Here under follows the transcription of the 2nd edition of Heinrich von Stein und seine Weltanschauung, by Houston Stewart Chamberlain and Prof. Friedrich Poske, published by Georg Müller, 1905. The first edition was published by Georg Heinrich Meyer in 1903.

This book consists of three parts: Heinrich von Stein (1857-1887), written by H. S. Chamberlain, Heinrich von Steins „Vermächtnis“, by von Stein himself, and Heinrich von Steins Weltanschauung, by F. Poske. A first version of Chamberlain's contribution was written in French for the Revue des Deux Mondes (Un Philosophe Wagnérien: Heinrich von Stein (1857-1887), June 15, 1900, p. 831-858), later translated into German by Daniela Thode and published in the Bayreuther Blätter, 1902, X - XII.
 

Zurück zur Hauptseite / Back to main page

I

Heinrich von Stein
und seine Weltanschauung

Von

Houston Stewart Chamberlain
und Friedrich Poske

—————

Nebst

Heinrich von Steins „Vermächtnis“

Zweite Auflage

—————

München und Leipzig
bei Georg Müller
1905

II

Inhalt


 

Seite
Heinrich von Stein (1857—1887)
Von Houston Stewart Chamberlain
1
Heinrich von Steins „Vermächtnis“ 63
Heinrich von Steins Weltanschauung
Von Friedrich Poske
71

III

Vorwort

    Die biographische Skizze über Heinrich von Stein ist ursprünglich in französischer Sprache verfasst und in der Revue des deux Mondes (15. Juni 1900) veröffentlicht worden. Eine Übersetzung von Frau Daniela Thode ist vor kurzem in den Bayreuther Blättern (1902, X—XII) erschienen. Hierauf fussend hat der Verfasser für die vorliegende Ausgabe den Text einer durchgehenden Umarbeitung unterzogen und einige Ergänzungen hinzugefügt. Mehrere Stellen, bei denen an französische Leser gedacht ist, hat der Verfasser doch nicht weglassen wollen, um den ursprünglichen Charakter des Aufsatzes nicht zu sehr zu verändern.
    Das Vermächtnis Heinrichs von Stein stammt wahrscheinlich aus den Jahren 1881—83. Stein hat es um jene Zeit bereits zwei Freunden vorgelesen, dann aber bis zu seinem Tode mit anderen Aufzeichnungen unveröffentlicht aufbewahrt. Es hatte keine Überschrift und ist zuerst in dem Bande »Aus dem Nachlass von Heinrich von Stein« (1888) veröffent-

IV

licht worden. Es trägt den Stempel ethischer Genialität; die darin enthaltenen Gebote sind nicht als Forderungen eines Gesetzgebers gemeint, sondern vielmehr der Ausdruck des sittlichen Ideals, das eine edle Persönlichkeit sich selber aufgerichtet hat.
    Der Aufsatz über Heinrich von Steins Weltanschauung ist ein erster Versuch, die leitenden Begriffe dieser Weltanschauung, grossenteils mit Steins eigenen Worten, im Zusammenhange darzustellen. Wer den angedeuteten Gedanken weiter nachgehen will, sei auf Heinrich von Steins Schriften und insbesondere auch auf die demnächst erscheinenden gesammelten Aufsätze verwiesen.

—————

1

Heinrich von Stein.
1857—1887.
1.
    Fast im selben Augenblicke, in welchem der unglückliche Nietzsche dem Wahnsinn verfiel, starb in Berlin ein junger Dozent der Philosophie, Heinrich von Stein, der einst gleich jenem dem engeren Freundeskreis Richard Wagners angehört hat. Stein darf vielleicht als der einzige Schriftsteller gelten, den man mit Recht einen Schüler Wagners nennen kann. Nietzsche ist auf einer ersten Entwicklungsstufe der Nachahmer und Erweiterer des Bayreuther Meisters; später wird er sein Gegner und Verlästerer. Stein, wenn auch weniger glänzend, besass trotzdem mehr wirkliche Originalität; keine Zeile seiner Schriften kann als unmittelbare Nachahmung Wagners betrachtet werden. Seine geistige Physiognomie hat durch die Berührung mit seinem grossen Freunde nicht die geringste Umwandlung erlitten, doch findet man überall bei ihm die Wagnerische Anregung, eine gewisse allgemeine Grundanschauung, Überzeugungen und Methoden, deren Quelle ohne Zweifel bei dem Verfasser von

2 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

»Oper und Drama« zu suchen ist. Diese Thatsache würde allein schon genügen, Steins Schriften interessant erscheinen zu lassen, abgesehen von seiner eigenen, ganz hervorragenden Bedeutung. Und ist ihm auch noch nicht die lärmende Berühmtheit eines Nietzsche zuteil geworden, so besitzt doch Stein in seinem Vaterlande eine zahlreiche Gemeinde begeisterter Bewunderer; die besten Köpfe sind schon heute darüber einig, dass ihm eine hervorragende Stellung unter den Denkern und Schriftstellern der Gegenwart zukommt.
    Schicke ich mich nun an, das Leben Steins in wenigen Strichen zu skizzieren, so kann ich mich leider auf keine Gesamtdarstellung berufen; eine Biographie Steins fehlt noch; doch war ich — dank dem gütigen Entgegenkommen der Familie und einiger der nächsten Freunde Steins — in der Lage, eine ganze Reihe unveröffentlichter eigenhändiger Dokumente von grossem Werte kennen lernen zu dürfen. So in erster Linie das aus vierzehn Heften bestehende Tagebuch Steins. das — leider mit grossen Unterbrechungen — von seinem fünfzehnten Lebensjahre an bis zu seinem Tode reicht; sodann mehrere hundert Briefe; schliesslich eine Fülle von Entwürfen zu Dichtungen und Abhandlungen, vereinzelte Gedanken u. s. w.  Auf Grund dieser verschiedenen

3 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Dokumente möchte ich nun versuchen, eine Umrisszeichnung der Persönlichkeit Steins zu entwerfen.
    Eine Bemerkung jedoch muss vorausgeschickt werden. Man nennt Stein einen Philosophen: in Wahrheit war er mehr Ästhetischer als Philosoph, und mindestens ebenso sehr Dichter wie Ästhetiker. Vor allem und über allem aber war er »Mensch«; daher der persönliche Zauber, daher auch der wachsende Erfolg seiner Schriften. Vergeblich wäre das Bemühen, den Denker vom Künstler zu scheiden oder den Künstler von dem Mann der That; Stein gehörte zu jenen Wesen, die mit dem Bedürfnisse geboren sind, der Welt ein grosses Geheimnis mitzuteilen, das ihr Herz in sich birgt; ihr ganzes Leben ist von diesem einzigen Bedürfnisse beherrscht, und welchem Gegenstande sie sich auch zuwenden, unter welcher Gestalt sie ihn auch behandeln, immer ist es dieselbe Idee, die sich darin einen Weg zu bahnen sucht. In Stein nun war diese vorherrschende — sein Leben und sein Werk gestaltende — Idee die Überzeugung, dass die sinnliche Welt uns nur ein geringfügiges Bruchstück der Wahrheit offenbare, dass der Mensch in seinem Innern eine unermessliche Kraft der Erkenntnis und des Erfindens besitze, und dass er dieser Kraft nur bewusst werden und sich ihrer bedienen dürfe, um die menschliche Natur über sich selbst hinaus

4 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

zu steigern. Auch hier also die Vorstellung des »Übermenschen«; doch wie anders als bei Nietzsche! Die Kunst nun ist das Element, in dem diese schlummernde Kraft erwacht; daher denn die Intuition des Künstlers höher steht als die des Philosophen. Dergestalt ist die Kunst eine Quelle des Wissens, und zwar jenes Wissens, das für den Menschen am bedeutendsten ist. „So liegt Erkenntnis im Schönen eingeschlossen. Sinn und Bedeutung ist in dem Kunstwerk darin, aber auf eigene Weise, unbegreiflich, nicht auszudenken und doch ganz sinnlich unmittelbar. Sinnlich-übersinnlich. Das ist das Wesen der Schönheit.“ Und die wahre Grösse eines Philosophen hängt weniger von seinem Denken, seinen Theorieen und Lehren ab, als von der im Herzen wurzelnden moralischen Persönlichkeit. „Das Einzige absolut Wichtige und Wertvolle der ganzen Welt ist die Eigenart des menschlichen Innern.“ So sagt Stein in seinem Hauptwerk, der »Entstehung der neueren Ästhetik«. Und als er einst gefragt wurde, ob auch er ein Schüler Schopenhauers sei, erwiderte er: „Für diejenigen hat Schopenhauer am wenigsten gethan, die sich am lautesten mit seinem Namen nennen. Mir scheint, was uns von ihm bleibt, ist kein Theorem, — dieses überlassen wir den Schopenhauerianern, — es ist eine grosse Erhebung des

5 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Geistes, die uns im tiefsten Innern gewisse ebenso klare, als lebhaft bewegte Grundstimmungen festhalten und betrachten lehrt. Ich glaube, die schlichte Wahrheit in Schopenhauer tritt dann am deutlichsten hervor, wenn man, von seiner Lektüre sich abwendend, seine eigenen Worte („Wille“, „Ideen“ u. s. w.) möglichst bei Seite lässt. Dann entsteht eine Wirkung von dem Ganzen seines Gedankens, wie von einem grossen Gedichte, wie von Homer.“ Das war es, was Stein von dem Wirken des Philosophen verlangte; und aus keiner seiner Äusserungen können wir den allgemeinen Charakter seines eigenen philosophischen Schaffens deutlicher entnehmen als aus dieser.

2.

    Heinrich von Stein ward am 12. Februar 1857 zu Coburg geboren. Er stammte aus einem sehr alten fränkischen Adelsgeschlechte, das noch heute am Fuss des Rhöngebirges seine, ihm seit dem 12. Jahrhundert gehörenden Besitzungen hat. Franken — mitten inne zwischen Bayern, Thüringen und Hessen gelegen — bildet so ziemlich den mathematischen Mittelpunkt Deutschlands; seine Edlen sind Franken reinster Rasse. Steins Mutter, eine Geborene von der Tann und Schwester des berühmten bayrischen Generals, gehörte dem gleichen Volksstamme und dem gleichen Adel an. An

6 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

dieser Thatsache der Abstammung dürfen wir nicht achtlos vorübergehen. Freilich erscheint uns in einem demokratischen Jahrhundert der Besitz eines Adelstitels als ein Ding von geringer Bedeutung, allein in einem Jahrhundert, das zu gleicher Zeit das der Naturwissenschaft ist, den Einfluss der Erblichkeit leugnen zu wollen, wäre ein sonderbares Unterfangen. Soweit wir Nachrichten besitzen, finden wir die Steins als Ritter im Dienste der Fürsten von Henneberg und öfters als Schlossherren der Feste Würzburg. Im Laufe der Zeiten wurden sie zu Reichsrittern geschlagen — wie die Berlichingen, die Sickingen, wie so viele, die diesen Titel mit Ehren trugen — und zu dem persönlichen Dienst des Kaisers herangezogen. Im Jahre 1609 wurde dem Hofrat und Kanzler zu Bayreuth, Karl von Stein, der Freiherrn-Titel verliehen. Späterhin kämpften die Steins unter dem herzoglichen Banner von Sachsen.
    Wir sehen: was immer für ein Amt das Leben ihm zuweisen mochte, als Edelmann und als Soldat war Heinrich geboren. Zum geistlichen Stande bestimmt, bewahrte er dennoch etwas von jener kriegerischen Haltung, die seiner Rasse eigentümlich ist. Ein Riese von Gestalt und mit jenem mächtigen Schulterbau, der die Franken vor den Sachsen auszeichnet, hätte er sich gut ausgenommen in Rüstung, hoch zu Ross, im Gefolge seines Banner-

7 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

herrn, oder auf den Wällen des alten Würzburg, ein lebendiges Bollwerk. „Wie absurd in unseren Tagen sich der Waffendienst auch ausnimmt, ich hätte doch einen ausgezeichneten Offizier abgegeben,“ schreibt er einmal in seinem Tagebuch. In dieser äusseren Erscheinung, dieser sichtbaren, greifbaren Kraft, verriet sich sein innerstes Wesen, wie es sich seit seiner Kindheit kundgiebt. Auf einer der ersten Seiten seines Tagebuches ruft er, ein Fünfzehnjähriger, bei Gelegenheit eines soeben gelesenen Buches aus: „Ein schmählicher Tod heisst dreimal sterben.“ Und weiter: „Nie wird die Liebe Den zur Ableugnung der Wahrheit bestimmen, der von der Wahrheit durchdrungen ist.“ Hier spricht sich das Ehr- und Pflichtgefühl aus, das, auf den Schlachtfeldern geboren und gross geworden, ein Erbstück unseres echten Adels ist. Es sollte die unerschütterliche Grundlage für den persönlichen Charakter des Menschen und Denkers werden.
    Zu diesen allgemeinsten Zügen der Persönlichkeit kommt aber noch, dass sie von Hause aus nach einer bestimmten Richtung zu blicken gewohnt war. Im Jahre 1543 hatten sich die Steins der Reformation angeschlossen. Als Protestant geboren, stand Heinrich von Stein in unmittelbarer Fühlung mit allen den gewaltigsten Geistesthaten des deutschen Volkes. Und da — für jeden Tieferblickenden — die Bestrebungen,

8 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

welche der Begriff der Reformation in sich schliesst, weniger dogmatische Bestimmungen und Kirchenfragen betreffen, als eine allgemeine Richtung des Geistes und des Gemütes, so musste ein Mann wie Stein aus der Angehörigkeit zur Reformation vor allem die Mahnung entnehmen. selber an diesem Werke teilzunehmen. Denn sobald die Reformbewegung stillsteht, hat sie aufgehört, „Reform“ zu sein. Reform muss That sein — Bewegung, Streben, Forschen, Kämpfen. Ihr Hauptzweck ist, das Individuum vor jener Erstarrung des religiösen Lebens zu bewahren, die aus jedem kirchlichen Despotismus sich ergiebt. Gewiss hat der deutsche Protestantismus Zeiten solcher Erstarrung durchgemacht, doch wird niemand in Abrede stellen können, dass seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eine neue, tiefgreifende „Reformbewegung“ am Werke ist, eine Bewegung, bei der die Theologen nicht führen, sondern nur mühsam nachfolgen, eine Bewegung, die von den grossen deutschen Dichtern und Denkern ihren Ausgang genommen hat und noch heute nimmt. Wieland und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Schopenhauer: von ihnen allen geht eine Wirkung aus, die das religiöse Denken und Empfinden tief umgestalten muss; und ihnen schliesst sich in seinem Leben und seinen Werken Richard Wagner an, der aus-

9 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

drücklich seine Hoffnung auf ein Zukünftiges, auf „eine reinste, der christlichen Offenbarung zu entblühende Religion“ setzt. Wie sollte ein Nicht-Protestant an dieser grossen Bewegung teilnehmen? Stein dagegen gehörte ihr von frühester Jugend an. Gleich auf den ersten Seiten seines Tagebuchs, vom Dezember 1872, spricht er fast nur von Religion und träumt von einer tiefgreifenden Reform jener Kirche, in deren Dienst einzutreten er sich vorbereitet. Wohl ist seine Bewunderung für Luther gross, doch will er sich nicht dogmatisch durch ihn begrenzen lassen. „Man ist mit unserer Religion nicht mehr zufrieden, und es ist höchst bedenklich, dass immer die grössten Geister schlechte Christen waren... Es würde sich darum handeln, eine Religion zu finden, die ihre Thore weiter öffnet und der Auffassung (der Individuen) Raum giebt. Ich glaube aber, dass diese gefunden würde, wenn man das Christentum auf   s e i n e n   K e r n   zurückführte, aller nicht von dem Stifter herrührenden Einkleidungen entkleidete... Das Mittelalter hatte der Apostel Lehre negativ entwickelt, d. h. mehr beschränkend als geistig erweiternd. Luther stellte die Apostel-Lehre wieder her. Herrlich reinigende That! auf der Jeder fussen muss, der weiter bauen will. Luthers Nachfolger haben ihn aber wieder negativ entwickelt, und schon

10 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

bedarf es Einiges, um Luther rein darzustellen. Heisst es aber nicht, den, der auf die Apostel zurückging, richtig fortsetzen, wenn man weiter auf Christus zurückgeht? ... Christus, der eine Religion gründete, die Jahrhunderte lang das Allerherrlichste gewirkt hat, die immer noch nach bald zwei Jahrtausenden auch von ihren nicht unbedingten Anhängern als die edelste Religion bezeichnet wird, kann solche Schwächen (wie die Apostel) nicht gehabt haben, vor allem, weil ich glaube, dass an seiner Gottheit unbedingt festzuhalten sei. Aber auch die, welche ihn für einen ausserordentlichen Genius halten, können die Möglichkeit nicht ableugnen, dass er weit über seine Zeit erhaben war und deshalb wohl für alle Zeiten Gültiges gesagt hat. Die Apostel waren das eben nicht (was schon aus Einzelheiten ihrer Schriften gewiss nachweisbar ist). Sie können recht wohl Christus einseitig aufgefasst haben, weil sie nicht so hoch standen, und dadurch den Grund zur Intoleranz gelegt haben.“ Diese Tagebuchstelle vom 28. Dezember 1872 zeigt mit aller Deutlichkeit, inwiefern der fünfzehnjährige Jüngling sich schon dem eigentlichen Reformationsgedanken als sein überzeugter Verfechter angeschlossen hatte.
    Ein Edler war also Stein und ein Protestant; noch ein grundlegender Zug kommt hinzu: er war ein Deutscher.

11 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Stein ist so deutsch, dass es immer schwer fallen wird, seine Persönlichkeit einem Nichtdeutschen vollkommen fasslich zu machen. Wie es im Deutschen für das Wort »esprit« keinen gleichwertigen Ausdruck giebt, so besitzt auch der Franzose kein Äquivalent für das Wort »Gesinnung«, und jedem dieser so völlig idiomatischen Ausdrücke entsprechen auch ganz bestimmte Züge des Charakters und des Denkens; dass das Wort fehlt, bezeugt, dass das Ding entweder garnicht oder nur in einem rudimentären Zustande vorhanden ist. Nichts ist nun charakteristischer für Stein und nichts ist so ausschliesslich deutsch an ihm als eben seine Gesinnung. Dieses Wort bezeichnet zugleich die Anschauungen und das Verhalten, das Denken und das Thun eines Menschen; es erklärt weder das Eine noch das Andere, aber es klärt uns auf über die Beziehungen des Einen zum Andern. Es giebt Ansichten, die ein Mann von Gesinnung nicht haben kann; sein Charakter verbietet es ihm; andrerseits werden die von ihm gehegten Ansichten gebieterisch bestimmend auf sein Verhalten wirken. Es handelt sich hier um ein Ineinandergreifen der Elemente der menschlichen Psyche, wie es ganz besonders der deutschen Seele zu eigen ist. Selbst der Engländer hat keine entsprechende Bezeichnung für dieses Wort »Gesinnung«, das sich in keiner anderen germanischen

12 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Sprache vorfindet. Ich glaube, Aristoteles würde diese geistige Beziehung eine δύναμις des moralischen Wesens genannt haben. Gerade für Stein war nun dieses unablässige gegenseitige Durchdringen der beiden Hälften der Persönlichkeit — der moralischen und der intellektuellen — in hohem Grade bezeichnend; er war eben deutsch bis in das Mark.
    Diese verschiedenen, gewissermassen das Knochengerüst dieser starken Individualität ausmachenden Züge glaubte ich besonders hervorheben zu müssen, denn sie allein sind wesentlich. Auf biographische Einzelheiten aus der Kindheit Steins werde ich nicht näher eingehen; was ich von seiner Familie gesagt habe, möge hier genügen. Seine Schulzeit verlebte Stein auf den Gymnasien zu Merseburg und Halle. Der Historiker Buckle las, wie man erzählt, drei Bände am Tag; ebenso unersättlich scheint auch Stein gewesen zu sein. Die Menge der Bücher, die er während der letzten Schuljahre verschlang, ist wahrhaft erschreckend. Von Sophokles und Plato an bis auf den letzten Roman Paul Heyses, der theologischen Schriften eines Döllinger und Hase nicht zu vergessen, umfasst seine Lektüre so ziemlich alle Gebiete. Poetische Versuche entstehen in Hülle und Fülle; ja, er schreibt griechische Verse. Noch bezeichnender für seine besondere Art ist aber

13 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

folgender Zug: um in die unzählbare Menge von Dichtungen, die er gelesen, ein wenig Ordnung zu bringen, entwirft Stein eine sehr komplizierte analytische Tabelle der verschiedenen Dichtungsarten mit zahlreichen Unterabteilungen, in der alles seinen Platz erhält, von Anakreon an bis Rückert, — doch, kaum beendigt, genügt ihm diese rein theoretische Arbeit schon nicht mehr, und er stürzt sich in ein endloses Lehrgedicht über denselben Gegenstand, in welchem er vor dem erstaunten Leser alle Dichter vorüberziehen lässt, mit der Nachtigall beginnend und mit Schiller und Goethe abschliessend! In dem Jahre, als er sein Abiturientenexamen machen sollte, sagte ihm einer seiner Lehrer: »Schaffen Sie sich allgemeine Bildung an, Stein; Sie anticipieren sich; es ist noch nicht Zeit für Sie, sich abzugrenzen; Sie haben früher ganz anders gearbeitet.«
     Diese Worte machten dem Jüngling einen lebhaften Eindruck, öfters kommt er in seinem Tagebuch auf sie zurück. Sein vieles Lesen gab ihm keine wirkliche Bildung; vielmehr versäumte er darüber die ernste Arbeit. Der Lehrer hatte die so zarte Saite des Pflichtgefühls in ihm berührt; er geht in sich, begiebt sich von neuem an das Studium und besteht das schriftliche Examen so glänzend, dass ihm die mündliche Prüfung erlassen wird. Von dem Tage vor dem Examen finden

14 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

wir in seinem Tagebuch den Wahlspruch, der ihm fortan, wie ein Leitstern, auf dem Ozean des Lebens voran leuchten sollte: „Wolle das Grosse und Schöne, dann wird das Können nicht fehlen.
    Stein wurde im Jahre 1874, im Alter von siebzehn Jahren, als Student der Theologie in Heidelberg immatrikuliert. Ehe er die Universität bezog, verbrachte er in Berlin eine Ferienzeit, die ihm dauernde Erinnerungen zurückliess. Das lebhafte Treiben der Grossstadt, die in Museen aufgehäuften Schätze, die Theater, tausend neue Dinge blendeten den auf dem Lande und in Provinzstädten aufgewachsenen Jüngling. »Ich habe mich entschlossen, einen guten Teil meines Lebens in Berlin zu verbringen, komme, was mag,« ruft er in seinem Enthusiasmus aus. In Berlin! Wie viel sollte er in dieser Stadt zu leiden haben, ehe er starb. Ein Hauptereignis aus seinem ersten Berliner Aufenthalt ist besonderer Erwähnung wert. Am 24. März 1874 hörte Stein zum ersten Mal in seinem Leben und zwar unter besonders günstigen Umständen, die »Meistersinger«. Betz sang den Sachs, Frau Mallinger die Eva, beide Rollen ihnen von Wagner früher selbst einstudiert. Stein, der bis dahin nur schlechten Verstümmelungen von »Tannhäuser« und »Lohengrin« auf Provinzialtheatern beigewohnt hatte, war hingerissen. Nach-

15 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

dem er in seinem Tagebuch diesen Abend eingehend besprochen, fügt er hinzu: „Noch höre ich die Töne, noch sehe ich die Bilder — das mag vergehen; aber der überaus hohe Begriff, den ich ganz besonders heute von Wagners Genius empfing, wird mir bleiben.“ Wagner sagt, in den Meistersingern habe er der deutschen Volksseele ihr Bild vorhalten wollen; es hat aber viele Jahre gedauert, ehe das deutsche Volk ihn begriff; Stein dagegen erkannte sich selbst sofort, und wir wissen, was Jugendeindrucke für ein zartbesaitetes Gemüt bedeuten.
    Mit dem ersten Schritte in die theologische Fakultät hörte Stein auf, Theologe zu sein; nach den oben angeführten Gedanken aus seinem Tagebuch kann uns das nicht befremden. Jenen neuen geträumten Luther fand er auf den akademischen Lehrstühlen nicht. Vielmehr neigte die Dogmatik der Universitäten damals zu einer Reaktion gegen den aus Schleiermachers Schule hervorgegangenen Liberalismus, der nur zu häufig zum Abfall vom Glauben geführt hatte. Der junge Student war durch das schwankende und zusammenhangslose Wesen des Unterrichtes befremdet. Er bemerkte in seinem Tagebuch, dass jeder Professor seinen Standpunkt vertrete — unbekümmert um den des andern: keine Einheit der Überzeugung oder der sich geltend machenden Lehre war vorhanden.

16 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Während ihm nun durch diese zersetzende Berührung das Interesse für die Theologie allmählich verblasste — nur die Kirchengeschichte zog ihn noch an — hatte er in der Person des Heidelberger Professors Kuno Fischer einen beredten Historiker der Philosophie gefunden, dessen Vorlesungen ihn mit wachsender Begeisterung erfüllten. Mehr und mehr sehen wir nun den jungen Theologen sich zur Philosophie hinneigen; ein wahrer Zwiespalt entsteht in seinem Herzen zwischen dem alten Glauben und den neuen Richtungen. Nirgends ist sein Tagebuch von solcher Ausgiebigkeit wie an dieser Stelle; die Aufzeichnungen aus den Jahren 1874 und 1875 füllen an sich allein zehn Hefte; und alles, was der Jüngling über den Konflikt in seinem Innern schreibt, ist ergreifend. Schritt für Schritt aber muss man dem in diesen Heften erzählten inneren Drama folgen; denn es zusammenfassen, hiesse es entstellen. Übrigens ist gleich von der ersten Seite an der Ausgang des Konfliktes leicht vorauszusehen; denn Stein ist ein geborener Philosoph; das ist seine Natur und sein Beruf; selbst seine Dichtung ist die Dichtung eines Denkers, und nur auf Umwegen ist er im Laufe der Jahre mehr und mehr zum Künstler geworden. Indem er der Theologie entsagte, um sich der Philosophie zu widmen, that er, was er thun musste, und sah er sich auch

17 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

genötigt, sich von der Orthodoxie loszusagen, so blieb er dennoch religiös.
     Anfang 1875 muss er sich selber gestehen, dass ihm die Theologie nicht mehr am Herzen liege; doch indem er einem seiner Professoren seinen festen Entschluss mitteilt, die Studien innerhalb dieser Fakultät nicht fortzusetzen, fügt er hinzu: „Was mir bleibt und den innersten Grund meines Herzens ausmacht, ist die Liebe zu den religiösen Dingen, die Sehnsucht nach einem aufrichtigen Glauben.“ Und in der That, von nun an ist sein Leben mehr und mehr ein religiöses. Man hat die Empfindung, als habe er, indem er die Dogmen der Kirche abschüttelte, sich geschworen, aus seinem Leben selber eine Religion der That zu machen. Schon lange in das Studium von Kant vertieft, hatte seine Bewunderung es ihm bisher verwehrt, an diesem Philosophen auch nur das Geringste auszusetzen. Jetzt aber, an dem Tage, an dem seine Entscheidung unwiderruflich gefallen war, wendet er sich gegen das, was ihm der schwächste Punkt der Kantischen Lehre dünkt: die Religionslehre. Schopenhauer bemerkt sehr geistreich, dass der kategorische Imperativ, dieser Angelpunkt der Kantischen Sittenlehre, sich der wahren Moral gegenüber etwa so verhalte, wie ein hölzernes Bein zu einem lebendigen aus Fleisch und Knochen. Damals kannte Stein Schopenhauer noch nicht.

18 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

oder höchstens sehr oberflächlich; sein tief religiöser Instinkt war es, der ihm im eigenen Herzen den Mittelpunkt und Herd aller wahren Religion zeigte und ihn erkennen liess, dass einer solchen die Vernunft ohne die Liebe niemals würde genügen können. Und noch ein weiteres Symptom der stattfindenden inneren Umkehr. Mit der Strenge eines Asketen kämpfte Stein gegen die Triebe seiner aufblühenden Jugend, gegen die Leidenschaft seiner erregten Sinne, die ihn bis in seine Träume hinein verfolgt. Als er eines Morgens aus Fieber-Phantasieen erwacht, ruft er aus: „Ach, nun begreife ich, dass die Leidenschaft um den Verstand bringen kann! Wie süss muss es sein, aus Liebe zu sterben!“ Doch augenblicklich auch richtet er sich mit einem willenfesten: Vade retro, Satanas! empor. Er hat, so fühlt er, ein Werk zu vollbringen, ein Leben, und zwar ein würdiges, zu leben.
    So wendet er sich denn endgültig von der Theologie ab und der Philosophie zu. Doch vollzieht sich diese Wandlung auf sehr charakteristische Weise und bereichert die seelische Entwicklung, die ich hier zu beschreiben versuche, um einen neuen Zug. „Die Theologie,“ sagt uns das Tagebuch, „baut von oben nach unten, sie steigt aus den Wolken herab auf die Erde. Ich kenne diese Methode und bin ihrer müde; von nun an will ich den entgegengesetzten Weg einschlagen und das

19 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Gebäude auf fester Grundlage aufrichten, nämlich dem lebendigen Felsen, den ich da unter meinen Füssen spüre.“ Darum beschliesst er die Naturwissenschaften zu studieren, ein Schritt, dessen Bedeutung für den Werdegang seines Geistes gewiss nicht minder hoch anzuschlagen ist, als sein Verzicht auf die theologische Laufbahn. Man hätte fürchten können, der junge Gelehrte, von platonischen und kantischen Gedanken durchtränkt, würde sich in irgend eine Hegelsche oder Hartmannsche Scholastik stürzen. Was ihn daran verhinderte — ich scheue mich nicht, es auszusprechen — war ein religiöses Gefühl oder wenigstens ein diesem verwandtes: die Ehrfurcht vor dem Leben, der gebieterische Trieb des Herzens, den er wie im Menschen, so auch in der Natur wiederfand und für welchen Kant, wie wir sahen, ihm nur eine unbefriedigende Antwort zu geben vermocht hatte. In hohem Grade beachtenswert ist es, dass Stein sich hütet, sich wie so viele Neulinge mit vollen Segeln der Metaphysik Schopenhauers anzuvertrauen. Wohl lernte er diesen grossen Denker kennen und bewundern, doch bei seinem Durste nach positiven Kenntnissen — der ihm übrigens mit dem jugendlichen Schopenhauer gemein ist — konnte ihm das in einem Menschenhirn widergespiegelte Abbild der Welt nicht Genüge thun; erst später hat er sich eingehend mit Schopen-

20 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

hauer beschäftigt und ihm — bei aller Wahrung der eigenen Unabhängigkeit — tiefste Verehrung gezollt. Was ich hier als den religiösen Trieb bezeichnet habe, war es, was ihn rettete; denn für einen dem abstrakten Denken so entschieden zugewendeten Geist wäre die reine Philosophie ein Gift gewesen.
    Stein selber glaubte in dem neuen Kurs, den er jetzt einschlug, keine Veränderung der Richtung, sondern nur eine Veränderung der Methode zu erblicken. In dem seiner Doktor-These beigefügten curriculum vitae schreibt er: Philosophiae, primum cum theologia, tum vero cum scientiis naturalibus imprimis physiologia conjunctae studio me dedi.
    Wir sehen, Stein meint es sehr ernst mit seinen physiologischen Studien; doch muss ich hier darauf aufmerksam machen — denn für ein richtiges Verständnis seiner Geistesentwicklung ist es von Bedeutung — dass er sich in dieser Beziehung einer grossen Täuschung hingab. Indem er sich begierig auf die Wissenschaften warf und dort den »lebendigen Felsen« zu finden hoffte, auf den er seine Philosophie würde aufrichten können, benahm er sich in Wirklichkeit immer noch wie ein der Theologie kaum erst Entronnener. Die Liste der von ihm gehörten Vorlesungen, wie ich sie seinem Tagebuch entnehme, zeugt — vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus beurteilt — von einem durch-

21 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

aus verwerflichen Studienplan. Der Dichter Novalis — Geologe und Mineningenieur — war ihm in diesem Punkte weit überlegen. Das Studium der Naturwissenschaften mit den Büchern von Darwin und Haeckel und den Handbüchern der Anthropologie zu beginnen, wie es Stein that: das taugt nichts. Später, in Berlin, hörte er nur die Vorlesungen über Mathematik, höhere Physik, und — wenn ich so sagen darf — höhere Physiologie:
Physiologie des Nervensystems, des Gehirns, Elektro-Physiologie u. s. w.  Augenscheinlich war er sich darüber nicht klar, dass auch die Naturwissenschaft ein »Oben« und ein »Unten« hat und dass ihr wahrer und einziger Berührungspunkt mit der empirischen Erde, ihre Grundlage und Daseinsberechtigung, die persönliche und unmittelbare Beobachtung ist.
    Stein war eben und blieb zu allen Zeiten Philosoph, und wir dürfen den Worten: »cum scientiis naturalibus« nicht viel mehr Bedeutung beilegen, als jenen anderen: »cum theologia«. Das Wesentliche sind hier nicht so sehr die wissenschaftlichen Kenntnisse, die er sich aneignete und die seinen Geist eher zerstreuten, als dass sie ihn wirklich bereichert hätten, vielmehr ist das Wesentliche der Instinkt, der ihn antreibt, sich mit dem pulsierenden Leben um ihn her in Berührung zu setzen. Dieser Instinkt führt denn auch zu dem paradoxen Er-
 
22 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

gebnis, über das ich jetzt zu berichten habe: Stein, der Idealist, der Poet, der in seinem Tagebuche zwischen Sonetten über das Warum des Lebens Bemerkungen über die Optik von Helmholtz und über Tyndalls Theorie der Wärme anbringt, Stein wird zum Schüler, und zwar zum glühend überzeugten Schüler Eugen Dührings, des Urhebers einer neuen realistischen und materialistischen Weltanschauung.

3.
Vielleicht ist der blinde Philosoph Dühring ausserhalb Deutschlands — vielleicht sogar selbst in Deutschland — nicht so bekannt, als er es verdient. Und doch ist es ein Mann von unleugbarer Bedeutung, dem es nur an einer gewissen Seelenweite fehlt, um eine Persönlichkeit allerersten Ranges zu sein. Er gehört, im Grunde genommen, zu der Klasse der Misanthropen; an die Menschheit glaubt er, ja er liebt sie, doch die einzelnen Menschen beschimpft er, so oft sich dazu nur die Gelegenheit bietet. Daher mag es kommen, dass die »Dühringianer« zu den unerträglichsten Menschen gehören; denn, was man dem physisch so schwer geprüften Meister verzeiht, ist bei seinen Anhängern Arroganz und Manier. Doch gleichviel, lassen wir die Anhänger bei Seite und versuchen wir, die Philosophie Dührings in kurzen

23 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Worten zu kennzeichnen. Dühring ist Mathematiker, sein besonderes Bereich ist die theoretische Mechanik, sein bedeutendstes Werk eine »Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik«. Von diesem Mittelpunkt einer mechanischen Auffassung der Dinge aus strahlt der bedeutende Geist Dührings nach allen Seiten hin: Mathematik, Chemie, Philosophie, Soziologie, Nationalökonomie, litterarische Kritik, Rassenfrage (Antisemitismus), Religion — nichts entgeht ihm, und die Einheitlichkeit des Gesichtspunktes ist es, die diesem Ganzen unleugbar Grösse verleiht. Mensch und Welt erscheinen hier in einem höchst originellen Gehirn wiedergespiegelt. Und dies Bild ist ein so klares, Dührings Realismus verleiht ihm so scharfe Umrisse, dass man sich nicht verwundert, wenn sein System in einem Lande populär werden konnte, wo nebelhafte Wahngebilde nur zu oft die Gedanken der besten Köpfe in eine erschlaffende Dämmerung eingehüllt haben, woraus aber andrerseits bei den Gebildeten ein um so grösseres Verlangen nach Klarheit entstand. Der Grundbegriff der Dühringschen Philosophie ist die Verneinung des Unendlichen. Nach ihm beweist das Dasein des Endlichen zur Genüge, dass eine Unendlichkeit von Zeit und Raum ein reiner Wahngedanke sei; das Eine ist die Verneinung des Andern. Da nun das Weltganze in jeder denkbaren Hinsicht eine end-

24 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

liche Grösse bedeutet, so liegt es ausser allem Zweifel, dass der Mensch auch eines Tages es dahin bringen wird, es nach jeder Richtung hin zu erforschen und dessen Mechanismus bis in das feinste Räderwerk zu ergründen. Auf diese exakte Wissenschaft — die einzige, die des Namens »Wissenschaft« würdig ist — sollten alle Bestrebungen des Menschen gerichtet sein; wogegen die Metaphysik ein Unding und eine Verirrung ist, vor der die Menschheit gewahrt und gehütet werden sollte. »Die Wiedergeburt der freien Vernunft«, so heisst das Ziel, das zu verfolgen ist und zu welchem der königliche Weg der Mathematik uns hinleitet. Man sieht, dass Dühring mit Auguste Comte verwandt ist; doch stellt er charakteristischerweise Sophie Germain noch über Comte, weil sie ihn in der Mathematik übertraf, wie er z. B. aus ähnlichem Grunde auch den Mathematiker Vieta für einen bedeutenderen Denker als den unsterblichen Descartes hält. Will er die grossen Namen der Wissenschaft anrufen, so nennt er Kepler, Galilei, Huygens, Lagrange — niemals Boerhaave, Harvey, Jussieu, Cuvier, Lyell; denn ihm gelten die beschreibenden und biologischen Wissenschaften als untergeordnete, und verächtlich spricht er von den »Niederungen, in denen das Leben wimmelt«. Mit einem Wort: es ist die Philosophie eines Blinden, eines Mannes, der über

25 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

eine reiche Welt der Abstraktion und über gar keine Anschauung verfügt, und bei dem infolgedessen Blindheit und Materialismus einen eigenartigen Bund eingegangen sind. Ich muss aber schnell hinzufügen, dass Dührings Materialismus durchaus nichts gemein hat mit dem trivialen, apothekermässigen Hylozoismus eines Vogt oder Büchner. Welchen Wert er auf exakte Wissenschaft legt, sahen wir schon; nichtsdestoweniger lässt er die Philosophie aus zwei verschiedenen Wurzeln hervorgehen: aus der Wissenschaft und aus dem Charakter. Für ihn bedeutet der wissenschaftliche Trieb nichts, wenn er nicht die Mitgift eines ebenso graden und selbstlosen als glühenden und wissbegierigen Geistes ist. Um in dem Ideenbereiche Dührings zu bleiben, möchte ich sagen, dass, seiner Auffassung gemäss, die Wissenschaft eines Menschen die Grösse des möglichen Kraftaufwandes, seine moralische Natur aber der Hebelarm ist: seine Leistung wird demnach das Resultat des Zusammenwirkens beider sein. —
    So ungenügend und fragmentarisch diese Skizze auch ist, sie wird doch genügen, den Einfluss, den Dühring auf Stein haben musste, erraten zu lassen. Vielleicht war dieser Einfluss insofern schädlich, als er ihn von den biologischen Wissenschaften abzog; doch glaube ich behaupten zu dürfen, dass dieser mögliche Verlust anderweitig

26 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

reichlich ersetzt wurde. Ein oberflächliches Studium des organischen Lebens erzeugt oft einen ungesunden Mystizismus, und es war gut, dass ein zu transscendenten Spekulationen hinneigender Geist der unerbittlichen Disziplin der Mathematik unterworfen wurde. Noch wichtiger aber war folgender Umstand: Dührings Realismus ist nicht allein Theorie, vielmehr ist er wesentlich ein praktisches Gebot. Liest man gewisse philosophische Abhandlungen aus seiner Feder, so ahnt man nicht, welche glühende Begeisterung seine Schriften über die Gesellschaft und über die Zukunft der Menschheit beseelt. Von der unendlichen Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen überzeugt, fordert er uns alle auf, an diesem edlen Werke teilzunehmen. Gerade Stein nun, der einsame Denker, ersehnte nichts glühender als die That, als die Gelegenheit, die in ihm schlummernden Kräfte in den Dienst der Menschheit stellen zu können; und was ihn mit Verzweiflung erfüllte, war, dass er nirgends die Möglichkeit erblickte, diesen grossherzigen Drang zur Bethätigung zu bringen. Tiefe Schwermut verrät sein Tagebuch in den Zeiten der ersten Beziehungen zu Dühring. Seinem Gewissen war er gefolgt, als er die Theologie verliess; „aber nein doch,“ sagten ihm die Professoren, „bleiben Sie dabei, ein wenig Zweifelsucht schadet nicht...“ Ich habe die Entwürfe zu seinen

27 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Antworten gelesen: Stein hat nie zugegeben, nie begriffene, dass man mit der Lüge einen Pakt schliessen könne. Wie aber sollte er, der Philosoph — nicht mehr der angehende Geistliche — die Kräfte, die sein Inneres erfüllten, für den Dienst der Menschheit verwenden? Selbst seine Freunde verstanden ihn nicht mehr. Aus jeder unterredung mit denen, die ihm die Liebsten waren, bringt er ein wundes, fast gebrochenes Herz in die einsame Wohnung zurück. Keiner ahnt, wo er hinaus will. Selbst seine Worte bleiben oft unverstanden. Seine Gedanken bleiben ohne sympathischen Widerhall. Und in der That, sein Tagebuch, sowie seine frühen Schriften bezeugen, dass die Gedankenwelt dieses immer nur auf sich selbst zurückgewiesenen und ohnehin von Hause aus zu den schroffsten Abstraktionen geneigten Geistes derart subtil geworden war, dass man kaum mehr in sie einzudringen vermochte; sie hat alle Beziehungen zu dem üblichen Denken der Menschen verloren; sie ist — wenn ich das Wort bilden darf — eine Art von   A u t o k r y p t o g r a p h i e   geworden. Man begreift, welchen Eindruck die beredte, kampflustige, stets klare Sprache eines Dühring auf einen unter so hoher Spannung stehenden Geist ausüben musste: dieser flammende Aufruf zum Fortschritt! diese Ermahnungen, in der Philosophie nur ein Mittel zur Förderung

28 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

einer gesunderen und gesitteteren Menschheit zu erblicken; diese Methode, der Philosophie das Studium der exakten Wissenschaften als Grundlage und Werkzeug, als Ziel aber die praktischen Fragen zuzuweisen! diese jede Undeutlichkeit verabscheuende Sprache, die die Verwirrung der Begriffe als ein Gift für das Denken brandmarkt! Ohne dem ausserordentlichen Manne zu nahe treten zu wollen, möchte ich doch seine Philosophie als die Arznei bezeichnen, deren Stein bedurfte und ohne deren energischen Eingriff sein Gehirn sich unheilbar verwirrt hätte.
    Was Dühring fehlte, trug Stein in sich: den metaphysischen Instinkt. Voltaire hat irgendwo gesagt:

Que je plains un Français quand il est sans gaîté!
Loin de son élément le pauvre homme est jeté...

    Diese Worte könnte man auf jeden Deutschen anwenden, der ohne metaphysische Anlagen geboren ist. Ein solcher ist weder Fisch noch Fleisch. Der ganz realistische Deutsche ist, so zu sagen, ein missratener Engländer, dem aber manche ergänzenden Eigenschaften des angelsächsischen Geistes fehlen, da sich diese nur in bestimmter Umgebung zu entwickeln vermögen. Stein dagegen, bis in die Fingerspitzen Deutscher und Franke, hatte in dieser Beziehung von dem Einfluss seines Lehrers nichts zu befürchten. Und

29 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

inzwischen lehrte ihn dieser, sich zu beschränken, Fuss zu fassen und in kampfesfreudiger Stimmung an die praktischen Fragen heranzutreten. Auch verdankt ihm Stein das fruchtbare Eindringen in die Gedankenwelt anderer Völker. Dühring ist nämlich geneigt, den Wert der deutschen Philosophie gering anzuschlagen; fast möchte er die Behauptung wagen, er sei der erste echte Philosoph, den sein Vaterland hervorgebracht habe! Um so höher schätzt er die ausländischen Denker. Seine genaue Kenntnis der französischen Litteratur und Denkart, die Bewunderung, die er für sie empfindet, dazu seine grenzenlose Begeisterung für Giordano Bruno, der seiner Ansicht nach der grösste Mensch ist, der je gelebt hat: dies sind einseitige, doch nicht unsympathische Eigentümlichkeiten seiner Gesamtanschauung, welche von tiefem und dauerndem Einfluss auf Stein blieben. Später hat Stein eine sehr wertvolle Arbeit über Bruno veröffentlicht, er hat dessen Gedichte übersetzt und dem grossen Nolaner Denker mit ergreifender Gewalt in einer eigenen Dichtung neues Leben verliehen. Auch hat er sich bis zu seinem Tode unausgesetzt mit der französischen Litteratur beschäftigt. Wie nur wenige Deutsche hat er sie gründlich gekannt, und es war eine Lieblingsaufgabe seines Lebens, den historischen Beziehungen zwischen der französischen und der deutschen Gedankenwelt nach-

30 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

zuforschen, insbesondere auch den Einfluss des französischen Geistes auf deutsches Denken und Dichten aufzudecken.
    So etwa war die geistige Atmosphäre beschaffen, in der Stein lebte, während er sich zur Doktorprüfung vorbereitete. Im Juni 1877, erst zwanzig Jahre alt, verteidigte er an der Berliner Universität eine subtile erkenntnistheoretische Dissertation „Über Wahrnehmung“ und erlangte dafür die Doktorwürde. Die Dissertation ist streng nach der Lehre Dührings gehalten, aber überaus schwer verständlich. Diesem Werke des „Kritischen Positivismus“ (wie Stein es nennt) gegenüber ist Kants Kritik der reinen Vernunft eine ausruhende Lektüre. Und wohlbetrachtet kann uns das nicht Wunder nehmen. Nur einem Nicht-Philosophen, nur einem dem grossen metaphysischen Fragezeichen gegenüber verschlossenen Gehirne kann es gelingen, den Realismus in ein klares und widerspruchloses System zu bringen. Seine Gedankenwelt dem System Dührings vermählen, hiess für Stein Unmögliches unternehmen.
    Zehn Jahre nur, mehr nicht, hatte der junge Doktor vor sich, um sein Lebenswerk zu vollbringen. Es ist, als ob ein Instinkt die vom Tode Erwählten antriebe, auch nicht eine Minute der ihnen so karg zugemessenen Zeit zu verlieren; Stein gönnte sich keine Ruhe und gab schon im Jahre

31 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

1878 sein erstes Werk unter dem etwas auffallenden Titel: »Die Ideale des Materialismus« heraus. In seinem Tagebuch nennt er es »Lyrische Philosophie«, und einer seiner Freunde teilt mir mit, dass es der Verleger gewesen sei, von dem dieser Aufsehen erregende Titel herrührte. Ein seltsames, fast befremdendes Buch; man ahnt darin die letzte Krisis einer heftigen inneren Gährung; Philosoph und Poet reichen sich die Hände, doch ohne sich mehr als bloss mit den Fingerspitzen berühren zu können. Auseinandersetzungen wie diese: „der Positivist erkennt klarer als der Idealist die völlig einzigartige Bedeutung des Subjekts“ — „der Schmerz ist der ernsteste und vollkommenste Einblick in die Systematik des Alls“ — wechseln mit glühenden Liebesgedichten, historischen und sozialen Aperçus und symbolischen Erzählungen ab ... auf der ersten Seite stehen als Motto die Worte Byrons: »o love, o glory!« Der ganze Stein ist hier schon im Keime vorhanden, wie das stets bei den ersten Werken hervorragender Menschen der Fall ist. Aber auch der Vorahnung seines Geschickes begegnen wir hier: „Mir ist nicht anders, als habe der Schicksalsfrauen eine mich besucht, und mich zur Eile gemahnt.
    Nun folgte der Militärdienst, dem eine Reise nach Italien voranging. In Rom lernte Stein Fräulein Malvida von Meysenbug, die Verfasserin

32 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

der »Memoiren einer Idealistin«, kennen. Fräulein von Meysenbug war eine alte Freundin Richard Wagners, dessen nähere Bekanntschaft sie bei Gelegenheit der Tannhäuser-Aufführung in Paris gemacht hatte. Stein nun — durchdrungen von Rousseauschen Lehren und überzeugt, dass eine richtige Erziehung allein schon genügen würde, um ein neues Menschengeschlecht heranzubilden — hegte den brennenden Wunsch, die Methode, von der er die Wiedergeburt seines Volkes erwartete, selber praktisch auszuüben, mit anderen Worten, selber als Erzieher zu wirken. Von Fräulein von Meysenbug erfuhr Stein, dass Richard Wagner einen Erzieher für seinen zehnjährigen Sohn, Siegfried, suchte. Ohne Zögern entschloss er sich, diese Aufgabe zu unternehmen, verliess Rom und betrat am 20. Oktober 1879 zum ersten Male die Schwelle des Hauses »Wahnfried«.
    Steins Tagebuch, das schon seit der Abreise von Berlin sehr kurz gehalten war, bricht hier leider plötzlich ab, um erst im Jahre 1884, ein Jahr nach des Meisters Scheiden, wieder aufgenommen zu werden. Kein Wort belehrt uns über den Eindruck, den Wagner auf Stein hervorgebracht hat. Erst glaubte ich, annehmen zu müssen, Stein habe aus irgend einem Grunde die Hefte aus jener Zeit von den übrigen gesondert; später aber erfuhr ich, dass es solche Hefte nie

33 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

gegeben hat. Nur einige wenige Papierstreifen habe ich auffinden können, auf denen lediglich Daten verzeichnet sind, Ankünfte, Abreisen und dergleichen, und ab und zu ein blosses Stichwort — wahrscheinlich, um irgend ein Gespräch mit Wagner festzuhalten — nichts weiter! Bedenken wir aber den ungeheuren Einfluss, den Richard Wagner auf Stein ausübte und der von diesem Augenblick an auf jede einzelne Lebenshandlung bestimmend wirkte, so werden wir geneigt sein, gerade dieses Schweigen beredt zu finden. Der Stein, der am Morgen des 21. Oktober 1879 erwachte, war ein andrer als der, der am Morgen des 20. die Reise nach Bayreuth hin zum ersten Male angetreten hatte. In seinen Kopf — den von krauser Philosophie zermarterten — und in sein Herz — das von edelstem, aber dunklem Sehnen geschwellte — hatte sich ein grosses Schweigen gesenkt; in Ehrfurcht lauschte sein ganzes Wesen.

4.
     Dem Zauber Wagners konnte sich Keiner entziehen, seine Überlegenheit wirkte auf Alle; doch nur ein sehr bedeutender, dem Genie geistesverwandter Mann, und nur ein Mann von hoher Bildung und noch im Vollbesitze der Jugendkraft, konnte aus der Berührung mit dem grossen Dichter

34 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

und Denker jenen ebenso plötzlichen wie tiefgreifenden Eindruck gewinnen, der auf Nietzsche und Stein umwandelnd wirkte. Eine fest gegründete und im Verkehr mit den erlesensten Schriftstellern aller Zeiten verfeinerte Kultur, ein mächtiges Gehirn von zartester Empfänglichkeit für die verschiedenartigsten Eindrücke und befähigt, das, was bei den Meisten nur vorübergehende Spuren zurücklässt, in Thatkraft umzusetzen, die Gabe der Begeisterung, noch nicht durch die Jahre erkaltet: dies waren zweifellos die Elemente, deren glückliche Vereinigung beiden Männern gestattete, in Wagner nicht nur eine unerhörte Begabung, sondern, so zu sagen, einen Geist ganz andrer Gattung als alle, denen sie bisher in ihrem Leben begegnet waren, zu erkennen, das ingenium ingenitum, das sie bisher in den Büchern gesucht und auch zuweilen gefunden zu haben glaubten, doch nur wie der Gelehrte, der aus staubigen Palimpsesten das ferne Leben längst erloschener Zeitalter heraufbeschwört. Um das leibhaftige Genie zu erkennen — wenn der seltenste aller Zufälle es uns von Angesicht zu Angesicht erschauen lässt — muss einer die Vorahnung dieses erhabensten Phänomens im Busen getragen haben. In einer der Thesen, die Stein in Berlin aufgestellt hatte, heisst es: „das Unendliche ist vom Endlichen qualitativ verschieden“ — ein heroischer Versuch, den Dühringianis -

35 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

mus auch metaphysisch beanlagten Geistern annehmbar zu machen. Als Stein nun Wagner begegnete, muss ihm diese These wieder eingefallen sein; denn eben durch seine Qualität unterscheidet sich das echte Genie vom Talente, so dass man wohl behaupten darf, ihm komme ausser der schöpferischen Begabung noch eine weitere Fähigkeit zu, nämlich die, einen sonst nicht wahrnehmbaren, höheren Zusammenhang der Dinge zu offenbaren. Und dringt man — sowohl bei Nietzsche, wie auch bei Stein — durch die oft täuschende Oberfläche hindurch, hält man sich ihr Schaffen als Ganzes vor Augen, lässt man es die Feuerprobe einer redlichen Kritik bestehen, so wird man die Überzeugung gewinnen, dass der Einfluss Wagners auf sie nicht allein der des Künstlers, des Schöpfers einer herrlichen, neuen Kunst war, sondern dass dieser Einfluss vor allem in der blossen Gegenwart — in Fleisch und in Knochen, greifbar, hörbar, sichtbar — jenes wunderbarsten aller Naturphänomene bestand, in der Gegenwart des Genies.
    Nietzsche machte eine Periode durch, welche wir als »wagnerisch« bezeichnen können, Stein niemals. Nietzsche schrieb mit sprühend geistvoller Beredtsamkeit ganze Bücher zum Lobe Wagners, um dann später seinen Gott zu verleugnen: in beidem erblicken wir Symptome eines schwachen

36 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

und unfreien Charakters. Stein hingegen hat fast nichts über Wagner geschrieben und zitiert ihn kaum zwei oder dreimal in seinen sämtlichen Schriften. Nietzsche bekennt ausdrücklich, dass er, um seine Unabhängigkeit zu wahren, genötigt war, sich gegen Wagner aufzulehnen; Stein empfindet die seine niemals auch nur bedroht. Im Gegenteil, das erste, was er durch die Berührung mit Wagner gewinnt, ist das Bewusstsein der eigenen Kraft und Ursprünglichkeit; weder zur Rechten noch zur Linken weicht er von seinem Wege ab: wie er begonnen, so fährt er fort, keine Unterbrechung findet statt. Seine Lieblingsstudien bleiben die gleichen: Giordano Bruno, die Beziehungen der deutschen zur französischen Gedankenwelt, Fragen der Ästhetik, poetische Versuche; nichts hat sich auf der von ihm betretenen Bahn verändert: nichts, und doch alles! — Wagners Kunst war ihm längst vertraut. Ich erwähnte schon früher den Eindruck, den die Meistersinger im Jahre 1874 auf ihn gemacht hatten; auf einem halb zerrissenen Blatte des Tagebuchs finde ich folgenden begeisterten Ausruf: „Rienzi, Tannhäuser, Lohengrin, welch unvergleichliche Trilogie! Glucks Iphigenie in Aulis, ja selbst der Macbeth von Shakespeare treten daneben zurück.“ Das war vorangegangen. Jetzt aber, die thatsächliche Begegnung mit Wagner, war das entscheidende Ereignis seines Lebens;

37 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

von nun an erscheint ihm alles in einem neuen Lichte, und es fällt wie Schleier von seinen Augen. Stein, der auf dunkler, unverstandener Bahn sich quälende, ruhelose Geist, Stein, dessen fieberhafte Gedankenarbeit alles umfassen will, von der Theologie bis zu den elektrischen Theorieen, Stein, der heute bei Kant, morgen bei Dühring lernt, der in einem Kapitel seiner lyrischen Philosophie die Venus anruft, »in deren Armen er auf ewig verderben möchte«, dann aber im nächsten Kapitel desselben Buches von dem Ich als einem geheiligten Wesen spricht, dessen Bild auf einen Altar zu stellen sei -— Stein ergreift endlich Besitz von seinem eigenen Selbst. Hoch trägt er das Haupt, denn jetzt weiss er, von wannen er kommt, und sein Blick wird hell, denn nunmehr weiss er, wohin der Weg führt. Er, der einst geklagt hatte, die Andern verstünden ihn nicht, weiss jetzt, dass er selber es war, der sich nicht verstand. Die Berührung mit dem Genie hat ihn sich selbst gegeben. Nicht die Lehren, die Schriften, die Kunstwerke Wagners haben ihn zum Manne gemacht, sondern die unmittelbare und lebendige Offenbarung des Genies: sein Blick versenkt sich in dieses Auge, sein Ohr vernimmt dieses Wort, und mit einem Schlage gelangt er zur vollen Reife.
    Lange hatte Stein in dem Gebiete der letzten und höchsten Abstraktionen geweilt, wo die Luft

38 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

so verdünnt ist, dass jedem gewöhnlichen Sterblichen der Atem ausgeht; dann hatte er in dem blendenden Feuerscheine der unterirdischen Schmiede gearbeitet, dort, wo die Mechanik ihre ungeheuren Maschinen baut: nun steht ein Mann vor ihm, der, ohne gelehrt zu sein, doch alles zu verstehen scheint; ein Mann, der niemals die Nächte hindurch über metaphysische Abhandlungen gebückt gesessen hatte und dessen Gedanken trotzdem klarer und umfassender sind, als die der Philosophen; ein Mann, der der Mathematik so ferne steht, dass er kaum die Mechanik seiner eigenen Kunst studiert hat, und der nichtsdestoweniger Kunstwerke spielend leicht hervorbringt, deren vollendete Technik dem poetischen Zauber nicht nachsteht. Und auch dieser Mann hat — wie Stein — den schmerzvollen Blick auf das grosse soziale Problem geheftet und auf die Zukunft der Menschheit, also auf jene höchsten Fragen, deren Beantwortung der Jüngling von Dühring und von anderen vergeblich erhofft hatte und die nunmehr als scheinbar unlösbare Probleme sein Herz zermarterten. Freilich suchte Wagner das Geheimnis des Menschenglückes weder in der Wissenschaft, noch in der Vervollkommnung der Industrie; vielmehr lehrte er: »Die Anerkennung einer moralischen Bedeutung der Welt ist die Krone aller Erkenntnis«, und er glaubte nicht an irgend eine

39 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Möglichkeit von Glück für die Menschen ausserhalb dieses grundlegenden Bekenntnisses; und wollte er das Göttliche in der Natur erfassen, so griff er nicht nach Retorten und Mikroskopen, sondern er öffnete einfach die Augen, schaute um sich her und blickte hinein in das eigene Herz. Habe ich oben auf Beziehungen zwischen Dührings Blindheit und seiner Philosophie hingewiesen, so möchte ich nun sagen, dass man, um Wagner zu verstehen, sich dessen bewusst werden muss, dass seine Intelligenz ganz Auge war. Wir brauchen seine Schriften nur aufzuschlagen, um uns sofort zu überzeugen, dass er alles, wovon er spricht, mit Augen erblickt: da gibt es weder Abstraktion noch Berechnung, alles ist immer Anschauung.
    Wer meinen bisherigen Ausführungen aufmerksam gefolgt ist, wird, glaube ich, sich Steins Persönlichkeit schon lebhaft genug vorstellen, um den weiteren Einfluss, den Wagner auf sie ausüben konnte und musste, zu ahnen. Dieser allgemeine Gesamteindruck wird von höherem Werte sein als eine ausführliche und dennoch immer unvollkommene Analyse; vielleicht wäre es auch verwegen, die Beziehungen zwischen den beiden Männern bis in ihre letzten Verzweigungen hinein verfolgen zu wollen. Zwei Jahre nach seiner ersten Begegnung mit dem Meister, in dem Augenblick, als Stein sein langes Schweigen unterbrach, um sich von nun an mit

40 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

wachsendem Eifer seiner schriftstellerischen Thätigkeit zu widmen, schreibt er in einem Briefe an eine Freundin:

Wohnt das Glück denn nur in jenen Reichen,
Die das Herz in seinen Träumen ahnt?
Wird ihm nie ein irdisch Schicksal gleichen,
Ist es nimmer, nimmer zu erreichen,
Was uns doch so innig tief gemahnt?

Du erfährst, wenn du in Lebensmühen
Dich errafft, von Herzen stark zu sein:
Wie ein Wunderreich der Nacht erblühen
Lebenswünsche aus den Lebensmühen,
Und du weisst, sie schliessen Wahrheit ein.

Zwar, du fühlst auch Mut den Mühn entspriessen
Und die stolze Tugend der Geduld.
Einen dunklen Pfad sind wir gewiesen,
Dessen Ziele herrlich uns verhiessen,
Doch in Bildern nie erschauter Huld.

    Dies eine Stimmung, hochverehrte Freundin, welche in ihrer äussersten Verzagtheit, was alle naheliegenden Wirklichkeiten anbetrifft, und in ihrer völligen Zuversicht auf die ewige Bestimmung des Menschenwesens einzig auch den Äusserungen einer gewissen ‚Hoffnung‘ in Anlehnung an den Bayreuther Gedanken zu Grunde liegt. Nur insofern die Kunst, Wagners Kunst, einen neuen

41 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Menschen schafft, giebt es auch die Möglichkeit einer neuen Welt. Andrerseits freilich, ein Blick auf die heutige Welt — und das Ganze erscheint wieder wie ein Traum von paradoxer Kühnheit. Nur ‚der Pfad ist uns gewiesen‘: wir müssen ihn gehen, führt er auch mitten durch die Dornen.“ Ähnlich sagt auch Schiller, einem gleichen Gedankengang folgend: »Vor einer Vernunft ohne Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung, und der Weg ist zurückgelegt, sobald er eingeschlagen ist.« (Äst. Erz., Bf. 9.)
    Nur ein Jahr verweilte Stein in Wagners Familie, er blieb aber fortan in engster Verbindung mit ihr, dank einem ununterbrochenen Briefwechsel und häufigen langen Besuchen; auch verloren die Beziehungen zwischen ihm und dem Meister nichts an ihrer Innigkeit und Vertrautheit. Wie sollten sich auch solche Spuren je verwischen? Gedachte nicht selbst Nietzsche mit Thränen der Vergangenheit? Und wenn irgend etwas vermögend war, Wagner in seiner liebevollen Zuneigung zu dem Jünglinge zu bestärken, so war es gewiss die männliche Selbstverleugnung, mit welcher dieser den geliebten Zögling und die leidenschaftlich erfasste Aufgabe, die geistige Heimatluft, in der er sich von Tag zu Tag wachsen und gedeihen fühlte, verliess, um der ersten Anforderung an seine Kindespflicht mit der Antwort zu begegnen: »Hier bin ich.«

42 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

    Schon als es sich darum gehandelt hatte, offen zu erklären, dass er das theologische Studium aufgäbe, hatte Stein die Missbilligung seines Vaters gefürchtet; nun musste zu dem ersten Schmerze ein zweiter hinzugefügt werden. Man begreift, dass ein Freiherr von Stein sich durch die Wahl des Lebensberufes seines Sohnes nicht geschmeichelt fühlte. Erzieher werden! Wie sollte dem alten Edelmann begreiflich gemacht werden, dass es sich für Stein um eine psychologische und soziologische Erfahrung von höchster Bedeutung handelte? Wären Jean Jacques und sein savoyardischer Vikar ihm in eigener Person erschienen, sie hätten es schwerlich vermocht, den Enkel der Würzburger Schlossherren zu überzeugen. Und gar noch Erzieher bei Richard Wagner, bei dem Mann, den ganz Deutschland verhöhnte und an dem die Zeitungen in ihrer Weisheit mehr Eitelkeit und Wahnsinn als Genie zu entdecken meinten. Dazu kam noch, dass der alte Freiherr einsam und krank war und an Anfällen von Trübsinn litt. Er wohnte in Halle und wollte gern seinen Sohn Heinrich um sich haben, und so verlangte er von ihm, er solle nach Halle kommen und sich an der dortigen Universität habilitieren. Wagner hielt sich damals (Herbst 1880) in Italien auf. Strahlende Heiterkeit war sein gewöhnlicher Seelenzustand und teilte sich unwillkürlich seiner Umgebung mit. Der Maler

43 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Joukowsky, andere Künstler, lauter Männer von Geist und Talent, waren des Hauses tägliche Tischgenossen. Gedenken wir auch Franz Liszts und seiner Tochter, sowie des Grafen Gobineau, der damals in Rom lebte ... Noch nie war Stein im Laufe seines ziemlich grau in grau verlaufenen Lebens etwas derartiges begegnet: er fand sich einer glänzenden Schar von Männern zugesellt, die keinen andren Lebenszweck kannten, als das Schöne zu schauen und zu gestalten, in ihrer Mitte einer der grössten Meister aller Zeiten — und als Rahmen Neapel, sonnendurchtränkt und meerumspült! Welcher Gegensatz zu dem, was ihm jetzt bevorstand. Und mehr als das: er sollte dem Traum seines Lebens, der freien erzieherischen Heranbildung eines neuen Geschlechtes entsagen, sowie den Hoffnungen, die er auf die Ausbildung dieses seltenen Kindes gesetzt hatte! Denn hier, an dem jungen Siegfried Wagner, hatte er seine hochherzigen Ideen verwirklichen wollen; dessen Erziehung sollte zugleich Beweis und Beispiel sein. Und jetzt, dies alles aufgeben, abbrechen, verlassen, dem kaum begonnenen Werk den Rücken kehren — um sich, einsam und unverstanden, wie er war, in das düstere Halle einzusperren!
    Ein Mensch, in dem das Pflichtgefühl so mächtig lebte, wie in Stein, konnte nicht zaudern, doch wahrhaftig, es gehörte Mut zu dem Entschluss.

44 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Soeben erst hatte das Leben — das eigentliche Leben — für ihn begonnen; denn ihm war es nicht wie Novalis beschieden gewesen, einen Schlegel, einen Tieck von Jugend auf um sich zu haben. Eigentlich hatte er doch — und obwohl man nicht behaupten kann, dass es ihm jemals an der Liebe andrer gefehlt habe — bis zu dem Eintritt in die Familie Wagners ein einsames Leben geführt; von Verwandten und Freunden konnte er ein volles Verständnis für sein seltsam eigentümliches Wesen nicht erwarten; um der Welt seine Eigenart aufzuzwingen, war er noch zu unreif; dazu kam noch ein äusserst zurückhaltendes, fast abwehrendes und übermässig empfindliches Wesen. Und nun hatte ihm dieses eine Jahr alles geschenkt, was je sein Herz erträumt: Verständnis, Mitgefühl, Förderung, und ihn gleichsam zum älteren Sohn eines der erstaunlichsten Genies gemacht, die die Welt je gesehen. Dieses eine Jahr von 1879—1880 ist der Lohn eines ganzen, strengen und würdigen Lebens — eines Lebens, das bis zu diesem Punkte manche Qual mit sich geführt hatte und das hinfürder noch härter und schmerzensreicher sich gestalten sollte.
    Mit so leidenschaftlichem Eifer stürzte sich jetzt Stein in die litterarische Arbeit, dass alle seine Werke, welche, gesammelt, mindestens sechs Bände umfassen würden, in diesen letzten sechs Jahren,

45 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

von 1881 bis zu seinem Tode, geschrieben wurden. Doch vernachlässigte er dafür die weitere Aneignung gelehrter Kenntnisse nicht, sondern befasste sich ununterbrochen mit philologischen, nationalökonomischen, philosophischen, litterarischen, historischen, ja selbst mit elektrophysikalischen Studien. In Halle hielt er mehrere Kollegien zugleich; seine Arbeiten nötigten ihn zu wiederholten Reisen; seine Thätigkeit war eine fieberhafte, unausgesetzte, sie grenzte ans Unglaubliche. Auch darf nicht übersehen werden, dass von der kurzen Spanne Zeit, die ihm noch übrig blieb, der schwere Militärdienst ihm immer wieder kostbare Wochen raubte und ihn zugleich völlig erschöpfte und vernichtete. In einem Briefe von 1881 schreibt er: „Schreckend und bedrängend peinlich spottet nun meiner jeder Augenblick, der ohne That, Wirklichkeit und Erfahrung verstreicht.“ Wir erinnern uns hierbei der Schicksalsfrau seines Traumes, die ihm einst ins Ohr geraunt: Eile Dich.

5.
    Somit könnten wir die Berichterstattung über Steins Leben hier abbrechen und nur noch von seinen Arbeiten sprechen, sagt er doch selbst in einem Briefe an eine Freundin vom Jahre 1884: „Meine Arbeiten sind meine Erlebnisse.“ Noch einen flüchtigen Blick wollen wir jedoch auf seine

46 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

letzten Jahre werfen, ehe wir diesen Versuch mit einer kurzen Aufzählung dessen beschliessen, was Stein die »Erlebnisse« seines Daseins nannte.
    Bekanntlich muss man, um auf einer deutschen Universität das Recht zu lehren zu erwerben, nicht nur die vorgeschriebenen Prüfungen bestanden, sondern auch durch ein »specimen habilitatis« die persönlichen Fähigkeiten, die ebenso wichtig wie alle erlangten Kenntnisse sind, hierfür nachgewiesen haben. Der Kandidat legt der von der Fakultät erwählten Jury eine Abhandlung vor, und nur wenn diese von allen Mitgliedern geprüft und genehmigt worden ist, wird ihm das »ius docendi« bewilligt. Wird diese Einrichtung richtig gehandhabt, so kann sie sich ausgezeichnet bewähren; aber man begreift, zu welchen Missbräuchen sie Anlass geben kann, sobald böser Wille im Spiele ist, oder wenn der Kandidat begabter ist als seine Richter. Viermal musste Stein seine Abhandlung über »die Bedeutung des dichterischen Elementes in der Philosophie des Giordano Bruno« umarbeiten, ehe es ihm gelang, die Stimmen der Fakultät für sich zu gewinnen. Man gab das tiefe Wissen und die aussergewöhnliche Begabung des Kandidaten zu, doch was die Professoren von Halle empörte, war die Art, wie Stein, während er von Philosophie zu sprechen vorgab, anstatt sich auf die üblichen Grenzen dieser Disciplin zu beschränken, allgemeine

47 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Kulturfragen, die Religion, ja sogar die Kunst in die Diskussion einbezog. In einem unveröffentlichten Briefe beschreibt Stein in launiger Weise die »Wut« eines der Professoren, als dieser in dem ersten Entwurf der Habilitationsschrift den Namen Richard Wagners entdeckte. — Endlich aber ward ihm die venia legendi doch bewilligt, und Stein begann seine akademische Laufbahn mit einer Vorlesung über den »Discours sur les sciences et les arts« von J. J. Rousseau. Dann kündigte er zwei Kollegien an, das eine über die gegenseitigen Beziehungen zwischen Kunst und Philosophie, das andere über Richard Wagner. Mit dem ersten Vortrag über diesen letzteren Gegenstand, am 27. Oktober 188, wurde wohl der Name des Bayreuther Meisters zum ersten Mal auf einem Universitäts-Katheder genannt. Aber ein Mensch von Steins Charakter konnte in solcher Umgebung keinen Erfolg haben; seine Kollegen hassten und verfolgten ihn als Schüler Dührings und Wagners; die Studenten, die seinen Wert verkannten, blieben seinem Hörsaal fern. Endlich gelang es ihm, seinem Vater die Erlaubnis zu einer Übersiedlung nach Berlin abzuringen. Hier erwarteten ihn allerdings zunächst noch grössere Schwierigkeiten als in Halle; mehr als ein Jahr dauerte es, bis er sich den Eintritt in die Universität erzwang. Eine seiner schönsten Arbeiten, sein Versuch über »die

48 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Beziehungen der Sprache zum philosophischen Erkennen«, die uns glücklicherweise in zwei Niederschriften erhalten ist, wurde zurückgewiesen, und er musste sich ein »akademischeres« Thema wählen; endlich, am 24. Juli 1884 wurde seine Arbeit über »den Zusammenhang zwischen Boileau und Descartes« angenommen, und Stein konnte seine Lehrtätigkeit mit einer Vorlesung über die »Ideenlehre Schopenhauers« beginnen. Während der drei ihm noch vergönnten Lebensjahre hielt er in jedem Semester zwei Vorlesungen, von denen die eine, das Privatissimum, in der Regel in philosophischen Übungen im Anschluss an Kant und Schiller bestand. Dazu kam in jedem Sommer eine öffentliche Vorlesung für Studierende aller Fakultäten. Der Besuch der Vorlesungen eines Privat-Dozenten ist nicht obligatorisch; somit hängt es allein vom Talente eines Lehrers ab, ob sie besucht werden oder nicht. Bei seiner ersten öffentlichen Vorlesung — »über die ästhetischen Theorieen Lessings und ihren geschichtlichen Ursprung« — hatte Stein nur zwölf Zuhörer; doch schon im zweiten Jahre nahm die Zahl beträchtlich zu, und bei seinen Vorträgen über die »Ästhetik der deutschen Klassiker« mussten viele Studenten gedrängt stehend zuhören, so überfüllt war der Hörsaal. Seine andern Vorlesungen fanden zwar nur wenige, aber um so eifrigere Zuhörer.

49 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

    Der Katheder-Erfolg genügt indessen nicht, um den Professortitel zu erlangen. Hierzu werden wissenschaftliche Publikationen erfordert, die in der Gelehrtenwelt Beachtung finden. Auf den Rat des ihm wohlwollend gesinnten Professors Dilthey erweiterte Stein die Schrift über Boileau und Descartes zu einem Werke über »Die Entstehung der neueren Ästhetik«, die im Frühjahr 1886 erschien. Die Einteilung ist die denkbar einfachste: er erzählt darin die Geschichte des ästhetischen Denkens von Boileau bis Winckelmann. Doch lässt diese Inhaltsangabe die wirkliche Originalität des in seiner Art einzigen, zugleich wissenschaftlichen und litterarischen Buches nicht ahnen. Stein hat alles gelesen — die französischen, englischen, deutschen, italienischen, schweizer Autoren; er kennt die Antike und ist mit allem, was in Europa während des neunzehnten Jahrhunderts entstand, vertraut. So ausgerüstet, hat er nicht etwa ein künstlich-systematisches Gebäude aufgerichtet, sondern er verfolgt ein doppeltes, scheinbar widerspruchsvolles Ziel: die Individualität jedes Autors achtet er und vermeidet, sie in die Zwangsjacke einer vorgefassten Systematik einzuschnüren; zugleich aber lässt er durch eine anscheinend sehr einfache, aber im Grunde äusserst scharfsinnige Analyse das vielverzweigte Netz der Einflüsse erkennen, die ein Jeder erlitten und aus-

50 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

geübt hat. Auf diese Weise gelingt es ihm, uns ein lebendiges Bild des einzelnen Denkers als Persönlichkeit zu geben, und dennoch die unpersönlichen Elemente der Rasse — als solche — in helles Licht zu setzen. So sehen wir z. B. die grosse Gruppe der Franzosen, von den Vorgängern Boileaus bis Marmontel und La Harpe. alle möglichen Einflüsse erleiden — italienische, englische und deutsche — und trotzdem immer charakteristische Franzosen bleiben; dasselbe gilt auch von den anderen Nationen. Nie ist ein unbefangeneres Buch geschrieben worden; der Wunsch, streng gerecht zu sein, verleiht sogar dem Werk eine gewisse Kälte; nur in einigen seltenen Momenten bricht die Flamme einer national deutschen Gesinnung durch, die im Übrigen unter der Hülle akademischer Korrektheit kaum wahrnehmbar glüht. Es ist die Glut der Liebe, nicht des Hasses — das ganze Buch enthält nicht ein einziges ungerechtes oder parteiisches Urteil. Auch lässt sich nicht leugnen, dass Stein, wenn er gleich durch und durch Deutscher blieb, doch aus der eingehenden Beschäftigung mit französischer Litteratur viel Gewinn zog. Was den französischen Stil — dort, wo er in klassischer Vollendung auftritt — auszeichnet, ist die krystallene Klarheit und ein so strenges Maasshalten, dass es manchmal an Trockenheit grenzt; hierin unterscheidet er sich

51 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

von der Schreibweise hervorragender Deutscher und Engländer. Goethe kommt diesem französischen Ideal manchmal (z. B. in »Winckelmann« und im »Rochusfest«) nahe; Stein aber ist ganz davon durchdrungen und geht in der Reaktion gegen die so häufig schwülstige oder nachlässige Sprache seiner Landsleute vielleicht zu weit. Hätte er  länger gelebt, so dürfen wir annehmen, dass es ihm nach und nach gelungen wäre, die Schlichtheit, die er von den Franzosen gelernt hatte, mit der Wärme und Plastik des klassischen deutschen Stiles zu verschmelzen. Es wurde sich verlohnen, dem Inhalt dieses Buches eine ganze Abhandlung zu widmen. Wie fesselnd ist z. B. der Nachweis und die Verfolgung der Beziehungen, die den hervorragendsten deutschen Ästhetiker, Winckelmann, mit den Gedanken und Arbeiten der französischen Ästhetiker verknüpfen. Jedoch, die Grenzen dieser Skizze erlauben mir nicht, mich weiter darüber zu verbreiten; es genüge zu sagen, dass dem Buch vorderhand der von Stein erhoffte Erfolg nicht zu Teil wurde. Anerkennung fand der Verfasser wohl, und auch an Versprechungen  fehlte es nicht; doch die erhoffte Professur blieb aus.
    Dies war eine grausame Enttäuschung. Nach einem Besuche bei einem der einflussreichsten Gelehrten, der ihm zwar Weihrauch gestreut hatte, ohne aber das Geringste für ihn thun zu wollen,

52 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

schreibt Stein einer Freundin: „Kürzlich fiel mir unwillkürlich ein, mit welchen Worten, wahrscheinlich sehr wohlwollend, ein Professor meine Leistungen ‚objektiv würdigen‘ wird, wenn ich rein physisch unterlegen bin.“ Einen Monat später war er tot.
    Seine Freunde waren alle über dieses plötzliche Ende bestürzt. Steins Riesengestalt erwähnte ich oben; nie hatte man ihn krank gesehen; und klagte er hin und wieder in Briefen, »Berlin vergifte ihn«, so erblickte man darin nur eine durch manche bitteren Erfahrungen verursachte Gereiztheit. Denken wir aber heute darüber nach, so müssen wir wohl erkennen, dass Stein aus dem einfachen Grunde gestorben ist, weil es für einen Mann von seiner Beschaffenheit unmöglich war, fortzuleben. Weder in seinem Tagebuch, noch in seinen Briefen, nie und nirgends sehen wir ihn in die Sphäre der gewöhnlichen Menschen herabsteigen; überall, immer, ja in jeder Minute seines kurzen Erdendaseins weilt er in den Regionen des Ideales. Wäre er ein blosser Träumer gewesen, so hätte er vielleicht leben können; nun war aber sein Traum die Ausübung einer weithin reichenden, mächtigen Wirkung auf die Menschheit; aus einem Soldatengeschlechte geboren, bleibt er auch als Gelehrter und Dichter ein Kämpfer. Im Mai 1887 schreibt er nach der Heimkehr aus einer seiner

53 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Vorlesungen: „Es war mir noch vorhin bei der Rückkehr aus einem Kolleg, in dem ich von hohen Dingen zu reden hatte und nur harte Mienen sah, — mir war zu Mute, wie es mir jetzt tausendmal zu Mute ist, als ginge es nun ganz gewiss nicht mehr. Es muss eine Krankheit sein, die mich verzehrt. Und es ist doch nur das Nicht-Ich.“  Und in denselben Tagen heisst es an andrer Stelle: „Mir fiel ... wieder ein, wie mich als Kind eine fast beständige Todessehnsucht als deutliches Lebensgefühl begleitete, und wie ich gerade durch die Erinnerung an dieses Gefühl mich in jenen frühen Jahren wiederfinde.“ Er hatte an der Universität Vorlesungen über Richard Wagner angezeigt; von oben her wurde ihm bedeutet, wenn er dieses Vorhaben ausführe, so wäre es mit seiner Laufbahn zu Ende. „Kein ferner oder naher Mensch, der mich versteht“ — heisst es in seinem Tagebuch — „kein Weib, das je mich lieben wird. Dennoch Leben, und innige Glut — ewige Glut?
    Ein Unwohlsein, gegen das er wochenlang standhaft angekämpft hatte, nahm plötzlich am 15. Juni 1887 eine sehr ernste Wendung an. Man brachte ihn schleunigst ins Krankenhaus; dort starb er am 20. Juni, morgens 8 Uhr, buchstäblich einsam, da selbst die barmherzige Schwester das Krankenzimmer verlassen hatte und die meisten Verwandten und Freunde nicht einmal wussten, dass er sich

54 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

im Krankenhause befände. Die Sektion ergab, dass alle Organe mit Ausnahme des Herzens vollkommen gesund waren, dieses aber zeigte eine Veränderung der Muskelfasern, welche die Ärzte sich nicht erklären konnten. Sein Grab befindet sich auf dem Militär-Friedhof; der Denkstein trägt die Worte:

»Selig sind, die reinen Herzens sind.«

6.
Ich habe im Laufe des Vorangegangenen Gelegenheit gehabt, einige der Schriften Steins zu nennen. Es erübrigt mir, einen Blick auf sein Schaffen als Ganzes zu werfen.
    Dieses Schaffen umfasst zunächst eine ganze Reihe kritischer oder wissenschaftlicher Arbeiten, die in verschiedenen Zeitschriften — in den Bayreuther Blättern, der Zeitschrift für Philosophie, der deutschen Rundschau und anderen — verstreut erschienen sind. Unter den die französische Litteratur behandelnden nenne ich zur Vervollständigung des schon Erwähnten einen Aufsatz »Über Werke und Wirkungen Rousseaus« und eine sehr bemerkenswerte Studie über »Die Beziehungen zwischen Rousseau und Kant«. Schon Dühring hatte darauf hingewiesen, dass Kant für seine Moraltheorie vieles Jean Jacques verdanke; aber Stein geht noch weiter und zeigt, dass der

55 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Genfer Moralist einen entscheidenden Einfluss auch auf die Metaphysik des deutschen Philosophen ausgeübt hat. Dies ist nicht etwa eine blosse Behauptung, sondern Stein erbringt den wissenschaftlichen Beweis für seine These, und zwar mit jener wortkargen Knappheit, die ein Hauptmerkmal seines Stiles ist. Auf dem eigentlich philosophischen Gebiete muss ich neben der schon erwähnten Studie über »Die Beziehungen zwischen der Sprache und dem wissenschaftlichen Erkennen«, die »Schopenhauer-Scholien« als das vielleicht Bedeutendste hervorheben. Seine Studien über Luther und Shakespeare tragen einen halb historischen, halb philosophischen Charakter. Schliesslich wäre noch eine Reihe rein litterarischer Aufsätze über Goethe, Jean Paul Friedrich Richter, Gobineau und Andere zu erwähnen.
    Allein das Interesse des deutschen Publikums richtet sich vor allem und mit Recht auf seine poetischen Werke. Und doch ist Stein gestorben, ehe er die seinem besonderen Genius eigentümliche Form endgültig ausgebildet hatte. Ich muss gestehen, dass ich den Menschen in ihm vollendeter finde als seine Dichtungen, und wenn diese, wie ich auch gern zugebe, reich an herrlichen Einzelheiten sind, so vermag ich doch nicht vollendete Kunstwerke in ihnen zu erblicken. Auch Novalis, dessen Phantasie eine viel leidenschaftlichere war,
 
56 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

starb, ohne den unmöglichen, romantisch-phantastischen Roman, das Werk seines Lebens, vollenden zu können. Stein war freilich nie überspannt gewesen; er hat sich nicht, wie Novalis, Unmögliches vorgenommen; doch gerade das grosse Gewicht, dass er auf die künstlerische Form legte, liess sein Talent nicht frühzeitig zur Reife kommen. Zwischen diesen beiden Männern giebt es viele Berührungspunkte, doch kann man sie auch einander gegenüberstellen, da der eine ein typischer Vertreter der Romantik ist, wogegen der andere dem strengsten Klassizismus huldigt. Beide starben jung und ehe sie ihr Werk vollendet hatten.
    Diese beständige Sorge um die Vollendung der Form — worunter Stein phrasenlose Schlichtheit, genaue Angemessenheit, makellose Schönheit und innere, kaum wahrnehmbare, nie roh hervorbrechende Glut verstand —‚ verbunden mit jener moralischen Eigenschaft, welche die Griechen Sophrosyne nannten und die er im höchsten Maasse besass, lassen voraussetzen, dass Stein poetische Werke von hohem Werte geschaffen haben würde, wäre er nicht so jäh und jung dahingerafft worden. — Als Hintergrund hätten sie uns einen weiten, fernen, mit sicherer Hand gezeichneten Horizont gezeigt, nämlich seine umfassende philosophische Weltanschauung. Das Grundgewebe hätten die sozialen Fragen abgegeben. Von diesem

57 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

doppelten Grunde — dem der unbeweglichen Natur und dem des ruhelosen Menschengetriebes — hätten sich dann die grossen Männer — die Helden und die Heiligen — abgehoben, grösser als die Natur, weil ein menschliches Herz in ihrem Busen schlägt, doch auch grösser als die anderen Menschen, insoferne ihr Blick das ganze Weltall umfasst und ihr Leben, einem Ozean gleich, uns aufzufordern scheint, die Segel zu hissen nach jenen besseren Welten, die ihr lichtkräftigeres Auge durch die Nebel unseres eingeengten Luftkreises hindurch in der Ferne deutlich erschaut.
    Dies ist kein blosses Phantasiegebilde; vielmehr enthalten die Werke, die uns Stein hinterlassen hat, bald verstreut, bald vereint, wenn auch noch nicht zu vollendeter und harmonischer Einheit zusammengefasst, alle Elemente einer derartigen Dichtung. Sein erstes, von mir oben kurz besprochenes Buch »Die Ideale des Materialismus« oder vielmehr »Lyrische Philosophie« offenbart schon alle Seiten seiner Persönlichkeit, wenn auch in wilder Gährung. Noch ist es ein Chaos; aber solche Dinge, wie z. B. die Einteilung in kurze Kapitel, deren jedes einen ganz individuellen Charakter trägt, zeigen, welchen Wert der jugendliche Dichter-Denker schon damals auf die Vollendung der Form legte. Ist auch im ersten Teil des Buches der Philosoph vorherrschend, so über-

58 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

wiegt doch am Schlusse, in der »Adam« überschriebenen Erzählung, der Dichter. Sein hauptsächlichstes poetisches Werk ist aber der im Jahre 1883 von ihm herausgegebene Band »Helden und Welt«. Es sind dramatische Dialoge, ihrem Wesen nach jedoch sehr verschieden von denen eines Lucian oder Voltaire; philosophische Dialektik wird darin nicht getrieben, vielmehr ist die Zeichnung von Persönlichkeiten Zweck und Ziel dieser Dichtungen; vielleicht erinnern sie an Gobineaus »Renaissance-Scenen« mehr als an irgend ein anderes Vorbild. Diese Persönlichkeiten sind alle Helden, in dem Sinn, in dem Stein dieses Wort nimmt, nämlich sittlich grosse Menschen, die in ihrer Umgebung, in dieser »Welt«, gegen die sich ihr Wille bricht, dargestellt werden. Es sind im ganzen zwölf Erzählungen, von denen drei in der griechischen Welt, drei in Rom, drei un Mittelalter und drei in unseren Tagen sich abspielen. So ziehen Solon, Timoleon, Alexander, Hannibal, die Mutter der Gracchen, Pompejus, die heilige Katharina, Luther, ein Grossoheim Bachs, Giordano Bruno (mit Shakespeare), Cromwell und ein heutiger Fabrikarbeiter an unserem Auge vorüber. Drei andere Dialoge aus der gleichen Folge behandeln die französische Revolution: den Tod Marats, den Dauphin, Saint-Just; sie sind erst 1894 (in den Bayreuther Blättern) veröffentlicht worden.

59 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Ein Wort Steins drückt am besten die in diesem Buche vorwaltende Idee aus: „Wie auch immer der gewaltige dunkle Hintergrund der Dinge in Wahrheit beschaffen sein mag, der Zugang zu ihm steht uns einzig in eben diesem unserem armen Leben offen, und also schliesst auch unser vergängliches Thun diese ernste, tiefe und unentrinnbare Bedeutung ein.“ Ist auch die hiermit bezeichnete, bestimmte Tendenz sichtbar, so sind doch die Persönlichkeiten mit unleugbarem Talente individualisiert. Ja, unter der etwas ermüdenden Maske des Dialoges erblicken wir sogar eine ausgesprochene Begabung für das Dramatische. Und seltsam ist es, zu beobachten, dass Stein, dem so streng männlichen Geiste, die Zeichnungen weiblicher Charaktere, wie die Cornelia, die heilige Katharina und Cromwells Tochter, am besten gelingen.
    Ein im Jahre 1888 aus dem Nachlasse veröffentlichter Band enthält ausser einer Reihe dramatischer Dialoge — unter denen vor allen »Friedrich der Grosse« von grosser Schönheit ist — eine Tragödie in einem Akte und mehrere Erzählungen, die uns Stein in einem ganz neuen Lichte zeigen. Man denke sich — wenn es der Phantasie gelingen will — einen keuschen Guy de Maupassant. »Die Heimat des Wilden« (eine Variation auf das Thema des »Ingénu«), und die Erzählung eines Mordes zeugen von aussergewöhnlicher Beobachtungsgabe

60 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

und meisterhafter Beherrschung des Stiles, zugleich von einem Realismus, den wir bei Stein nie vermutet hätten. Und hier haben wir es mit keiner Tendenz mehr zu thun, sondern mit reiner und schönster Kunst.
    In diesem selben Bande befinden sich auch noch drei Dialoge unter dem Titel »Die Heiligen«, ein Bruchstück des letzten Werkes, an dem Stein gearbeitet hat. Er wollte ein »Leben der Heiligen« schreiben; nicht, das versteht sich, als religiöse Apologetik, sondern weil dieses Problem der Heiligkeit ihn unter allen am leidenschaftlichsten erregte. Schien nicht die Natur ihn selber zu dieser Art des Heldentums vorausbestimmt zu haben? Zu diesem neuen Werke sammelte er fleissig alle Daten und schrieb an eine Freundin, wenige Monate vor seinem Tode, seine ganze Seele gehöre der neuen Aufgabe an. Bald jedoch gewahrte er, dass es gewissermassen gar keine Dokumente über das Leben der Heiligen gäbe. Authentische Nachrichten fliessen hier spärlich, doch das Wenige, was wir wissen, genügt schon zum Beweise, dass diese Männer und Frauen, die wir unter dem einen Begriff der »Heiligen« zusammenfassen zu dürfen glauben, untereinander grundverschieden sind; gerade in der Heiligkeit offenbart sich das Unterscheidende der Persönlichkeit besonders klar; davon haben aber die alten Legendenschreiber keine Ahnung gehabt. Sie be-

61 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

griffen nicht, dass es sich hier um eine höchste Kundgebung der menschlichen Seele, um die siegreichste Bewährung des Heldentumes handelt, vielmehr erblickten sie in der Heiligkeit lediglich die Unterwerfung unter einen göttlichen Willen und verschwendeten ihre Beredtsamkeit an die Aufzählung und Beschreibung gleichgültiger »Wunder«, ohne nur einen einzigen Blick auf das grösste aller Lebenswunder zu werfen: auf den sich gegen sich selbst wendenden Willen, auf den sich mittels seiner ethischen Kraft über die ganze Natur erhebenden Menschen. Vielleicht hat Stein daran verzweifelt, dieses innere Wunder je begreiflich machen. es je durch noch so ausführliche biographische Schilderung wirklich lebendig und glaubhaft vor uns hinstellen zu können, es sei denn durch die Vermittlung der ins verborgene Innere Licht werfenden Dichtung. Alles, was das wahre Leben des Heiligen ausmacht, ruht in der schweigenden Tiefe seines Herzens; kaum berührt die Chronik den Saum seines Kleides. Somit könnten wir leicht begreifen, dass Stein den Gedanken eines »Lebens der Heiligen« wieder aufgegeben hätte. Wie dem auch sein mag, so viel ist sicher, unter seinen Papieren fand man nur drei Dialoge: »Die beiden Einsiedler« (Paulus der Eremit und der heilige Antonius), »die heilige Elisabeth«, »Tauler und der Waldenser«. Die heilige Elisabeth

62 HEINRICH VON STEIN — VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

ist ein sehr ausgearbeitetes Stück in drei Teilen, die ungefähr den fünf Akten eines Dramas entsprechen. Wer es liest, wird von der Überzeugung durchdrungen werden, dass der Autor sich später entschlossen haben würde, für die Bühne zu schreiben und dass er die nötige Begabung besessen hätte, um für sie ebenso starke als schöne Werke zu schaffen. Doch wie das Stück jetzt dasteht, zeigt es alle Nachteile eines Übergangswerkes; es ist zu sehr Drama, um die besonderen litterarischen Vorzüge eines Dialogs zu besitzen, und zu sehr blos als Dialog entworfen, als dass sich ein Drama daraus zimmern liesse. Trotz der sehr grossen Schönheiten der »heiligen Elisabeth« ziehe ich darum die beiden anderen Dialoge vor und glaube, sie als die poetischen Meisterwerke Steins bezeichnen zu dürfen. Hier decken sich Stoff und Form vollkommen; die Grenzen dieser Dichtungsart sind nicht überschritten, die Gedanken sind erhaben, die Sprache ist vollendet rein.
    Hier muss ich abbrechen; die Persönlichkeit Steins, nicht die Beurteilung seiner Schriften, war der Gegenstand dieser Abhandlung. Und ich darf meinen Zweck als erreicht betrachten, wenn die flüchtige Charakterskizze dieses edlen deutschen Mannes genügt hat, um in manchem Leser den Wunsch wachzurufen, ihn und seine Werke näher kennen zu lernen.
(1897)
 
63


Heinrich von Steins Vermächtnis



    Der Drang, der diese Welt erschaffen, ist einem Jeden unendlich bewusst.
 
    Hast Du eine That gethan, so musste sie geschehen, der Drang des Wollens hat sie in Dir gethan; des Wollens, welches gut war, wenn Du gut bist, und böse, wenn Du böse bist.
 

64 HEINRICH VON STEINS VERMÄCHTNIS


    Wenn die Sonnenstrahlen die Hülle des Keims bewegen, regen sich die Säfte der Pflanze, und es wird ein andres aus den Zellen des Keims: die Knospe sprengt ihre Hüllen aus Drang zum Licht. Glück dem Kühnen!
 
    Irgend zwei Dinge, die im Raum von einander sind, bleiben nicht so, sondern drängen zu einander, so dass das kleinere dem massenhafteren zufällt.
 
    Ein Ding ist neben dem andern, und ein Vorgang geschieht nach dem andern; in alle diesem ist ein und dasselbe, ewig und alles. Dieses wissen wir bestimmt und kennen es am gewissesten; es ist nicht Ton oder Farbe, und nicht neben einem andern oder nach einem andern: es ist der Drang, der diese Welt erschuf.

—————

65 HEINRICH VON STEINS VERMÄCHTNIS


    Die Dinge haben Maass und Anzahl.
    Die Verschiedenheit zweier Dinge ist der Drang zum Geschehen; die Vorgänge haben ihr Maass an der Verschiedenheit der Dinge.
 
    Wenn zwei Dinge sich vereinigen und also ihre Verschiedenheit verlieren, so ergeben sie doch im Verhältnis zu allen andern Dingen neue Verschiedenheiten: die Vorgänge sind daher ohne Zahl.
 
    Alle Dinge sind endlich bestimmt und greifbar wirklich, der Drang ist unendlich.

—————

66 HEINRICH VON STEINS VERMÄCHTNIS


    Das Leben des Steines ist schwer sein, das Leben der Pflanze ist reifen, das Leben des Menschen ist: besonnene Hülfe.
 
    Das Grabscheit ansetzen und der Pflanze helfen, dass sie erblüht und Dich nährt; das Zugtier anspannen, dass es sich sein Futter vom Felde holt und Dir dient; Deinem Bruder beistehn, dass er thut wie Du; das ist Dir, mein Bruder, wie die Schwere dem Stein und der Pflanze das Reifwerden.
 
    Fromme Andacht, auf dass Du besonnen werdest, das ist Dir, mein Bruder, wie der Pflanze die Blüte und wie die Schönheit dem Meere.

—————

67 HEINRICH VON STEINS VERMÄCHTNIS


    Du musst denken, dass Du morgen tot bist, musst das Gute thun und heiter sein.
 
    Zweifelst Du, so denke an den Menschen, den Du liebst; dann weisst Du, ob Du gut oder böse thun willst.
 
    Liebe Dich selbst wie Deinen Freund und sei geschäftig Dir zu Gefallen.

 
68 HEINRICH VON STEINS VERMÄCHTNIS


    Am guten Tage denke bei allem, was Du thust, Du schriebest Deine Geschichte in das goldene Buch der Ewigkeit; thue Dir nie genug.
 
    Wisse, dass Du stark bist, Du Herr des Blitzes und der Sonne, Meister des Eisens, der Kohle und des Dampfes, stark über die glühende Sonne zu blühendem Leben.
 
    Freude ist die Leidenschaft, durch die wir besser werden. Soviel Du Dir und Andern Freude stiehlst und verdirbst, daran thust Du Sünde.

 
69 HEINRICH VON STEINS VERMÄCHTNIS


    Fliehe die Sünde, denn Du kannst ihr nicht widerstehen.
 
    Hüte Dich vor dem harten Wort, dessen Du Dich gegen Deinen Bruder erkühnst; Du kannst es ihm nie verzeihen, dass Du ihn verachtet hast; Du kannst nie wieder lieben wie vorher.
 
    Hüte Dich: Denke des Sohnes, den Du zeugst.

 
70 HEINRICH VON STEINS VERMÄCHTNIS


    Hüte Dich, hüte Dich vor Dir selbst, vor Unmut und Hass, und vor dem Entschluss, zu dem Du nicht lächeln kannst.
 
    Sehne Dich und wandere.
 
    Glaube an die Erlösten.

—————

71

Heinrich von Steins Weltanschauung.

1.
    Eine Weltanschauung zu gewinnen, ist uns Deutschen innerstes Lebensbedürfnis. Mögen noch so viele das Verlangen danach mit einer Unterordnung unter überlieferte Glaubensformen beschwichtigen, mögen ebensoviele andere sich über den Abgrund einer glaubenslosen Skepsis mit einem »il faut donc vivre« hinwegsetzen — in jeder neuen Generation regt sich doch jenes Verlangen mit ungeminderter Stärke, immer von neuem erhebt sich die Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Wie entrinnen wir der Angst des Irdischen? Wie gelangen wir in die reinere Luft der Höhe, wo der Atemzug der Ewigkeit und der Freiheit weht?
    Unübersteiglich scheinen die Hindernisse, die sich dem Suchenden, Emporstrebenden in den Weg stellen. Es geht nicht an, diese Hindernisse zu umgehen oder zu überfliegen. Vollends wer uns ein Führer sein soll, der muss mit diesen Hindernissen gerungen und sie überwunden haben, der muss sich in Kampf und Not den Weg