „seine Willkür zu beschränken“ gründlich zu erlernen Gelegenheit genug hatte, erging es dem vom schützenden Wellenmeere umgebenen England umgekehrt: sobald es innerlich zur Ruhe gekommen war, stand ihm die ganze Welt zu Raub und Unterdrückung offen. Als Richtschnur galt fortan: die Engländer ein freies Volk, alle anderen Völker seine gottbestimmte Beute — sei es für heute, sei es für morgen! Von dem Augenblick ab wird Englands Politik der grundsätzliche Raub. Nun haben wir aber gesehen, daß — nach deutscher Weltanschauung — Freiheit stets die Achtung vor der Freiheit anderer voraussetzt: schon aus dieser einen Erwägung geht hervor, daß ein solches Raubvolk nicht wirklich frei sein   k a n n.   Seine vielgerühmte parlamentarische Regierung diente von jeher der Herrschaft einer Minderheit; niemals hat das Parlament in die auswärtigen Beziehungen hineinreden dürfen, noch besitzt es eine ausschlaggebende Stimme bei Kriegserklärungen und Friedensschlüssen; heute herrscht despotisch eine ganz kleine Sippschaft mehr oder weniger dunkler Ehrenmänner, die in engster Abhängigkeit von den Geldmächten und von der durch und durch verderbten, verbrecherischen Presse steht. So unfertig alles im deutschen Staate noch sein mag, er steht berghoch über dem englischen in bezug auf Menschenachtung, Menschenwürde, Menschenfreiheit. Von Anfang an versteht der Engländer unter Freiheit das Fehlen von Pflichten dem Staate gegenüber, weiter nichts. Schon in der Blütezeit der großen englischen Revolution erklärt das Hauptwerk über „Die Oberherrschaft der Volksvertretungen“ (von Lilburne, 1643): ein Zwang zum Heeresdienst dürfe nie eingeführt werden, denn das hebe die Freiheit auf (vgl. Hasbach, Die moderne Demokratie, 1912, S. 9). Es fehlt also jede sittliche Beziehung zwischen einzelnem und Gemeinwesen: auf dieser Grundlage erringt weder der einzelne noch das Volk wahre Freiheit. Daher kommt es auch, daß die Engländer ihre Schlachten ruhig von Fremden schlagen ließen — in Europa zumeist von Deutschen, in Asien von Indern; dem Engländer war alles gleichgültig, wenn er nur unermeßliche Schätze hinter den Wellenwall seiner Insel in Sicherheit brachte. Die Geschichte der Ausbreitung des englischen Reiches ist wohl die unsittlichste, welche die Weltgeschichte kennt, und man begreift, daß Swift (Anfang des 18. Jahrhunderts) nach der Schilderung eines einzigen Jahrhunderts der englischen Geschichte den König von Brob-

20 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

dingnag ausrufen läßt: „Ihr seid das schandbarste Geschlecht widerlichen Ungeziefers, das je die Natur auf der Erdoberfläche geduldet hat“ (Gulliver, Tl. 2, Kap. 5). Das Widerlichste ist die zum Lebensgesetz erhobene Verpflichtung zur   H e u c h e l e i.   Denn wie die Wellen seine Goldbarren schützen, so hat der Raubwille dieses Staates sich hinter einen Ozean von Lügen verschanzt, bis selbst die redlichsten Leute nicht mehr wissen, was Wahrheit ist. Was wir in diesem Kriege staunend und schaudernd erleben — der Lügenfeldzug gegen Deutschland — ist nur die letzte Giftfrucht einer jahrhundertlangen Übung; alles, was wir über Irland, Indien, Afrika, China, Ägypten gehört haben und hören, alles ist Lüge. Derselbe Swift, befragt, was ein englischer „Premierminister“ sei, antwortet in demselben Werk: „Ein Mann, der niemals die Wahrheit redet, er sei denn überzeugt, daß du sie für eine Lüge hältst, und immer so lügt, daß du die Wahrheit zu hören glaubst“ (Tl. 4, Kap 6). Wenn nun das ganze Staatswesen auf Lüge ruht, wo soll Freiheit — sei es des einzelnen, sei es des Volkes — herkommen? Der einzelne Engländer ist noch in weitem Maße wahrheitliebend, edel, gütig — nichtsdestoweniger aber zur Lüge verpflichtet und daher ein aller echten Freiheit des Geistes verlustiger Knecht, der in allen öffentlichen Dingen der Religion und des Staates bei dem befohlenen Leisten bleiben muß. Wie groß erhebt sich daneben die deutsche Freiheit! Wie schon oft bemerkt worden ist, kann man sie zusammenfassen als   d i e   F r e i h e i t,   w a h r   z u   s e i n.   Richard Wagner schreibt an August Roeckel (25. 1. 1854): „Was ist Freiheit? Etwa — wie unsere Politiker glauben — Willkür? Gewiß nicht! Die Freiheit ist   W a h r h a f t i g k e i t.   Wer wahrhaft, d. h. ganz seinem Wesen gemäß, vollkommen im Einklang mit seiner Natur ist, der ist frei.“ Zwei herrliche Worte pflege ich zueinander in Beziehung zu setzen, das bekannte Schillers: „Nehmt die Gottheit auf in Euren Willen, und sie steigt von ihrem Weltenthron!“ und Hamanns weniger bekanntes: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit; und die Wahrheit macht uns frei.“ Wahrsein! das eben ist die Aufnahme der Gottheit in unseren Willen, die dann ihren Thron in unserem Herzen aufrichtet: wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit!....

—————

    Ich beneide den Mann, der die Darstellung der deutschen Weltanschauung wird unternehmen dürfen, und ich glaube, er wird gut

21 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

daran tun, diesen ausschließlich   d e u t s c h e n   Begriff der Freiheit — diesen Begriff, den man „nur in Deutschland versteht“ als Mittelpunkt aufzustellen. Alles weitere wird sich dann ringsherum von selbst einstellen. So gehört z. B. unmittelbar zu deutscher Freiheit der deutsche Sinn für Gehorsam, für Eingliederung, für Unterordnung, für Manneszucht: nur ein freier Mann weiß wirklich zu gehorchen. Zugleich gehört aber hierher der ausgesprochene Kriegssinn: von allen Menschen auf Erden ist der Deutsche für die Kriegführung der begabteste; er bringt nicht bloß unvergleichliche Führer hervor, sondern das Bezeichnende ist, daß er sich auf allen Stufen der Heeresgliederung gleich auszeichnet, und daß er sich, geschlagen, ebenso großartig zurückzieht, wie er als Sieger verwegen voranstürmt. Wie bezeichnend ist es, daß ein so friedfertiger Dichter wie Opitz — und zwar mitten aus dem für Deutschland niederdrückenden 17. Jahrhundert — sein schönes „Lob des Kriegsgottes“ schreibt, in welchem er den Deutschen nachrühmt, daß sie „von allen Zeiten“ sich ausgezeichnet hätten „in grimmer Schlacht und Streiten“ und namentlich, daß sie:

Gemüte, Herz und Mut
Behalten wie es war, wann Land, Leib, Gut und Blut
Schon draufgegangen sind.....

mit anderen Worten, stets die Freiheit über alles geschätzt haben. Nun höre man aber, mit welchen Worten er den Krieg lobt; denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich behaupte, keine Dichtung der Welt biete ein Gegenstück:

O Mars, ich singe dich, du starker Gott der Kriege,
Du Schutz der Billigkeit, du Geber aller Siege,
Bezwinger der Gewalt!

Den Krieg als Bezwinger der Gewalt, als Schutz der Billigkeit besingen — das konnte nur ein Deutscher. Wir vernehmen einen anderen Ton als in „Britannia rules the waves!“ Die vergleichende Geschichte der letzten 45 Jahre — man denke an Englands, Frankreichs, Rußlands Länderraub innerhalb dieser Zeit — würde allein zum Beweise genügen, daß der Deutsche der unhabgierigste Mensch auf Erden ist; ihm würden allezeit die Künste des Friedens genügen, um einen ersten Platz unter den Völkern zu gewinnen. Seine Beherrschung des Kriegshandwerks hängt aber hiermit eng zusammen: bei ihm ruht die Kriegführung auf sittlicher Grundlage; daher zieht

22 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

sie ihre Meisterschaft und ihren Gottessegen. Der Gedanke, den wir hier bei Opitz bewundern, ließe sich hundertfach aus deutscher Dichtung belegen; ich brauche nur an Goethes Wort aus bedrohlichster Zeit zu erinnern:

Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht auf
Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens!

Der Krieg als Bezwinger der Gewalt, als Vernichter sündhaft mißbrauchter Macht, als Schutzherr der Billigkeit auf dem ganzen Erdenrunde, als Stifter des Friedens; das ist ein Stück deutscher Weltanschauung, das wir in diesem Augenblick wieder mit Ehrfurcht und Begeisterung am Werke sehen, Weltgeschichte gestaltend: „Mut und Kraft dichten der Welt“. Und wie belehrt uns diese Bestimmung über deutsche Weltanschauung, daß die sog. „Pazifisten“ keine Deutschen sind! Indem sie den Krieg opfern, opfern sie den Frieden und die Freiheit. Anderseits verstehen wir es, wenn ein friedfertiger, aber echt deutschadeliger Gelehrter, Wilhelm von Humboldt, schreibt „Mir ist der Krieg eine der heilsamsten Erscheinungen zur Bildung des Menschengeschlechts, und ungern seh' ich ihn nach und nach immer mehr vom Schauplatz zurücktreten“ (in der unten angef. Schrift, Abt. 5).

—————

    Noch gar vieles wird jener Glückliche ernten, indem er von der deutschen Freiheit aus nach allen Seiten seine Kreise zieht. Möge er hierbei ein merkwürdiges, nicht leicht auszudenkendes Wort Jakob Grimms beachten. Dieser preist nämlich am Deutschen „eine bescheidene Ungenügsamkeit“! Indem er diesem Faden folgt, gelangt er von Bildungsfragen zu wissenschaftlichen, macht aufmerksam, daß die deutschen Forscher „mehr zu erforschen als anzuwenden streben“, was die Überlegenheit auch in der Anwendung bewirke, und findet zu wichtigen politischen Betrachtungen Anlaß: der Fluch der französischen Revolution ergebe sich aus „der rohen Durchführung halber Wahrheiten“ und der Befangenheit in „den dürren Banden eines Systems“ — Schäden, gegen welche „die festgewurzelte Achtung vor der Geschichte und das rechte Freiheitsgefühl“ die Deutschen schützen würden usw. (Kleinere Schr. 8, 422). Der Deutsche ist weit ungenügsamer als der Franzose und der Engländer — das ist allbekannt und oft getadelt, in Wirklichkeit aber ein Ausfluß

23 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

innerer Geistesfreiheit und ein kostbares Gegengift gegen das starre — selbst im besten Falle nur halb wahre — „System“. Ungenügsamkeit ist nun sonst ein Merkmal unbescheidener Anforderungen; hier dagegen entsteht — wie der echteste deutsche Mann es bezeugt — die Ungenügsamkeit aus Bescheidenheit! Grimms Bemerkung enthüllt den innerlichen, unersetzlichen, aufbauenden Wert deutscher Bescheidenheit auch für die Gemeinsamkeit: sie ist es, die Achtung vor der Geschichte, wie überhaupt vor der Erfahrung und vor den ewigen Gesetzen alles Seins eingibt. Wie das Sichbescheiden des deutschen Forschers die Grundlage zu den unerhörten Erfolgen deutscher Technik legt, so birgt eine wahre, tief innerlich gefühlte, das Wesen des ganzen Menschen durchdringende Bescheidenheit eine ungeheure Kraft — denn auf diesem Wege und nur auf diesem Wege könnte die Natur zur Bundesgenossin des Menschen auch auf dem Gebiete des gesellschaftlich-staatlichen Aufbaues gewonnen werden.
    Soviel nur — als Anregung — über den Wert deutscher Bescheidenheit innerhalb der deutschen Weltanschauung. Hier geraten wir, wie man sieht, ins politische Gebiet; doch ehe ich es betrete, muß ich noch eine kurze Mahnung einschieben.

—————

    Nie und nirgends darf das große Naturgesetz der Entgegensetzung außer acht gelassen werden, das Gesetz, welches bewirkt, daß auf allen Gebieten des Lebens der „Satz“ den „Gegensatz“ mit sich führt. Allgemein ist das Sprichwort: les extrêmes se touchent, die entgegengesetzten Übertreibungen berühren sich, eine richtige, aber nicht sehr tiefreichende Beobachtung der Weltklugen; ich habe ein anderes im Sinne. Bei einem Menschen von ausgesprochenem Eigenwesen wird man stets — bei sehr genauer Kenntnis — hinter seinen hervorstechendsten Geistes- oder Charakterzügen die Anlage zu genau entgegengesetzten entdecken: es gibt Augenblicke, wo der Geizhals verschwendet und wo der Verschwender knausert, der Schweigsame — wie Wilhelm von Oranien oder Moltke — entpuppt sich bei Gelegenheit als vollendeter Redner aus dem Stegreif, wem höchste Anspannung zu Gebote steht, wird Erschlaffungszustände aufweisen, die dem Durchschnittsmenschen unbekannt sind, Männer, die nicht ohne Grund für zaghaft galten, erweisen sich manchmal

24 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

bei äußerster Gefahr als völlig furchtlose Helden (ich kenne Beispiele aus dem gegenwärtigen Kriege). Bei meiner eingehenden Befassung mit Richard Wagner, Kant, Goethe, Luther, Bismarck und anderen großen Männern bin ich überall diesem Gesetz der Entgegensetzung begegnet, über das noch viel zu sagen wäre; hier mögen diese Andeutungen genügen. Und ich meine, wer diese Tatsachen bedenkt, wird nicht erstaunt sein, bei einem im Laufe der Jahrhunderte noch so einheitlich gewordenen Volke unmittelbar gegensätzliche Geistes- und Charakterzüge zu finden. Gerade die genau entgegengesetzten sind am ehesten zu erwarten: was bei dem einen die Ausnahme, ist bei dem andern die Regel und umgekehrt. Wer möchte Grimm widersprechen, wenn er die Bescheidenheit als besondere deutsche Eigenschaft bezeichnet? Auch bei anderen Völkern trifft man bescheidene Menschen, doch von so bezwingender Schlichtheit und Reinheit wie bei einzelnen bedeutenden deutschen Männern begegnete ich dieser Gemütsverfassung nirgends. Die echt deutsche Bescheidenheit ist etwas Unnachahmliches: in ihr liegt wie in einem verschlossenen Schrein eine ganze Geschichte, eine ganze Kultur und eine ganze harrende Zukunft. Und doch mußte Bismarck klagen über jene Deutschen, „die vom Kriegführen bis zum Hundeflöhen alles besser verstehen wollen als sämtliche gelernte Fachmänner.“ Was Unbescheidenheit ist, kann man wohl an keinem Ort der Welt so gründlich erfahren wie in der Hauptstadt des Deutschen Reiches. Und finden wir nicht gar zu häufig an Stelle des Stolzes freier Männer Unterwürfigkeit, Mangel an Selbstvertrauen, Buhlen um fremde Gnade, und zwar nicht bloß bei den vom Schicksal Hartgeprüften, sondern bei hohen Staatswürdenträgern und Vertretern der deutschen Majestät an fremden Höfen? Allgemein gesprochen,. finde ich merkwürdig wenig „Mittelware“ in Deutschland. Fichte hat gesagt: „Deutschsein heißt Charakter haben“; ich stimme ihm zu, möchte aber ergänzen: oder gar keinen Charakter haben. Welches Begebnis der deutschen Geschichte wirkt hinreißender als die Befreiungskriege? Und doch hatte in den unmittelbar vorangehenden Jahren die ganze Bevölkerung versagt, vom Preußenkönig bis zum letzten Schuhputzer; ein kläglicheres Schauspiel kennt die Welt nicht. Clausewitz schreibt in jenen Tagen an seine Braut: „Der Geist der Deutschen fängt an, sich immer erbärmlicher zu zeigen; überall sieht

25 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

man eine solche Charakterlosigkeit an Schwäche der Gesinnungen hervorbrechen, daß die Tränen uns in das Auge treten möchten ¹).“ Und dennoch gelang es einer handvoll unerschrockener Männer — Soldaten, Lehrer, Professoren — das gesamte Volk zu aufopferungsfreudigen Helden umzuwandeln, was doch offenbar unmöglich gewesen wäre, hätte das Heldentum ihm nicht verborgen im Blute gelegen.
    Einzig die Kenntnis dieses Naturgesetzes der Entgegensetzung kann es begreiflich machen, daß die Weltanschauung der Deutschen zugleich eine heldenmäßige und eine philiströse sein kann, eine staatbildende sonder gleichen und eine aufreizend kindisch unpolitische, eine zu höchsten Höhen sich erhebende, dichterisch verklärte und im Bierkrug ersoffene, platt nüchterne, eine zu der erhabensten Mystik, eines Eckehart sich durchläuternde religiöse und eine Büchnersche Philosophie der Verdauung. Überall gehört beides zu „deutscher Weltanschauung“ — wenngleich es sicherlich nicht willkürlich gewalttätig ist, wenn wir bei der schöpferischen Lichtseite verweilen und sie als „Bildseite“ betrachten, während der anderen Ehre genug geschieht, wenn sie als „Kehrseite“, manchmal vielleicht sogar als „Schlagseite“ gelegentlich Beachtung findet.

—————

    Im Zusammenhang dieser Zeitschrift würde ohne Frage eine Untersuchung der Gedankengestalten, die (innerhalb der deutschen Weltanschauung) Staat und Politik betreffen, am belangreichsten erscheinen. Richtig durchgeführt, müßte sie das für dieses Volk Mögliche und Ersprießliche deutlich aufzeigen und dadurch zugleich das Unmögliche und Unersprießliche nicht minder überzeugend dartun. Hiervon kann heute keine Rede sein; doch indem ich vorsätzlich die religiöse Weltanschauung der Deutschen aus der Betrachtung ausschließe, gewinne ich wenigstens Raum, um mit einigen Pinselstrichen das staatlich-politische zu umreißen, in der bescheidenen Hoffnung, dies möchte meinen Lesern Anregung zu eigenem Nachdenken
—————
    ¹) Vgl. „Karl und Marie v. Clausewitz, ein Lebensbild in Briefen und Tagebuchblättern“, herausgegeben und eingeleitet von Karl Linnebach (Berlin 1916, bei Martin Warneck, S. 135). Dieses geradezu herrliche Buch dürfte in keinem deutschen Hause fehlen; sein Wert für die Erkenntnis und die Schätzung deutscher Weltanschauung ist kaum geringer als der, den wir in Moltkes und Bismarcks Hinterlassenschaft finden.

26 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

geben: auch in diesen Fragen ist ein einziges entscheidend wichtig — daß man die rechte Richtung einschlage; geschieht das, so ist jeder vernünftige Mensch fähig, den Weg allein zu gehen. In weiten Kreisen des deutschen Volkes herrscht in Bezug auf „Politik“ arge Verwirrung, teils als Wirkung der Weltereignisse der letzten 150 Jahre, teils infolge des weitreichenden Einflusses einer nichtdeutschen Presse, die — in engster Fühlung mit der ihr verwandten ausländischen Presse, einer Fühlung, die auch der Krieg keinen Tag unterbrochen hat — gänzlich undeutsche und ungermanische Auffassungen vertritt, wodurch sie die Ungebildeten täuscht, die Halbgebildeten verwirrt und die Männer, die besser wissen könnten und sollten, gar zu oft verführt. Nichts wäre wichtiger als der Gewinn einer übereinstimmenden Überzeugung in Bezug auf das, was „deutsche Politik“ zu sein und nicht zu sein hat.
    In Wilhelm von Humboldts unvergänglichem Werke: „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (4. Abschnitt), findet sich ein Wort, das ich jedem Deutschen zu eingehendem Nachsinnen empfehlen möchte: „Die Politik ist mit der Knechtschaft entstanden.“ Wie er das verstanden haben will, geht aus dem Vorangehenden hervor. Er redet von der Notwendigkeit von Führern (Königen) und fährt dann fort: „Die Besorgnis, daß der eine aus einem Führer und Schiedsrichter ein Herrscher werden möchte, kennt der wahrhaft freie Mann, die Möglichkeit selbst ahndet er nicht; er traut keinem Menschen die Macht, seine Freiheit unterjochen zu können, und keinem Freien den Willen zu, Herrscher zu sein.... und so ist, wie die Moral mit dem Laster, die Theologie mit der Ketzerei, die Politik mit der Knechtschaft entstanden.“ Der wahrhaft freie Mann — und das ist der Deutsche, sobald er edelgeartet und nicht sich selber entfremdet ist — steht zunächst also aller Politik fremd gegenüber, er weiß nicht, was sie soll; dagegen ist der knechtisch gesinnte Mann — gleichviel ob er herrscht oder dient — der geborene Politiker.
    Wieviel lernen wir aus dieser einen Bemerkung des gelehrten und hochgesinnten deutschen Mannes! Ein viel erörtertes, aber wohl niemals recht ergründetes Verhältnis — das des Deutschen zur Politik — wird durch diesen Lichtgedanken plötzlich aufgeklärt. Gewiß sind nicht entfernt alle Deutschen „wahrhaft freie Männer“ —

27 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

das Gesetz der Entgegensetzung hat uns schon gelehrt, keine solche Erwartung zu hegen; aber — und es ist dies ein sehr groß zu schreibendes Aber: jene Charakterlosigkeit, über die Clausewitz Tränen vergoß, jene „Domestikenhaftigkeit“, die den galligen Schopenhauer zu Zorn erregte, jenes Scharwenzeln um Anerkennung und Gunst fremder Nationen, das seit Bismarcks Abgang dem Ansehen des Deutschen Reiches so unermeßlich geschadet hat, alle diese unter Deutschen verbreiteten lächerlichen, unerträglichen Eigenschaften entspringen nicht dem Sklavensinn (wie Humboldt ihn nennt), sondern bilden die Kehr- oder Schlagseite des großen schöpferischen Freiheitsdranges dieses Volkes; das haben die Freiheitskriege bewiesen, das hat der Deutsche in den verschiedensten Abschnitten seiner anderthalbtausendjährigen Geschichte bewiesen, das beweist er heute in einem Kriege, wie ihn noch nie ein Volk zu bestehen hatte. Und daher kommt es — weil wir es in Wirklichkeit immer mit der Freiheit zu tun haben, sei es von der Bild-, sei es von der Schlagseite, daß wir keine geborenen Politiker hier zu erwarten haben — es sei denn als Ausnahmen, welche glänzend die Regel bestätigen, aber auch dann nicht auf ausgebreitetes Verständnis rechnen können. Als der größte Politiker aller Zeiten gerade Deutschland geschenkt wurde — die äußerste Not gebar das unmöglich Dünkende — hat es keine einzige politische Partei gegeben, die ihm nicht entweder immer oder oft die Wege zu sperren ihr Bestes getan hätte, und als die Krone sich des Gottgesandten entledigen zu sollen glaubte, fand sich in der ganzen nach Hunderten zählenden Volksvertretung keine einzige Stimme, die gegen den ungeheuerlichen Vorgang Einspruch erhoben hätte, geschweige eine große Bewegung um dieses Unheil abzuwenden: nie hat wohl ein Volk einen schreienderen Beweis des gänzlichen Mangels an politischem Sinn gegeben. Es ist weit besser, man sieht diesen angeborenen Mangel der einen bestimmten Anlage ein, man gibt ihn offen zu, man macht sich keine vergeblichen Hoffnungen auf unmögliche Besserung, sondern man fragt sich einfach, was geschehen kann, um der eigenen Unzulänglichkeit zu steuern. Da stellt sich denn sofort die einzige richtige Antwort wie von selbst ein — und da sie aus der einzig echt deutschen Weltanschauung mit Notwendigkeit hervorgeht, so können wir ruhig bei dem aufgeschlagenen Werke Humboldts verweilen, denn sie muß auch darin

28 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

stehen .... und richtig! Abschnitt 16 lesen wir als Grundforderung an den deutschen Staatsmann: er müsse „zwei Dinge unausbleiblich vor Augen halten: 1. die reine Theorie, bis in das genaueste Detail ausgesponnen; 2. den Zustand der individuellen Wirklichkeit, die er umzuschaffen bestimmt wäre.“ Diese beiden Punkte werden noch genauer ausgeführt, und es erhellt daraus, was schon dieser erste Satz besagt: deutsche Politik, soll sie etwas taugen, darf nicht instinktiv-zufällig und nicht leidenschaftlich-parteimaßig, auch nicht nach irgendeinem ausgeklügelten Eigennutz, vielmehr muß sie rein und streng   w i s s e n s c h a f t l i c h   betrieben werden. Es ist ja dasselbe Geheimnis, das auf anderen Gebieten den Deutschen zu unerhörten Ergebnissen geführt hat und auf das uns Grimm vorhin aufmerksam machte: die reine Wissenschaft um ihrer selbst willen, gefolgt von der reinen unselbstsüchtigen Anwendung dessen, was sie gelehrt hat. Das Wagnis, die geniale Tat, der Ruhm des Vaterlandes, die Ehre Gottes — dafür sorgen schon das Volk als Ganzes und die großen Einzelnen aus seiner Mitte; in der Politik aber — also im eigentlichen Staate, wie Humboldt ihn will — soll mit echt deutscher reiner Nüchternheit und grundsatzsicherer Festigkeit gehandelt werden und nicht das Geringste dem Zufall und der Einzelwillkür überlassen bleiben. Hört der Deutsche endlich auf, fremde Art, als könne sie für ihn maßgebend sein, nachzuahmen, lernt er die Politik des Franzmannes als Tollheit begreifen, gewahrt er, wohin den Engländer sein Weg führt, nämlich in die Hölle, wogegen dem Deutschen die Fähigkeit gegeben wäre, unsere ganze Menschenwelt — ihr zum Glücke — umzugestalten, so wird er — dessen bin ich überzeugt — der allererste, der einzig heilbringende „Politiker“ der Welt werden, und zwar mit der doppelten Notwendigkeit einer Naturkraft und einer unüberwindlichen sittlich-geistigen Macht.
    Was hiermit gesagt werden soll, wird aber nicht recht begriffen, ehe man eine zweite Gedankenreihe ins Auge gefaßt hat.
    Aus Humboldts Schrift ist nur das eine im allgemeinen Bewußtsein lebendig geblieben: die Forderung der   F r e i h e i t   des Einzelnen und der   M a n n i g f a l t i g k e i t   seiner Lagen oder Verhältnisse — eine Doppelforderung, deren Einheitlichkeit der Denker nachweist; nur bei Berücksichtigung dieser Doppelforderung komme die Nation zu der vollen Entfaltung aller ihrer Kräfte, sie allein gewähre die „innere

29 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

Würde« des einzelnen und die glückliche Blüte der Gesamtheit. Um nun diese Freiheit und diese Mannigfaltigkeit zu sichern, fordert Humboldt die denkbar größte Einschränkung der „Wirksamkeit des Staates“ — dieser Einschränkung gilt fast die ganze Schrift, mit welcher er sich als der unbedingte Gegner erweist sowohl des sozialdemokratischen Ideals, welches alle Mannigfaltigkeit abschafft, wie des rückschrittlichen, welches die Freiheit einschränkt. Was man aber nicht genug bedenkt, ist, daß Humboldt scharf zwischen Staat und Nation, zwischen dem „Verhältnis der Bürger zum Staat und dem Verhältnisse derselben untereinander“ unterscheidet und es als eine Nebenabsicht seiner Schrift bezeichnet, „die nachteiligen Folgen zu zeigen, welche die Verwechslung der freien Wirksamkeit der Nation mit der erzwungenen der Staatsfassung dem Genuß, den Kräften und dem Charakter der Menschen bringt.“ Hiermit wird nun erstens auf das Gebiet hingewiesen, das wir heute als das der „Selbstverwaltung“ bezeichnen würden, und auf dem schon vor Jahrhunderten und heute wiederum — trotzdem manches noch in den Anfängen steckt — Deutschland allen angeblich freieren Nationen weit vorausschritt und voranschreitet, und zweitens macht das Wort Humboldts darauf aufmerksam, daß der schlechte Politiker — der Deutsche — der größte Erschaffer staatlicher Werte und der größte Staatenbildner der Weltgeschichte ist. Das gerade bildet den Lebenspunkt! Die Germanen im engeren, deutschen Sinne des Wortes sind die Gestalter der ganzen heutigen Welt, — insofern sie überhaupt Gestalt hat. Männer aus dem Herzen Deutschlands haben England seine kühnen Seefahrer und seine den Zwingherren trotzenden Bürger geschenkt; Männer aus dem Herzen Deutschlands haben das Reich geschaffen, das noch heute sich nach den Franken nennt, haben es unvermischt jahrhundertelang beherrscht und ihm die geistige, die künstlerische und die politische Größe geschenkt, von der früher dort keine Spur anzutreffen war; ihnen nahe verwandte Männer machten aus der chaotischen Iberischen Halbinsel die stolze, einheitliche spanische Nation; in welchem Maße die Deutschen langobardischen und gotischen Stammes beteiligt waren bei der Verwandlung des aller Eigenart baren römisch-italischen Landes in das städtereiche blühende „Italien“ der mittleren Jahrhunderte, das hat schon vor hundert Jahren der deutsche Rechtsgelehrte Savigny gezeigt; viele Familien lebten dort noch bis ins 14. und 15. Jahrhundert

30 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

hinein getrennt von der Grundbevölkerung nach eigenem germanischen Rechte; seitdem wies Woltmann nach, daß die gesamte staatliche, städtische und künstlerische Blüte dieses Landes das Werk germanischen Blutes war und in das heutige Nichts auslief, sobald dieses Blut durch fortgesetzte Mischung aufgebraucht war. Auf den wichtigeren Thronen Europas sitzen auch heute deutsche Herrscher. Doch ist hiermit noch lange nicht genug gesagt. Die in Deutschland verbliebenen, die eigentlichen Deutschen haben sich zu allen Zeiten als großartige Schöpfer staatlicher Werte erwiesen. W. H. Riehl — ein Mann, der wahrlich kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es gilt, die Schwächen seiner Deutschen aufzuzeigen und zu geißeln — schreibt von ihnen: „Die Deutschen sind   g e b o r e n e   S o z i a l p o l i t i k e r,   und von diesem Standpunkt aus sind sie stets ein wunderbar strebsames und rühriges Volk gewesen“ (Land und Leute, II. Aufl., S. 8). Was Riehl hier Sozialpolitiker nennt, ist genau dasselbe, was Humboldt unter „freier Wirksamkeit der Nation“ versteht. Diejenige Politik, die „mit der Knechtschaft entsteht“ — und dazu gehört noch heutzutage die gesamte auswärtige und ein Großteil der inneren —‚ die versteht der Deutsche nicht; um so besser versteht er sich auf diejenige, welche im eigentlichen Sinne des Wortes keine Politik ist, diejenige, die aus der freien Betätigung von Männern entsteht, die zu bestimmten Zielen sich zusammentun und nun Werke des Friedens und des Fleißes gliedern, gestalten und mit Leben begaben. Aus den Büchern, die das blühende deutsche Städteleben des Mittelalters und die Geschichte der Hansa schildern, lernt man gar viel und gar Schönes über deutsche Weltanschauung! Die Geschichte Europas hat gar nichts an die Seite zu stellen. Und was sehen wir denn heute? Ganz Frankreich außerhalb des einen Paris ist ein totes Land; in England bieten Millionenstädte wie Manchester armselige geistige Kost; wohingegen Deutschland an allen Enden und Ecken eigenartig lebt und schafft oder — wie unsere Vorfahren gesagt hätten — „dichtet“. Besonders auffallend und Humboldts Behauptung stützend ist folgende Tatsache: diese völkische Kraft der Deutschen — wenn sie nur irgend Raum zur Entfaltung findet — betätigt sich auch zu den Zeiten der allererbärmlichsten Politik, fähig jedes Volk zugrunde zu richten, ja, sie führt oft gerade dann zu glänzenden Ergebnissen. Der Deutsche Orden z. B. ging ganz unabhängig vor, ohne jede Unterstützung durch das

31 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

Reich, und was der Hochmeister Hermann von Salza angefangen hatte, führten andere — und zwar nicht bloß seine Nachfolger, sondern Scharen von Bauern und Handwerkern — fort, eine Art Völkerwanderung nach Osten, zu einer Zeit, wo es kaum den Schatten eines Reiches gab; es ist ein wunderbarer und ebenfalls beispielloser Vorgang: kein Erobern im englischen und keine anbefohlene rohgewaltsame Grenzerweiterung im russischen Sinne, vielmehr eine gestaltende Tat sich selbst überlassener deutscher Männer. Man schlage nur in irgendeinem Geschichtswerk nach. Ich tue es in dem ganz vortrefflichen von Einhart-CIaß und lese: „Damals, zur Zeit des tiefsten Zerfalls der Königsgewalt — es war in den Jahren, wo kein deutscher König vorhanden war — brachte dies Volk es fertig, etwa zwei Drittel des heutigen Reichsbodens deutsch zu besiedeln“ (Deutsche Geschichte, 5. Aufl., 1914, S. 70). Und sehr richtig weist Claß darauf hin, den heutigen Regierungen gelinge es nicht, „das bißchen Preußisch-Polen einzudeutschen“. Es gelingt eben darum nicht, weil es die Regierung unternimmt; das ist Politik — und zwar keine wissenschaftliche, sondern ein schwankes Rohr von Beamten- und Reichstagsweisheit. Wenn es nur ein Mittel gäbe, ihm die Tore dazu zu öffnen, das deutsche Volk würde aus eigener Kraft binnen 25 Jahren die polnische und die elsässische Frage lösen.
    Die Überzeugung, die ich hier wecken möchte, ist die, daß der Deutsche — wie heute noch Politik getrieben wird — der denkbar unfähigste „Politiker“ ist, daß aber diese Unfähigkeit mit so einzig hervorragenden Fähigkeiten zusammenhängt, daß es nur der Besinnung bedürfte, um nicht nur aus dem Nichts ein Etwas zu machen, sondern um eine Unzulänglichkeit in ein Überragen aller umzuwandeln. Das Volk und der Held: das sind die zwei Gewalten, aus denen alles Ruhmvolle in der deutschen Geschichte hervorgegangen ist: die beiden verstehen sich auch gut, solange nicht die leidige Politik sich dazwischen stellt, deren Pflicht es vielmehr wäre, beiden zu dienen — weiter nichts. Die deutsche Weltanschauung lehrt: man lasse das Volk so frei wie möglich walten, und man sorge dafür, daß seine Helden an die ausschlaggebenden Stellen kommen und ebenfalls frei walten — nicht Kavaliere und tadellose Beamte und Geldmänner: das sind die zwei Grundpflichten aller deutschen „Politik“. Auf einen zweiten Bismarck haben wir ebensowenig zu rechnen wie auf einen

32 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

zweiten Friedrich; es käme also darauf an, nicht die Politik zu treiben, welche die anderen treiben — nämlich die der Diplomaten nach außen und die der Bankiers nach innen —‚ vielmehr entschlossen und offen die deutsche „Nichtpolitik“; diese führt allein zum Ziele — und das Ziel ist zwar nicht Weltherrschaft (diese ist ein politischer Knechtsgedanke), wohl aber ein Zustand, in welchem Deutschland sein kann, was es sein will und soll — allen ruhelosen Nachbarn und allen neidischen Wettbewerbern zum Trotz. Ich nenne sie „Nichtpolitik“, weil ich sie für eine nüchterne, unbeirrbare Staatswissenschaft halte, vergleichbar der Strategie eines seiner Verantwortung bewußten Generalstabs, dessen tausendfältige Tätigkeit im Frieden unbeachtet bleibt und nur dazu dient, im Augenblick der Not zuzuschlagen und zu siegen.
    Dies alles gilt nach innen wie nach außen; denn der Feind nistet am Herd in vielfacher Gestalt, und der Krieg hat seine Fratze widerwärtiger als je entlarvt.
    Auch hier steht der Deutsche vor der schwierigsten Aufgabe — nicht, wie der Satan es ihm einflüstern möchte, weil er weniger fähig als seine westlichen Nachbarn wäre, sondern weil er in Bezug auf wahre Freiheit ganz andere Ansprüche macht und sich nicht mit politischen Redensarten abspeisen läßt. Treitschke — gegen den die undeutschen Deutschen eine Verschwörung des Verschweigens und des Verleumdens angezettelt hatten, dessen unvergänglicher Wert aber, sobald die Stunde der Not kam, sofort allen von neuem aufging — Treitschke stellt den Deutschen ein hohes Endziel: „Staatsmacht und Volksfreiheit, Wohlstand und Wehrkraft, Bildung und Glaube, das sind die großen Gegensätze, die wir versöhnen wollen. So schwierige Aufgaben, zu denen in neuester Zeit dann noch die eigentlich sozialpolitischen gekommen sind, werden unserem Staate gestellt. Zu ihrer Bewältigung hilft vor allem der universelle Charakter der Deutschen, ihre Lösung macht ein gut Teil unserer Bedeutung und Größe aus“ (Politik, I, 87). Held Bismarck hat bekanntlich hier Gewaltiges in die Wege geleitet; wer wissen will, was bisher auf dem Gebiete der Sozialpolitik geleistet wurde, schlägt am besten nach in Stier-Somlos „Deutsche Sozialgesetzgebung“; es bedeutet dies eine Art Grundmauerlegung, wie sie kein zweiter Staat besitzt, wenn auch alle jetzt nachzueifern sich genötigt sehen;

33 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

erst muß das Dasein Sicherheit und Gesundheit erhalten; was noch zu leisten bleibt, zeigt ein Blick auf Treitschkes Satz, der staatliche Generalstab hat noch Arbeit vor sich. Nichts gereicht den Deutschen mehr zum Ruhme, als daß sie die Aufgabe so hoch stellen, daß sie nie vollkommen gelöst werden kann. Einer der Besten — gleich erfahren in der Wissenschaft und im Leben — F. C. Dahlmann, hat die schönen Worte geschrieben: „Das ist der Ruhm und die Gefahr der menschlichen Dinge, daß der einzelne am Ende unberechenbar gegen den Staat steht“ (Die Politik, auf den Grund und das Maß der gegebenen Zustände zurückgeführt, 2. Aufl., 1847, § 10). Wer so tief denkt, wird freilich nicht so bald fertig wie ein stämmiger britischer Baron des Jahres 1215 oder ein Pariser Revolutionär des Jahres 1792! Dahlmann erkennt, daß der Staat nicht durch Zufall und Willkür entsteht, daß er vielmehr der Ausdruck einer dem Menschen angeborenen Naturnotwendigkeit ist, „ein Vermögen der Menschheit und eines von den die Gattung zur Vollendung führenden Vermögen“ (§ 2); im Staate zu leben, gehört zur Natur des Menschen; der Mensch soll sich im Staate wohl und geborgen fühlen. Genau aber wie Humboldt — wenn auch mit andern Worten — kann er nicht umhin, das „Volk“ als eine vom Staate verschiedene Wesenheit zu unterscheiden, und zwar als „eine Macht, die ununterbrochen und mehr aus der Tiefe wirkt als alle politischen Institutionen“ (§ 4, § 259 usw.); mit andern Worten, das Volk außerhalb des Staates ist die eigentlich schöpferische, „dichtende“ Macht — diejenige, deren inneres Wesen, Forderungen, Ablehnungen, Hoffnungen usw. in einer Weltanschauung (gleichviel ob bewußt oder unbewußt) sich offenbart, und die auch den einhegenden Staat gebiert. Der Staat muß stark und dauerhaft, er muß unerschütterlich und voraussehend sein, zugleich aber möglichst einfach, spannkräftig, schmiegsam; nur unter diesen Bedingungen wird die vielfältige Gesamtheit, die wir „Volk“ heißen, lebens- und zeugungsfähig bleiben: überwuchert der Staat, so verknöchert das Ganze von innen und „verschalt“ von außen; schwächt das Volk in törichtem Wahn den Staat, so verliert es die Fähigkeit, sich nach innen und nach außen zu schützen und schließlich alle Bewegungsmöglichkeit. Der Staat ist Macht, das Volk ist Leben: ein jedes fördert das andere, ein jedes hemmt das andere. Der Widerstreit ist unausbleiblich, — ein Widerstreit, den man nicht

34 DEUTSCHE WELTANSCHAUUNG

in seiner Tiefe erfaßt hat, wenn man glaubt, es handle sich bloß um „jene Streite von Tyrannei und Sklaverei“, deren Mephistopheles so überdrüssig war; vielmehr handelt es sich um ganz ein anderes, und der — politisch betrachtet — freieste Staat kann mehr als ein anderer tun zur Knebelung der schöpferischen Volkskraft (man vgl. nur Hasbachs: Die moderne Demokratie); der für das Aufblühen des Gemeinwesens entscheidende Streit entsteht genau dort, wo deutsche Weltanschauung es erblickt: an der Grenze zwischen Staatswirksamkeit und Volkswirksamkeit. Und inmitten dieses Widerstreites, von beiden Seiten angezogen und abgestoßen, steht der einzelne, die Persönlichkeit, der Mensch mit seiner unsterblichen Seele, den Jesus Christus uns gelehrt hat, als zur Gottessohnschaft berufen aufzufassen.
    Schlüsse zu ziehen ist in diesem Zusammenhang nicht mein Amt; ich tat es nur zögernd dort, wo das Bild sonst undeutlich geblieben wäre. Ich glaube aber und hoffe, die Grundlinien der allgemeinen Auffassung des „politischen“ Problems innerhalb der echt deutschen Weltanschauung deutlich hingestellt zu haben. Ich hoffe auch, überzeugt zu haben, daß derartige Betrachtungen von großem praktischen Werte sind: für die Völker ist es ebenso heilsam fördernd wie für die einzelnen, von Zeit zu Zeit einzuhalten und in aller inneren Ruhe der Mahnung des alten Weisen zu folgen: Erkenne dich selbst! Mehr als je bedürfen wir in unserer hastigen Gegenwart dieser Besinnung — bei welcher wir entdecken werden, daß schon diese Hast durchaus undeutsch ist, und daß sie uns deswegen nicht fördert, sondern hemmt. Wir sollten öfter dessen gedenken, was unser Schiller uns in seiner wichtigsten staatspolitischen Schrift empfiehlt: „die schöpferische Ruhe und der große geduldige Sinn“.
(April 1917.)




35


KULTUR UND POLITIK

Man müßte eine dauernde moralische Macht organisieren,
die nichts anderes ist, als eine feste, systematische, zu-
sammenhängende Administration, in allen Teilen ge-
macht, die Stimmung der Nation zu erheben, indem sie
sie beherrscht.    (W i l h e l m   v o n   H u m b o l d t)

Schon im achtzehnten Jahrhundert schreibt Liscow, der Humorist: „Das Denken greift den Kopf an, nimmt viel Zeit weg, und nützet doch — wenn man die Wahrheit sagen soll — nichts.“ Hiermit macht der Schalk als erster, wie so oft, auf eine Gefahr aufmerksam, an der die dreimal Weisen noch heute, wo sie inzwischen ins Riesenhafte angewachsen ist, achtlos vorübergehen. Denn die Denkträgheit, die nach und nach zu buchstäblicher Denkunfähigkeit führt, ist ein Zeichen unserer Zeit und, wenn ich richtig sehe, diejenige Klippe, an der unsere gesamte europäische Zivilisation und Kultur zu scheitern droht. Wir Menschen sind nun einmal vorwiegend Hirn-Wesen; vom Instinkt haben wir uns losgesagt; das Urteil muß jetzt dessen Stelle vertreten. Und wohin soll es mit uns kommen, wenn Urteilslosigkeit nicht allein zu phantastischen Weltanschauungsfratzen und ungeheuerlichen Kunstverirrungen führt, sondern uns auch blind macht für die allgemeinen Gegebenheiten des praktischen Lebens und für die notwendige Ausgestaltung des uns alle verbindenden, schirmenden, gestaltenden Gebildes — des Staates? Nur tiefer und klarer Einblick in die deutlich vorliegenden Verhältnisse — in die fördernden und in die hindernden — und eiserne Folgerichtigkeit bei ihrer Lenkung und Beherrschung könnte hier Heil bringen; statt dessen bauen wir daran, wie an einem babylonischen Turm, im Parteigewirre leidenschaftlich sich befehdender Begierden, nicht in der Einmütigkeit einer wahren, erschöpfenden Einsicht. Sobald wir aber wirkliches Denken fordern, wird uns erwidert, es komme nur auf den Sinn für das Wirkliche an; diesen gelte es — im Gegensatz zu aller Theoretisiererei — zu hegen und zu stärken; der Deutsche sei lange genug Träumer gewesen, er solle jetzt praktisch werden. Schon gut; dieses Programm unterschreiben auch wir; praktisch ist

36 KULTUR UND POLITIK

es aber im hervorragendsten Sinne, sich zu überlegen, was es für eine Bewandtnis mit dem „Wirklichen“ habe, und ob es nicht etwa verschiedene Stufen des „Praktischen“ gebe, von denen jede der Beachtung wert sei. Nur derjenige handelt wirklich „praktisch“, der zuerst diese Fragen der reifen Besinnung vorlegt. Selbst ein so wenig zu Spintisiererei aufgelegter Mann wie Goethe gelangte auf der Höhe seiner Geistesreife zur Einsicht, erst „durch mächtige Geister gewännen unsere Vorstellungen Wirklichkeit“; wir Menschen erschaffen uns selber die Welt, in der wir leben; wohl bleibt die Unterlage bestehen — der Hunger und die Liebe, diese machen aber doch den geringsten Teil unserer Wirklichkeit aus; was sie färbt und bestimmt, was auf uns als Überzeugung, als Hoffnung, als Antrieb wirkt, das alles ist im letzten Grund eine Schöpfung des Menschengeistes. Wer sich dessen bewußt wird, wer nicht blind dahinstürmt, sondern sich zu allererst über sich selber besinnt — über sich und die Mitmenschen —‚ der erst wird ein wahrhaft freier Mensch, und ihm eröffnen sich bisher verborgene Quellen der Kraft und des Wachstums. Täte es ein ganzes Volk, täte es das deutsche Volk — das gewiß und trotz allem, was man dagegen anführen kann, mehr Befähigung dazu als irgendein anderes besäße —‚ entschlösse es sich heute dazu: es würde in wenigen Jahren dahin gelangen, die ganze Welt moralisch und intellektuell, dadurch aber auch in jeder anderen entscheidenden Hinsicht zu beherrschen; denn sein Handeln wäre fortan richtig, planmäßig, stark, schnell, zielbewußt und zielerleichternd, mit einem Worte, was man „wissenschaftlich“ zu nennen pflegt. Denn unter Wissenschaft verstehen wir heute nicht bloß gelehrte Fachstudien: jede auf Grund genauer Sachkenntnis zielbewußt geleitete Tätigkeit verdient diese Bezeichnung: es arbeiten viele daran, Industrie und Handel in Deutschland „wissenschaftlich“ zu gestalten. Unsere ganze Wissenschaft der Natur, die auf den Gebieten der Welterforschung und der technischen Verwendung zu Ergebnissen geführt hat, die alle Märchenträume übertreffen, kann als   d i e   F o l g e   r e i n e r   B e s i n n u n g   bezeichnet werden: die Besinnung erst zeigte die Wege; das übrige folgte von selbst. Wir Menschen sind auch Natur: wollten wir uns nur über uns selber besinnen, wir würden uns selbst beherrschen, wie wir heute die Natur beherrschen — nicht mehr, aber auch nicht weniger; das heißt,

37 KULTUR UND POLITIK

das dunkle unausforschliche Element bliebe, wie dort, so hier, aber wir hätten zweierlei gar köstliche Gaben gewonnen: das bewußt angewandte Verfahren zur Steigerung unseres ganzen menschlichen Wesens und Wirkens, und — in Verbindung hiermit — ein zwar nicht vollkommenes, aber immerhin brauchbares Gleichgewicht zwischen dem Tatendrang des äußeren und der Glückessehnsucht des inneren Menschen. Es hat keinen Zweck, an dem Grabe unbewußter Jugendkräfte trauernd zu sitzen; wir treten ins Mannesalter ein und damit in dessen Pflichtenkreis; in einer Beziehung ist das auf alle Fälle Rückschritt, in einer anderen kann es — wenn wir wollen — beglückender Fortschritt sein; will der Mann in der gleichen Weise weiterleben, wie der Jüngling lebte — verschwenderisch, unüberlegt, sturmgetrieben —‚ so rennt er notwendig ins Verderben; dagegen, faßt er sich, so gehört ihm die schönste Zukunft. Das erkannte vor hundertfünfzig Jahren Immanuel Kant; „die Freiheit zu retten,“ schwebte ihm als Ziel vor; denn er sah ein, daß die wahre Freiheit von allen Seiten heute bedroht sei; ja, daß sie in Todesgefahr schwebe; und er begriff, daß die Kultur, die mit ihrem Verluste zugrunde ginge, nur durch die „Politik“ gerettet werden könne, und zwar, indem wir mit vollem Bewußtsein daran gingen, ein Reich zu errichten, „was nicht da ist, aber durch unser Tun und Lassen wirklich werden kann“. Da haben wir den besonnenen „Realismus“: das Wirkliche sollen wir nicht als Gegebenheit hinnehmen, vielmehr sollen wir uns diejenige Wirklichkeit erschaffen, die uns am förderlichsten ist, — uns Gesamtheit, innerhalb deren ein jeder trägt und getragen wird. Im letzten Grunde handelt es sich um die Bändigung der dumm-tierischen Willenstriebe im Dienste einer nach wissenschaftlichen Grundsätzen organisierten, bewußt gestaltenden Staatskunst.
    Diese Gedanken kreisen mir durch den Kopf, da ich wieder einmal Hammachers anregungsreiches Buch „Hauptfragen der modernen Kultur“ (Teubner, 1914) aus der Hand lege. Nicht daß ich sie dort gefunden hätte und den Bonner Philosophen dafür verantwortlich machen wollte; Hammacher beschränkt sich auf die Besinnung und nennt als sein Ziel, „den metaphysischen Charakter der modernen Kultur festzustellen“; doch gerade die hier gebotene, tiefe — um nicht zu sagen abgrundtiefe — Besinnung ruft als Gegen-

38 KULTUR UND POLITIK

wirkung den unwiderstehlichen Drang zu entscheidenden Handlungen hervor. Der philosophische Fachmann gehört als solcher nicht vor das Forum dieses Blattes; was uns hier interessiert, ist der Blick, den ein in sozialen Fragen durchaus bewanderter, in Rechtsgelehrsamkeit und Staatenkunde nicht minder erfahrener, somit unser öffentliches Leben genau überschauender Denker auf die gesamte soziale Lage der Gegenwart richtet, ein tief-trauriger, eigentlich hoffnungsloser Blick; denn er sieht die Zivilisation mit der Gedankenlosigkeit und der maschinellen Kraft und Unerbittlichkeit eines Riesendampfhammers die Kultur zerstampfen und vernichten; ergriffen ruft er aus: „Diese Männer gilt es, aus der Zivilisation zu erlösen und für die Kultur zu gewinnen!“ Doch daß dies gelingen könnte, dazu gibt er keine Hoffnung. Man beachte: der Verfasser ist nicht philosophischer Pessimist; im Gegenteil, er knüpft an Hegels Gedankenwelt an und besitzt für seinen eigenen metaphysischen Bedarf den Glauben an einen „ewig werdenden Gott“, so daß ihm um das Weltall nicht bange ist: uns aber — uns moderne europäische Menschen mit unserer ganzen gerühmten Wissenschaft und Kultur — hält er nach nüchterner, eingehender Prüfung aller Lebenseracheinungen für verloren. Indem unsere rein verstandesmäßige Geistesrichtung darauf ausgeht, mit Hilfe der Wissenschaften den Menschen eine neue Umgebungswelt zu erobern, „schafft sie eine objektive Sachkultur, die dem Individuum als beherrschende Lebensmacht gegenübertritt“ und infolgedessen „die Persönlichkeit zertrümmert...“. Um uns herum — zugleich aber an uns und in uns — wird „ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Masse und Individuum geführt“; in einer Reihe von Kapiteln wird dieser Kampf verfolgt: im Recht, im Staat, in den Erscheinungen des Kapitalismus und des Sozialismus, in der Frauenfrage, der Religionsfrage, den neueren Weltanschauungsversuchen und Kunstgebilden usw.; überall behält die Masse die Oberhand, überall unterliegt die schöpferische Gewalt des großen Einzelmenschen; von Tag zu Tag wächst die Gleichförmigkeit; „der durch die besonderen modernen Lebensbedingungen erzeugte Triumph der Mittelmäßigkeit steht bevor“; Gewalt der Majorität über die Minorität „heißt Gewalt der Ungebildeten über die Gebildeten“; „wegen der ständigen Zunahme der objektiven Kultur in ständig verstärktem Spezialistentum ist eine schließliche Erschöpfung der

39 KULTUR UND POLITIK

geistigen Kraft unvermeidlich“; „entweder siegt die Masse und tötet allen Kulturfortschritt, oder das Individuum wehrt sich erfolgreich gegen die Ansteckung und bleibt vorläufig Herr, wird aber so sehr von dem Zusammenhang mit dem Volke getrennt, daß ihm die zur Reproduktion (wohl Schöpferkraft?) erforderlichen Kraftquellen versiegen.....“ usw. Und „hat erst die Masse einen vollständigen Sieg erfochten, so bleibt uns nur der Untergang“.
    Nennt der Verfasser die Politik „Kunst des Möglichen“, so wollen wir philosophisch nicht mit ihm rechten; mir scheint aber, dieser Opportunismus erschöpfe den Begriff nicht, und große Politik bestehe darin, das Unmögliche möglich zu machen; das ist das eigentlich „politische“ daran, das weitere ist bloß ein mehr oder weniger dumpfes oder schlaues Fortschieben der Regierungsmaschine. So kann z. B. niemand die Geschichte der europäischen Mittelmächte zwischen 1850 und 1870 nachsinnend überdenken, ohne die Überzeugung zu gewinnen, daß die Einigung Deutschlands unmöglich war — ohne die Dazwischenkunft des einen Politikers Bismarck. Ich streite nicht um Worte und betone nur, daß wir praktischen Menschen wohl daran tun, von der Politik das Unmögliche zu fordern, denn nur auf diesem Wege erhalten wir das Reich, „was nicht da ist, aber wirklich werden kann“. Und gerade hier erblicke ich das Heil, an dem Hammacher verzweifelt; ich bin tief überzeugt, daß das Unmögliche möglich ist und daß aus der Glut der jetzigen Zeit ein neuer deutscher Staat hervorgehen könnte — zweckmäßiger gegliedert, die Kräfte wirksamer zur Geltung bringend, zielbewußter nach außen, kulturfördernd nach innen. Freilich, wie Kant lehrt, „jede Wirklichkeit entsteht durch Beschränkung“ und ich beschränke mich streng auf Deutschland; es genügt von Menschheit, ja, von Europa oder sogar von Mitteleuropa zu sprechen, und das Ganze hat weder Hand noch Fuß. Und hier kann ich auf vortreffliche Worte Hammachers verweisen: „Ich behaupte: beim Staat wie beim einzelnen ist der Egoismus so viel wert wie derjenige, der ihn hat. Auch die Nation, insonderheit die staatlich organisierte, ist eine starke Individualität, ein Eigentümliches, das eben deshalb selbst wertvoll ist, wie nach früherem gerade die Persönlichkeit die Trägerin des Überindividuellen ist. Und wie die Menschheit nur durch die Summe und die Aufeinanderfolge der Individuen zur Totalität,

40 KULTUR UND POLITIK

zur konkreten Einheit in die Vielheit gelangt, so gehört zu ihrer Vollendung auch geschichtliche Bewegung der Nationen und ihrer eigentümlichen Kulturen. Eben deshalb reicht das Recht soweit wie die Macht: d. h. indem das Besondere und Unwiederholbare als solches schon von Wert ist, so besteht seine Legitimation in dem Vermögen, sich durchzusetzen; daher muß die Nation sich im Kampfe stählen und ihre Tüchtigkeit beweisen.“
    Nicht habe ich über die dreihundert reichen Seiten dieses gedankenvollen Buches ein trockenes Referat geben wollen; es liegt mehr daran, daß es selbst gelesen wird; hier muß die Persönlichkeit des Denkers in ihrer sehr ausgesprochenen Eigenart auf den einzelnen wirken. Daß ein so freier, im besten Sinne des Wortes „moderner“ Mann deutlich den Abgrund erblickte, in den wir hineinjagen, ist geeignet, jeden ernsten Menschen zur Besinnung zu rufen. Sehen wir es nicht jetzt mit Augen, um uns herum, in welchen Pfuhl die Zivilisation des zwanzigsten Jahrhunderts geraten war? Und darf sich der Deutsche an die Brust schlagen: ich danke dir, Vater, daß ich nicht ein Sünder wie jene bin? Ich glaube es nicht. Aber ich glaube an Schätze reiner Kraft in seinem Busen und glaube an seine Fähigkeit, das neue Reich „wirklich“ zu machen, wenn er nur den Entschluß faßt, sich zu besinnen, und den weiteren, zu wollen. (Januar 1923.)




41


„KATHOLISCHE“ UNIVERSITÄTEN

Denn was die Freiheit langsam schuf,
Es kann nicht schnell zusammenstürzen,
Nicht auf der Kriegsposaune Ruf;
Doch hat die List den Boden untergraben,