| Here
under follows the transcription of the 2nd edition of Heinrich von
Stein
und seine Weltanschauung, by Houston Stewart Chamberlain and Prof.
Friedrich Poske, published by Georg Müller, 1905. The first
edition
was published by Georg Heinrich Meyer in 1903.
This
book consists of three parts: Heinrich von Stein (1857-1887),
written
by H. S. Chamberlain, Heinrich von Steins „Vermächtnis“,
by
von Stein himself, and Heinrich von Steins Weltanschauung, by
F.
Poske. A first version of Chamberlain's contribution was written in
French
for the Revue des Deux Mondes (Un
Philosophe Wagnérien: Heinrich von Stein (1857-1887), June
15,
1900, p. 831-858), later translated into German by Daniela
Thode and
published
in the Bayreuther Blätter, 1902, X - XII.
|
I
Heinrich von
Stein
und seine Weltanschauung
Von
Houston Stewart Chamberlain
und Friedrich Poske
—————
Nebst
Heinrich von Steins
„Vermächtnis“
Zweite Auflage
—————
München und
Leipzig
bei Georg Müller
1905
II
Vorwort
Die biographische
Skizze über Heinrich von Stein ist ursprünglich in
französischer
Sprache verfasst und in der
Revue
des deux Mondes (15. Juni 1900) veröffentlicht worden. Eine
Übersetzung
von Frau
Daniela
Thode ist vor kurzem in den Bayreuther Blättern
(1902,
X—XII) erschienen. Hierauf fussend hat der Verfasser für die
vorliegende
Ausgabe den Text einer durchgehenden Umarbeitung unterzogen und einige
Ergänzungen hinzugefügt. Mehrere Stellen, bei denen an
französische
Leser gedacht ist, hat der Verfasser doch nicht weglassen wollen, um
den
ursprünglichen Charakter des Aufsatzes nicht zu sehr zu
verändern.
Das Vermächtnis
Heinrichs von Stein stammt wahrscheinlich aus den Jahren 1881—83. Stein
hat es um jene Zeit bereits zwei Freunden vorgelesen, dann aber bis zu
seinem Tode mit anderen Aufzeichnungen unveröffentlicht
aufbewahrt.
Es hatte keine Überschrift und ist zuerst in dem Bande »Aus
dem
Nachlass von Heinrich von Stein« (1888) veröffent-
IV
licht
worden. Es
trägt den Stempel
ethischer Genialität; die darin enthaltenen Gebote sind nicht als
Forderungen eines Gesetzgebers gemeint, sondern vielmehr der Ausdruck
des
sittlichen Ideals, das eine edle Persönlichkeit sich selber
aufgerichtet
hat.
Der Aufsatz über
Heinrich von Steins Weltanschauung ist ein erster Versuch, die
leitenden
Begriffe dieser Weltanschauung, grossenteils mit Steins eigenen Worten,
im Zusammenhange darzustellen. Wer den angedeuteten Gedanken weiter
nachgehen
will, sei auf Heinrich von Steins Schriften und insbesondere auch auf
die
demnächst erscheinenden gesammelten Aufsätze verwiesen.
—————
1
Heinrich von
Stein.
1857—1887.
1.
Fast im selben
Augenblicke,
in welchem der unglückliche Nietzsche dem Wahnsinn verfiel, starb
in Berlin ein junger Dozent der Philosophie, Heinrich von Stein, der
einst
gleich jenem dem engeren Freundeskreis Richard Wagners angehört
hat.
Stein darf vielleicht als der einzige Schriftsteller gelten, den man
mit
Recht einen Schüler Wagners nennen kann. Nietzsche ist auf einer
ersten
Entwicklungsstufe der Nachahmer und Erweiterer des Bayreuther Meisters;
später wird er sein Gegner und Verlästerer. Stein, wenn auch
weniger glänzend, besass trotzdem mehr wirkliche
Originalität;
keine Zeile seiner Schriften kann als unmittelbare Nachahmung Wagners
betrachtet
werden. Seine geistige Physiognomie hat durch die Berührung mit
seinem
grossen Freunde nicht die geringste Umwandlung erlitten, doch findet
man
überall bei ihm die Wagnerische Anregung, eine gewisse allgemeine
Grundanschauung, Überzeugungen und Methoden, deren Quelle ohne
Zweifel
bei dem Verfasser von
2 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
»Oper
und
Drama«
zu suchen ist. Diese Thatsache würde allein schon genügen,
Steins
Schriften interessant erscheinen zu lassen, abgesehen von seiner
eigenen,
ganz hervorragenden Bedeutung. Und ist ihm auch noch nicht die
lärmende
Berühmtheit eines Nietzsche zuteil geworden, so besitzt doch Stein
in seinem Vaterlande eine zahlreiche Gemeinde begeisterter Bewunderer;
die besten Köpfe sind schon heute darüber einig, dass ihm
eine
hervorragende Stellung unter den Denkern und Schriftstellern der
Gegenwart
zukommt.
Schicke ich mich
nun an, das Leben Steins in wenigen Strichen zu skizzieren, so kann ich
mich leider auf keine Gesamtdarstellung berufen; eine Biographie Steins
fehlt noch; doch war ich — dank dem gütigen Entgegenkommen der
Familie
und einiger der nächsten Freunde Steins — in der Lage, eine ganze
Reihe unveröffentlichter eigenhändiger Dokumente von grossem
Werte kennen lernen zu dürfen. So in erster Linie das aus vierzehn
Heften bestehende Tagebuch Steins. das — leider mit grossen
Unterbrechungen
— von seinem fünfzehnten Lebensjahre an bis zu seinem Tode reicht;
sodann mehrere hundert Briefe; schliesslich eine Fülle von
Entwürfen
zu Dichtungen und Abhandlungen, vereinzelte Gedanken u. s. w. Auf
Grund dieser verschiedenen
3 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Dokumente
möchte
ich
nun versuchen, eine Umrisszeichnung der Persönlichkeit Steins zu
entwerfen.
Eine Bemerkung jedoch
muss vorausgeschickt werden. Man nennt Stein einen Philosophen: in
Wahrheit
war er mehr Ästhetischer als Philosoph, und mindestens ebenso sehr
Dichter
wie Ästhetiker. Vor allem und über allem aber war er
»Mensch«;
daher der persönliche Zauber, daher auch der wachsende Erfolg
seiner
Schriften. Vergeblich wäre das Bemühen, den Denker vom
Künstler
zu scheiden oder den Künstler von dem Mann der That; Stein
gehörte
zu jenen Wesen, die mit dem Bedürfnisse geboren sind, der Welt ein
grosses Geheimnis mitzuteilen, das ihr Herz in sich birgt; ihr ganzes
Leben
ist von diesem einzigen Bedürfnisse beherrscht, und welchem
Gegenstande
sie sich auch zuwenden, unter welcher Gestalt sie ihn auch behandeln,
immer
ist es dieselbe Idee, die sich darin einen Weg zu bahnen sucht. In
Stein
nun war diese vorherrschende — sein Leben und sein Werk gestaltende —
Idee
die Überzeugung, dass die sinnliche Welt uns nur ein
geringfügiges
Bruchstück der Wahrheit offenbare, dass der Mensch in seinem
Innern
eine unermessliche Kraft der Erkenntnis und des Erfindens besitze, und
dass er dieser Kraft nur bewusst werden und sich ihrer bedienen
dürfe,
um die menschliche Natur über sich selbst hinaus
4 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
zu
steigern. Auch hier
also die Vorstellung des »Übermenschen«; doch wie
anders
als
bei Nietzsche! Die Kunst nun ist das Element, in dem diese schlummernde
Kraft erwacht; daher denn die Intuition des Künstlers höher
steht
als die des Philosophen. Dergestalt ist die Kunst eine Quelle des
Wissens,
und zwar jenes Wissens, das für den Menschen am bedeutendsten ist.
„So liegt Erkenntnis im Schönen eingeschlossen. Sinn und
Bedeutung
ist in dem Kunstwerk darin, aber auf eigene Weise, unbegreiflich, nicht
auszudenken und doch ganz sinnlich unmittelbar.
Sinnlich-übersinnlich.
Das ist das Wesen der Schönheit.“ Und die wahre Grösse
eines
Philosophen hängt weniger von seinem Denken, seinen Theorieen und
Lehren ab, als von der im Herzen wurzelnden moralischen
Persönlichkeit.
„Das Einzige absolut Wichtige und Wertvolle der ganzen Welt ist die
Eigenart des menschlichen Innern.“ So sagt Stein in seinem
Hauptwerk,
der »Entstehung der neueren Ästhetik«. Und als er
einst
gefragt
wurde, ob auch er ein Schüler Schopenhauers sei, erwiderte er: „Für
diejenigen hat Schopenhauer am wenigsten gethan, die sich am lautesten
mit seinem Namen nennen. Mir scheint, was uns von ihm bleibt, ist kein
Theorem, — dieses überlassen wir den Schopenhauerianern, — es ist
eine grosse Erhebung des
5 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Geistes,
die uns im
tiefsten Innern gewisse ebenso klare, als lebhaft bewegte
Grundstimmungen
festhalten und betrachten lehrt. Ich glaube, die schlichte Wahrheit in
Schopenhauer tritt dann am deutlichsten hervor, wenn man, von seiner
Lektüre
sich abwendend, seine eigenen Worte („Wille“, „Ideen“ u. s. w.)
möglichst
bei Seite lässt. Dann entsteht eine Wirkung von dem Ganzen seines
Gedankens, wie von einem grossen Gedichte, wie von Homer.“ Das war
es, was Stein von dem Wirken des Philosophen verlangte; und aus keiner
seiner Äusserungen können wir den allgemeinen Charakter
seines
eigenen
philosophischen Schaffens deutlicher entnehmen als aus dieser.
2.
Heinrich von Stein
ward
am 12. Februar 1857 zu Coburg geboren. Er stammte aus einem sehr alten
fränkischen Adelsgeschlechte, das noch heute am Fuss des
Rhöngebirges
seine, ihm seit dem 12. Jahrhundert gehörenden Besitzungen hat.
Franken
— mitten inne zwischen Bayern, Thüringen und Hessen gelegen —
bildet
so ziemlich den mathematischen Mittelpunkt Deutschlands; seine Edlen
sind
Franken reinster Rasse. Steins Mutter, eine Geborene von der Tann und
Schwester
des berühmten bayrischen Generals, gehörte dem gleichen
Volksstamme
und dem gleichen Adel an. An
6 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
dieser
Thatsache der
Abstammung
dürfen wir nicht achtlos vorübergehen. Freilich erscheint uns
in einem demokratischen Jahrhundert der Besitz eines Adelstitels als
ein
Ding von geringer Bedeutung, allein in einem Jahrhundert, das zu
gleicher
Zeit das der Naturwissenschaft ist, den Einfluss der Erblichkeit
leugnen
zu wollen, wäre ein sonderbares Unterfangen. Soweit wir
Nachrichten
besitzen, finden wir die Steins als Ritter im Dienste der Fürsten
von Henneberg und öfters als Schlossherren der Feste
Würzburg.
Im Laufe der Zeiten wurden sie zu Reichsrittern geschlagen — wie die
Berlichingen,
die Sickingen, wie so viele, die diesen Titel mit Ehren trugen — und zu
dem persönlichen Dienst des Kaisers herangezogen. Im Jahre 1609
wurde
dem Hofrat und Kanzler zu Bayreuth, Karl von Stein, der Freiherrn-Titel
verliehen. Späterhin kämpften die Steins unter dem
herzoglichen
Banner von Sachsen.
Wir sehen: was immer
für ein Amt das Leben ihm zuweisen mochte, als Edelmann und als
Soldat
war Heinrich geboren. Zum geistlichen Stande bestimmt, bewahrte er
dennoch
etwas von jener kriegerischen Haltung, die seiner Rasse
eigentümlich
ist. Ein Riese von Gestalt und mit jenem mächtigen Schulterbau,
der
die Franken vor den Sachsen auszeichnet, hätte er sich gut
ausgenommen
in Rüstung, hoch zu Ross, im Gefolge seines Banner-
7 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
herrn,
oder auf den
Wällen
des alten Würzburg, ein lebendiges Bollwerk. „Wie absurd in
unseren
Tagen sich der Waffendienst auch ausnimmt, ich hätte doch einen
ausgezeichneten
Offizier abgegeben,“ schreibt er einmal in seinem Tagebuch. In
dieser
äusseren Erscheinung, dieser sichtbaren, greifbaren Kraft, verriet
sich sein innerstes Wesen, wie es sich seit seiner Kindheit kundgiebt.
Auf einer der ersten Seiten seines Tagebuches ruft er, ein
Fünfzehnjähriger,
bei Gelegenheit eines soeben gelesenen Buches aus: „Ein
schmählicher
Tod heisst dreimal sterben.“ Und weiter: „Nie wird die Liebe Den
zur Ableugnung der Wahrheit bestimmen, der von der Wahrheit
durchdrungen
ist.“ Hier spricht sich das Ehr- und Pflichtgefühl aus, das,
auf
den Schlachtfeldern geboren und gross geworden, ein Erbstück
unseres
echten Adels ist. Es sollte die unerschütterliche Grundlage
für
den persönlichen Charakter des Menschen und Denkers werden.
Zu diesen
allgemeinsten
Zügen der Persönlichkeit kommt aber noch, dass sie von Hause
aus nach einer bestimmten Richtung zu blicken gewohnt war. Im Jahre
1543
hatten sich die Steins der Reformation angeschlossen. Als Protestant
geboren,
stand Heinrich von Stein in unmittelbarer Fühlung mit allen den
gewaltigsten
Geistesthaten des deutschen Volkes. Und da — für jeden
Tieferblickenden
— die Bestrebungen,
8 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
welche
der Begriff der
Reformation in sich schliesst, weniger dogmatische Bestimmungen und
Kirchenfragen
betreffen, als eine allgemeine Richtung des Geistes und des
Gemütes,
so musste ein Mann wie Stein aus der Angehörigkeit zur Reformation
vor allem die Mahnung entnehmen. selber an diesem Werke teilzunehmen.
Denn
sobald die Reformbewegung stillsteht, hat sie aufgehört, „Reform“
zu sein. Reform muss That sein — Bewegung, Streben, Forschen,
Kämpfen.
Ihr Hauptzweck ist, das Individuum vor jener Erstarrung des
religiösen
Lebens zu bewahren, die aus jedem kirchlichen Despotismus sich ergiebt.
Gewiss hat der deutsche Protestantismus Zeiten solcher Erstarrung
durchgemacht,
doch wird niemand in Abrede stellen können, dass seit der Mitte
des
18. Jahrhunderts eine neue, tiefgreifende „Reformbewegung“ am Werke
ist,
eine Bewegung, bei der die Theologen nicht führen, sondern nur
mühsam
nachfolgen, eine Bewegung, die von den grossen deutschen Dichtern und
Denkern
ihren Ausgang genommen hat und noch heute nimmt. Wieland und Herder,
Goethe
und Schiller, Kant und Schopenhauer: von ihnen allen geht eine Wirkung
aus, die das religiöse Denken und Empfinden tief umgestalten muss;
und ihnen schliesst sich in seinem Leben und seinen Werken Richard
Wagner
an, der aus-
9 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
drücklich
seine
Hoffnung
auf ein Zukünftiges, auf „eine reinste, der christlichen
Offenbarung
zu entblühende Religion“ setzt. Wie sollte ein Nicht-Protestant an
dieser grossen Bewegung teilnehmen? Stein dagegen gehörte ihr von
frühester Jugend an. Gleich auf den ersten Seiten seines
Tagebuchs,
vom Dezember 1872, spricht er fast nur von Religion und träumt von
einer tiefgreifenden Reform jener Kirche, in deren Dienst einzutreten
er
sich vorbereitet. Wohl ist seine Bewunderung für Luther gross,
doch
will er sich nicht dogmatisch durch ihn begrenzen lassen. „Man ist
mit
unserer Religion nicht mehr zufrieden, und es ist höchst
bedenklich,
dass immer die grössten Geister schlechte Christen waren... Es
würde
sich darum handeln, eine Religion zu finden, die ihre Thore weiter
öffnet
und der Auffassung (der Individuen) Raum giebt. Ich glaube aber, dass
diese
gefunden würde, wenn man das Christentum auf s e i n e
n K e r n zurückführte, aller nicht
von
dem Stifter herrührenden Einkleidungen entkleidete... Das
Mittelalter
hatte der Apostel Lehre negativ entwickelt, d. h. mehr
beschränkend
als geistig erweiternd. Luther stellte die Apostel-Lehre wieder her.
Herrlich
reinigende That! auf der Jeder fussen muss, der weiter bauen will.
Luthers
Nachfolger haben ihn aber wieder negativ entwickelt, und schon
10 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
bedarf
es Einiges,
um
Luther rein darzustellen. Heisst es aber nicht, den, der auf die
Apostel
zurückging, richtig fortsetzen, wenn man weiter auf Christus
zurückgeht?
... Christus, der eine Religion gründete, die Jahrhunderte lang
das
Allerherrlichste gewirkt hat, die immer noch nach bald zwei
Jahrtausenden
auch von ihren nicht unbedingten Anhängern als die edelste
Religion
bezeichnet wird, kann solche Schwächen (wie die Apostel) nicht
gehabt
haben, vor allem, weil ich glaube, dass an seiner Gottheit unbedingt
festzuhalten
sei. Aber auch die, welche ihn für einen ausserordentlichen Genius
halten, können die Möglichkeit nicht ableugnen, dass er weit
über seine Zeit erhaben war und deshalb wohl für alle Zeiten
Gültiges gesagt hat. Die Apostel waren das eben nicht (was schon
aus
Einzelheiten ihrer Schriften gewiss nachweisbar ist). Sie können
recht
wohl Christus einseitig aufgefasst haben, weil sie nicht so hoch
standen,
und dadurch den Grund zur Intoleranz gelegt haben.“
Diese Tagebuchstelle vom 28. Dezember 1872 zeigt mit aller
Deutlichkeit,
inwiefern der fünfzehnjährige Jüngling sich schon dem
eigentlichen
Reformationsgedanken als sein überzeugter Verfechter angeschlossen
hatte.
Ein Edler war also
Stein und ein Protestant; noch ein grundlegender Zug kommt hinzu: er
war
ein Deutscher.
11 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Stein
ist so deutsch,
dass
es immer schwer fallen wird, seine Persönlichkeit einem
Nichtdeutschen
vollkommen fasslich zu machen. Wie es im Deutschen für das Wort
»esprit«
keinen gleichwertigen Ausdruck giebt, so besitzt auch der Franzose kein
Äquivalent für das Wort »Gesinnung«, und jedem
dieser
so völlig idiomatischen Ausdrücke entsprechen auch ganz
bestimmte
Züge des Charakters und des Denkens; dass das Wort fehlt, bezeugt,
dass das Ding entweder garnicht oder nur in einem rudimentären
Zustande
vorhanden ist. Nichts ist nun charakteristischer für Stein und
nichts
ist so ausschliesslich deutsch an ihm als eben seine Gesinnung. Dieses
Wort bezeichnet zugleich die Anschauungen und das Verhalten, das Denken
und das Thun eines Menschen; es erklärt weder das Eine noch das
Andere,
aber es klärt uns auf über die Beziehungen des Einen zum
Andern.
Es giebt Ansichten, die ein Mann von Gesinnung nicht haben kann; sein
Charakter
verbietet es ihm; andrerseits werden die von ihm gehegten Ansichten
gebieterisch
bestimmend auf sein Verhalten wirken. Es handelt sich hier um ein
Ineinandergreifen
der Elemente der menschlichen Psyche, wie es ganz besonders der
deutschen
Seele zu eigen ist. Selbst der Engländer hat keine entsprechende
Bezeichnung
für dieses Wort »Gesinnung«, das sich in keiner
anderen
germanischen
12 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Sprache
vorfindet. Ich
glaube, Aristoteles würde diese geistige Beziehung eine δύναμις
des
moralischen Wesens genannt haben. Gerade für Stein war nun dieses
unablässige gegenseitige Durchdringen der beiden Hälften der
Persönlichkeit — der moralischen und der intellektuellen — in
hohem
Grade bezeichnend; er war eben deutsch bis in das Mark.
Diese
verschiedenen,
gewissermassen das Knochengerüst dieser starken
Individualität
ausmachenden Züge glaubte ich besonders hervorheben zu
müssen,
denn sie allein sind wesentlich. Auf biographische Einzelheiten aus der
Kindheit Steins werde ich nicht näher eingehen; was ich von seiner
Familie gesagt habe, möge hier genügen. Seine Schulzeit
verlebte
Stein auf den Gymnasien zu Merseburg und Halle. Der Historiker Buckle
las,
wie man erzählt, drei Bände am Tag; ebenso unersättlich
scheint auch Stein gewesen zu sein. Die Menge der Bücher, die er
während
der letzten Schuljahre verschlang, ist wahrhaft erschreckend. Von
Sophokles
und Plato an bis auf den letzten Roman Paul Heyses, der theologischen
Schriften
eines Döllinger und Hase nicht zu vergessen, umfasst seine
Lektüre
so ziemlich alle Gebiete. Poetische Versuche entstehen in Hülle
und
Fülle; ja, er schreibt griechische Verse. Noch bezeichnender
für
seine besondere Art ist aber
13 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
folgender
Zug: um in
die
unzählbare Menge von Dichtungen, die er gelesen, ein wenig Ordnung
zu bringen, entwirft Stein eine sehr komplizierte analytische Tabelle
der
verschiedenen Dichtungsarten mit zahlreichen Unterabteilungen, in der
alles
seinen Platz erhält, von Anakreon an bis Rückert, — doch,
kaum
beendigt,
genügt ihm diese rein theoretische Arbeit schon nicht mehr, und er
stürzt sich in ein endloses Lehrgedicht über denselben
Gegenstand,
in welchem er vor dem erstaunten Leser alle Dichter vorüberziehen
lässt, mit der Nachtigall beginnend und mit Schiller und Goethe
abschliessend!
In dem Jahre, als er sein Abiturientenexamen machen sollte, sagte ihm
einer
seiner Lehrer: »Schaffen Sie sich allgemeine Bildung an, Stein;
Sie
anticipieren sich; es ist noch nicht Zeit für Sie, sich
abzugrenzen;
Sie haben früher ganz anders gearbeitet.«
Diese Worte machten dem Jüngling
einen lebhaften Eindruck, öfters kommt er in seinem Tagebuch auf
sie
zurück. Sein vieles Lesen gab ihm keine wirkliche Bildung;
vielmehr
versäumte er darüber die ernste Arbeit. Der Lehrer hatte die
so zarte Saite des Pflichtgefühls in ihm berührt; er geht in
sich,
begiebt sich von neuem an das Studium und besteht das schriftliche
Examen so glänzend, dass ihm die mündliche Prüfung
erlassen
wird.
Von dem Tage vor dem Examen finden
14 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
wir
in
seinem Tagebuch
den
Wahlspruch,
der ihm fortan, wie ein Leitstern, auf dem Ozean des Lebens voran
leuchten
sollte: „Wolle das Grosse und
Schöne, dann wird das Können
nicht
fehlen.“
Stein wurde im Jahre 1874,
im
Alter von siebzehn Jahren, als Student der Theologie in Heidelberg
immatrikuliert.
Ehe er die Universität bezog, verbrachte er in Berlin eine
Ferienzeit,
die ihm dauernde Erinnerungen zurückliess. Das lebhafte Treiben
der
Grossstadt,
die in Museen aufgehäuften Schätze, die Theater, tausend neue
Dinge blendeten den auf dem Lande und in Provinzstädten
aufgewachsenen
Jüngling. »Ich habe mich entschlossen, einen guten Teil
meines
Lebens in Berlin zu verbringen, komme, was mag,« ruft er in
seinem
Enthusiasmus aus. In Berlin! Wie viel sollte er in dieser Stadt zu
leiden
haben, ehe er starb. Ein Hauptereignis aus seinem ersten Berliner
Aufenthalt
ist besonderer Erwähnung wert. Am 24. März 1874 hörte
Stein
zum ersten Mal in seinem Leben und zwar unter besonders günstigen
Umständen, die »Meistersinger«. Betz sang den Sachs,
Frau
Mallinger die Eva, beide Rollen ihnen von Wagner früher selbst
einstudiert.
Stein, der bis dahin nur schlechten Verstümmelungen von
»Tannhäuser« und »Lohengrin« auf
Provinzialtheatern beigewohnt hatte,
war
hingerissen. Nach-
15 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
dem
er
in seinem
Tagebuch diesen
Abend
eingehend besprochen, fügt er hinzu: „
Noch höre ich die
Töne,
noch sehe ich die Bilder — das mag vergehen; aber der überaus hohe
Begriff, den ich ganz besonders heute von Wagners Genius empfing, wird
mir
bleiben.“ Wagner sagt, in den Meistersingern habe er der
deutschen
Volksseele
ihr Bild vorhalten wollen; es hat aber viele Jahre gedauert, ehe das
deutsche
Volk ihn begriff; Stein dagegen erkannte sich selbst sofort, und wir
wissen,
was Jugendeindrucke für ein zartbesaitetes Gemüt bedeuten.
Mit dem ersten Schritte in
die
theologische Fakultät hörte Stein auf, Theologe zu sein; nach
den oben angeführten Gedanken aus seinem Tagebuch kann uns das
nicht
befremden. Jenen neuen geträumten Luther fand er auf den
akademischen
Lehrstühlen nicht. Vielmehr neigte die Dogmatik der
Universitäten
damals zu einer Reaktion gegen den aus
Schleiermachers
Schule
hervorgegangenen
Liberalismus, der nur zu häufig zum Abfall vom Glauben
geführt
hatte. Der junge Student war durch das schwankende und
zusammenhangslose
Wesen des Unterrichtes befremdet. Er bemerkte in seinem Tagebuch, dass
jeder Professor seinen Standpunkt vertrete — unbekümmert um den
des
andern: keine Einheit der Überzeugung oder der sich geltend
machenden
Lehre war vorhanden.
16 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Während
ihm nun
durch diese
zersetzende
Berührung das Interesse für die Theologie allmählich
verblasste
— nur die Kirchengeschichte zog ihn noch an — hatte er in der Person
des
Heidelberger Professors Kuno Fischer einen beredten Historiker der
Philosophie
gefunden, dessen Vorlesungen ihn mit wachsender Begeisterung
erfüllten.
Mehr und mehr sehen wir nun den jungen Theologen sich zur Philosophie
hinneigen;
ein wahrer Zwiespalt entsteht in seinem Herzen zwischen dem alten
Glauben
und den neuen Richtungen. Nirgends ist sein Tagebuch von solcher
Ausgiebigkeit
wie an dieser Stelle; die Aufzeichnungen aus den Jahren 1874 und 1875
füllen an sich allein zehn Hefte; und alles, was der Jüngling
über den Konflikt in seinem Innern schreibt, ist ergreifend.
Schritt
für Schritt aber muss man dem in diesen Heften erzählten
inneren
Drama folgen; denn es zusammenfassen, hiesse es entstellen.
Übrigens
ist
gleich von der ersten Seite an der Ausgang des Konfliktes leicht
vorauszusehen;
denn Stein ist ein geborener Philosoph; das ist seine Natur und sein
Beruf;
selbst seine Dichtung ist die Dichtung eines Denkers, und nur auf
Umwegen
ist er im Laufe der Jahre mehr und mehr zum Künstler geworden.
Indem
er der Theologie entsagte, um sich der Philosophie zu widmen, that er,
was er thun musste, und sah er sich auch
17 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
genötigt,
sich von
der
Orthodoxie
loszusagen, so blieb er dennoch religiös.
Anfang 1875 muss er sich selber
gestehen, dass ihm die Theologie nicht mehr am Herzen liege; doch indem
er einem seiner Professoren seinen festen Entschluss mitteilt, die
Studien
innerhalb dieser Fakultät nicht fortzusetzen, fügt er hinzu:
„Was mir bleibt und den innersten
Grund meines Herzens ausmacht, ist
die
Liebe zu den religiösen Dingen, die Sehnsucht nach einem
aufrichtigen
Glauben.“ Und in der That, von nun an ist sein Leben mehr und
mehr ein
religiöses. Man hat die Empfindung, als habe er, indem er die
Dogmen
der Kirche abschüttelte, sich geschworen, aus seinem Leben selber
eine
Religion der That zu machen. Schon lange in das Studium von Kant
vertieft,
hatte seine Bewunderung es ihm bisher verwehrt, an diesem Philosophen
auch
nur das Geringste auszusetzen. Jetzt aber, an dem Tage, an dem seine
Entscheidung
unwiderruflich gefallen war, wendet er sich gegen das, was ihm der
schwächste
Punkt der Kantischen Lehre dünkt: die Religionslehre. Schopenhauer
bemerkt sehr geistreich, dass der kategorische Imperativ, dieser
Angelpunkt
der Kantischen Sittenlehre, sich der wahren Moral gegenüber etwa
so
verhalte, wie ein hölzernes Bein zu einem lebendigen aus Fleisch
und
Knochen. Damals kannte Stein Schopenhauer noch nicht.
18 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
oder
höchstens
sehr
oberflächlich;
sein tief religiöser Instinkt war es, der ihm im eigenen Herzen
den
Mittelpunkt und Herd aller wahren Religion zeigte und ihn erkennen
liess,
dass einer solchen die Vernunft ohne die Liebe niemals würde
genügen
können. Und noch ein weiteres Symptom der stattfindenden inneren
Umkehr.
Mit der Strenge eines Asketen kämpfte Stein gegen die Triebe
seiner
aufblühenden Jugend, gegen die Leidenschaft seiner erregten Sinne,
die ihn bis in seine Träume hinein verfolgt. Als er eines Morgens
aus Fieber-Phantasieen erwacht, ruft er aus: „Ach, nun begreife ich,
dass
die Leidenschaft um den Verstand bringen kann! Wie süss muss es
sein,
aus Liebe zu sterben!“ Doch augenblicklich auch richtet er sich
mit
einem
willenfesten: Vade retro, Satanas! empor. Er hat, so fühlt er, ein
Werk
zu vollbringen, ein Leben, und zwar ein würdiges, zu leben.
So wendet er sich
denn
endgültig
von der Theologie ab und der Philosophie zu. Doch vollzieht sich diese
Wandlung auf sehr charakteristische Weise und bereichert die seelische
Entwicklung, die ich hier zu beschreiben versuche, um einen neuen Zug.
„Die Theologie,“ sagt uns das
Tagebuch, „baut von oben nach unten,
sie
steigt aus den Wolken herab auf die Erde. Ich kenne diese Methode und
bin
ihrer müde; von nun an will ich den entgegengesetzten Weg
einschlagen
und das
19 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Gebäude auf fester Grundlage
aufrichten,
nämlich dem
lebendigen Felsen, den ich
da unter meinen Füssen spüre.“ Darum beschliesst er
die Naturwissenschaften
zu studieren, ein Schritt, dessen Bedeutung für den Werdegang
seines
Geistes gewiss nicht minder hoch anzuschlagen ist, als sein Verzicht
auf
die theologische Laufbahn. Man hätte fürchten können,
der
junge Gelehrte, von platonischen und kantischen Gedanken
durchtränkt,
würde sich in irgend eine Hegelsche oder Hartmannsche Scholastik
stürzen.
Was ihn daran verhinderte — ich scheue mich nicht, es auszusprechen —
war
ein religiöses Gefühl oder wenigstens ein diesem verwandtes:
die Ehrfurcht vor dem Leben, der gebieterische Trieb des Herzens, den
er
wie im Menschen, so auch in der Natur wiederfand und für welchen
Kant,
wie wir sahen, ihm nur eine unbefriedigende Antwort zu geben vermocht
hatte.
In hohem Grade beachtenswert ist es, dass Stein sich hütet, sich
wie
so viele Neulinge mit vollen Segeln der Metaphysik Schopenhauers
anzuvertrauen.
Wohl lernte er diesen grossen Denker kennen und bewundern, doch bei
seinem
Durste nach positiven Kenntnissen — der ihm übrigens mit dem
jugendlichen
Schopenhauer gemein ist — konnte ihm das in einem Menschenhirn
widergespiegelte
Abbild der Welt nicht Genüge thun; erst später hat er sich
eingehend
mit Schopen-
20 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
hauer
beschäftigt
und ihm — bei
aller Wahrung der eigenen Unabhängigkeit — tiefste Verehrung
gezollt.
Was ich hier als den religiösen Trieb bezeichnet habe, war es, was
ihn rettete; denn für einen dem abstrakten Denken so entschieden
zugewendeten
Geist wäre die reine Philosophie ein Gift gewesen.
Stein selber glaubte
in dem neuen
Kurs, den er jetzt einschlug, keine Veränderung der Richtung,
sondern
nur eine Veränderung der Methode zu erblicken. In dem seiner
Doktor-These
beigefügten curriculum vitae schreibt er: Philosophiae, primum cum
theologia, tum vero cum scientiis naturalibus imprimis physiologia
conjunctae
studio me dedi.
Wir sehen, Stein meint es
sehr
ernst mit seinen physiologischen Studien; doch muss ich hier darauf
aufmerksam
machen — denn für ein richtiges Verständnis seiner
Geistesentwicklung
ist es von Bedeutung — dass er sich in dieser Beziehung einer grossen
Täuschung hingab. Indem er sich begierig auf die Wissenschaften
warf
und dort den »lebendigen Felsen« zu finden hoffte, auf den
er
seine
Philosophie würde aufrichten können, benahm er sich in
Wirklichkeit
immer noch wie ein der Theologie kaum erst Entronnener. Die Liste der
von
ihm gehörten Vorlesungen, wie ich sie seinem Tagebuch entnehme,
zeugt
— vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus beurteilt — von einem
durch-
21 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
aus
verwerflichen
Studienplan. Der Dichter Novalis — Geologe und Mineningenieur — war
ihm in diesem Punkte weit überlegen. Das Studium der
Naturwissenschaften
mit den Büchern von Darwin
und Haeckel und den Handbüchern
der
Anthropologie zu beginnen, wie es Stein that: das taugt nichts.
Später, in Berlin, hörte
er nur die Vorlesungen über Mathematik, höhere
Physik,
und — wenn ich so sagen darf — höhere Physiologie:
Physiologie des Nervensystems, des
Gehirns,
Elektro-Physiologie u. s. w. Augenscheinlich war er sich
darüber
nicht
klar, dass auch die Naturwissenschaft ein »Oben« und ein
»Unten« hat
und dass ihr wahrer und einziger Berührungspunkt mit der
empirischen
Erde, ihre Grundlage und Daseinsberechtigung, die persönliche und
unmittelbare Beobachtung ist.
Stein war eben und blieb
zu allen
Zeiten Philosoph, und wir dürfen den Worten: »cum scientiis
naturalibus«
nicht viel mehr Bedeutung beilegen, als jenen anderen: »cum
theologia«.
Das Wesentliche sind hier nicht so sehr die wissenschaftlichen
Kenntnisse,
die er sich aneignete und die seinen Geist eher zerstreuten, als dass
sie
ihn wirklich bereichert hätten, vielmehr ist das Wesentliche der
Instinkt,
der ihn antreibt, sich mit dem pulsierenden Leben um ihn her in
Berührung
zu setzen. Dieser Instinkt führt denn auch zu dem paradoxen Er-
22 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
gebnis,
über das
ich jetzt zu
berichten
habe: Stein, der Idealist, der Poet, der in seinem Tagebuche zwischen
Sonetten
über das Warum des Lebens Bemerkungen über die Optik von
Helmholtz
und über
Tyndalls
Theorie der Wärme anbringt, Stein wird zum
Schüler, und zwar zum glühend überzeugten Schüler
Eugen
Dührings, des Urhebers einer neuen realistischen und
materialistischen
Weltanschauung.
3.
Vielleicht ist der blinde Philosoph
Dühring
ausserhalb Deutschlands — vielleicht sogar selbst in Deutschland —
nicht
so bekannt, als er es verdient. Und doch ist es ein Mann von
unleugbarer
Bedeutung, dem es nur an einer gewissen Seelenweite fehlt, um eine
Persönlichkeit
allerersten Ranges zu sein. Er gehört, im Grunde genommen, zu der
Klasse der Misanthropen; an die Menschheit glaubt er, ja er liebt sie,
doch die einzelnen Menschen beschimpft er, so oft sich dazu nur die
Gelegenheit
bietet. Daher mag es kommen, dass die »Dühringianer«
zu den
unerträglichsten
Menschen gehören; denn, was man dem physisch so schwer
geprüften
Meister verzeiht, ist bei seinen Anhängern Arroganz und Manier.
Doch
gleichviel, lassen wir die Anhänger bei Seite und versuchen wir,
die
Philosophie Dührings in kurzen
23 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Worten
zu kennzeichnen.
Dühring
ist Mathematiker, sein besonderes Bereich ist die theoretische
Mechanik,
sein bedeutendstes Werk eine »Kritische Geschichte der
allgemeinen Prinzipien der Mechanik«. Von diesem
Mittelpunkt einer mechanischen Auffassung der Dinge aus strahlt der
bedeutende Geist Dührings nach allen Seiten hin: Mathematik,
Chemie,
Philosophie,
Soziologie, Nationalökonomie, litterarische Kritik, Rassenfrage
(Antisemitismus),
Religion — nichts entgeht ihm, und die Einheitlichkeit des
Gesichtspunktes
ist es, die diesem Ganzen unleugbar Grösse verleiht. Mensch und
Welt
erscheinen hier in einem höchst originellen Gehirn
wiedergespiegelt.
Und dies Bild ist ein so klares, Dührings Realismus verleiht ihm
so
scharfe Umrisse, dass man sich nicht verwundert, wenn sein System in
einem
Lande populär werden konnte, wo nebelhafte Wahngebilde nur zu oft
die
Gedanken
der besten Köpfe in eine erschlaffende Dämmerung
eingehüllt
haben, woraus aber andrerseits bei den Gebildeten ein um so
grösseres
Verlangen nach Klarheit entstand. Der Grundbegriff der
Dühringschen
Philosophie ist die Verneinung des Unendlichen. Nach ihm beweist das
Dasein des Endlichen zur Genüge, dass eine Unendlichkeit von Zeit
und Raum ein reiner Wahngedanke sei; das Eine ist die Verneinung des
Andern.
Da nun das Weltganze in jeder denkbaren Hinsicht eine end-
24 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
liche
Grösse
bedeutet, so liegt
es ausser allem Zweifel, dass der Mensch auch eines Tages es dahin
bringen
wird, es nach jeder Richtung hin zu erforschen und dessen Mechanismus
bis
in das feinste Räderwerk zu ergründen. Auf diese exakte
Wissenschaft
— die einzige, die des Namens »Wissenschaft« würdig
ist
— sollten alle Bestrebungen des Menschen gerichtet sein; wogegen die
Metaphysik
ein Unding und eine Verirrung ist, vor der die Menschheit gewahrt und
gehütet
werden sollte. »Die Wiedergeburt der freien Vernunft«, so
heisst
das
Ziel, das zu verfolgen ist und zu welchem der königliche Weg der
Mathematik
uns hinleitet. Man sieht, dass Dühring mit Auguste Comte verwandt
ist; doch stellt er charakteristischerweise Sophie Germain noch
über
Comte, weil sie ihn in der Mathematik übertraf, wie er z. B. aus
ähnlichem
Grunde auch den Mathematiker Vieta für einen bedeutenderen Denker
als den unsterblichen Descartes hält. Will er die grossen Namen
der
Wissenschaft anrufen, so nennt er Kepler, Galilei, Huygens, Lagrange —
niemals Boerhaave, Harvey, Jussieu, Cuvier, Lyell; denn ihm gelten die
beschreibenden und biologischen Wissenschaften als untergeordnete, und
verächtlich spricht er von den »Niederungen, in denen das
Leben
wimmelt«. Mit einem Wort: es ist die Philosophie eines Blinden,
eines
Mannes,
der über
25 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
eine
reiche Welt der
Abstraktion und
über gar keine Anschauung verfügt, und bei dem infolgedessen
Blindheit und Materialismus einen eigenartigen Bund eingegangen sind.
Ich
muss aber schnell hinzufügen, dass Dührings Materialismus
durchaus
nichts gemein hat mit dem trivialen, apothekermässigen Hylozoismus
eines Vogt oder
Büchner.
Welchen Wert er auf exakte Wissenschaft
legt,
sahen wir schon; nichtsdestoweniger lässt er die Philosophie aus
zwei
verschiedenen Wurzeln hervorgehen: aus der Wissenschaft und aus dem
Charakter.
Für ihn bedeutet der wissenschaftliche Trieb nichts, wenn er nicht
die Mitgift eines ebenso graden und selbstlosen als glühenden und
wissbegierigen Geistes ist. Um in dem Ideenbereiche Dührings zu
bleiben,
möchte ich sagen, dass, seiner Auffassung gemäss, die
Wissenschaft
eines Menschen die Grösse des möglichen Kraftaufwandes, seine
moralische Natur aber der Hebelarm ist: seine Leistung wird demnach das
Resultat des Zusammenwirkens beider sein. —
So ungenügend
und
fragmentarisch
diese Skizze
auch ist, sie wird doch genügen,
den Einfluss, den Dühring auf Stein haben musste, erraten zu
lassen.
Vielleicht war dieser Einfluss insofern schädlich, als er ihn von
den biologischen Wissenschaften abzog; doch glaube ich behaupten zu
dürfen,
dass dieser mögliche Verlust anderweitig
26 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
reichlich
ersetzt
wurde. Ein
oberflächliches
Studium des organischen Lebens erzeugt oft einen ungesunden
Mystizismus,
und es war gut, dass ein zu transscendenten Spekulationen hinneigender
Geist der unerbittlichen Disziplin der Mathematik unterworfen wurde.
Noch
wichtiger aber war folgender Umstand: Dührings Realismus ist nicht
allein Theorie, vielmehr ist er wesentlich ein praktisches Gebot. Liest
man gewisse philosophische Abhandlungen aus seiner Feder, so ahnt man
nicht,
welche glühende Begeisterung seine Schriften über die
Gesellschaft
und über die Zukunft der Menschheit beseelt. Von der unendlichen
Vervollkommnungsfähigkeit
des Menschen überzeugt, fordert er uns alle auf, an diesem edlen
Werke
teilzunehmen. Gerade Stein nun, der einsame Denker, ersehnte nichts
glühender
als die That, als die Gelegenheit, die in ihm schlummernden Kräfte
in den Dienst der Menschheit stellen zu können; und was ihn mit
Verzweiflung
erfüllte, war, dass er nirgends die Möglichkeit erblickte,
diesen
grossherzigen Drang zur Bethätigung zu bringen. Tiefe Schwermut
verrät
sein Tagebuch in den Zeiten der ersten Beziehungen zu Dühring.
Seinem
Gewissen war er gefolgt, als er die Theologie verliess; „aber nein
doch,“
sagten ihm die Professoren, „bleiben Sie dabei, ein wenig Zweifelsucht
schadet nicht...“ Ich habe die Entwürfe zu seinen
27 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Antworten
gelesen: Stein hat nie
zugegeben,
nie begriffene, dass man mit der Lüge einen Pakt schliessen
könne.
Wie aber sollte er, der Philosoph — nicht mehr der angehende Geistliche
— die Kräfte, die sein Inneres erfüllten, für den Dienst
der Menschheit verwenden? Selbst seine Freunde verstanden ihn nicht
mehr.
Aus jeder unterredung mit denen, die ihm die Liebsten waren, bringt er
ein wundes, fast gebrochenes Herz in die einsame Wohnung zurück.
Keiner
ahnt, wo er hinaus will. Selbst seine Worte bleiben oft unverstanden.
Seine
Gedanken bleiben ohne sympathischen Widerhall. Und in der That, sein
Tagebuch,
sowie seine frühen Schriften bezeugen, dass die Gedankenwelt
dieses
immer nur auf sich selbst zurückgewiesenen und ohnehin von Hause
aus
zu den schroffsten Abstraktionen geneigten Geistes derart subtil
geworden
war, dass man kaum mehr in sie einzudringen vermochte; sie hat alle
Beziehungen
zu dem üblichen Denken der Menschen verloren; sie ist — wenn ich
das
Wort bilden darf — eine Art von A u t o k r y p t o g r a p
h i e geworden. Man
begreift,
welchen Eindruck die beredte, kampflustige, stets klare Sprache eines
Dühring
auf einen unter so hoher Spannung stehenden Geist ausüben musste:
dieser flammende Aufruf zum Fortschritt! diese Ermahnungen, in der
Philosophie
nur ein Mittel zur Förderung
28 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
einer
gesunderen und gesitteteren
Menschheit
zu erblicken; diese Methode, der Philosophie das Studium der exakten
Wissenschaften
als Grundlage und Werkzeug, als Ziel aber die praktischen Fragen
zuzuweisen!
diese jede Undeutlichkeit verabscheuende Sprache, die die Verwirrung
der
Begriffe als ein Gift für das Denken brandmarkt! Ohne dem
ausserordentlichen
Manne zu nahe treten zu wollen, möchte ich doch seine Philosophie
als die Arznei bezeichnen, deren Stein bedurfte und ohne deren
energischen
Eingriff sein Gehirn sich unheilbar verwirrt hätte.
Was Dühring fehlte,
trug
Stein in sich: den metaphysischen Instinkt. Voltaire hat irgendwo
gesagt:
Que je plains un
Français quand
il est sans gaîté!
Loin de son
élément le
pauvre homme est jeté...
Diese Worte
könnte man auf
jeden Deutschen anwenden, der ohne metaphysische Anlagen geboren ist.
Ein
solcher ist weder Fisch noch Fleisch. Der ganz realistische Deutsche
ist,
so zu sagen, ein missratener Engländer, dem aber manche
ergänzenden
Eigenschaften des angelsächsischen Geistes fehlen, da sich diese
nur
in bestimmter Umgebung zu entwickeln vermögen. Stein dagegen, bis
in die Fingerspitzen Deutscher und Franke, hatte in dieser Beziehung
von
dem Einfluss seines Lehrers nichts zu befürchten. Und
29 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
inzwischen
lehrte ihn dieser, sich zu
beschränken, Fuss zu fassen und in kampfesfreudiger Stimmung an
die
praktischen Fragen heranzutreten. Auch verdankt ihm Stein das
fruchtbare
Eindringen in die Gedankenwelt anderer Völker. Dühring ist
nämlich
geneigt, den Wert der deutschen Philosophie gering anzuschlagen; fast
möchte
er die Behauptung wagen, er sei der erste echte Philosoph, den sein
Vaterland
hervorgebracht habe! Um so höher schätzt er die
ausländischen
Denker. Seine genaue Kenntnis der französischen Litteratur und
Denkart,
die Bewunderung, die er für sie empfindet, dazu seine grenzenlose
Begeisterung für Giordano Bruno, der seiner Ansicht nach der
grösste
Mensch ist, der je gelebt hat: dies sind einseitige, doch nicht
unsympathische
Eigentümlichkeiten seiner Gesamtanschauung, welche von tiefem und
dauerndem Einfluss auf Stein blieben. Später hat Stein eine sehr
wertvolle
Arbeit über Bruno veröffentlicht, er hat dessen Gedichte
übersetzt
und dem grossen Nolaner Denker mit ergreifender Gewalt in einer eigenen
Dichtung neues Leben verliehen. Auch hat er sich bis zu seinem Tode
unausgesetzt
mit der französischen Litteratur beschäftigt. Wie nur wenige
Deutsche hat er sie gründlich gekannt, und es war eine
Lieblingsaufgabe
seines Lebens, den historischen Beziehungen zwischen der
französischen
und der deutschen Gedankenwelt nach-
30 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
zuforschen,
insbesondere auch den
Einfluss
des französischen Geistes auf deutsches Denken und Dichten
aufzudecken.
So etwa war die geistige
Atmosphäre
beschaffen, in der Stein lebte, während er sich zur
Doktorprüfung
vorbereitete. Im Juni 1877, erst zwanzig Jahre alt, verteidigte er an
der
Berliner Universität eine subtile erkenntnistheoretische
Dissertation
„Über Wahrnehmung“ und erlangte dafür die Doktorwürde.
Die
Dissertation
ist streng nach der Lehre Dührings gehalten, aber überaus
schwer
verständlich. Diesem Werke des „Kritischen Positivismus“ (wie
Stein
es nennt) gegenüber ist Kants Kritik der reinen Vernunft eine
ausruhende
Lektüre. Und wohlbetrachtet kann uns das nicht Wunder nehmen. Nur
einem Nicht-Philosophen, nur einem dem grossen metaphysischen
Fragezeichen
gegenüber verschlossenen Gehirne kann es gelingen, den Realismus
in
ein klares und widerspruchloses System zu bringen. Seine Gedankenwelt
dem
System Dührings vermählen, hiess für Stein
Unmögliches
unternehmen.
Zehn Jahre nur, mehr
nicht, hatte
der junge Doktor vor sich, um sein Lebenswerk zu vollbringen. Es ist,
als
ob ein Instinkt die vom Tode Erwählten antriebe, auch nicht eine
Minute
der ihnen so karg zugemessenen Zeit zu verlieren; Stein gönnte
sich
keine Ruhe und gab schon im Jahre
31 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
1878
sein erstes Werk unter dem etwas
auffallenden Titel: »Die Ideale des Materialismus« heraus.
In
seinem
Tagebuch nennt er es »Lyrische Philosophie«, und einer
seiner
Freunde teilt mir mit, dass es der Verleger gewesen sei, von dem dieser
Aufsehen erregende Titel herrührte. Ein seltsames, fast
befremdendes
Buch; man ahnt darin die letzte Krisis einer heftigen inneren
Gährung;
Philosoph und Poet reichen sich die Hände, doch ohne sich mehr als
bloss mit den Fingerspitzen berühren zu können.
Auseinandersetzungen
wie diese: „der Positivist erkennt
klarer als der Idealist die
völlig
einzigartige Bedeutung des Subjekts“ — „der Schmerz ist der ernsteste
und
vollkommenste Einblick in die Systematik des Alls“ — wechseln
mit
glühenden
Liebesgedichten, historischen und sozialen Aperçus und
symbolischen
Erzählungen ab ... auf der ersten Seite stehen als Motto die Worte
Byrons: »o love, o glory!« Der ganze Stein ist hier schon
im
Keime vorhanden, wie das stets bei den ersten Werken hervorragender
Menschen
der Fall ist. Aber auch der Vorahnung seines Geschickes begegnen wir
hier:
„Mir ist nicht anders, als habe der
Schicksalsfrauen eine mich besucht,
und mich zur Eile gemahnt.“
Nun folgte der
Militärdienst,
dem eine Reise nach Italien voranging. In Rom lernte Stein
Fräulein
Malvida von Meysenbug, die Verfasserin
32 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
der
»Memoiren einer
Idealistin«,
kennen. Fräulein von Meysenbug war eine alte Freundin Richard
Wagners,
dessen nähere Bekanntschaft sie bei Gelegenheit der
Tannhäuser-Aufführung
in Paris gemacht hatte. Stein nun — durchdrungen von Rousseauschen
Lehren
und überzeugt, dass eine richtige Erziehung allein schon
genügen
würde, um ein neues Menschengeschlecht heranzubilden — hegte den
brennenden
Wunsch, die Methode, von der er die Wiedergeburt seines Volkes
erwartete,
selber praktisch auszuüben, mit anderen Worten, selber als
Erzieher
zu wirken. Von Fräulein von Meysenbug erfuhr Stein, dass Richard
Wagner
einen Erzieher für seinen zehnjährigen Sohn, Siegfried,
suchte.
Ohne Zögern entschloss er sich, diese Aufgabe zu unternehmen,
verliess
Rom und betrat am 20. Oktober 1879 zum ersten Male die Schwelle des
Hauses
»Wahnfried«.
Steins Tagebuch, das schon
seit
der Abreise von Berlin sehr kurz gehalten war, bricht hier leider
plötzlich
ab, um erst im Jahre 1884, ein Jahr nach des Meisters Scheiden, wieder
aufgenommen zu werden. Kein Wort belehrt uns über den Eindruck,
den
Wagner
auf Stein hervorgebracht hat. Erst glaubte ich, annehmen zu
müssen,
Stein habe aus irgend einem Grunde die Hefte aus jener Zeit von den
übrigen
gesondert; später aber erfuhr ich, dass es solche Hefte nie
33 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
gegeben
hat. Nur einige wenige
Papierstreifen
habe ich auffinden können, auf denen lediglich Daten verzeichnet
sind,
Ankünfte, Abreisen und dergleichen, und ab und zu ein blosses
Stichwort
— wahrscheinlich, um irgend ein Gespräch mit Wagner festzuhalten —
nichts weiter! Bedenken wir aber den ungeheuren Einfluss, den Richard
Wagner
auf Stein ausübte und der von diesem Augenblick an auf jede
einzelne
Lebenshandlung bestimmend wirkte, so werden wir geneigt sein, gerade
dieses
Schweigen beredt zu finden. Der Stein, der am Morgen des 21. Oktober
1879
erwachte, war ein andrer als der, der am Morgen des 20. die Reise nach
Bayreuth hin zum ersten Male angetreten hatte. In seinen Kopf — den von
krauser Philosophie zermarterten — und in sein Herz — das von edelstem,
aber dunklem Sehnen geschwellte — hatte sich ein grosses Schweigen
gesenkt; in Ehrfurcht lauschte sein ganzes Wesen.
4.
Dem Zauber Wagners konnte sich
Keiner entziehen, seine Überlegenheit wirkte auf Alle; doch nur
ein
sehr bedeutender, dem Genie
geistesverwandter Mann, und nur ein Mann von hoher Bildung und noch im
Vollbesitze der Jugendkraft, konnte aus der Berührung mit dem
grossen
Dichter
34 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
und
Denker jenen ebenso
plötzlichen
wie tiefgreifenden Eindruck gewinnen, der auf Nietzsche und Stein
umwandelnd
wirkte. Eine fest gegründete und im Verkehr mit den erlesensten
Schriftstellern
aller Zeiten verfeinerte Kultur, ein mächtiges Gehirn von
zartester
Empfänglichkeit für die verschiedenartigsten Eindrücke
und
befähigt,
das, was bei den Meisten nur vorübergehende Spuren
zurücklässt,
in Thatkraft umzusetzen, die Gabe der Begeisterung, noch nicht durch
die
Jahre erkaltet: dies waren zweifellos die Elemente, deren
glückliche
Vereinigung beiden Männern gestattete, in Wagner nicht nur eine
unerhörte
Begabung, sondern, so zu sagen, einen Geist ganz andrer Gattung als
alle,
denen sie bisher in ihrem Leben begegnet waren, zu erkennen, das
ingenium
ingenitum, das sie bisher in den Büchern gesucht und auch zuweilen
gefunden zu haben glaubten, doch nur wie der Gelehrte, der aus
staubigen
Palimpsesten das ferne Leben längst erloschener Zeitalter
heraufbeschwört.
Um das leibhaftige Genie zu erkennen — wenn der seltenste aller
Zufälle
es uns von Angesicht zu Angesicht erschauen lässt — muss einer die
Vorahnung dieses erhabensten Phänomens im Busen getragen haben. In
einer der Thesen, die Stein in Berlin aufgestellt hatte, heisst es:
„das
Unendliche ist vom Endlichen qualitativ verschieden“ — ein
heroischer Versuch, den
Dühringianis
-
35 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
mus
auch metaphysisch beanlagten
Geistern
annehmbar zu machen. Als Stein nun Wagner begegnete, muss ihm diese
These
wieder eingefallen sein; denn eben durch seine Qualität
unterscheidet
sich das echte Genie vom Talente, so dass man wohl behaupten darf, ihm
komme ausser der schöpferischen Begabung noch eine weitere
Fähigkeit
zu, nämlich die, einen sonst nicht wahrnehmbaren, höheren
Zusammenhang
der Dinge zu offenbaren. Und dringt man — sowohl bei Nietzsche, wie
auch
bei Stein — durch die oft täuschende Oberfläche hindurch,
hält
man sich ihr Schaffen als Ganzes vor Augen, lässt man es die
Feuerprobe
einer redlichen Kritik bestehen, so wird man die Überzeugung
gewinnen,
dass der Einfluss Wagners auf sie nicht allein der des Künstlers,
des Schöpfers einer herrlichen, neuen Kunst war, sondern dass
dieser
Einfluss vor allem in der blossen Gegenwart — in Fleisch und in
Knochen,
greifbar, hörbar, sichtbar — jenes wunderbarsten aller
Naturphänomene
bestand, in der Gegenwart des Genies.
Nietzsche machte eine
Periode
durch, welche wir als »wagnerisch« bezeichnen können,
Stein
niemals.
Nietzsche schrieb mit sprühend geistvoller Beredtsamkeit ganze
Bücher
zum Lobe Wagners, um dann später seinen Gott zu verleugnen: in
beidem
erblicken wir Symptome eines schwachen
36 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
und
unfreien Charakters. Stein
hingegen
hat fast nichts über Wagner geschrieben und zitiert ihn kaum zwei
oder dreimal in seinen sämtlichen Schriften. Nietzsche bekennt
ausdrücklich,
dass er, um seine Unabhängigkeit zu wahren, genötigt war,
sich
gegen Wagner aufzulehnen; Stein empfindet die seine niemals auch nur
bedroht.
Im Gegenteil, das erste, was er durch die Berührung mit Wagner
gewinnt,
ist das Bewusstsein der eigenen Kraft und Ursprünglichkeit; weder
zur Rechten noch zur Linken weicht er von seinem Wege ab: wie er
begonnen,
so fährt er fort, keine Unterbrechung findet statt. Seine
Lieblingsstudien
bleiben die gleichen: Giordano Bruno, die Beziehungen der deutschen zur
französischen Gedankenwelt, Fragen der Ästhetik, poetische
Versuche;
nichts hat sich auf der von ihm betretenen Bahn verändert: nichts,
und doch alles! — Wagners Kunst war ihm längst vertraut. Ich
erwähnte
schon früher den Eindruck, den die Meistersinger im Jahre 1874 auf
ihn gemacht hatten; auf einem halb zerrissenen Blatte des Tagebuchs
finde
ich folgenden begeisterten Ausruf: „Rienzi,
Tannhäuser, Lohengrin,
welch unvergleichliche Trilogie! Glucks Iphigenie in Aulis, ja selbst
der Macbeth von Shakespeare treten daneben zurück.“ Das war
vorangegangen.
Jetzt aber, die thatsächliche Begegnung mit Wagner, war das
entscheidende
Ereignis seines Lebens;
37 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
von
nun an erscheint ihm alles in
einem
neuen Lichte, und es fällt wie Schleier von seinen Augen.
Stein, der auf dunkler,
unverstandener
Bahn sich quälende, ruhelose Geist, Stein, dessen fieberhafte
Gedankenarbeit
alles umfassen will, von der Theologie bis zu den elektrischen
Theorieen,
Stein, der heute bei Kant, morgen bei Dühring lernt, der in einem
Kapitel seiner lyrischen Philosophie die Venus anruft, »in deren
Armen er auf ewig verderben möchte«, dann aber im
nächsten
Kapitel
desselben Buches von dem Ich als einem geheiligten Wesen spricht,
dessen
Bild auf einen Altar zu stellen sei
-— Stein ergreift endlich Besitz von
seinem eigenen Selbst. Hoch trägt er das Haupt, denn jetzt weiss
er,
von wannen er kommt, und sein Blick wird hell, denn nunmehr weiss er,
wohin
der Weg führt. Er, der einst geklagt hatte, die Andern
verstünden
ihn nicht, weiss jetzt, dass er selber es war, der sich nicht verstand.
Die Berührung mit dem Genie hat ihn sich selbst gegeben. Nicht die
Lehren, die Schriften, die Kunstwerke Wagners haben ihn zum Manne
gemacht,
sondern die unmittelbare und lebendige Offenbarung des Genies: sein
Blick
versenkt sich in dieses Auge, sein Ohr vernimmt dieses Wort, und mit
einem
Schlage gelangt er zur vollen Reife.
Lange hatte Stein in dem
Gebiete
der letzten und höchsten Abstraktionen geweilt, wo die Luft
38 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
so
verdünnt ist, dass jedem
gewöhnlichen
Sterblichen der Atem ausgeht; dann hatte er in dem blendenden
Feuerscheine
der unterirdischen Schmiede gearbeitet, dort, wo die Mechanik ihre
ungeheuren
Maschinen baut: nun steht ein Mann vor ihm, der, ohne gelehrt zu sein,
doch alles zu verstehen scheint; ein Mann, der niemals die Nächte
hindurch
über metaphysische Abhandlungen gebückt gesessen hatte und
dessen
Gedanken trotzdem klarer und umfassender sind, als die der Philosophen;
ein Mann, der der Mathematik so ferne steht, dass er kaum die Mechanik
seiner eigenen Kunst studiert hat, und der nichtsdestoweniger
Kunstwerke
spielend leicht hervorbringt, deren vollendete Technik dem poetischen
Zauber
nicht nachsteht. Und auch dieser Mann hat — wie Stein — den
schmerzvollen
Blick auf das grosse soziale Problem geheftet und auf die Zukunft der
Menschheit,
also auf jene höchsten Fragen, deren Beantwortung der
Jüngling
von Dühring und von anderen vergeblich erhofft hatte und die
nunmehr
als scheinbar unlösbare Probleme sein Herz zermarterten. Freilich
suchte Wagner das Geheimnis des Menschenglückes weder in der
Wissenschaft,
noch in der Vervollkommnung der Industrie; vielmehr lehrte er:
»Die
Anerkennung einer moralischen Bedeutung der Welt ist die Krone aller
Erkenntnis«,
und er glaubte nicht an irgend eine
39 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Möglichkeit
von Glück
für
die Menschen ausserhalb dieses grundlegenden Bekenntnisses; und wollte
er das Göttliche in der Natur erfassen, so griff er nicht nach
Retorten
und Mikroskopen, sondern er öffnete einfach die Augen, schaute um
sich her und blickte hinein in das eigene Herz. Habe ich oben auf
Beziehungen
zwischen Dührings Blindheit und seiner Philosophie hingewiesen, so
möchte ich nun sagen, dass man, um Wagner zu verstehen, sich
dessen
bewusst werden muss, dass seine Intelligenz ganz Auge war. Wir brauchen
seine Schriften nur aufzuschlagen, um uns sofort zu überzeugen,
dass
er alles, wovon er spricht, mit Augen erblickt: da gibt es weder
Abstraktion
noch Berechnung, alles ist immer Anschauung.
Wer meinen bisherigen
Ausführungen
aufmerksam gefolgt ist, wird, glaube ich, sich Steins
Persönlichkeit
schon lebhaft genug vorstellen, um den weiteren Einfluss, den Wagner
auf
sie ausüben konnte und musste, zu ahnen. Dieser allgemeine
Gesamteindruck
wird von höherem Werte sein als eine ausführliche und dennoch
immer unvollkommene Analyse; vielleicht wäre es auch verwegen, die
Beziehungen zwischen den beiden Männern bis in ihre letzten
Verzweigungen
hinein verfolgen zu wollen. Zwei Jahre nach seiner ersten Begegnung mit
dem Meister, in dem Augenblick, als Stein sein langes Schweigen
unterbrach,
um sich von nun an mit
40 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
wachsendem
Eifer seiner
schriftstellerischen
Thätigkeit zu widmen, schreibt er in einem Briefe an eine
Freundin:
„Wohnt das
Glück denn nur
in jenen Reichen,
Die das Herz
in seinen
Träumen
ahnt?
Wird ihm nie
ein irdisch Schicksal
gleichen,
Ist es
nimmer, nimmer zu erreichen,
Was uns doch
so innig tief
gemahnt?
Du
erfährst, wenn du in
Lebensmühen
Dich
errafft, von Herzen stark
zu sein:
Wie ein
Wunderreich der Nacht
erblühen
Lebenswünsche
aus den
Lebensmühen,
Und du
weisst, sie schliessen
Wahrheit ein.
Zwar, du
fühlst auch Mut
den Mühn entspriessen
Und die
stolze Tugend der Geduld.
Einen
dunklen Pfad sind wir
gewiesen,
Dessen Ziele
herrlich uns
verhiessen,
Doch in
Bildern nie erschauter
Huld.
Dies eine Stimmung,
hochverehrte
Freundin, welche in ihrer äussersten Verzagtheit, was alle
naheliegenden Wirklichkeiten anbetrifft, und in ihrer völligen
Zuversicht auf
die ewige Bestimmung des Menschenwesens einzig auch den
Äusserungen
einer gewissen ‚Hoffnung‘ in Anlehnung an den Bayreuther Gedanken zu
Grunde
liegt. Nur insofern die Kunst, Wagners Kunst, einen neuen
41 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Menschen schafft, giebt es auch die
Möglichkeit einer neuen Welt. Andrerseits freilich, ein Blick auf
die heutige Welt — und das Ganze erscheint wieder wie ein Traum von
paradoxer
Kühnheit. Nur ‚der Pfad ist uns gewiesen‘: wir müssen ihn
gehen, führt er auch mitten durch die Dornen.“ Ähnlich
sagt auch
Schiller, einem gleichen Gedankengang folgend: »Vor einer
Vernunft
ohne Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung, und der Weg
ist
zurückgelegt, sobald er eingeschlagen ist.« (Äst. Erz.,
Bf.
9.)
Nur ein Jahr verweilte
Stein in
Wagners Familie, er blieb aber fortan in engster Verbindung mit ihr,
dank
einem ununterbrochenen Briefwechsel und häufigen langen Besuchen;
auch verloren die Beziehungen zwischen ihm und dem Meister nichts an
ihrer
Innigkeit und Vertrautheit. Wie sollten sich auch solche Spuren je
verwischen?
Gedachte nicht selbst Nietzsche mit Thränen der Vergangenheit? Und
wenn
irgend etwas vermögend war, Wagner in seiner liebevollen Zuneigung
zu dem Jünglinge zu bestärken, so war es gewiss die
männliche
Selbstverleugnung, mit welcher dieser den geliebten Zögling und
die
leidenschaftlich erfasste Aufgabe, die geistige Heimatluft, in der er
sich
von Tag zu Tag wachsen und gedeihen fühlte, verliess, um der
ersten
Anforderung an seine Kindespflicht mit der Antwort zu begegnen:
»Hier
bin ich.«
42 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Schon als es sich darum
gehandelt
hatte, offen zu erklären, dass er das theologische Studium
aufgäbe,
hatte Stein die Missbilligung seines Vaters gefürchtet; nun musste
zu dem ersten Schmerze ein zweiter hinzugefügt werden. Man
begreift,
dass ein Freiherr von Stein sich durch die Wahl des Lebensberufes
seines
Sohnes nicht geschmeichelt fühlte. Erzieher werden! Wie sollte dem
alten Edelmann begreiflich gemacht werden, dass es sich für Stein
um eine psychologische und soziologische Erfahrung von höchster
Bedeutung
handelte? Wären Jean Jacques und sein savoyardischer Vikar ihm in
eigener Person erschienen, sie hätten es schwerlich vermocht, den
Enkel der Würzburger Schlossherren zu überzeugen. Und gar
noch
Erzieher bei Richard Wagner, bei dem Mann, den ganz Deutschland
verhöhnte
und an dem die Zeitungen in ihrer Weisheit mehr Eitelkeit und Wahnsinn
als Genie zu entdecken meinten. Dazu kam noch, dass der alte Freiherr
einsam
und krank war und an Anfällen von Trübsinn litt. Er wohnte in
Halle und wollte gern seinen Sohn Heinrich um sich haben, und so
verlangte
er von ihm, er solle nach Halle kommen und sich an der dortigen
Universität
habilitieren. Wagner hielt sich damals (Herbst 1880) in Italien auf.
Strahlende
Heiterkeit war sein gewöhnlicher Seelenzustand und teilte sich
unwillkürlich
seiner Umgebung mit. Der Maler
43 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Joukowsky,
andere Künstler,
lauter
Männer von Geist und Talent, waren des Hauses tägliche
Tischgenossen.
Gedenken wir auch Franz Liszts und seiner Tochter, sowie des Grafen
Gobineau,
der damals in Rom lebte ... Noch nie war Stein im Laufe seines
ziemlich
grau in grau verlaufenen Lebens etwas derartiges begegnet: er fand sich
einer glänzenden Schar von Männern zugesellt, die keinen
andren
Lebenszweck kannten, als das Schöne zu schauen und zu gestalten,
in
ihrer Mitte einer der grössten Meister aller Zeiten — und als
Rahmen
Neapel, sonnendurchtränkt und meerumspült! Welcher Gegensatz
zu dem, was ihm jetzt bevorstand. Und mehr als das: er sollte dem Traum
seines Lebens, der freien erzieherischen Heranbildung eines neuen
Geschlechtes
entsagen, sowie den Hoffnungen, die er auf die Ausbildung dieses
seltenen
Kindes gesetzt hatte! Denn hier, an dem jungen Siegfried Wagner, hatte
er seine hochherzigen Ideen verwirklichen wollen; dessen Erziehung
sollte
zugleich Beweis und Beispiel sein. Und jetzt, dies alles aufgeben,
abbrechen,
verlassen, dem kaum begonnenen Werk den Rücken kehren
— um sich, einsam und unverstanden,
wie er war, in das düstere Halle einzusperren!
Ein Mensch, in dem
das
Pflichtgefühl
so mächtig lebte, wie in Stein, konnte nicht zaudern, doch
wahrhaftig,
es gehörte Mut zu dem Entschluss.
44 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Soeben
erst hatte das Leben — das
eigentliche
Leben — für ihn begonnen; denn ihm war es nicht wie Novalis
beschieden
gewesen, einen Schlegel, einen
Tieck von
Jugend auf um sich zu haben.
Eigentlich
hatte er doch — und obwohl man nicht behaupten kann, dass es ihm jemals
an der Liebe andrer gefehlt habe — bis zu dem Eintritt in die Familie
Wagners
ein einsames Leben geführt; von Verwandten und Freunden konnte er
ein volles Verständnis für sein seltsam eigentümliches
Wesen
nicht erwarten; um der Welt seine Eigenart aufzuzwingen, war er noch zu
unreif; dazu kam noch ein äusserst zurückhaltendes, fast
abwehrendes
und übermässig empfindliches Wesen. Und nun hatte ihm dieses
eine Jahr alles geschenkt, was je sein Herz erträumt:
Verständnis,
Mitgefühl, Förderung, und ihn gleichsam zum älteren Sohn
eines der erstaunlichsten Genies gemacht, die die Welt je gesehen.
Dieses
eine Jahr von 1879—1880 ist der Lohn eines ganzen, strengen und
würdigen
Lebens — eines Lebens, das bis zu diesem Punkte manche Qual mit sich
geführt
hatte und das hinfürder noch härter und schmerzensreicher
sich
gestalten sollte.
Mit so leidenschaftlichem
Eifer
stürzte sich jetzt Stein in die litterarische Arbeit, dass alle
seine
Werke, welche, gesammelt, mindestens sechs Bände umfassen
würden,
in diesen letzten sechs Jahren,
45 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
von 1881
bis zu seinem Tode,
geschrieben
wurden. Doch vernachlässigte er dafür die weitere Aneignung
gelehrter
Kenntnisse nicht, sondern befasste sich ununterbrochen mit
philologischen,
nationalökonomischen, philosophischen, litterarischen,
historischen,
ja selbst mit elektrophysikalischen Studien. In Halle hielt er mehrere
Kollegien zugleich; seine Arbeiten nötigten ihn zu wiederholten
Reisen;
seine Thätigkeit war eine fieberhafte, unausgesetzte, sie grenzte
ans Unglaubliche. Auch darf nicht übersehen werden, dass von der
kurzen
Spanne Zeit, die ihm noch übrig blieb, der schwere
Militärdienst
ihm immer wieder kostbare Wochen raubte und ihn zugleich völlig
erschöpfte
und vernichtete. In einem Briefe von 1881 schreibt er: „
Schreckend und
bedrängend peinlich spottet nun meiner jeder Augenblick, der ohne
That, Wirklichkeit und Erfahrung verstreicht.“ Wir erinnern uns
hierbei
der Schicksalsfrau seines Traumes, die ihm einst ins Ohr geraunt: Eile
Dich.
5.
Somit könnten wir die
Berichterstattung
über Steins Leben hier abbrechen und nur noch von seinen Arbeiten
sprechen, sagt er doch selbst in einem Briefe an eine Freundin vom
Jahre
1884: „
Meine Arbeiten sind meine
Erlebnisse.“
Noch einen flüchtigen Blick wollen wir jedoch auf seine
46 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
letzten
Jahre werfen, ehe wir diesen
Versuch mit einer kurzen Aufzählung dessen beschliessen, was Stein
die »Erlebnisse« seines Daseins nannte.
Bekanntlich muss man,
um auf einer
deutschen Universität das Recht zu lehren zu erwerben, nicht nur
die
vorgeschriebenen Prüfungen bestanden, sondern auch durch ein
»specimen
habilitatis« die persönlichen Fähigkeiten, die ebenso
wichtig
wie alle erlangten Kenntnisse sind, hierfür nachgewiesen haben.
Der
Kandidat legt der von der Fakultät erwählten Jury eine
Abhandlung
vor, und nur wenn diese von allen Mitgliedern geprüft und
genehmigt
worden ist, wird ihm das »ius docendi« bewilligt. Wird
diese Einrichtung
richtig gehandhabt, so kann sie sich ausgezeichnet bewähren; aber
man begreift, zu welchen Missbräuchen sie Anlass geben kann,
sobald
böser Wille im Spiele ist, oder wenn der Kandidat begabter ist als
seine Richter. Viermal musste Stein seine Abhandlung über
»die
Bedeutung
des dichterischen Elementes in der Philosophie des Giordano
Bruno«
umarbeiten, ehe es ihm gelang, die Stimmen der Fakultät für
sich
zu gewinnen. Man gab das tiefe Wissen und die aussergewöhnliche
Begabung
des Kandidaten zu, doch was die Professoren von Halle empörte, war
die Art, wie Stein, während er von Philosophie zu sprechen vorgab,
anstatt sich auf die üblichen Grenzen dieser Disciplin zu
beschränken,
allgemeine
47 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Kulturfragen,
die Religion, ja sogar
die Kunst in die Diskussion einbezog. In einem unveröffentlichten
Briefe beschreibt Stein in launiger Weise die »Wut« eines
der
Professoren, als dieser in dem ersten Entwurf der Habilitationsschrift
den Namen Richard Wagners entdeckte. — Endlich aber ward ihm die venia
legendi doch bewilligt, und Stein begann seine akademische Laufbahn mit
einer Vorlesung über den »Discours sur les sciences et les
arts«
von J. J. Rousseau. Dann kündigte er zwei Kollegien an, das eine
über
die gegenseitigen Beziehungen zwischen Kunst und Philosophie, das
andere
über Richard Wagner. Mit dem ersten Vortrag über diesen
letzteren
Gegenstand, am 27. Oktober 188, wurde wohl der Name des Bayreuther
Meisters
zum ersten Mal auf einem Universitäts-Katheder genannt. Aber ein
Mensch
von Steins Charakter konnte in solcher Umgebung keinen Erfolg haben;
seine
Kollegen hassten und verfolgten ihn als Schüler Dührings und
Wagners; die Studenten, die seinen Wert verkannten, blieben seinem
Hörsaal
fern. Endlich gelang es ihm, seinem Vater die Erlaubnis zu einer
Übersiedlung
nach Berlin abzuringen. Hier erwarteten ihn allerdings zunächst
noch
grössere Schwierigkeiten als in Halle; mehr als ein Jahr dauerte
es,
bis er sich den Eintritt in die Universität erzwang. Eine seiner
schönsten
Arbeiten, sein Versuch über »die
48 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Beziehungen
der Sprache zum
philosophischen
Erkennen«, die uns glücklicherweise in zwei Niederschriften
erhalten ist, wurde zurückgewiesen, und er musste sich ein
»akademischeres«
Thema wählen; endlich, am 24. Juli 1884 wurde seine Arbeit
über
»den Zusammenhang zwischen Boileau und Descartes«
angenommen, und
Stein konnte seine Lehrtätigkeit mit einer Vorlesung über
die
»Ideenlehre Schopenhauers« beginnen. Während der drei
ihm noch vergönnten Lebensjahre hielt er in jedem Semester zwei
Vorlesungen,
von denen die eine, das Privatissimum, in der Regel in philosophischen
Übungen im Anschluss an Kant und Schiller bestand. Dazu kam in
jedem
Sommer
eine öffentliche Vorlesung für Studierende aller
Fakultäten.
Der Besuch der Vorlesungen eines Privat-Dozenten ist nicht
obligatorisch;
somit hängt es allein vom Talente eines Lehrers ab, ob sie besucht
werden oder nicht. Bei seiner ersten öffentlichen Vorlesung
— »über
die ästhetischen Theorieen Lessings und ihren geschichtlichen
Ursprung«
— hatte Stein nur zwölf Zuhörer; doch schon im zweiten Jahre
nahm die Zahl beträchtlich zu, und bei seinen Vorträgen
über
die »Ästhetik der deutschen Klassiker« mussten viele
Studenten
gedrängt stehend zuhören, so überfüllt war der
Hörsaal.
Seine andern Vorlesungen fanden zwar nur wenige, aber um so eifrigere
Zuhörer.
49 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Der Katheder-Erfolg
genügt
indessen nicht, um den Professortitel zu erlangen. Hierzu werden
wissenschaftliche Publikationen erfordert, die in der Gelehrtenwelt
Beachtung finden.
Auf
den Rat des ihm wohlwollend gesinnten Professors Dilthey erweiterte
Stein
die Schrift über Boileau und Descartes zu einem Werke über
»Die
Entstehung der neueren Ästhetik«, die im Frühjahr 1886
erschien.
Die Einteilung ist die denkbar einfachste: er erzählt darin die
Geschichte
des ästhetischen Denkens von Boileau bis Winckelmann. Doch
lässt
diese Inhaltsangabe die wirkliche Originalität des in seiner Art
einzigen,
zugleich wissenschaftlichen und litterarischen Buches nicht ahnen.
Stein
hat alles gelesen — die französischen, englischen, deutschen,
italienischen,
schweizer Autoren; er kennt die Antike und ist mit allem, was in Europa
während des neunzehnten Jahrhunderts entstand, vertraut. So
ausgerüstet,
hat er nicht etwa ein künstlich-systematisches Gebäude
aufgerichtet,
sondern er verfolgt ein doppeltes, scheinbar widerspruchsvolles Ziel:
die
Individualität jedes Autors achtet er und vermeidet, sie in die
Zwangsjacke
einer vorgefassten Systematik einzuschnüren; zugleich aber
lässt
er durch eine anscheinend sehr einfache, aber im Grunde äusserst
scharfsinnige
Analyse das vielverzweigte Netz der Einflüsse erkennen, die ein
Jeder
erlitten und aus-
50 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
geübt
hat. Auf diese Weise gelingt
es ihm, uns ein lebendiges Bild des einzelnen Denkers als
Persönlichkeit
zu geben, und dennoch die unpersönlichen Elemente der Rasse — als
solche — in helles Licht zu setzen. So sehen wir z. B. die grosse
Gruppe
der Franzosen, von den Vorgängern Boileaus bis Marmontel und La
Harpe.
alle möglichen Einflüsse erleiden — italienische, englische
und
deutsche — und trotzdem immer charakteristische Franzosen bleiben;
dasselbe
gilt auch von den anderen Nationen. Nie ist ein unbefangeneres Buch
geschrieben
worden; der Wunsch, streng gerecht zu sein, verleiht sogar dem Werk
eine
gewisse Kälte; nur in einigen seltenen Momenten bricht die Flamme
einer national deutschen Gesinnung durch, die im Übrigen unter der
Hülle
akademischer Korrektheit kaum wahrnehmbar glüht. Es ist die Glut
der
Liebe, nicht des Hasses — das ganze Buch enthält nicht ein
einziges
ungerechtes oder parteiisches Urteil. Auch lässt sich nicht
leugnen,
dass Stein, wenn er gleich durch und durch Deutscher blieb, doch aus
der
eingehenden Beschäftigung mit französischer Litteratur viel
Gewinn
zog. Was den französischen Stil — dort, wo er in klassischer
Vollendung
auftritt — auszeichnet, ist die krystallene Klarheit und ein so
strenges
Maasshalten, dass es manchmal an Trockenheit grenzt; hierin
unterscheidet
er sich
51 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
von der
Schreibweise hervorragender
Deutscher
und Engländer. Goethe kommt diesem französischen
Ideal manchmal (z. B. in
»Winckelmann«
und im »Rochusfest«) nahe; Stein aber ist ganz davon
durchdrungen und
geht
in der Reaktion gegen die so häufig schwülstige oder
nachlässige
Sprache seiner Landsleute vielleicht zu weit. Hätte er
länger gelebt, so dürfen wir
annehmen,
dass es ihm nach und nach gelungen wäre, die Schlichtheit, die er
von den Franzosen gelernt hatte, mit der Wärme und Plastik des
klassischen
deutschen Stiles zu verschmelzen. Es wurde sich verlohnen, dem Inhalt
dieses
Buches eine ganze Abhandlung zu widmen. Wie fesselnd ist z. B. der
Nachweis und die Verfolgung der Beziehungen,
die den hervorragendsten deutschen Ästhetiker, Winckelmann, mit
den
Gedanken
und Arbeiten der französischen Ästhetiker verknüpfen.
Jedoch,
die Grenzen dieser Skizze erlauben mir nicht, mich weiter darüber
zu verbreiten; es genüge zu sagen, dass dem Buch vorderhand der
von
Stein erhoffte Erfolg nicht zu Teil wurde. Anerkennung fand der
Verfasser wohl, und auch an
Versprechungen fehlte es
nicht; doch die erhoffte
Professur blieb aus.
Dies war eine grausame Enttäuschung. Nach
einem
Besuche bei einem der einflussreichsten Gelehrten, der ihm zwar
Weihrauch
gestreut hatte, ohne aber das
Geringste für ihn
thun
zu wollen,
52 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
schreibt
Stein einer Freundin:
„
Kürzlich
fiel mir unwillkürlich ein, mit welchen Worten, wahrscheinlich
sehr
wohlwollend, ein Professor meine Leistungen ‚objektiv würdigen‘
wird,
wenn ich rein physisch unterlegen bin.“ Einen Monat später
war
er tot.
Seine Freunde waren alle
über
dieses plötzliche Ende bestürzt. Steins Riesengestalt
erwähnte
ich oben; nie hatte man ihn krank gesehen; und klagte er hin und wieder
in Briefen, »Berlin vergifte ihn«, so erblickte man darin
nur
eine durch manche bitteren Erfahrungen verursachte Gereiztheit. Denken
wir
aber heute darüber nach, so müssen wir wohl erkennen, dass
Stein
aus dem einfachen Grunde gestorben ist, weil es für einen Mann von
seiner Beschaffenheit unmöglich war, fortzuleben. Weder in seinem
Tagebuch, noch in seinen Briefen, nie und nirgends sehen wir ihn in die
Sphäre der gewöhnlichen Menschen herabsteigen; überall,
immer, ja in jeder Minute seines kurzen Erdendaseins weilt er in den
Regionen
des Ideales. Wäre er ein blosser Träumer gewesen, so
hätte
er vielleicht leben können; nun war aber sein Traum die
Ausübung
einer weithin reichenden, mächtigen Wirkung auf die Menschheit;
aus
einem Soldatengeschlechte geboren, bleibt er auch als Gelehrter und
Dichter
ein Kämpfer. Im Mai 1887 schreibt er nach der Heimkehr aus einer
seiner
53 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Vorlesungen:
„
Es war mir noch vorhin bei
der Rückkehr aus einem Kolleg, in dem ich von hohen Dingen zu
reden hatte
und
nur harte Mienen sah, — mir war zu Mute, wie es mir jetzt tausendmal zu
Mute
ist, als ginge es nun ganz gewiss nicht mehr. Es muss
eine Krankheit sein, die
mich verzehrt. Und es ist doch nur das Nicht-Ich.“ Und in
denselben Tagen heisst
es an andrer Stelle:
„
Mir
fiel ... wieder ein, wie mich
als Kind eine fast beständige Todessehnsucht als deutliches
Lebensgefühl
begleitete, und wie ich gerade durch die Erinnerung an dieses
Gefühl
mich in jenen frühen Jahren wiederfinde.“ Er hatte an der
Universität
Vorlesungen über Richard Wagner angezeigt; von oben her wurde ihm
bedeutet, wenn er dieses Vorhaben ausführe, so wäre es mit
seiner
Laufbahn zu Ende. „
Kein ferner oder
naher Mensch, der mich versteht“ —
heisst es in seinem Tagebuch — „
kein
Weib, das je mich lieben
wird.
Dennoch Leben, und innige Glut — ewige Glut?“
Ein Unwohlsein, gegen das
er
wochenlang
standhaft angekämpft hatte, nahm plötzlich am 15. Juni 1887
eine
sehr ernste Wendung an. Man brachte ihn schleunigst ins Krankenhaus;
dort
starb er am 20. Juni, morgens 8 Uhr, buchstäblich einsam, da
selbst
die barmherzige Schwester das Krankenzimmer verlassen hatte und die
meisten
Verwandten und Freunde nicht einmal wussten, dass er sich
54 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
im
Krankenhause befände. Die Sektion
ergab, dass alle Organe mit Ausnahme des Herzens vollkommen gesund
waren,
dieses aber zeigte eine Veränderung der Muskelfasern, welche die
Ärzte
sich nicht erklären konnten. Sein Grab befindet sich auf dem
Militär-Friedhof;
der Denkstein trägt die Worte:
»Selig
sind, die reinen
Herzens sind.«
6.
Ich habe im Laufe des Vorangegangenen
Gelegenheit gehabt, einige der Schriften Steins zu nennen. Es
erübrigt
mir, einen Blick auf sein Schaffen als Ganzes zu werfen.
Dieses Schaffen
umfasst
zunächst
eine ganze Reihe kritischer oder wissenschaftlicher Arbeiten, die in
verschiedenen
Zeitschriften — in den Bayreuther Blättern, der Zeitschrift
für
Philosophie, der deutschen Rundschau und anderen — verstreut erschienen
sind. Unter den die französische Litteratur behandelnden nenne ich
zur Vervollständigung des schon Erwähnten einen Aufsatz
Ȇber
Werke und Wirkungen Rousseaus« und eine sehr bemerkenswerte
Studie
über »Die Beziehungen zwischen Rousseau und Kant«.
Schon
Dühring hatte darauf hingewiesen, dass Kant für seine
Moraltheorie
vieles Jean Jacques verdanke; aber Stein geht noch weiter und zeigt,
dass
der
55 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Genfer
Moralist einen entscheidenden Einfluss
auch auf die Metaphysik des
deutschen
Philosophen ausgeübt hat.
Dies ist nicht etwa
eine blosse Behauptung, sondern Stein erbringt den wissenschaftlichen
Beweis
für seine These, und zwar mit jener wortkargen Knappheit, die ein
Hauptmerkmal seines
Stiles ist. Auf dem eigentlich philosophischen Gebiete muss ich neben
der
schon erwähnten Studie über »Die Beziehungen zwischen
der Sprache
und dem wissenschaftlichen Erkennen«, die
»Schopenhauer-Scholien«
als das vielleicht Bedeutendste hervorheben. Seine Studien über
Luther
und Shakespeare tragen einen halb historischen, halb philosophischen
Charakter.
Schliesslich wäre noch eine Reihe rein litterarischer
Aufsätze
über Goethe, Jean Paul Friedrich Richter, Gobineau und Andere zu
erwähnen.
Allein das Interesse des
deutschen
Publikums richtet sich vor allem und mit Recht auf seine poetischen
Werke.
Und doch ist Stein gestorben, ehe er die seinem besonderen Genius
eigentümliche
Form endgültig ausgebildet hatte. Ich muss gestehen, dass ich den
Menschen in ihm vollendeter finde als seine Dichtungen, und wenn
diese,
wie ich auch gern zugebe, reich an herrlichen Einzelheiten sind, so
vermag
ich doch nicht vollendete Kunstwerke in ihnen zu erblicken. Auch
Novalis,
dessen Phantasie eine viel leidenschaftlichere war,
56 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
starb,
ohne den unmöglichen,
romantisch-phantastischen
Roman, das Werk seines Lebens, vollenden zu können. Stein war
freilich
nie überspannt gewesen; er hat sich nicht, wie Novalis,
Unmögliches
vorgenommen; doch gerade das grosse Gewicht, dass er auf die
künstlerische
Form legte, liess sein Talent nicht frühzeitig zur Reife kommen.
Zwischen
diesen beiden Männern giebt es viele Berührungspunkte, doch
kann
man sie auch einander gegenüberstellen, da der eine ein typischer
Vertreter der Romantik ist, wogegen der andere dem strengsten
Klassizismus
huldigt. Beide starben jung und ehe sie ihr Werk vollendet hatten.
Diese beständige
Sorge um
die Vollendung der Form — worunter Stein phrasenlose Schlichtheit,
genaue
Angemessenheit, makellose Schönheit und innere, kaum wahrnehmbare,
nie roh hervorbrechende Glut verstand —‚ verbunden mit jener
moralischen
Eigenschaft, welche die Griechen Sophrosyne nannten und die er im
höchsten
Maasse besass, lassen voraussetzen, dass Stein poetische Werke von
hohem
Werte geschaffen haben würde, wäre er nicht so jäh und
jung
dahingerafft worden. — Als Hintergrund hätten sie uns einen
weiten,
fernen, mit sicherer Hand gezeichneten Horizont gezeigt, nämlich
seine
umfassende philosophische Weltanschauung. Das Grundgewebe hätten
die
sozialen Fragen abgegeben. Von diesem
57 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
doppelten
Grunde — dem der
unbeweglichen
Natur und dem des ruhelosen Menschengetriebes
— hätten sich dann die grossen
Männer
— die Helden und die Heiligen — abgehoben, grösser als die Natur,
weil ein menschliches Herz in ihrem Busen schlägt, doch auch
grösser
als die anderen Menschen, insoferne ihr Blick das ganze Weltall umfasst
und ihr Leben, einem Ozean gleich, uns aufzufordern scheint, die Segel
zu hissen nach jenen besseren Welten, die ihr lichtkräftigeres
Auge
durch die Nebel unseres eingeengten Luftkreises hindurch in der Ferne
deutlich
erschaut.
Dies ist kein blosses
Phantasiegebilde;
vielmehr enthalten die Werke, die uns Stein hinterlassen hat, bald
verstreut,
bald vereint, wenn auch noch nicht zu vollendeter und harmonischer
Einheit
zusammengefasst, alle Elemente einer derartigen Dichtung. Sein erstes,
von mir oben kurz besprochenes Buch »Die Ideale des
Materialismus«
oder vielmehr »Lyrische Philosophie« offenbart schon alle
Seiten
seiner Persönlichkeit, wenn auch in wilder Gährung. Noch ist
es ein Chaos; aber solche Dinge, wie z. B. die Einteilung in kurze
Kapitel,
deren jedes einen ganz individuellen Charakter trägt, zeigen,
welchen
Wert der jugendliche Dichter-Denker schon damals auf die Vollendung der
Form legte. Ist auch im ersten Teil des Buches der Philosoph
vorherrschend,
so über-
58 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
wiegt
doch am Schlusse, in der
»Adam«
überschriebenen Erzählung, der Dichter. Sein
hauptsächlichstes
poetisches Werk ist aber der im Jahre 1883 von ihm herausgegebene Band
»Helden und Welt«. Es sind dramatische Dialoge, ihrem Wesen
nach jedoch sehr verschieden von denen eines Lucian oder Voltaire;
philosophische
Dialektik wird darin nicht getrieben, vielmehr ist die Zeichnung von
Persönlichkeiten
Zweck und Ziel dieser Dichtungen; vielleicht erinnern sie an Gobineaus
»Renaissance-Scenen« mehr als an irgend ein anderes
Vorbild.
Diese Persönlichkeiten sind alle Helden, in dem Sinn, in dem
Stein
dieses Wort nimmt, nämlich sittlich grosse Menschen, die in ihrer
Umgebung, in dieser »Welt«, gegen die sich ihr Wille
bricht,
dargestellt
werden. Es sind im ganzen zwölf Erzählungen, von denen drei
in
der griechischen Welt, drei in Rom, drei un Mittelalter und drei in
unseren
Tagen sich abspielen. So ziehen Solon, Timoleon, Alexander, Hannibal,
die Mutter der Gracchen, Pompejus, die heilige Katharina, Luther, ein
Grossoheim Bachs, Giordano Bruno (mit Shakespeare), Cromwell und ein
heutiger
Fabrikarbeiter an unserem Auge vorüber. Drei andere Dialoge aus
der
gleichen Folge behandeln die französische Revolution: den Tod
Marats,
den Dauphin, Saint-Just; sie sind erst 1894 (in den Bayreuther
Blättern)
veröffentlicht worden.
59 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
Ein Wort
Steins drückt am besten
die in diesem Buche vorwaltende Idee aus: „
Wie auch immer der
gewaltige
dunkle Hintergrund der Dinge in Wahrheit beschaffen sein mag, der
Zugang
zu ihm steht uns einzig in eben diesem unserem armen Leben offen, und
also
schliesst auch unser vergängliches Thun diese ernste, tiefe und
unentrinnbare
Bedeutung ein.“ Ist auch die hiermit bezeichnete, bestimmte
Tendenz
sichtbar,
so sind doch die Persönlichkeiten mit unleugbarem Talente
individualisiert.
Ja, unter der etwas ermüdenden Maske des Dialoges erblicken wir
sogar
eine ausgesprochene Begabung für das Dramatische. Und seltsam ist
es, zu beobachten, dass Stein, dem so streng männlichen Geiste,
die
Zeichnungen weiblicher Charaktere, wie die Cornelia, die heilige
Katharina
und Cromwells Tochter, am besten gelingen.
Ein im Jahre 1888 aus dem
Nachlasse
veröffentlichter Band enthält ausser einer Reihe dramatischer
Dialoge — unter denen vor allen »Friedrich der Grosse« von
grosser Schönheit ist — eine Tragödie in einem Akte und
mehrere
Erzählungen, die uns Stein in einem ganz neuen Lichte zeigen. Man
denke sich — wenn es der Phantasie gelingen will — einen keuschen Guy
de
Maupassant. »Die Heimat des Wilden« (eine Variation auf das
Thema des »Ingénu«), und die Erzählung eines
Mordes
zeugen
von aussergewöhnlicher Beobachtungsgabe
60 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
und
meisterhafter Beherrschung des
Stiles,
zugleich von einem Realismus, den wir bei Stein nie vermutet
hätten.
Und hier haben wir es mit keiner Tendenz mehr zu thun, sondern mit
reiner und schönster Kunst.
In diesem selben Bande
befinden
sich auch noch drei Dialoge unter dem Titel »Die Heiligen«,
ein Bruchstück des letzten Werkes, an dem Stein gearbeitet hat. Er
wollte ein »Leben der Heiligen« schreiben; nicht, das
versteht
sich, als religiöse Apologetik, sondern weil dieses Problem der
Heiligkeit
ihn unter allen am leidenschaftlichsten erregte. Schien nicht die Natur
ihn selber zu dieser Art des Heldentums vorausbestimmt zu haben? Zu
diesem
neuen Werke sammelte er fleissig alle Daten und schrieb an eine
Freundin,
wenige Monate vor seinem Tode, seine ganze Seele gehöre der neuen
Aufgabe an. Bald jedoch gewahrte er, dass es gewissermassen gar keine
Dokumente
über das Leben der Heiligen gäbe. Authentische Nachrichten
fliessen
hier spärlich, doch das Wenige, was wir wissen, genügt schon
zum Beweise, dass diese Männer und Frauen, die wir unter dem einen
Begriff der »Heiligen« zusammenfassen zu dürfen
glauben,
untereinander
grundverschieden sind; gerade in der Heiligkeit offenbart sich das
Unterscheidende
der Persönlichkeit besonders klar; davon haben aber die alten
Legendenschreiber
keine Ahnung gehabt. Sie be-
61 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
griffen
nicht, dass es sich hier um
eine
höchste Kundgebung der menschlichen Seele, um die siegreichste
Bewährung
des Heldentumes handelt, vielmehr erblickten sie in der Heiligkeit
lediglich
die Unterwerfung unter einen göttlichen Willen und verschwendeten
ihre Beredtsamkeit an die Aufzählung und Beschreibung
gleichgültiger
»Wunder«, ohne nur einen einzigen Blick auf das
grösste
aller Lebenswunder zu werfen: auf den sich gegen sich selbst wendenden
Willen, auf den sich mittels seiner ethischen Kraft über die ganze
Natur erhebenden Menschen. Vielleicht hat Stein daran verzweifelt,
dieses
innere Wunder je begreiflich machen. es je durch noch so
ausführliche
biographische Schilderung wirklich lebendig und glaubhaft vor uns
hinstellen
zu können, es sei denn durch die Vermittlung der ins verborgene
Innere
Licht werfenden Dichtung. Alles, was das wahre Leben des Heiligen
ausmacht,
ruht in der schweigenden Tiefe seines Herzens; kaum berührt die
Chronik
den Saum seines Kleides. Somit könnten wir leicht begreifen, dass
Stein den Gedanken eines »Lebens der Heiligen« wieder
aufgegeben
hätte. Wie dem auch sein mag, so viel ist sicher, unter seinen
Papieren
fand man nur drei Dialoge:
»Die beiden Einsiedler«
(Paulus
der Eremit und der heilige Antonius), »die heilige
Elisabeth«,
»Tauler und der Waldenser«. Die heilige Elisabeth
62 HEINRICH
VON STEIN — VON HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
ist ein
sehr ausgearbeitetes
Stück
in drei Teilen, die ungefähr den fünf Akten eines Dramas
entsprechen.
Wer es liest, wird von der Überzeugung durchdrungen werden, dass
der
Autor
sich später entschlossen haben würde, für die Bühne
zu schreiben und dass er die nötige Begabung besessen hätte,
um für sie ebenso starke als schöne Werke zu schaffen. Doch
wie
das Stück jetzt dasteht, zeigt es alle Nachteile eines
Übergangswerkes;
es ist zu sehr Drama, um die besonderen litterarischen Vorzüge
eines Dialogs
zu besitzen, und zu sehr blos als Dialog entworfen, als dass sich ein
Drama
daraus zimmern liesse. Trotz der sehr grossen Schönheiten der
»heiligen
Elisabeth« ziehe ich darum die beiden anderen Dialoge vor und
glaube,
sie als die poetischen Meisterwerke Steins bezeichnen zu dürfen.
Hier
decken sich Stoff und Form vollkommen; die Grenzen dieser Dichtungsart
sind nicht überschritten, die Gedanken sind erhaben, die Sprache
ist
vollendet rein.
Hier muss ich abbrechen;
die
Persönlichkeit
Steins, nicht die Beurteilung seiner Schriften, war der Gegenstand
dieser
Abhandlung. Und ich darf meinen Zweck als erreicht betrachten, wenn die
flüchtige Charakterskizze dieses edlen deutschen Mannes
genügt
hat, um in manchem Leser den Wunsch wachzurufen, ihn und seine Werke
näher
kennen zu lernen.
(1897)
63
Heinrich von
Steins
Vermächtnis
Der Drang, der
diese Welt erschaffen, ist einem Jeden unendlich bewusst.
Hast Du eine
That
gethan, so musste sie geschehen, der Drang des Wollens hat sie in Dir
gethan;
des Wollens, welches gut war, wenn Du gut bist, und böse, wenn Du
böse bist.
64 HEINRICH
VON STEINS VERMÄCHTNIS
Wenn die
Sonnenstrahlen
die Hülle des Keims bewegen, regen sich die Säfte der
Pflanze,
und es wird ein andres aus den Zellen des Keims: die Knospe sprengt
ihre
Hüllen aus Drang zum Licht. Glück dem Kühnen!
Irgend zwei
Dinge,
die im Raum von einander sind, bleiben nicht so, sondern drängen
zu
einander, so dass das kleinere dem massenhafteren zufällt.
Ein Ding ist
neben
dem andern, und ein Vorgang geschieht nach dem andern; in alle diesem
ist
ein und dasselbe, ewig und alles. Dieses wissen wir bestimmt und kennen
es am gewissesten; es ist nicht Ton oder Farbe, und nicht neben einem
andern
oder nach einem andern: es ist der Drang, der diese Welt erschuf.
—————
65 HEINRICH
VON STEINS VERMÄCHTNIS
Die Dinge haben
Maass und Anzahl.
Die
Verschiedenheit
zweier Dinge ist der Drang zum Geschehen; die Vorgänge haben ihr
Maass
an der Verschiedenheit der Dinge.
Wenn zwei Dinge
sich vereinigen und also ihre Verschiedenheit verlieren, so ergeben sie
doch im Verhältnis zu allen andern Dingen neue Verschiedenheiten:
die Vorgänge sind daher ohne Zahl.
Alle Dinge sind
endlich bestimmt und greifbar wirklich, der Drang ist unendlich.
—————
66 HEINRICH
VON STEINS VERMÄCHTNIS
Das Leben des
Steines
ist schwer sein, das Leben der Pflanze ist reifen, das Leben des
Menschen
ist: besonnene Hülfe.
Das Grabscheit
ansetzen und der Pflanze helfen, dass sie erblüht und Dich
nährt;
das Zugtier anspannen, dass es sich sein Futter vom Felde holt und Dir
dient; Deinem Bruder beistehn, dass er thut wie Du; das ist Dir, mein
Bruder,
wie die Schwere dem Stein und der Pflanze das Reifwerden.
Fromme Andacht,
auf dass Du besonnen werdest, das ist Dir, mein Bruder, wie der Pflanze
die Blüte und wie die Schönheit dem Meere.
—————
67 HEINRICH
VON STEINS VERMÄCHTNIS
Du musst
denken,
dass Du morgen tot bist, musst das Gute thun und heiter sein.
Zweifelst Du,
so
denke an den Menschen, den Du liebst; dann weisst Du, ob Du gut oder
böse
thun willst.
Liebe Dich
selbst
wie Deinen Freund und sei geschäftig Dir zu Gefallen.
68 HEINRICH
VON STEINS VERMÄCHTNIS
Am guten Tage
denke
bei allem, was Du thust, Du schriebest Deine Geschichte in das goldene
Buch der Ewigkeit; thue Dir nie genug.
Wisse, dass Du
stark bist, Du Herr des Blitzes und der Sonne, Meister des Eisens, der
Kohle und des Dampfes, stark über die glühende Sonne zu
blühendem
Leben.
Freude ist die
Leidenschaft, durch die wir besser werden. Soviel Du Dir und Andern
Freude
stiehlst und verdirbst, daran thust Du Sünde.
69 HEINRICH
VON STEINS VERMÄCHTNIS
Fliehe die
Sünde,
denn Du kannst ihr nicht widerstehen.
Hüte Dich
vor dem harten Wort, dessen Du Dich gegen Deinen Bruder erkühnst;
Du kannst es ihm nie verzeihen, dass Du ihn verachtet hast; Du kannst
nie
wieder lieben wie vorher.
Hüte Dich:
Denke des Sohnes, den Du zeugst.
70 HEINRICH
VON STEINS VERMÄCHTNIS
Hüte Dich,
hüte Dich vor Dir selbst, vor Unmut und Hass, und vor dem
Entschluss,
zu dem Du nicht lächeln kannst.
Sehne Dich und
wandere.
Glaube an die
Erlösten.
—————
71
Heinrich von
Steins
Weltanschauung.
1.
Eine
Weltanschauung
zu gewinnen, ist uns Deutschen innerstes Lebensbedürfnis.
Mögen
noch so viele das Verlangen danach mit einer Unterordnung unter
überlieferte
Glaubensformen beschwichtigen, mögen ebensoviele andere sich
über
den Abgrund einer glaubenslosen Skepsis mit einem »il faut donc
vivre«
hinwegsetzen — in jeder neuen Generation regt sich doch jenes Verlangen
mit ungeminderter Stärke, immer von neuem erhebt sich die Frage:
Was
ist der Sinn des Lebens? Wie entrinnen wir der Angst des Irdischen? Wie
gelangen wir in die reinere Luft der Höhe, wo der Atemzug der
Ewigkeit
und der Freiheit weht?
Unübersteiglich
scheinen
die Hindernisse, die sich dem Suchenden, Emporstrebenden in den Weg
stellen.
Es geht nicht an, diese Hindernisse zu umgehen oder zu
überfliegen.
Vollends wer uns ein Führer sein soll, der muss mit diesen
Hindernissen
gerungen und sie überwunden haben, der muss sich in Kampf und Not
den Weg
72 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
gebahnt
haben, auf dem auch wir zur
Höhe
gelangen können. Ein solcher Führer ist Heinrich von Stein.
Er
ist durch Tränen und Schmerzen, durch alle Qualen des Zweifels und
der Verzweiflung zu einer seligen Gewissheit hindurchgedrungen. —
Das
schmerzlichste
Ereignis für den tiefer empfindenden Menschen unserer Zeit ist die
Trennung von dem Glauben der Kinderjahre. Stein hat diesen Schmerz in
voller
Stärke erfahren, aber auch mit grosser Entschiedenheit die
Abwendung
vollzogen. „
Die heiligste Lüge,
in die man mich eingeweiht, und
die
es vielleicht je gegeben, war das Glück meiner Kindheit. — Mit
fünfzehn
Jahren war ich jesugläubig, mit achtzehn Jahren atheistisch, mit
zwanzig Jahren Materialist.“
Ein furchtbarer Ernst und eine ergreifende
Aufrichtigkeit liegt in diesen kurzen Sätzen. Man wird nicht sagen
dürfen, er habe sich durch eine plötzliche Stimmung
fortreissen
lassen. Er hatte während seines Theologiestudiums tief genug in
die
Unzulänglichkeiten und inneren Widersprüche geblickt, die
einem
freien Geiste unerträglich sein mussten. „
Der denkende Mensch ist
gross, und der gläubige glücklich; aber die
gläubige
Wissenschaft und das verständige Glauben ist niedrig und unselig.“
Er riss sich los vom Glauben, aber im Herzen bewahrte er den Eindruck
der
Be-
73 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
seligung,
die das religiöse
Erlebnis
zu einem einzigartigen und unverlierbaren macht; und eben hieraus
entsprang
sein heisses Bemühen, die ganze Innigkeit jenes Erlebnisses sich
und
uns wiederzugewinnen. Er musste mit dem Glauben der Kirche brechen, um
für eine neue Form des religiösen Gefühls den Weg frei
zu
machen.
—
Von der Theologie
wandte sich
Stein zur Philosophie. Aber auch hier fand er statt Förderung
vielmehr
Hemmung. Er musste sich eingestehen, dass die Philosophie das Verlangen
nach einer Weltanschauung nicht befriedige. „
Wir sehnen uns nach
lebendigen,
ja leidenschaftlichen Äusserungen über den Gehalt und die
Gesamtbeschaffenheit
der Welt; und mit gänzlich leeren, kompendiösen Begriffen
finden
wir uns von tausend Philosophien gegen eine abgespeist.“
Immer wieder werden die
heranwachsenden
Geschlechter auf Kant als den grossen Bahnbrecher des Denkens
hingewiesen,
und immer wieder scheitern Unzählige an dem Versuch, hinter dem
Schattenbild
einer blossen Vorstellungswelt die Züge einer von uns
unabhängigen
Wirklichkeit wiederzufinden. Es ist eine beklagenswerte und
verhängnisvolle
Thatsache, dass der gewaltigste Denker, den wir Deutschen gehabt haben,
uns zumeist nicht zu einem geklärten Weltverständnis, sondern
zur Entfremdung von der Wirklichkeit
74 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
und zu
freudloser Resignation
verholfen
hat. Unentrinnbar scheint bei der Kantischen Lehre die Konsequenz, dass
die Welt der Dinge völlig unerkennbar sei; und noch mehr: durch
die
Rolle, die dem Subjekt bei dem Zustandekommen der Erscheinungswelt
zugewiesen
ist, wird zwischen Mensch und Mensch eine kaum zu
überbrückende
Kluft aufgerissen.
Mit scharfem Hieb hat
Stein der
Kantischen Philosophie das Medusenhaupt abgeschlagen, das sie auch ihm
beim ersten Annähern entgegenstreckte. In seiner Dissertation *)
über
Wahrnehmung gelangte der Einundzwanzigjährige, durch eine
kritische
Untersuchung des Wahrnehmungsvorganges, zu der Anerkenntnis einer
Wirklichkeit,
die von dem Subjekt des Wahrnehmenden unabhängig ist, und als neue
Aufgabe der Philosophie er
-
—————
*) Ich kann
dem von H.
St.
Chamberlain auf S. 30 ausgesprochenen Urteil, dass diese Dissertation
schwerer
verständlich sei als selbst Kants Kritik der reinen Vernunft,
nicht
beistimmen. Die Schrift arbeitet nicht mit starren, abstrakten
Begriffen,
sondern geht psychologisch zu Werke, wobei sie auch die Data der
neueren
Sinnesphysiologie benutzt. Der Ausdruck der Gedanken ist klar und
scharf,
nur zuweilen von jener Knappheit, die ein Merkmal geistiger
Intensität
zu sein pflegt. Die Schrift verwirft mit Dühring alle über-
und
ausserweltlichen Elemente in der erkennenden Subjektivität (auch
Kants
intelligible Welt), erweitert aber anderseits das Gebiet seelischer
Realität
weit über die von Dühring gezogenen Grenzen hinaus.
75 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
öffnete
sich ihm die
»Steigerung
des Bewusstseins von den Dingen«. Als eine philosophische
Verirrung
bezeichnet er die Herabsetzung der Erfahrungswelt zu einer bloss
phänomenalen
Realität im Verhältnis zum Subjekt. Was er anderseits von der
Kantischen Lehre festhielt, war die souveräne Stellung des
menschlichen
Innern gegenüber der Aussenwelt; hiervon wird im Folgenden noch
weiter
die Rede sein.
Ermutigt wurde Stein zu
einer
so energischen Auseinandersetzung mit dem Kantischen System durch die
Bekanntschaft
mit den Lehren Eugen Dührings, der ihm in seiner Person das Bild
des
»Wirklichkeitsphilosophen«, wennschon noch vielfach
getrübt
und unvollkommen, vor Augen stellte. Aber schon in jener Dissertation
zeigte
sich die Unabhängigkeit seines Denkens von dem Dühring'schen,
und noch mehr darin, dass er fernerhin Wege ging, die ihn ganz von
Dühring
ab führten. Dühring hatte zwar die Stellung des denkenden
Subjekts
in der Welt richtig eingeschätzt, dagegen die Bedeutung des
künstlerischen
Schaffens, wie sie für uns namentlich in dem Zusammenwirken der
beiden
grössten deutschen Dichter ausgeprägt ist, nicht zutreffend
gewürdigt.
Was Stein bei Dühring
vermisste,
fand er bei Schopenhauer. Nicht die pessimistische Seite war es, die
ihn
anzog; schon in seiner poetisch-philo-
76 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
sophischen
Erstlingsschrift lehnte er
sich gegen die Lehre von der
Weltverneinung auf,
obwohl er späterhin auch aus dieser Lehre den positiven Gehalt in
seine Weltanschauung aufnahm. An erster Stelle fesselte ihn vielmehr
die
Bedeutung, die Schopenhauer dem dichterischen Schauen, im Gegensatz zum
bloss verstandesmässigen Wissen, beilegt.
Die Gunst des Geschickes
fügte
es dann, dass er einem künstlerisch Schauenden und Schaffenden
Auge
in Auge gegenübertreten durfte. Er lernte Richard Wagner kennen
und
in ihm den Verkünder einer Weltanschauung, die der seinen verwandt
war. Was der jugendlich Aufstrebende von dem im Greisenalter stehenden,
Leben und Welt Überschauenden gelernt hat, ist schwer auszusagen.
In
dem
Lichte dieser Sonne reifte der Kern seiner Persönlichkeit
schneller,
als es sonst wohl geschehen wäre. In wie enger Beziehung Religion
und Kunst zu einander stehn, wurde ihm in Bayreuth offenbar. Und
wäre
uns auch nur jenes einzige Wort Wagners an Stein bekannt: »Unsere
Sache ist es, für die ethische Seele der Zukunft zu sorgen«
— wir könnten daraus eine Ahnung dessen entnehmen, was die
Gedanken
der beiden Männer bei ihrem Zusammensein bewegt hat.
Soziale Gedanken
erfüllten
auch Stein von frühester Zeit an; die Herrschaft des Sozialisten-
77 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
gesetzes
hatte bei ihm, wie bei
vielen
der Edelsten in Deutschland, das Gefühl für die tiefe
Berechtigung
der sozialen Bewegung geweckt. Schon der Zwanzigjährige hatte
»die
Philosophie an das Volk« sich wenden lassen und Vorschläge
gemacht,
die auf eine bessere Gestalt der gesellschaftlichen Produktionsweise
gerichtet
waren. Aber mehr noch lag ihm die innerliche soziale Reform am Herzen.
Edlere Regungen, auf dem Boden einer wahrhaft religiösen und
zugleich
künstlerischen Kultur erwachsen, sollten im Verkehr der Menschen
untereinander
massgebend werden; dazu sollte die von ihm erschlossene Weltanschauung
die Menschen fähig machen. Weltanschauung als Gesinnung, als
That,
als Lebensgestaltung, dies war das unablässig festgehaltene Ziel
seines
Denkens und Dichtens.
2.
Was unter Weltanschauung
zu
verstehen
sei, hat Heinrich von Stein selber dargelegt, indem er an den Sinn des
Wortes Anschauung anknüpfte. Als erste und einfachste Art der
Anschauung
kann das sinnliche Element in der Wahrnehmung angesehen werden, also
etwas
noch Unmittelbareres und Ursprünglicheres als die Wahrnehmung
selbst;
in einer solchen Anschauung, wie etwa Licht und Farbe, ist die Einheit
von
78 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Subjekt
und Objekt noch nicht durch
begriffliches Denken aufgehoben.
So beruht
auch im erweiterten Sinne das Anschauen einer menschlichen Gestalt,
einer
Landschaft, eines Kunstwerkes auf der unmittelbaren Erfassung eines
Zusammenhanges,
die durch reflektierende Betrachtung nicht zu gewinnen und durch eine
blosse
Summe von Wahrnehmungen nicht zu erschöpfen ist. So äussert
sich
endlich das schöpferische Anschauungsvermögen des
Künstlers
in der Fähigkeit, Zusammenhänge zu durchschauen und
wiederzugeben,
die über das Wahrnehmbare und begrifflich Erfassbare weit
hinausgehen.
Eine solche der
künstlerischen
verwandte Anschauung muss auch in Kraft treten, wenn der Zusammenhang
von
Welt- und Menschendasein in seiner Einheitlichkeit und Ganzheit erfasst
werden soll. Künstlerische Naturen sind es demnach, an die wir uns
zu wenden haben, um zur Aufklärung über Sinn und Bedeutung
der
Welt zu gelangen. Wenn Philosophen eine Weltanschauung geschaffen
haben,
so ist dies stets auf eine ihnen eigene künstlerische Begabung
zurückzuführen.
So bei Plato, von dem Schopenhauer sagt, er habe die Tatsache des
künstlerischen
Schauens zum Prinzip der philosophischen Enträtselung der Welt
gemacht.
So bei Schopenhauer selbst, „
der die
letzte Philosophie nicht
79 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
mehr als
Wissenschaft, sondern als
Kunst,
nicht als Philosophie also, sondern als Weisheit lehrte.“
Weltanschauung
ist demnach von Welterkenntnis, die sich auf begriffliches Denken
gründet,
ganz und gar verschieden. Je allgemeiner und umfassender die Begriffe
sind,
zu denen das Denken fortschreitet, um so blasser und inhaltsärmer
werden sie, um so mehr entfernen sie sich von der Anschaulichkeit. Ein
vermeintlicher Monismus, der in einem obersten Begriff gipfelte,
wäre
das Gegenteil einer lebensvollen Weltanschauung; es fehlt ihm grade die
anschauliche Verknüpfung alles Realen zu einer Ganzheit, worin das
Wesen einer Weltanschauung besteht.
Wenn aber
Weltanschauung mehr
ist als Welterkenntnis, so ist doch eine uns befriedigende
Weltanschauung
nur auf dem Boden der heut vorhandenen Welterkenntnis möglich.
Lange
bevor es Wissenschaft gab, hat es Weltanschauung gegeben, aber sie
hatte
die Form des Mythus, und diese genügte dem phantasievollen Geiste
der Vorzeit. Selbst der roheste Fetischismus und Animismus ist schon
ein
Versuch, den Weltzusammenhang nach dem Bilde des eigenen Innern zu
deuten,
und ist daher als Weltanschauung anzusprechen. Je weiter jedoch die
wissenschaftliche
Erforschung der Welt vorschreitet, desto tiefer vermag auch die
Weltanschauung
80 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
in die
Wirklichkeit einzudringen. Wie
ungeheuer ist der Umschwung in der Weltanschauung gewesen, als die
Kopernikanische
Lehre dem Menschen seine Stellung im Centrum der Welt raubte und seinen
Blick in die Unendlichkeit des Alls lenkte! Wie gewaltig hat sich
unsere
Auffassung des Lebens geändert, seit die Naturforschung den
Gedanken
der Entwicklung auf die Entstehung der unendlich grossen
Mannigfaltigkeit
organischer Wesen anwandte! Wurde dort die herrschende Stellung des
Menschen
gegenüber dem Weltall gestürzt, so sank hier das Dogma von
der
Einzigartigkeit des Menschen gegenüber der Gesamtheit der
übrigen
Lebewesen in Trümmer, und damit stürzten Weltanschauungen
zusammen,
die bis dahin nahezu unangefochten geherrscht hatten. In einem
gereiften
Zeitalter muss die Welterkenntnis zur unentbehrlichen Grundlage und
zugleich
zur festen Schranke der Weltanschauung werden. Ja, angesichts der
Schrankenlosigkeit
einer schweifenden Phantasie und der Masslosigkeit menschlicher
Ansprüche
erscheint es wie eine Erlösung, dass es „
eine Wirklichkeit und
Wahrheit
giebt, an der der Mensch nichts ändern noch mäkeln kann.“
Die Naturforschung
hat uns mit
dem Gedanken einer durchgängigen Bestimmtheit aller Dinge und
Vorgänge
vertraut gemacht. Der Gedanke einer
81 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
solchen
von unserm Denken
unabhängigen
eindeutigen Bestimmtheit der
Aussenwelt
unter Ausschluss jedweder Willkürlichkeit ist die eine
unverrückbare
Grundlage auch der Stein'schen Weltanschauung. Dies besagen in dem
»Vermächtnis«
die Worte: „
Alle Dinge sind endlich
bestimmt und greifbar wirklich. —
Die
Dinge haben Mass und Anzahl. — Die Vorgänge haben ihr Mass an
der Verschiedenheit der Dinge.“
Wir würden aber
fehlgehen,
wenn wir auch das Geistige in den mechanischen Ablauf der
Naturvorgänge
eingeschlossen erachteten, etwa indem wir es als blosse
Begleiterscheinung
eines körperlichen, nach chemisch-physikalischen Gesetzen sich
abspielenden
Vorgangs auffassten. Gegen eine solche Lehre bringt eben die Kantische
Philosophie, deren Ausartung ins Subjektivistische wir vorhin ablehnen
mussten, die entscheidende Hülfe. Denn ist es in gewissem Sinne
wahr,
dass die Welt unsere Vorstellung ist, so bleibt die unmittelbar gewisse
Realität des wahrnehmenden und denkenden Subjektes das, woran alle
Realität gemessen wird. Man wird sich daher durch keinen
Skeptizismus
dazu bestimmen lassen dürfen, dem Geistigen eine nur abgeleitete
Realität,
gleichsam von Gnaden des Körperlichen, beizulegen. Die
Überzeugung
von der unbedingten Realität des
82 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Geistigen,
die mit einem ebenso
unmittelbar
gewissen Gefühl von der Möglichkeit innerer Freiheit *)
verknüpft
ist, stellt das andere Prinzip dar, das als Voraussetzung einer
Weltanschauung
im Stein'schen Sinne festzuhalten ist. —
Wenn solcherart die Welt als
Objekt
und der
Mensch als Subjekt einander
gegenübergestellt
erscheinen, so führt eben dieser Gegensatz zu der Grundfrage,
deren
Beantwortung wir von einer Weltanschauung erwarten: In welchem
Verhältnis
stehen Welt und Mensch zu einander?
Wir erinnern uns an
das, was
vorher
von der Anschauung gesagt ist. Unübertrefflich hat Schopenhauer
das
Wesen der reinen, vom Willen gänzlich abgelösten Anschauung
geschildert.
Sie besteht ihm zufolge darin, dass man »nicht mehr das Wo, das
Wann,
das Warum und das Wozu an den Dingen betrachtet, sondern einzig und
allein
das Was; auch nicht das abstrakte Denken,
—————
*) Auf das
Problem der Freiheit
ist Stein in seinen Schriften nicht näher eingegangen. Doch hat
ihm
Freiheit stets als Bestimmbarkeit allein durch das Innere gegolten. Man
wird in seinem Sinne niedere und höhere Grade von Freiheit zu
unterscheiden
haben, jenachdem das Handeln mehr von den niederen, tierischen, oder
mehr
von den höheren, spezifisch menschlichen Antrieben beeinflusst
wird.
Ja, man wird sagen dürfen, dass die Menschen in verschiedenem
Grade
zur Freiheit prädisponiert sind, ebenso wie sie nach Goethe in
verschiedenem
Grade unsterblich sind.
83 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
die
Begriffe der Vernunft, das
Bewusstsein
einnehmen lässt, sondern statt alles diesen die ganze Macht seines
Geistes der Anschauung hingiebt, sich ganz in diese versenkt und das
ganze
Bewusstsein ausfüllen lässt durch die ruhige Kontemplation
des
gerade gegenwärtigen natürlichen Gegenstandes, sei es eine
Landschaft,
ein Baum, ein Fels, ein Gebäude oder was auch immer, indem man,
nach
einer sinnvollen deutschen Redensart, sich gänzlich in diesen
Gegenstand
verliert,
d. h. eben sein Individuum, seinen
Willen,
vergisst und nur noch als reines Subjekt, als klarer Spiegel des
Objekts
bestehen bleibt, so dass es ist, als ob der Gegenstand allein da
wäre,
ohne Jemanden, der ihn wahrnimmt, und man also nicht mehr den
Anschauenden
von der Anschauung trennen kann, sondern beide Eines geworden sind,
indem
das ganze Bewusstsein von einem einzigen anschaulichen Bilde
gänzlich
erfüllt und eingenommen ist.«
Dies ist eine überaus
zutreffende
Schilderung des ästhetischen Zustandes. Denn dieser besteht in
einem
völligen Hingegebensein an den Eindruck. Während aber
Schopenhauer
von seinem metaphysischen Standpunkte dieses Erlebnis als eine
gänzliche
Einswerdung von Subjekt und Objekt deutet, erkennt Stein darin die
psychologische
Grund-Thatsache einer uneingeschränkten,
84 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
freiflutenden
Gefühlserregung.
Was bei einer
solchen Anschauung die Ganzheit des
Eindrucks hervorbringt, ist ein Gefühl, eine das Bewusstsein
völlig
beherrschende Stimmung.
Auch für die
Weltanschauung
kommt in Betracht, dass der Mensch nicht nur wahrnehmendes und
denkendes,
sondern zugleich fühlendes Subjekt ist. Im Gefühlsleben aber
wurzeln die Werturteile. Hierin liegt die Berechtigung dafür, dass
wir die Dinge schätzen nach der Wirkung, die sie auf das
Gefühl
hervorbringen. Und rechnen wir die Gesamtheit des menschlichen
Gefühlslebens
im Gegensatz zum reflektierenden Verstande dem Gemüt zu, so werden
wir verstehen, was Stein meint, wenn er sagt:
„
Der wahre Sinn, oder
schlechthin
die Wahrheit der Dinge heisst: die Dinge in ihrer realen Bedeutung
für
ein empfindendes Gemüt, für ein menschliches Gemüt.“
Dem Einwand, dass es sich
hier
nur um etwas Subjektives und darum Unwirkliches handle, begegnet Stein
mit den Worten:
„
Wirklich ist, was
wirkt, was
auf ein Wahrnehmungsvermögen wirkt, was wir sehen und hören.
Wie sollte das nicht wirklich sein, was unser ganzes Gemüt
einnimmt
und gleichsam in sich hineinzieht. Es ist eine Macht der Wirklichkeit,
die dies vermag.“
85 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Der gesetzmässig
starren,
objektiven Welt also wird eine Macht zugesprochen, an jedem Punkte
ihres
Wirkens ein menschliches Gemüt hinzunehmen und auszufüllen.
Dies
leitet sofort zu dem Gedanken hin, dass das Wesen der Dinge selbst
etwas
dem menschlichen Gemüt Verwandtes an sich haben müsse. So
verstehen
wir das Wort Steins: „
Den Dingen
eignet ein seelenvoller Gehalt, als
Möglichkeit,
von einem Menschensinn in einer grossen Stunde erkannt, und als das
Wesen
dieses Dinges erfasst zu werden.“
In einer grossen
Stunde! Nicht
dem Alltagssinn ist es gegeben, in die Tiefe der Dinge einzudringen:
„
Der
Gehalt der Dinge ist immer da,
aber er offenbart sich nur in der künstlerischen Betrachtung.“
Jene
grosse Stunde ist eine Stunde künstlerischen Schauens, und grosse
Künstler sind es, die uns den Weg zur Weltanschauung weisen. Denn
der
Künstler
vermag den Sinn der Dinge darzustellen, „
er weckt gleichsam die Seele
des
Wirklichen und leiht ihr seine Sprache.“ Von dem
künstlerischen Seher
ist
auch Schillers Wort gesagt: Er sass in der Götter urältestem
Rat
— und schaute der Dinge geheimste Saat.
Von den Klassikern
rührt
der Satz, dass die Kunst auf dem Wesen der Dinge beruht, von ihnen auch
die Forderung, dass im Kunstwerk Weltanschauung zum Ausdruck kommen
solle.
86 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Aber wenn
auch wahre Kunst in der
Weltanschauung
wurzelt, so wird doch ein einzelnes Kunstwerk noch nicht die ganze
Weltanschauung
darbieten, es wird grosse Zusammenhänge aufdecken, aber nicht den
Zusammenhang der Welt als Ganzes zum Gegenstande haben. Immer wird es
dem
philosophischen Denken vorbehalten bleiben, das künstlerisch
Geschaute
zusammenzufassen und zu gesteigertem Bewusstsein zu erheben.
3.
Es gehört zu einer
Weltanschauung,
dass sie das Angeschaute, bald nur undeutlich Empfundene, bald zum
vollen
Licht des Bewusstseins Erhobene in ein Wort zusammenzufassen vermag.
Die
Einheit des Angeschauten findet im Worte einen Ausdruck. Stein hat ein
solches Wort gefunden, aber er hat nie Aufhebens davon gemacht, nie
darauf
ein System gebaut, selbst im vertrauten Gespräch kaum darauf
Nachdruck
gelegt. Nur in dem »Vermächtnis«, das den Mittelpunkt
der vorliegenden Veröffentlichung bildet, giebt eben jenes Wort
den
Grundton an:
„
Es ist der Drang,
der diese Welt
erschuf!“
Schopenhauer hat
bekanntlich als
den Grund und das Wesen der Welt den Willen angesehn. In diesem Worte
aber
tritt das Bewusst-Menschliche allzusehr hervor; es erscheint daher, auf
andere
87 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Naturgebilde
und Vorgänge
übertragen,
gar leicht als eine unvollkommene Analogie. Im Willen überwiegt
das
Begehren,
der Drang bezeichnet mehr ein Gefühlsmässiges, in den Dingen
wie im Menschen auf gleiche Weise sich Aussprechendes, den
elementarsten
mechanischen Vorgängen und den zartesten Regungen des Seelenlebens
Gemeinsames. Das der leblosen Natur angehörende Urphänomen
ist
das folgende:
„
Irgend zwei
Dinge, die im Raum
von einander sind, bleiben nicht so, sondern drängen zu einander,
sodass das kleinere dem massenhafteren zufällt.“
So drängt der
fallende Stein
zur Erde, so Sonne und Erde gegeneinander, so streben die kleinsten
Teile,
sich mit einander zu verbinden. Ja, jedem bewegten Körper wohnt
eine
lebendige Kraft inne, die als Andrang zur Erscheinung kommt, sobald
sich
ihm ein Hindernis entgegenstellt; so brandet die Welle gegen das Ufer,
so fluten Ströme von Wärme und Licht gegen die
Oberfläche
unseres Planeten.
So drängt auch
der Keim im
Samenkorn zur Entfaltung, so sprengt die Knospe ihre Hüllen
»
aus
Drang zum Licht«.
Und das Tier in allen
seinen
Lebensäusserungen,
es ist nichts als Drang, in den mannigfachsten Formen und doch stets
derselbe.
88 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Auch in der aufsteigenden Reihe
der Geschöpfe, was ist's, das immer neue Gestalten hervorzaubert?
Bildungstrieb hat es die ältere Wissenschaft genannt, uns ist es
nichts
anderes als Drang.
Und nun denke man
weiter an die
Wissbegier des Knaben, die Thatenlust des Jünglings, das
Liebesbegehren
der Geschlechter zu einander, das Wirkensbedürfnis des Mannes, den
Schaffens- und Mitteilungsdrang des Künstlers. Überall Drang!
Und »
der
Drang ist
unendlich«.
Man vergegenwärtige sich nur die Zeugungskraft der Bakterien, die
in wenigen Tagen aus einem einzigen Wesen Millionen gleichgearteter
schafft.
Und ewig erneut sich, soweit das Leben reicht, das Wechselspiel von
Ersehnen
und Erlangen, von Begierde und Genuss.
Schopenhauer ist
nicht müde
geworden, den Willen als einen gegen sich selbst wütenden, sich
selbst
zerfleischenden zu kennzeichnen. Wir müssen es auch in Wahrheit
als
eine notwendige Thatsache hinnehmen, dass eine Vielheit der Strebungen
einen durchgängigen Antagonismus, ein stetes Wechselspiel von
Förderung
und Beeinträchtigung zur Folge haben muss; aber wir sehen auch,
dass
durch solches Zusammen- und Entgegenwirken der von Natur unendliche, d.
h.
89 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
schrankenlose
Drang eine Begrenzung
erfährt,
so dass schon im Bereich der planetarischen Vorgänge das Chaos
sich
zu einem Kosmos gestaltet. Und wir haben darüber hinaus eine
Einsicht,
die Schopenhauer noch nicht besass, nämlich die aus dem Reich des
Organischen geschöpfte Erkenntnis, dass Kampf und Untergang die
Mittel
sind, wodurch die Natur zu immer vollkommneren Gebilden fortschreitet.
Diese Erkenntnis aber ist der erste Schritt zu der trostreichen
Überzeugung,
dass sich in der Welt nicht bloss ein ewig wiederholter Wechsel von
Zeugung
und Vernichtung vollzieht, sondern dass ein Aufsteigen von niederen zu
höheren Stufen des Seins stattfindet.
Freilich wer wollte
verkennen,
zu wie schlimmen und unheilvollen Gegensätzen die
Vielgestaltigkeit
des Dranges im menschlichen Leben anwächst. Hier erweist sich der
bewusst
gewordene Drang,
als blinder Wahn, nur allzu oft von
»grenzenloser Fehlbarkeit«;
er treibt
Völker
in wütendem Hass gegen
einander, er spornt den
Eigensüchtigen zur Niedertretung
des
Schwächeren,
er richtet sich in sinnloser
Ausschreitung gegen
das eigene Wohl. Im Menschen
selbst aber
eröffnet
sich auch die Möglichkeit,
der
Schrankenlosigkeit
des Dranges Herr zu werden und
seine Gewalt
zu brechen.
90 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
4.
Im Menschen gelangt der Drang, als
Wille,
zum Bewusstsein von sich selbst. Doch ist der Mensch darum
zunächst
dem Drange nicht weniger unterworfen, er bleibt »ein Knecht der
Leidenschaft«.
Daher heisst es bei Stein:
„
Hast Du eine That
gethan, der
Drang des Wollens hat sie in Dir gethan; des Wollens, welches gut war,
wenn Du gut bist, und böse, wenn Du böse bist.“
Auch der Gegensatz
von gut und
böse tritt erst im Menschen hervor. Gut nennen wir eine
wohlwollende
Gesinnung, ein selbstloses Anteilnehmen am Wohl und Wehe des
Mitmenschen.
Die Kraft des Guten aber wurzelt in einem Drang, dem Drang zum Helfen,
dem aus dem Leiden entkeimenden thätigen Mitleiden:
„
Das Leben des
Steines ist schwer
sein, das Leben der Pflanze ist reifen, das Leben des Menschen ist
besonnene
Hülfe.“
Die höchste Form
des Dranges
erscheint hier den niederen zugeordnet; aber der blinde Trieb ist darin
zu einer überlegenen und bewussten Kraft gesteigert, die weit
über
eine bloss passive Mitbewegung wie über die blosse Abwehr einer
unbequemen
Regung hinausgeht.
Schopenhauer hat die
Einzigkeit
dieses Triebes
91 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
zum
Grundstein seiner Philosophie
gemacht,
und
eben darum uns kein ausgeklügeltes
System, sondern tiefste Lebensweisheit hinterlassen. Das Geheimnis der
Welt ist nichts anderes als »eine ruhelose Bewegung der
Zerrissenheit,
welche nur durch das Mitleid geheilt werden kann«. »Das
Mitleid
mit jedem atmenden Wesen erlöst den Weisen von dem rastlosen
Wechsel
aller leidenden Existenzen, die er selbst bis zu seiner letzten
Befreiung
leidend zu durchleben hat.« So kennzeichnet Richard Wagner die
Schopenhauersche
Lehre von der unvergleichlichen Bedeutung des Mitleids. Dem Mitleid
verwandt,
obschon es weit überragend, ist endlich die Liebe, die
»höchste
Kraftentfaltung unseres individuellen Vermögens«, die bis
zur
Selbstaufopferung zu Gunsten eines geliebten Wesens geht; die Liebe,
von
der Wagner sagt: Nur starke Menschen kennen die Liebe.
Mitleid und Liebe,
die
höchsten
Formen des Dranges, sind die Befreier von der Macht der niederen
Triebe.
Wo sie wahrhaft herrschen, können Eigenliebe und Eigenwille nicht
dauern. Heissen jene gut, so sind diese böse, insofern und sobald
sie den ersteren entgegenstreben und deren Bethätigung hemmen.
Aber
doch sind die niederen Formen des Dranges nicht überhaupt und ganz
allgemein als böse anzusehen. Das sei ferne, dass wir, wie es in
der
Geschichte des mensch-
92 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
lichen
Irrtums vorgekommen, Natur und
Sünde als gleichbedeutend nehmen. Eine einsichtsvolle Ethik wird
nicht zur asketischen Unterdrückung der natürlichen Triebe
nötigen,
aus denen die Freude am Leben quillt, sondern vielmehr zu besonnener
Schrankensetzung
auffordern; eine solche Schrankensetzung bedeutet, wenn man es recht
bedenkt,
keine Hemmung, sondern vielmehr eine Befreiung von der
uneingeschränkten
Herrschaft des Dranges. Das Ziel des sittlichen Strebens ist nicht der
Triumph des Menschlichen über das Natürliche, sondern es ist
nach dem sinnvollen Wort Wagners dies: »das Reinmenschliche mit
dem
Ewignatürlichen
in harmonischer Übereinstimmung zu erhalten.«
Stein hat diese
Aufgabe nicht
als leicht angesehen, er hat das Natürliche im Menschen in seiner
ganzen unheimlichen Gewalt nicht unterschätzt. Darum warnt er:
»
Fliehe
die Sünde, denn Du kannst ihr nicht widerstehen.«
Und er fügt
diesen Worten
noch jene drei »
Hüte Dich«
hinzu, die an Zartheit des
sittlichen Empfindens ihres gleichen suchen. Welcher Fortschritt des
ethischen
Gefühls spricht sich in diesen Sätzen aus gegenüber
jenen
grobgearteten, einer niederen Kulturstufe angepassten Vorschriften, die
uns im jüdischen Dekalog überliefert sind, und die noch heute
die Grundlage der sittlichen Erziehung
93 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
bilden.
Schon Luther hat in seinen
Erklärungen
den meisten jener Gebote eine edlere, positive Wendung gegeben. Noch
weiter
in der Richtung auf eine höhere Ethik gehen die Sätze, die
Stein
seinem Luther in »Helden und Welt« in den Mund legt:
„Du sollst nicht
stehlen“; das
sage ich einem Dieb, wenn ich ihn aus dem Stockhause geleite. Einen
freien Christenmenschen vermahnte ich zum Höchsten: sei in Ehren Deines
Brotes wert. Hilf Deinem Bruder, sage ich demselbigen, und nicht:
„Du
sollst Deines Bruders Hausstand
nicht verstören“; halte nicht auf Besitz! und nicht: „Du sollst
Deines
Bruders Haus nicht begehren.“ Anstatt der schlimmen Worte vom
Verleumden
und Afterreden hielten es schon unsere heidnischen Väter besser:
sie waren treu. Oder das fünfte Gebot, ist es uns bisher zur
christlichen
Sitte nütze gewesen, da es sich niemand zu halten getraut:
töte
weder Mensch noch Tier? Und wer versteht es auch nur, wenn ich
gebiete:
Du sollst in heiliger Liebe zeugen, und nicht aus sinnlicher Lust.
—
In Steins Nachlass
finden sich
mehrfach Entwurfe zu einem Sittengesetz, das sich an die Gebote des
Dekalogs
anschliesst. Aber Stein hatte das richtige Gefühl, man dürfe
nicht neuen Wein in alte Schläuche giessen, und gab seiner Lehre
94 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
jene
freiere Form, die uns in seinem
»Vermächtnis« erhalten ist.
Steins Ethik ist das Abbild einer
starken und ganzen Persönlichkeit. Schon in dem frühen
Jugendwerk
spricht er von dem Wert der Persönlichkeit und von der Heiligkeit
des eigenen Selbst. Auch in seiner Ethik ist es ein bedeutsamer Zug,
dass
das Ich hinter dem Du nicht zurücktritt. Sünde im weitesten
Sinne
ist daher in seinen Augen auch jede Untreue gegen sich selbst, gegen
das
Bessre in dem eigenen Wesen, jedes Zurückbleiben hinter dem Ideal
der eigenen Persönlichkeit. Darum tritt neben das Gebot der
Nächstenliebe
das ebenso hohe:
„Liebe Dich selbst wie Deinen Freund“,
und unrecht ist auch jede
Verkürzung
eignen gesunden Lebensgefühls:
„Soviel Du Dir und andern Freude
stiehlst
oder
verdirbst, daran thust Du
Sünde.“
Endlich wie eine stete Mahnung,
in dem Weiterbilden der eigenen Persönlichkeit nicht nachzulassen,
klingt das Gebot:
„
Sehne Dich
und wandere!“
In dieser höchsten Form
nimmt
der von Schlacken gereinigte Drang den Charakter eines kategorischen
Imperativs
an; Sehne dich aus dem Unvollkommenen in das Vollkommene, aus dem Engen
in das Weite, aus der Tiefe in die Höhe, aus der Beschränkung
95 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
in die
Freiheit. Aus solchem Ringen
erwächst
die starke und selbstbewusste Persönlichkeit, die den Gipfel der
aufsteigenden
Entwicklungsreihe der Wesen darstellt. Lebensverneinung wandelt sich
hier
in höchste Lebensbejahung. Selbst Mitleiden und Hingebung sind
nicht
ein Aufgeben, sondern eine Steigerung der Persönlichkeit. Sich
selbst
verlieren heisst in diesem Falle sich selbst gewinnen. Machtlos prallt
an einer solchen Ethik der Vorwurf der Schwächlichkeit ab, der
nicht
selten gegen jede auf das Mitleiden sich gründende Moral erhoben
worden ist.
5.
Erst an dieser Stelle
eröffnet sich uns der volle Einblick
in das, was Stein unter
G e m ü t verstand.
Das Gemüt ist
ihm nicht bloss ein aufnehmendes Organ,
das uns befähigt,
den Sinn der Welt zu erfassen,
es ist vielmehr ein
Inbegriff seelischer Äusserungen
und Wirkungen, der
mit dem Gefühlsbereich und
der ästhetischen
Fähigkeit des Schauens auch
die höhermenschlichen Formen
des Dranges, die Triebe zu
Mitleid und Liebe
umfasst. Das Gemüt erscheint
so, als ein spezifisch
Menschliches im engeren Sinne,
sowohl dem bloss
Natürlichen, als auch dem
reinen Intellekt
gegenüber
gestellt. Es ist ein
Vermögen, die
Wirklichkeit
ideal aufzufassen,
96 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
und
zugleich auch ein Vermögen,
auf
die Wirklichkeit in idealem Sinne einzuwirken.
Was aber giebt uns die Gewissheit,
dass im Leben des Einzelnen wie im gesamten Weltlauf das Gemüt
sich
zu behaupten und als das Höhere zu erweisen vermag? Was verschafft
uns die Überzeugung von der entscheidenden Macht des Gemüts
in
allen
Dingen der Welt? Wir stehen hier im Mittelpunkte der Stein'schen
Weltanschauung.
Stein selbst besass jene Gewissheit, weil er die Kraft des Gemüts
in
seinem eigenen Leben fort und fort erfahren hat.
Es giebt aber auch objektive,
von der persönlichen Erfahrung unabhängige Zeugnisse für
die
unbedingte, weltüberwindende Macht des menschlichen Gemüts.
Dies sind die Gestalten der Heiligen, die Stein in der letzten Zeit
seines
Lebens zum Gegenstande seiner Betrachtung und seines
künstlerischen
Schaffens
machte. Er spricht sich in einem Briefe darüber aus:
„
Es sind wirkliche
innere
Erfahrungen
gewesen, die mich mit wahrer Sehnsucht fragen lassen, wer den erhabenen
Gedanken der Heiligkeit und Seligkeit, den wir alle hegen, auf Erden
verwirklicht
habe .... Gerade im Höchsten und Edelsten erfahren wir das
Unzulängliche;
jene aber erfuhren in sich das Unbedingte, und das Leben ist nichts,
wenn
man diese Erfahrung nicht irgendwie in sich selbst erworben fühlt.“
97 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Schopenhauer hat die Umkehr des
Willens und die Verneinung der Welt, die uns in den Heiligen vor Augen
tritt, als ein erstaunliches Phänomen menschlicher
Seelengrösse
erkannt. Aber nicht die Verneinung an sich ist das Bedeutsamste an
diesen
Gestalten, sondern die positive Kraft des menschlichen Gemüts, die
sich in ihnen kund giebt. Einen dieser »Heiligen«
lässt
Stein das in ihm sich offenbarende Wunder in folgenden Worten
aussprechen:
„
All unser Streben
wird in seiner
geraden Richtung gebrochen und vernichtet. Das geschieht einmal, wieder
und immer wieder. Hierin aber, und hierin allein erwächst uns ein
Vermögen, welches uns den Dingen überlegen macht — eine
Flucht
von den Dingen — ein Flug Weit über sie hinaus.“
Und zu einer Nachfolge der
Heiligen
will uns Stein emporführen, wenn er uns ans Herz legt:
„
Du erfassest das
Beispiel des
Heiligen, und um so seliger bist Du, als Du dasselbe in Dich
aufnimmst.
Gänzlich in ihm aufzugehen, heisst Dir mit Recht ewige
Seligkeit,
und Du ergreifst dieses ewige Leben in jedem Augenblicke, wo jenes
Bild
in Dir zu einer Wahrheit und Kraft wird. Du ahnst dann ferner, dass
Dir,
auf diesen höchsten Wert Deines Lebens hin angesehen, alle Dinge
zum
Besten dienen müssen; die
98 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Wirklichkeit begünstigt den
Erlösten
auf jedem Schritt seines Weges, zum mindesten ficht sie ihn an
bösen
Tagen nicht eigentlich an.“
Und er spricht weiter von der
in
der Heiligung wieder erlangten Freiheit des Willens und fährt fort:
„
Nicht kann uns
der kalte Heroismus
der Pflicht erlösen, sondern nur der Wille, der aus innigem Drange
nicht mehr begehrt; der nichts mehr für sich, Alles für
Andere
will, jenes aber nicht als Asket, sondern als Erlöster — dieses
nicht
aus Gesetz, sondern durch einen ihn selbst warm und wahrhaft
beglückenden Wahn, durch Liebe.“
In solchem Sinne ist auch das
letzte und höchste seiner Gebote zu verstehn:
„
Glaube an die
Erlösten.“
Den Glauben an die
Möglichkeit
der Erlösung hat Stein mit dem Evangelium gemein, aber befreit von
aller entstellenden Dogmatik. Und wie im Evangelium, so giebt es auch
für
Stein eine Gewissheit des ewigen Lebens: „
Was ist ewig? Was keinem
Wandel
unterworfen ist — ein tiefster Grund, und ein letztes Ziel.“
Ewiges
Leben
ist ein „
Zustand des Gleichgewichts,
der auf der höchsten Stufe des
Seins sich einstellt, alle Potenzen des Seins in sich befassend und
versöhnend:
der Seelenzustand der Erlösten.“
99 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
In diesem Zusammenhange
enthüllt
endlich die erhabenste Gestalt, der Erlöser am Kreuz, ihren
grossen
und tiefen Sinn. Stein spricht von der Person Jesu stets mit
Ergriffenheit:
„
Vergesst das Heroische in Jesu
nicht. Er hätte ja, milde und
weise,
in der Einsamkeit leben und sterben können. Er musste aber den Tod
überwinden, er brachte den Entschluss von Gethsemane mit: Mein
Leben überwindet Euren Tod.
Das ist Erlösung.“
Und an andrer Stelle, an das Bild
des Gekreuzigten anknüpfend:
„
Beständig
auf jenes Bild
gerichtet,
sprechen wir das Wort eines göttlichen Wahnes mit Ehrfurcht aus.
Der
Wahn des Heiligen überwog die Grundkraft aller Dinge, den Willen,
indem er denselben in sich aufnahm und die ganze Kraft des Willens in
Erlösungswonne,
in erlösendes Wohlwollen verkehrte. Hier stellt sich das
wahrhaft
Wesenhafte dar, was sonst getrennt, als blinder Wille, als
trügerischer
Wahn, die Welt erfüllt und bestimmt. In der Annäherung an
dieses
ewige Wesen der Dinge besteht der Wert des Daseins, die Entfernung von
ihm ist Qual und Untergang.“ —
Das Wort Wahn wird hier in einer
Bedeutung
gebraucht, die erst Richard Wagner ihm gegeben hat. Wahn ist mit Wille
aufs engste verknüpft,
100 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
er ist
die Form des Willens, wie
dieser
die innere Kraft des Wahnes ausmacht. Wahn ist das
Gefühlsmässige,
die Richtung des Willens Bestimmende. Er schwebt gleichsam über
dem
triebartig wirkenden Willen in einer höheren Schicht des
Bewusstseins.
Er kann in einzelnen Fällen als Vorstellung eines ersehnten
Gegenstandes
erscheinen, aber ebensowohl auch unbestimmt bleiben; er kann als
ästhetisches
Schauen sich vom Willen ablösen, ist aber sonst in allen
Lebensäusserungen
mit der Kraft des Wollens verbunden. Er ist, insofern er dem
begehrenden
Willen zugesellt ist, jedem Irrtum, jeder Fehlbarkeit ausgesetzt, und
anderseits
als Anschauung des Schönen, als Sehnsucht nach dem Höchsten,
von unbedingter Wahrheit. Darum heisst er einmal blinder Wahn, und dann
wieder: göttlicher Wahn. Nach Wagners Worten muss, wenn der Wille
seinen ganzen Eifer auf freiwilliges Entsagen und Leiden richtet, dies
Wunderwirkende »einen so erhabenen, mit allem übrigen
unvergleichbaren
Quell haben«, dass uns keine andere Möglichkeit bleibt, als
»aus dem über alles erhabenen Erfolg auf die göttliche
Natur dieses Wahnes zu schliessen.« —
Was aber das Wesen der Welt sei,
erschliesst sich uns nicht im Willen, nicht im Wahn allein, sondern in
einer Zusammenfügung beider. Eine solche ist uns gegeben in der
Anschauung
des
101 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Schönen,
wo der Wahn sich als
vorübergehende
Beruhigung des ruhelosen Willens
bethätigt,
im
Schaffen des Künstlers, wo der Wille
als künstlerische
Absicht sich in den Dienst des Wahnes
stellt,
endlich aber:
„
wo der Wahn als
wahrhafte
Erkenntnis
den Willen gänzlich erfasst und umschliesst, seine Kraft hiermit
auf
sich überträgt und als Weisheit sich ausspricht: die erste
Stufe
hiervon — Besinnung; die höchste — heilige Besonnenheit,
göttliche
Übermacht der Milde“.
6.
Wahn und Wille sind Begriffe,
mit denen das Denken dem Wesen der Dinge näher zu kommen sucht,
aber
auch sie erschöpfen das Wesen der Dinge nicht: „
Das Wesen der Welt
ist in keine Formel zu fassen.“ Vielmehr am greifbarsten stellt
es sich
immer wieder in Persönlichkeiten dar, vor allem eben in den
Heiligen,
von denen es bei Stein heisst:
„Es ist der
höchste Sinn des Seins,
der sich in dem Heiligen, in dem Gotte unter den Menschen, als
bestimmteste
That des Lebens ausspricht.“ —
Wenn dem so ist, so muss sich uns
im
Heiligen eine Lösung der letzten
Fragen des Daseins erschliessen, vor allem der Frage, die
102 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
die
Menschheit von jeher
aufs tiefste bewegt hat:
Warum und wozu ist das Leiden in der
Welt?
Stein war dem Leiden von früh
auf vertraut, schon in jener Jugendschrift richtete sich sein Denken
auf
dies Problem aller Probleme. Er nennt dort den Schmerz den ernstesten
und
vollkommensten Einblick in die Systematik des Alls. In diesen Worten
ist
eine ganze Philosophie des Schmerzes enthalten. Man muss sich
vergegenwärtigen, dass auch die höchste Daseinsform das ganze
Stufenreich
des Seienden bis zum Niedersten unter sich hat, sie ist von diesem
Stufenreich
getragen und selbst nur zu denken als ein aus den Tiefen unter ihm
Emporgestiegenes.
Mit der naturnotwendigen Abhängigkeit von den mechanischen
Grundlagen
des Lebens und den hieraus entspringenden Konflikten ist auch die
Möglichkeit des körperlichen Schmerzes gegeben. Darum weist
Stein den
körperlich
Leidenden auf jene Vereinigung höherer und niederer Ordnungen hin,
die im Menschen zusammentreffen:
„
Man fasse mit
Ruhe und milder
Ehrfurcht auch jene niederen Ordnungen in das Auge, das Erdenhafte, das
Pflanzliche, das Tierische im Menschen. Manche Pein würde
gemildert
werden, wenn der schwererkrankte Mensch sich ohne Scheu als leidendes
Tier zu betrachten vermöchte. Viel wäre gewonnen, wenn der
hoffnungs-
103 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
los Leidende sein Wieder-Untertauchen
in die niedere Ordnung sich friedlich eingestände, und die
peinvolle Erhaltung eines weder menschlichen noch tierischen
Scheinlebens von
Niemandem gefordert würde.“
Aber es giebt schlimmeres Leiden
als Körperschmerz. Von Seelenleiden vornehmlich ist Richard
Wagners
Wort zu verstehen, dass das Kennzeichnende der menschlichen Gattung die
Fähigkeit zu bewusstem Leiden sei. Eine solche Fähigkeit zum
Ertragen von Leiden ist in ausgeprägtester Form den Heiligen
eigen,
ja bei ihnen bis zur Märtyrerfreudigkeit gesteigert. Und auch der
Held wird zum Heiligen, wenn er im Kampf mit der umgebenden Welt ein
Höheres
zu verwirklichen strebt, und seine Heldenhaftigkeit im Leiden und
Sterben
bewährt. Das Geschick des Helden gegenüber der Welt ist ein
tragisches und als solches durch die Beschaffenheit der Welt notwendig
gemacht. Entsprechend jener Stufenordnung in der gesamten Natur muss
auch
insbesondere das Nebeneinander niederer und höherer Menschen als
eine
Vorbedingung für das Auftreten des Höheren begriffen werden.
Aus diesem
Nebeneinander aber leitet sich alles Widrige des äusseren
Geschicks,
das dem Helden auferlegt ist, ab. Dies ist keine Rechtfertigung; vor
dem
unendlichen Leid, das gerade den Grössten widerfährt, ver-
104 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
stummt
jeder Versuch einer
Kosmodicee.
Aber doch kann es den Leidenden selbst versöhnlicher stimmen, zu
denken,
dass das Leiden einen tiefen Sinn in sich birgt. „
Gerade in der
unendlichen
Leidensfähigkeit grosser Geister waltet das höhere Gesetz,
welches
die Erlösung der Welt, des Menschen, unablenkbar ewig
verwirklicht.“
—
Über den Sinn des Leidens aber weiss Stein uns
aufs
eindringlichste
zu belehren:
„
Wie wunderbar
fühlen wir
uns erhoben und geweiht durch ein uns gänzlich einnehmendes Leid.
Es ist nicht anders zu fassen, als dass eine sonst uns nicht gegebene
Macht
in einem solchen Leide von dem Menschen ausgeht; blickst Du auf eine
grosse
Leidenszeit zurück, so ist Dir wohl, als sei gleichsam unmerklich,
uneingestanden vor allem Herzweh, innerlich und äusserlich viel
zu Stande gekommen, Grosses vollbracht worden. Ich blicke hier nicht
auf
den Genius, der seiner Seelennot unsterblichen Ausdruck giebt. Ich
denke
vielmehr an stillere, geheimere Wirkungen des Leids. Ich glaube und
habe
immer geglaubt, dass ein grosser Schmerz, den Niemand sieht, an dessen
würdiger Ertragung sich also Niemand erbauen kann, rein innerlich
durch die Art, wie er empfunden wird, ein geheimnisvoll weiterwirkendes
Werk ist.“
105 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Stein knüpft hier an die
Lehre
des Mystikers an: Dein Leiden ist Dein oberstes Wirken; und im Hinblick
auf Seelenleiden heiligster und tiefster Art, auf alles bittere Weh,
was
wir von andern, ohne eigentliche Bosheit, erfahren, auf alles
Nichtverstehn
und Getrenntsein, von dem wir wissen, es musste also geschehen —
spricht
er uns Trost zu:
„
Nein sehet,
wäre die
höhere
Notwendigkeit nicht in Euch, so würdet Ihr ja nicht leiden. In
solchen
grossen Schmerzen durchwaltet Euch eine Macht, deren Organ Ihr in
diesen
Erfahrungen werdet. Was in Euch bange atmet, wird in andern freier
atmen.
Es musste aber einmal zum Atmen ansetzen, und eine Brust zuerst
bewegen,
und das geschieht nicht ohne Not und Drang. Dieser hohen Ahnung sind
wir
versichert, dass gerade da, wo wir am schmerzlichsten leiden, dass
gerade
da in uns eine unverwirklichte höhere Ordnung des Seins nach Leben
ringt.“
Als Trägerin jener
höheren
Ordnung erscheint die Persönlichkeit, die im Leiden die Steigerung
und Vollendung ihres Daseins erfährt. Aber die Persönlichkeit
ist noch nicht »der letzte Ausdruck des Weltwesens«:
„
Im Innern der
Persönlichkeit,
ihr angehörig als ihr eigenstes Leben, walten Mächte und
vollziehen
106 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
sich Entscheidungen, deren Wucht und
Wesen über den sinnlich lebenden und sterbenden Einzelnen
hinausreicht.“
Jenes über das
Persönliche
Hinausreichende, das eigentlich Tiefe und Ewige im Menschen
Darstellende
nennt Stein das Überpersönliche. Er erkennt sein Walten in
dem
Gemeinschaftsgefühl,
das den schaffenden Künstler treibt, sein Leben für die
Verwirklichung
eines in ihm lebenden Ideals zu opfern; und er findet es auch wieder in
dem innigen persönlichen Verhältnis der beiden Unsterblichen
von Weimar. Er nennt das, was eigentlich erst die wahre Grösse
dieser
beiden Menschen ausmachte, »ein wechselseitiges Aufgeben des nur
Persönlichen«, und er schliesst:
„
Ohne
Gemeinsamkeit, ohne eine durch
Liebe und Ehrfurcht belebte Gemeinsamkeit würde die menschliche
Persönlichkeit
nur ein sehr flüchtiges Bestandstück des Weltenganzen sein;
wogegen die Betrachtung deutlich ersehener Persönlichkeiten in
ihrer
Wechselbeziehung und ihrem Wechselverhältnisse einer Ahnung des
Weltsinnes zugeleitet.“ —
Hier kündigt sich die Lösung eines
letzten
Problems an, die im Folgendem noch deutlicher hervortreten wird. „
Die
Schranke
des Individuellen, das schmerzlich Problematische in Welt und Leben,
wird
nur in der Liebe
107 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
überwunden.“ Und das
Menschliche
erhebt sich hier soweit über das Natürliche, dass wir uns
fragen
müssen, wie denn dabei die Ganzheit der Weltanschauung gewahrt
bleibt.
Sind nicht Mensch und Natur ein unversöhnlicher Gegensatz? Sind
nicht
Mitleid und Güte, Liebe und Ehrfurcht völlig verschieden von
allem, was wir sonst in der Wirklichkeit antreffen? Aber wenn nicht das
Gute bereits von Anfang an im Weltgrund als Anlage vorhanden
wäre,
wie könnte es überhaupt zur Verwirklichung des Guten auch nur
an einer einzigen Stelle kommen? Muss nicht den Dingen ein
»seelenvoller
Gehalt« eigen sein, wenn Seelenvolles aus ihnen hervorgehen soll?
Hier trifft die Forderung der Vernunft mit dem, was die
ästhetische
Anschauung uns lehrt, zusammen. „
Ein
sehr schöner Anblick
erfüllt
uns mit der Überzeugung, dass ein uns befreundetes Wesen auf
unaussprechliche
Weise in den Dingen walte.“ In der harten Wirklichkeit der Dinge
glauben
wir etwas zu erkennen, »
was den
Melodien unseres eigenen Inneren
innig verwandt ist.« Wir meinen es als ein Menschliches
begreifen
zu können, wenn wir uns Steins Wort zu eigen machen:
„
Der Mensch ist
die Seele der Dinge.“
Und doch wieder reicht das, was
uns aus den Dingen anspricht, weit über Menschliches hinaus. Wir
nennen
es mit Goethe: das Göttliche, und
108 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
denken es
uns, wie er, nicht als
fertig
und überall vorhanden, sondern als ein Wirkendes, Bildendes,
Gestaltend-Umgestaltendes,
eine Kraft, die im Zusammenhang aller Dinge ähnlich wirkt wie die
persönliche Eigenart im Lebenszusammenhang des einzelnen Menschen.
Und es ist nichts als die Auswirkung und Entfaltung dieses in allen
Dingen
schlummernden Göttlichen, was sich in und mit der Steigerung des
Menschlichen
vollzieht. Darum ist von dem Heiligen das tiefsinnige Wort gesagt, dass
die Dinge ihm unterthänig sind, und ihm als ihrem letzten Zweck
und
Wesen in ihrer Gesamtheit, obwohl auf tausend Irrwegen, gleichsam
zustreben.
In diesem Sinne ist auch des Mystikers Wort zu verstehen, dass der
Mensch
alle Dinge zu Gott bringt. Der frommen Formel »Dazu helfe mir
Gott«
stellt sich die strenge Forderung gegenüber: »Du musst es
ihm«.
Stein deutet auf dies letzte Geheimnis des Weltzusammenhanges hin mit
den
Worten:
„Leisem
Atem, Ahnung gleich
Weilt in
allen Weiten Gott,
Wartend, dass der Mensch ihn wecke.“
—
In solcher Erweckung Gottes und
der Einswerdung mit ihm vollzieht sich auch die im
Überpersönlichen
bereits angekündigte Lösung des grossen Problems der
Individuation,
der Vereinzelung. Das
109 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Aufgehen
im Höheren,
Unendlichen,
Allumfassenden bringt die Befreiung von der Qual der Einzelexistenz.
Doch
nicht Ruhe in Gott, sondern Leben in Gott ist das Ziel. Und die stets
sich
erneuernde Sehnsucht nach diesem Ziel ist die sichere Bürgschaft,
dass wir am Ewigen Teil haben.
Dies ist Weltanschauung und
zugleich
Religion. Denn Religion haben, heisst, nach einem schönen Wort
Friedrich
Nietzsches, »dem Leben einen ewigen Sinn geben, mitten im
Endlichen das
Unendliche fühlen und besitzen.«
7.
„
Lösungen des
Welträtsels
werden nicht gelehrt, sondern erlebt.“ Es giebt eine seltsame
Halsstarrigkeit
des Verstandes, die das nicht anzuerkennen vermag, was ihr nicht wie
ein
mathematischer Lehrsatz bewiesen wird. Indem aber die hier vorgetragene
Weltanschauung sich auf seelische Erfahrungen gründet, entzieht
sie
sich einer logischen Beweisführung. „
Der Sinn der Welt ist von
jedem
Menschen durch innere Thätigkeit hervorzubringen. — Dogmen und
Systeme
sind nur ein trüglicher Widerschein dieses klaren inneren
Lichtes“,
und auch die philosophische Einkleidung jener Anschauung kann das
Gemüt
keineswegs zur Erfassung ihrer Wahrheit und zur Würdigung ihres
Wertes
bestimmen.
110 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Ein Prüfstein jedoch ist
uns
an die Hand gegeben. Wie Steins Weltanschauung aus künstlerischer
Auffassung geboren ist, so findet sie auch an den Schöpfungen
grosser
Künstler ihre Bestätigung. In allen grossen Kunstwerken
offenbart
sich eine Seelenkraft, die sich der Dinge für das Gemüt
bemächtigt
und an ihnen ein Höheres zum Ausdruck bringt: „
Die Kunst als
Kundgebung
grosser Seelen stellt das Menschliche seinem höchsten Sinne nach
dar“.
Stein hat diesen Gedanken
häufig
im einzelnen verfolgt. So erkennt er in der grössten der
äschyleischen
Dichtungen, der Orestie, als Grundthema: das Losringen des menschlich
Edlen
vom Elementaren, Gewaltsamen. »Das Gute siege«, ruft der
Chor
im Agamemnon in den beginnenden Kampf der unheilvollen mit den
versöhnenden
Mächten. „ Wenn in den Grabspenderinnen wiederholt Orestes, dann
Orestes
und Elektra mit erhobenen Händen zu den Göttern um Schutz und
Hilfe flehen, sehen wir mit Augen den edlen Menschen von den
dämonischen
Fesseln seiner eigenen Art ringend sich befreien: ist es möglich,
heisst es da klagend-machtvoll in diesen mit aller Tiefe
religiöser
Andacht, aller Fülle poetischer Symbolik ausgeführten
Gebeten,
ist es möglich, aus einer allumfassenden Gewalt, aus einem Element
des Elends aufzutauchen?“
—
111 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Das selbe tragische Grundthema
findet er in Shakespeare wieder:
„
Durch alle Werke
Shakespeares
geht die Ahnung des guten Menschen, in Brutus, in Imogen, in Prospero
sich
andeutend. Verrat, Verhängnis, trugvolle Magie umhüllen
Edelart
und Glück, bis alles Unheil in einem letzten Atemzug verweht. —
Weil
er erkannte, wie in seiner Zeit ein aller Treue, Würde und
Ritterlichkeit
fremder, blinder Drang nach dem unheilvollen Gute unseliger Macht
allgewaltig
herrsche, erschaute er im Grunde der Dinge alle jene Kämpfe und
Leidenschaften
selbst, vermöge deren eine solche Entfremdung sich vollzogen
hatte..... Jene sehnende Ahnung aber des vollständigen Gegenteils
von
diesem
allen ist zwar sicherlich der Sinn, den wir einer Auffassung des
Kunstwerks
Shakespeares zu geben haben: jedoch, unausgesprochen und vielleicht
unsagbar,
tritt dieselbe in diesen Werken selbst nie mit der kühnen
Ersichtlichkeit
des Ideales auf, wie bei den Späteren, einem Rousseau und
Schiller;
sondern fast einzig in jenem uns ewig geheimnisvollen Dichtergemüt
und
Dichterauge selbst, welches aus diesem wirren Drängen Gestalten
ersah
und schuf.“
Einem ganz andern Vertrauen in
das Ideal als eine die Wirklichkeit umgestaltende Macht begegnen wir in
der That bei Schiller, über dessen
112 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Schöpfungen
Richard Wagner den
Ausspruch
that:
»Jedes seiner Dramen vom Wallenstein
bis zum Tell bezeichnet eine Eroberung auf dem Gebiet des ungekannten
Ideales.«
Für Schiller giebt es »
keine
Erscheinungen der Wirklichkeit, denen
gegenüber das Ideal zu einem blossen Schein verblasste, keine
Mächte
der Welt, denen gegenüber es seine ursprüngliche,
natürliche
Kraft verlöre«. In dem letzten, unvollendeten seiner
Dramen, dem
Demetrius,
erhebt er sich bis zum Übermenschlichen mit dem Problem: „
Kann der
Mensch,
durch überstarke Willkür, die Natur bezwingen; kann, wo die
Natur
versagt, ein starkes Wollen das Unwirkliche verwirklichen?“ —
»Den
lieb ich, der Unmögliches begehrt«, heisst es auch im Faust;
der Sieg einer gestaltenden Kraft im Menschen, so sehr diese auch an
bedingende
Umstände und Zusammenhänge gefesselt ist und nur an ihnen
sich
bewähren kann — ist der leitende Gedanke der Faustdichtung und
zugleich
die ideelle Summe von Goethes Leben.
Eine neue Stufe erreicht die
Darstellung
des Reinmenschlichen in den Werken Richard Wagners. Hier verbindet sich
das Menschheitsideal der Klassiker mit dem Geiste der Musik.
Die Musik stellt, nach Schopenhauers
tiefsinniger Auffassung, unmittelbarer als andere Künste die
Bedeutung
der Wirklichkeit für das Gemüt dar, und sie vermittelt noch
ganz
anders, als Worte es vermögen, was in der Seele
113 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
des
schaffenden
Künstlers
lebt. Ihr verdankt
die Wagnersche Kunst die
unvergleichliche
Eindringlichkeit, mit der sie allgemeine und allmenschliche Ideale
unserer
Anschauung einprägt und vor unserem Gefühl verwirklicht.
Senta,
Elisabeth, Brünnhilde, Hans Sachs, Parsifal — sie sind ewige
Gestalten,
weil uns in ihnen das Ideal des Menschlichen, der Sieg des Innen
über
das Aussen, mit zwingender Gewalt vor die Seele gestellt ist. —
Dass
eine
solche Kunst mit wahrer Religion aufs
innigste zusammenhängt, ja mit
ihr vollkommen eins ist, darauf hat Richard Wagner selbst mehrfach
hingewiesen.
Die Grunderscheinung des Religiösen ist die selbe
Überlegenheit
des
Innen über das Aussen, die in den höchsten Gebilden der Kunst
zum Ausdruck kommt. Es kann sich sogar ereignen, dass die Kunst jene
seelische
Grunderscheinung in reinerer Form ausspricht als die in Verfall
geratene
Religion. Es ist dann »der Kunst vorbehalten, den Kern der
Religion
zu retten, indem sie die mythischen Symbole ihrem sinnbildlichen Werte
nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen
verborgene
tiefe Weisheit erkennen zu lassen«. In der That hat die Kunst von
jeher den Gefühlsgehalt der Religion zu ergreifendem Ausdruck
gebracht,
so in Raphaels Sixtina, in Bachs Passionsmusik, in Wagners Parsifal,
dem
»hohen Sang von Glauben und Liebe«.
—
114 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
Religion und Kunst treffen
zusammen
in der
Anerkennung einer moralischen Bedeutung
der Welt. Ihnen eint sich eine Weltanschauung, deren höchstes und
letztes Ideal die auf der Heiligung des Willens beruhende Erlösung
ist.
8.
Die künstlerisch-religiöse
Weltanschauung Steins führt mit Notwendigkeit zu dem Gedanken
einer
Erneuerung und Veredlung der menschlichen Kultur. Stein schliesst sich
auch hierin an Richard Wagner an, der den absoluten Pessimismus
Schopenhauers
ins Positive gewendet hatte, indem er proklamierte: »Wir erkennen
den Grund des Verfalls
der historischen Menschheit, sowie die Notwendigkeit einer Regeneration
derselben; wir glauben an die Möglichkeit dieser Regeneration
und
widmen uns ihrer Durchführung in jedem Sinne.« Die
Berechtigung zu
einem solchen Glauben hat Stein schon lange bevor er Wagner kannte zum
Ausdruck gebracht in den Worten:
„
Jede Art von
Vollkommenheit,
die ein Menschengeist ohne Denkfehler ideell auszustalten vermag, wird
auch in ihren wesentlichen Grundzügen vom Menschengeschlecht zu
verwirklichen
sein.“
Ihm ist es unzweifelhaft, dass
das Beste in uns, ob es gleich etwas über alle Wirklichkeit hinaus-
115 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
liegendes
sucht und erschaut, doch
mit
der Wirklichkeit innig verknüpft sei; er besteht auf dem
thatsächlichen
Charakter der »idellen Anticipation«, die über unser
Leben
und über Erdenglück hinausreiche, aber doch dem Leben und dem
lebendigen Menschenglück nicht durchaus unverwandt sei.
In Übereinstimmung mit Wagner
erkennt Stein in der Kunst die Macht, die allein einen besseren Zustand
der menschlichen Gesellschaft herbeiführen kann. Diese Zuversicht
gründet sich zu allererst darauf, dass die künstlerische
Mitteilung
eine höchste Form menschlicher Gemeinsamkeit und damit das Vorbild
einer Gemeinsamkeit überhaupt darstellt. „
Das Künstlerische
giebt
uns einen Begriff davon, was Menschen sich sein können.“
Dem Drang
des Künstlers sich mitzuteilen, entspricht der Drang, ihn zu
verstehen
auf seiten derer, denen er sich mitteilt; das gemeinsame Element in
beiden
ist die Liebe, als die Fähigkeit, sich der Enge des eigenen Selbst
zu entäussern.
Überdies aber wird auch die Kunst
selbst, als höchste Kundgebung des menschlichen Gemüts, dazu
hinleiten, „
die Dinge dieser Welt zu
einer dem Gemüt harmonischen
Form zu gestalten.“ Hierin beruht die erzieherische Kraft der
Kunst.
»Einzig
die Kunst vermag Menschen zu bilden.« So hatte bereits Schiller
die
ästhetische Erziehung verstanden, so hatte Goethe in den
Wanderjahren
116 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
die
Hervorbringung des wahrhaft und
tief
Menschlichen durch die Kunst gelehrt, und die Erweckung einer
ehrfürchtigen
Besonnenheit vor den Dingen als die vornehmlichste Aufgabe des
Erziehenden
hingestellt. So will auch das Kunstwerk von Bayreuth als vorbildliche
ideale
Gestaltung menschlicher Verhältnisse in seiner erzieherischen
Bedeutung
verstanden sein; und wenn „
die
Begebenheiten der Tragödie uns die
ewige Bedeutung des Lebens zu steter religiöser Überzeugung
im
Bilde
vorführen, so sollen in einer Annäherung an die Symbole des
Kunstwerks
selbst die Vorgänge des Alltags Weihe und Würde erhalten“.
Ja,
die Kunst von Bayreuth giebt einer deutschen ästhetischen
Erziehung
ihr vollkommenstes Ideal, von dessen heiligem Feuer fortan auch eine
schlichtere
Volkskunst Wärme und Licht entnehmen mag. —
Steins Weltanschauung
ist nicht eine Herrenphilosophie, die nur dem Bedürfnis
weniger auserlesener Geister, auf den Höhen der Menschheit zu
wandeln,
Genüge thun will. Die Einsicht in das Wesen der Welt und das Eine,
was wahrhaft not thut, soll nicht blos den Starken an Geist, sondern
allen
ohne Ausnahme Erlösung bringen, indem sie die recht verstandene
Gemeinsamkeit
zur Grundlage alles wahrhaft menschlichen Lebens macht. War es eine
hohe
Ahnung Steins, die das Edle in uns mit dem Ewigen in den Dingen
117 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
verknüpfte,
so war
es eine Herzensregung, die dies Ewige in den Beziehungen der Menschen
unter
sich verwirklicht zu sehen verlangte. Ihm, dem stillen Denker, griff
die
Not des Volkes, die er rings um sich erblickte, an das Herz, die innere
Not, die aus Lieblosigkeit und Teilnahmlosigkeit hervorgeht. Er selber
ist es, der mit den Worten Karl Ludwig Sands in dem gleichnamigen
Gespräch
zu uns redet:
„
Ja, es giebt
soviel schleichenden
Mord in unserm heutigen Dasein .... ich bin immer der Meinung gewesen,
dass
jeder, der nicht aus voller, freier und bewusster Liebe handelt, sich
früher
oder später auf der Bahn betrifft, die ich die Bahn des Mordes
nennen
muss. Er lebt vom Leben anderer. Ja, das thun heutigen Tages fast alle.
Alle thun es, die herzlos und gleichgültig an einander
vorübergehen;
denn Teilnahme irgend eines beseelten Wesens ist die Lebensluft, in der
wir atmen... Wo aber Herzlosigkeit das allgemeine Gesetz ist, da wird
auch
zwischen Einzelnen jene Empfindung nie zu der beherzten Freude der
Freiheit
sich hinaufranken, sondern weichlich und launenhaft bleiben, und so
werden
wir, von Jugend an, um unser Leben betrogen.“
Was die Kunst demgegenüber
vermag, ist die Steigerung jener Liebeskraft, aus der ein wahrhaft
herzliches
Verhältnis der Menschen zueinander
118 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
heranwächst.
Die
Aufgabe, die hier der Kunst
zugewiesen wird, ist von jeher der
Religion
zugefallen. Doch ist es eine Thatsache, dass die Religion heut weiten
Kreisen
unseres Volkes gegenüber diese Aufgabe nicht mehr erfüllt.
Das
Gefühl hiervon sprach sich bei dem jugendlichen Stein in der
Sehnsucht
nach einem neuen Luther aus. Er hat sich aber später mit Schmerz
eingestehn
müssen, dass man auf eine Erneuerung des religiösen
Bewusstseins
von der Kirche aus nicht hoffen könne, so lange die
Unwahrhaftigkeit
des Paktierens — und Paktierenmüssens — mit dem Dogma nicht ganz
und
völlig überwunden sei. Er vergass jedoch nicht, dass die
deutsche
Predigt seit der Zeit der Reformation sich von wahrhafter Gewalt
über
unser Volk erwiesen hat, und dass man der deutschen Predigt und dem
deutschen
Kirchenlied die edelsten Erscheinungen schlichter Wahrhaftigkeit
verdankt.
Darum ruft er auch heut das »Wort« und die Diener am Wort
zu
Hülfe, um der Not des Volkes zu wehren.
Er schildert den Arbeiter, der
auf der First des Palastes, in dem Schacht der Gruben mit dem harten
Tode
ringt, um den Glanz eines Lebens zu verschönen, an dem er keinen
Teil
hat; wie er in der ganzen Blindheit des Wahns seinen Tag durchhastet,
das
Tier, das ihm dient, misshandelnd zum Missethäter wird und das
Gebot
der Menschlich-
119 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
keit mit
Hohnlachen beantwortet. Aber
er sieht
auch, wie derselbe Mann sich aus Liebe
für seine Nächsten zu Tode müht, ob er schon das Wort
der
Liebe nicht kennt. Und er mahnt:
„
Sprecht diesem
Manne nicht
das Wort der Strenge, sondern das Wort der Liebe deutlich aus: bis er
vernimmt,
was in ihm ist, und selber es auszusprechen vermag! Unermüdlich
sprecht
es aus, Ihr wenigen wahren Christen im geistlichen und weltlichen
Gewande!
Aber nennt es ihm nicht im Tosen des Kampfes ... ruft es nicht in
seine
rohen Feste hinein ... sondern sagt es ihm, wenn der Bann seines
gewohnten
Thuns durch ein unerwartetes Ereignis sich bricht ... Vor allem aber
nicht lehrend, sondern liebend sprechet das Wort der Liebe vor unserm
Volke aus.“
Ausgehend von solchen
Möglichkeiten,
entwirft endlich unser Zukunftsdenker das Bild einer Kultur, in der der
Prediger und Seelsorger, von allem Jehova- und Kirchenwesen abzusehen,
die Gemüter auf ihre eigene Tiefe hinzuweisen verstände;
einer
Kultur, in der Kunst und Religion wieder aufs engste verbunden
erscheinen:
„
Wir sehen auch
dann noch am
festlichen
Tage die Gemeinde in einem gemeinsamen, dem Göttlichen geweihten
Hause
sich vereinigen, wir sehen auch dann noch das Bild des leidenden Gottes
120 HEINRICH
VON
STEINS WELTANSCHAUUNG — VON
FRIEDRICH POSKE
zu diesem Feste ihr seinen
verklärenden
Anblick
enthüllen. Wir sehen eine ernste
Feier in schweigendem Gebete sich vollziehen, dessen erhabenen Sinn
dem
ehrwürdigen Haupte der Gemeinde in ehrfürchtigen Worten zu
deuten
angemessen erscheinen müsste. Wenn dann im Hinaustreten aus dem
Heiligtum
die Gesänge der befreiten Gemüter erschallen, werden diese
dann
nicht, zu tiefster Todes-Wehmut, zum heldenmutigen Entschlusse
gemeinsamen
weihevollen Lebens, die edlen Formen jenes Volksgesanges in sich
enthalten?
Solche Feste, als Kultus-Übungen eines kräftigen und edlen
Volkes, liessen uns dann auf einen Zustand der Kultur dieses Volkes
schliessen,
dessen sinnvollster Ausdruck im Kunstwerk sich allverständlich
darböte:
die ernste Begehung dieses höchsten, festlichen Spieles erschiene
dann als die Blüte auf dem gesunden Stamme einer deutschen Kultur
und Religion.“
—————
121
Nachweise
zu
„Heinrich von Steins Weltanschauung.“
Bezug genommen ist auf die folgenden
Schriften Heinrichs von Stein:
| Über Wahrnehmung.
Inaug.-Diss. Berlin.
1877. |
— Diss. |
| Die Ideale des Materialismus.
Lyrische
Philosophie von Armand Pensier. Köln 1878 (im Buchhandel nicht
mehr
vorhanden). |
— J. M. |
| Giordano Bruno, Gedanken
über seine
Lehre und sein Leben. Neu herausgegeben, Berlin 1900, bei Georg
Heinrich
Meyer. |
— G. B. |
| Helden und Welt. Dramatische
Bilder.
Chemnitz 1883 (jetzt bei Otto Weber in Leipzig). |
— H. u. W. |
| Die Entstehung der neueren
Ästhetik.
Stuttgart, J. G. Cotta, 1886. |
— E. Ä. |
| Schiller und Goethe.
Vorlesungen über
die Ästhetik der deutschen Klassiker. Leipzig, Reclam-Bibl. No.
3090. |
— Sch. u. G. |
| Aus dem Nachlass. Dramatische
Bilder
und Erzählungen. Leipzig, Breitkopf & Härtel. 1888. |
— N. |
| Vorlesungen über
Ästhetik. Stuttgart,
J. G. Cotta Nachf., 1897. |
— V. Ä. |
| Aufsätze in den
Bayreuther Blättern. |
— B. B. |
122 NACHWEISE
Wörtlich angeführt sind
folgende
Stellen:
Seite
72, J. M. 1 u. 7. —
73,
G. B. 14. —
74, Diss. 7. —
75, Diss. 44. —
76,
Sch.
u. G. 50.
78, Sprache und Kultur, B. B.
1888, 47. —
80, J. M. 28. —
84, Sch. u. G. 77;
Schopenhauer-Scholien,
I, B. B. 1885, 137. —
85, Spr. u. Kultur, a. a. O. 38; V.
Ä.
130, E. Ä. 414.
93. H. u. W. 134.
96, Brief, B. B. 1888, 75. —
97,
N. 98; Spr. u. Kultur a. a. O. 39. —
98, Spr. u. Kultur, 35. —
99,
ebd. 40. —
101, ebd. 32.
101, Sch. u. G. 121; Spr. u.
Kultur, 33. —
102, Schopenh.-Schol. IV, B. B. 1887, 30. — 104,
ebd.
29. —
105, ebd. 31. —
106, Sch. u. G. 124. —
107,
E. Ä. 356; G. B. 90; N. 216. —
108 (Sch. u. G. 120, 121;
Spr.
u. Kultur 40; N. 96); Bayreuther Festblätter 1884, S. 30 (Gedicht;
Regeneration).
109, Schopenh.-Schol. IV, a.
a. O. 32; Spr. u. Kultur, 40. —
110, V. Ä. 37; Schop.-Sch.
IV, 27. —
111, ebd. 28; Shakespeare als Richter der
Renaissance,
B. B. 1881, 192. —
112, Sch. u. G. 106, 108, 109.
114, Diss. 49 —
115, V.
Ä. 141; B. B. 1881, 282. —
117, N. 131. —
119,
Spr.
u. Kultur, 35—36, 44—45.
Ungedruckten Aufzeichnungen sind
entnommen:
S.
98, Zeile 1—7 v. u. —
99,
4—10. —
106, 1—3 v. u.
—————
Seitenende.
Letzte Änderung am 21 Juni 2004.