Here under follows the transcription of Houston Stewart Chamberlain's unfinished book Natur und Leben, edited by the biologist Jakob von Uexküll, published by F. Bruckmann, 1928.

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HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
NATUR UND LEBEN


HERAUSGEGEBEN

VON

J. VON UEXKÜLL



F. BRUCKMANN A.-G., MÜNCHEN

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COPYRIGHT 1928 BY F. BRUCKMANN A.-G., MUNICH
DRUCK VON F. BRUCKMANN A.-G., MÜNCHEN




PRINTED IN GERMANY


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INHALTS-ÜBERSICHT


Seite
Vorwort des Herausgebers 7
TEIL 1. UNSER WISSEN VON DER NATUR. — ELEMENTARE GRUNDBEGRIFFE ZUR ERSTEN EINFÜHRUNG 13
Einleitung des Herausgebers 15
Einleitung des Verfassers: Zur vorläufigen Verständigung 17
Einleitendes
§ 1. Begrenzung des Menschengeistes S. 21 —. § 2. Das angebliche Wissen S. 21 —. § 3. Die Wissenschaft S. 22 —. § 4. Wissen und Wissenschaft S. 23 —. § 5. Uexküll über die Wissenschaft S. 23 —. § 6. Methodologische Bemerkung S. 24 —. § 7. Es gibt mehrere Wissenschaften S. 24 —. § 8. Wissenschaft des Lebens und Wissenschaft des Unbelebten S. 25 —. § 9. Die Verursachung (Kausalität) S. 27 —. § 10. Das Leben ist keine Maschine S. 29 —. § 11 Seitenblick auf Kant S. 30 —. § 12. Die Planmäßigkeit der Natur S. 32 —. § 13. Gliederung der Wissenschaften der Natur S. 33 —. § 14. Die Tafel S. 34 —. § 15. Anmerkung S. 34 —.
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Die Wissenschaft der Kräfte
§ 16. Geschichtliches zur Einführung S. 35 —. § 17. Aristoteles S. 36 —. § 18. Die beiden Hauptmythen S. 37 —. § 19. Die Schwierigkeit dieser Wissenschaft S. 37 —. § 20. Der leitende Grundsatz aller Wissenschaft der Kräfte S. 38 —. § 21. Robert Mayer und Descartes S. 40 —. § 22. Nichts entsteht aus dem Nichts, Nichts vergeht in das Nichts S. 41 —. § 23. Die Spannkraft S. 42 —. § 24. Die Kraft der Lage S. 44 —. § 25. Die Grundmythe aller Wissenschaft der Kräfte (der Äther) S. 45 —. § 26. Descartes und der Äther S. 46 —. § 27. Neuere Anschauungen S. 49 —. § 28. Das Licht S. 50 —. § 29. Der leitende Grundgedanke aller Wissenschaft der Kräfte (das Atom) S. 52 —. § 30. Robert Boyle S. 54 —. § 31. John Daltons drei Grundsätze S. 55 —. § 32. Das Atom der Chemiker und das Atom der
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Physiker S. 57 —. § 33. Die Röntgenstrahlen S. 58 —. § 34. Das Atom zu denken nach der Vorstellung eines Sonnensystems S. 59 —. § 35. Zusammenfassung S. 62 —.
Die Wissenschaft des Stoffes
§ 36. Warum man nichts sagen kann über die Wissenschaft des Stoffes S. 67 —. § 37. Der erste Lehrgang S. 68 —. § 38. Spätere Studien S. 70 —.
67
Die Wissenschaft des Weltalls
Der Standpunkt S. 73 —. Die großen Zahlen S. 76 —. Der Kosmos S. 80 —.
73
Die Wissenschaft der Erdkugel
Der Umfang dieser Wissenschaft S. 84 —. Die Frage der Zeit S. 85 —.
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TEIL II. DIE LEBENSLEHRE 93
Einleitung des Herausgebers 95
Entwurf des Verfassers zu einer Lebenslehre
(Manuskript A aus dem Jahre 1896.)
1. Zur allgemeinen Orientierung: Schutzgeist Plato S. 104 —. 2. Zur metaphysischen Orientierung: Schutzgeist Kant S. 106 —. 3. Zur künstlerisch-symbolischen Orientierung: Schutzgeist Schopenhauer S. 109 —. 4. Zur naturwissenschaftlichen Orientierung: Schutzgeist Goethe S. 115 —. 5. Einiges zur Ergänzung S. 136 —.
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Zur Lebenslehre. Stichworte zur Festhaltung einiger zerstreuter Gedanken
(Manuskript B aus dem Jahre 1900. Zusammengestellt nach Briefen an die Baronin Ehrenfels.)
1. Die Bedeutung des Begriffes „Gestalt“ als Prinzip des Lebens S. 137 —. 2. Die Beharrlichkeit der Gestalt S. 140 —. 3. Fasse ich ein Lebewesen ins Auge... S. 149 —. 4. Pour la bonne bouche. Leben ist Gestalt S. 163 —.
137
Zur Lebenslehre. Einige kurze Notizen, teils als Erwiderungen 168
Zur Lebenslehre. Erster Schattenriß eines weiter auszubauenden Gedankenganges 176
ANHANG 179
Ein Brief an die Baronin Emma von Ehrenfels 181
Schlußwort des Herausgebers 184

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Vorwort des Herausgebers

    In unseren Tagen politischer Wirrnis fällt es besonders schwer, ein allgemeines, ruhiges und abgeklärtes Verständnis für die Bedeutung Houston Stewart Chamberlains zu erwecken. Seitdem er in den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ auf die Rolle der Rasse in der Geschichte und Politik hingewiesen, wirkt sein Name wie ein Fehdehandschuh und ruft, sobald er genannt wird, zahllose Gegner auf den Plan.
    Daß Chamberlain das reinste und glänzendste Deutsch schrieb, daß er einer der ideenreichsten Schriftsteller war, wird selbst von seinen Gegnern nicht bestritten. Die Gegner, die sich seinem sprühenden Geist nicht gewachsen fühlten, suchten ihm auf andere Weise beizukommen. Sie erklärten ihn für einen Dilettanten, der nicht die genügende Fachkenntnis besäße, und den man daher nicht ernst zu nehmen brauchte.
    Nur ein Historiker habe das Recht, über die Grundlagen des 19. Jahrhunderts zu schreiben, nur ein Philosoph dürfe ein Buch über Kant verfassen, und nur einem Theologen stünde es zu, sich an ein Thema wie „Mensch und Gott“ heranzuwagen. Wenn nun gar ein Schriftsteller, der in keinem einzigen Fach zu Hause sei, sich anmaße, über wissenschaftliche Fragen zu urteilen, so sei er von vornherein abzuweisen.
    Ein besonders tragisches Geschick hat es verhindert, daß Chamberlain sein großangelegtes Werk über ein Fach, in dem er nicht bloß zu Hause, sondern eine Autorität ersten Ranges war, zur Vollendung brachte.

8 Vorwort des Herausgebers

Dieses Fach ist die   B i o l o g i e.   Seine bahnbrechenden Ideen auf dem Gebiet der Biologie finden sich in seinen großen Werken hie und da verstreut, aber nirgend sind sie zu einem wohlgegliederten Ganzen vereinigt worden, das ihre Bedeutung ins rechte Licht gesetzt hätte. Dabei haben ihn die biologischen Probleme auf seinem ganzen Lebensweg begleitet. Sie waren es, die ihn dauernd bewegten. Sie gaben seinen historischen, philosophischen und religiösen Werken Richtung und Gestalt.
    Ganz anders klingt es, wenn man statt Dilettant Biologe sagt. Einem Erforscher des Lebens, denn das bedeutet Biologe, kann man schwerlich das Recht streitig machen, über die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, über Kant und über das Thema „Mensch und Gott“ zu schreiben. Es kommt nur darauf an, ob er die geistige Befähigung dazu besitzt. Und diese wird man Chamberlain kaum abstreiten können.
    Es erübrigt nur, den bündigen Beweis dafür zu erbringen, daß Chamberlain ein Biologe von Fach war: Niemand wird, der Chamberlains Arbeit über den Wurzeldruck bei Pflanzen gelesen hat, darüber im Zweifel sein, daß dies eine ausgezeichnete, experimentelle Facharbeit ist.
    Jede ernsthafte experimentelle Arbeit hat nun das Eigentümliche, daß sie uns unmittelbar vor die verschlossenen Tore der Natur führt, hinter denen ihre Wunder verborgen liegen. Es braucht nur ein Forscher mit aufgeschlossenem Gemüt einen Froschschenkel zu reizen, und alsogleich steht er vor den Rätseln der Erregung und Irritabilität. So stand Chamberlain mit andächtigem Sinn vor der geheimnisvollen Kraft, die den Saft der Pflanzen aus den Wurzeln emportreibt. Voll leidenschaftlichen Forscherdrangs hat er Tag und Nacht experimentiert, um dies Rätsel zu lösen. Die Natur verweigerte die Antwort,

9 Vorwort des Herausgebers

aber er gab nicht nach, bis seine zarte Gesundheit erlag. Er mußte das Experimentieren aufgeben. Deswegen gab er jedoch den Kampf nicht auf.
    Zwei Wege gibt es, um den Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen: entweder man geht einem bestimmten, scharfumgrenzten Problem mit allen Forscherkniffen zu Leibe, oder man tritt zurück und sucht einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus man die Zusammenhänge der Naturerscheinungen übersehen kann. Das Schicksal, nicht eigene Wahl, wies Chamberlain auf den zweiten Weg, und er ist ihn zu Ende gegangen, bis er sein Ziel erreichte und einen Standpunkt gewann, der es ihm ermöglichte, nicht nur die Erscheinungen der lebenden Natur zu überschauen, sondern auch seine eigene Art der Naturbetrachtung zu beurteilen.
    Den Weg zu diesem Gipfelpunkt hat ihm Kant gewiesen. Als Chamberlain diese Höhe erklommen hatte, und die Welt der Lebewesen in ihrem ganzen Reichtum ihm zu Füßen lag, wunderbar verwoben mit den eigenen Denkgesetzen — ging ihm wie eine neue Sonne die Erleuchtung auf: Alles, was lebt hat Gestalt — Das Leben ist Gestalt.
    Obzwar jeder Mensch ohne Schwierigkeit das Lebendige vom Leblosen zu unterscheiden vermag, waren dennoch alle Versuche, das Leben zu definieren, ergebnislos verlaufen. Das Leben glitt stets durch die Maschen des logischen Netzes, mit dem man es einfangen wollte.
    Mit der Erkenntnis: das Leben ist Gestalt, hatte Chamberlain endlich etwas Greifbares unter den Händen, denn die Gestalt hat ganz bestimmte Eigenschaften, die man auf alles Lebendige anwenden kann. Eine Gestalt besteht immer aus verschiedenen Teilen, die sich gegenseitig bedingen.
    „I n   a l l e n   L e b e n s g e s t a l t e n   s t e h e n   d i e

10 Vorwort des Herausgebers

T e i l e   u n t e r   s i c h   i n   K o r r e l a t i o n“   war daher der erste Grundpfeiler des Gebäudes der Biologie, das Chamberlain zu erbauen unternahm. Die Lebensgestalten müssen sich aber auch untereinander bedingen, wenn sie Teile der Gesamtgestalt Leben sind,   „D i e   I n t e r d e p e n d e n z   d e r   L e b e n s g e s t a l t e n“   wurde zum zweiten Grundpfeiler. Den dritten Pfeiler bildete die Erkenntnis, daß   „d i e   Z a h l   d e r   t y p i s c h e n   G e s t a l t e n   n u r   e i n e   b e s c h r ä n k t e   i s t“.   Und schließlich wurde der Grundsatz der   „U n w a n d e l b a r k e i t   d e r   G e s t a l t e n“   zum vierten Pfeiler des Baues, der als stolze Kuppel den Satz von der   „E r h a l t u n g   d e r   G e s a m t g e s t a l t   d e s   L e b e n s“   tragen sollte.
    An die Grundsätze der anorganischen Natur von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes sollte sich der Grundsatz der organischen Natur von der Erhaltung der Gestalt als gleichberechtigt anschließen.
    Von diesem großartigen Bau, der der Biologie für alle Zeiten einen ebenbürtigen Platz neben der Physik und der Chemie gesichert hätte, besitzen wir nur die Fundamente und einige vorläufige Entwürfe. Sie zeigen deutlich die Anordnung der Hauptteile. Ein Vorbau, der als Einführung in das naturwissenschaftliche Denken dienen sollte, steht im Rohbau fertig da. Unter 20 Titeln, die Chamberlain dafür in Betracht gezogen, wähle ich folgenden: „Unser Wissen von der Natur — Elementare Grundbegriffe zur ersten Einführung“.
    Darauf folgt der zweite Teil, der die „Lebenslehre“ Chamberlains enthält, die in zwei sich ergänzenden Entwürfen vorliegt, aus den Jahren 1896 und 1900.
    Ich habe beide Teile mit einer kurzen Einleitung versehen, am Manuskript Chamberlains aber nichts geändert.
    Als Anhang folgt noch ein sehr aufschlußreicher Brief Chamberlains an die Baronin Ehrenfels, den mir

11 Vorwort des Herausgebers

die Empfängerin gütigst zur Verfügung gestellt hat, wofür ich ihr meinen verbindlichsten Dank ausspreche.
    Vor allem ist es mir ein Herzensbedürfnis, Frau Eva Chamberlain für das große Vertrauen zu danken, das sie mir bewiesen, indem sie die Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften meines verehrten Freundes in meine Hände legte.
    Der Zauber, der von Chamberlains Persönlichkeit ausging, und der aus seinen klassischen Werken zu uns spricht, eignet auch seinen naturwissenschaftlichen Schriften. Die Leichtigkeit und Sicherheit, mit der hier die schwierigsten Probleme behandelt werden, wird jedem gebildeten Leser einen tiefen Genuß bereiten und ihn zum Nachdenken anregen. Ich bin aber überzeugt, daß auch die modernen Gestaltstheoretiker, obgleich sie mehr psychologisch als biologisch eingestellt sind, mit Freude die ihnen hier gebotene Neubegründung ihrer Wissenschaft begrüßen werden, um auf dem von Chamberlain errichteten Fundamenten weiter zu bauen.

12

(Leere Seite)

13


I. TEIL

UNSER WISSEN VON DER NATUR
ELEMENTARE GRUNDBEGRIFFE
ZUR ERSTEN EINFÜHRUNG


14

(Leere Seite)

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Einleitung des Herausgebers

    Es gibt keine voraussetzungslose Wissenschaft. Aus dem einfachen Grunde, weil ein wissenschaftliches Denken ohne Voraussetzung unmöglich ist. Ins Leere hinein kann man wohl phantasieren, aber wissenschaftlich, d. h. aufbauend denken kann man nicht ohne Voraussetzung, die als Fundament für den Gedankenbau dient. Eine jede Wissenschaft bedarf eines solchen Fundamentes, das zu den Selbstverständlichkeiten gehört, und deshalb weder in Frage gestellt, noch sonderlich beachtet wird.
    Die selbstverständlichen Voraussetzungen der Wissenschaft, auf die jeder Forscher stillschweigend zurückgreift, bilden gerade die Hauptschwierigkeit für den Laien, der in das Verständnis der Wissenschaft einzudringen bestrebt ist. Bei jeder Fragestellung wird ein Etwas als selbstverständlich vorausgesetzt, über das der Uneingeweihte sich vergeblich den Kopf zerbricht, und das ihm häufig die Fragestellung selbst sinnlos erscheinen läßt.
    Die Selbstverständlichkeiten der Wissenschaften als eigenes Problem zu behandeln, ist bisher noch niemand eingefallen. Hier zeigt sich die wahrhaft geniale Beanlagung Chamberlains.
    In den hier folgenden Studien sucht Chamberlain die immer als selbstverständlich vorausgesetzten Fundamente der verschiedenen Naturwissenschaften aufzudecken und darzulegen, warum sie für jede Wissenschaft so und nicht anders beschaffen sind. Chamberlain interessiert sich dabei weniger für die Ergebnisse der Wissenschaften; dafür sucht er die Denkrichtungen jener großen Forscher festzuhalten welche die Fundamente ihrer eigenen Wis-

16 Einleitung des Herausgebers

senschaft untersucht, und ihre Notwendigkeit begründet haben.
    Nur wenn man die Aufgabe, die Chamberlain sich gestellt, verstanden hat, und den Zweck den er mit der Lösung dieser Aufgabe verbunden — nämlich das Verständnis der gebildeten Laien für das Wesen der Naturwissenschaften zu ermöglichen — klar erkannt hat, wird man sich von der Tragweite der hier folgenden Studien deutlich Rechenschaft geben können.
    Sie sind für den Laien geschrieben, aber sie dienen nicht der Verbreitung von Forschungsergebnissen, sondern der Vertiefung in den Geist der Forschung selbst.
    Wenn man unter Dilettantismus Liebe und Freude an der Naturforschung versteht, so dienen diese Studien der Steigerung des Dilettantismus. Wenn man aber unter Dilettantismus spielerische Betätigung mit den Ergebnissen der Naturforschung versteht, so wirken sie im höchsten Grade antidilettantisch.


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Einleitung des Verfassers
Zur vorläufigen Verständigung.

    So sehr auch Naturkenntnisse heute — im Verhältnis zu früheren Zeiten — verbreitet sind, immer wieder wundert man sich, vielen sonst gebildeten Männern und Frauen zu begegnen, die nichts von der sie umgebenden Welt wissen, die keinen Stern am Himmel, keine Blume auf der Wiese erkennend zu unterscheiden gelernt haben, geschweige, daß sie irgendeine klare Vorstellung über die Leistung, die Tragweite und auch die Begrenzung der die Struktur der Materie untersuchenden Wissenschaft des Stoffes (Chemie), der die Kräfte in ihren Richtungen und Umwandlungen verfolgenden Wissenschaft der Kräfte (Physik), der den Aufbau des Kosmos erforschenden Wissenschaft des Weltalls (Astronomie) usw. besäßen, und die natürlich weniger als nichts in bezug auf Bau und Verrichtungen des Lebens wissen. Die weitverbreitete, bewundernde Anbetung einer thronenden „Wissenschaft“, der dumpfgehorsame Glaube an alles, was ihre amtlichen Priester zu verkünden belieben, besitzt für die Kultur des Menschengeistes nicht den geringsten Wert. Kulturwert bietet nur die unmittelbare Berührung zwischen Mensch und Natur. Beim primitiven Menschen findet sie statt...; auch beim Bauern, sowie bei jedem wahren Landbewohner des heutigen Tages besteht noch eine lebendige Wechselwirkung zwischen beiden. Dagegen wächst die große Mehrzahl der Gebildeten, sowie die Gesamtheit der Stadtbewohner Europas ohne jegliche unmittelbare Berührung mit Element und Leben der Natur auf; dieser moderne Mensch wird hierdurch immer mehr auf sich allein zurückgewiesen und verarmt infolgedessen in einem Maße, das bisher wenigen zum Bewußtsein gekommen ist, diese

18 Einleitung des Verfassers — Zur vorläufigen Verständigung
wenigen aber mit Schrecken erfüllt; denn es eröffnet sich ihnen die Aussicht in einen unabwendbaren Verfall, indem die einzige wahre Quelle aller Produktivität — „die ewig erfindungsreiche Natur“ — nunmehr vom Denken und Fühlen abgeschieden, der Mensch also auf sich selber eingeschränkt bleibt; hierdurch gerät er notwendig in einen circulus vitiosus, in welchem er herum- und herumrast, ohne je etwas anderes, als sich selber finden zu können; denn jetzt fehlt das zweite ergänzende Element — das umfassende, unbewußt hervorbringende — in das hinein der Geist seine zeugende Kraft ergießen kann und aus dem heraus er dann das Unvorhergesehene, jegliches Wollen Übertreffende, dasjenige, was einzig schöpferisch genannt werden darf, empfängt. Eine sentimentale Bewunderung sogenannter „schöner Natur“ bietet keinen Ersatz für die fehlende unmittelbare Berührung mit der Natur... Noch weniger vermag die angedeutete Lücke durch unsere Populärwissenschaft ausgefüllt zu werden. Diese will das Unmögliche: die Leute sollen erfahren, ohne gelernt zu haben; „Ergebnisse“ sollen vom Geiste aufgenommen werden wie Maiskörner von einer Mastgans, woraus einzig Verstandeskorpulenz, nicht aber Verstandeskraft entstehen kann. Gerade das ist für Wissenschaft im genauen Gegensatz zu Kunst bezeichnend, daß sie nie am Ziele ist; unaufhörlich überwindet sie sich selbst; immer wieder führt sie auf einer anderen Stufe zur Natur zurück, und jedes gelöste Problem eröffnet den Augen neue Probleme. In den Dienst der Kultur einer Allgemeinheit stellt sich die Wissenschaft erst dann, wenn sie es versteht, den aus der Natur verbannten Menschen der Natur zurückzugeben, daß er an ihr wieder teilhabe, daß er sie wirklich erblicke und sie tausendfältig erfahre. Die Natur meistern, ist ein Ziel für Techniker; dem Menschen als Geist und Seele ist zu wünschen, daß er zu ihr in die Schule gehe, um in aller

19 Einleitung des Verfassers — Zur vorläufigen Verständigung

Bescheidenheit vor ihr Größe, Mannigfaltigkeit, unerbittliche Wahrhaftigkeit zu lernen, und aus ihrem Brunnen Ideen ohne Zahl zu schöpfen. Dies zu bewirken, wäre das würdigste Ziel aller Wissenschaft.
    Wie schon angedeutet, handelt es sich bei mir nicht um populärwissenschaft, weil einzig echte Wissenschaft erweiternd und bereichernd auf den Menschengeist wirken kann. Der Einzelne mag aus Rücksicht auf seine beschränkte Muße ein noch so eng abgestecktes Gebiet sich erwählen, er muß es wissenschaftlich zu ergründen bestrebt sein, sonst kommt nur der übliche Mischmasch an eingebildeten, erlogenen Kenntnissen heraus, die nicht einmal materiellen Wert besitzen, da die „Ergebnisse der Wissenschaft“ alle zehn Jahre anders lauten. Nun hat aber Goethe — der große Denker — bemerkt, es sei „leichter alle Wissenschaften zu lernen, als eine allein“. Und in der Tat, der haarsträubende Dilettantismus mancher unserer Fachleute rührt daher, daß sie ein einzelnes Fach beherrschen, in den anderen aber fremd bleiben, ohne wahre Einsicht, daher auch ohne Urteil, und dies wiederum wirkt sogar auf ihre Beurteilung des eigenen Faches fälschend zurück, da eigentliches Wissen immer erst an Grenzen lebendig wird, wo Bezüge entstehen und das gleichgültige Einzelne, mit anderem Einzelnen verwoben, Bedeutung erhällt. Wie sollen wir aber — wenn schon das Bruchstück einer einzigen Wissenschaft, angewachsen durch die Arbeit Unzähliger, jahrelanges Studium erfordert — wie sollen wir, und gerade erst wir Nichtgelehrte, wir Männer der Welt, die wir mit anderen Dingen beschäftigt sind und die Natur nur als ein Element unserer Bildung kennenlernen wollen — wie sollen wir „alle Wissenschaften“ studieren?
    Ich meine nun, das Wünschenswerteste hier wäre eine Art Stufenleiter und zugleich eine Pendelbewegung: das Ideal wäre, von einer ganz elementaren aber tief-

20 Einleitung des Verfassers — Zur vorläufigen Verständigung

begründeten allgemeinen Vorstellung aller Wissenschaften ausgehen zu können, und dann in dem winzigen Bruchteil eines Faches ausführliche Einzelkenntnisse zu gewinnen, was zugleich Erfahrung über die Methoden, die Technik, die Handgriffe, die Denkgewohnheiten schenkt, aus denen diese Einzelkenntnisse entstehen und zum nicht geringen Teil sogar „be“-stehen. Also gestärkt, müßten wir dann aber zu einer neuerlichen, befestigteren, erweiterten, mannigfaltigeren Vorstellung von „allen Wissenschaften“ zurückkehren, um von hier aus, noch einmal einer Spezialisierung — sei es im gleichen Fach oder in einem anderen — aber diesmal einer umfassenderen, reicher gegliederten — uns zu widmen. Und so weiter. Dies wäre, meiner Meinung nach, die ideale Methode für jeden — gleichviel, ob er sich der Naturforschung fachmäßig oder nicht zu widmen gedenkt — um zu jener neuerlichen Berührung mit der Natur zu gelangen, von der vorhin die Rede war. Das Allgemeine — und das ist immer das Geistige — ruht auf genauen Einzelerfahrungen, die Einzelerfahrungen schöpfen Sinn und Bedeutung aus dem Besitz beziehungsreicher Allgemeinvorstellungen.
    Was dieses kleine Buch — zugleich bescheiden und kühn — bezweckt, ist, die allerunterste Sprosse auf dieser Leiter zu liefern, also jene erste, allgemeinste Vorstellung „aller Wissenschaften“, die der gänzlich Unwissende besitzen muß, will er als freier Mensch an das Studium der Natur herantreten. Im Gegensatz zu der Populärwissenschaft, welche das Allerspekulativste, oft das nachweisbar Widerspruchvollste, Unmögliche, dem Laien als angebliches Ergebnis zu gläubigem Staunen mundgerecht hinreicht, will dieses Buch die ersten Elemente der wissenschaftlichen Methodik in gedrängter Kürze mitteilen, um so den Anfänger in die besonderen Denkbahnen der verschiedenen Wissenschaften einzuführen.

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Einleitendes

§ 1. Begrenzung des Menschengeistes.

    Ein denkendes Wesen besitzt kein Mittel, über sein eigenes Denken hinauszukommen. Wohl vermag es, sein Denken durch die systematische Vermehrung der Beziehungen nach außenhin und durch ihre allmähliche Verfeinerung immer weiter zu bereichern, niemals jedoch kann es dazu gelangen, sich selbst von außen zu erblicken und somit ein objektives Urteil über das eigene Wesen zu gewinnen, womit erst die Möglichkeit gegeben wäre, die Zutat des Denkens zu jeder Wahrnehmung, zu jeder Vorstellung, zu jedem Urteil zu entwirren. Was zur Aufklärung über diese im Wesen alles Denkens liegende und daher unübersteigliche Begrenzung geschehen konnte, hat im Altertum Plato, in unseren Tagen Immanuel Kant geleistet; jeglicher dogmatischen Aussage über Mensch, über Natur, sowie über die Beziehungen zwischen Mensch und Natur ist durch das Werk dieser beiden ein für allemal der Boden entzogen.

§ 2. Das angebliche Wissen.

    Darum ist es — streng genommen — nicht zulässig, von einem Wissen zu reden. Man lächelt über die Kirchenväter, welche uns von dem Wesen der Engel allerhand zu melden wagten; man sollte nicht weniger über das vorgebliche Wissen unserer heutigen Weltenträtsler lächeln, die nicht einmal über die mehrere Jahrtausende zurückreichende Besinnung des Menschen unterrichtet sind, und sich gleich Kindern an die Lösung von Problemen heranwagen, ohne sich erst zu fragen, ob der Menschengeist zu solchem Vorhaben gerüstet ist. Über letzte

22 Einleitendes

Fragen dogmatisch zu entscheiden, wagt derjenige allein, der niemals über erste Fragen nachgedacht hat.

§ 3. Die Wissenschaft.

    Dagegen ist es durchaus zulässig, von einer Wissenschaft zu reden, wenn nur bestimmt wird, was das Wort besagen soll. Ursprung und Geschichte des Wortes geben uns Auskunft. Wie das Sanskrit vid uns belehrt, bedeutete „Wissen“ ursprünglich finden. Unsere Sinne suchen tastend, gleich den Fühlhörnern eines blinden Tieres, in der unerforschlichen Umgebung umher; was sie finden, melden sie; nur weniges sind sie zu finden und zu melden befähigt; das Ohr ist nur für einige wenige Schwingungen empfindsam: für die meisten bleibt es taub; ebenso ist das Auge mehr blind als sehend, so daß unsere Naturforscher von „unsichtbarem Lichte“ reden. Gleichviel: das Gefundene liefert den Rohstoff zu unserer Vorstellung einer außerhalb des Denkenden liegenden Natur. Dieser Rohstoff muß aber gestaltet, d. h. nach den Erfordernissen des Denkens geordnet, verknüpft, aufgebaut werden, sonst kann das Bewußtsein ihn nicht erfassen und sich aneignen; ein reines, vom Denken nicht umgestaltetes „Wissen“ gibt es — außer in den Träumen ungezügelter Phantasie — nicht. Auf diese Tätigkeit des Gestaltens deutet die Silbe -„schaft“, ein Wort, das, in uralten Zeiten vermutlich das Zuhauen des Holzes bezeichnend, heute in allen germanischen Sprachen verbreitet, immer zunächst ein Ordnen, Bilden, Gestalten des Gegebenen bedeutet, bis es schließlich — im Wort „er-schaffen“ — dahin gelangt, alles Schöpferische des Menschengeistes auszudrücken. In dem Worte „Wissenschaft“ tut sich die Herrlichkeit der deutschen Sprache kund — ebenso wie in dem Worte „Weltanschauung“ an Stelle der armseligen Philosophie. Denn die „Science“ der Engländer, Fran-

23 Einleitendes

zosen, Italiener usw. — der lateinischen Vokabel für Kunde, Kenntnis, Geschicklichkeit entnommen — ist ein gar dürftiger Ersatz, der selbst in seiner vergangenen lebendigen Zeit nie weiter gelangte, als ein Trennen, Scheiden, Zergliedern anzudeuten, die Hauptsache — das Auferbauen — außer acht lassend.

§ 4. Wissen und Wissenschaft.

    Reden wir von einer „Wissenschaft der Natur“, so reden wir also mit Bewußtsein von einer eigenmächtigen, schöpferischen Gestaltung des sinnlich Wahrgenommenen und bekennen, daß ein reines, absolutes, objektives Wissen unmöglich ist. Besäßen wir Wissen, wir brauchten keine Wissenschaft.

§ 5. Uexküll über die Wissenschaft.

    Der erste Schritt zu einem wahren Verständnis aller Wissenschaft bildet die Erkenntnis dieses willkürlichen schöpferischen Elementes. Im ersten Augenblick mag es betrüben, daß wir kein Mittel besitzen, reines Wissen über die Welt außerhalb unseres Denkens zu erlangen; doch bald tröstet sich der Geist im Wohlgefühl seiner Freiheit und Kraft, und freut sich an der Aussicht auf immer neue Verknüpfungen zwischen dem gegebenen Wissen und dem es gestaltenden „Schaffen“. — Der bahnbrechende Biologe Uexküll schreibt (1909): „Mit dem Wort Wissenschaft wird heutzutage ein lächerlicher Fetischismus getrieben. Deshalb ist es wohl angezeigt, darauf hinzuweisen, daß die Wissenschaft nichts anderes ist als die Summe der Meinungen der heute lebenden Forscher. Soweit die Meinungen der älteren Forscher von uns aufgenommen sind, leben auch sie in der Wissenschaft weiter. Sobald eine Meinung verworfen oder vergessen wird, ist sie für die Wissenschaft tot! Nach und nach werden

24 Einleitendes

alle Meinungen vergessen, verworfen oder verändert. Daher kann man auf die Frage: was ist eine wissenschaftliche Wahrheit? ohne Übertreibung antworten: ein Irrtum von heute.“

§ 6. Methodologische Bemerkung.

    In bezug auf die Methode bemerke ich noch dieses eine: Ich halte es für das Ideal eines solchen Lehrganges, möglichst wenig das Gedächtnis zu belasten. Daß man nichts lernen könnte ohne Inanspruchnahme des Gedächtnisses ist ohne weiteres einleuchtend, daß aber der Menschenverstand ohne tätige Mitwirkung des Urteils nichts sich einzuverleiben vermag, ist ebenso sicher, wird aber seltener bedacht. Nun gibt es aber eine gewisse Gegenwirkung zwischen Gedächtnis und Urteil, kraft welcher jede Überbürdung des Gedächtnisses sich rächt an der Güte des Urteils. Es besteht hierin ein sehr zartes, bei weitem nicht genug beachtetes Verhältnis. Das durch Gedächtnis Gewonnene ist ein bloßer Zuwachs, der mechanisch fördern kann, aber auch hemmen; das durch Urteil Einverleibte wird zu einem organischen Bestandteil des lebendigen Innenkörpers. Darum enthält dieser Lehrgang für die unterste Stufe ein Mindestmaß an Tatsachen und trägt eigentlich nur die elementarsten Gedanken, die bei jedem Fach vorwalten, vor.

§ 7. Es gibt mehrere Wissenschaften.

    Von großem Vorteil wird es sich für den nach Wissen Dürstenden erweisen, wenn er von allem Anfang an darüber Klarheit besitzt, daß es nicht „Eine allumfassende Wissenschaft“ gibt, sondern, daß der Wissenschaften mehrere unterschieden werden müssen. Der optische Standpunkt wechselt mit dem Gebiet, das in Betracht kommt; wer genau zuschaut entdeckt, daß die gleichen

25 Einleitendes

Worte nicht stets in den verschiedenen Wissenschaften den gleichen Sinn besitzen: der Chemiker stellt sein Denken anders ein als der Physiker, der Physiolog das seinige anders als der Anatom. Diese Tatsache — wie meistens geschieht — nicht zu beachten, führt zuletzt weitab in die Irre; die Lobreden, die auf die Einheit der Wissenschaft gehalten werden, gewöhnen das geistige Auge an ein bedenkliches Ungefähr. Es wird vorteilhaft sein, einen Augenblick hierbei zu verweilen.

§ 8. Wissenschaft des Lebens und Wissenschaft des Unbelebten.

    Zunächst haben wir allen Grund, mit Schärfe zwischen einer Wissenschaft des Lebens (gewöhnlich organische Wissenschaft genannt) und einer Wissenschaft des Unbelebten (gewöhnlich anorganische oder unorganische Wissenschaft genannt) zu unterscheiden: diese beiden weisen nicht allein tiefe Unterschiede auf, sondern sie stehen sich gleichsam feindlich einander gegenüber. „Feindlich“ ist ein bißchen übertrieben gesprochen, doch gebrauche ich das Wort mit Absicht, um recht kräftig zu betonen, wie Vieles und Grundsätzliches sie voneinander scheidet. In einem gewissen Sinn und Maß bilden organische und anorganische Wissenschaft Gegenstücke, die eine bietet uns die Kehrseite der anderen, und gerade aus dieser Verwandtschaft in der Entgegensetzung erfolgt manche Irrung.
    Bei der Betrachtung des rein Organischen tritt jene „Disproportion unseres Verstandes zu der Natur der Dinge“, von der Goethe spricht (der Versuch), in das Bewußtsein; hier vermag nur höchste Begabung den Weg zu weisen. In Wirklichkeit können wir natürlich uns auch Unorganische Phänomene nicht ihrem Wesen nach ergründen, doch ist es ungleich leichter dort eine mecha-

26 Einleitendes

nische Allegorie aufzustellen, welche zeitweilig Dienste tut. Außerdem ängstigt dann nicht wie auf organischem Gebiet die Danaidenarbeit eines ewig Neuen. Jedes mechanische Problem kann entweder tatsächlich oder doch unter gewissen denkbaren Bedingungen erschöpft werden; die Vorstellungen über die Anziehung der Körper z. B. mögen wechseln wie sie wollen (Druck, Zug, elektrische Ladung usw.), ausgerechnet ist und bleibt alles was die Gravitation betrifft bis auf das letzte I-Tüpfchen. Wogegen das Lebendige unerschöpflich ist; je weiter der Mensch forscht, desto weniger beherrscht er dies Gebiet, weil es sich mit der Forschung zugleich nach allen Seiten (also in geometrischer Progression) ausdehnt — ins Unendliche. Gar manche organische Probleme, die der Wissenschaft vor hundert Jahren als gelöst oder fast gelöst galten, sind inzwischen zu unabsehbaren Fragenkomplexen angewachsen; mehr als damals begreift man heute, wie Recht Goethe hatte, „die Labyrinthe des organischen Baues“ mit „dem Grundriß eines Irrgartens“ zu vergleichen (Diderots Versuch in der Malerei). Hier gilt es nun nicht etwa der fortschreitenden Forschung Grenzen zu ziehen, sondern dem Genie Raum zu lassen, daß es leitende Ideen erfinde, und sie wie Sonnen am Himmel der menschlichen Vorstellungswelt entzünde. Zwar sind diese Ideen — wie das Leben, dem sie entsprießen und auf das sie hinzielen — unausdenkbar, und darin erweist sich ihre Verwandtschaft mit den mythologischen Ideen unserer Altvordern. Goethe meint von solchen Ideen (er denkt an seine Metamorphosenlehre, an seine Farbenlehre und an derartiges), ihnen komme „unendliche Wirksamkeit“ zu, dennoch blieben sie unerreichbar, und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch unaussprechlich („Sprüche“, Hempel, Nr. 743). Man sieht schon, wie die Methoden auseinandergehen in den organischen und unorganischen Wissenschaften.

27 Einleitendes

    Jeder der beiden wohnt die Neigung inne, die Herrschaft an sich zu reißen und die andere sich völlig zu unterwerfen, wobei ein Verhältnis besondere Beachtung verdient. Ich will mich bildlich deutlich zu machen versuchen. Betrachten wir die Gesamtheit der Wissenschaften als einen breitfließenden Strom, so können wir den Standpunkt des Lebens und den Standpunkt des Unlebendigen als die beiden Ufer bezeichnen, zwischen denen der Fluß seinen Weg bahnt. Nun stehen wir Menschen offenbar auf dem Ufer des Lebens; nur kraft des Lebens besitzen wir Wissenschaft; das Leben geht überall voraus, ist überall erste Voraussetzung; jedoch, gerade infolge der Tatsache, daß das Leblose am entgegengesetzten Ufer liegt, übersehen wir es klarer und lückenloser als unser eigenes Ufer, auf welchem wir uns so zu sagen immer im Wege stehen, immer an irgendeinem Ort uns einen undurchsichtigen Schatten werfen. Daher das Vorwiegen der Wissenschaften des Leblosen, die bis vor ganz kurzem die Wissenschaften des Lebens förmlich vergewaltigt haben, ja, die die Existenz des Lebens leugneten und einzig dasjenige als Wissenschaft gelten ließen, was Bewegungen toten Stoffes betraf. Erst in allerletzter Zeit hat eine Gegenwirkung eingesetzt, doch noch immer tragen alle Wissenschaften — auch diejenigen des Lebens — das Gepräge unorganischer Wissenschaften. Dieses verleiht unserer Auffassung der Natur eine arg verschobene Einseitigkeit.

§ 9. Die Verursachung (Kausalität).

    Will man sich darüber klar werden, wie weit auseinander die Standpunkte auf den beiden Ufern sich befinden, so genügt es, den Unterschied in der Auffassung und der Bewertung des Begriffes der Verursachung (Kausalität) in Betracht zu ziehen. Der Leitgedanke, der aller anorganischen Wissenschaft zugrunde liegt, und ohne den

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ihr ganzes Gerüst einstürzt, ist der der Verursachung: nichts geschieht ohne Ursache, die Folge gleicht haarscharf der Ursache, d. h. die beiden (Ursache und Folge) sind aneinander meßbar; Wissenschaft ist die ziffernmäßig genaue Kenntnis der Ursachen von Bewegungen. Im Reich des Organischen treffen wir freilich auch den Begriff vor Ursache und Wirkung, doch wesentlich anders geartet. Die Ursache bedeutet hier ein Anheben, dessen Folgen unermeßlich sind und meistens außerhalb jeden Maßstabes liegen. Dies gilt schon für die einfachen Reflexbewegungen: wenn z. B. ein Käfer über das Blatt einer Mimosa kriecht und sämtliche Blätter des Baumes klappen zusammen, oder, wenn ein Finger in leise Berührung mit einer Nadelspitze gerät, worauf der Arm heftig zurückgezogen und der ganze Körper alarmiert wird: wie kann man in solchen Fällen von einer Gleichheit zwischen Ursache und Wirkung reden? Oder wiederum, welche Gleichheit besteht zwischen dem Reiz, den der Lichtäther auf einige tausend blinder Nervenendigungen im Auge ausübt, und der Landschaft, die im Gemüte als „Folge“ entsteht? Es handelt sich in diesem Falle offenbar um zwei wesensverschiedene Erscheinungen und um eine schöpferische Kraft des Lebens, dergleichen die unbelebte Natur nicht kennt. Ebensowenig vermag eine noch so gewaltsame Menschenwillkür einen Vergleich anzustellen zwischen der Handlung des Zeugens und dessen Erfolg, der häufig über Jahrhunderte sich erstreckt: nach dem Zoologen Weißmann ist das Keimplasma der Möglichkeit nach unsterblich, indem es sich von Geschlecht zu Geschlecht forterbt. Kein Wunder, wenn die besten Köpfe heute aus dem materialistischen Alptraum erwachen und sagen: „wenn wir vorgehen, die Phänomene des Lebens durch Stoff und Kraft zu erklären, so waten wir einfach unbewußt in dem stygischen Morast metaphysischer Dog-

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matik“ ¹). Man sieht, welch verschiedene Bewertung der grundlegende Begriff der Verursachung auf den beiden Ufern, des Belebten und des Unbelebten, erfährt; wohl ist er zu allem zusammenhängenden Denken auf beiden gleich unentbehrlich, doch umfaßt er hier und dort wesentlich verschiedene Gedanken- und Vorstellungskreise.

§ 10. Das Leben ist keine Maschine.

    Noch ein Wort über diesen entscheidend wichtigen Gegenstand. In seinem grundlegenden Werke: „Philosophie des Organischen“ hat Hans Driesch ein für allemal die Unmöglichkeit und die Ungereimtheit der Annahme, daß das Leben einer Maschine gleich zu setzen sei, nachgewiesen; er schreibt am Schluß seiner hierauf bezüglichen Ausführungen: „Hier sind wir in wahre Absurditäten hineingeführt! ... Gerade die Annahme der Existenz einer   M a s c h i n e   erweist sich im Lichte der experimentell erhärteten Tatsachen als   v o l l k o m m e n   u n s i n n i g.   Daher kann keine Art von Maschine irgendwelcher Form, und kann überhaupt keine Art von Kausalität, welche auf räumliche Constellation begründet ist, die Grundlage...“ der Erscheinung des Lebens sein (2. A., S. 133 fg.) ²). Die Marotte des Kausalitätsgesetzes — Wirkung gleich Ursache — hatte zur Vorstellung der falschen Gleichung zwischen dem Leben und einer Maschine geführt; jetzt ist, wie gesagt, die Absurdität dieser Annahme nachgewiesen, und nicht das allein, son-
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    ¹) Karl Pearson: The Grammar of Science. 2. Aufl., S. 332.
    ²) Der Satz endet bei Driesch mit den Worten: „die Grundlage der Differenzierung harmonisch-aequipotentieller Systeme sein“. Ich habe meinen Leser nicht mit einem ihm unbekannten und daher verwirrenden technischen Ausdruck erschrecken wollen, und durfte mir obige Umschreibung erlauben, da der Besitz solcher Systeme für alles Leben bezeichnend ist.

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dern Hans Driesch hat unwiderleglich dargetan, daß im Leben eine andere Art von Kausalität am Werke ist, als diejenige, welche auf den Gebieten des Leblosen statthat, ja, er kommt zum Schluß, daß „alle unsere wissenschaftlichen Begriffe (wie wir sie aus den anorganischen Wissenschaften herübernehmen) eigentlich vollständig unzureichend sind, wenn man sie mit den wirklichen Phänomenen des Lebens zusammenbringt“. (S. 157.)
    So führt der Wahn einer strengen Einheitlichkeit der Wissenschaften in die Irre!

§ 11. Seitenblick auf Kant.

    Aufklärend wird es wirken, wenn wir an dieser Stelle einen Blick auf Kant's Standpunkt werfen.
    Die Mehrheit der Wissenschaften räumt er ein, indem er schreibt: „Es kann so vielerlei Naturwissenschaften geben, als es spezifisch verschiedene Dinge gibt, deren jedes sein eigentümliches inneres Prinzip der zu seinem Dasein gehörigen Bestimmungen enthalten muß“ ¹). Insofern stimmt Kant also mit obigen Ausführungen überein; es folgt aber eine bedeutungsschwere Einschränkung: „Ich behaupte, daß in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist“. An anderer Stelle führt er aus: „Eine reine Naturlehre über bestimmte Naturdinge ist nur vermittels der Mathematik möglich, und da in jeder Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen wird, als sich darin Erkenntnis a priori befindet, so wird Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft enthalten, als Mathematik in ihr angewandt werden kann.“ Nach dieser Auffassung dürfte man nur
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    ¹) Diese sowohl wie die folgenden Ausführungen entstammen der Vorrede zu der Schrift „Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft“.

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von einem Teil der Astronomie, nämlich von der Bewegungslehre der Gestirne, und von einem Teil der Physik‚ als von „eigentlichen Wissenschaften“ reden. In der Tat ist dies Kants Ansicht, denn sogar von einer solchen reinen Erfahrungswissenschaft wie die Chemie urteilt er, man „sollte sie eher systematische Kunst, als Wissenschaft heißen“. In den Wissenschaften des Lebens könnten demnach nur diejenigen Bruchteile, die sich mit dem Toten, welches alles Lebendige mit sich führt, oder mit den rein physikalischen Verrichtungen befassen, als „eigentliche Wissenschaft“ angesprochen werden, bloß also Nebenerscheinungen des Lebens, nicht das Leben selbst. Wer mit der Philosophie Kants vertraut ist und die besondere Bedeutung des Begriffes „rein“ innerhalb dieser Philosophie kennt, wird ohne weiteres den Sinn dieser Unterscheidung verstehen, und wer weiß, welche Phantastik dazumalen in den Wissenschaften — namentlich in denen des Lebens — ihr Wesen trieb, wird diese strenge Einschränkung auf die Mathematik und Mechanik als heilsam begrüßen. Daß Kant mit seiner Behauptung Recht habe, das steht nicht in Frage; nur muß nicht vergessen werden, daß er von „reiner Wissenschaft“ redet und daß der Nachdruck auf dem Beiwort reiner liegt. Die ganze Betrachtung ist eine metaphysische; ihr Wert bleibt auf die Metaphysik beschränkt. Wird das aus dem Auge gelassen, so kann sie bedenklichen Schaden anrichten; denn dadurch drückt man die Beobachtung gegenüber der Mathematik zu einem untergeordneten Rang herab, was widersinnig ist und ein Schlag ins Gesicht für alle germanische Wissenschaft bedeutet: wir haben viel unter dieser Verwechslung und dem daraus erfolgenden Irrtum zu leiden gehabt.

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§ 12. Die Planmäßigkeit der Natur.

    Mit seiner genauen Begrenzung und Abgrenzung von Vernunft und Verstand hat Kant der Menschheit den größten Dienst geleistet, den vielleicht ein Einzelner ihr überhaupt je geleistet hat; erst durch ihn ist es möglich geworden, der die Menschheit narrenden und knebelnden Wahngedanken ein für allemal Herr zu werden. Doch in diesen heiligen Kampf vertieft, blieb manches dem Blicke des großen Denkers entzogen. Mag es auch keine „reine“ Wissenschaft außerhalb der Gebiete, wo Mathematik zur Anwendung kommt, geben, so hindert das doch nicht, daß treues geduldiges, der Grenzen bewußt bleibendes Befragen der Natur zu reichen Erkenntnissen führt, zu Ergebnissen, die auf dem Wege der Mathematik niemals zu erreichen gewesen wären. So hat im Laufe der vergangenen hundert Jahre die Chemie von dem Range einer „systematischen Kunst“ — wie Kant mit einiger Geringschätzung sagt — zu einem bewunderungswürdigen, immer mehr sich vervollkommnenden, in sich symmetrisch zusammenhängenden Gesamtbau sich gestaltet, — einem Bau, reich an Überraschungen, an Bereicherungen unserer menschlichen Vorstellungswelt, zu einem Bau, dem, mag ihm auch die zwingende Nötigungskraft der Mathematik fehlen, doch unzweifelhaft der Wert eines Symboles der unerforschlichen Naturwahrheit zukommt. Und unter unseren Augen entdeckt die endlich zum Bewußtsein ihrer selbständigen Würde erwachende Wissenschaft des Lebens eine ganze, bisher ungeahnte Welt der harmonischen Beziehungen, der planmäßigen Zusammenhänge, die einem der genialsten unserer Biologen der Gegenwart das Urteil ablockt: „Die gesamte Leitung der Lebewesen liegt sowohl im Einzelnen wie in der Art in den Händen einer übermechanischen Naturgewalt ... Die Planmäßigkeit in der

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Natur als letztes, alles Leben umfaßendes Naturgesetz wird damit wieder der biologischen Forschung eröffnet.“ (J. v. Uexküll: Theoretische Biologie, 1920, S. 229 fg.)

§ 13. Gliederung der Wissenschaften der Natur.

    Dieses nur in aller Kürze zur Andeutung einiger grundlegender Erkenntnisse.
    Fragen wir uns jetzt, wie viele verschiedene Wissenschaften wir unterscheiden und wie wir sie zusammenstellen wollen.
    Nach den obigen Ausführungen ergibt sich ohne weiteres eine erste Hauptgabelung in zwei umfassende Abteilungen: in die Wissenschaften der unbelebten Natur, und in die Wissenschaften des Lebens. Zahlreiche Verästelungen stellen Verbindungen zwischen hüben und drüben her, doch bleiben die beiden Gebiete durch eine tiefe Kluft von einander geschieden.
    Innerhalb der Wissenschaften des Unbelebten finden wir uns veranlaßt, allgemeine und besondere Wissenschaften zu unterscheiden.
    Es gibt zwei allgemeine Wissenschaften des Unbelebten: Die   W i s s e n s c h a f t e n   d e r   K r ä f t e   (Physik im weitesten Sinne des Wortes) und die   W i s s e n s c h a f t   d e s   S t o f f e s   (Chemie); und es gibt zwei besondere Wissenschaften des Unbelebten: die   W i s s e n s c h a f t   d e s   W e l t a l l s   (Astronomie) und die   W i s s e n s c h a f t   d e r   E r d k u g e l   (Geologie, umfassend Geographie, Gestein- und Kristallkunde).
    Innerhalb der Wissenschaften des Lebens unterscheiden wir drei Wissenschaften: die   W i s s e n s c h a f t   v o n   d e r   G e s t a l t   d e s   L e b e n s   (Morphologie einschließlich Tier- und Pflanzenkunde), die   W i s s e n s c h a f t   v o n   d e n   V e r r i c h t u n g e n   d e s   L e b e n s   (Physiologie) und

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die   W i s s e n s c h a f t   v o n   d e m   L e b e n   d e s   L e b e n s   (Biologie im umfassendsten Sinne). Die erste dieser drei Wissenschaften bewegt sich vielfach innerhalb der aus der Mathematik bekannten Welt der Zahl und der geometrischen Vorstellungen; die zweite borgt viel bei den Wissenschaften des Unbelebten; die dritte führt hinaus in neue Welten, die erst jetzt uns zu dämmern beginnen.

§ 14. Die Tafel.

    Ich füge zur besseren Übersichtlichkeit unsere Gliederung nochmals in Form einer Tafel an:

D i e   W i s s e n s c h a f t e n   d e s   U n b e l e b t e n.

Allgemeine: die Wissenschaft der Kräfte; die Wissenschaft des Stoffes.

Besondere: die Wissenschaft des Weltalls; die Wissenschaft der Erdkugel.

D i e   W i s s e n s c h a f t e n   d e s   L e b e n s.

Die Wissenschaft von der Gestalt des Lebens.

Die Wissenschaft von den Verrichtungen des Lebens.
Die Wissenschaft von dem Leben des Lebens.

§ 15. Anmerkung.

    Die Rechenkunst (Mathematik) kann nicht zu den Wissenschaften der Natur gezählt werden; hier handelt es sich um eine Besinnung des Menschengeistes über eingeborene Gesetzmöglichkeiten, hier handelt es sich um die bewußte Handhabung eines unvergleichlichen Werkzeuges; an und für sich ist aber diese technische Kunst absolut leer; einzig in der Anwendung gewinnt sie Wert, und zwar so hohen Wert, daß Plato von ihr hat sagen können, nur mit ihrer Hilfe „gelange man in jedwedem Dinge zur Einsicht“ (Philebus 17). Für näheres verweise ich auf den Vortrag über Descartes in meinem Kantbuche.


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Die Wissenschaft der Kräfte

§ 16. Geschichtliches zur Einführung.

    Die Alten verstanden unter Physik ungefähr das, was wir heute „Allgemeine Naturgeschichte“ nennen; sie bildete den Gegensatz zu Metaphysik und Theologie. Namentlich die Himmelskunde pflegt an der damaligen Physik hervorragenden Anteil zu nehmen: die Erforschung der Natur richtete sich anfangs vornehmlich auf die entferntesten Gegenstände; erst sehr spät gelangte sie zu dem, was uns am nächsten berührt. Dieser Entwicklungsgang dünkt uns Heutigen merkwürdig: zur Erklärung dient wohl der großartige Eindruck, den der Sternenhimmel auf empfängliche Gemüter ausübt, sowie die scheinbare Einfachheit und Regelmäßigkeit in der Bewegung der Gestirne. So unterschieden denn die Alten innerhalb der Physik zwei Wissenschaften, eine von den „himmlischen und unvergänglichen Dingen“ und eine von den „Dingen unter dem wechselnden Mond“, und sie widmeten sich mit Vorliebe der ersteren. Man darf behaupten, die Physik trage bis heute den Stempel ihres astronomischen Ursprunges deutlich zur Schau; erleben wir's doch als das Allerneueste, daß die Bewegungen winzigster Teilchen nach der Analogie mit Sonnensystemen vorgestellt werden. Und was die Einbeziehung weiter Gebiete der Naturgeschichte zur Physik anbetrifft, so erinnere ich daran, daß ein so „moderner“ Naturforscher wie J. Clerk Maxwell ebenfalls die gesamte Sternenkunde und die Stoffkunde (Chemie) zum Bereiche der Physik mitzählt. (Matter and Motion, S. 95.)

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§ 17. Aristoteles.

    Auch in Bezug auf das richtungbestimmende Gedankengerüst und auf den Schatz an gestaltungsmächtigen Vorstellungen fußen wir noch heute auf den Leistungen der Griechen. Allgemein bekannt ist die Unterscheidung zwischen Form und Stoff durch Aristoteles; der Stoff ist ihm nur das Mögliche, die Form erst das Wirkliche: „Von den sinnlichen Dingen gibt es weder einen Begriff noch einen Beweis, die Form allein ist es, worauf sich das Wissen bezieht“. Aber wie verwirklicht die Form den Stoff? Durch die Bewegung. Die Bewegung ist der Mittler: „Die Bewegung ist diejenige Tätigkeit, wodurch das zum Dasein kommt, was vorher nur als Möglichkeit vorhanden war.... Fassen wir den Begriff der Bewegung allgemein, so ist sie überhaupt das Wirklichwerden des Möglichen, die Vollendung der Materie durch die Formbestimmung“. In diesem Sinne bestimmt Aristoteles die Bewegung als Inhalt der Physik, und das gilt noch heute, sobald man auf den Grund geht. Ein französischer Meister in diesem Fache, Verdet, schreibt: „Le vrai problème du physicien est toujours de ramener les phénomènes à celui qui nous paraît le plus simple et le plus clair, le mouvement“ (die wahre Aufgabe des Physikers besteht immer in der Zurückführung der Vorgänge auf denjenigen, der uns Menschen der einfachste und der klarste dünkt, und das ist die Bewegung). Insofern wäre es richtiger, die Physik „die Wissenschaft der Bewegungen“ zu nennen; denn was wir wahrnehmen, ist überall Bewegung, nur Bewegung, wogegen „Kraft“ ein Gedanke ist, und „Energie“ ein Denken über diesen Gedanken.

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§ 18. Die beiden Hauptmythen.

    Der Leser halte nicht solche Betrachtungen für überflüssige Metaphysik: alle Physiker sehen sich genötigt, sie anzustellen, wollen sie wissen, wovon sie reden. Der Experimentator mag ein noch so eingefleischter Empiriker sein, zwischen seinen Fingern entschwindet der Stoff zu einem nichts. So sagt z. B. Lucien Poincaré: „Der Stoff ist nichts weiter als das Tragvermögen (capacité) für die Äußerungen der Energie“, und Clerk Maxwell schreibt: „Alles, was wir über den Stoff wissen, bezieht sich auf die Phänomene, in denen Energie von einem Teilstück zu einem anderen übergeht“. So werden die Physiker unwillkürlich und notwendig, heute ebenso wie vor 2500 Jahren — zu Metaphysikern; und wie zu Metaphysikern, so werden sie auch zu Bildnern von mythischen Vorstellungen und treten ebenfalls hier die hellenische Erbschaft an: die zwei unentbehrlichsten, am meisten umstrittenen Vorstellungen — die   A t o m e   und der   Ä t h e r — haben wir bekanntlich von den Griechen überkommen: die eine dient zur letzten Zergliederung des Stoffes, die andere zur letzten Zergliederung der Kraft.

§ 19. Die Schwierigkeit dieser Wissenschaft.

    Für den Laien bleibt die Physik die abstruseste und daher unzugänglichste aller Wissenschaften, da sie überall nur mit Bewegungen zu tun hat, und selbst die ruhenden Phänomene — wie die der Farbe und des Magnetismus — erst in Bewegungen auflösen muß, ehe sie damit etwas anfangen kann; so richtet sich ihr ganzes Bestreben auf die Erfindung von Instrumenten zur Messung von Bewegungen aller Art; dieses Heer von Instrumenten bildet ihr Arbeitswerkzeug und bleibt dem Verständnis des Nichttechnikers verschlossen. Und nun müssen erst

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die gewonnenen Zahlen mathematisch bearbeitet werden, um ihren genauen Sinn zu ermitteln. Keine Möglichkeit für den Nichtmathematiker, dem Gedankengang des Physikers bei Aufstellung und Lösung eines Problemes zu folgen. Wir werden uns darauf beschränken müssen, einige Leitgedanken auszuschälen, und uns glücklich schätzen, wenn wir Deutlichkeit nicht auf Kosten der Genauigkeit gewinnen.

§ 20. Der leitende Grundsatz aller Wissenschaft der Kräfte.

    Fassen wir gleich den Grundgedanken aller neueren Physik ins Auge, dem die Bedeutung eines   G r u n d s a t z e s   zugesprochen wird, als handele es sich um eine sittliche Glaubenspflicht. Wir wollen das Wort beibehalten, aber anders auffassen, nämlich als Grundsatz, ohne welchen diese Wissenschaft auseinanderfällt, da er allein ihr Einheit verleiht.
    Ich darf wohl den Leser um einige Augenblicke erhöhter Aufmerksamkeit ersuchen.
    Die geringste Überlegung wird überzeugen, daß man zahlreiche Kräfte zu unterscheiden hat, und das heißt also, wie wir gesehen haben, zahlreiche verschiedene Arten von Bewegungen: die Kraft, welche die Erde an die Sonne bindet, ist doch etwas ganz anderes, als die fliegende Eile des Lichtes, und diese wiederum unterscheidet sich wesentlich von der Kraft des Armes, die den Stein schleudert; die Dampfkraft, die die Lokomotive treibt, scheint einer anderen Welt anzugehören, als die Luftschwingungen, die den Schall erzeugen, und diese beiden lassen sich schwer mit dem Blitzstrahl vereinen: und doch erweist sich die Vorstellung als unentbehrlich, daß in allen diesen tausendfältigen Wirkungen die proteusartigen Äußerungen einer einzigen Kraft sich kundtun.

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„Es gibt in Wahrheit nur eine einzige Kraft“, ruft Robert Mayer aus. Gewöhnlich redet man von dieser einheitlich vorgestellten und insofern abgezogenen (abstrakten) Kraft als „Energie“, und von der Einheit der Energie. Alle die verschiedenen Kräfte sind Erscheinungsformen der einen Energie.
    Diese Vorstellung von der Einheit der Energie kann man als die Grundannahme aller Physik bezeichnen. Und nun kommt zu dieser Grundannahme der „Grundsatz“, nämlich die Lehre von der „Erhaltung der Energie“. Diese Lehre — die den Mittelpunkt alles physikalischen Denkens ausmacht — besagt, daß die in der Welt vorhandene Summe der Energie eine ein für allemal gegebene unabänderliche Größe ausmacht, die weder Zunahme noch Abnahme erleidet, sondern ewig gleich bleibt, nur unter tausend wechselnden Gestalten sich hier und dort unseren Blicken zeitweilig entzieht. Die Physiker pflegen, wie gesagt, die mit nichts zu vergleichende Wichtigkeit dieser Lehre dadurch hervorzuheben, daß sie von dem   „G r u n d s a t z“   (dem Prinzip) von der Erhaltung der Energie reden; es läßt sich auch manches zugunsten dieses Wortes anführen: denn „Theorie“ würde irreführen, es handelt sich in diesem Falle um mehr und um weniger als Theorie, und „Hypothese“ besagt zu wenig: es handelt sich um einen Glaubenssatz, der zwar, streng genommen, ewig unbeweisbar bleibt, doch ohne welchen das ganze Gebäude der heutigen Physik zerfällt. Clerk Maxwell sagt von diesem Glaubenssatz: „er ist die eine einzige allgemeine Behauptung, welche sich überall den Tatsachen entsprechend erweist, nicht allein in einer einzigen physikalischen Wissenschaft, sondern in allen“ (l. c., S. 60). Dieser Ausspruch mag dem Leser eine Vorstellung von der Bedeutung des Grundsatzes von der Erhaltung der Energie geben.

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    Erst in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Grundsatz in seiner tiefen Bedeutung und mit voller Klarheit von dem deutschen Arzt Robert Mayer aufgestellt, und bald folgte Helmholtz, und wies in seiner berühmt gebliebenen Abhandlung „Über die Erhaltung der Kraft“ (1847) die Unentbehrlichkeit dieser gestaltenden Idee nach — eine echte Gedankengestalt ¹).

§ 21. Robert Mayer und Descartes.

    Schon lange, ehe Mayer auftrat, schwebte diese Gedankengestalt dem Bewußtsein bedeutender Forscher, mehr oder minder greifbar, vor. Der erste, der ihr faßlichen Ausdruck verlieh, war der große, allgemein verkannte Descartes. Er sagt, man müsse voraussetzen, daß Gott, indem er die Welt schuf, sie mit einer gewissen Menge von Bewegungsfähigkeit ausstattete, und dafür sorgt, daß diese Menge sich ewig gleich bleibe; und an anderer Stelle spricht er sich noch unmißverständlicher aus, indem er von den Körpern sagt: „il est impossible que leurs mouvements cessent jamais, ni même qu'ils changent autrement que de sujet; c'est à dire que la vertu ou la puissance de se mouvoir soi-même, qui se rencontre dans un corps, peut bien passer tout ou en partie dans un autre, et ainsi n'être plus dans le premier, mais qu'elle ne peut pas n'être plus du tout dans la monde“ (Le Monde, ou Traité de la Lumière, Kap. 3 und 7: es ist unmöglich, daß die Bewegungen in den Körpern jemals aufhören,
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    ¹) Freilich behandelt Helmholtzens Aufsatz fast ausschließlich die mathematische Seite des Gegenstandes. Erst im Jahre 1854 in seinen Vorträgen „Über die Wechselwirkung der Naturkräfte und die darauf bezüglichen neuesten Ermittelungen der Physik“ faßte er das Problem, wie R. Mayer es getan hatte, von der anschaulichen Seite an; desgleichen tat er in seinem Zyklus von Vorträgen, gehalten in den Jahren 1862/63 „Über die Erhaltung der Kraft“.

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noch daß sie einen anderen Wechsel aufweisen, als in Bezug auf den bewegten Körper; mit anderen Worten, die Eigenschaft oder die Fähigkeit sich zu bewegen, die man in einem Körper vorfindet, kann wohl im ganzen oder zum Teil sich auf einen anderen Körper übertragen und somit nicht mehr im ersten Körper vorhanden sein, aber die Bewegung kann nicht aus der Welt entschwunden sein). Hiermit war der Kern des Gedankens vollkommen deutlich — wenn auch noch nicht ganz richtig — ausgesprochen.
    Denn was liegt dem Gedanken zugrunde? Die Antwort kann erst auf einem Umwege erfolgen.

§ 22. Nichts entsteht aus dem Nichts, Nichts vergeht in das Nichts.

    Zwei Überzeugungen müssen im Menschengeiste unerschütterlich feststehen, soll die Möglichkeit einer exakten Wissenschaft der Natur gegeben sein; sie ergänzen sich gegenseitig: die eine erklärt, „nichts entsteht aus dem Nichts“ (nil fieri ex nihilo), die andere: „nichts vergeht in das Nichts“ (nil fieri ad nihilum). Beide Überzeugungen sind durchaus nicht selbstverständlich; der naive Mensch hegt sie nicht, vielmehr nimmt er ohne weiteres an, daß hochorganisierte Wesen, wie Fliegen und Insekten, ja auch Mäuse und Ratten in Schutt und Unrat von selbst entstehen, und muß umso eher bereit sein, zuzugeben, unbelebter Stoff könne sich bei Gelegenheit aus dem Nichts entwickeln. Der Besitz der fraglosen Überzeugung „nichts entsteht aus dem Nichts“ bedeutet einen gewichtigen Schritt auf dem Wege zu jener Kultur des Geistes, welche Wissenschaft erst möglich macht. Immerhin wird diese erste Überzeugung weit früher zum Gemeingut gebildeter Menschen, als die zweite, wenigstens in ihrer strengeren Fassung, wo sie sich nicht bloß auf die Materie

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bezieht, sondern auch die Kräfte umfaßt. Vor einem materiellen Gegenstand, ja! da geben wir nach geringer Überlegung zu, daß auch die vollkommenste Zerstörung ihn nicht aus der Welt schaffe, sondern ihn höchstens zu Staub zermalme; doch der Zumutung, ein gleiches bei den Kräften anzunehmen, setzt der Geist einen entschiedenen Widerstand entgegen. Sehen wir auch die Gestirne ihren ewigen Kreislauf vollziehen, so beobachten wir um uns herum hunderte von Bewegungen, welche aufhören, und somit scheinbar entschwinden, ohne eine Spur von ihrem Dasein zu hinterlassen. Hier handelt es sich um die Gewinnung neuer schöpferischer Einsichten: erstens gibt es sehr viele Bewegungsarten — ich nenne Licht, Schall, Wärme, Elektrizität — welche dem menschlichen Auge nicht unmittelbar als Bewegungen wahrnehmbar sind — mit anderen Worten: unsichtbare Bewegungen; zweitens bedarf der Satz Descartes' einer Berichtigung und einer Ergänzung; die Verhältnisse liegen verwickelter, als der Philosoph voraussetzte.

§ 23. Die Spannkraft.

    Es stimmt nicht die Behauptung von der stets gleichen Summe der Bewegung im Weltall, und es fehlt die Erkenntnis, daß Bewegung gleichsam aufgehalten, aufgespart, verborgen gehalten werden kann, woraus der Begriff der „latenten (d. h. einer schlummernden) Kraft“ oder Spannkraft entsteht: erst aus der Unterscheidung der zwei Gattungen von Kräften — der lebendigen und der schlummernden — erwächst die Möglichkeit, die Energie als eine unwandelbare Einheit aufzufassen.
    Wir müssen noch einen Augenblick bei den schlummernden Kräften verweilen, um sicher zu sein, daß unsere Vorstellungen sich auf Wirklichkeit beziehen.
    Auch dem Laien ist der Begriff einer   S p a n n k r a f t

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vertraut — ich brauche nur an die aufgezogene Feder einer Taschenuhr zu erinnern —; dieser Begriff bedarf allein der gehörigen Erweiterung, wie sie physikalisches Erfahren und Denken verleiht, um alle schlummernden Kräfte zu umspannen. Hebe ich z. B. einen 10 kg wiegenden Stein vom Boden auf und trage ihn aufs Dach, wo ich ihn hinlege, so erfolgt zunächst aus dieser Arbeitsleistung keine weitere Bewegung, doch habe ich den Stein in eine neue Lage gebracht, dank welcher sein Sturz eine bedeutende Wirkung ausüben muß, und zwar eine Wirkung, die, wie jeder Versuch beweist, der aufgewendeten Arbeit genau entspricht: wir dürfen sagen, ich habe den Stein mit Spannkraft begabt. Um ein von diesen zwei Beispielen fernliegendes anzuführen: was man unter chemischer Verwandtschaft zwischen den Stoffen versteht, kann als Spannkraft aufgefaßt werden, welche durch Nähe und andere begünstigende Bedingungen plötzlich zu heftigen Bewegungen der lebendigen Kräfte führt. Hat man z. B. in ein Gefäß zwei Raumteile Wasserstoff und einen Raumteil Sauerstoff eingeführt, so bleiben diese beiden Gase ohne jede Wirkung aufeinander; nähert man jedoch eine Flamme dem Gemisch, oder läßt einen elektrischen Funken durchschlagen, so findet eine kräftige Explosion statt, indem sich die beiden Elemente zu Wasser verschmelzen: so wird die Spannkraft zu bewegender Kraft entbunden. Das großartigste Beispiel von aufgespeicherter Spannkraft ist die Anhäufung von Energie des Sonnenlichtes in den Pflanzenkörpern unter der Gestalt von Stärke, Zucker und anderen Körpern, welche dann — den Tieren als Nahrung zugeführt — umgewandelt wird in Wärme und Muskelkraft.
    Versteht man das Wort „Spannkraft“ in diesem allumfassenden Sinne, so lautet der Grundsatz von der Erhaltung der Energie: es ist stets die Summe der vorhandenen

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bewegenden Kräfte und Spannkräfte konstant. (Helmholtz.) In dieser Weise muß Descartes ergänzend berichtigt werden: nicht die Summe der   B e w e g u n g   bleibt sich im Weltall ewig gleich, sondern man muß die Summe der schlummernden Kräfte oder Spannkräfte hinzurechnen und diese zwei Summen zusammengenommen bilden trotz aller Verschiebungen, die immerfort zwischen bewegenden Kräften und Spannkräften stattfinden, eine unveränderliche (konstante) Größe.
    Ehe wir diesen ersten Grundsatz verlassen, will ich den Leser auf noch eine Auffassung des so wichtigen Begriffes der schlummernden Kräfte oder Spannkräfte aufmerksam machen, weil sie für die besondere Art des Physikers, die Welt anzuschauen, lehrreich ist.

§ 24. Die Kraft der Lage.

    Was vermehrte die Fallkraft des Steines in unserem vorhin gebrachten Beispiel, und gestattete uns, von einer entstandenen, beziehungsweise vermehrten Spannkraft zu reden? Eine Änderung in der Lage des Steins — eine Änderung, wodurch die Entfernung des Steins vom Erdboden — genauer gesprochen, die Entfernung vom Mittelpunkt der Erde — vermehrt worden war. Ebenso können auch die Spannkräfte der chemischen Verwandtschaft erst wirksam werden, wenn die betreffenden Stoffe nahe aneinander gelagert worden sind. Das gleiche gilt von dem Blitz, der erst entsteht, wenn zwei entgegengesetzt geladene Wolken übereinander geraten. Immer wird man finden, daß die Lage Beziehungen zur Spannkraft aufweist, weswegen die Physiker bisweilen zwischen Energie der Bewegung und   E n e r g i e   d e r   L a g e   unterscheiden — eine Unterscheidung, welche ich dem Nachsinnen empfehle, weil Gedanken dadurch Anschaulichkeit gewinnen. Das Bild des Weltalls wird viel lebhafter, wenn man sich

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an die Vorstellung gewöhnt, daß jede Bewegung — von derjenigen der Gestirne an bis zu derjenigen, die in den Atomen eines Milligrammes Radium vor sich gehen — zugleich eine Verschiebung der Gleichgewichtsverhältnisse bedingt, und Kraft sowohl aufspeichert, als freiläßt; es gewöhnt diese Betrachtungsweise auf   G e s t a l t — im weitesten Sinne dieses Wortes — zu achten, und richtet die Aufmerksamkeit auf die meist verborgenen Quellen der Kraft.

§ 25. Die Grundmythe aller Wissenschaft der Kräfte (Der Äther).

    Nachdem wir so den Grundsatz, der allem Denken in der Wissenschaft der Kräfte zugrunde liegt, kennengelernt haben, wenden wir uns jetzt zu der kurzen Betrachtung einer mythischen Vorstellung, welche sich als ebenso unentbehrlich für diese Wissenschaft erwiesen hat: die Vorstellung eines Äthers. Ich nenne diese Vorstellung eine Mythe, weil — wie unentbehrlich sie auch sei — sie etwas betrifft, dem keine Sinnfälligkeit zukommt, etwas also, was lediglich ein Erzeugnis der menschlichen Phantasie darstellt. Der Äther ist kein bloßer Gedanke, vielmehr eine echte Gedanken g e s t a l t;   er wird namentlich von der Vorstellungskraft gefordert, und dennoch enthält er soviel Widerspruchsvolles, daß Denken und Anschauen nie ins Reine, nie zur Ruhe kommen können: so hat man z. B. berechnet, daß der Äther fünfzehntrillionenmal leichter als die atmosphärische Luft sein muß, zugleich aber läßt es sich nachweisen, daß er zweitausendmillionenmal dichter als Blei ist. (J. J. Thomsen in „Nature“, 26. 8. 1909); und während die einen von einer Materie reden (z. B. Kant und Clerk Maxwell), erinnert uns der Sonderforscher des Äthers, Paul Lenard: „der Äther ist nicht Materie“ und „der unbewegte Uräther hat nichts mit der Materie zu tun“ (Äther und Uräther, S. 8, 17) und sein

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englischer Kollege, Oliver Lodge, bestätigt: „Ether is not Matter“, „it is not material nor mechanical“ (The Ether of Space, S. 108, 27. — Der Äther ist nicht Materie, er ist weder stofflich noch mechanisch aufzufassen).

§ 26. Descartes und der Äther.

    Vielleicht gelangt der Laie am schnellsten zu einer lebhaften und richtigen Vorstellung des Äthers, wenn er den Ursprung dieser Gedankengestalt erfährt. Descartes ist ihr Schöpfer, und er brauchte sie ausschließlich aber unabweisbar für seine Erklärung von dem Wesen des Lichtes als einer Bewegung, nicht eines Stoffes. Es lohnt sich, bei den Ideen dieses großen Denkers und Erschauers einen Augenblick zu verweilen.
    Uns Heutigen ist die Vorstellung, daß Licht durch eine Bewegung verursacht wird, derartig von Jugend an vertraut, daß es uns eine gewisse Anstrengung kostet zu begreifen, welche Kraft des Genies dazu gehörte, diesen Gedanken zu fassen. Descartes besaß diese Kraft, Newton nicht, der bekanntlich hundert Jahre, nachdem Descartes die richtige Bahn geöffnet hatte, den Gang der Wissenschaft durch seine „Emissionstheorie“ aufhielt, eine Theorie, nach der das Licht durch hervorgeschleuderte runde Körperchen verursacht sein sollte. — Hingegen hatte Descartes geschrieben: „La Lumière n'est autre chose qu'un certain mouvement ou une action fort prompte et fort vive ... il n'est pas besoin de supposer, qu'il passe quelquechose de matérial depuis les objets jusqu'à nos yeux pour nous faire voir les couleurs et la lumière, ni même qu'il y ait rien en ces objets qui soit semblable aux idées ou aux sentiments que nous en avons“ (das Licht ist nichts anderes, als eine gewisse Bewegung oder eine sehr schnelle und lebhafte Handlung ... es ist nicht notwendig vorauszusetzen, daß irgend etwas Stoffliches von den Ge-

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genständen an unsere Augen gelange, damit wir die Farben und das Licht erblicken, noch auch, daß irgend etwas an diesen Gegenständen Ähnlichkeit besitze mit den Vorstellungen, die wir uns davon machen, oder mit den Gefühlen, welche uns dabei einnehmen. — La Dioptrique, Discours premier). — Nun aber ist es der Bewegung unmöglich, sich durch einen leeren Raum fortzupflanzen — so wenigstens empfand Descartes, wie nach ihm Faraday, Helmholtz und Heinrich Hertz es auch empfanden —; darum stellte er sich den Weltenraum als angefüllt mit „quelque matière fort subtile et fort fluide, qui s'étende sans interruption depuis les astres jusqu'à nous“ (mit irgendeinem äußerst zarten und flüssigen Stoff, der sich ohne Unterbrechung von den Sternen bis zur Erde ausdehnt. — ibidem) vor. Auf diese Weise erkennt man, „daß alle Himmelskörper sich untereinander berühren, ohne daß es irgendwo einen leeren Raum gebe“. „Die Sterne können unmöglich irgendeine Bewegung in unseren Augen erregen, wenn sie nicht in irgendeiner Weise den ganzen Stoff, der zwischen ihnen und uns liegt, ebenfalls in Bewegung setzen“ (Principia, IV. Teil, § 206). Und noch eine Ausführung, diesmal aus einem Briefe, damit dem Leser an diesem Gedanken nichts undeutlich bleibe: „Toute impulsion de la matière subtile qui est parvenue à un certain degré de vitesse cause le sentiment de la lumière mais ... je nie qu'un mouvement plus lent et ordinaire de cette matière puisse causer de la lumière“ (jeder Vorstoß des zarten Stoffes, der eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hat, verursacht die Empfindung des Lichtes ... aber ich leugne, daß eine langsamere und gewöhnliche Bewegung dieses Stoffes die Fähigkeit besitze, Licht zu erzeugen. — Brief vom 27. November 1637). In allen mir bekannten Büchern wird Descartes ein Vorwurf daraus gemacht, daß er gelehrt habe, das Licht brauche gar keine

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Zeit zu seiner Ausbreitung, ein Irrtum, der daher stammt, daß sämtliche Bücher die eine einzige Stelle voneinander abschreiben, in welcher Descartes — um seine neue und so überraschende Entdeckung begreiflich zu machen — das Bild eines Stockes gebraucht, der im selben Augenblick, wo die hand den Griff bewegt, auch mit dem Ende anstößt, was er mit dem Wort „instantané“ ausdrückt. Dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde können wir auf dieser sublunaren Welt — wenn wir nicht Pedanten sind — füglich „instantané“ nennen. Wie es Descartes in Wirklichkeit meint, zeigt jede der oben angeführten Stellen: „das Licht ist nichts anderes, als eine   s e h r   s c h n e l l e   u n d  l e b h a f t e   B e w e g u n g“   und „jeder Vorstoß,   d e r   e i n e   g e w i s s e   G e s c h w i n d i g k e i t  e r r e i c h t   h a t,   verursacht die Empfindung des Lichtes“.
    Wir haben also nach Descartes uns einen äußerst feinen Stoff vorzustellen, der den ganzen Weltenraum lükenlos ausfüllt, und dessen Hauptamt es ist, die Bewegung, die wir Licht nennen, zu vermitteln; weswegen lange Zeiten hindurch, ja, fast bis in die Gegenwart hinein, man häufig dem Ausdruck „Lichtäther“ (l'éther lumineux) begegnet. Auf welche Weise diese Vermittlung durch den Äther zu denken ist, wird nicht näher ausgeführt, doch macht die Parabel des Stockes an die Wellenbewegung denken; höchst auffallend ist die Tatsache, daß eine bestimmte Geschwindigkeit erfordert wird im Erzittern des Äthers, damit wir das Licht empfinden. Auch verdient es Beachtung, wenn Descartes „zwei verschiedene Gestalten der Materie (den Stoff und den Äther) unterscheidet“, und sie „die zwei ersten Elemente der sichtbaren Welt“ nennt. (Principia, III. Teil, § 52.) Es erweisen sich alle Hauptgedanken der heutigen Vorstellung über den Äther als in dem Hirn des wunderbaren Mannes vorgebildet.

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§ 27. Neuere Anschauungen.

    Die einfachste Begriffsbestimmung, die ich von einem modernen Naturforscher kenne, gibt Clerk Maxwell — einer der bedeutendsten Männer des 19. Jahrhunderts — in der „Encyclopaedia Britannica“: „Der Ether oder der Äther (wahrscheinlich von aitho = ich brenne) ist eine materielle Substanz von feinerer Art, als die sichtbaren Körper, — eine Substanz, welche man voraussetzt in jenen Teilen des Raumes, die scheinbar leer sind“. Ein deutscher Physiker gibt die willkommene Ergänzung: „Der Äther stellt die Verbindung zwischen den Erscheinungen her, ohne welche Physik und Chemie in eine endlose Reihe von Elementen zerfallen würden“ (Hermann Fricke: Was ist Elektrizität?). Das ist aber sehr elementar gesprochen, und läßt nicht ahnen, welchen ungeheuer verwickelten Verhältnissen der Äther genügen muß, damit er seinen Zweck erfülle. Kant hat in den letzten Jahren seines Lebens viel über diese Frage nachgedacht. Er kommt zu dem Schlusse, der Äther müsse „imponderable“, „incoërcible“, „incohäsible“ und „inexausible“ sein, was er folgendermaßen erläutert: „Es muß eine Materie sein, durch welche die praktische Wägbarkeit möglich ist, ohne für sich ein Gewicht zu haben, — die Sperrbarkeit ohne äußerlich coërcible (zusammendrückbar) zu sein, — die Cohäsion (Zusammengehörigkeit), ohne innerlich zusammenzuhängen, — endlich die Erfüllung aller Räume der Körper ohne Erschöpfung oder Verminderung dieses alldurchdringenden Stoffes“. (Vom Übergang von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik, Altpreußische Monatsschrift 1882. S. 122 fg.)
      Mit diesen klaren Erkenntnissen eilte Kant seiner Zeit um ein halbes Jahrhundert voraus. Inzwischen hatte der Äther an Inhalt gewaltig zugenommen, indem er als der

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Sitz der unabsehbar reichen Welt der Elektrizität erkannt wurde, und indem das Reich der Elektrizität immer allumfassender wurde. Es entstand hierdurch eine ganz neue Physik: die Physik des Äthers oder der Elektrizität, oder der Strahlungsenergie, die ein Gegenstück bildet zu der Physik der mechanisch bewegten Materie; denn — ich wiederhole es — der Äther ist wohl eine „Substanz“ im philosophischen Sinne des Wortes, nicht aber „Materie“; der Äther ist absolut ungreifbar und unbeweglich. Und wir haben so fabelhafte Fortschritte in Bezug auf die Elektrizität gemacht, seit Faraday's Genius den Weg uns aufdeckte, daß ein heutiger Forscher die Behauptung aufstellen kann: „die elektrischen und magnetischen Zustände des Äthers sind uns genauer bekannt, als die Gesetze der Materie“ (G. Mie: „Der Weltäther“ in Handwb. der Natur). Den Elektromagnetismus kann man nach heutigen Vorstellungen die Seele des Äthers nennen; der Trägheit der Materie entspricht der Magnetismus, ihrer Elastizität entspricht die eigentliche Elektrizität. Licht ist eine Teilerscheinung des Elektromagnetismus, oder, um den umfassenden Ausdruck zu gebrauchen, der Strahlungsenergie; Goethes Ahnungen haben sich bewahrheitet, indem wir dem von ihm empfohlenen „herrlichen elektrochemischen geistigen Leitfaden“ gefolgt sind (Brief an Döbereiner, 26. Dezember 1812).

§ 28. Das Licht.

    Da Licht für uns Menschen eine der allerentscheidendsten Lebensbeziehungen darstellt, wollen wir wenige Worte ihm widmen, nur genügend, um einige Grundbegriffe über dessen Verhältnis zum Äther hervorzuheben.
    Licht wird, wie alle anderen elektromagnetischen Phänomene durch Zustandsänderungen im Äther bewirkt. Sämtliche Zustandsänderungen verbreiten sich im unbe-

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wegt bleibenden Äther mit der Geschwindigkeit von 300 000 Kilometer in der Sekunde — also, irdisch gesprochen, augenblicklich (Descartes' „instantané“) — aber es ist wichtig, klar vor dem geistigen Auge zu halten, daß es sich hierbei nicht um die Bewegung eines vorüberfliegenden Körpers handelt, sondern vielmehr um die Ausbreitung von Etwas, was wir uns nach der Analogie eines Erzitterns des Äthers vorzustellen haben. Auch das Bild der Lichtwellen muß — was äußerst selten geschieht — richtig gefaßt werden, nämlich als ein bloßes Bild, eine Allegorie. Welcher Art die sogenannten Wellen im Äther sind, davon vermag sich der Mensch nicht den entferntesten Begriff zu machen. Unter „Wellen“ haben wir uns „irgendeine Störung im Äther zu denken, die periodisch, sowohl in Bezug auf den Raum, wie auf die Zeit, wiederkehrt“ (Oliver Lodge, ibidem, S. 3). Beileibe sollen wir uns nicht etwas Materielles noch Mechanisches darunter denken, sondern nur Elektrisches und Magnetisches. Der Leser weiß übrigens, daß die Meereswellen auch keine Vorwärtsbewegung ausführen, sondern, daß jeder Tropfen Wasser nur in die Höhe gehoben und in die Tiefe gesenkt wird; gerade dieser Umstand macht das Bild der Welle so passend für die Bewegung, aus der das Licht entsteht, und die eigentlich nicht Bewegung, sondern Zustandsänderung ist (Lorentz). Wenn die betreffenden Zustandsänderungen im Äther sich dreibillionen- bis siebenbillionenmal in der Sekunde wiederholen, haben wir die Empfindung des Lichtes, doch ist es der Wissenschaft gelungen, diese „Wellen“ nach oben, sowie nach unten weithin zu verfolgen: so gehören z. B. die sogenannten Röntgenstrahlen zu den beschleunigteren und dementsprechend kürzeren „Wellen“, und die Strahlungen, die wir zur drahtlosen Telegraphie gebrauchen, zu den weniger häufigen und dafür unvergleichlich längeren.

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    Noch manches andere Amt fällt dem Äther zu: so z. B. ist nach vielen Physikern die Trägheit des Stoffes das Ergebnis eines Druckzustandes im Äther, die den starken Expansionskräften entgegenwirkt, welche dem Inneren der Atome eigen ist. Auch die Gravitation glaubt man, noch unbekannten Wirkungen des Äthers zuschreiben zu sollen. Ja, die Mythe zieht noch weitere Kreise. Lord Kelvin hat die Wirbel von Descartes wieder modernisiert zu Ehren gebracht, und läßt die Atome, aus denen die Materie aufgebaut ist, aus solchen Wirbelbewegungen im Äther bestehen. Heute, wo man so viel mehr über den Aufbau der Atome erfahren hat, denkt man sich die Sache etwas anders, und Lenard faßt den kleinsten, beweglichsten Bestandteil des Atoms, nämlich das Elektron, als „das Ende einer magnetoelektrischen Kraftlinie“ des Äthers auf. Nach dieser Ansicht besteht also die ganze Materie — die Gesamtheit dessen, was wir als Stoff wahrnehmen — letzten Endes aus Äther; ja! wir alle, wir Menschen, wir sind dem Leibe nach nur Äther!
    Man sieht, wir stehen hier ganz im Bereiche der Mythenbildung.

§ 29. Der leitende Grundgedanke aller Wissenschaft der Kräfte (das Atom).

    Wiederum begegnen wir hier einer aus dem Altertum auf uns herabgeerbten Vorstellung, einer Vorstellung, die wahrscheinlich die Hellenen auf Umwegen von den Indern überkommen hatten. Vom ersten Augenblick an schillert dieser Begriff in zwei verschiedenen Farben: denn einerseits zeichnet ihn ein hoher Grad von Anschaulichkeit aus, während er auf der anderen Seite zu undenkbaren Gedanken führt. Mit Wonne greift der Geist nach der Vorstellung von letzten, kleinsten, unteilbaren Teilchen (Atomen), aus denen alles Stoffliche aufgebaut wäre; diese Vorstel-

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lung gewährt ihm Beruhigung, scheint sie doch so einleuchtend, so „naturgemäß“; andrerseits gerät das Denken in unauflösbare Widersprüche, soll es sich ein noch so kleines Körperchen als nicht weiter teilbar vorstellen, und hat sich in der Tat bis heute damit geholfen, daß es die „unteilbaren“ Atome in immer zahlreichere Bestandteile zerlegt hat, bis die letzte Entwicklung der Gegenwart von uns fordert, jedes Atom nach dem Bilde eines Sonnensystemes zu denken.
    Der Inder Kanâda hatte gelehrt: „die Welt entsteht aus Atomen, Paramânu (das höchste Kleine) genannt, die sich nach dem Willen eines höheren Wesens miteinander vereinigten“ (L. v. Schroeder, Indiens Literatur und Kultur, S. 588). Diese indischen Atome unterscheiden sich von den griechischen dadurch, daß sie von Hause aus — obwohl an Größe und Gestalt sich gleich — Träger bestimmter Eigenschaften sind; so unterscheiden sich z. B. die Atome der Erde von denen des Wassers, und diese beiden von denen der Luft und des Feuers. Jedes dieser Elemente ist als Anhäufung vergänglich, aber als Atom ewig. Das Manas — d. i. der zwischen den Dingen und der Seele vermittelnde Intellekt — ist ebenfalls atomklein, und, wie die Atome, ewig. (P. Deussen, Gesch. der Philosophie, I, 2, S. 349 fg.) — Demokrit lehrt im Gegensatz zu den Indern, die Atome seien alle, ihrem Wesen nach, gleicher Art, sie wiesen aber an Gestalt und Größe unendliche Mannigfaltigkeit auf; die verschiedenen Eigenschaften der Körper seien bedingt, die primären (Schwere, Härte) durch die verhältnismäßige Menge an leeren Räumen zwischen den Atomen, und die sekundären (Wärme, Kälte, Geschmack, Farbe) durch die Gestalt der Atome, sowie durch ihre Größe und durch die Ordnung, in der sie sich befinden. Die Unteilbarkeit der Atome hängt davon ab, daß sie keinen leeren Raum enthalten; denn nur die Anwesenheit

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leerer Räume mache die Dinge zerlegbar; somit ist an und für sich keine Grenze der möglichen Größe eines Atoms gezogen; doch kommen, soweit wir wissen, nur kleine Atome vor. Diese also beschaffenen Atome fallen „nach unten“ durch den unbegrenzten leeren Raum, und geraten infolge von Stoß und Gegenstoß in eine Wirbelbewegung, wodurch dann durch Agglomeration (Bildung von Haufen) die Gestirne nach und nach entstehen. Schon Aristoteles macht auf die Naivetät der Vorstellung, daß es in einem leeren Raum ein Unten und ein Oben gebe, aufmerksam, und bemerkt richtig, die Atome würden alle in einem leeren Raum still liegen bleiben; doch kamen alle solche Einwürfe nicht zur Geltung gegenüber der starken Werbekraft einer so anschaulichen Vorstellung, und es dauerte nicht lange, da verfaßte kurz vor Christi Geburt der römische Dichter Lucretius sein weltberühmtes Gedicht „De natura rerum“ — und die Atomlehre ward die populärste Weltanschauung im römischen Reiche.

§ 30. Robert Boyle.

    Ein englischer Forscher, Robert Boyle, war es, der im 17. Jahrhundert den Anstoß gab zu der Wieder