Here
under follows the transcription of Houston Stewart Chamberlain's unfinished book Natur und Leben, edited by
the biologist Jakob von Uexküll, published by F. Bruckmann, 1928.
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3
HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
NATUR
UND LEBEN
HERAUSGEGEBEN
VON
J.
VON
UEXKÜLL
F. BRUCKMANN A.-G., MÜNCHEN
4
COPYRIGHT 1928 BY F.
BRUCKMANN A.-G., MUNICH
DRUCK VON F. BRUCKMANN
A.-G., MÜNCHEN
PRINTED
IN GERMANY
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INHALTS-ÜBERSICHT
6
Vorwort
des Herausgebers
In
unseren Tagen politischer Wirrnis fällt es besonders schwer, ein
allgemeines, ruhiges und abgeklärtes Verständnis für die
Bedeutung Houston Stewart Chamberlains zu erwecken. Seitdem er in den
„Grundlagen des 19.
Jahrhunderts“ auf die Rolle der Rasse in der Geschichte und Politik
hingewiesen, wirkt sein Name wie ein Fehdehandschuh und ruft, sobald er
genannt wird, zahllose Gegner auf den Plan.
Daß Chamberlain das reinste und glänzendste Deutsch schrieb,
daß er einer der ideenreichsten Schriftsteller war, wird selbst
von seinen Gegnern nicht bestritten. Die Gegner, die sich seinem
sprühenden Geist nicht gewachsen fühlten, suchten ihm auf
andere Weise beizukommen. Sie erklärten ihn für einen
Dilettanten, der nicht die genügende Fachkenntnis
besäße, und den man daher nicht ernst zu nehmen brauchte.
Nur
ein Historiker habe das Recht, über die Grundlagen des 19.
Jahrhunderts zu schreiben, nur ein Philosoph dürfe ein Buch
über Kant verfassen, und nur einem Theologen stünde es
zu,
sich an ein Thema wie „Mensch
und Gott“ heranzuwagen. Wenn nun gar ein
Schriftsteller, der in keinem einzigen Fach zu Hause sei, sich
anmaße, über wissenschaftliche Fragen zu urteilen, so sei er
von vornherein abzuweisen.
Ein
besonders tragisches Geschick hat es verhindert, daß Chamberlain
sein großangelegtes Werk über ein Fach, in dem er nicht
bloß zu Hause, sondern eine Autorität ersten Ranges war, zur
Vollendung brachte.
8
Vorwort des Herausgebers
Dieses Fach ist die
B i o l o g i e. Seine bahnbrechenden Ideen auf dem
Gebiet der Biologie finden sich in seinen großen Werken hie und
da verstreut, aber nirgend sind sie zu einem wohlgegliederten Ganzen
vereinigt worden, das ihre Bedeutung ins rechte Licht gesetzt
hätte. Dabei haben ihn die biologischen Probleme auf seinem ganzen
Lebensweg begleitet. Sie waren es, die ihn dauernd bewegten. Sie gaben
seinen historischen, philosophischen und religiösen Werken
Richtung und Gestalt.
Ganz
anders klingt es, wenn man statt Dilettant Biologe sagt. Einem
Erforscher des Lebens, denn das bedeutet Biologe, kann man schwerlich
das Recht streitig machen, über die Grundlagen des 19.
Jahrhunderts, über Kant und über das Thema „Mensch und Gott“
zu schreiben. Es kommt nur darauf an, ob er die geistige
Befähigung dazu besitzt. Und diese wird man Chamberlain kaum
abstreiten können.
Es
erübrigt nur, den bündigen Beweis dafür zu erbringen,
daß Chamberlain ein Biologe von Fach war: Niemand wird, der
Chamberlains Arbeit über den Wurzeldruck bei Pflanzen gelesen hat,
darüber im Zweifel sein, daß dies eine ausgezeichnete,
experimentelle Facharbeit ist.
Jede
ernsthafte experimentelle Arbeit hat nun das Eigentümliche,
daß sie uns unmittelbar vor die verschlossenen Tore der Natur
führt, hinter denen ihre Wunder verborgen liegen. Es braucht nur
ein Forscher mit aufgeschlossenem Gemüt einen Froschschenkel zu
reizen, und alsogleich steht er vor den Rätseln der Erregung und
Irritabilität. So stand Chamberlain mit andächtigem Sinn vor
der geheimnisvollen Kraft, die den Saft der Pflanzen aus den Wurzeln
emportreibt. Voll leidenschaftlichen Forscherdrangs hat er Tag und
Nacht experimentiert, um dies Rätsel zu lösen. Die Natur
verweigerte die Antwort,
9
Vorwort des Herausgebers
aber er gab nicht nach,
bis seine zarte Gesundheit erlag. Er mußte das Experimentieren
aufgeben. Deswegen gab er jedoch den Kampf nicht auf.
Zwei
Wege gibt es, um den Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen:
entweder man geht einem bestimmten, scharfumgrenzten Problem mit allen
Forscherkniffen zu Leibe, oder man tritt zurück und sucht einen
Standpunkt zu gewinnen, von dem aus man die Zusammenhänge der
Naturerscheinungen übersehen kann. Das Schicksal, nicht eigene
Wahl, wies Chamberlain auf den zweiten Weg, und er ist ihn zu Ende
gegangen, bis er sein Ziel erreichte und einen Standpunkt gewann, der
es ihm ermöglichte, nicht nur die Erscheinungen der lebenden Natur
zu überschauen, sondern auch seine eigene Art der Naturbetrachtung
zu beurteilen.
Den
Weg zu diesem Gipfelpunkt hat ihm Kant gewiesen. Als Chamberlain diese
Höhe erklommen hatte, und die Welt der Lebewesen in ihrem ganzen
Reichtum ihm zu Füßen lag, wunderbar verwoben mit den
eigenen Denkgesetzen — ging ihm wie eine neue Sonne die Erleuchtung
auf: Alles, was lebt hat Gestalt — Das Leben ist Gestalt.
Obzwar
jeder Mensch ohne Schwierigkeit das Lebendige vom Leblosen zu
unterscheiden vermag, waren dennoch alle Versuche, das Leben zu
definieren, ergebnislos verlaufen. Das Leben glitt stets durch die
Maschen des logischen Netzes, mit dem man es einfangen wollte.
Mit
der Erkenntnis: das Leben ist Gestalt, hatte Chamberlain endlich etwas
Greifbares unter den Händen, denn die Gestalt hat ganz bestimmte
Eigenschaften, die man auf alles Lebendige anwenden kann. Eine Gestalt
besteht immer aus verschiedenen Teilen, die sich gegenseitig bedingen.
„I
n
a l l e n L e b e n s g e s t a l t e n s t e h
e n d i e
10
Vorwort des Herausgebers
T e i l e u n t e
r s i c h i n
K o r r e l a t i o n“ war daher der erste Grundpfeiler des
Gebäudes der
Biologie, das Chamberlain zu erbauen unternahm. Die Lebensgestalten
müssen sich aber auch untereinander bedingen, wenn sie Teile der
Gesamtgestalt Leben sind, „D i e I n t e r d e p e n
d e n z d e r
L e b e n s g e s t a l t e n“ wurde zum zweiten Grundpfeiler.
Den dritten Pfeiler
bildete die Erkenntnis, daß „d i e Z a h
l d e r t y p i s c h e n G e s t a
l t e n n u r
e i n e b e s c h r ä n k t e i s t“.
Und schließlich wurde der Grundsatz
der „U n w a n d e l b a r k e i t d e
r G e s t a l t e n“ zum vierten Pfeiler des Baues,
der
als stolze Kuppel den Satz von der „E r h a l t u n
g d e r G e s a m t g e s t a l t
d e s L e b e n s“ tragen sollte.
An die
Grundsätze der anorganischen Natur von der Erhaltung der Kraft und
des Stoffes sollte sich der Grundsatz der organischen Natur von der
Erhaltung der Gestalt als gleichberechtigt anschließen.
Von
diesem großartigen Bau, der der Biologie für alle Zeiten
einen ebenbürtigen Platz neben der Physik und der Chemie gesichert
hätte, besitzen wir nur die Fundamente und einige vorläufige
Entwürfe. Sie zeigen deutlich die Anordnung der Hauptteile. Ein
Vorbau, der als Einführung in das naturwissenschaftliche Denken
dienen sollte, steht im Rohbau fertig da. Unter 20 Titeln, die
Chamberlain dafür in Betracht gezogen, wähle ich folgenden:
„Unser Wissen von der Natur — Elementare Grundbegriffe zur ersten
Einführung“.
Darauf
folgt der zweite Teil, der die „Lebenslehre“ Chamberlains enthält,
die in zwei sich ergänzenden Entwürfen vorliegt, aus den
Jahren 1896 und 1900.
Ich
habe beide Teile mit einer kurzen Einleitung versehen, am Manuskript
Chamberlains aber nichts geändert.
Als
Anhang folgt noch ein sehr aufschlußreicher Brief Chamberlains an
die Baronin Ehrenfels, den mir
11
Vorwort des Herausgebers
die Empfängerin
gütigst zur Verfügung gestellt hat, wofür ich ihr meinen
verbindlichsten Dank ausspreche.
Vor
allem ist es mir ein Herzensbedürfnis, Frau Eva Chamberlain
für das große Vertrauen zu danken, das sie mir bewiesen,
indem sie die Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften meines
verehrten Freundes in meine Hände legte.
Der
Zauber, der von Chamberlains Persönlichkeit ausging, und der aus
seinen klassischen Werken zu uns spricht, eignet auch seinen
naturwissenschaftlichen Schriften. Die Leichtigkeit und Sicherheit, mit
der hier die schwierigsten Probleme behandelt werden, wird jedem
gebildeten Leser einen tiefen Genuß bereiten und ihn zum
Nachdenken anregen. Ich bin aber überzeugt, daß auch die
modernen Gestaltstheoretiker, obgleich sie mehr psychologisch als
biologisch eingestellt sind, mit Freude die ihnen hier gebotene
Neubegründung ihrer Wissenschaft begrüßen werden, um
auf dem von Chamberlain errichteten Fundamenten weiter zu bauen.
12
(Leere Seite)
13
I. TEIL
UNSER
WISSEN VON DER NATUR
ELEMENTARE
GRUNDBEGRIFFE
ZUR ERSTEN EINFÜHRUNG
14
(Leere Seite)
15
Einleitung
des Herausgebers
Es
gibt keine voraussetzungslose Wissenschaft. Aus dem einfachen Grunde,
weil ein wissenschaftliches Denken ohne Voraussetzung unmöglich
ist. Ins Leere hinein kann man wohl phantasieren, aber
wissenschaftlich, d. h. aufbauend denken kann man nicht ohne
Voraussetzung, die als Fundament für den Gedankenbau dient. Eine
jede Wissenschaft bedarf eines solchen Fundamentes, das zu den
Selbstverständlichkeiten gehört, und deshalb weder in Frage
gestellt, noch sonderlich beachtet wird.
Die
selbstverständlichen Voraussetzungen der Wissenschaft, auf die
jeder Forscher stillschweigend zurückgreift, bilden gerade die
Hauptschwierigkeit für den Laien, der in das Verständnis der
Wissenschaft einzudringen bestrebt ist. Bei jeder Fragestellung wird
ein Etwas als selbstverständlich vorausgesetzt, über das der
Uneingeweihte sich vergeblich den Kopf zerbricht, und das ihm
häufig die Fragestellung selbst sinnlos erscheinen läßt.
Die
Selbstverständlichkeiten der Wissenschaften als eigenes Problem zu
behandeln, ist bisher noch niemand eingefallen. Hier zeigt sich die
wahrhaft geniale Beanlagung Chamberlains.
In den
hier folgenden Studien sucht Chamberlain die immer als
selbstverständlich vorausgesetzten Fundamente der verschiedenen
Naturwissenschaften aufzudecken und darzulegen, warum sie für jede
Wissenschaft so und nicht anders beschaffen sind. Chamberlain
interessiert sich dabei weniger für die Ergebnisse der
Wissenschaften; dafür sucht er die Denkrichtungen jener
großen
Forscher festzuhalten welche die Fundamente ihrer eigenen Wis-
16
Einleitung des Herausgebers
senschaft untersucht, und
ihre Notwendigkeit begründet haben.
Nur
wenn man die Aufgabe, die Chamberlain sich gestellt, verstanden hat,
und den Zweck den er mit der Lösung dieser Aufgabe verbunden —
nämlich das Verständnis der gebildeten Laien für das
Wesen der Naturwissenschaften zu ermöglichen — klar erkannt hat,
wird man sich von der Tragweite der hier folgenden Studien deutlich
Rechenschaft geben können.
Sie
sind für den Laien geschrieben, aber sie dienen nicht der
Verbreitung von Forschungsergebnissen, sondern der Vertiefung in den
Geist der Forschung selbst.
Wenn
man unter Dilettantismus Liebe und Freude an der Naturforschung
versteht, so dienen diese Studien der Steigerung des Dilettantismus.
Wenn man aber unter Dilettantismus spielerische Betätigung mit den
Ergebnissen der Naturforschung versteht, so wirken sie im höchsten
Grade antidilettantisch.
17
Einleitung des Verfassers
Zur
vorläufigen
Verständigung.
So
sehr auch Naturkenntnisse heute — im Verhältnis zu früheren
Zeiten — verbreitet sind, immer wieder wundert man sich, vielen sonst
gebildeten Männern und Frauen zu begegnen, die nichts von der sie
umgebenden Welt wissen, die keinen Stern am Himmel, keine Blume auf der
Wiese erkennend zu unterscheiden gelernt haben, geschweige, daß
sie irgendeine klare Vorstellung über die Leistung, die Tragweite
und auch die Begrenzung der die Struktur der Materie untersuchenden
Wissenschaft des Stoffes (Chemie), der die Kräfte in ihren
Richtungen und Umwandlungen verfolgenden Wissenschaft der Kräfte
(Physik), der den Aufbau des Kosmos erforschenden Wissenschaft des
Weltalls (Astronomie) usw. besäßen, und die natürlich
weniger als nichts in bezug auf Bau und Verrichtungen des Lebens
wissen. Die weitverbreitete, bewundernde Anbetung einer thronenden
„Wissenschaft“, der dumpfgehorsame Glaube an alles, was ihre amtlichen
Priester zu verkünden belieben, besitzt für die Kultur des
Menschengeistes nicht den geringsten Wert. Kulturwert bietet nur die
unmittelbare Berührung zwischen Mensch und Natur. Beim primitiven
Menschen findet sie statt...; auch beim Bauern, sowie bei jedem wahren
Landbewohner des heutigen Tages besteht noch eine lebendige
Wechselwirkung zwischen beiden. Dagegen wächst die große
Mehrzahl der Gebildeten, sowie die Gesamtheit der Stadtbewohner Europas
ohne jegliche unmittelbare Berührung mit Element und Leben der
Natur auf; dieser moderne Mensch wird hierdurch immer mehr auf sich
allein zurückgewiesen und verarmt infolgedessen in einem
Maße,
das bisher wenigen zum Bewußtsein gekommen ist, diese
18
Einleitung des Verfassers — Zur
vorläufigen Verständigung
wenigen aber mit
Schrecken erfüllt; denn es eröffnet sich ihnen die Aussicht
in einen unabwendbaren Verfall, indem die einzige wahre Quelle aller
Produktivität — „die ewig erfindungsreiche Natur“ — nunmehr vom
Denken und Fühlen abgeschieden, der Mensch also auf sich selber
eingeschränkt bleibt; hierdurch gerät er notwendig in einen
circulus vitiosus, in welchem er herum- und herumrast, ohne je etwas
anderes, als sich selber finden zu können; denn jetzt fehlt das
zweite ergänzende Element — das umfassende, unbewußt
hervorbringende — in das hinein der Geist seine zeugende Kraft
ergießen kann und aus dem heraus er dann das Unvorhergesehene,
jegliches Wollen Übertreffende, dasjenige, was einzig
schöpferisch genannt werden darf, empfängt. Eine sentimentale
Bewunderung sogenannter „schöner Natur“ bietet keinen Ersatz
für die fehlende unmittelbare Berührung mit der Natur... Noch
weniger vermag die angedeutete Lücke durch unsere
Populärwissenschaft ausgefüllt zu werden. Diese will das
Unmögliche: die Leute sollen erfahren, ohne gelernt zu haben;
„Ergebnisse“ sollen vom Geiste aufgenommen werden wie Maiskörner
von einer Mastgans, woraus einzig Verstandeskorpulenz, nicht aber
Verstandeskraft entstehen kann. Gerade das ist für Wissenschaft im
genauen Gegensatz zu Kunst bezeichnend, daß sie nie am Ziele ist;
unaufhörlich überwindet sie sich selbst; immer wieder
führt sie auf einer anderen Stufe zur Natur zurück, und jedes
gelöste Problem eröffnet den Augen neue Probleme. In den
Dienst der Kultur einer Allgemeinheit stellt sich die Wissenschaft erst
dann, wenn sie es versteht, den aus der Natur verbannten Menschen der
Natur zurückzugeben, daß er an ihr wieder teilhabe,
daß er sie wirklich erblicke und sie tausendfältig erfahre.
Die Natur meistern, ist ein Ziel für Techniker; dem Menschen als
Geist und Seele ist zu wünschen, daß er zu ihr in die Schule
gehe, um in aller
19
Einleitung des Verfassers — Zur
vorläufigen Verständigung
Bescheidenheit vor ihr
Größe, Mannigfaltigkeit, unerbittliche Wahrhaftigkeit zu
lernen, und aus ihrem Brunnen Ideen ohne Zahl zu schöpfen. Dies zu
bewirken, wäre das würdigste Ziel aller Wissenschaft.
Wie
schon angedeutet, handelt es sich bei mir nicht um
populärwissenschaft, weil einzig echte Wissenschaft erweiternd
und bereichernd auf den Menschengeist wirken kann. Der Einzelne mag aus
Rücksicht auf seine beschränkte Muße ein noch so eng
abgestecktes Gebiet sich erwählen, er muß es
wissenschaftlich zu ergründen bestrebt sein, sonst kommt nur der
übliche Mischmasch an eingebildeten, erlogenen Kenntnissen heraus,
die nicht einmal materiellen Wert besitzen, da die „Ergebnisse der
Wissenschaft“ alle zehn Jahre anders lauten. Nun hat aber Goethe — der
große Denker — bemerkt, es sei „leichter alle Wissenschaften zu
lernen, als eine allein“. Und in der Tat, der haarsträubende
Dilettantismus mancher unserer Fachleute rührt daher, daß
sie ein einzelnes Fach beherrschen, in den anderen aber fremd bleiben,
ohne wahre Einsicht, daher auch ohne Urteil, und dies wiederum wirkt
sogar auf ihre Beurteilung des eigenen Faches fälschend
zurück, da eigentliches Wissen immer erst an Grenzen lebendig
wird, wo Bezüge entstehen und das gleichgültige Einzelne, mit
anderem Einzelnen verwoben, Bedeutung erhällt. Wie sollen wir aber
— wenn schon das Bruchstück einer einzigen Wissenschaft,
angewachsen durch die Arbeit Unzähliger, jahrelanges Studium
erfordert — wie sollen wir, und gerade erst wir Nichtgelehrte, wir
Männer der Welt, die wir mit anderen Dingen beschäftigt sind
und die Natur nur als ein Element unserer Bildung kennenlernen wollen
— wie sollen wir „alle Wissenschaften“ studieren?
Ich
meine nun, das Wünschenswerteste hier wäre eine Art
Stufenleiter und zugleich eine Pendelbewegung: das Ideal wäre, von
einer ganz elementaren aber tief-
20 Einleitung des Verfassers — Zur
vorläufigen Verständigung
begründeten
allgemeinen Vorstellung aller Wissenschaften ausgehen zu können,
und dann in dem winzigen Bruchteil eines Faches ausführliche
Einzelkenntnisse zu gewinnen, was zugleich Erfahrung über die
Methoden, die Technik, die Handgriffe, die Denkgewohnheiten schenkt,
aus denen diese Einzelkenntnisse entstehen und zum nicht geringen Teil
sogar „be“-stehen. Also gestärkt, müßten wir dann aber
zu einer neuerlichen, befestigteren, erweiterten, mannigfaltigeren
Vorstellung von „allen Wissenschaften“ zurückkehren, um von hier
aus, noch einmal einer Spezialisierung — sei es im gleichen Fach oder
in einem anderen — aber diesmal einer umfassenderen, reicher
gegliederten — uns zu widmen. Und so weiter. Dies wäre, meiner
Meinung nach, die ideale Methode für jeden — gleichviel, ob er
sich
der Naturforschung fachmäßig oder nicht zu widmen gedenkt —
um zu jener neuerlichen Berührung mit der Natur zu gelangen, von
der vorhin die Rede war. Das Allgemeine — und das ist immer das
Geistige — ruht auf genauen Einzelerfahrungen, die Einzelerfahrungen
schöpfen Sinn und Bedeutung aus dem Besitz beziehungsreicher
Allgemeinvorstellungen.
Was
dieses kleine Buch — zugleich bescheiden und kühn — bezweckt, ist,
die allerunterste Sprosse auf dieser Leiter zu liefern, also jene
erste, allgemeinste Vorstellung „aller Wissenschaften“, die der
gänzlich Unwissende besitzen muß, will er als freier Mensch
an das Studium der Natur herantreten. Im Gegensatz zu der
Populärwissenschaft, welche das Allerspekulativste, oft das
nachweisbar Widerspruchvollste, Unmögliche, dem Laien als
angebliches Ergebnis zu gläubigem Staunen mundgerecht hinreicht,
will dieses Buch die ersten Elemente der wissenschaftlichen Methodik in
gedrängter Kürze mitteilen, um so den Anfänger in die
besonderen Denkbahnen der verschiedenen Wissenschaften einzuführen.
21
Einleitendes
§ 1. Begrenzung des
Menschengeistes.
Ein
denkendes Wesen besitzt kein Mittel, über sein eigenes Denken
hinauszukommen. Wohl vermag es, sein Denken durch die systematische
Vermehrung der Beziehungen nach außenhin und durch ihre
allmähliche Verfeinerung immer weiter zu bereichern, niemals
jedoch kann es dazu gelangen, sich selbst von außen zu erblicken
und somit ein objektives Urteil über das eigene Wesen zu gewinnen,
womit erst die Möglichkeit gegeben wäre, die Zutat des
Denkens zu jeder Wahrnehmung, zu jeder Vorstellung, zu jedem Urteil zu
entwirren. Was zur Aufklärung über diese im Wesen alles
Denkens liegende und daher unübersteigliche Begrenzung geschehen
konnte, hat im Altertum Plato, in unseren Tagen Immanuel Kant
geleistet; jeglicher dogmatischen Aussage über Mensch, über
Natur, sowie über die Beziehungen zwischen Mensch und Natur ist
durch das Werk dieser beiden ein für allemal der Boden entzogen.
§
2. Das angebliche
Wissen.
Darum
ist es — streng genommen — nicht zulässig, von einem Wissen zu
reden.
Man lächelt über die Kirchenväter, welche uns von dem
Wesen der Engel allerhand zu melden wagten; man sollte nicht weniger
über das vorgebliche Wissen unserer heutigen Weltenträtsler
lächeln, die nicht einmal über die mehrere Jahrtausende
zurückreichende Besinnung des Menschen unterrichtet sind, und sich
gleich Kindern an die Lösung von Problemen heranwagen, ohne sich
erst zu fragen, ob der Menschengeist zu solchem Vorhaben gerüstet
ist. Über letzte
22
Einleitendes
Fragen dogmatisch zu
entscheiden, wagt derjenige allein, der niemals über erste Fragen
nachgedacht hat.
§
3. Die Wissenschaft.
Dagegen ist es durchaus zulässig, von einer Wissenschaft zu reden,
wenn nur bestimmt wird, was das Wort besagen soll. Ursprung und
Geschichte des Wortes geben uns Auskunft. Wie das Sanskrit vid uns
belehrt, bedeutete „Wissen“ ursprünglich finden. Unsere Sinne
suchen tastend, gleich den Fühlhörnern eines blinden Tieres,
in der unerforschlichen Umgebung umher; was sie finden, melden sie; nur
weniges sind sie zu finden und zu melden befähigt; das Ohr ist nur
für einige wenige Schwingungen empfindsam: für die meisten
bleibt es taub; ebenso ist das Auge mehr blind als sehend, so daß
unsere Naturforscher von „unsichtbarem Lichte“ reden. Gleichviel: das
Gefundene liefert den Rohstoff zu unserer Vorstellung einer
außerhalb des Denkenden liegenden Natur. Dieser Rohstoff
muß aber gestaltet, d. h. nach den Erfordernissen des Denkens
geordnet, verknüpft, aufgebaut werden, sonst kann das
Bewußtsein ihn nicht erfassen und sich aneignen; ein reines, vom
Denken nicht umgestaltetes „Wissen“ gibt es — außer in den
Träumen ungezügelter Phantasie — nicht. Auf diese
Tätigkeit des Gestaltens deutet die Silbe -„schaft“, ein Wort,
das, in uralten Zeiten vermutlich das Zuhauen des Holzes bezeichnend,
heute in allen germanischen Sprachen verbreitet, immer zunächst
ein Ordnen, Bilden, Gestalten des Gegebenen bedeutet, bis es
schließlich — im Wort „er-schaffen“ — dahin gelangt, alles
Schöpferische des Menschengeistes auszudrücken. In dem Worte
„Wissenschaft“ tut sich die Herrlichkeit der deutschen Sprache kund —
ebenso wie in dem Worte „Weltanschauung“ an Stelle der armseligen
Philosophie. Denn die „Science“ der Engländer, Fran-
23
Einleitendes
zosen, Italiener usw. —
der lateinischen Vokabel für Kunde, Kenntnis, Geschicklichkeit
entnommen — ist ein gar dürftiger Ersatz, der selbst in seiner
vergangenen lebendigen Zeit nie weiter gelangte, als ein Trennen,
Scheiden, Zergliedern anzudeuten, die Hauptsache — das Auferbauen —
außer acht lassend.
§
4. Wissen und
Wissenschaft.
Reden
wir von einer „Wissenschaft der Natur“, so reden wir also mit
Bewußtsein von einer eigenmächtigen, schöpferischen
Gestaltung des sinnlich Wahrgenommenen und bekennen, daß ein
reines, absolutes, objektives Wissen unmöglich ist.
Besäßen wir Wissen, wir brauchten keine Wissenschaft.
§
5.
Uexküll
über die Wissenschaft.
Der
erste Schritt zu einem wahren Verständnis aller Wissenschaft
bildet die Erkenntnis dieses willkürlichen schöpferischen
Elementes. Im ersten Augenblick mag es betrüben, daß wir
kein Mittel besitzen, reines Wissen über die Welt außerhalb
unseres Denkens zu erlangen; doch bald tröstet sich der Geist im
Wohlgefühl seiner Freiheit und Kraft, und freut sich an der
Aussicht auf immer neue Verknüpfungen zwischen dem gegebenen
Wissen und dem es gestaltenden „Schaffen“. — Der bahnbrechende Biologe
Uexküll schreibt (1909): „Mit dem Wort Wissenschaft wird
heutzutage ein lächerlicher Fetischismus getrieben. Deshalb ist es
wohl angezeigt, darauf hinzuweisen, daß die Wissenschaft nichts
anderes ist als die Summe der Meinungen der heute lebenden Forscher.
Soweit die Meinungen der älteren Forscher von uns aufgenommen
sind, leben auch sie in der Wissenschaft weiter. Sobald eine Meinung
verworfen oder vergessen wird, ist sie für die Wissenschaft tot!
Nach und nach werden
24
Einleitendes
alle Meinungen vergessen,
verworfen oder verändert. Daher kann man auf die Frage: was ist
eine wissenschaftliche Wahrheit? ohne Übertreibung antworten: ein
Irrtum von heute.“
§
6. Methodologische
Bemerkung.
In
bezug auf die Methode bemerke ich noch dieses eine: Ich halte es
für das Ideal eines solchen Lehrganges, möglichst wenig das
Gedächtnis zu belasten. Daß man nichts lernen könnte
ohne Inanspruchnahme des Gedächtnisses ist ohne weiteres
einleuchtend, daß aber der Menschenverstand ohne tätige
Mitwirkung des Urteils nichts sich einzuverleiben vermag, ist ebenso
sicher, wird aber seltener bedacht. Nun gibt es aber eine gewisse
Gegenwirkung zwischen Gedächtnis und Urteil, kraft welcher jede
Überbürdung des Gedächtnisses sich rächt an der
Güte des Urteils. Es besteht hierin ein sehr zartes, bei weitem
nicht genug beachtetes Verhältnis. Das durch Gedächtnis
Gewonnene ist ein bloßer Zuwachs, der mechanisch fördern
kann, aber auch hemmen; das durch Urteil Einverleibte wird zu einem
organischen Bestandteil des lebendigen Innenkörpers. Darum
enthält dieser Lehrgang für die unterste Stufe ein
Mindestmaß an Tatsachen und trägt eigentlich nur die
elementarsten Gedanken, die bei jedem Fach vorwalten, vor.
§
7. Es gibt mehrere
Wissenschaften.
Von
großem Vorteil wird es sich für den nach Wissen
Dürstenden erweisen, wenn er von allem Anfang an darüber
Klarheit besitzt, daß es nicht „Eine allumfassende Wissenschaft“
gibt, sondern, daß der Wissenschaften mehrere unterschieden
werden müssen. Der optische Standpunkt wechselt mit dem Gebiet,
das in Betracht kommt; wer genau zuschaut entdeckt, daß die
gleichen
25
Einleitendes
Worte nicht stets in den
verschiedenen Wissenschaften den gleichen Sinn besitzen: der Chemiker
stellt sein Denken anders ein als der Physiker, der Physiolog das
seinige anders als der Anatom. Diese Tatsache — wie meistens geschieht
— nicht zu beachten, führt zuletzt weitab in die Irre; die
Lobreden, die auf die Einheit der Wissenschaft gehalten werden,
gewöhnen das geistige Auge an ein bedenkliches Ungefähr. Es
wird vorteilhaft sein, einen Augenblick hierbei zu verweilen.
§
8. Wissenschaft des
Lebens und Wissenschaft des Unbelebten.
Zunächst haben wir allen Grund, mit Schärfe zwischen einer
Wissenschaft des Lebens (gewöhnlich organische Wissenschaft
genannt) und einer Wissenschaft des Unbelebten (gewöhnlich
anorganische oder unorganische Wissenschaft genannt) zu unterscheiden:
diese beiden weisen nicht allein tiefe Unterschiede auf, sondern sie
stehen sich gleichsam feindlich einander gegenüber. „Feindlich“
ist ein bißchen übertrieben gesprochen, doch gebrauche ich
das Wort mit Absicht, um recht kräftig zu betonen, wie Vieles und
Grundsätzliches sie voneinander scheidet. In einem gewissen Sinn
und Maß bilden organische und anorganische Wissenschaft
Gegenstücke, die eine bietet uns die Kehrseite der anderen, und
gerade aus dieser Verwandtschaft in der Entgegensetzung erfolgt manche
Irrung.
Bei
der Betrachtung des rein Organischen tritt jene „Disproportion unseres
Verstandes zu der Natur der Dinge“, von der Goethe spricht (der
Versuch), in das Bewußtsein; hier vermag nur höchste
Begabung den Weg zu weisen. In Wirklichkeit können wir
natürlich uns auch Unorganische Phänomene nicht ihrem Wesen
nach ergründen, doch ist es ungleich leichter dort eine mecha-
26
Einleitendes
nische Allegorie
aufzustellen, welche zeitweilig Dienste tut. Außerdem
ängstigt dann nicht wie auf organischem Gebiet die Danaidenarbeit
eines ewig Neuen. Jedes mechanische Problem kann entweder
tatsächlich oder doch unter gewissen denkbaren Bedingungen
erschöpft werden; die Vorstellungen über die Anziehung der
Körper z. B. mögen wechseln wie sie wollen (Druck, Zug,
elektrische Ladung usw.), ausgerechnet ist und bleibt alles was die
Gravitation betrifft bis auf das letzte I-Tüpfchen. Wogegen das
Lebendige unerschöpflich ist; je weiter der Mensch forscht, desto
weniger beherrscht er dies Gebiet, weil es sich mit der Forschung
zugleich nach allen Seiten (also in geometrischer Progression) ausdehnt
— ins Unendliche. Gar manche organische Probleme, die der Wissenschaft
vor hundert Jahren als gelöst oder fast gelöst galten, sind
inzwischen zu unabsehbaren Fragenkomplexen angewachsen; mehr als damals
begreift man heute, wie Recht Goethe hatte, „die Labyrinthe des
organischen Baues“ mit „dem Grundriß eines Irrgartens“ zu
vergleichen (Diderots Versuch in der Malerei). Hier gilt es nun nicht
etwa der fortschreitenden Forschung Grenzen zu ziehen, sondern dem
Genie Raum zu lassen, daß es leitende Ideen erfinde, und sie wie
Sonnen am Himmel der menschlichen Vorstellungswelt entzünde. Zwar
sind diese Ideen — wie das Leben, dem sie entsprießen und auf das
sie hinzielen — unausdenkbar, und darin erweist sich ihre
Verwandtschaft
mit den mythologischen Ideen unserer Altvordern. Goethe meint von
solchen
Ideen (er denkt an seine Metamorphosenlehre, an seine Farbenlehre und
an derartiges), ihnen komme „unendliche Wirksamkeit“ zu, dennoch
blieben sie unerreichbar, und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen,
doch unaussprechlich („Sprüche“, Hempel, Nr. 743). Man sieht
schon, wie die Methoden auseinandergehen in den organischen und
unorganischen Wissenschaften.
27
Einleitendes
Jeder
der beiden wohnt die Neigung inne, die Herrschaft an sich zu
reißen und die andere sich völlig zu unterwerfen, wobei ein
Verhältnis besondere Beachtung verdient. Ich will mich bildlich
deutlich zu machen versuchen. Betrachten wir die Gesamtheit der
Wissenschaften als einen breitfließenden Strom, so können
wir den Standpunkt des Lebens und den Standpunkt des Unlebendigen als
die beiden Ufer bezeichnen, zwischen denen der Fluß seinen Weg
bahnt. Nun stehen wir Menschen offenbar auf dem Ufer des Lebens; nur
kraft des Lebens besitzen wir Wissenschaft; das Leben geht überall
voraus, ist überall erste Voraussetzung; jedoch, gerade infolge
der Tatsache, daß das Leblose am entgegengesetzten Ufer liegt,
übersehen wir es klarer und lückenloser als unser eigenes
Ufer, auf welchem wir uns so zu sagen immer im Wege stehen, immer an
irgendeinem Ort uns einen undurchsichtigen Schatten werfen. Daher das
Vorwiegen der Wissenschaften des Leblosen, die bis vor ganz kurzem die
Wissenschaften des Lebens förmlich vergewaltigt haben, ja, die die
Existenz des Lebens leugneten und einzig dasjenige als Wissenschaft
gelten ließen, was Bewegungen toten Stoffes betraf. Erst in
allerletzter Zeit hat eine Gegenwirkung eingesetzt, doch noch immer
tragen alle Wissenschaften — auch diejenigen des Lebens — das
Gepräge unorganischer Wissenschaften. Dieses verleiht unserer
Auffassung der Natur eine arg verschobene Einseitigkeit.
§
9. Die Verursachung
(Kausalität).
Will
man sich darüber klar werden, wie weit auseinander die Standpunkte
auf den beiden Ufern sich befinden, so genügt es, den Unterschied
in der Auffassung und der Bewertung des Begriffes der Verursachung
(Kausalität) in Betracht zu ziehen. Der Leitgedanke, der aller
anorganischen Wissenschaft zugrunde liegt, und ohne den
28
Einleitendes
ihr ganzes Gerüst
einstürzt, ist der der Verursachung: nichts geschieht ohne
Ursache, die Folge gleicht haarscharf der Ursache, d. h. die beiden
(Ursache und Folge) sind aneinander meßbar; Wissenschaft ist die
ziffernmäßig genaue Kenntnis der Ursachen von Bewegungen. Im
Reich des Organischen treffen wir freilich auch den Begriff vor Ursache
und Wirkung, doch wesentlich anders geartet. Die Ursache bedeutet hier
ein Anheben, dessen Folgen unermeßlich sind und meistens
außerhalb jeden Maßstabes liegen. Dies gilt schon für
die einfachen Reflexbewegungen: wenn z. B. ein Käfer über das
Blatt einer Mimosa kriecht und sämtliche Blätter des Baumes
klappen zusammen, oder, wenn ein Finger in leise Berührung mit
einer Nadelspitze gerät, worauf der Arm heftig zurückgezogen
und der ganze Körper alarmiert wird: wie kann man in solchen
Fällen von einer Gleichheit zwischen Ursache und Wirkung reden?
Oder wiederum, welche Gleichheit besteht zwischen dem Reiz, den der
Lichtäther auf einige tausend blinder Nervenendigungen im Auge
ausübt, und der Landschaft, die im Gemüte als „Folge“
entsteht? Es handelt sich in diesem Falle offenbar um zwei
wesensverschiedene Erscheinungen und um eine schöpferische Kraft
des Lebens, dergleichen die unbelebte Natur nicht kennt. Ebensowenig
vermag eine noch so gewaltsame Menschenwillkür einen Vergleich
anzustellen zwischen der Handlung des Zeugens und dessen Erfolg, der
häufig über Jahrhunderte sich erstreckt: nach dem Zoologen
Weißmann ist das Keimplasma der Möglichkeit nach
unsterblich, indem es sich von Geschlecht zu Geschlecht forterbt. Kein
Wunder, wenn die besten Köpfe heute aus dem materialistischen
Alptraum erwachen und sagen: „wenn wir vorgehen, die Phänomene des
Lebens durch Stoff und Kraft zu erklären, so waten wir einfach
unbewußt in dem
stygischen Morast
metaphysischer Dog-
29
Einleitendes
matik“ ¹). Man
sieht,
welch verschiedene Bewertung der grundlegende Begriff der Verursachung
auf den beiden Ufern, des Belebten und des Unbelebten, erfährt;
wohl ist er zu allem zusammenhängenden Denken auf beiden gleich
unentbehrlich, doch umfaßt er hier und dort wesentlich
verschiedene Gedanken- und Vorstellungskreise.
§
10. Das Leben ist keine Maschine.
Noch
ein Wort über diesen entscheidend wichtigen Gegenstand. In seinem
grundlegenden Werke: „Philosophie des Organischen“ hat Hans Driesch ein
für allemal die Unmöglichkeit und die Ungereimtheit der
Annahme, daß das Leben einer Maschine gleich zu setzen sei,
nachgewiesen; er schreibt am Schluß seiner hierauf
bezüglichen Ausführungen: „Hier sind wir in wahre
Absurditäten hineingeführt! ... Gerade die Annahme der
Existenz einer M a s c h i n e erweist sich im Lichte der
experimentell
erhärteten Tatsachen als v o l l k o m m e n u
n
s i n n i g. Daher kann
keine Art von Maschine irgendwelcher Form, und kann überhaupt
keine Art von Kausalität, welche auf räumliche Constellation
begründet ist, die Grundlage...“ der Erscheinung des Lebens
sein (2. A., S. 133 fg.) ²). Die Marotte des
Kausalitätsgesetzes — Wirkung gleich Ursache —
hatte zur Vorstellung der falschen Gleichung
zwischen dem Leben und einer Maschine geführt; jetzt ist, wie
gesagt, die Absurdität dieser Annahme nachgewiesen, und nicht das
allein, son-
—————
¹) Karl Pearson: The Grammar of Science. 2. Aufl., S.
332.
²) Der Satz endet bei Driesch mit den Worten: „die
Grundlage der Differenzierung harmonisch-aequipotentieller Systeme
sein“. Ich habe meinen Leser nicht mit einem ihm unbekannten und daher
verwirrenden technischen Ausdruck erschrecken wollen, und durfte mir
obige Umschreibung erlauben, da der Besitz solcher Systeme für
alles Leben bezeichnend ist.
30 Einleitendes
dern Hans Driesch hat
unwiderleglich dargetan, daß im Leben eine andere Art von
Kausalität am Werke ist, als diejenige, welche auf den Gebieten
des Leblosen statthat, ja, er kommt zum Schluß, daß „alle
unsere wissenschaftlichen Begriffe (wie wir sie aus den anorganischen
Wissenschaften herübernehmen) eigentlich vollständig
unzureichend sind, wenn man sie mit den wirklichen Phänomenen des
Lebens zusammenbringt“. (S. 157.)
So
führt der Wahn einer strengen Einheitlichkeit der Wissenschaften
in die Irre!
§
11. Seitenblick auf Kant.
Aufklärend wird es wirken, wenn wir an dieser Stelle einen Blick
auf Kant's Standpunkt werfen.
Die
Mehrheit der Wissenschaften räumt er ein, indem er schreibt: „Es
kann so vielerlei Naturwissenschaften geben, als es spezifisch
verschiedene Dinge gibt, deren jedes sein eigentümliches inneres
Prinzip der zu seinem Dasein gehörigen Bestimmungen enthalten
muß“ ¹). Insofern stimmt Kant also mit obigen
Ausführungen
überein; es folgt aber eine bedeutungsschwere Einschränkung:
„Ich behaupte, daß
in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft
angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist“.
An anderer Stelle führt er aus: „Eine reine Naturlehre über
bestimmte Naturdinge ist nur vermittels der Mathematik möglich,
und da in jeder Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft
angetroffen wird, als sich darin Erkenntnis a priori befindet, so wird
Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft enthalten, als
Mathematik in ihr angewandt werden kann.“ Nach dieser Auffassung
dürfte man nur
—————
¹) Diese sowohl wie die folgenden
Ausführungen
entstammen der Vorrede zu der Schrift „Metaphysische Anfangsgründe
der Naturwissenschaft“.
31 Einleitendes
von einem
Teil der Astronomie, nämlich von der Bewegungslehre der Gestirne,
und von einem Teil der Physik‚ als von „eigentlichen Wissenschaften“
reden.
In der Tat ist dies Kants Ansicht, denn sogar von einer solchen reinen
Erfahrungswissenschaft wie die Chemie urteilt er, man „sollte sie eher
systematische Kunst, als Wissenschaft heißen“. In den
Wissenschaften des Lebens könnten demnach nur diejenigen
Bruchteile, die sich mit dem Toten, welches alles Lebendige mit sich
führt, oder mit
den rein
physikalischen Verrichtungen befassen, als „eigentliche Wissenschaft“
angesprochen werden, bloß also
Nebenerscheinungen des Lebens, nicht das Leben selbst. Wer
mit der Philosophie Kants vertraut ist und
die besondere Bedeutung des Begriffes „rein“ innerhalb dieser
Philosophie
kennt, wird ohne weiteres den Sinn dieser Unterscheidung verstehen, und
wer weiß, welche Phantastik dazumalen in den Wissenschaften —
namentlich in denen des Lebens — ihr Wesen trieb, wird diese strenge
Einschränkung auf die Mathematik und Mechanik als heilsam
begrüßen. Daß Kant mit seiner Behauptung Recht habe,
das steht nicht in Frage; nur muß nicht vergessen werden,
daß er von „reiner Wissenschaft“ redet und daß der
Nachdruck auf dem Beiwort reiner liegt. Die ganze Betrachtung ist eine
metaphysische; ihr Wert bleibt auf die Metaphysik beschränkt.
Wird das aus dem Auge gelassen, so kann sie bedenklichen Schaden
anrichten; denn dadurch drückt man die Beobachtung gegenüber
der Mathematik zu einem untergeordneten Rang herab, was widersinnig ist
und ein Schlag ins Gesicht für alle germanische Wissenschaft
bedeutet: wir haben viel unter dieser Verwechslung und dem daraus
erfolgenden Irrtum zu leiden gehabt.
32 Einleitendes
§
12. Die Planmäßigkeit der Natur.
Mit
seiner genauen Begrenzung und Abgrenzung von Vernunft und Verstand hat
Kant der Menschheit den größten Dienst geleistet, den
vielleicht ein Einzelner ihr überhaupt je geleistet hat; erst
durch ihn ist es möglich geworden, der die Menschheit narrenden
und knebelnden Wahngedanken ein für allemal Herr zu werden. Doch
in diesen heiligen Kampf vertieft, blieb manches dem Blicke des
großen Denkers entzogen. Mag es auch keine „reine“ Wissenschaft
außerhalb der Gebiete, wo Mathematik zur Anwendung kommt, geben,
so hindert das doch nicht, daß treues geduldiges, der Grenzen
bewußt bleibendes Befragen der Natur zu reichen Erkenntnissen
führt, zu Ergebnissen, die auf dem Wege der Mathematik niemals zu
erreichen gewesen wären. So hat im Laufe der vergangenen hundert
Jahre die Chemie von dem Range einer „systematischen Kunst“ — wie Kant
mit einiger Geringschätzung sagt — zu einem
bewunderungswürdigen, immer mehr sich vervollkommnenden, in sich
symmetrisch zusammenhängenden Gesamtbau sich gestaltet, — einem
Bau, reich an Überraschungen, an Bereicherungen unserer
menschlichen Vorstellungswelt, zu einem Bau, dem, mag ihm auch die
zwingende Nötigungskraft der Mathematik fehlen, doch unzweifelhaft
der Wert eines Symboles der unerforschlichen Naturwahrheit zukommt. Und
unter unseren Augen entdeckt die endlich zum Bewußtsein ihrer
selbständigen Würde erwachende Wissenschaft des Lebens eine
ganze, bisher ungeahnte Welt der harmonischen Beziehungen, der
planmäßigen Zusammenhänge, die einem der genialsten
unserer Biologen der Gegenwart das Urteil ablockt: „Die gesamte Leitung
der Lebewesen liegt sowohl im Einzelnen wie in der Art in den
Händen einer übermechanischen Naturgewalt ... Die
Planmäßigkeit in der
33 Einleitendes
Natur als letztes, alles
Leben umfaßendes Naturgesetz wird damit wieder der biologischen
Forschung eröffnet.“ (J.
v.
Uexküll: Theoretische Biologie, 1920, S. 229 fg.)
§
13. Gliederung der
Wissenschaften der
Natur.
Dieses
nur in aller Kürze zur Andeutung einiger grundlegender
Erkenntnisse.
Fragen
wir uns jetzt, wie viele verschiedene Wissenschaften wir unterscheiden
und wie wir sie zusammenstellen wollen.
Nach
den obigen Ausführungen ergibt sich ohne weiteres eine erste
Hauptgabelung in zwei umfassende Abteilungen: in die Wissenschaften
der unbelebten Natur, und in die Wissenschaften des Lebens. Zahlreiche
Verästelungen stellen Verbindungen zwischen hüben und
drüben her, doch bleiben die beiden Gebiete durch eine tiefe Kluft
von einander geschieden.
Innerhalb der Wissenschaften des Unbelebten finden wir uns
veranlaßt, allgemeine und besondere Wissenschaften zu
unterscheiden.
Es
gibt zwei allgemeine Wissenschaften des Unbelebten: Die W i
s s e n s c h a f t e n
d e r K r ä f t e (Physik im weitesten Sinne
des
Wortes) und die W i s s e n s c h a f t d e
s S t o f f e s
(Chemie); und es gibt zwei besondere Wissenschaften des Unbelebten:
die
W i s s e n s c h a f t d e s W e l t a l l s
(Astronomie) und die W i s s e n s c h a f
t
d e r E r d k u g e l (Geologie, umfassend
Geographie, Gestein- und Kristallkunde).
Innerhalb der Wissenschaften des Lebens unterscheiden wir drei
Wissenschaften: die W i s s e n s c h a f t v o
n d e r G e s t a l t d e
s L e b e n s
(Morphologie einschließlich Tier- und Pflanzenkunde),
die
W i s s e n s c h a f t v o n d e n
V e r r i c h t u n g e n d e s L e b e n
s (Physiologie) und
34 Einleitendes
die W i s s e n s
c h a f t v o n d e m
L e b e n d e s L e b e n s (Biologie im
umfassendsten Sinne). Die erste dieser
drei Wissenschaften bewegt sich vielfach innerhalb der aus der
Mathematik bekannten Welt der Zahl und der geometrischen Vorstellungen;
die zweite borgt viel bei den Wissenschaften des Unbelebten; die dritte
führt hinaus in neue Welten, die erst jetzt uns zu dämmern
beginnen.
§
14. Die Tafel.
Ich
füge zur besseren Übersichtlichkeit unsere Gliederung
nochmals in Form einer Tafel an:
D i e
W i s s e n s c h a f t e n d e s U n b e l e b
t e n.
Allgemeine: die Wissenschaft der
Kräfte; die
Wissenschaft des Stoffes.
Besondere: die
Wissenschaft des Weltalls; die
Wissenschaft der Erdkugel.
D i
e W i s s e n
s c h a f t e n d e s
L e b e n s.
Die Wissenschaft von der
Gestalt des Lebens.
Die Wissenschaft von den
Verrichtungen des Lebens.
Die Wissenschaft von dem
Leben des Lebens.
§
15. Anmerkung.
Die
Rechenkunst (Mathematik) kann nicht zu den Wissenschaften der Natur
gezählt werden; hier handelt es sich um eine Besinnung des
Menschengeistes über eingeborene Gesetzmöglichkeiten, hier
handelt es sich um die bewußte Handhabung eines unvergleichlichen
Werkzeuges; an und für sich ist aber diese technische Kunst
absolut leer; einzig in der Anwendung gewinnt sie Wert, und zwar so
hohen Wert, daß Plato von ihr hat sagen können, nur mit
ihrer Hilfe „gelange man in jedwedem Dinge zur Einsicht“ (Philebus 17).
Für näheres verweise ich auf den Vortrag über Descartes
in meinem Kantbuche.
35
Die
Wissenschaft der Kräfte
§
16. Geschichtliches zur Einführung.
Die
Alten verstanden unter Physik ungefähr das, was wir heute
„Allgemeine Naturgeschichte“ nennen; sie bildete den Gegensatz zu
Metaphysik und Theologie. Namentlich die Himmelskunde pflegt an der
damaligen Physik hervorragenden Anteil zu nehmen: die Erforschung der
Natur richtete sich anfangs vornehmlich auf die entferntesten
Gegenstände; erst sehr spät gelangte sie zu dem, was uns am
nächsten berührt. Dieser Entwicklungsgang dünkt uns
Heutigen merkwürdig: zur Erklärung dient wohl der
großartige Eindruck, den der Sternenhimmel auf empfängliche
Gemüter ausübt, sowie die scheinbare Einfachheit und
Regelmäßigkeit in der Bewegung der Gestirne. So
unterschieden denn die Alten innerhalb der Physik zwei Wissenschaften,
eine von den „himmlischen und unvergänglichen Dingen“ und eine von
den „Dingen unter dem wechselnden Mond“, und sie widmeten sich mit
Vorliebe der ersteren. Man darf behaupten, die Physik trage bis heute
den Stempel ihres astronomischen Ursprunges deutlich zur Schau;
erleben wir's doch als das Allerneueste, daß die Bewegungen
winzigster Teilchen nach der Analogie mit Sonnensystemen vorgestellt
werden. Und was die Einbeziehung weiter Gebiete der Naturgeschichte zur
Physik anbetrifft, so erinnere ich daran, daß ein so „moderner“
Naturforscher wie J. Clerk Maxwell ebenfalls die gesamte Sternenkunde
und die Stoffkunde (Chemie) zum Bereiche der Physik mitzählt.
(Matter and Motion, S. 95.)
36
Die
Wissenschaft der Kräfte
§
17. Aristoteles.
Auch
in Bezug auf das richtungbestimmende Gedankengerüst und auf den
Schatz an gestaltungsmächtigen Vorstellungen fußen wir noch
heute auf den Leistungen der Griechen. Allgemein bekannt ist die
Unterscheidung zwischen Form und Stoff durch Aristoteles; der Stoff ist
ihm nur das Mögliche, die Form erst das Wirkliche: „Von den
sinnlichen
Dingen gibt es weder einen Begriff noch einen Beweis, die Form allein
ist es, worauf sich das Wissen bezieht“. Aber wie verwirklicht die Form
den Stoff? Durch die Bewegung. Die Bewegung ist der Mittler: „Die
Bewegung ist diejenige Tätigkeit, wodurch das zum Dasein kommt,
was vorher nur als Möglichkeit vorhanden war.... Fassen wir den
Begriff der Bewegung allgemein, so ist sie überhaupt das
Wirklichwerden des Möglichen, die Vollendung der Materie durch die
Formbestimmung“. In diesem Sinne bestimmt Aristoteles die Bewegung als
Inhalt der Physik, und das gilt noch heute, sobald man auf den Grund
geht. Ein französischer Meister in diesem Fache, Verdet, schreibt:
„Le vrai problème du physicien est toujours de ramener les
phénomènes à celui qui nous paraît le plus
simple et le plus clair, le mouvement“ (die wahre Aufgabe des Physikers
besteht immer in der Zurückführung der Vorgänge auf
denjenigen, der uns Menschen der einfachste und der klarste dünkt,
und das ist die Bewegung). Insofern wäre es richtiger, die Physik
„die Wissenschaft der Bewegungen“ zu nennen; denn was wir wahrnehmen,
ist überall Bewegung, nur Bewegung, wogegen „Kraft“ ein Gedanke
ist, und „Energie“ ein Denken über diesen Gedanken.
37 Die
Wissenschaft der Kräfte
§
18. Die beiden Hauptmythen.
Der
Leser halte nicht solche Betrachtungen für überflüssige
Metaphysik: alle Physiker sehen sich genötigt, sie anzustellen,
wollen sie wissen, wovon sie reden. Der Experimentator mag ein noch so
eingefleischter Empiriker sein, zwischen seinen Fingern entschwindet
der Stoff zu einem nichts. So sagt z. B. Lucien Poincaré: „Der
Stoff ist nichts weiter als das Tragvermögen (capacité)
für die Äußerungen der Energie“, und Clerk Maxwell
schreibt: „Alles,
was wir über
den Stoff wissen, bezieht sich auf die Phänomene, in denen Energie
von einem Teilstück zu einem anderen übergeht“. So werden die
Physiker unwillkürlich und notwendig, heute ebenso wie vor 2500
Jahren — zu Metaphysikern; und wie zu Metaphysikern, so werden sie auch
zu Bildnern von mythischen Vorstellungen und treten ebenfalls hier die
hellenische Erbschaft an: die zwei unentbehrlichsten, am meisten
umstrittenen Vorstellungen — die A t o m e und
der Ä t h e r — haben
wir bekanntlich von den Griechen überkommen: die eine dient zur
letzten Zergliederung des Stoffes, die andere zur letzten Zergliederung
der Kraft.
§
19. Die
Schwierigkeit dieser Wissenschaft.
Für den Laien bleibt die Physik die abstruseste und daher
unzugänglichste aller Wissenschaften, da sie überall nur mit
Bewegungen zu tun hat, und selbst die ruhenden Phänomene — wie die
der Farbe und des Magnetismus — erst in Bewegungen auflösen
muß, ehe sie damit etwas anfangen kann; so richtet sich ihr
ganzes Bestreben auf die Erfindung von Instrumenten zur Messung von
Bewegungen aller Art; dieses Heer von Instrumenten bildet ihr
Arbeitswerkzeug und bleibt dem Verständnis des Nichttechnikers
verschlossen. Und nun müssen erst
38 Die
Wissenschaft der Kräfte
die gewonnenen Zahlen
mathematisch bearbeitet werden, um ihren genauen Sinn zu ermitteln.
Keine Möglichkeit für den Nichtmathematiker, dem Gedankengang
des Physikers bei Aufstellung und Lösung eines Problemes zu
folgen. Wir werden uns darauf beschränken müssen, einige
Leitgedanken auszuschälen, und uns glücklich schätzen,
wenn wir Deutlichkeit nicht auf Kosten der Genauigkeit gewinnen.
§
20. Der leitende
Grundsatz aller Wissenschaft der Kräfte.
Fassen
wir gleich den Grundgedanken aller neueren Physik ins Auge, dem die
Bedeutung eines G r u n d s a t z e s zugesprochen
wird, als handele es sich
um eine sittliche Glaubenspflicht. Wir wollen das Wort beibehalten,
aber anders auffassen, nämlich als Grundsatz, ohne welchen diese
Wissenschaft auseinanderfällt, da er allein ihr Einheit verleiht.
Ich
darf wohl den Leser um einige Augenblicke erhöhter Aufmerksamkeit
ersuchen.
Die
geringste Überlegung wird überzeugen, daß man
zahlreiche Kräfte zu unterscheiden hat, und das heißt also,
wie wir gesehen haben, zahlreiche verschiedene Arten von Bewegungen:
die Kraft, welche die Erde an die Sonne bindet, ist doch etwas ganz
anderes, als die fliegende Eile des Lichtes, und diese wiederum
unterscheidet sich wesentlich von der Kraft des Armes, die den Stein
schleudert; die Dampfkraft, die die Lokomotive treibt, scheint einer
anderen Welt anzugehören, als die Luftschwingungen, die den Schall
erzeugen, und diese beiden lassen sich schwer mit dem Blitzstrahl
vereinen: und doch erweist sich die Vorstellung als unentbehrlich,
daß in allen diesen tausendfältigen Wirkungen die
proteusartigen Äußerungen einer einzigen Kraft sich kundtun.
39
Die
Wissenschaft der Kräfte
„Es gibt in Wahrheit nur
eine einzige Kraft“, ruft Robert
Mayer aus. Gewöhnlich redet man
von dieser einheitlich vorgestellten und insofern abgezogenen
(abstrakten) Kraft als „Energie“, und von der Einheit der Energie. Alle
die verschiedenen Kräfte sind Erscheinungsformen der einen Energie.
Diese
Vorstellung von der Einheit der Energie kann man als die Grundannahme
aller Physik bezeichnen. Und nun kommt zu dieser Grundannahme der
„Grundsatz“, nämlich die Lehre von der „Erhaltung der Energie“.
Diese Lehre — die den Mittelpunkt alles physikalischen Denkens ausmacht
— besagt, daß die in der Welt vorhandene Summe der Energie eine
ein für allemal gegebene unabänderliche Größe
ausmacht, die weder Zunahme noch Abnahme erleidet, sondern ewig gleich
bleibt, nur unter tausend wechselnden Gestalten sich hier und dort
unseren Blicken zeitweilig entzieht. Die Physiker pflegen, wie gesagt,
die mit nichts zu vergleichende Wichtigkeit dieser Lehre dadurch
hervorzuheben, daß sie von dem „G r u n d s a t z“
(dem Prinzip) von der
Erhaltung der Energie reden; es läßt sich auch manches
zugunsten dieses Wortes anführen: denn „Theorie“ würde
irreführen, es handelt sich in diesem Falle um mehr und um weniger
als Theorie, und „Hypothese“ besagt zu wenig: es handelt sich um einen
Glaubenssatz, der zwar, streng genommen, ewig unbeweisbar bleibt, doch
ohne welchen das ganze Gebäude der heutigen Physik zerfällt.
Clerk Maxwell sagt von diesem Glaubenssatz: „er ist die eine einzige
allgemeine Behauptung, welche sich überall den Tatsachen
entsprechend erweist, nicht allein in einer einzigen physikalischen
Wissenschaft, sondern in allen“ (l. c., S. 60). Dieser Ausspruch mag
dem Leser eine Vorstellung von der Bedeutung des Grundsatzes von der
Erhaltung der Energie geben.
40 Die
Wissenschaft der Kräfte
Erst
in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Grundsatz in
seiner tiefen Bedeutung und mit voller Klarheit von dem deutschen Arzt
Robert
Mayer aufgestellt, und bald folgte Helmholtz,
und wies in seiner
berühmt gebliebenen Abhandlung „Über die Erhaltung der Kraft“
(1847) die Unentbehrlichkeit dieser gestaltenden Idee nach — eine
echte Gedankengestalt ¹).
§
21. Robert Mayer und Descartes.
Schon
lange, ehe Mayer auftrat, schwebte diese Gedankengestalt dem
Bewußtsein bedeutender Forscher, mehr oder minder greifbar, vor.
Der erste, der ihr faßlichen Ausdruck verlieh, war der
große, allgemein verkannte Descartes. Er sagt, man müsse
voraussetzen, daß Gott, indem er die Welt schuf, sie mit einer
gewissen Menge von Bewegungsfähigkeit ausstattete, und dafür
sorgt, daß diese Menge sich ewig gleich bleibe; und an anderer
Stelle spricht er sich noch unmißverständlicher aus, indem
er von den Körpern sagt: „il est impossible que leurs mouvements
cessent jamais, ni même qu'ils changent autrement que de sujet;
c'est à dire que la vertu ou la puissance de se mouvoir
soi-même, qui se rencontre dans un corps, peut bien passer tout
ou en partie dans un autre, et ainsi n'être plus dans le premier,
mais qu'elle ne peut pas n'être plus du tout dans la monde“ (Le
Monde, ou Traité de la Lumière, Kap. 3 und 7: es ist
unmöglich, daß die Bewegungen in den Körpern jemals
aufhören,
—————
¹) Freilich behandelt Helmholtzens Aufsatz fast
ausschließlich die mathematische Seite des Gegenstandes. Erst im
Jahre 1854 in seinen Vorträgen „Über die Wechselwirkung der
Naturkräfte und die darauf bezüglichen neuesten Ermittelungen
der Physik“ faßte er das Problem, wie R. Mayer es getan hatte,
von der anschaulichen Seite an; desgleichen tat er in seinem Zyklus von
Vorträgen, gehalten in den Jahren 1862/63 „Über die Erhaltung
der Kraft“.
41 Die
Wissenschaft der Kräfte
noch daß sie einen
anderen Wechsel aufweisen, als in Bezug auf den bewegten Körper;
mit anderen Worten, die Eigenschaft oder die Fähigkeit sich zu
bewegen, die man in einem Körper vorfindet, kann wohl im ganzen
oder zum Teil sich auf einen anderen Körper übertragen und
somit nicht mehr im ersten Körper vorhanden sein, aber die
Bewegung kann nicht aus der Welt entschwunden sein). Hiermit war der
Kern des Gedankens vollkommen deutlich — wenn auch noch nicht ganz
richtig — ausgesprochen.
Denn
was liegt dem Gedanken zugrunde? Die Antwort kann erst auf einem Umwege
erfolgen.
§
22. Nichts
entsteht aus dem Nichts, Nichts vergeht in das Nichts.
Zwei
Überzeugungen müssen im Menschengeiste unerschütterlich
feststehen, soll die Möglichkeit einer exakten Wissenschaft der
Natur gegeben sein; sie ergänzen sich gegenseitig: die eine
erklärt, „nichts entsteht aus dem Nichts“ (nil fieri ex nihilo),
die andere: „nichts vergeht in das Nichts“ (nil fieri ad nihilum).
Beide Überzeugungen sind durchaus nicht selbstverständlich;
der naive Mensch hegt sie nicht, vielmehr nimmt er ohne weiteres an,
daß hochorganisierte Wesen, wie Fliegen und Insekten, ja auch
Mäuse und Ratten in Schutt und Unrat von selbst entstehen, und
muß umso eher bereit sein, zuzugeben, unbelebter Stoff könne
sich bei Gelegenheit aus dem Nichts entwickeln. Der Besitz der
fraglosen Überzeugung „nichts entsteht aus dem Nichts“ bedeutet
einen gewichtigen Schritt auf dem Wege zu jener Kultur des Geistes,
welche Wissenschaft erst möglich macht. Immerhin wird diese erste
Überzeugung weit früher zum Gemeingut gebildeter Menschen,
als die zweite, wenigstens in ihrer strengeren Fassung, wo sie sich
nicht bloß auf die Materie
42 Die
Wissenschaft der Kräfte
bezieht, sondern auch die
Kräfte umfaßt. Vor einem materiellen Gegenstand, ja! da
geben wir nach geringer Überlegung zu, daß auch die
vollkommenste Zerstörung ihn nicht aus der Welt schaffe, sondern
ihn höchstens zu Staub zermalme; doch der Zumutung, ein gleiches
bei den Kräften anzunehmen, setzt der Geist einen entschiedenen
Widerstand entgegen. Sehen wir auch die Gestirne ihren ewigen Kreislauf
vollziehen, so beobachten wir um uns herum hunderte von Bewegungen,
welche aufhören, und somit scheinbar entschwinden, ohne eine Spur
von ihrem Dasein zu hinterlassen. Hier handelt es sich um die Gewinnung
neuer schöpferischer Einsichten: erstens gibt es sehr viele
Bewegungsarten — ich nenne Licht, Schall, Wärme, Elektrizität
— welche dem menschlichen Auge nicht unmittelbar als Bewegungen
wahrnehmbar sind — mit anderen Worten: unsichtbare Bewegungen; zweitens
bedarf der Satz Descartes' einer Berichtigung und einer Ergänzung;
die Verhältnisse liegen verwickelter, als der Philosoph
voraussetzte.
§
23. Die Spannkraft.
Es
stimmt nicht die Behauptung von der stets gleichen Summe der Bewegung
im Weltall, und es fehlt die Erkenntnis, daß Bewegung gleichsam
aufgehalten, aufgespart, verborgen gehalten werden kann, woraus der
Begriff der „latenten (d. h. einer schlummernden) Kraft“ oder
Spannkraft entsteht: erst aus der Unterscheidung der zwei Gattungen von
Kräften — der lebendigen und der schlummernden — erwächst die
Möglichkeit, die Energie als eine unwandelbare Einheit aufzufassen.
Wir
müssen noch einen Augenblick bei den schlummernden Kräften
verweilen, um sicher zu sein, daß unsere Vorstellungen sich auf
Wirklichkeit beziehen.
Auch
dem Laien ist der Begriff einer S p a n n k r a f t
43
Die
Wissenschaft der Kräfte
vertraut — ich brauche
nur an die aufgezogene Feder einer Taschenuhr zu erinnern —; dieser
Begriff bedarf allein der gehörigen Erweiterung, wie sie
physikalisches Erfahren und Denken verleiht, um alle schlummernden
Kräfte zu umspannen. Hebe ich z. B. einen 10 kg wiegenden Stein
vom
Boden auf und trage ihn aufs Dach, wo ich ihn hinlege, so erfolgt
zunächst aus dieser Arbeitsleistung keine weitere Bewegung, doch
habe ich den Stein in eine neue Lage gebracht, dank welcher sein Sturz
eine bedeutende Wirkung ausüben muß, und zwar eine Wirkung,
die, wie jeder Versuch beweist, der aufgewendeten Arbeit genau
entspricht: wir dürfen sagen, ich habe den Stein mit Spannkraft
begabt. Um ein von diesen zwei Beispielen fernliegendes
anzuführen: was man unter chemischer Verwandtschaft zwischen den
Stoffen versteht, kann als Spannkraft aufgefaßt werden, welche
durch Nähe und andere begünstigende Bedingungen
plötzlich zu heftigen Bewegungen der lebendigen Kräfte
führt. Hat man z. B. in ein Gefäß zwei Raumteile
Wasserstoff und einen Raumteil Sauerstoff eingeführt, so bleiben
diese beiden Gase ohne jede Wirkung aufeinander; nähert man jedoch
eine Flamme dem Gemisch, oder läßt einen elektrischen Funken
durchschlagen, so findet eine kräftige Explosion statt, indem sich
die beiden Elemente zu Wasser verschmelzen: so wird die Spannkraft zu
bewegender Kraft entbunden. Das großartigste Beispiel von
aufgespeicherter Spannkraft ist die Anhäufung von Energie des
Sonnenlichtes in den Pflanzenkörpern unter der Gestalt von
Stärke, Zucker und anderen Körpern, welche dann — den Tieren
als Nahrung zugeführt — umgewandelt wird in Wärme und
Muskelkraft.
Versteht man das Wort „Spannkraft“ in diesem allumfassenden Sinne, so
lautet der Grundsatz von der Erhaltung der Energie: es ist stets die
Summe der vorhandenen
44 Die
Wissenschaft der Kräfte
bewegenden Kräfte
und Spannkräfte konstant. (Helmholtz.)
In dieser Weise muß
Descartes ergänzend berichtigt werden: nicht die Summe
der
B e w e g u n g bleibt sich im Weltall ewig gleich, sondern man
muß die
Summe der schlummernden Kräfte oder Spannkräfte hinzurechnen
und diese zwei Summen zusammengenommen bilden trotz aller
Verschiebungen, die immerfort zwischen bewegenden Kräften und
Spannkräften stattfinden, eine unveränderliche (konstante)
Größe.
Ehe
wir diesen ersten Grundsatz verlassen, will ich den Leser auf noch eine
Auffassung des so wichtigen Begriffes der schlummernden Kräfte
oder Spannkräfte aufmerksam machen, weil sie für die
besondere Art des Physikers, die Welt anzuschauen, lehrreich ist.
§
24. Die Kraft der Lage.
Was
vermehrte die Fallkraft des Steines in unserem vorhin gebrachten
Beispiel, und gestattete uns, von einer entstandenen, beziehungsweise
vermehrten Spannkraft zu reden? Eine Änderung in der Lage des
Steins — eine Änderung, wodurch die Entfernung des Steins vom
Erdboden — genauer gesprochen, die Entfernung vom Mittelpunkt der Erde
— vermehrt worden war. Ebenso können auch die Spannkräfte der
chemischen Verwandtschaft erst wirksam werden, wenn die betreffenden
Stoffe nahe aneinander gelagert worden sind. Das gleiche gilt von dem
Blitz, der erst entsteht, wenn zwei entgegengesetzt geladene Wolken
übereinander geraten. Immer wird man finden, daß die Lage
Beziehungen zur Spannkraft aufweist, weswegen die Physiker bisweilen
zwischen Energie der Bewegung und E n e r g i e d e
r L a g e unterscheiden — eine Unterscheidung,
welche ich dem
Nachsinnen empfehle, weil Gedanken dadurch Anschaulichkeit gewinnen.
Das Bild des Weltalls wird viel lebhafter, wenn man sich
45 Die
Wissenschaft der Kräfte
an die Vorstellung
gewöhnt, daß jede Bewegung — von derjenigen der Gestirne an
bis zu derjenigen, die in den Atomen eines Milligrammes Radium vor sich
gehen — zugleich eine Verschiebung der Gleichgewichtsverhältnisse
bedingt, und Kraft sowohl aufspeichert, als freiläßt; es
gewöhnt diese Betrachtungsweise auf G e s t a l t — im
weitesten Sinne
dieses Wortes — zu achten, und richtet die Aufmerksamkeit auf die meist
verborgenen Quellen der Kraft.
§
25. Die Grundmythe
aller Wissenschaft der Kräfte (Der Äther).
Nachdem wir so den Grundsatz, der allem Denken in der Wissenschaft der
Kräfte zugrunde liegt, kennengelernt haben, wenden wir uns jetzt
zu der kurzen Betrachtung einer mythischen Vorstellung, welche sich als
ebenso unentbehrlich für diese Wissenschaft erwiesen hat: die
Vorstellung eines Äthers. Ich nenne diese Vorstellung eine Mythe,
weil — wie unentbehrlich sie auch sei — sie etwas betrifft, dem keine
Sinnfälligkeit zukommt, etwas also, was lediglich ein Erzeugnis
der menschlichen Phantasie darstellt. Der Äther ist kein
bloßer Gedanke, vielmehr eine echte Gedanken g e s t a l t;
er wird
namentlich von der Vorstellungskraft gefordert, und dennoch
enthält er soviel Widerspruchsvolles, daß Denken und
Anschauen nie ins Reine, nie zur Ruhe kommen können: so hat man z.
B. berechnet, daß der Äther fünfzehntrillionenmal
leichter als die atmosphärische Luft sein muß, zugleich aber
läßt es sich nachweisen, daß er
zweitausendmillionenmal dichter als Blei ist. (J. J. Thomsen in
„Nature“, 26. 8. 1909); und während die einen von einer Materie
reden (z. B. Kant und Clerk Maxwell), erinnert uns der Sonderforscher
des Äthers, Paul Lenard: „der Äther ist nicht Materie“ und
„der unbewegte Uräther hat nichts mit der Materie zu tun“
(Äther und Uräther, S. 8, 17) und sein
46 Die
Wissenschaft der Kräfte
englischer Kollege,
Oliver Lodge, bestätigt: „Ether is not Matter“, „it is not
material nor mechanical“ (The Ether of Space, S. 108, 27. — Der
Äther ist nicht Materie, er ist weder stofflich noch mechanisch
aufzufassen).
§
26. Descartes und der
Äther.
Vielleicht gelangt der Laie am schnellsten zu einer lebhaften und
richtigen Vorstellung des Äthers, wenn er den Ursprung dieser
Gedankengestalt erfährt. Descartes ist ihr Schöpfer, und er
brauchte sie ausschließlich aber unabweisbar für seine
Erklärung von dem Wesen des Lichtes als einer Bewegung, nicht
eines Stoffes. Es lohnt sich, bei den Ideen dieses großen Denkers
und Erschauers einen Augenblick zu verweilen.
Uns
Heutigen ist die Vorstellung, daß Licht durch eine Bewegung
verursacht wird, derartig von Jugend an vertraut, daß es uns eine
gewisse Anstrengung kostet zu begreifen, welche Kraft des Genies dazu
gehörte, diesen Gedanken zu fassen. Descartes besaß diese
Kraft, Newton nicht, der bekanntlich hundert Jahre, nachdem Descartes
die richtige Bahn geöffnet hatte, den Gang der Wissenschaft durch
seine „Emissionstheorie“ aufhielt, eine Theorie, nach der das Licht
durch hervorgeschleuderte runde Körperchen verursacht sein sollte.
— Hingegen hatte Descartes geschrieben: „La Lumière n'est autre
chose qu'un certain mouvement ou une action fort prompte et fort vive
... il n'est pas besoin de supposer, qu'il passe quelquechose de
matérial depuis les objets jusqu'à nos yeux pour nous
faire voir les couleurs et la lumière, ni même qu'il y ait
rien en ces objets qui soit semblable aux idées ou aux
sentiments que nous en avons“ (das Licht ist nichts anderes, als eine
gewisse Bewegung oder eine sehr schnelle und lebhafte Handlung ... es
ist nicht notwendig vorauszusetzen, daß irgend etwas Stoffliches
von den Ge-
47
Die
Wissenschaft der Kräfte
genständen an unsere
Augen gelange, damit wir die Farben und das Licht erblicken, noch auch,
daß irgend etwas an diesen Gegenständen Ähnlichkeit
besitze mit den Vorstellungen, die wir uns davon machen, oder mit den
Gefühlen, welche uns dabei einnehmen. — La Dioptrique, Discours
premier). — Nun aber ist es der Bewegung unmöglich, sich durch
einen leeren Raum fortzupflanzen — so wenigstens empfand Descartes,
wie nach ihm Faraday, Helmholtz
und Heinrich Hertz es auch empfanden —;
darum stellte er sich den Weltenraum als angefüllt mit „quelque
matière fort subtile et fort fluide, qui s'étende sans
interruption depuis les astres jusqu'à nous“ (mit irgendeinem
äußerst zarten und flüssigen Stoff, der sich ohne
Unterbrechung von den Sternen bis zur Erde ausdehnt. — ibidem) vor. Auf
diese Weise erkennt man, „daß alle Himmelskörper sich
untereinander berühren, ohne daß es irgendwo einen leeren
Raum gebe“. „Die Sterne können unmöglich irgendeine Bewegung
in unseren Augen erregen, wenn sie nicht in irgendeiner Weise den
ganzen Stoff, der zwischen ihnen und uns liegt, ebenfalls in Bewegung
setzen“ (Principia, IV. Teil, § 206). Und noch eine
Ausführung, diesmal aus einem Briefe, damit dem Leser an diesem
Gedanken nichts undeutlich bleibe: „Toute impulsion de la
matière subtile qui est parvenue à un certain
degré de vitesse cause le sentiment de la lumière mais
... je nie qu'un
mouvement plus lent et ordinaire de cette matière
puisse causer de la lumière“ (jeder Vorstoß des zarten
Stoffes, der eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hat, verursacht die
Empfindung des Lichtes ... aber ich leugne, daß eine langsamere
und gewöhnliche Bewegung dieses Stoffes die Fähigkeit
besitze, Licht zu erzeugen. — Brief vom 27. November 1637). In allen
mir bekannten Büchern wird Descartes ein Vorwurf daraus gemacht,
daß er gelehrt habe, das Licht brauche gar keine
48
Die
Wissenschaft der Kräfte
Zeit zu seiner
Ausbreitung, ein Irrtum, der daher stammt, daß sämtliche
Bücher die eine einzige Stelle voneinander abschreiben, in welcher
Descartes — um seine neue und so überraschende Entdeckung
begreiflich zu machen — das Bild eines Stockes gebraucht, der im selben
Augenblick, wo die hand den Griff bewegt, auch mit dem Ende
anstößt, was er mit dem Wort „instantané“
ausdrückt. Dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde können
wir auf dieser sublunaren Welt — wenn wir nicht Pedanten sind —
füglich „instantané“ nennen. Wie es Descartes in
Wirklichkeit meint, zeigt jede der oben angeführten Stellen: „das
Licht ist nichts anderes, als eine s e h r s c
h n e l l e u n d l e b h a f t e B e w e
g u n g“
und „jeder Vorstoß, d e r e i n
e g e w i s s e G e s c h w i n d i g k e i
t e r r e i c h t
h a t, verursacht die Empfindung des Lichtes“.
Wir
haben also nach Descartes uns einen äußerst feinen Stoff
vorzustellen, der den ganzen Weltenraum lükenlos ausfüllt,
und dessen Hauptamt es ist, die Bewegung, die wir Licht nennen, zu
vermitteln; weswegen lange Zeiten hindurch, ja, fast bis in die
Gegenwart hinein, man häufig dem Ausdruck „Lichtäther“
(l'éther lumineux) begegnet. Auf welche Weise diese Vermittlung
durch den Äther zu denken ist, wird nicht näher
ausgeführt, doch macht die Parabel des Stockes an die
Wellenbewegung denken; höchst auffallend ist die Tatsache,
daß eine bestimmte Geschwindigkeit erfordert wird im Erzittern
des Äthers, damit wir das Licht empfinden. Auch verdient es
Beachtung, wenn Descartes „zwei verschiedene Gestalten der Materie (den
Stoff und den Äther) unterscheidet“, und sie „die zwei ersten
Elemente der sichtbaren Welt“ nennt. (Principia, III. Teil, § 52.)
Es erweisen sich alle Hauptgedanken der heutigen Vorstellung über
den Äther als in dem Hirn des wunderbaren Mannes vorgebildet.
49
Die
Wissenschaft der Kräfte
§
27. Neuere
Anschauungen.
Die
einfachste Begriffsbestimmung, die ich von einem modernen Naturforscher
kenne, gibt Clerk Maxwell — einer der bedeutendsten Männer des 19.
Jahrhunderts — in der „Encyclopaedia Britannica“: „Der Ether oder der
Äther (wahrscheinlich von aitho = ich brenne) ist eine materielle
Substanz von feinerer Art, als die sichtbaren Körper, — eine
Substanz, welche man voraussetzt in jenen Teilen des Raumes, die
scheinbar leer sind“. Ein deutscher Physiker gibt die willkommene
Ergänzung: „Der
Äther stellt
die Verbindung zwischen den Erscheinungen her, ohne welche Physik und
Chemie in eine endlose Reihe von Elementen zerfallen würden“
(Hermann Fricke: Was ist Elektrizität?). Das ist aber sehr
elementar
gesprochen, und
läßt nicht ahnen, welchen ungeheuer verwickelten
Verhältnissen der Äther genügen muß, damit er
seinen Zweck
erfülle. Kant hat in den letzten Jahren seines Lebens viel
über diese Frage nachgedacht. Er kommt zu dem Schlusse, der
Äther müsse „imponderable“, „incoërcible“,
„incohäsible“ und „inexausible“ sein, was er folgendermaßen
erläutert: „Es muß eine Materie sein, durch welche die
praktische Wägbarkeit möglich ist, ohne für sich ein
Gewicht zu haben, — die Sperrbarkeit ohne äußerlich
coërcible (zusammendrückbar) zu sein, — die Cohäsion
(Zusammengehörigkeit), ohne innerlich zusammenzuhängen, —
endlich die Erfüllung aller Räume der Körper ohne
Erschöpfung oder Verminderung dieses alldurchdringenden Stoffes“.
(Vom Übergang von den metaphysischen
Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik,
Altpreußische Monatsschrift 1882. S. 122 fg.)
Mit diesen klaren Erkenntnissen eilte Kant seiner Zeit um ein halbes
Jahrhundert
voraus. Inzwischen hatte der Äther an Inhalt gewaltig
zugenommen, indem er als der
50
Die
Wissenschaft der Kräfte
Sitz der unabsehbar
reichen Welt der Elektrizität erkannt wurde, und indem das Reich
der Elektrizität immer allumfassender wurde. Es entstand hierdurch
eine ganz neue Physik: die Physik des Äthers oder der
Elektrizität, oder der Strahlungsenergie, die ein Gegenstück
bildet zu der Physik der mechanisch bewegten Materie; denn — ich
wiederhole es — der Äther ist wohl eine „Substanz“ im
philosophischen Sinne des Wortes, nicht aber „Materie“; der Äther
ist absolut ungreifbar und unbeweglich. Und wir haben so fabelhafte
Fortschritte in Bezug auf die Elektrizität gemacht, seit Faraday's
Genius den Weg uns aufdeckte, daß ein heutiger Forscher die
Behauptung aufstellen kann: „die elektrischen und magnetischen
Zustände des Äthers sind uns genauer bekannt, als die Gesetze
der Materie“ (G. Mie: „Der Weltäther“ in Handwb. der Natur). Den
Elektromagnetismus kann man nach heutigen Vorstellungen die Seele des
Äthers nennen; der Trägheit der Materie entspricht der
Magnetismus, ihrer Elastizität entspricht die eigentliche
Elektrizität. Licht ist eine Teilerscheinung des
Elektromagnetismus, oder, um den umfassenden Ausdruck zu gebrauchen,
der Strahlungsenergie; Goethes Ahnungen haben sich bewahrheitet, indem
wir dem von ihm empfohlenen „herrlichen elektrochemischen geistigen
Leitfaden“ gefolgt sind (Brief an Döbereiner, 26. Dezember 1812).
§
28. Das Licht.
Da
Licht für uns Menschen eine der allerentscheidendsten
Lebensbeziehungen darstellt, wollen wir wenige Worte ihm widmen, nur
genügend, um einige Grundbegriffe über dessen Verhältnis
zum Äther hervorzuheben.
Licht
wird, wie alle anderen elektromagnetischen Phänomene durch
Zustandsänderungen im Äther bewirkt. Sämtliche
Zustandsänderungen verbreiten sich im unbe-
51
Die
Wissenschaft der Kräfte
wegt bleibenden
Äther mit der Geschwindigkeit von 300 000 Kilometer in der Sekunde
— also, irdisch gesprochen, augenblicklich (Descartes'
„instantané“) — aber es ist wichtig, klar vor dem geistigen Auge
zu halten, daß es sich hierbei nicht um die Bewegung eines
vorüberfliegenden Körpers handelt, sondern vielmehr um die
Ausbreitung von Etwas, was wir uns nach der Analogie eines Erzitterns
des Äthers vorzustellen haben. Auch das Bild der Lichtwellen
muß — was äußerst selten geschieht — richtig
gefaßt werden, nämlich als ein bloßes Bild, eine
Allegorie. Welcher Art die sogenannten Wellen im Äther sind, davon
vermag sich der Mensch nicht den entferntesten Begriff zu machen. Unter
„Wellen“ haben wir uns „irgendeine Störung im Äther zu
denken, die periodisch, sowohl in Bezug auf den Raum, wie auf die Zeit,
wiederkehrt“ (Oliver Lodge, ibidem, S. 3). Beileibe sollen wir uns
nicht etwas Materielles noch Mechanisches darunter denken, sondern nur
Elektrisches und Magnetisches. Der Leser weiß übrigens,
daß die Meereswellen auch keine Vorwärtsbewegung
ausführen, sondern, daß jeder Tropfen Wasser nur in die
Höhe gehoben und in die Tiefe gesenkt wird; gerade dieser Umstand
macht das Bild der Welle so passend für die Bewegung, aus der das
Licht entsteht, und die eigentlich nicht Bewegung, sondern
Zustandsänderung ist (Lorentz). Wenn die betreffenden
Zustandsänderungen im Äther sich dreibillionen- bis
siebenbillionenmal in der Sekunde wiederholen, haben wir die Empfindung
des Lichtes, doch ist es der Wissenschaft gelungen, diese „Wellen“
nach oben, sowie nach unten weithin zu verfolgen: so gehören z. B.
die sogenannten Röntgenstrahlen zu den beschleunigteren und
dementsprechend kürzeren „Wellen“, und die Strahlungen, die wir
zur drahtlosen Telegraphie gebrauchen, zu den weniger häufigen und
dafür unvergleichlich längeren.
52
Die
Wissenschaft der Kräfte
Noch
manches andere Amt fällt dem Äther zu: so z. B. ist nach
vielen Physikern die Trägheit des Stoffes das Ergebnis eines
Druckzustandes im Äther, die den starken Expansionskräften
entgegenwirkt, welche dem Inneren der Atome eigen ist. Auch die
Gravitation glaubt man, noch unbekannten Wirkungen des Äthers
zuschreiben zu sollen. Ja, die Mythe zieht noch weitere Kreise. Lord
Kelvin hat die Wirbel von Descartes wieder modernisiert zu Ehren
gebracht, und läßt die Atome, aus denen die Materie
aufgebaut ist, aus solchen Wirbelbewegungen im Äther bestehen.
Heute, wo man so viel mehr über den Aufbau der Atome erfahren hat,
denkt man sich die Sache etwas anders, und Lenard faßt den
kleinsten, beweglichsten Bestandteil des Atoms, nämlich das
Elektron, als „das Ende einer magnetoelektrischen Kraftlinie“ des
Äthers auf. Nach dieser Ansicht besteht also die ganze Materie —
die
Gesamtheit dessen, was wir als Stoff wahrnehmen — letzten Endes aus
Äther; ja! wir alle, wir Menschen, wir sind dem Leibe nach nur
Äther!
Man
sieht, wir stehen hier ganz im Bereiche der Mythenbildung.
§
29. Der leitende
Grundgedanke aller Wissenschaft der Kräfte (das Atom).
Wiederum begegnen wir hier einer aus dem Altertum auf uns herabgeerbten
Vorstellung, einer Vorstellung, die wahrscheinlich die Hellenen auf
Umwegen von den Indern überkommen hatten. Vom ersten Augenblick an
schillert dieser Begriff in zwei verschiedenen Farben: denn einerseits
zeichnet ihn ein hoher Grad von Anschaulichkeit aus, während er
auf der anderen Seite zu undenkbaren Gedanken führt. Mit Wonne
greift
der Geist nach der Vorstellung von letzten, kleinsten, unteilbaren
Teilchen (Atomen), aus denen alles Stoffliche aufgebaut wäre;
diese Vorstel-
53
Die
Wissenschaft der Kräfte
lung gewährt ihm
Beruhigung, scheint sie doch so einleuchtend, so
„naturgemäß“; andrerseits gerät das Denken in
unauflösbare Widersprüche, soll es sich ein noch so kleines
Körperchen als nicht weiter teilbar vorstellen, und hat sich in
der Tat bis heute damit geholfen, daß es die „unteilbaren“ Atome
in immer zahlreichere Bestandteile zerlegt hat, bis die letzte
Entwicklung der Gegenwart von uns fordert, jedes Atom nach dem Bilde
eines Sonnensystemes zu denken.
Der
Inder Kanâda hatte gelehrt: „die Welt entsteht aus Atomen,
Paramânu (das höchste Kleine) genannt, die sich nach dem
Willen eines höheren Wesens miteinander vereinigten“ (L. v.
Schroeder, Indiens Literatur und Kultur, S. 588). Diese indischen Atome
unterscheiden sich von den griechischen dadurch, daß sie von
Hause aus — obwohl an Größe und Gestalt sich gleich —
Träger bestimmter Eigenschaften sind; so unterscheiden sich z. B.
die Atome der Erde von denen des Wassers, und diese beiden von denen
der Luft und des Feuers. Jedes dieser Elemente ist als Anhäufung
vergänglich, aber als Atom ewig. Das Manas — d. i. der zwischen
den Dingen und der Seele vermittelnde Intellekt — ist ebenfalls
atomklein, und, wie die Atome, ewig. (P. Deussen, Gesch. der
Philosophie, I, 2, S. 349 fg.) — Demokrit lehrt im Gegensatz zu den
Indern, die Atome seien alle, ihrem Wesen nach, gleicher Art, sie
wiesen aber an Gestalt und Größe unendliche Mannigfaltigkeit
auf; die verschiedenen Eigenschaften der Körper seien bedingt, die
primären (Schwere, Härte) durch die
verhältnismäßige Menge an leeren Räumen zwischen
den Atomen, und die sekundären (Wärme, Kälte, Geschmack,
Farbe) durch die Gestalt der Atome, sowie durch ihre Größe
und durch die Ordnung, in der sie sich befinden. Die Unteilbarkeit der
Atome hängt davon ab, daß sie keinen leeren Raum enthalten;
denn nur die Anwesenheit
54
Die
Wissenschaft der Kräfte
leerer Räume mache
die Dinge zerlegbar; somit ist an und für sich keine Grenze der
möglichen Größe eines Atoms gezogen; doch kommen,
soweit wir wissen, nur kleine Atome vor. Diese also beschaffenen Atome
fallen „nach unten“ durch den unbegrenzten leeren Raum, und geraten
infolge von Stoß und Gegenstoß in eine Wirbelbewegung,
wodurch dann durch Agglomeration (Bildung von Haufen) die Gestirne nach
und nach entstehen. Schon Aristoteles macht auf die Naivetät der
Vorstellung, daß es in einem leeren Raum ein Unten und ein Oben
gebe, aufmerksam, und bemerkt richtig, die Atome würden alle in
einem leeren Raum still liegen bleiben; doch kamen alle solche
Einwürfe nicht zur Geltung gegenüber der starken Werbekraft
einer so anschaulichen Vorstellung, und es dauerte nicht lange, da
verfaßte kurz vor Christi Geburt der römische Dichter
Lucretius sein weltberühmtes Gedicht „De natura rerum“ — und die
Atomlehre ward die populärste Weltanschauung im römischen
Reiche.
§
30. Robert Boyle.
Ein
englischer Forscher, Robert Boyle, war es, der im 17. Jahrhundert den
Anstoß gab zu der Wiedereinführung der Vorstellung der Atome
in die Wissenschaft. Das geschah, indem er — vertieft in die
Entwicklung der neueren Chemie — die alte Vorstellung der Elemente in
ganz anderer, fruchtbarer Gestalt von neuem ins Leben rief —
nämlich als Bezeichnung für jeden nicht weiter zerlegbaren
Stoff. Aus Boyles Elementen wurden mit der Zeit die Atome neugeboren.
Er unterschied zwischen Gemengen und Verbindungen; erstere galten ihm
lediglich als mechanische Mischungen, letztere — die Verbindungen — als
die Bildung neuer Körper durch Vereinigung kleinster Teilchen
miteinander, unter gleichzeitigem Abstoßen eines anderen
Elementes.
55
Die
Wissenschaft der Kräfte
§
31. John Daltons
drei Grundgesetze.
Man
darf sich wundern — so deutlich liegen die Atome in Boyles System
vorgeahnt — daß es mehr als ein Jahrhundert dauerte, bis ein
zweiter Engländer, beschlagen in den Lehren der alten Atomiker,
mit einer ausführlichen, durchdachten Atomlehre auftrat: John
Dalton (1766—1841). Durch Dalton erhielten die Atome sozusagen
handgreifliches Dasein.
Dalton
war Sonderforscher — nicht auf dem Gebiete der Wissenschaft der
Kräfte, sondern auf dem Gebiete der Wissenschaft des Stoffes
(Chemie); ein Umstand, der, wie man sehen wird, alle Beachtung
verdient. Gestützt auf seine vorgefaßten Überzeugungen,
ging er an eine Reihe von Versuchen, die zur Entdeckung dreier
Grundgesetze bei allen chemischen Verbindungen führten, —
Grundgesetze, die als glänzende Bestätigungen ihm erscheinen
mußten, indem die Annahme von Atomen sie erläuternd
erklärt und als naturnotwendig erscheinen läßt. Ich
will versuchen, diese Naturgesetze meinem unvorbereiteten Laienleser
soweit verständlich zu machen, daß er sich etwas dabei
vorstellt. Er fand also, daß in jedem neuentstandenen Stoff
gewisse Gewichtsverhältnisse zwischen den Bestandteilen
unveränderlich waren, daß, wenn z. B. man die Verbindung von
Chlor und Wasserstoff auflöst und in die Verbindung von Chlor und
Natron (Tafelsaltz) überführt, die Menge Natron zu der Menge
Chlor ein bestimmtes Verhältnis stets aufweisen wird, gleichviel,
welche Mengen man von den beiden zu verbindenden Bestandteilen
hinzugetan haben mag. Man pflegt dieses Gesetz in die Formel
zusammenzufassen: „In jeder chemischen Verbindung sind die
Gewichtsverhältnisse der in ihr enthaltenen Bestandteile
unabänderlich dieselben.“ Ein jeder wird verstehen, welche
Aufklärung diese eigen-
56
Die
Wissenschaft der Kräfte
artige, unerwartete
Tatsache durch die Annahme erfährt, jedes Element bestehe aus
kleinsten unteilbaren Teilchen, die untereinander ganz gleich sind,
aber von Element zu Element verschieden, ein jedes Elementaratom mit
seinem ihm nur eigenen Gewicht: da bei der neuen Verbindung je ein Atom
von dem einen Element ein Atom von dem an deren Element an sich bindet,
sind die Gewichtsverhältnisse im voraus bestimmt. Das zweite
Gesetz scheint im ersten Augenblick dem ersten zu widersprechen, dient
ihm aber in Wirklichkeit zur glänzenden Bestätigung. Es gibt
nämlich Fälle, in denen ein Element je nach den Bedingungen,
mehr oder weniger von einem anderen Element an sich bindet. Nun findet
sich aber, daß dieses „mehr oder weniger“ immer eine Bewegung in
ganzen Zahlen bedeutet, mit Ausschluß von Bruchteilen, was
offenbar wiederum zugunsten der Atomentheorie spricht. So kennt man z.
B. fünf Verbindungen zwischen Sauerstoff und Stickstoff; in allen
fünf liefert der Stickstoff genau 14 Teile, der Sauerstoff liefert
| in der |
ersten |
Verbindung |
8 |
Teile |
= 1 x 8 |
| „ „ |
zweiten |
„ |
16 |
„ |
= 2 x 8 |
| „
„ |
dritten |
„ |
24 |
„ |
= 3 x 8 |
| „
„ |
vierten |
„ |
32 |
„ |
= 4 x 8 |
| „
„ |
fünften |
„ |
40 |
„ |
= 5 x 8 |
(Richter, Lehrbuch der
Anorganischen Chemie, 6. Aufl., S. 66). Und so ebenfalls bei allen den
hunderttausenden von chemischen Verbindungen: hat man erst eine
Verhältniszahl für das Atomgewicht eines Elementes, so
begegnet man dieser Zahl überall. Damit sind wir schon in das
Bereich des dritten Gesetzes gelangt, welches besagt, daß eine
und dieselbe Gewichtsverhältniszahl für alle Verbindungen mit
den verschiedensten Elementen Geltung besitzt, so z. B. setze ich
voraus, das Atomgewicht des Sauerstoffes betrage 8, so stimmt das
überall, ob es die
57
Die
Wissenschaft der Kräfte
Verbindung mit dem
Element Stickstoff, wie in dem eben angeführten Beispiel betrifft,
oder mit dem leichtesten Element, Wasserstoff, zur Bildung von Wasser,
oder wiederum mit den Schwermetallen, Eisen oder Blei, oder sonst einem
beliebigen Körper. Und Stickstoff, den wir oben in allen fünf
Verbindungen mit Sauerstoff die Verhältniszahl 14 bewahren sahen,
tritt ebenfalls in seine zahlreichen anderen Verbindungen mit der Zahl
14 oder mit einem Mehrfachen von 14 ein.
§
32. Das Atom der
Chemiker und das Atom der Physiker.
Damit
hielt die Atomtheorie endgültig ihren siegreichen Einzug in die
Wissenschaft des Stoffes (Chemie) und bildet seitdem die wichtigste
Grundannahme dieser Wissenschaft. Namentlich die genaue Bestimmung der
Atomgewichte der verschiedenen Elemente hat einem Heer von Fachleuten
Arbeit verschafft, und hat zur Entdeckung des sogenannten „periodischen
Systems“ der Elemente geführt. Hingegen hatte längere Zeit
hindurch die Wissenschaft der Kräfte (Physik) keine Gelegenheit,
sich mit der Frage nach den Atomen zu befassen. Das wurde auf einmal
anders mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen und der
Radiumstrahlen vor 25 Jahren; seitdem haben die Physiker die
Atomenfrage ganz an sich gerissen, und man kann fast von zweierlei
Atomen heute sprechen: dem Atom der Chemiker und dem Atom der Physiker.
Wiederum war es ein Engländer, der diese neue Epoche
einführte, der verehrungswürdige William Crookes, den man
leicht geneigt ist, über die glanzvolleren Namen seiner
Vorgänger und seiner Nachfolger zu vergessen. Gehört er auch
nicht zu den größten Forschern, so besaß er doch einen
offenen, kindlich reinen Blick, und ein merkwürdiger Instinkt war
ihm für die Geheimnisse
58
Die
Wissenschaft der Kräfte
der Natur eigen; so wurde
er noch als Greis Bahnbrecher durch seine Untersuchungen über
elektrische Entladungen in Röhren, aus denen er es mit
größtem Geschick verstand, fast die gesamte Luft
auszupumpen. Die Crookeschen Röhren sind die Vorgänger aller
heutigen Röntgen- und anderen dergleichen Röhren, und Crookes
„strahlende Materie“ ist der unmittelbare Vater der vielen Strahlen,
mit denen wir heute beglückt werden. Er redete von einem „vierten
Aggregatzustand“ im Unterschied von den schon gekannten drei: dem
festen, dem flüssigen und dem gasförmigen, und nannte diesen
vierten eben „strahlende Materie“. Er wußte auch, daß es
bei diesen Phänomenen um „die Genesis der Elemente“ ging.
Es
kann nicht in der Absicht dieses Buches liegen, irgendeine Gruppe von
Phänomenen näher ins Auge zu fassen, vielmehr handelt es sich
bei uns lediglich um eine allgemeine Richtungnahme des Geistes. Ich
will jedoch im Vorübergehen eine weitverbreitete Verwirrung zu
zerstreuen suchen.
§
33. Die
Röntgenstrahlen.
Die
Röntgenstrahlen sind keinem menschlichen Sinne wahrnehmbar; das
blendende Licht, das in der Röntgenröhre so unangenehm ins
Auge fällt, wird durch den Kathodenstrahl hervorgebracht, der die
unwahrnehmbaren Röntgenstrahlen erst zum Dasein weckt. Die
Röntgenstrahlen haben so kurze Wellen (nämlich von
einhundertstel bis zu einem zehntausendstel Mikromillimeter, und ein
Mikromillimeter ist ein tausendstel Millimeter), daß kein Auge
sie aufzunehmen vermag, und sie nur an ihren Taten gemerkt werden. Es
sind aber echte Strahlen, analog dem Licht, bis auf die Sichtbarkeit
und bis auf gewisse Unterschiede, die sich aus der Atomkleinheit ihrer
Verhältnisse erklären, wie z. B., daß sie weder
gebrochen
59
Die
Wissenschaft der Kräfte
noch wiedergespiegelt
werden. Hingegen sind die vorhingenannten Kathodenstrahlen oder
β-Strahlen nicht gleichartig
mit Licht, vielmehr handelt es sich um kleinste Teilchen von sich
zerstäubenden Atomen. „In den Kathodenstrahlen haben wir es
zweifellos mit freien negativen Elektronen zu tun, d. h. mit solchen,
die nicht an gewöhnliche Materie gebunden sind“ (G. C. Schmidt).
Im Vorbeifliegen erzeugen sie bisweilen Funken, wodurch sie wahrnehmbar
werden, während ihre Gegenwart häufiger nur an ihren
Wirkungen nachzuweisen ist, z. B. durch das Schwärzen einer
photographischen Platte, oder durch die Erregung von Phosphoreszenz an
der Oberfläche gewisser Körper. Der Laie wird also gut daran
tun, zwischen Strahlen und Strahlen zu unterscheiden, d. h. zwischen
Strahlen, die Schwingungen des Äthers darstellen, mögen sie
auch unsichtbar bleiben, und Strahlen, die von bewegten Körperchen
erzeugt werden, und die unter gewissen Bedingungen zeitweilig
strahlenartig aufleuchten. Die ersteren haben unter dem Namen
„Röntgenstrahlen“ durch ihre vielfache Verwendung in der Heilkunde
Weltruhm erreicht; die zweiten haben in der Wissenschaft Revolution
gemacht, und namentlich zu gänzlich neuen Vorstellungen vom Wesen
und Natur der Atome geführt.
§
34. Das Atom zu
denken nach der Vorstellung eines Sonnensystems.
Kurz
gesagt, die Sonderforscher stellen sich heute die Atome nach dem
Gleichnis eines Sonnensystems vor, und zwar mit einer Sonne, umkreist
von zahlreichen Planeten (den Trägern der negativen
Elektrizität, genannt Elektronen); die Elektronen haben das
Eigentümliche an sich, daß sie alle genau gleich groß
sind. Es ist noch die Frage, ob Elektronen überhaupt Materie sind
im gewöhnlichen Sinne des Wortes, oder, oh wir nicht in ihnen
vielmehr
60
Die
Wissenschaft der Kräfte
lediglich kleinste
Ladungen von negativer Elektrizität zu erkennen haben.
Es ist
so wichtig, daß der Leser sich eine genaue Vorstellung von diesem
neuen Mythus des Atoms macht, daß ich das schon Gesagte ein
zweitesmal wiederholen will, indem ich die Worte eines anerkannten
Meisters zu diesem Behuf borge. W. Nernst sagt in seiner Rede: Das
Weltgebäude im Lichte der neueren Forschung (1921): „Im
Anschluß an die
Durchforschung der radioaktiven Erscheinungen sind wir, insbesondere
dank den Arbeiten von Rutherford und Bohr, zu tiefen Einblicken in die
Konstitution der Atome chemischer Elemente gelangt. Hiernach besteht
jedes Atom aus einem positiv geladenen, schweren Kern, um den die viel
leichteren, negativen Elektronen, die Elementaratome der negativen
Elektrizität, kreisen. Durch die denkwürdige Entdeckung von
Professor v. Laue wurde man sogar in den Stand gesetzt, sämtliche
Elemente nach der Zahl der Ladungen des Kernes, oder, was dasselbe ist,
nach der Zahl der umlaufenden Elektronen, in eine Reihe zu ordnen, sie
mit anderen Worten, mit Sicherheit zu numerieren. Die Ordnungszahl des
höchsten (d. h. des schwersten) uns bekannten Elementes, des
Urans, beträgt 92“.
Man
sieht, es wird von uns eine Ableugnung des Sinnenzeugnisses gefordert,
welche noch größere Ansprüche an unsere Glaubenskraft
erhebt, als die Lehre von der unbeweglichen Sonne, die doch unsere Erde
zu umkreisen scheint. Alle die harten Körper, von denen wir
umringt sind, sollen aus solchen Atomen bestehen; wo wir unbedingte
Unbeweglichkeit wahrnehmen, kreisen ungezählte Billionen von
Elektronen unaufhörlich mit größter Schnelligkeit um
ihre Sonne herum. Wir müssen uns einen ganz anderen Begriff von
Härte und Undurchdringlichkeit machen. Nicht genug mit diesem
Umsturz in unseren
61
Die
Wissenschaft der Kräfte
Grundvorstellungen von
der uns umgebenden Welt, wankt auch das Grundgebäude aller
Wissenschaft des Stoffes. Denn es wird uns gelehrt, daß in
manchen Fällen ein Teil der Atome beständig in
Explosionszustand übergeht, und, indem sie negative und positive
Teilchen abspalten, neue Elemente hervorbringen; also wird die
Umwandelung eines Elementes in ein anderes Element behauptet. Und da
die Schnelligkeit, mit der dieser Vorgang sich vollzieht, wenigstens in
gewissen Fällen sich berechnen läßt, hat Rutherford die
„Lebenslänge“ gewisser Elemente bestimmt; z. B. hat er von einem
der Elemente, die am schnellsten sich verwandeln — dem Uranium —
festgestellt, daß es eine Lebensdauer von sieben Millionen
fünfhunderttausend Jahren hat. Wirft die Auffassung von der Welt
bewegter Atome, die uns umgeben soll, unser Sinnenzeugnis über den
Haufen, so zerstört die Lehre von der Umwandelung der Elemente
ineinander, einen der grundlegenden Sätze der Chemie, das Gesetz
von der Unwandelbarkeit der Elemente, — ein Gesetz, ohne das es keine
Chemie gäbe. Daher leisten noch manche Erforscher des Stoffes
Widerstand gegen die neuen Lehren über die Atome, doch sind die
bedeutendsten heutigen Chemiker alle halbe Physiker — wie der oben
angeführte Nernst —‚ und es hat keinen Anschein, daß die
Physiker nicht das Feld behaupten. Wir müssen uns gewöhnen
umzudenken!
So
mager auch diese Skizze der Idee des Atoms ausgefallen ist, ich glaube,
sie wird genügt haben, den Leser zu überzeugen, daß —
wie ich es Anfangs behauptete — sie zu jeder Zeit ein hoher Grad von
Anschaulichkeit ausgezeichnet hat, während sie auf der anderen
Seite stets zu undenkbaren Gedanken führt; das gilt von
Kanâda an bis heute. Wie dem auch sei, man wird nicht leugnen
können, daß diese idee zu den fruchtbarsten gehört, und
daß heutzutage kaum eine andere Vorstellung ihr an plasti-
62
Die
Wissenschaft der Kräfte
schem Reichtum und
dadurch an fördernder Gedankenfülle gleichkommt.
§
35.
Zusammenfassung.
Indem
ich den Leser in den leitenden Grundsatz aller Wissenschaft der
Kräfte einführte, habe ich ihn gleichsam in das Gewissen
dieser Wissenschaft eingeführt; mit der leitenden Grundmythe gab
ich ihm den Schlüssel zu ihrer Traumwelt in die Hand, und mit dem
leitenden Grundgedanken lernte er ihre Schätze an Dichtungskraft
kennen. Von dem ersteren kann man sagen, es gleiche einem Gebote: so
mußt du denken, wenn eine Wissenschaft der Kräfte
möglich sein soll — du hast keine Wahl; das Zweite bietet die
Hilfe einer großartigen Anschauung, aber überallhin durch
Unanschaubares begrenzt; das Dritte endlich liefert einen der
fruchtbarsten Gedanken, der unerschöpflich an hilfreichen
Einfällen ist und lediglich unter dem Umstand leidet, daß er
nach jeder Richtung hin in undenkbare Gedanken mündet. Diese drei
Grundprinzipien der Wissenschaft der Kräfte haben alle drei, wie
man sieht, etwas Gewaltsames an sich, und wir lernen gleich hier am
Anfang erkennen, daß die Wissenschaft der Natur überall in
geheimnisvollen Tiefen wurzelt. Und zwar betreffen die Geheimnisse in
diesem Falle — wie nicht anderes zu erwarten war, wo alle Methoden des
architektonischen Aufbaues mathematische sind — ebenfalls das
mathematische Gebiet.
Übrigens wäre es angezeigt, hier von fünf Begriffen zu
sprechen, nicht bloß von drei. Professor Silvanus P. Thompson
erinnert uns daran in seinem „Leben Lord Kelvins“: Die Tendenz der
modernen höheren Physik in Bezug auf die Frage nach dem Bestand
der Materie, neigt zur Annahme von den fünf folgenden Begriffen:
1. dem Ä t h e r, das ist das p l e
n u m, das den Raum ausfüllt; 2.
63
Die
Wissenschaft der Kräfte
das E l e c t
r o n,
vorgestellt als einen Knoten in dem Äther, wahrscheinlich von
zwiefacher Art; 3. das A t o m, zusammengesetzt aus
Elektronen im
Äther; 4. das M o l e k ü l, eine
besondere Gruppe von Atomen
(oder in einigen Fällen nur ein Atom); 5. die M a s s
e, eine
Anhäufung von Molekülen. Diese fünf Begriffe umfassen
alle Vorstellungen, die man sich heutzutage über den Stoff macht.
Bei
dem Grundsatz von der Erhaltung der Kraft verwickeln wir uns in
unerläßliche, aber nicht minder offenbare Sophismen
über schlummernde Kräfte, über Energie der Lage usw.
Kein geringerer, als Heinrich Hertz spottet in der Einleitung zu
seinen: Prinzipien der Mechanik. „Wir sehen etwa ein Stück Eisen
auf dem Tische ruhen, wir vermuten demnach, daß keine
Bewegungsursachen, keine Kräfte, daseien. Die Physik, welche auf
unsere Mechanik aufgebaut, und durch dies Fundament notwendig bestimmt
ist, belehrt uns eines anderen. Jedes Atom des Eisens wird zu jedem
anderen Atom des Weltalls durch die Gravitationskraft hingezogen. Jedes
Atom des Eisens ist aber auch magnetisch und dadurch mit jedem anderen
magnetischen Atom des Weltalls durch neue Kräfte verbunden. Aber
die Körper des Alls sind auch erfüllt mit bewegter
Elektrizität, und von diesen bewegten Elektrizitäten gehen
weitere verwickelte Kräfte aus, welche an jedem magnetischen Atom
des Eisens ziehen. Und insofern die Teile des Eisens selbst
Elektrizität enthalten, haben wir wieder andere Kräfte in
Betracht zu ziehen; neben diesen dann noch verschiedene Arten von
Molekularkräften. Einige dieser Kräfte sind nicht klein;
wäre von allen Kräften nur ein Teil wirksam, so könnte
dieser Teil das Eisen in Stücke reißen. In Wahrheit aber
sind alle Kräfte so gegeneinander abgeglichen, daß die
Wirkung der gewaltigen Zurüstung Null ist; daß trotz tausend
vorhandenen Bewegungsursachen Bewegung nicht
64
Die
Wissenschaft der Kräfte
eintritt; daß das
Eisen eben ruht. Wenn wir nun diese Vorstellung unbefangen Denkenden
vortragen, wer wird uns glauben? Wen werden wir überzeugen,
daß wir noch von wirklichen Dingen reden, und nicht von Gebilden
einer ausschweifenden Einbildungskraft?“ Man sieht, wohin solch ein
Grundsatz uns führt, und man begreift es, wenn Hertz gesteht: „wir
selbst aber werden nachdenklich werden, ob wir wirklich die Ruhe des
Eisens in einfacher Weise geschildert und abgebildet haben“. Die
Verwickelung aber läßt sich nicht vermeiden; sie ist der
Preis, den man bezahlen muß, um Einheitlichkeit in die
Gesamtauffassung der Phänomene der Natur zu erhalten.
Nicht
minderen Schwierigkeiten begegnen wir bei der Mythe des Äthers;
ich machte schon oben darauf aufmerksam. Einige Neueren haben — durch
die Sophismen Einsteins dazu verführt — geglaubt, den gordischen
Knoten am besten zu durchhauen, indem sie die Vorstellung des
Äthers ganz aufgaben; doch, da schwanden Raum und Zeit ebenfalls
dahin, und es blieb ein leerer Gedankenhokuspokus. Da kommen wir doch
weiter, wenn wir einem Forscher, wie Paul Lenard uns zur Führung
anvertrauen, welcher lehrt: “der Äther, das bisher angenommene
Medium des Lichts und der anderen elektromagnetischen Strahlungen, der
elektromagnetischen Kräfte überhaupt, und auch der
Gravitation, ist kein fester, kein flüssiger und kein
gasförmiger Körper; er ist überhaupt nicht Materie,
sondern er ist die andere Stoffart, die zusammen mit der Materie den
Raum ausfüllt, zusammen mit ihr die gesamte materielle Welt
ausmacht und deren Erscheinungen hervorbringt. Dennoch war es und ist
es noch immer für den Menschen das Gegebene, den Äther in
Vergleich mit der Materie zu stellen; denn von der letzteren, als den
Sinnen unmittelbar zugängig, stammt unsere ganze Anschauung, die
wir von den Vorgängen in der materiel-
65
Die
Wissenschaft der Kräfte
len Welt überhaupt
haben. Von den Vergleichen mit der Materie aus müssen wir sehen,
weiterzukommen zu einem Bilde des Äthers, wie er eben wirklich
ist, dessen einzelne Züge der Erfahrung entnommen werden
müssen, die aber über den Äther nur spärlich
fließt, da alles, was ihn betrifft, der Einrichtung unserer
Sinnesorgane nach, nur auf Umwegen von uns ergründet werden kann.
Es ist dem Menschen nicht gegeben, seinen Sinnen nicht offenbare
Wirklichkeiten frei zu erfinden; er muß abwarten, bis die Natur
ihm genügende Einblicke dazu erteilt hat. Nur ganz allmählich
können wir also zu Vorstellungen vom Äther vordringen, die
weiter und weiter von unzutreffender Anlehnung an die Materie sich
entfernen und diejenige selbständige, durch die Erfahrung gegebene
Eigenart aufweisen, die ihnen allein vollen Wert verleihen kann“
(Äther und Uräther). So schwebt denn die Mythe des
Äthers wahrheitsträchtig uns vor den Augen, ohne daß
jemals die Hand sie würde erfassen können: eine echte Mythe!
Und
was der Gedanke an Atome von uns an Phantasiekunststücken
erfordert, geben die besonnensten Forscher ohne weiteres zu. So
bezeichnet z. B. Walther Nernst in seiner „Theoretischen Chemie“ die
oben geschilderte Hypothese des einem Sonnensysteme gleichenden Atom
aufbaues als eine „zunächst sehr kühne Auffassung“ und
urteilt: „auf den ersten Blick scheint die Rutherfordsche
Atomzerfallhypothese womöglich noch seltsamer zu sein, als die
Radioaktivität selber“ (II. Buch, 11. Kap.). Und trotz dieser
„Kühnheit“ und dieser „Seltsamkeit“ setzt sich mit dem ganzen
großen Gewicht seiner Autorität der genannte Gelehrte
für die Deutung Rutherfords ein. Das höchste Denken ist eben
Dichten — nicht weniger in den Naturwissenschaften, als an anderen
Orten.
Ich
beabsichtige, nicht mehr zu sagen über die Wissenschaft der
Kräfte, denn jeder Schritt weiter wäre ein
66
Die
Wissenschaft der Kräfte
Schritt ins Technische
hinein, desgleichen diesem Buche verwehrt bleibt. Ich fürchte
freilich, es ist mir nur halb gelungen, dem Technischen auszuweichen,
weil diese Wissenschaften der Kräfte und des Stoffes so
ausschließlich technisch sind, daß man gar nicht von ihnen
reden kann, ohne die Technik zu berühren. Ich kann nur den Leser
bitten, sich nicht dadurch beirren zu lassen, und zu empfinden,
daß es mir lediglich auf die Mitteilungen geistiger Stimmungen
ankam: so muß man fühlen und denken, wenn man sich mit
dieser Wissenschaft befassen will.
67
Die Wissenschaft des Stoffes
§
36. Warum man
nichts sagen kann über die Wissenschaft des Stoffes.
Indem
ich die Feder ergreife, um über die Wissenschaft des Stoffes zu
reden, bemerke ich, daß ich womöglich noch mehr gefesselt
bin, als beim vorigen Abschnitt über die Wissenschaft der
Kräfte. Es gibt eigentlich gar nichts über Chemie zu sagen,
es handelt sich lediglich um ein Tun, gefolgt von einem Beobachten und
einem treuen Sichmerken. Diesem Sichmerken kommt nun zur Hilfe ein
Gerüst von Annahmen — genannt Theorien, so daß ich anderen
Orts habe von dieser Wissenschaft sagen können: „keine andere
Wissenschaft vereinigt in solchem Maße die Eigenschaften des ganz
Konkreten und des rein Theoretischen: nicht ein Schritt kann getan
werden, ohne zu sehen, und zwar so „Gedankenfernes“, so
ausschließlich Stoffliches zu sehen, daß der Lernende
zunächst nicht begreift, was und warum er sehen soll; denn von
Natur aus sehen wir nur, insofern wir denken — es geschehe bewußt
oder unbewußt, es werde Richtiges oder Falsches gedacht,
gleichviel; und daher kommt es, daß die Chemie eine theoretische
Wissenschaft im höchsten Grade ist, in der ohne Theorie
ebensowenig ein Schritt getan werden kann, wie ohne Anschauung. Da aber
hier zu den Theorien eigentlich gar kein Gedankenstoff vorliegt, so
müssen sie rein aus der Phantasie des Menschen geboren werden...
Ein — wenn ich mich so ausdrücken darf — geradezu armseliger
Befund erfährt eine vollkommene Verwandlung, sobald die
menschliche Phantasie sich selbstherrlich
68 Die
Wissenschaft des Stoffes
dieses Befundes
bemächtigt hat; aus dieser Ehe zwischen Empirie und Theorie
entstehen dann unabsehbare Ergebnisse, die auch die Praxis unseres
Lebens von allen Seiten durchdringen und neugestalten.“
§
37. Der erste Lehrgang.
Das
Erste, was vom Neuling in dieser Wissenschaft gefordert wird, ist
symbolisch für alles Folgende; darum sei diesem Gegenstand ein
Absatz gewidmet.
Besagter Neuling wird vor einen Tisch geführt, bedeckt mit
Flaschen, enthaltend sogenannte Reagenzien (Prüfungsmittel); schon
für gewöhnliche Fälle ist die Anzahl dieser Reagenzien
eine ziemlich stattliche. Ich finde in meinem Laboratoriumbuch notiert:
verdünnte Schwefelsäure, konzentrierte Schwefelsäure.
Salpetersäure, Chlorwasserstoffsäure, Bleiacetat,
Natronlauge, Kalilauge, Ammoniak, Schwefelammonium, Ammoniumkarbonat,
Natriumkarbonat, Natriumphosphat, Schwefelwasserstoff, Chlorbarium,
Silbernitrat, Ferrocyankalium, Kaliumoxalat, Kaliumnitrit,
Quecksilberchlorid, Magnesiumsulfat, Kaliumbichromat, Kalkwasser,
Weingeist, Alkohol; außerdem Stücke von Zink, Eisen und
Cadmium, und wer weiß wieviel meinem Gedächtnis nicht
gegenwärtig sein mag, wieviel vom Wichtigsten, sind doch mehr als
vierzig Jahre vergangen, seit ich erstmals als ein solcher Neuling
verworren und klopfenden Herzens vor dem Versuchstisch stand! Als erste
Aufgabe erhält man mehrere Gläser mit Lösungen von
bekannten Stoffen und man hat sich durch den Augenschein zu
überzeugen, daß die in den Büchern angegebenen
Reaktionen tatsächlich stattfinden, und unter welchen begleitenden
Umständen — kurz, man muß ganz allein Auge werden und sich
üben „chemisch zu sehen“. Zu diesem Behuf nimmt man ein
fingerförmiges Probiergläschen nach dem anderen, gießt
etwas aus dem einen
69 Die
Wissenschaft des Stoffes
Glas
hinein, und fügt dann einige Tropfen eines der Reagenzien hinzu;
paßt dann auf, ob ein Niederschlag entsteht, oder nicht, und was
für einer, d. h. wie gefärbt, ob er Gase entwickelt oder
sonst irgendeine auffallende Eigenschaft kundtut. Dann nimmt man ein
zweites Probiergläschen und versucht es mit einem zweiten
Prüfungsmittel usw. Oder aber man prüft, ob der entstandene
Niederschlag durch die Einwirkung eines anderen Mittels wieder
aufgelöst wird, um vielleicht durch ein drittes Mittel nochmals
gefällt zu werden, und zwar als ein anders gefärbter
Niederschlag. Diese Niederschläge sind neue chemische
Verbindungen, und durch ihre Hilfe enträtselt sich nach und nach
die Natur des ursprünglich zur Untersuchung ausgewählten
Stoffes. Auf dem Tisch steht noch ein Apparat, der bisher
unerwähnt blieb; ein Gasbunsenbrenner, mit einer besonderen
Vorrichtung versehen, welche die Flamme sozusagen in ihre einzelnen
Bestandteile auseinanderlegt, welche Teile eine verschiedene Wirkung
auf die Körper ausüben, die man hineinhält;
außerdem ein Platindraht und ein kleiner Platinteller, die dazu
dienen, das Verhalten fester Körper in der Flamme zu beobachten;
schließlich ein sehr wichtiges Stück — das Lötrohr, mit
welchem ebenfalls trockene Körper bearbeitet werden. Zu
erwähnen bleibt noch ein Filtrierapparat und ein Apparat zum
Destillieren, und bald kommt auch das Spektroskop hinzu. Mit diesem
Apparat versehen, befindet sich der Neuling vor einer grenzenlosen
Empirie (Tatsachenmaterial), und es bleibt nur zu verwundern, wie
verhältnismäßig bald der Instinkt sich auf den neuen
und anscheinend so planlosen Stoff einstellt. Handelt es sich um einen
Parallelismus zwischen Menschengeist und Naturvorgängen, oder um
eine Kraft der Suggestion stammend von den Vorgängern auf dieser
Bahn?
70 Die
Wissenschaft des Stoffes
§
38. Spätere
Studien.
Aber
hiermit habe ich nur den kleinsten und einfachsten Teil der Aufgabe
geschildert, vor die sich der angehende Chemiker gestellt sieht: nur
die qualitative Analyse der unorganischen Stoffe, d. h. nur die
Bestimmung der stofflichen Bestandteile der nicht aus der
Tätigkeit des Lebens stammenden Stoffe. Dazu kommt noch die
quantitative Analyse, d. h. die peinlich genaue Bestimmung der
relativen Stoffmengen in jedem Körper. Wir haben schon bei den
Atomen gesehen, welche große Bedeutung der genauen Bestimmung der
verhältnismäßigen Menge von jedem Element in einem
Stoffe zukommt. Hiermit beginnt erst die eigentliche Wissenschaft des
Stoffes und zugleich die Technik der praktischen Chemie. Fast jede der
tausend und abertausend Manipulationen bezweckt ein Messen, ein
Wägen, ein Zählen. Und dazu kommt noch das uferlose Gebiet
der organischen Chemie, d. h. der Wissenschaft der Stoffe, die ihr
Entstehen dem Leben verdanken, und die nach anderen Methoden erforscht
werden wollen. Zu meiner Zeit rechnete man fünfzehn Jahre bei
einem gutbegabten und -geleiteten Mann, bis man behaupten durfte, er
sei auf diesem ganzen Gebiet sattelfest; jedoch zur Beherrschung des
Ganzen ist es keinem Menschen gegeben, zu gelangen, Meisterschaft kann
nur innerhalb eines kleinen Teiles erzielt werden.
So
würde denn diese Wissenschaft an ihrer eigenen Stoffülle
zugrunde gehen, wenn nicht die Phantasie mit kühnen Gebilden zur
Hilfe herbeikäme. Da haben sich in letzter Zeit verschiedene
hervorragende Physiker als Wohltäter der Chemie hervorgetan, indem
sie Ordnung in die unübersichtliche Unmenge von
Erfahrungstatsachen durch Theorien hereinbrachten: ich nenne nur
Ostwald, Svante Arrhenius, J. J. Thomson. Durch die Tätigkeit
71 Die
Wissenschaft des Stoffes
dieser Männer und
ihrer zahlreichen Genossen ist die Chemie nach und nach eine immer
„gelehrtere“, mehr mathematische Wissenschaft geworden. So entzieht sie
sich von beiden Seiten einer Veranschaulichung für Laien: auf der
einen Seite durch
die Massenhaftigkeit der — einzeln betrachtet — völlig
interessenlosen Tatsachen, auf der anderen Seite durch die abstrakt
mathematisch-technischen Vorstellungen, in denen die Tatsachen Gestalt
finden.
Übrigens verhält es sich eigentümlich mit diesen
chemischen Theorien. Wohl stehen sie klipp und klar in den
Lehrbüchern da; wer aber tiefer auf den Grund geht,
entdeckt, daß hier eine Art von Betrug obwaltet. Einer von den
ersten großen Chemikern des 18. Jahrhunderts, Claude Louis
Berthollet, machte aufmerksam, „daß es reine Stoffe im strengen
Sinne nicht gibt, da bei der Entstehung eines jeden Stoffes auch alle
anderen möglichen mitentstehen müssen“. Wozu Wilhelm Ostwald
bemerkt: „Ich will gleich erwähnen, daß dies im bestimmten
Sinne auch das Ergebnis der heutigen Wissenschaft ist“ (Leitlinien der
Chemie, 1906, S. 39). „Diese allgemeine Auffassung, daß kein
chemischer Vorgang absolut zu Ende geht, bringt dann notwendig auch den
Schluß mit sich, daß es reine Stoffe im strengen Sinne
nicht gibt, da bei der Entstehung eines jeden Stoffes auch alle anderen
Möglichen mitentstehen müssen... und daraus folgt notwendig,
daß alle unsere Präparate Gemenge von wechselnder
Zusammensetzung sind“ (ebenda, S. 40). Und was gilt von den sogenannten
„Gesetzen“? Von den grundlegenden Gay-Lussacschen erfahren wir: diesem
Gesetz entspricht nicht ein w i r k l i c h e s,
sondern nur ein i d e a l e s
Gas... es ist für wirkliche Gase nur ein Annäherungsgesetz
oder ein Grenzgesetz ¹).
—————
¹) Das betreffende Gesetz bezieht sich auf das
Verhältnis zwischen Temperatur und Volumen, und besagt, daß
pro Celsiusgrad der
Betrag der Volumausdehnung der gleiche ist.
72 Die
Wissenschaft des Stoffes
Ja,
Ostwald hält „den Atombegriff für die Darstellung und das
Verständnis der chemischen Grundtatsachen für entbehrlich“
(ebenda, S. 153). Er bemerkt dazu: „Während fast eines
Jahrhunderts ist die Gesamtheit der wissenschaftlichen Ergebnisse auf
diesem Gebiet ausschließlich in den Formen der Atomtheorie
dargestellt und mitgeteilt worden, und die entsprechenden Formen sind
so ausgebildet, ja die ganze Forschung ist unwillkürlich solche
Wege gegangen, daß eine gegenseitige Anpassung unserer Kenntnisse
und jener Anschauungsweise eine Notwendigkeit ist...“ „Daß
diese Schematisierungen sich ausschließlich an die Atomhypothese
gehalten haben, ist allerdings ein geschichtlicher Zufall, dessen
unbedingte Notwendigkeit man nicht anzunehmen oder zuzugeben braucht“
(ebenda, S. 154 und 158). — Man sieht, allüberall schwebt es und
wankt es auf dem Gebiete der chemischen Theorie, und das ist kein
Wunder, handelt es sich doch um ganz undurchsichtige Vorgänge.
73
Die
Wissenschaft des Weltalls
Der
Standpunkt.
Der
ausschlaggebende Wert, den Kant der Betrachtung der Gestirne für
die produktive Einbildungskraft des Menschengemütes zuschreibt,
ist allgemein bekannt; überall findet man die Worte
angeführt: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer
neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: d e
r b e s t i r n t e H i m m e l
ü b e r m i r, u n d d a
s m o r a l i s c h e G e s e t z i n
m i r“ (Kritik der
praktischen Vernunft, Beschluß). Selten aber begegnet man dem
nachfolgenden ergänzenden Satz, welcher lautet: „Beide darf ich
nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im
Überschwenglichen,
außer meinem Gesichtskreise, suchen, und bloß vermuten; ich
sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem
Bewußtsein meiner Existenz“. Die beiden sollen nicht zu
Schwärmerei anregen, sondern vielmehr zu fruchtbaren Gedanken und
Erkenntnissen. Kant fährt fort: „Das erste (der bestirnte Himmel)
fängt von dem Platze an, den ich in der äußeren
Sinnenwelt einnehme, und erweitert die Verknüpfung, darin ich
stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über Welten und
Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten ihrer
periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das Zweite (das
moralische Gesetz in mir) fängt von meinem unsichtbaren Selbst,
meiner Persönlichkeit an, und stellt mich in einer Welt dar, die
wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande spürbar ist, und
mit welcher (dadurch aber auch zugleich mit allen jenen sichtbaren
Welten) ich mich, nicht wie dort in bloß zufälliger, sondern
allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne.“ Jedes einzelne
Wort verdient
74 Die Wissenschaft des Weltalls
unsere Beachtung. „...
nicht im Überschwenglichen, außer unserem Gesichtskreis
suchen“, wie so häufig geschieht bei Betrachtung der Gestirne, wo
ungeheure Zahlen uns trunken machen, anstatt, daß wir uns einfach
sagen: „ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit
dem Bewußtsein meiner Existenz“. So soll der Mensch
zusammenwachsen mit dem ihm umgebenden Weltall, und die nötige
Unendlichkeit erhält er von dem „moralischen Gesetz in ihm“,
welches „ihn darstellt in einer Welt, die wahre Unendlichkeit hat, und
mit welcher er zugleich mit allen jenen sichtbaren Welten in
allgemeiner und notwendiger Verknüpfung sich erkennt“. Ja,
hineinwachsen soll der Mensch in das ihn umgebende Weltall, er soll den
bestirnten Himmel über ihm als seine Heimat erkennen, voll
Vertrauen, daß er ihre Geheimnisse wird enträtseln
können, — gehört er doch organisch zu ihr und ist ihren
gigantischen Verhältnissen gewachsen.
Der
große Gedanke der Solidarität zwischen dem moralischen
Gesetz in uns und dem uns umgebenden Weltall, indem jeder von beiden
gleichsam die Bürgschaft für die Realität, d. h. die
Wirklichkeit des anderen, übernimmt, ist wohl wert, in erster
Reihe hervorgehoben zu werden. Die Gefahr liegt nämlich sehr nahe,
daß der erste Eindruck des bestirnten Himmels auf das Gemüt
sich nach und nach verflüchtige und einer Überfülle von
Zahlen, von physikalischen und mathematischen Formeln das Feld
räume, wodurch das heimatliche Gefühl — das Gefühl der
Nähe der Sterne und des Verwobenseins mit ihnen — verloren geht.
Das darf nicht sein! Das subjektive Gefühl des Gewachsenseins
jeder Großartigkeit der Verhältnisse, gehört zum
Verständnis der astronomischen Tatsachen. Goethe macht aufmerksam,
welche Gefahr darin liegt, sobald der Mensch den Maßstab des rein
Menschlichen, „die ganz natürliche Art, die Sachen anzu-
75 Die Wissenschaft des Weltalls
sehen und zu beurteilen“,
den einzigen allgemein verständlichen, allgemein gültigen,
Maßstab aus den Augen verliert; da irrt er herum im Ungeheuren:
im ungeheuer Großen, im ungeheuer Kleinen, im ungeheuer
Verwickelten; Zahlen, bei denen keiner sich etwas vorzustellen vermag,
weil sie kein Verhältnis zu dem Maßstab unseres eigenen
Wesens und Daseins, zu den uns Menschen angewiesenen Tagen und Jahren,
besitzen, häufen sich um uns, und sollen Eindruck auf uns machen.
Hierbei üben die sonst aller Bewunderung würdigen Instrumente
— Teleskop, Spektroskop usw. — „wodurch wir unseren Sinnen zu Hilfe
kommen, keine sittlich günstige Wirkung auf den Menschen aus...
der äußere Sinn wird dadurch mit der inneren
Urteilsfähigkeit außer Gleichgewicht gesetzt“. Inzwischen
hat — Hand in Hand mit dieser widernatürlichen Erweiterung des
Horizontes — das Subjekt nach und nach immer mehr an Bedeutung
verloren, erst ward es äußerlich immer nichtiger und
nichtiger; der Mensch ward ein Wurm auf einem dunklen Wandelsterne,
welcher durch die Finsternis des Weltenraumes ziellos dahinrast; dann
ward der Stern selber immer kleiner, bis er jetzt — wie wir's in einem
früheren Kapitel sahen — mit dem Atom in dem Molekül eines
chemischen Körpers verglichen wird, denn zwischen solchen Atomen
sollen ähnliche Verhältnisse obwalten, wie zwischen den
Gliedern eines Sonnensystemes. „Das Erhabene durch Kenntnisse nach und
nach zerpflückt, tritt vor unserem Geist nicht leicht wieder
zusammen, und so werden wir um das Hohe gebracht, das wir
genießen können, um die Einheit, die uns in vollem
Maße zur Mitempfindung des Unendlichen erhebt, wogegen wir bei
vermehrter Kenntnis immer kleiner werden“ (Maximen und Reflexionen,
1139).
Man
merkt, wie Goethe hier mit Kant zusammentrifft. Kant hatte auf die
Notwendigkeit aufmerksam gemacht,
76 Die
Wissenschaft des Weltalls
den inneren Menschen zu
stählen, ihn gleichsam über sich selber hinauszusteigern,
sollte er die Fähigkeit erhalten, es mit den Erscheinungen des
Weltalls aufzunehmen, und wies zu diesem Behuf auf ein Erwachen des
Bewußtseins des moralischen Gesetzes in ihm, wodurch er sich in
einer Welt dargestellt findet, „die wahre Unendlichkeit hat“ und durch
welche er sich als „mit allen jenen sichtbaren Welten nicht in
bloß zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger
Verknüpfung“ erkennt. Und Goethe lehrt: „es kommt jetzt besonders
auf Ausbildung des Subjekts an, daß es so rein und tief als
möglich die Gegenstände ergreife, und nicht bei mittleren
Vorstellungsarten stehen bleibe, oder wohl gar sich mit gemeinen helfe“
(Brief an Jacobi, v. 17. Oktober 1796). Wohl hat Goethe nicht allein
die Sternkunde bei diesen Worten im Sinn, sondern die Wissenschaften
überhaupt; desto gewichtiger fallen sie in die Wagschale, und
gewiß ist die Stimmung, auf die Kant hindeutet, als Erfolg des
unmittelbaren Eindrucks der Welt der Gestirne auf ein
empfängliches Gemüt geeignet, wie keine zweite, uns zu
veranlassen, die Gegenstände „so rein und tief als möglich zu
ergreifen“.
Dies
also ist der erhabene Standpunkt, von dem aus die zwei
größten Denker der Deutschen uns auffordern, an das Studium
des Weltalls heranzutreten.
Die
großen Zahlen.
Niederdrückend auf das Gemüt und verdummend auf den Verstand
wirken die Zahlen, wie sie in den meisten Werken über Astronomie
gebracht werden. Sagt man uns z. B. — unter dem Vorwande, uns einen
Begriff von der Größe der Entfernung zu geben, die uns von
dem Polarstern trennt — ein Expreßzug von der Schnelligkeit von
sechzig Kilometern die Stunde würde 722 Millionen Jahre
ununterbrochen laufen müssen, so führt man die Phanta-
77 Die Wissenschaft des Weltalls
sie irre durch ein
völlig ungereimtes Bild. Es besteht eben keine Vergleichbarkeit
zwischen dem Gang eines Expreßzuges und den Verhältnissen
der Gestirne, zwischen den Leistungen eines menschlichen Artefakten,
eines Erzeugnisses menschlicher Erfindungskraft und menschlichen
Fleißes auf der einen Seite, und auf der anderen kosmischer
Schöpfungen. Kein Mensch kann sich etwas unter 722 Millionen
Jahren vorstellen; die dreifache oder zehnfache oder hundertfache Zahl
würde genau denselben Eindruck machen, und ebenso entsprechend
kleinere Zahlen.
Es wird ein nebelhaft unbestimmter Eindruck von
Unermeßlichkeit hervorgebracht, weiter nichts. Man dürfte
nur in „Lichtjahren“ reden: das Licht legt 300 000 Kilometer in der
Sekunde zurück, die Strecke, die es demgemäß in einem
Jahr zurücklegt, heißt ein Lichtjahr; und vernimmt man
jetzt, daß das Licht 42 Jahre vom Polarstern bis zur Erde
braucht, so verfügt man über eine halbwegs vorstellbare
Vorstellung, denn wir Menschen wissen, was 40 Jahre zu bedeuten haben.
Auch eintausend Jahre, oder sogar mehrere tausend Jahre sind uns aus
der Geschichte geläufige Vorstellungen.
Ebenso, wie in Bezug auf Zeit, wird in Bezug auf Raum viel
gesündigt. Die riesigen Verhältnisse, die in der Sternenwelt
obwalten, werden benutzt, um unsere Phantasie zu erdrücken.
Nachdem die Sonne ausgebeutet worden ist, als alle Vorstellbarkeit
übertreffendes Gebilde, müssen wir erfahren, daß die
Sonne zu den kleineren Sternen gehört, und daß es welche
gibt, die sie um das Zehnfache übertreffen, ja, um noch weit mehr!
Hierauf ist zu erwidern, erstens, daß dem Stoff gegenüber
Größe sozusagen nicht existiert; „obwohl nämlich
für uns die Vorstellung Raum an den Gedanken von Stoff
anknüpft, ist der Stoff selber dem Raum gegenüber völlig
indifferent; Begrenzung — und mit ihr Gestalt — schafft hier wie
überall nur das
78 Die Wissenschaft des Weltalls
Leben; außerhalb
des Lebens steht, wenn ich so sagen darf, stets der ganze Stoff und die
ganze Kraft zur Verfügung, und das heißt ein Unbegrenztes.“
(Chamberlain, Im. Kant,
Platovortrag.) Somit haben wir keine
Veranlassung, über die verhältnismäßige
Größe der Sterne uns besondere Gedanken zu machen, es
genügt, wenn wir die Tatsachen zur Kenntnis nehmen. Weit
interessanter ist es, von der Theorie Eddingtons zu erfahren, nach
welcher die Massen aller uns sichtbaren Sterne nahezu von derselben
Größenordnung sein müssen: es gibt ein bestimmtes
Höchstmaß und ein bestimmtes Mindestmaß. „Sterne mit
kleineren Maßen, so lehrt die Theorie, können nicht
genügend hohe Temperaturen erreichen, daß sie uns als
selbstleuchtende Sterne sichtbar werden könnten. Sterne mit
größeren Maßen kann es deshalb nicht geben, weil nach
der Theorie bei so großen Maßen der Strahlungsdruck im
Stern so groß wird, daß die Anziehungskraft nicht mehr
ausreicht, die Materie zusammenzuhalten. Ein solcher Stern kann nicht
bestehen, weil der Strahlungsdruck ihn sofort nach allen Seiten
auseinandertreiben würde.“ (Newcomb-Engelmann, Populäre
Astronomie.) So erfahren wir denn, daß die Größe auch
der Sterne ihre Grenzen hat, was mehr Wert besitzt, als blendende
Schilderungen von ihrer unermeßlichen Größe.
Jedoch, neben den unstatthaften Vergleichen gibt es solche, denen man
eine gewisse Berechtigung nicht absprechen kann; so z. B. solche, die
die Leerheit des Raumes veranschaulichen sollen. Verteile man
gleichmäßig die Gestirne durch den Raum, so käme ein
Massekörnchen von der Größe eines Stecknadelkopfes im
Mittel etwa auf alle hundert Kilometer (Nernst)! In dem hübschen
kleinen Buch „Einfache Himmelskunde“ von Ph. Fauth & A. Mang,
finden wir folgende Versinnbildlichung der Verhältnisse unseres
Sonnensystems: „Jede Million Kilo-
79 Die Wissenschaft des Weltalls
meter
sei durch einen Meter dargestellt, die Verkleinerung der Wirklichkeit
also milliardenfach gewählt. Die Sonne von 1 000 000 Kilometer
Durchmesser sei als weißglühende Kugel von 1,4 Meter
Durchmesser am Ende der 4 Kilometer langen Friedrichstraße in
Berlin postiert. Der sonnennächste Planet, Merkur, bekommt in 58
Metern oder fünf Hauslängen Entfernung als Hanfkorn seinen
Platz. Venus wird als Haselnuß von 12½ Millimeter Dicke,
in
rund 100 Meter Entfernung von der Sonne niedergelegt. Sodann kommt
unser Erdenmodell von nahe 13 Millimeter Dicke als zweite
Haselnuß in rund 150 Meter Entfernung von der Sonne an die Reihe.
Als Marsmodell können wir nur eine Erbse von knapp 7 Millimeter
Durchmesser brauchen, und sie muß rund 200 Meter weit von der
Sonne entfernt werden. Indem wir darauf verzichten, die Planetoiden als
Stäubchen von 1/10 Millimeter darzustellen, schreiten wir zu den
großen Planeten und deponieren einen Jupiter von 14½
Zentimeter Größe als Kokosnuß rund 750 Meter (=
¾
Kilometer) weit, und einem 5 Zentimeter großen Uranus als
Wallnuß fast 3 Kilometer weit von unserem Sonnenmodell,
während ein Saturn von fast 12 Zentimeter als sehr großer
Apfel rund 1½ Kilometer weit abliegt. Ganz
draußen in der Fortsetzung der Friedrichstraße, in
4½
Kilometer Abstand, können wir erst unseren Neptun von 5½
Zentimeter Dicke als Orange anbringen. „Das gibt uns, so
dünkt mich, eine lebhafte Vorstellung von der Leere des
Raumes im Bereiche unseres Sonnensystems. Wollten wir im
selben Maßstab die Entfernung des uns zunächst
gelegenen Sternes ausdrücken — des Sternes Alpha im
Kentauren — so müßten wir ihn in 40 000 Kilometer
Entfernung als zweite weißglühende Kugel aufstellen‚ also
genau
einen Erdumfang weit; wäre es uns aber erwünscht,
einen etwas entfernteren Stern auszuwählen etwa Capella
im Fuhrmann — so müßten
80 Die
Wissenschaft des Weltalls
wir das Modell rund 400
000 Kilometer von der Erde entfernen, mit anderen Worten, es direkt auf
den Mond versetzen, soweit liegen die Sterne auseinander! Gesetzt den
unmöglichen Fall, ein Mensch könnte der Erde entsteigen und
durch den Weltraum mit großer Schnelligkeit während Jahre
hindurch fliegen, es wäre tausend gegen eins zu wetten, daß
er auf kein Gestirn stoßen, sondern stets durch den bloßen
Äther schweben würde.
Das
ist eine der grundlegenden Tatsachen, die die Wissenschaft des Weltalls
aufdeckt, sie bleibt viel zu wenig bekannt und bedacht; deswegen sind
Kunstgriffe, die sie unserem Bewußtsein näherbringen,
willkommen zu heißen.
Der
Kosmos.
Das
Erfreulichste an der neuen Astronomie bildet, nach meinem
Gutdünken, der stete Fortschritt in der Entwirrung der
unabsehbaren Zahl bekannter Tatsachen: indem diese zu
großzügigen Theorien zusammengefaßt werden, entsteht
allmählich aus einem Chaos ein Kosmos, so z. B. für die
Bewegung der Sterne. Man weiß, daß diese, während so
vieler Jahrhunderte für das absolut Unbewegliche in der Natur
gehalten, alle in Bewegung sind, und zwar, je mehr man erforschte,
desto bunter wurde das Bild; es war zuletzt ein Durcheinander von
Richtungen und Geschwindigkeiten, daß die Karten, auf denen diese
Verhältnisse veranschaulicht wurden, förmlich dem Auge weh
taten. Nun ist auf einmal Ordnung in diese Wirrnis gebracht worden —
hauptsächlich durch das Verdienst des holländischen
Astronomen Kapteyn. Dieser machte aufmerksam, daß wir die Sterne
perspektivisch aus sehr verschiedenen Winkeln in Bewegung erblicken,
und daß gerade solche, die parallel miteinander gehen, von uns
aus gesehen, fächerartig auseinander zu strahlen scheinen; er
lehrte neue Methoden, um die wahrscheinlich richtige
81 Die Wissenschaft des Weltalls
Bewegungsrichtung
auszurechnen. Und siehe da! es gelang ihm wahrscheinlich zu machen,
daß alle Sterne unseres Systemes sich in zwei Richtungen bewegen,
und zwar nach zwei diametral entgegengesetzten Himmelspunkten. So sehen
wir denn sämtliche Sterne wie von zwei entgegengesetzten Fluten
getragen, durcheinander sich majestätisch bewegen, ohne einander
im mindesten zu stören, — die Astronomen reden von
zwei „Sterntriften“, und es währte nicht lange, bis sich
Kräfte regten, welche Einheit in diese Zweiheit brachten, so z. B.
lehrt Turner, daß sämtliche Gestirne in Bewegung sind um
einen gemeinsamen Mittelpunkt; wegen der äußerst
langgestreckten Bahnen entstehe der Eindruck entgegengesetzter
Sterntriften, während sie in Wirklichkeit alle eine einzige
bilden. „Die Umlaufszeiten der Sterne würden sehr groß sein;
die der Sonne schätzt Turner auf 400 Millionen Jahre.“ In so
großartiger Weise ist hier aus Chaos Kosmos geworden, und wir
verstehen, wie Alexander v. Humboldt dieses Wort — Kosmos —
verdeutschen
konnte als „Schmuck des Geordneten“.
Es ist
hier der Ort, daran zu erinnern, daß der alte Mädler schon
vor Jahren die Hypothese aufgestellt hatte, daß sämtliche
Gestirne sich im Kreislauf befänden um Alcyone in den Plejaden als
Mittelpunkt; doch hat er diese geniale Eingebung nicht auf
genügende Beobachtung stützen können.
Ein
anderes Beispiel. Eine große Anzahl von Astronomen widmen seit
Jahren den besten Teil ihrer Kraft dem Studium der Sternhaufen und der
Nebelflecke; ihre Bemühungen sind nicht ohne Erfolg geblieben, sie
haben uns zunächst scharf zu unterscheiden gelehrt zwischen drei
Klassen von Phänomenen: erstens den
verhältnismäßig nahen unregelmäßigen Nebeln,
nach Art der allbekannten Nebel im Orion und um die Plejaden — dies
82 Die Wissenschaft des Weltalls
sind echte Nebel im
eigentlichem Sinne des Wortes; zweitens den Kugelsternhaufen, die in
ungeheuren Entfernungen (bis 220 000 Lichtjahre) von uns schweben, und
drittens den Spiralnebeln, deren Entfernung noch größer, ja,
schier unermeßlich ist. Man glaubt, die Kugelsternhaufen trotz
ihrer ungeheuren Entfernung und ihrer riesigen
Größenmaße (man schätzt den Durchmesser von
einzelnen Haufen auf 470 Lichtjahre) noch zu unserem Sternensystem
zählen zu sollen, gewissermaßen als „outsiders“, als Gebilde
des äußersten Randes. Anders die Spiralnebel. In ihnen
erkennen mehrere der hervorragendsten Fachleute fremde Sternensysteme,
die ja wiederum in Beziehungen zu unsrem System stehen mögen, weil
schließlich alles zu allem in Beziehung steht, die aber als
selbständige Anhäufung von entstandenen und noch entstehenden
Welten außerhalb unserer Milchstraße sich befinden. Eine
der wichtigsten Entdeckungen der letzten Jahre ist die der großen
Anzahl dieser Spiralnebel. Man weiß, daß die Photographie
uns gleichsam mit neuen Augen begabt hat, indem — zum Unterschied von
dem menschlichen Auge — die Wirkung auf die
empfindliche Platte mit der Dauer der Belichtung wächst, statt
abzunehmen; nichts verhindert den Astronomen, an mehreren Nächten
hintereinander seine photographische Platte auf dieselbe Stelle zu
richten, und somit die Wirkung beliebig anzuhäufen. Ein
amerikanischer Astronom, Keeler, hat von 1898 an bewaffnet mit dem
berühmten Croßley-Reflektor des Lick-Observatoriums sich der
Aufgabe gewidmet, den ganzen Himmel mittelst der Photographie nach
Spiralnebeln abzusuchen. Nach einigen Jahren konnte er bereits 220 000
nachweisen; in der Fortsetzung dieser Arbeit hat es sich ergeben,
daß die Gesamtzahl dieser Gebilde bedeutend höher
einzuschätzen ist, und etwa ¾ bis 1 Million beträgt, —
so
viele Spiralnebel sind erreichbar für die opti-
83 Die Wissenschaft des Weltalls
schen Kräfte des
Croßley-Reflektors. Dies eröffnet einen ganz neuen Einblick
in das Wunderland der Schöpfung; denn ein jeder dieser Spiralnebel
stellt eine ganze Sternenwelt für sich dar, eine eigene
Milchstraßenbildung mit ihren tausenden Millionen von Sternen,
großen und kleinen, umkreist von Planeten, Kometen und Meteoren.
Dieses Bild bietet sich, wie gesagt, nicht unserem Auge unmittelbar
dar, um so mehr muß unser Denken es erfassen, oder vielmehr
heranwachsen, bis es fähig wird, diese Größe zu
erfassen. So werden wir uns würdig der Ermahnungen Kants und
Goethes erweisen.
84
Die
Wissenschaft der Erdkugel
Der
Umfang dieser Wissenschaft.
Keine
der anderen Wissenschaften stellt so hohe Ansprüche an Umfang des
Wissens und an Schmiegsamkeit des Geistes wie diese. So liegt es z. B.
auf der Hand, daß die allernächsten Beziehungen herrschen
müssen zwischen der Wissenschaft der Erdkugel und der Wissenschaft
des Weltalls; richtet sich doch die erste Frage nach dem Zusammenhang
zwischen der Erde und dem Weltganzen, nach ihrer Lage im Weltenraum,
ihrer Größe, ihren Bewegungen, ihrem Gewichte usw.: alles
Fragen, die ohne Hilfe der Astronomie nicht zu beantworten sind.
Ebenfalls hierher gehören auch alle theoretischen Gedanken
über Entstehung und Entwicklung der Erde. Nicht einen Schritt kann
man aber hier tun, ohne den Beistand der Wissenschaft der Kräfte,
deren vornehmste Aufgabe es gerade ist, den Zusammenhang zwischen den
Weltkörpern, was sie aneinander kettet und voneinander scheidet,
aufzudekken. Und welche gewaltigen Kräfte gibt es hier zu
ergründen: die vom Feuer herrührenden, die vom Wasser, die
vom Monde erzeugten Fluten, die magnetischen und elektrischen
Strömungen usw. Nicht ist es nötig hervorzuheben, wie
unentbehrlich genaueste Vertrautheit mit der Wissenschaft des Stoffes
sein muß für denjenigen, der mit der Spenderin alles Stoffes
zu schaffen sich vornimmt — der Mutter Erde: der Bestand
der Gesteine, ihre Umwandlungen, ihre Kristallisationen und
aufeinanderfolgenden Zustände, die Zusammensetzung der
Atmosphäre zu verschiedenen Zeiten, die wechselnden chemischen
Bestandteile des Ozeanwassers usw., ins Unendliche. Dank der Tatsache
aber, daß die Abdrücke früherer organischer
85 Die
Wissenschaft der Erdkugel
Geschöpfe das
Hauptzeugnis für die Geschichte der Erde abgeben, findet sich
außerdem diese Forschung vor die Notwendigkeit gestellt,
ausführlich genaue Kenntnisse in der Wissenschaft von der Gestalt
des Lebens (vergleichende Morphologie) zu besitzen, und auch nicht
unbekannt zu bleiben mit den Wissenschaften von den Verrichtungen des
Lebens (Physiologie) und von dem Leben des Lebens (Biologie). Daher
vergleicht Lyell in seinen P r i n c i p l e s
o f G e o l o g y den Geologen dem
Historiker: von
beiden glauben wir
uns berechtigt, eine Art Allwissenheit zu verlangen. „Der Historiker“,
sagt er, „sollte, wenn möglich, zugleich gründlich bewandert
in
den Wissenschaften der Ethik der Politik, des Rechtes sein, sowie der
militärischen Kunst und der Theologie; in einem Wort, mit allen
Zweigen des Wissens, durch welche Einsicht in menschliche
Angelegenheiten oder in die moralische und intellektuelle Natur des
Menschen gewonnen wird“. Es wäre nicht weniger wünschenswert,
daß der Geologe gut geschult sei in Chemie, Physik, Mineralogie,
Zoologie, vergleichender Anatomie, Botanik usw., kurz, in jeder
Wissenschaft, die Bezug hat auf organische oder anorganische Natur. Wo
sollen wir aber Männer finden, die solchen Forderungen gewachsen
sind? Jedenfalls werden es nur wenige sein, und wir müssen
erwarten, viel Unzulänglichem zu begegnen. Daher eine erste
Warnung an den Anfänger. Auf keinem anderen Gebiet treibt der
Dilettantismus so üppige Blüten, wie hier, wo es so schwer
ist, sich als echter Meister zu behaupten.
Die
Frage der Zeit.
So ist
z. B. über eine Frage unendlich viel gestritten worden
während des ganzen vorigen Jahrhunderts, bis Helmholtz
kam, und
eine Theorie aufstellte, die alle Stimmen vereinigte: ich rede von der
Frage der Zeit, d. i. von
86 Die
Wissenschaft der Erdkugel
der Dauer, die man den
kosmischen Geschehnissen zuzuschreiben hat, von dem wahrscheinlichen
Alter der Sonne, der Erde usw. Die Geologen wurden nach und nach immer
anspruchsvoller mit ihren Forderungen an Zeitspanne, während die
Kosmologen — ich weiß nicht weswegen — sich immer
zurückhaltender zeigten und mit der Zeit geizten; da kam Helmholtz
und faßte die Frage dadurch ins Enge, daß er bloß
fragte, welche Dauer man der Strahlung der Sonne zuschreiben
könnte. Es ist klar, daß alles Leben auf diesem Planeten von
den Sonnenstrahlen abhängt, und daß wir dem sogenannten
„Wärmetod“ entgegengehen, wenn die allmähliche Abnahme in der
Bestrahlung zu erwarten steht. Nach Helmholtzens Theorie ist das der
Fall. Die Quelle der Sonnenkraft sieht er in der allmählichen
Verdichtung der Sonne. Einstmals war unsere Sonne eine der sogenannten
„Riesensonnen“; heute gehört sie zu den „Zwergsonnen“ und der
Prozeß geht immer weiter; der Tag ist nicht mehr ferne, wo es zu
Ende gehen wird. Von der Bildung der Erdkruste ab bis zum heutigen Tage
sind rund zwanzig Millionen Jahre vergangen; es stehen höchstens
halb so viel noch zu erwarten. Dies ist sehr wenig, namentlich, wenn
man bedenkt, in welche Ewigkeiten uns die Welt der Sterne blicken
läßt; aus den bloßen Entfernungen zwischen den Sternen
(s. Seite 76 ff.) liest man endlose Zeiten; und so ist auch ein Nernst
gekommen, der uns von diesem Alp befreit hat, indem er eine Theorie
aufstellt, die über praktisch unbegrenzte Zeiten zu gebieten
gestattet (Nernst: D a s W e l t g e b ä u
d e i m L i c h t e d e
r n e u e n F o r s c h u n g,
1921). Er führt dort aus: „Es muß notwendig außer der
Massenanziehung noch eine andere, ungleich mächtigere
Energiequelle vorhanden gewesen sein, um die hohe Lebensdauer der
leuchtenden Sonnen zu ermöglichen. Es lag nun die Annahme nahe,
daß die radioaktiven Prozesse die erforderliche
87 Die
Wissenschaft der Erdkugel
Energie lieferten; nehmen
wir aber von den bekannten Radioelementen den günstigsten Fall,
denken wir uns, daß reiner Uranstaub zur Bildung der Fixsterne im
Sinne von Kant-Laplace benutzt wurde, so lehrt die Rechnung, daß
auch dann nur ein mäßiger Bruchteil, der während des
Fixsternlebens ausgestrahlten Wärmemenge gedeckt wird. Durch eine
einzige, zur Zeit allerdings noch hypothetische Annahme glaube ich die
vorhandenen Schwierigkeiten s ä m t l i c
h u n d
e i n f a c h zu
beseitigen... Wir erkannten oben, daß der sogenannte
Wärmetod der Materie im letzten Ende auf eine Verflüchtigung
von Materie im Weltenraume zurückgeführt werden kann, indem
die Wärmestrahlung in den Lichtäther des Weltalls wandert.
Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß gegenwärtig die Existenz
des Lichtäthers vielfach in Frage gestellt wird, und wenn auch
zugegeben werden muß, daß große Erscheinungskomplexe
sich ohne Benutzung der Lichtätherhypothese behandeln lassen, so
steht doch andrerseits fest, daß für viele Vorgänge, z.
B. um die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zu erklären, die
Hypothese eines unwägbaren Zwischenmediums nicht entbehrt werden
kann. Jedenfalls befinde ich mich in der Gesellschaft vieler
ausgezeichneter Physiker, wenn ich an der Existenz des Lichtäthers
unbedingt festhalte. Nun lehren die modernen Atomtheorien, daß
auch beim absoluten Nullpunkt noch lebhafte Bewegungen im Inneren des
Atoms stattfinden, daß also ein Teil ihrer Maße auf
Energieinhalt, wie wir sagen, auf Nullpunktsenergie, beruhe. Unter
diesen Umständen ist natürlich die einfachste Annahme die,
daß die gesamte Materie auf Nullpunktsenergie besteht. Zieht man
die weitere Konsequenz, daß diese Energie im Gleichgewicht mit
der Energie des Lichtäthers sich befindet, so läßt sich
zeigen, daß der Gehalt des Lichtäthers an Energie ganz
ungeheure Beträge besitzen muß. Wir können nun die
88 Die
Wissenschaft der Erdkugel
Hypothese aufstellen,
daß im Weltenraume durch gelegentliche Schwankungen des
Energieinhaltes des Lichtäthers Atome chemischer Elemente sich
bilden können, und müssen dann natürlich auch umgekehrt
annehmen, daß in einer Fortsetzung des sogenannten radioaktiven
Abbaues die Atome der chemischen Elemente, insbesondere die Endprodukte
des radioaktiven Abbaues, Helium- und Wasserstoffatome, wieder in die
Nullpunktsenergie des Lichtäthers sich zurückwandeln
können. So hätten wir denn also im Weltall ein
fortwährendes Kommen und Gehen der Materie anzunehmen...
Bezüglich der Art der Atome, die direkt durch die
Nullpunktsenergie des Lichtäthers gebildet werden, wollen wir noch
unsere Annahme dahin spezialisieren, daß fast oder ganz
ausschließlich sich Elemente von sehr hoher Ordnungszahl, also
Elemente, die oberhalb des Urans in der Reihe der Elemente stehen,
zugleich also sehr stark radioaktive Elemente, bilden, die in
zahlreichen Stufen, also unter viel größerer
Wärmeentwicklung, als beim Uran gemessen, radioaktiv zerfallen...
Die im Weltenraume, wenn auch ganz vereinzelt, neugebildeten Atome von
Elementen sehr hoher Ordnungszahl, vereinigen sich zunächst zu
riesig ausgedehnten kalten Nebelsternen, deren schwaches Leuchten durch
radioaktive Ausstrahlung hervorgerufen wird. Bei ihrer stärkeren
Verdichtung entsteht hohe Temperatur, die zu gewöhnlicher
Lichtstrahlung führt. Durch weiteres Zusammenfallen bilden sich
dann die heißen, sogenannten Zwergsterne, d. h. die sonnenartigen
Weltkörper. Diese Sonnen besitzen nun aber zunächst noch
einen gewaltigen Vorrat an radioaktiven Stoffen, und dieser ist es, der
ihre hohe Temperatur und damit ihre lange Wärmestrahlung solange
aufrecht erhält. Dann aber erschöpft sich dieser Vorrat
allmählich, die sehr lange Zeit ungefähr konstant gebliebene
Temperatur beginnt zu sinken, verhältnis-
89 Die
Wissenschaft der Erdkugel
mäßig rasch
geht der weiße Fixstern in einen gelben und dann rötlichen
Stern über, um schließlich zu erkalten. Der erkaltete Stern
zerfällt nunmehr mit großer Langsamkeit weiterhin
radioaktiv, und verschwindet so allerdings erst in ungeheuren
Zeiträumen, wie vorher auseinandergesetzt, gänzlich von der
Bildfläche. Inzwischen bilden sich im Mittel etwa in der gleichen
Anzahl aus den neuentstandenen radioaktiven Atomen neue Sterne. Wenn
der radioaktive Abbau, wie bei der Sonne der Fall, im wesentlichen
erschöpft ist, müssen die gewöhnlichen chemischen
Elemente stets in einem ungefähr konstanten Mengenverhältnis
vorhanden sein, d. h. die im späteren Stadium befindlichen Sterne
müssen nahezu gleiche chemische Zusammensetzung besitzen, wie es
oben bereits als wahrscheinlich erkannt wurde...
Kant
und Laplace arbeiteten lediglich mit der Gravitation als
maßgebender Kraftwirkung bei der Bildung des Sonnensystemes. Wir
müssen jetzt vermuten, daß, zumal bei der anfänglichen
Bildung der Fixsterne, infolge der mit starker Elektrifizierung
verbundenen radioaktiven Wirkungen auch Kräfte elektrischen
Ursprungs vorübergehend eine hervorragende Rolle gespielt haben.
Da sich in der Tat gezeigt hat, daß man mit der Newtonschen
Attraktion zur Erklärung der Planetenbildung nach Laplace nicht
auskommt, so sind für die künftige Entwicklung der Theorie
neue Gesichtspunkte gegeben...
Kant
sagte: „Gebt mir Materie, ich will euch eine Welt daraus bauen.“ Mag
sein, aber schließlich würde diese Welt nicht die unsrige
werden. Näher der Wahrheit kommen wir vielleicht, wenn wir sagen:
Gebt mir Materie sehr hochatomiger, radioaktiver Elemente, dann
gewinnen wir erst die ungeheuren Energiemengen, die das Weltall
durchfluten, und deren Erklärung uns Kant und Laplace noch
schuldig blieben. Und fügen wir noch hinzu: Gebt uns die
90 Die
Wissenschaft der Erdkugel
Nullpunktsenergie des
Lichtäthers, so sehen wir in unserem Geiste das Bestehen des
Weltalls gesichert von Ewigkeit zu Ewigkeit (a. a. O., S. 30—38).
In
dieser nunmehr gesicherten Ewigkeit sehen wir nun, nach jüngeren
Geologen, die Menschheit von sehr weit her gemächlich herankommen,
mindestens von der Steinkohlenzeit. „Wenn also der Menschenstamm ...
noch in das mesozoische Zeitalter zurückgeht, so muß er eben
mesozoische Formeneigentümlichkeiten damals gehabt haben und jetzt
noch voll entwickelt oder rudimentär an sich tragen; also z. B.
den opponierbaren Daumen oder den aufgerichteten Gang auf primär,
nicht sekundär verlängerten bzw. aufgerichteten Hinterbeinen.
Und das hat er. Er hat aber auch in seiner Extremität den
primitiven Formzüstand des Landtieres, wenn auch etwas
abgeändert, bewahrt, und er ist mindestens jungpaläozoischer
Herkunft.
„Mit
dieser Erkenntnis dürfen wir jetzt nach dem Gesetz der
Zeitcharaktere den Menschenstamm bis in das paläozoische
Erdzeitalter zurückführen und für seine Evolution
folgende Stadien annehmen: Zuerst muß er amphibische und
reptilhaft scheinende Merkmale besessen haben. Er hatte vielleicht mit
den Amphibien den schleppenden Gang und schwimmhautartig verwachsene
Finger und Zehen, auch wohl noch keine entschieden opponierbaren
Daumen. Mit den ältesten Amphibien und Reptilien hatte er
vielleicht einen teilweise hornig gepanzerten Körper gemein, ein
Merkmal, das überhaupt in der Endzeit der paläozoischen
Epoche als Zeitcharakteristikum ¹) insofern gelten kann, als auch
die
Amphibien mit ihrem an und für sich schleimigen,
drüsenbesetzten Hautmantel zu solcher
—————
¹) In bestimmten Zeitepochen kommen bestimmte
Gestaltungen und Organe bei den verschiedensten Typen zum Vorschein;
diese Gestaltungen und Organe werden als „Zeitsignatur“ bezeichnet.
91 Die
Wissenschaft der Erdkugel
Panzerbildung, oft an
Kehle und Brust, auch auf dem Rücken, bis zur Stärke von
Hautknochenplatten sich steigernd, übergehen. Mit beiden Gruppen
aber hatte der hypothetische Urmensch wohl ein vollentwickeltes
Parietalorgan, d. i. eine auf der Schädeldecke vollentwickelte
augenartige Öffnung, die jenen ältesten Landbewohnern
durchweg gemeinsam war, und als ein bestimmtes, bisher nicht deutbares,
wenn auch sicher augenförmig ausgebildetes Sinnesorgan gelten
darf...
Im
mesozoischen Zeitalter wird der Urmensch — er wird in vielen
Stämmen und Einzelformen verschiedener Gattung gelebt haben — im
allgemeinen sein Scheitelorgan durch Rückbildung langsam verloren
und nun seine Säugetiernatur deutlicher enthüllt haben. In
der Triaszeit finden wir die ersten als solche erkennbaren und in
diesem Sinne echten Säugetierreste; sie gehören dem Stamm der
Beuteltiere an, und nur solche findet man das ganze mesozoische
Zeitalter hindurch in seltenen Resten. Dies war die damalige Stufe des
Säugetierwerdens, eben als Zeitsignatur, und daher wird auch der
äußerlich schon säugetierhafter aussehende Mensch die
anatomischen Eigenschaften des Beuteltieres geteilt haben, wie er im
paläozoischen Zeitalter die des Reptils und Amphibiums trug. Im
mesozoischen Zeitalter erkannten wir auch die Epoche, wo der aufrechte
Gang der Landtiere angestrebt wurde; wir übertragen dies
entsprechend auf den damaligen Menschenstamm. Es war auch die Zeit, wo
die verwachsenere, ursprünglichere Extremität der
vollendeteren mit den spreizbaren Fingern und dem opponierbaren Daumen
Platz machte; so wird auch der Mensch in dieser Hinsicht uns
ähnlicher geworden sein. Das Säugetier hatte kein
Scheitelorgan mehr; der mesozoische Mensch hatte es also mehr und mehr
rückgebildet, und dafür die vollere Entwicklung des
Großhirns erreicht: er muß einen gewölb-
92 Die
Wissenschaft der Erdkugel
teren Schädel mit
einer abgesetzten, weniger flachen Stirne erhalten haben...
Schließlich endete der Menschenstamm unter Ausstoßung aller
nicht zum Quartärzeittypus gehörenden tierischen Charaktere
in unserem heutigen Menschenstadium, das gewiß nicht einheitlich,
sondern auf vielen Stammlinien wird erreicht worden sein, und das nur
deshalb anatomisch so einheitlich erscheint, weil eben jetzt die
Zeitsignatur u n s e r e s Menschenstadiums
herrscht. Dieses bevölkert heute die Erde, wie im
paläozoischen Zeitalter wohl das scheiteläugige
amphibienhafte, im mesozoischen Zeitalter das beuteltierhafte
Menschenwesen“.
93
II. TEIL
DIE LEBENSLEHRE
94
(Leere Seite)
95
Einleitung des Herausgebers
Chamberlains kurze und treffende Definition des Lebens lautet: „Leben
ist Gestalt.“ Mit dieser Definition kann der Laie nichts anfangen, da
er nicht weiß, was er unter Gestalt verstehen soll.
Als
Beweis dafür, wie verschieden das Wort Gestalt gebraucht wird,
gebe ich zwei Beispiele. In dem bekannten Volksliede heißt es:
„Ach
wie bald, ach wie
bald,
Schwinden Schönheit
und Gestalt.“
Hier wird unter Gestalt
die äußere Körperform und speziell die Form des
jugendlichen Körpers verstanden.
Hören wir dagegen Schiller in seinem tiefsinnigen Gedicht „Das
Ideal und das Leben“:
„Nur
der Körper eignet jenen Mächten,
Die
das dunkle Schicksal flechten;
Aber
frei von jeder Zeitgewalt,
Die
Gespielin seliger Naturen,
Wandelt oben in des
Lichtes Fluren
Göttlich unter
Göttern die Gestalt.“
Für Schiller ist die
Gestalt eine platonische Idee.
Um nun
ganz genau anzugeben, was Chamberlain unter Gestalt verstanden wissen
will, ist es ratsam von vorneherein zwischen Form und Gestalt zu
unterscheiden. Dann können wir feststellen, welche Formen
Chamberlain zu den Gestalten rechnet und welche nicht.
Die
Formen, die er nicht als Gestalten anerkennt sind: 1. die
Kristallformen; 2. die Formen der Planetensysteme und die ihnen analog
gedachten Atomsysteme der
96 Einleitung des Herausgebers
Physiker; 3. die
Maschinen und all die verschiedenen Formen unserer
Gebrauchsgegenstände. Nur die lebenden Wesen werden von ihm als
Gestalten anerkannt.
In dem
Platovortrag seines Kantbuches
hat Chamberlain in aller Klarheit seine
Ansichten auseinandergesetzt, und ich kann dem Leser nur raten sich an
dieser unvergleichlichen Quelle selbst Rats zu holen. Jahrzehntelang
hat Chamberlain an der Durcharbeitung des Gestaltproblems gearbeitet,
bis es von allen Seiten sichtbar vor ihm stand.
Chamberlain geht von folgender Definition Platos aus: „Nicht bei einer
Vielfachheit kann man von Teilen reden, sondern nur dort, wo eine
ideell erfaßbare Einheit aus dem Zusammentreffen alles Vielen zu
einem einzigen Ganzen geworden ist; hiervon erst kann man sagen, der
Teil sei ein Teil.“ Oder wie Chamberlain diese These kurz
zusammenfaßt: „Gestalt bedeutet die Einheit eines
Mannigfaltigen.“ Das heißt, nur dort kann von Gestalt die Rede
sein, wo das Ganze aus verschiedenartigen Teilen zusammengesetzt ist.
Wo die Teile nicht verschieden sind, sind sie bloß Einzelheiten
einer Summe, die bald größer, bald kleiner ist, die aber
niemals als ein in sich geschlossenes Ganzes angesprochen werden kann.
Der
Kristall besteht nur aus Einzelheiten und nicht aus Teilen. „Ein
Quarzkristall, ein Feldspatkristall, schreibt Chamberlain, kann so
klein sein, daß nur die stärksten Vergrößerungen
des Mikroskops ihn entdecken; von beiden sind aber Exemplare bekannt,
die mehrere Meter an Länge und an Breite messen; zwischen den
ersteren und den letzteren besteht kein Unterschied... In einem
Kristall kommen wohl Richtungen zum Ausdruck, die Grenzen aber sind
zufällig... Eine Figur, die sich nicht selbst begrenzt ist
zufällig.“ So faßt Chamberlain die Kristallbildung als ein
zufälliges Erzeugnis äußerer
97 Einleitung des Herausgebers
physikalischer Wirkungen
auf. Deshalb ist der Kristall, selbst wenn er nicht aus lauter
gleichartigen Einzelheiten bestünde, nicht als Gestalt
anzusprechen.
Ich
entsinne mich eines Gespräches, das ich mit Chamberlain über
die Frage der Kristallbildung führte. Ich war nicht davon
überzeugt, daß es kein eigenes Kristallbildungsgesetz
gäbe, sondern drückte den Gegensatz zwischen Kristallbildung
und lebendiger Bildung durch ein Gleichnis aus, indem ich ihm sagte:
„Nehmen wir an, es treten in einem Teller mit Suppe bei längerem
Stehen Salzkristalle auf, so ist das ein anorganischer Vorgang, wenn
aber aus der Suppe statt dessen — ‚ein Suppenlöffel
entstünde',“ warf Chamberlain lachend ein. „Jawohl sagte ich dann
wäre dies ein Lebensvorgang.“ Damit war Chamberlain auch
einverstanden.
Danach
wäre der Kristall wohl eine eigenartige Raumform aber nicht eine
auf eine Leistung bezogene Form, wie es alle Lebewesen sind. Unter
Gestalt haben wir immer eine Leistungsform zu verstehen. Die Leistung
ihrerseits ist jene nur ideell erfaßbare Einheit, von der Plato
redet. Auf diesen Punkt werde ich später zurückkommen.
Wir
können die Frage, ob es ein autonomes Kristallbildungsgesetz gibt
oder nicht ruhig offen lassen, denn es ist sicher, daß dieses
niemals befähigt ist Leistungsformen hervorzubringen, sondern nur
Raumformen — die keine Gestalten sind.
Fassen
wir die Kristalle als Raumformen auf, so sind die Planetensysteme als
Bewegungsformen anzusprechen, die sicher nicht autonom sind, sondern
durch äußere physikalische Ursachen geformt werden. Ich
erinnere an die reizende Episode aus Jules Vernes „Reise zum Monde“,
wie der von den Reisenden in ihrem Raumschiff mitgenommene Hund in den
Weltraum fällt, und nun als kleiner Mond um das Raumschiff zu
kreisen beginnt Darin
98 Einleitung des Herausgebers
kommt die
Überzeugung der heteronomen Entstehung von Planetensystemen
drastisch zum Ausdruck.
Auch
in den an ein Planetensystem erinnernden Atommodellen mit ihren
kreisenden Elektronen werden immer nur äußere physikalische
Wirkungen als Bildner der Bewegungsformen angenommen.
Wenn
eine von außen eingeprägte Form durch einen
äußeren Eingriff zerstört wird, so ist sie einfach
nicht mehr da, und kann nur durch eine erneute äußere
Prägung wieder hergestellt werden; sehr im Gegensatz zu den
Gestalten der Lebewesen.
Damit
sind die drei Grundbedingungen, die der Gestalt eignen, aufgezeigt: 1.
Verschiedenheit der Teile; 2. Leistungsbezogenheit; 3. Autonomie.
Die
Verschiedenheit der Teile ist die unumgängliche Vorbedingung
für eine jede Leistung, denn gleiche Einzelheiten auf gleiche
Einzelheiten in gleicher Weise bezogen, bilden immer nur einen Haufen
oder Summe, aber niemals ein Gefüge, das zu einer einheitlichen
Leistung befähigt wäre.
Wir
verstehen daher sehr gut, warum Chamberlain die bloße Raumform
der Kristalle nicht als Gestalt anerkennt. Gebilde aber, die nur durch
äußere Wirkungen entstanden sind, wie die Planetensysteme
und die Atomsysteme, können zwar geregelte Bewegungen
ausführen, die weiter bestehen, so lange die äußeren
Wirkungen sich nicht ändern, sie sind trotzdem keine Gestalten,
auch wenn sie aus verschiedenartigen Teilen bestehen, weil sie mit den
äußeren Bedingungen ihrer Form stehen und fallen. Die
bloße Bewegungsform ist noch keine Leistung eines Gefüges,
das unabhängig von äußeren Einflüssen, eine eigene
Tätigkeit entfaltet, sondern ist nur der Ausdruck bewegter Teile,
die sich in einem gewissen Gleichgewichtszustand befinden.
99 Einleitung des Herausgebers
Auch
sie sind keine Gestalten. Darin werden wir Chamberlain unbedingt
rechtgeben müssen. Warum lehnt er es aber auch ab, die Maschinen
als Gestalten anzuerkennen? Bei ihnen ist doch ein festes Gefüge
vorhanden, das eine einheitliche Leistung vollbringt. Sie bestehen aus
verschiedenartigen Teilen, die in sich zusammenhängen und nicht
durch äußere Wirkungen zusammengehalten werden. Sie sind
sicher mehr als bloße Raumformen oder Bewegungsformen, sie sind
ausgesprochene Leistungsformen.
Chamberlain schreibt hierüber: „Ist es nun das Wesen des Lebens
Gestalt zu sein, so ist es das Wesen der Gestalt eine Einheit zu sein,
und das besagt zugleich, aus Teilen zu bestehen, aus Teilen, die
zueinander und zum Ganzen in gegenseitig sich bedingenden Beziehungen
stehen.“
Das
ist richtig, eine in sich abgeschlossene Gestalt kann nicht zum Teil
von fremden Bedingungen abhängig sein, sondern muß die
Bedingung der eigenen Ganzheit in sich tragen. Und in diesem Punkt
versagen die Maschinen.
„Wohl
scheint, schreibt Chamberlain, auf den ersten Blick die Maschine
unserer obigen Definition eines 'einheitlichen Ganzen' zu entsprechen;
das ist aber eine Täuschung; denn nach jener Definition sollten
die Teile 'sich gegenseitig bedingen', in einer Maschine aber bedingen
'sich' die verschiedenen Teile gegenseitig nicht, sondern ich Mensch
bedinge sie... das künstliche Werk, das wir einen Automaten nennen
(d. h. einen Selbstbeweger) ist in Wirklichkeit ein Heteromat; weder
tritt es in Bewegung, noch bleibt es darin, wenn nicht ein anderer
immer wieder eingreift.“
Gerade
dieses innige Verflochtensein zwischen Mensch und Maschine ist nun,
meiner Überzeugung nach, ein wertvolles Hilfsmittel, um genau
darzulegen, was wir nach Chamberlain unter Gestalt zu verstehen haben.
Die Maschine besitzt nämlich Etwas, das weder Kristall, noch
100 Einleitung des Herausgebers
Atomsystem, noch
Planetensystem ihr eigen nennen — einen Bauplan. Der Bauplan ist es,
der in der Maschine die verschiedenen Teile zu einem Gefüge
vereinigt, das zu einer einheitlichen Leistung befähigt ist. Man
kann ebensowohl von einem Bauplan oder Funktionsplan, oder
Leistungsplan reden, gemeint ist immer dasselbe, nämlich die
planvolle Anordnung der Teile, die ein Zusammenarbeiten
ermöglicht. Auch sämtliche Gebrauchsgegenstände besitzen
einen Plan, ohne dessen Kenntnis sie als solche gar nicht
vorhanden sind, sondern nur Hindernisse bilden.
Ich
führe als Beispiel hierfür gern ein eigenes Erlebnis an. Ein
junger Massaineger, den ich aus dem Inneren Afrikas nach Daressalaam
mitgenommen hatte, antwortete mir auf meine Aufforderung eine kurze
Leiter, die vor ihm stand, zu besteigen: „Herr, das kann ich nicht,
ich sehe nur Stangen und Löcher.“ Nachdem ein anderer Neger ihm
das Leiterbesteigen vorgemacht hatte, konnte er es sofort nachmachen.
Denn nun wußte er, was eine „Leiter“ war, nämlich ein Ding,
das zum Klettern der Menschen dient. Der Leistung des Kletterns
muß die Gegenleistung des Erklettertwerdens im Gegenstand
entsprechen. Für jemand, der noch nie eine Leiter erstiegen hat,
gibt es noch keine Leiter, die doch nur ein erkletterbarer Gegenstand
ist. Und nun kommt die grundlegende Erkenntnis: Wir lernen es einem
Gegenstand
seine Gegenleistung anzusehen, sobald wir die ihm entsprechende
Leistung kennengelernt haben. Ein Stuhl wird aus einem bloßen
Hindernis zu einer Sitzgelegenheit des Menschen, sobald er einmal auf
ihm gesessen. Erst dann wird er wirklich zum Stuhl, wie das
Gestänge für den Neger zur Leiter wurde, sobald er ihre
Gegenleistung durchschaut hatte.
Was
sehen wir in Wirklichkeit, wenn wir unsere Gebrauchsgegenstände
und Maschinen betrachten? Wir sehen verschiedene Farben, die durch ein
Formschema
101 Einleitung des Herausgebers
zusammengehalten werden.
Aber wir sehen noch etwas Unsichtbares, etwas Immaterielles, das aber
zum Zustandekommen der Gegenleistung notwendig ist.
Dieses
Immaterielle, unseren Sinnen nicht unmittelbar zugängliche, das
nur durch unser Denken erfaßt werden kann, bezeichnen wir, wenn
wir das Gewicht auf die Leistung legen als planvolle Anordnung der
Teile, als Grundriß oder Bauplan — wenn wir dagegen das Gewicht
auf seine bloße Denkbarkeit legen, als Sinn oder Zweck.
Und
nun wird es auch sofort deutlich, daß wir zwar dem Kristall, dem
Atomsystem und dem Planetensystem ein Formschema geben müssen,
welches die räumlichen Beziehungen ihrer Teile umfaßt,
daß ihnen aber der Bauplan mangelt und daß ihnen Zweck und
Sinn fehlt.
Von
den Gebrauchsgegenständen und Maschinen wissen wir, daß sie
nur deshalb einen Sinn und Zweck haben, weil der Mensch ihnen seinen
menschlichen Bauplan aufzwang. Deshalb bleiben auch die erlesensten
Maschinen tot, weil dieser Bauplan ihnen nicht zu eigen gehört.
Erst bei den Lebewesen ist der Bauplan ein ihnen innewohnender aktiv
eingreifender Faktor, der sie formt und erhält. Nur das sich
selbst Gestaltende besitzt Gestalt.
Wie
der heteronome Bauplan der Maschinen, so kann auch der autonome Bauplan
der Lebewesen nur durch das Denken erfaßt werden, deshalb
entsteht eine Gestalt nur dann, wenn sie zugleich mit den Sinnen und
dem Denken erfaßt wird. Das hat Chamberlain in klassischer Weise
folgendermaßen in Worte gefaßt: „Und so ist denn der
Gedanke der Zweckmäßigkeit, die Anschauung der Lebensgestalt
ins Begriffliche übertragen, oder ... die Gestalt als Gesetz des
Lebens ist der Zweckgedanke, wie er sich in der Anschauung darstellt.“
Setzen
wir, um die Mißverständnisse zu vermeiden (vor denen
Chamberlain selbst gewarnt hat) die allzuleicht
102 Einleitung des Herausgebers
entstehen, wenn man den
Zweck, wie es Kant getan hat, als eine in die Zukunft verlegte
Vorstellung definiert, an Stelle von Zweckmäßigkeit das Wort
Planmäßigkeit, so würde die uns von Chamberlain
gelehrte Grundwahrheit kurz lauten: „Gestalt ist angeschaute
Planmäßigkeit — und Planmäßigkeit ist gedachte
Gestalt.“
Damit
könnte ich schließen und den Leser dem hohen Genuß der
klassischen Ausführungen Chamberlains überlassen, wenn ich
nicht befürchten müßte, daß einige als
selbstverständlich vorausgesetzte Begriffe einer Anzahl von Lesern
nicht genügend geläufig sind. Chamberlain fußt auf dem
Boden kantischen Denkens. Im Mittelpunkt unserer gesamten
Denktätigkeit steht nach Kant eine Bildungskraft, die
unablässig Einzelheiten zu Einheiten verbindet. Die Einzelheiten,
die das Material des Denkens liefern, sind unsere Sinnesempfindungen,
die in Raum und Zeit hinausverlegt werden und die Eigenschaften aller
Dinge in der Welt bilden. Raum und Zeit liefern die gesetzlichen
Formen, in denen diese Umwandlung vor sich geht. Die Eigenschaften
liegen aber in Raum und Zeit nicht unvermittelt nebeneinander, sondern
sind durch räumliche und zeitliche Schemata miteinander
verknüpft. Auf diese Weise entstehen die Raumformen der uns
umgebenden Gegenstände und die zeitlich zusammengefaßten
Melodien. Hierzu gesellen sich noch zwei Denkformen, die
Kausalität oder das Gesetz von Ursache und Wirkung, das allem
Werden, und die Planmäßigkeit, die allem Sein ihre Gesetze
vorschreiben.
An
allen Gegenständen der Außenwelt unterscheiden wir in
Gedanken den Stoff als das Träge und die Kraft als das Bewegende.
So lange wir uns auf diese Beziehungen beschränken, genügt
das Gesetz der Kausalität, um alle Veränderungen begreiflich
zu machen. Um aber Gestalten zu erfassen bedürfen wir der
Planmäßigkeit.
103
Entwurf des
Verfassers einer Lebenslehre
zusammengestellt aus
Manuskripten einer Korrespondenz mit der Baronin Ehrenfels aus den
Jahren 1886 und 1900.
Eine
neue Anschauung bezüglich der Gestalten lebender Wesen und der
Bedeutung des Begriffes der Verwandtschaft zwischen den Organismen,
entstanden unter dem Einflusse der Goetheschen Naturanschauung, des
indischen und des Kantischen Denkens: vorläufiger
Schattenriß zur Verständigung über die geeignetsten
Mittel und Wege, um dieser Idee habhaft zu werden, das heißt, um
sie aus dem Bereiche des nebelhaft Geahnten in das des deutlich
Geschauten und klar Durchdachten überzuführen: in der
Hoffnung, den geistigen Besitz der Menschen hierdurch zu bereichern,
der plump-empirischen Evolutionslehre eine Todeswunde zu schlagen, und
sowohl der Metaphysik wie der heiligen Kunst in fördersamer Weise
entgegenzuarbeiten.
22.,
23./10. 96.
104
Manuskript A aus dem Jahre 1896
1. Zur
allgemeinen Orientierung: Schutzgeist Plato.
Nicht
das Leben bildet bei diesem Unternehmen den Gegenstand ¹). Das
Leben,
welches die modernste Naturwissenschaft zu leugnen bestrebt ist, ist im
Gegenteil das eigentliche „Mysterium magnum“. — Das Suchen nach
Erklärungen, die Sucht, für alles den Grund, die U r s
a c h e
auffinden zu wollen, ist überhaupt ein Beweis von kindisch
unbeholfenem Denken; die Idealität des Kausalitätsbegriffes
(die Inder, Kant) ist nicht eine metaphysische Spitzfindigkeit, sondern
eine grundlegende Einsicht, welche hinfürder in weitest
ausgedehntem Maße bestimmend auf unsere Stellung der umgebenden
Welt gegenüber wirken soll und muß.
Betrachten wir z. B. die große Zahl bekannter Lebensformen und
stellen wir dabei die Kausalitätsfrage auf: „Wie sind diese Wesen
entstanden?“ — so tun wir eine Frage, auf die es keine Antwort gibt,
denn jeder konsequent durchgeführte Erklärungsversuch
(persönliche Schöpfung, Evolution usw.) führt zu
offenbaren Absurditäten.
Zunächst aber müssen wir uns darüber klar
werden, w a s über das Leben und über die
Gestalten, in welchen es sich kundtut, vernünftigerweise gefragt
werden kann.
—————
¹) Erläuterung: Ursprünglich lautete der
erste Satz: „Unerklärlichkeit des Lebens: diese bildet eine
Grunderkenntnis“. — Ich wollte damit andeuten, daß mich hier
nicht d a s L e b e n d e
s L e b e n s, nicht die Physiologie
beschäftigen
sollte, sondern vielmehr das Wesen des Lebens überhaupt.
105 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
Dabei wird sich
herausstellen, daß einzig die A n s c h a u u n g,
d. h. dasjenige, welches sich bei der Betrachtung der Dinge
unmittelbar als Vorstellung widerspiegelt, einen sicheren Wert besitzt
und dem Denken eine feste Grundlage gewährt. Sowohl in
Schöpfungsgeschichten (z. B. in der Mosaischen), wie auch in den
verschiedenen Evolutionstheorien, benützt das vom
Kausalitätswahn betörte Denken eine
verhältnismäßig sehr schmale Grundlage des
Angeschauten, um darauf einen babylonischen Turm von Syllogismen zu
erbauen. Unser Bestreben muß darauf gerichtet sein, diesen Fehler
zu vermeiden: wir müssen der Anschauung mehr Freiheit lassen; ihr
Spielraum muß bis an die äußersten Grenzen unserer
sorgsam gepflegten und geübten Sinne ausgedehnt werden, und vor
allem, sie muß auf ihrem Gebiete ungehemmt walten. Die Logik ist
nicht die G ö t t i n der Wahrheit, sondern
ihre Magd; das Auge ist der
König, das Ohr die Königin, der Tastsinn der weise Ratgeber;
durch sie stehen wir, Unerforschliche, mit der unerforschlichen
Umgebung in Berührung. Wollen wir also, den wachsenden
Bedürfnissen unseres Gedankenlebens gehorsam, das Bild der
umgebenden Natur mit immer größerer Klarheit uns gedanklich
deuten, so müssen wir — Goethe nachstrebend, und im Gegensatz zu
jeglichem Rationalismus — ein Gebäude zu errichten suchen, welches
nicht um eines Haares Breite über die Grundlage des Angeschauten
hinausragt, und welches nicht bis in das Wolkenkuckucksheim
vermeintlicher Welterklärungen hinaufreicht, sondern durch
Maß, Form und Begrenztheit das Prädikat eines Kunstwerkes
verdiene. (Schopenhauer.) Indem nämlich die Vernunft das
Heterogene sich zu assimilieren und in das ihr Homogene umzugestalten
bestrebt ist (und ihrer Natur nach auch sein muß), sind ihre
Produkte — wiewohl an und für sich Naturprodukte, der übrigen
Welt gegenüber dennoch immer — künstliche
106 Entwurf zu
einer Lebenslehre — Manuskript A
Produkte; erst dann
entsteht eine vollgültige Analogie zwischen den Erzeugnissen des
Gehirns und denen der Natur, wenn Eigenschaften der Einheitlichkeit,
der Formgebung, der Harmonie, der gegenseitig sich bedingenden
Verhältnisse, der Durchsichtigkeit, der symbolischen Bedeutsamkeit
dieses künstliche Werk zu einem K u n s t
w e r k gesteigert und geschaffen haben. — Nicht also eine
„Erklärung“ der Lebensformen soll uns als Ziel vorschweben,
sondern die Umschaffung des l e d i g l i c h
Geschauten in ein Geschautes,
welches zugleich im Denken ein Widerbild findet; das Denken soll das
Geschaute deuten; das Geschaute aber durch diese Mitwirkung zu einer
„Anschauung“ werden, d. h. zu dem Untergrund eines begrifflichen
Schemas.
2. Zur
metaphysischen Orientierung: Schutzgeist Kant.
Es
geht nicht an, bei der Betrachtung von „Gestalt“ die subjektive Natur,
d. h. die transzendentale Idealität, der Raumvorstellung
außer acht zu lassen. Ist der dreidimensionale Raum das a priori
Ergebnis einer Funktion unseres Denkorganismus, ist er wesentlich als
ein Schema für mögliche Erfahrung aufzufassen, dann
läßt sich nicht leugnen, daß jede Erscheinung im
Raume, also jede Gestalt, subjektive, apriorische Elemente enthalten
muß. — Es wird vermutlich recht schwer sein, diese subtil
metaphysische Einsicht in einer leicht faßlichen Darstellung
zahlreichen Menschen nahezubringen; jedoch es muß versucht
werden. Denn in der Tat: überblicken wir das Reich lebendiger
Wesen, führen wir unserem Auge die großen Gruppen (oder
Klassen) homologer Wesen vor (wie die Vertebraten, die Anneliden, die
Krustaceen, die Koniferen, die Phanerogamen usw.), so zweifellos fest
charakterisiert, so scharf voneinander geschieden, — betrachten wir wei-
107 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
ter die kleineren Gruppen
innerhalb der großen (wie z. B. innerhalb der Vertebraten die
Abteilungen der Fische, der Amphibien, der Schlangen, der Vögel,
der Säugetiere, oder innerhalb der Phanerogamen die großen
Abteilungen der Dikotyledonen und der Monocotyledonen), — und dann
weiter die Familien innerhalb der kleineren Gruppen (wie die Huftiere,
die Waltiere, die Raubtiere, die Halbaffen, die Nagetiere usw. bei den
Säugetieren, oder die großen Familien der Rosaceen, der
Kompositen, der Umbelliferen, der Cruciferen usw. bei den
Dicotyledonen), versenken wir uns recht tief in diese Betrachtung und
ergänzen wir sie durch die Beobachtung der vielen
merkwürdigen Analogien zwischen heterogenen Wesensgruppen, von
denen die Metameren der Anneliden verglichen mit der
Wirbelsäulensymmetrie der Vertebraten ein immer genanntes
Beispiel abgeben, gar manches andere aber, wie die Gesichts- und
Gehörorgane, die Glieder zur Bewegung durch Luft und Wasser und
auf der Erdoberfläche ebenso treffend angeführt werden
könnten, so werden wir, insofern die Errungenschaften
Çankaras
und Kants zu einem lebendigen Bestandteil unseres
Bewußtseins geworden sind, uns dem Eindruck nicht entziehen
können, daß diese mathematische Bestimmtheit und diese
(trotz der phantastischen Fülle von Tier- und Pflanzenformen)
dennoch sehr strenge und in Wahrheit sehr enge Begrenzung
möglicher Typen für lebendige Gestalten, zum Teil in der
Beschaffenheit u n s e r e s apperzipierenden
Geistes seine Erklärung findet. Da ich nicht die mindeste
Veranlassung zu der Annahme habe, daß der Raum als Raum
außerhalb meines Bewußtseins existiere, da ich — wenn der
Raum auch objektiv existierte — jedenfalls nicht voraussetzen
dürfte, daß er den engen Beschränkungen meines Geistes
auch selber unterworfen wäre (bekanntlich spielt die Hypothese
einer vierten Dimension auch in den empiri-
108 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
schen Hypothesen
mathematischer Physiker eine immer größere Rolle), so ist es
klar, daß der Schematismus, den mein Verstand dem Raume
aufzwingt, auch auf jedes Wesen in seiner Eigenschaft als
räumliche Erscheinung gestaltend wirken muß. In welcher
Weise diese subjektive Gestaltung auf die unbekannten Ursachen unserer
Sinneseindrücke verzerrend sich betätigen mag, entzieht sich
jeglicher Erkenntnis; diese Frage gehört zu den verbotenen, weil
sie sinnlos wäre, indem sie jeder Möglichkeit der Anschauung
entbehrt. Nicht sinnlos, sondern auf endloser Anschauung
gegründet, ist dagegen die andere Seite der angedeuteten Einsicht;
daß unsere Vorstellungskraft nämlich nur innerhalb gewisser,
bestimmter, der Zahl nach beschränkter Schemen sich bewegt, und
daß einem jeden dieser Schemen eine bestimmte geometrische
Symmetrie zugrunde liegt — eine Symmetrie, welche die Natur uns
nirgendswo in einiger Vollendung bietet, welche wir aber trotzdem allen
Lebensformen zwangsweise unterschieben, und zwar mit so instinktiver
Notwendigkeit, daß selbst dort, wo die Asymmetrie in
auffallendster Weise sich kundtut, wir diese als die Umgestaltung eines
imaginären symmetrischen Prototyps auffassen und die von der Natur
uns gebotene Gestalt erst dann begriffen zu haben meinen, wenn es uns
gelungen ist, sie nach der Künstlichkeit unseres a priori
Schematismus zu deuten. (Hierzu zahllose Beispiele aus dem Tier- und
Pflanzenreiche und ein Verweis auf den naturwissenschaftlichen Teil.)
Hier
wie überall wird der philosophisch minder Begabte auch ohne
Eindringen in die metaphysische Seite des Problems die weitere
Argumentation verstehen und die allgemeine Einsicht und Theorie mit uns
teilen können; der höher organisierte Geist wird dagegen mit
Vorliebe gerade bei dieser Betrachtung verweilen und aus ihr die sehr
wertvolle Erkenntnis gewinnen, daß die be-
109 Entwurf zu
einer Lebenslehre — Manuskript A
stimmte Symmetrie
lebender Wesen und die beschränkte Zahl der möglichen
symmetrischen Schemen, rein metaphysisch betrachtet, höchst
wahrscheinlich auf subjektive Zwangsbedingungen unserer Apperzeption
und unseres Bewußtseins hinweist.
3. Zur
künstlerisch-symbolischen Orientierung: Schutzgeist
Schopenhauer.
In dem
Abschnitt „Zur allgemeinen Orientierung“ ist schon auf die Bedeutung
des Kunstwerkes hingewiesen worden, das heißt der bis zur
Leibhaftigkeit einer Welt für sich ausgestalteten Anschauung.
Schopenhauer sagt: In
dem Kunstwerk trete
die Idee in die Erscheinung, das Genie zeige in ihm der Natur, was sie
gewollt und nicht erreicht habe; für den Zweck der vorliegenden
Untersuchung muß die durch diese Worte angedeutete Wahrheit
anders gefaßt werden. Sobald der Mensch über eine
große Anzahl von, durch die Erfahrung gewonnenen Bildern
verfügt (wie das bei den Formen lebender Wesen der Fall ist), und
er denkend an diese Erfahrungsmasse herantritt, so wird er — gleichviel
ob mit oder ohne Bewußtsein — dazu getrieben, durch
künstlich-schematische Geistesarbeit Ordnung, Klarheit,
Zusammenhang in diese Masse hineinzubringen; Gestalten waren es, die er
beobachtet und in der Schatzkammer des Gedächtnisses aufbewahrt
hatte, er selber aber tritt gestaltend an sie heran. Dieser Trieb ist
daher offenbar ein künstlerischer; er betätigt sich in jeder
theoretischen Naturwissenschaft. Je bedeutender nun die auf diesem Wege
erreichten Ergebnisse, um so mehr tut sich in ihnen das
Künstlerisch-Schöpferische kund, wozu die Zoologie des
Aristoteles und die „natürlichen Systeme“ des Jussieu, des Cuvier
und andere als überzeugende Beispiele dienen können. Es mag
sein, daß ein Naturforscher niemals das Epitheton „Genie“
110 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
verdiene (wie Kant
behauptet), weil das rein Schöpferische bei ihm notwendigerweise
der Beobachtung in einem gewissen Grade stets untergeordnet und von ihr
allseitig eingeengt bleibt; ein derartig theoretisierender
Naturforscher ist aber dem künstlerischen Genie gewiß
stammverwandt, und in der Person des großen Goethe sehen wir das
unzweifelhafteste dichterische Genie, ohne jemals den Boden der
empirischen Beobachtung zu verlassen, in den Naturwissenschaften
schöpferisch gestaltend — weil mit höchster dichterischer
Anschauungskraft begabt — wirken. Dieses zugegeben, so müssen wir
fragen: was ist der Sinn und die Bedeutung dieses in den
Naturwissenschaften sich betätigenden künstlerischen Triebes?
Und da wird die Antwort für uns anders als für Schopenhauer
ausfallen Nicht der Natur zeigen wir, was sie wollte, wohl aber uns
selbst, was wir wollen! Dieser unwillkürliche Trieb zur
Aufstellung von „Typen“, dieses Bedürfnis nach Symmetrie ist
zunächst nicht etwas aus der Beobachtung der Natur Entnommenes,
sondern der Ausfluß einer inneren ästhetischen Anlage. Die
Ästhetik, ich meine, der ästhetische Trieb streckt eben seine
Arme sehr weit aus, nach den verschiedensten Seiten; überhaupt ist
die Scheidung unserer geistigen Tätigkeit in verschiedene
Fächer doch nur ein Notbehelf für die Wissenschaft der
Psychologie, in Wahrheit bilden die metaphysische, die logische, die
moralische, die ästhetische sowie die anderen Anlagen unseres
Geistes ein einziges Geflecht, nur daß an einer Stelle der eine
Faden, an einer anderen der andere obenauf liegt. Die Verwandtschaft
zwischen der metaphysischen Notwendigkeit, die Erfahrungen nach
bestimmten Normen zu apperzipieren (auf die ich im vorigen Abschnitt
hindeutete) und dem eingeborenen ästhetischen Trieb, die in der
Natur (unter Mitwirkung dieser a priori Bestimmungen) geschauten Formen
auf i d e a l i s t i s c h e
111 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
T y p e n
zurückzuführen, welche Typen nicht die Natur uns bietet,
sondern unsere eigene schöpferische Anlage hinstellt, ist
offenbar. Wir werden aber wohl tun, diese beiden Äußerungen
der Geistesbeschaffenheit, welche in subjektiver Weise gestaltend und
umgestaltend auf unsere Erfahrungen wirken, auseinanderzuhalten. Der
aus der transzendentalen Idealität der Anschauungsformen sich mit
Sicherheit ergebende subjektive Bestandteil unserer Vorstellungen von
Gestalten hat etwas starr Notwendiges, Unabänderliches,
außerdem entzieht er sich jeder Schätzung, jeder Bestimmung;
dagegen ist der ästhetische Trieb zur Typenbildung etwas viel
Faßlicheres, wir können hier viel eher dazu gelangen, uns
selbst am Werke zu beobachten, denn hier herrscht nicht das Starre ein
für allemal, sondern es zeigt sich eine bedeutende
schöpferische Freiheit. Die großen Geister der Menschheit
haben verschiedene künstlerische Schemata der Lebensformen
aufgestellt, sie haben verschieden gebunden und verschieden getrennt:
die Auffassung, die Goethe bei seiner Metamorphose der Pflanzen und bei
seinen zooanatomischen Studien leitet, ist z. B. eine wesentlich andere
als diejenige, welche es Cuvier ermöglicht, die vergleichende
Anatomie zu einer neuen Wissenschaft umzugestalten, und wiederum ganz
anders ist die Vorstellung, welche Darwin vorschwebt; — auf das alles
wird im weiteren Verlauf ausführlich zurückzukommen sein.
Einstweilen muß es genügen, darauf aufmerksam gemacht zu
haben, daß bei unseren Vorstellungen der zahllosen Formen, in
denen das Leben sich äußert, ein künstlerisch
schaffender Trieb tätig ist, und zwar nicht bloß ein Trieb,
der allen Menschen in gleichem Maße und in gleicher Art zu eigen
wäre (wie jener gestaltende transzendentale), sondern ein in sehr
verschiedener Potenz auftretender, von der Kraft der Anschauung
abhängender Trieb, der sich bei außerordent-
112 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
lichen Köpfen zu der
Bedeutung eines durchaus Persönlichen, Individuellen hindurchringt.
Eins
muß aber noch hinzugefügt werden. Allem Künstlerischen
haftet etwas S y m b o 1 i s c h e s an, und wo
außerhalb der eigentlichen künstlerischen Tätigkeit
doch die künstlerische Seite unserer Natur mitschafft — wie hier
bei der Typenbildung — da werden wir immer das symbolische Element
antreffen. Auch das Symbol ist eine Notwendigkeit für den
menschlichen Geist, und zwar eine, welche dem künstlerischen
Trieb, Typen zu schaffen, eng verwandt ist. Wir vermögen es nicht,
eine Mannigfaltigkeit zu gleicher Zeit in der denkenden Anschauung zu
betrachten, und so treffen wir die Bestimmung, daß Eines
für Vieles zu gelten habe; es kann dieses Eine ein Individuum
sein, noch häufiger aber ist es der auf künstlerischem Wege
geschaffene T y p u s; denn unser Geist operiert
immer lieber mit idealen Konstruktionen als mit den von der Erfahrung
gelieferten Gebilden. Ich unterscheide aber ein S y m b o l
(ich würde heute statt Symbol S c h e m a
sagen. Mai 1901) von einem Typus, weil der Typus zwar ein
künstlich-künstlerisches Gebilde ist, nichtsdestoweniger
aber eine vollkommene, in allen Teilen ausgeführte Gestalt,
währenddem beim symbolischen Gebrauche das gedankliche Element
vor
dem gestaltlichen vorwiegt. Der Typus gilt für das
Anschauungswerk, es hilft uns dieses vereinfachen; das Symbol dient
demselben Zwecke auf dem Gebiete des Denkens. Darum ist es ziemlich
biegsam und immer bereit, möglichst viele Bestimmungen abstreifen
zu lassen, um auf diesem Wege, ohne alle Gestalt zu verlieren, doch
immer abstrakter zu werden. Das Symbol hängt eben, nach der
anderen Seite zu, eng mit den philosophischen Bedürfnissen unseres
Geistes zusammen. Wie wir große Berechnungen und alle ins
Philosophisch-Allgemeine hinaufreichende mathematische Probleme nur mit
113 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
Zuhilfenahme
algebraischer Symbole durchzuführen vermögen, wobei jeder
Buchstabe zwar eine konkrete, genau zu bestimmende
Zahlengröße bedeutet, uns aber während der Operation
als solche kaum oder gar nicht gegenwärtig ist, ebenso
bedürfen wir für alle umfassenden Geistesoperationen der
Symbole, d. h. Zeichen, die möglichst der konkreten Bestimmung
entledigt sind. Natürlich läßt sich das auf keinem
Gebiete so weit durchführen, wie bei der bloßen
Zahlengröße (schon die Geometrie muß als Symbol den
Typus benützen); was jedoch niemals außer acht gelassen
werden sollte, ist, daß alle großen Generalisationen, also
auch diejenigen, die wir aus der Naturbeobachtung direkt abzuleiten
wähnen, durch diese Beschaffenheit unseres Geistes, eher mit
Worten als mit Dingen operieren zu können, stark beeinflußt
sind. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: In einigen wenigen Exemplaren
wurden Überreste eines reptilienartigen Vogels aufgefunden, sie
wichen in manchen Einzelheiten voneinander ab und waren überhaupt
nur fragmentarisch als Versteinerung vorhanden, — dies ist, was die
tatsächliche Beobachtung der Natur uns geliefert hat; hierauf
wurde ein Typus konstruiert und A r c h a e o p t e r y x
genannt; daß ein
tatsächliches Individuum jemals diesem Typus genau entsprach, ist
nicht anzunehmen, alle Individuen weichen voneinander ab, und was wir
Menschen als frei schaffende Künstler für die Vollendung
einer Gestalt halten, ist der Natur ein Fremdes; sobald wir uns aber um
nur ein weniges von dem Beobachteten entfernt haben, fühlen wir
uns auf einmal wie entfesselt, und so gelangten wir auch hier recht
bald zu dem Begriff eines „Urvogels“, der die Eigenschaften des Reptils
mit denen des Vogels vereinigt gezeigt hätte, und zwar in
durchgreifenderem Maße als dies beim A r c h a e o p
t e r y x der Fall. Eine ungesehene Gestalt vermag sich aber der
Mensch niemals vorzustellen; dieser
114 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
„Urvogel“ bleibt daher
halb Begriff, halb Vorstellung, dient aber unserem Geiste für
seine kühnen Operationen — namentlich in diesem
Falle der Evolutionstheorie, welche dieser Zwischenform bedarf — als
ein Symbol, mit dem er ebenso bequem und ungeniert umgeht, wie mit dem
X und dem Y irgendeiner beliebigen künstlich erdachten Gleichung,
unbekümmert, ob die Natur jemals etwas diesem Symbol
Entsprechendes gekannt hat. — Die geheimnisvolle Gewalt der
symbolisierenden Tendenz unseres Geistes erstreckt sich jedoch noch
ferner. Hier wird es nötig sein, auf die Bedeutung des Symbols in
Kunst und Religion einzugehen und, hieran anknüpfend,
nachzuweisen, welche Rolle das Symbolische in unseren Vorstellungen der
Natur spielt (auch in der allermodernsten, angeblich rein empirischen),
namentlich für die Verkettung des Fernliegenden und für die
kühne Durchschauung der Verwandtschaftsmomente heterogenster
Wesen. Durch die Erkenntnis der sehr subjektiven Natur des Denk- und
Empfindungsvorganges, durch welchen wir zu diesen Verkettungen und zu
diesen Ahnungen von Verwandtschaftsbeziehungen gelangen, lernen wir
Vorsicht. Es geht doch offenbar nicht an, Beziehungen, die wir erst den
von uns erdachten Typen und Symbolen entnehmen, ohne weiteres auf die
Natur und auf die Lebensformen, die sie uns bietet, überzutragen,
namentlich nicht in der kindischen Weise zu übertragen, daß
wir ohne weiteres auf Blutsverwandtschaft schließen, wo doch sehr
leicht möglicherweise bloß eine Analogie der notwendigen
Bildungsgesetze vorliegt — Bildungsgesetze außerdem, bei denen
die umbildende, nach gewissen gegebenen, subjektiven Notwendigkeiten
zwangsweise gestaltende Mitwirkung unseres Geistes, wie in obigen
Paragraphen dargetan, anzunehmen ist, und zwar als eine
unwillkürlich schematisierende, symmetrisierende, typenbildende
und symbolisierende Mitwirkung.
115 Entwurf zu
einer Lebenslehre — Manuskript A
Wahrhaft objektiv ist einzig diejenige Naturbetrachtung, die mit einer
Kritik des beobachtenden Subjekts beginnt. Theoretische
Naturwissenschaft kann es ohne Metaphysik und Ästhetik, ohne
Fühlung mit Religion, Philosophie und Kunst nicht geben.
4. Zur
naturwissenschaftlichen Orientierung: Schutzgeist Goethe.
Gleich
im ersten Paragraphen stellte ich es als mein leitendes Prinzip auf,
daß bei der denkenden Betrachtung der Natur wir vor allem darauf
bedacht sein sollten, der A n s c h a u u n g den
weitesten Spielraum zu
verschaffen und ihr darin die freieste Herrschaft zu lassen. Die
vorhergehenden Ausführungen verfolgen nun vorzüglich diesen
Zweck. Wir werden es natürlich niemals vermögen, die
apriorischen Elemente aus unseren Beobachtungen und aus unserem Denken
zu entfernen; darüber aber Klarheit zu besitzen, bedeutet eine
Vorschule wahrhaft objektiver Betrachtung; das Wissen von diesen Dingen
dient auch gar häufig, sei es als Warnung, sei es als Korrektiv,
sei es auch als wegweisender Leitstern; im Verlaufe dieses Unternehmens
wird sich das häufig zeigen. Diese vorangeschickten
philosophischen Erörterungen verfolgen jedoch zunächst den
einen Zweck: der Anschauung größtmögliche Freiheit zu
verschaffen. Sobald wir von der Selbstkritik zur Betrachtung der Natur
hinübergehen, haben wir dieser frei und offen ins Auge zu schauen;
gewarnt freilich gegen die vielen Selbsttäuschungen, sonst aber
vertrauensvoll und unbekümmert.
Während also alles bisherige nur die Bedeutung einer einleitenden
Betrachtung besitzt, treten wir hier in den eigentlichen, ungeheuer
umfangreichen Gegenstand der Untersuchung ein. Es ist recht schwer, im
voraus zu bestimmen, welchen Gang die Darstellung und die Argumen-
116 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
tation hier zu nehmen
haben werden; es hängt dabei zu viel von dem Stoff ab, der erst
durch planmäßige Studien zu beherrschen wäre, dann aber
den rechten Weg schon weisen wird. Vielleicht mache ich mich an diesem
Ort am ehesten verständlich, wenn ich mit dem Ergebnis meines
vieljährigen, jedoch nicht planmäßigen, sondern eher
unbewußten oder mindestens unbeabsichtigten Denkens und Schauens
beginne und erst später einige Gedanken über die
Ausführung einer systematischen Darlegung hinzufüge.
Der
Kernpunkt meiner Auffassung ist nun folgender: (ich bin genötigt,
einen Satz nach dem anderen aufzustellen, und bitte, dem Gedankengang
mit einiger Geduld und Ausdauer zu folgen).
Die
Natur zeigt uns die Variabilität der Gestalten als ein in sehr
verschiedenen Graden waltendes, jedoch vielleicht ausnahmslos
anzutreffendes Lebensgesetz. Zwei Individuen desselben Geschlechtes
sind sich niemals gleich; daß wir sie zu einem Begriff
vereinigen, ist schon ein Werk der Abstraktion, der Vernunft. Neben
dieser Variabilität zeitgenössischer Wesen desselben Stammes
finden wir aber eine weit bedeutendere, die Variabilität aller
Formen (oder fast aller) im Verlauf der aufeinanderfolgenden Zeiten;
wie wir das Individuum sich entwickeln, einen Höhepunkt der
Ausbildung erreichen und dann in Verfall und Tod sinken sehen, ebenso
sehen wir Arten, Gattungen, ganze Gestaltungsgruppen (Familien nennt
sie die Systematik) auftreten, sich in zunehmender Mannigfaltigkeit
über die Erde verbreiten und dann wieder verkümmern und
verschwinden. Insofern ist ohne Frage jedes Dogma von der
Unveränderlichkeit der Arten als eine künstliche, der
Erfahrung widersprechende Voraussetzung abzuweisen. Für das andere
Dogma aber, welches augenblicklich unsere Wissenschaft und unser ganzes
Denken
117 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
beherrscht, die Annahme,
daß heterogene Gestalten voneinander a b s t a m m e
n, und daß sämtliche lebende Wesen durch den Besitz
eines gemeinsamen Urstammes materiell verwandt und nur durch
allmähliche Entwicklung in bezug auf Gestalt und Eigenschaften
voneinander nach und nach abgewichen seien — für diese
„Evolutionshypothese“ spricht in Wahrheit keine einzige Beobachtung,
sondern das Ganze ist eine a priori Konstruktion des Menschengeistes,
der in dieser scheinbar einfachen, in Wahrheit jedoch grenzenlos
komplizierten und überall zu haarsträubenden
Absurditäten führenden Theorie eine Befriedigung seiner
allerplattesten logischen Bedürfnisse findet und nunmehr jede
Beobachtung daraufhin deutet. Wenn wir uns dagegen damit bescheiden
würden, dasjenige, was die Natur uns darbietet, mit klarem,
durchdringendem Blick anzuschauen, ohne nach Erklärungen, die gar
nicht erklären, zu suchen, sondern einzig von dem Wunsche beseelt,
das, was wir mit dem Auge erblicken, im Denken klar widerzuspiegeln, so
dürften wir zu einer Anschauung gelangen, die zwar minder
kühn wäre, in Wahrheit aber weit großartiger und von
weittragender Bedeutung für unsere ganze philosophische
Weltauffassung.
Die
Natur zeigt uns auf dem Gebiete des Lebendigen folgendes: G
e s t a l t e n, — Gestalten, die eine gewisse plastische Beweglichkeit
besitzen, welche sich im Verlaufe des individuellen Lebens wenig, im
Verlaufe des durch geschlechtliche oder ungeschlechtliche Generation
unmittelbar fortgesetzten Daseins dieses Individuums manchmal sehr
eingreifend kundtut; diese Gestalten sehen wir aber trotz aller
Beweglichkeit nichtsdestoweniger einem ganz bestimmten, mittleren
Bildungsgesetz gehorsam bleiben: — ich verstehe hier unter
„Bildungsgesetz“ ein Gesetz von Zahl, von symmetrischen
Verhältnissen, von Orientierun-
118 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
gen der verschiedenen
Teile einander gegenüber usw. Wie ein Pendel hin- und herschwingt,
diese Fähigkeit aber der Tatsache verdankt, daß er einen
festen, unverrückbaren Angelpunkt besitzt, ebenso entnehmen wir
aus der Betrachtung der Lebensformen zwei Beobachtungen:
ihre
V e r ä n d e r l i c h k e i t und ihre B e h
a r r l i c h k e i t, und zwar ist diese
zweite Eigenschaft — die Beharrlichkeit — das Primäre,
überall ausnahmslos Anzutreffende, also offenbar der Ausdruck
eines obersten Gesetzes, während die Veränderlichkeit erst in
zweiter Reihe der Anschauung sich aufdrängt, und zwar in sehr
wechselndem Maße, denn wir finden Gestalten, welche die
unermeßlichen Zeiten mehrerer aufeinanderfolgender geologischer
Epochen unverändert durchlaufen, und jeder Naturforscher
weiß, daß, wenn es auch bei den jetzt lebenden Pflanzen und
Tieren Gruppen gibt, die einer schier endlosen Variabilität
unterworfen sind, so daß nicht zwei Sachkenner den Artbegriff bei
ihnen in gleicher Begrenzung fassen, andere dagegen so stabil sind,
daß es der genauesten Beobachtung bedarf, um auch nur eine Spur
jener Pendelbewegung bei ihnen zu entdecken. Der menschliche Geist,
immer zur Einseitigkeit geneigt, hat zu gewissen Epochen die
Beharrlichkeit, zu anderen die Veränderlichkeit seinen Deutungen
der Natur zugrunde gelegt; wir dagegen wollen versuchen, beides im Auge
zu behalten, jedoch unter steter Berücksichtigung der aus der
Anschauung sich ergebenden Tatsache, daß die Beharrlichkeit des
Bildungsgesetzes (ich wiederhole es) das Primäre ist, was wir aus
der Anschauung entnehmen, die Veränderlichkeit, das
Sekundäre. Wollen wir also die Natur in ihren Lebensgestalten uns
gedanklich deuten, so werden wir dieses Verhältnis nicht umkehren
dürfen.
Ich
sagte, das Leben zeige uns Gestalten; es zeigt uns wirklich weiter
nichts. Daß die Begriffe Gattung, Familie,
119 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
Ordnung, Klasse, Reich
usw. das Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen dem, was die Natur
unserer Anschauung bietet, und dem Bedürfnis unseres Denkapparates
sind, leuchtet wohl einem jeden ein. Wer aber an das Problem der
Lebensgestalten herantritt, darf vor allem auch darüber nicht im
unklaren bleiben, daß es mit dem Begriffe einer A r t
(einer
Spezies) ebenso bestellt ist. Gewiß ist dieser Begriff der
mindest abstrakte in dieser Reihe und er enthält am meisten
Anschauung; nichtsdestoweniger könnte er ohne die Mitwirkung der
in den vorangehenden Paragraphen genannten, notwendig gestaltenden
Eigenschaften unseres Geistes nicht entstehen. Die Dehnbarkeit und
unsichere Begrenzung dieses Begriffes ist dem praktischen Naturforscher
wohlbekannt; die Bestimmung dessen, was man nach unten zu lieber als
bloße Variation, nach oben zu lieber als Gattung auffassen
sollte, ist der Willkür des einzelnen Systematikers so ziemlich
überlassen; der Gestaltungskreis, der in einer kleineren Familie
die Aufstellung eines besonderen Genus oder einer selbständigen
Art unbedenklich rechtfertigen würde, erhält in einer sehr
großen Familie nur die Würde eines „Subgenus“ oder einer
„Rotte“. Die Natur bietet uns eben gar keine „Arten“, sondern nur
Individuen, und der von uns im Laufe der Zeit (von Aristoteles bis
Linnäus) ausgebildete und jetzt geläufige Begriff der „Art“,
so einfach und sicher er im Gebrauch des gewöhnlichen
Lebens erscheint, wird um so unbestimmter und wankender, je weiter
unser Anschauungskreis sich ausdehnt. Es hat darum etwas fast kindlich
Naives, wenn man Bücher „Über die Entstehung der
A r t e n“
schreibt, in welchen dieser so entscheidenden, subjektiven Mitwirkung
unserer Phantasie und unseres Denkens mit keiner Silbe gedacht wird.
Die reine Empirie, auf die heute so viel gegeben wird, überliefert
uns in Wahrheit mit gebundenen Händen und Füßen
120 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
der blinden Tyrannei
anonymer Zwangsvorstellungen. Das Nonplusultra des Absurden wird wohl
erreicht, wenn wir — über die Entstehung der Arten diskutierend,
d. h. also, den Begriff der Art unserer ganzen Betrachtung als
Voraussetzung zugrunde hegend — zu dem Schlusse gelangen, es gäbe
keine Arten! Weder Geoffroy Saint-Hilaire, noch Lamarck, noch Darwin
sind als Denker Männer allerersten Ranges; Cuvier, trotz seiner
eigensinnig einseitigen Betonung des Beharrlichkeitsprinzipes,
überragt sie offenbar um eine Haupteshöhe und leistet auch
für die wahre Wissenschaft, d. h. für die Klarheit und
Intensität in der Anschauung der Natur weit mehr, ja Ewiges. Der
ganze Evolutionsrummel hat nur vorübergehenden Wert; er ist die
Übertreibung einer richtigen Beobachtung ins Maßlose: seine
Bedeutung besteht aber lediglich in der großen Ansammlung von
neuen, tatsächlichen Beobachtungen, die wir seiner Anregung
verdanken, nicht in seinem Ideengehalt. Dieser, im Gegenteil,
entspricht einer Verflachung und dient nur einer weitergehenden
Verflachung; dadurch ist die Evolutionslehre zu einer öffentlichen
Kalamität geworden, gegen die nur durch Rückkehr zur
heilig-einfachen Anschauung der Natur, unterstützt durch die
denkende
Anschauung der in uns selbst innerlich gestaltenden Natur reagiert
werden kann. Der erste Schritt hierzu ist die sorgliche klare Trennung
des tatsächlich Geschauten von dem durch unsere gedankliche
Mitwirkung Hinzugekommenen. Dies bezwecke ich hier und stelle also
zunächst fest, daß die lebendige Natur uns G e s
t a l t e n zeigt,
weiter nichts; Gestalten, die bei aller Veränderlichkeit und
Anpassungsfähigkeit an wechselnde Lebensbedingungen sich nur um
ein gegebenes, beharrendes Bildungsgesetz, eine „ewige Norm“ (wie
Goethe im „Faust“ sagt) bewegen.
Schreiten wir nunmehr zu einer näheren Bestimmung.
121 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
Die
Natur bietet uns nicht allein zahllose lebende Individuen, sondern eine
ungeheuer große Anzahl verschiedener Gestalten. Unter Pflanzen
allein hat man — ohne die nur als Versteinerungen bekannten mitzuzahlen
— gegen eine halbe Million unterschiedener Gestalten (Arten)
beschrieben; für das
Tierreich ist dieselbe (?) Zahl nicht zu hoch gegriffen. Offenbar
wäre es ganz unmöglich, eine derartige Mannigfaltigkeit sich
überhaupt nur vorzustellen, wenn nicht die Natur unserem
eingeborenen Bedürfnis nach Vereinfachung (siehe
§ 1—3) entgegenkäme. Und in der Tat, alles Lebendige
läßt sich auf eines oder das andere von ganz wenigen
Schemen, was ich oben „Bildungsgesetze“ nannte, zurückführen.
Schematisiert man nicht willkürlich, sondern nimmt die
großen Lebenstypen in der weit umfassenden Einfachheit, in
welcher die Anschauung sie uns unmittelbar zuführt, so sind es
ihrer so wenige, daß die Finger unserer zwei Hände zur
Aufzählung hinreichen. Zunächst tritt das Leben nicht in
hundert, auch nicht in zwanzig verschiedenen Grundformen auf, was doch
an und für sich sehr denkbar gewesen wäre, sondern in nur
zwei — es ist entweder Pflanze oder Tier. Nehmen wir nun im
Pflanzenreiche zwei und im Tierreiche acht Grundtypen an, so sind wir
eher zu weit gegangen, als nicht weit genug; dies wird später noch
mehr auszuführen sein. Wesentlich ist einstweilen die Einsicht,
daß alle Formen des Lebens nach ganz wenigen, schematisierten
Grundrissen gestaltet sind. Wir haben z. B. bei den Tieren die
große Klasse der das Meer bewohnenden Sternförmigen, wo das
oberste Gesetz der Symmetrie die strahlenförmige Anordnung ist,
rings um einen organischen Mittelpunkt (der meist auch mit dem
mathematischen Mittelpunkt sehr nahe zusammenfällt). Bei der fast
unübersehbar großen Klasse der Anneliden dagegen ist die
Wiederholung einer (prinzipiell) unbeschränkten
122 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
Zahl gleichwertiger,
aneinandergereihter Körpersegmente das eine Bildungsprinzip, wozu
dann die Symmetrie der zwei Hälften eines jeden Segments, rechts
und links der Längsachse, als Übereinstimmung und
(häufig) die Symmetrie einer Rücken- und einer Bauchseite als
einander ergänzender Kontraste gestaltend hinzukommt. Bei den
Insekten ist, trotz ihrer geradezu phantastischen Mannigfaltigkeit, die
Beschränkung auf einen bestimmten, unabänderlichen
Bildungstypus höchst auffallend; auch hier haben wir die Symmetrie
der Körperhälften, rechts und links der Längsachse, dazu
die scharfe Kontrastierung der Rücken- und Bauchseite; die
Körpersegmente sind hier ganz scharf voneinander getrennt und
differenziert; es gibt aber deren immer nur drei, nie mehr, nie
weniger; überhaupt herrscht hier die starre
Zahlregelmäßigkeit: der Kopf trägt die Sinnesorgane und
die Werkzeuge zur Ernährung, je zwei und zwei, der Thorax
trägt die Organe der Lokomotion, sechs Beine und zwei oder vier
Flügel, der Abdomen enthält die Verdauungs- und
Fortpflanzungsorgane. Sehr stark kontrastiert mit dieser wankellosen
Regelmäßigkeit die ungeheure Mannigfaltigkeit innerhalb des
Bildungsgesetzes, das man als das der „Vertebraten“ zu bezeichnen
pflegt. Es genüge der Hinweis darauf, daß hier der Fisch,
die Schlange, der Vogel, der Mensch als ein und demselben Schema
gehörig betrachtet werden! Der gemeinsame Besitz einer
Wirbelsäule mit einer symmetrischen Verteilung der Organe rechts
und links von dieser Längsachse genügt, um diese so
gänzlich heterogenen Wesen mit Recht als von demselben
morphologischen Bildungsgesetz beherrscht zu betrachten. — Was ich hier
fühlbar machen will, ist nun einstweilen nur: 1. daß es
prinzipiell verschiedene Schemata gibt; 2. daß es deren (in
diesem weitesten Sinn eines allgemeinen Bildungsgesetzes) nur wenige
gibt. Bei den Tieren z. B. ge-
123 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
hören mindestens
eine halbe Million verschiedenartiger Gestalten (die in
ungezählten Milliarden die Erde bewohnen) nur etwa höchstens
acht Grundtypen an; noch einfacher ist das Verhältnis bei den
Pflanzen, ja es wird zu untersuchen sein, ob diese nicht ungezwungen
auf einen einzigen Bildungstypus zurückzuführen wären.
Nun
ist es aber Zeit, mit unseren Betrachtungen aus dem ersten Paragraphen
wieder einzusetzen: der Begriff eines Grundschemas für
ganze Gestaltungsklassen ist nicht ohne Willkür; der eine
Systematiker faßt ihn enger, der andere weiter; es handelt sich
hierbei offenbar nicht bloß um Anschauung, sondern um
Anschauung p l u s menschliches Denken. Den Stoff zu
diesen Schemen
geben uns Arttypen,
und diese Arttypen abstrahieren wir aus geschauten Individuen; daraus,
daß zwei der Gestalt nach gänzlich verschiedene
Individuen einem selben großen Typus (sagen wir den Koleopteren)
angehören, oder gar vielleicht bloß
demselben noch allgemeineren Schema (z. B. den Insekten). Beides, Typus
und Schema, Erzeugnisse unserer abstrahierenden Denktätigkeit —
werden wir zunächst auf keine irgendwie materiell
abzuleitende V e r w a n d t s c h a f t
schließen dürfen, mit Ausnahme der
Verwandtschaft in unserem eigenen Geiste; wir können nur sagen:
diese zwei Exemplare lebender Organismen sind unter dem Einfluß
ähnlicher Bildungsgesetze entstanden; weiter nichts. Diese
Betrachtung kann aber auch in umgekehrter Richtung angestellt werden:
wir können —
ohne den heilsamen Boden der Anschauung zu verlassen — die
Gesetzmäßigkeit in der Gestaltenbildung lebender Wesen nach
oben zu verfolgen und uns fragen, ob nicht wirklich ein gut Teil
Willkür und praktischer Zweckmäßigkeitsrücksichten
bei
der Aufstellung ihrer wenigen Grundschemen, wenigstens in ihrer
angeblichen Bedeutung als Grenzpfeiler, am Werke waren? Und ob
124 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
wir nicht unschwer eine
große, allgemeine, allumfassende E i n h e i t des
Bildungsgesetzes
für lebende Wesen auffinden könnten? Das wird an Ort und
Stelle auszuführen sein: einstweilen möge zur Verdeutlichung
der hinweis genügen auf die Analogie zwischen der Symmetrie der
sternförmigen Tiere und derjenigen der Blumen der Phanerogamen,
der Archegonien der Moose usw.; eine Symmetrie, die aber auch sonst
vielfach gestaltend bei den Pflanzen auftritt; ich erinnere nur an die
Anatomie des Stammes der Dicotyledonen; allerdings ist bei den Pflanzen
auch dasjenige Bildungsgesetz tätig, welches man am besten mit
dem mathematischen Symbol ∞ bezeichnen würde, die
Unbegrenztheit; um die unbegrenzte Längsachse des Stammes
gruppieren sich aber die Seitenorgane nach verschiedenen, mathematisch
genau bestimmten Systemen (1/2, 2/5,
3/8 usw.), welche alle sich
ungezwungen auf das strahlenförmige mit längsgezerrter Achse
zurückführen lassen; auch die Bilateralität und die
Dorsozentralität sind in den meisten Blättern, sowie in den
Blüten und Geschlechtsorganen ausgeprägt. Alle diese aus der
Anschauung entnommenen Erwägungen weisen auf ein großes,
allgemeines, einheitliches Bildungsgesetz lebender Formen, welchen
gegenüber unsere Hauptschemen oder Typen nur untergeordneten Wert
besäßen, in derselben Weise, wie der Typus einer Familie dem
einer Klasse untergeordnet ist. Zwei Gründe sprechen für
diese Einheit des Bildungsgesetzes: das, was die Anschauung uns
liefert, sodann das Bedürfnis unseres eigenen Geistes nach
Einheitlichkeit auf allen Gebieten.
Ich
glaube, man merkt schon, worauf diese ganze Betrachtung hinzielt: ich
will der Anschauung und dem Denken alle Freiheit wahren: nach oben zu
will ich mir mein Recht nicht verkümmern lassen, in
sämtlichen Gestalten des Lebens ein einheitliches Bildungsgesetz
zu ent-
125 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
decken — wenn ich's
vermag, unbekümmert um alle „Klassifikationen“ und ihre
Dogmen; nach unten zu, dort, wo die Anschauung das sichtende Denken
überwuchert, will ich es nicht gestatten, daß der zum
Artbegriff verdichtete, künstlich-künstlerische Typus als ein
Schleier mir
sowohl über meine gesunde Anschauung wie über mein gesundes
Denken geworfen wird, indem nämlich
einerseits das
tatsächlich Beobachtete unendlich viel einfacher und
regelmäßiger mir von der Wissenschaft dargestellt wird, als
es in Wahrheit ist, und andrerseits ich zu logischen Schlüssen
gezwungen werden soll, für die ich in der Natur nicht den
geringsten Anhalt finde, wie z. B. zu der Annahme, daß zwei mehr
oder weniger ähnliche Wesen blutsverwandt sein müssen, wo ich
nicht einmal Grund zu der Annahme habe, daß zwei vollkommen
identische Wesen eine andere Verwandtschaft besitzen als diejenige,
welche mein Denken ihnen beilegt.
Alles
Vorausgehende ist sehr kurz; es sind nur Andeutungen eines
Gedankenganges, der ausführlich dargelegt werden müßte,
von zahlreichen Beispielen unterstützt. Hoffentlich aber
genügt das Gesagte, damit der Kernpunkt meiner Auffassung, meiner
„Theorie“ (wenn man will) nicht unverstanden bleibt. Ich will ihn
nunmehr zu begründen und zu formulieren versuchen.
Was
zeigt uns die Anschauung? Sie zeigt uns Schemen oder Typen
verschiedener Ordnung, je nachdem es unserem Geiste gefällt, den
Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit auf größere oder geringere
Spezifikation zu richten. Ein lebendes Wesen ist zunächst entweder
Tier oder Pflanze.
Ist es ein Tier, so gehört es entweder zu den Protozoen oder den
sternförmigen oder zu den Anneliden oder zu den Insekten usw.; ist
es ein Insekt, so ist es nach einem von dreizehn Typen gestaltet und
gehört folglich
entweder zu den Hymenopteren oder zu den Lepidopteren
126 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
oder zu den Apteren oder
zu den Koleopteren usw.; ist es ein Koleoptere (ein Käfer), so
reiht er sich wieder in diese oder jene der zahlreichen, scharf
charakterisierten Gruppen ein; innerhalb der Gruppen finden wir die
verschiedenen Typen der Gattungen, die noch recht viel Schematisches
an sich haben; schließlich kommt dann die Art, welche angeblich
nur noch typisiert und gar nicht schematisiert ist, da sie mit den von
der Natur gebotenen Individuen identisch sein soll. Letzteres ist, wie
schon früher hervorgehoben, durchaus nicht wahr; vielmehr ist
die
A r t schon ein Produkt, und zwar zu allermeist ein recht
schwankendes,
undeutlich begrenztes Produkt unseres Geistes. Was man bei näherer
Betrachtung dieser Übersicht bemerken wird, ist, daß je
allgemeiner, je umfassender ein solches Schema ist, um so b
e s t i m m t e r
i s t e s, u m s o s i
c h e r e r i m G e b r a u c h e. Wenn
man von einigen mikroskopisch
kleinen Wesen absieht, deren große Einfachheit sie kaum weder zu
den Tieren noch zu den Pflanzen zählen läßt, so kann
jedes Kind von einem lebendigen Organismus aussagen, ob es Tier oder
Pflanze sei, und sagt damit etwas ganz Bestimmtes, Entscheidendes,
Inhaltsreiches aus, trotzdem die Aussage die Wahl unsicher
läßt zwischen vielen Hunderttausenden von Gestalten. Auch
die Bestimmung der Zugehörigkeit zu einer der großen Klassen
möglicher Gestaltung ist reich an Gehalt: sage ich von einem Tiere
aus,
es sei ein Insekt, so habe ich sowohl positiv wie negativ eine ganze
Menge der wichtigsten Bestimmungen ausgesprochen, sichere, unwandelbare
Wahrheiten erster Ordnung. Die Familien innerhalb der Klassen sind zum
Teil auch noch sehr scharf bestimmte Begriffe, zum Teil aber nicht;
hier beginnt schon die Herrschaft der Willkür und der — angeblich
wissenschaftlichen — Spielerei. Die Gruppen stimmen nicht in zwei
Klassifikationssystemen überein, und bei den Gattun-
127 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
gen und Arten ist das
Durcheinander unentwirrbar; was dem einen als Art gilt, also als
Kollektivname für tatsächlich vorhandene Individuen, gilt dem
anderen Naturforscher als Gattung, also als Abstraktion! — Man sieht,
wie schwer es ist, hier reines Haus zu halten und die typenbildende
Anlage unseres Geistes von der tatsächlichen Beobachtung der Natur
zu trennen. Aus diesen Erwägungen ergibt sich nun folgendes
wichtiges Resultat: d i e U r t e i l e
, d i e u n s e r D e n k e
n
ü b e r a n g e s c h a u t e G e s t a l t e
n f ä l l t, s i n d u
m s o
z u v e r l ä s s i g e r, b e s t i m m t e r
u n d i n h a l t s r e i c h e r, j e
g r ö ß e r d i e A n s c h a u u n
g s m a s s e, a u f d i e s i e
s i c h s t ü t z e n. Wir
werden folglich eher imstande sein, etwas Zuverlässiges,
Bestimmtes und Inhaltsreiches über die Gestaltungsgesetze des
gesamten Tierreiches oder einer großen Klasse des Tierreiches
auszusagen, als über diejenigen einer Familie oder gar einer
Gruppe oder einer Gattung oder einer Art. Man mißverstehe mich
nicht: die Beobachtung der Natur kann nur an
einzelnen Individuen stattfinden, alle induktive Wissenschaft wird
stets vom Konkreten
ausgehen, und erst von da aus immer höher steigen; das Denken —
also das
vernunftgemäße Theoretisieren über das durch die
Anschauung und durch weise Induktion Gewonnene — das Denken
dagegen m u ß den umgekehrten Weg einschlagen,
soll es zu Ergebnissen führen, die harmonisch zu dem
Anschauungsbild stimmen, und zwar muß es das aus dem einen
hinreichenden Grunde, damit seine Strukturen auf einer möglichst
breiten Grundlage der Anschauung ruhen. Je beschränkter der Stoff
an konkreter Beobachtung, je individueller, um so unsicherer
kann das Denken damit operieren. Hieraus folgt nun, daß wir ein
Problem wie dasjenige der Gestalten lebender Wesen (mit anderen Worten
der „Arten“) nicht am kleinen Ende, sondern am großen Ende
anfassen müßten;
128 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
nicht das Detail
einzelner Beobachtungen über die Veränderlichkeit der Tauben
usw. (Darwin) kann uns hier den Weg weisen, — alle diese empirischen
Methoden können nur zu Beobachtungen und immer wieder zu
Beobachtungen führen, nicht zu Gedanken und gedanklichen Erfassen
—‚ sondern wir müssen mit den allerallgemeinsten Sätzen
beginnen, und zwar weil diese die meiste Anschauung enthalten, und von
hier aus vorsichtig weiterbauen, so weit es geht.
Der
allgemeinste Satz nun, den wir aus der Anschauung entnehmen, ist
folgender: d a ß d a s L e b e
n a n b e s t i m m t e B i l d u n g s
g e s e t z e,
d. h. a n b e s t i m m t e G e s t a l t e n
g e b u n d e n i s t. Ja, ich werde an
anderer
Stelle meine Überzeugung begründen — durch den Vergleich mit
den Gesetzen des unorganischen Stoffes —‚ daß Leben, rein
morphologisch betrachtet, n i c h t s a n d e r e s
i s t a l s e i n e b e s o
n d e r e G e s t a l t. Ich wähne nicht,
hiermit
das Leben „erklärt“ zu haben; diese Zumutung wies ich als eine
unsinnige gleich im § 1 zurück; ich bin aber der Ansicht,
daß mit diesem Ausspruch die Quintessenz alles dessen, was die
Anschauung des Lebendigen uns bietet, ausgesagt wird. — Des weiteren
sehen wir, daß dieses Gestaltungsprinzip nur nach einigen ganz
wenigen Schemen sich betätigt, so daß wir, im Besitz einer
ungeheuer umfangreichen Anschauung, zu der Behauptung berechtigt sind:
ü b e r a l l, w o L e b e n e
n t s t e h t u n d b e s t e h t, m u
ß e s
n o t w e n d i g e r w e i s e g e m ä
ß d e m e i n e n o d e r
d e m a n d e r e n d i e s e
r
w e n i g e n m ö g l i c h e n S c h e m
e n s i c h g e s t a l t e n. Diese
Schemen sind
zunächst Verhältnisse der Körperteile im Raum
zueinander, also geometrische, sowie auch unverrückbar bestimmte
Zahlenverhältnisse, also arithmetische; das ist, was das Auge
zunächst erblickt. Diese geometrischen und arithmetischen
Verhältnisse spiegeln sich aber bis in die
129 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
intimste histologische
Struktur wieder, so daß das, was wir außen erblicken,
zugleich die vereinfachte, deutliche Kundgebung innerlichster
Bildungsgesetze ist. Mag die Variabilität gewisser Formen noch so
groß sein, mag weitgebende Entwicklung
stattfinden, sei es einer größeren Komplikation, sei es
einer
zunehmenden Vereinfachung zu, mag auch Degeneration
eintreten, die Wege, die alle diese Wandlungen schreiten müssen,
sind genau vorgezeichnet; das Gestaltungsgesetz ist das Oberste, alles
andere nur untergeordnet.
Das
ist zunächst also die große, einfache, breite Grundlage,
welche die Anschauung unserem Denken über die Lebensformen
gewährt; das ist, was das Denken als noch ganz ungetrübter
Spiegel dem Schauen erwidert.
Was weiter geht, ist hypothetisch. Jedoch auf diesem weiteren Gebiete
ist zweierlei durchaus statthaft, sogar geboten: das eine, mehr
Empirische, ist das Zusammentragen und die Untersuchung aller
großen Tatsachengruppen, um sie im Lichte der grundlegenden
Haupterkenntnis zu betrachten und zu zeigen, wie das eine das andere
beleuchtet und erklärt, wie ungezwungen und natürlich sich
bei dieser Auffassung alle Phänomene begreifen lassen usw., das
andere ist, das Unternehmen auf rein hypothetischem Wege (zu noch
allgemeineren Prinzipien aufsteigend), diese Erkenntnis bezüglich
der Lebensformen mit anderen Erkenntnissen harmonisch zu verbinden.
Der
erstere dieser beiden Gedankenkomplexe, die empirische Sichtung,
würde natürlich in jeder ausführlichen Darlegung dieser
Theorie einen wichtigen Hauptbestandteil des Werkes zu bilden haben.
Alle die Argumente, die in so mühsamer Weise zusammengetragen
werden, um die Evolutionstheorie wahrscheinlich zu machen, müssen
systematisch durchgenommen, und es muß gezeigt werden: 1.
polemisch, daß sie das nicht be-
130 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
weisen, was sie beweisen
sollen; 2. daß sie höchst ungezwungen in die Anschauung
beharrlicher Lebensformen hineinpassen. — Beispiele: Die V
a r i a b i l i t â t lebender Wesen kann der E 1 a
s t i z i t ä t der unorganischen Materie verglichen
werden; wie diese in verschiedenen Stoffen sehr verschieden, so ist
auch die Variabilität verschiedener Lebensformen sehr verschieden.
Darüber lassen sich höchst interessante, zum Teil ganz neue
Bemerkungen machen: z. B., daß bei den im hohen Grade variablen
Formen die Rückkehr zum Urtypus (Atavismus) viel gründlicher,
plötzlicher und häufiger geschieht, als bei minder variablen
— was den Parallelismus mit elastischen Stoffen noch auffallender
macht. Die Variabilität ist (wie die Elastizität) die
Fähigkeit, sich verschiedenen Lebensbedingungen anzupassen; ganz
unelastische Formen verschwinden unter neuen Bedingungen. Die
Variation, also die Entwicklung aus einer Form in eine andere, ist der
Ausdruck eines Kompromisses zwischen zwei widerstrebenden Kräften.
Weder der K a m p f u m s D a s e i
n, noch die daraus erfolgende
natürliche Z u c h t w a h l, noch die hierdurch
bedingte, in mehr oder weniger weitem Umfang sich betätigende
„Evolution“ wird von meiner Auffassung geleugnet, sondern einzig die
Ausdehnung dieser bestimmt umgrenzten Tatsache auf unbegrenzte Gebiete,
weit über alle Anschauung hinaus. Die E r b l i c h k e i t
ist bei der Evolutionstheorie eine Art mystischen Dogmas; hier
erscheint sie ganz einfach; sie ist die Kontinuität des gleichen
Bildungsgesetzes: nicht ein stofflicher Hokuspokus (siehe Darwins
„Pangenesis“, Weismanns „unsterbliches Plasma“ und die anderen tollen
Hirngespinste)‚ sondern eine beharrende Kraft wie die übrigen
Kräfte der Natur. Zugleich kommen aber auch solche Lehren wie die
Schopenhauers (und auch Köllikers u. a.) über die „g e
n e r a t i o e x u t e r o h e t e
r o g e n e o“ hier zu ihrem Recht;
131 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
denn es ist durchaus
denkbar, daß unter der Einschränkung gewisser mathematischer
Bedingungen — eine neue Gestalt aus einer alten
entstünde. — Welche befriedigende, widerspruchslose Erklärung
die r u d i m e n t ä r e n O r g a n e
(jener Stein des Anstoßes aller Evolutionstheoretiker) bei
mir fänden, ist zu klar, als daß eine nähere
Ausführung vonnöten wäre. Solche Beispiele wie das
vielgenannte des Pferdes und seiner drei-, vier- und fünfzehigen
Verwandten aus der Kreidezeit würden nicht g e g e
n die Theorie der „ewigen Normen“, sondern in
glänzender Weise f ü r sie zeugen. — Die
vom Darwinismus so
arg mißbrauchten Tatsachen der E m b r y o l o g i e
würden hier erst ihren wahren Sinn erhalten, und das
höhere gemeinschaftliche Bildungsgesetz offenbaren, welches
getrennten Schemen zugrunde liegt. — Die Zeugnisse der
P a l ä o n t o l o g i e, Die Tatsachen der g
e o g r a p h i s c h e n V e r b r e i t u n g, die
Phänomene von M i m i c r y, g e s c h l e c h
t l i c h e r A b w e i c h u n g, I n t e r d e p e
n d e n z
von Pflanzen und Tieren usw., lassen alle eine andere Deutung zu als
die der Evolutionslehre. Die Tatsachen aber, die sich auf
K u n s t f e r t i g k e i t, I n s t i n k t, I n t e l
l i g e n z usw. beziehen, wären
niemals von der Betrachtung der Gestalt zu trennen. In der Gestalt ist
alles gegeben. — Hierdurch soll nur eine schwache Andeutung einer der
interessantesten, an Anschauungsstoff reichsten Abteilungen des
auszuführenden Werkes gegeben sein.
Nicht minder
interessant dürfte sich sodann die mehr hypothetische Betrachtung
gestalten. Hier ist es nämlich, wo die Schwächen aller
Evolutionslehren — die, solange man auf rein empirischem Boden bleibt,
so manches Bestechende haben — sich in ihrer ganzen Erbärmlichkeit
entdecken. In einem künftigen Abschnitt werden die tollen
Absurditäten dieser wahnwitzigen Weltanschauung grell beleuchtet
werden müssen (Einschachtelung,
132 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
Ewigkeit des Keims usw.).
Wer weiter fähig bleibt, sich etwas dabei zu denken, wenn man ihm
sagt, daß der Affe der Vetter des Baumes sei, auf dem er sitzt,
möge seine Befriedigung in diesem Unsinn finden. Wir dagegen gehen
von der durch die unmittelbare Anschauung gewonnenen Einsicht aus,
daß alles, was lebt, an bestimmte Gestalt gebunden ist und
daß die Verwandtschaft alles Lebenden miteinander (Tat-twam-asi)
einerseits in der stofflichen Grundlage besteht (welche es aber mit dem
gesamten auch unorganischen Kosmos gemeinsam hat), vor allem aber in
der allen Wesen gemeinsamen, ewig beharrlichen Gestaltungskraft. Wie
so manches andere, ist diese Verwandtschaft — eine wahre und innige —
nur auf metaphysischem Wege klar und richtig zu erfassen; die
Übertragung ins Materielle gibt ein Zerrbild. — Führte man
etwa gegen uns an, daß nirgendswo eine Spur von spontaner
Generation nachgewiesen werden kann, so wäre darauf zu erwidern:
1. daß dieser Einwurf weder für noch wider unsere Theorie
spricht; 2. daß neues Leben aus nicht lebendem Stoff täglich
überall entsteht und daß an jedem Individuum nicht der
Stoff, sondern einzig die Gestalt das Beharrliche ist. — Die Analogie
mit den Gestaltungsgesetzen im Reich des Unorganischen, d. h. der
Kristallbildung, dürfte auf diesem Felde sehr lehrreich und
anregend sein. Der berühmte Botaniker und Physiker Nägeli hat
bekanntlich eine ganze „Theorie der Abstammung“ auf der Annahme einer
kristallinischen Struktur der einfachsten Körperteile (Mizellen)
begründet; das muß uns allerdings völlig verfehlt
erscheinen; dagegen dürfte die hier aufgedeckte Analogie zwar
nicht zur Erläuterung dienen, wohl aber auf ein gemeinsames
höheres Gesetz hinweisen. Wir wissen jetzt, daß, sobald ein
Stoff aus der relativen Gestaltlosigkeit des Flüssigen oder
Gasförmigen in den Zustand des Festen übergeht, er sofort
eine genau
133 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
bestimmte geometrische
Gestalt annimmt, eine Gestalt, die zwar vielfache Variationen in jedem
einzelnen Falle zuläßt, die aber durch ein
unabänderliches
mathematisches Schema bestimmt ist. Die Außenseite der Felsen
bietet uns
allerdings
selten den
Anblick seiner kristallinischen Beschaffenheit; die sogenannte
Physiographie der Steine hat aber gezeigt, daß sie
überall und ohne Ausnahme — wo sie nicht organische Reste
darstellen — aus Kristallen zusammengesetzt sind, deren Natur man durch
mikroskopische
Untersuchung und unter Zuhilfenahme optischer Instrumente genau
bestimmen
kann. Auch hier gibt es nur eine gewisse kleine Anzahl
möglicher Schemen; innerhalb der einzelnen möglichen
Schemen gibt es auch hier viele Unterabteilungen, und auch
der einzelne bestimmte Stoff variiert vielfach innerhalb
der ihm gesteckten Grenzen, — die Gestalt kann
komplizierter werden als der sonst als normal betrachtete Typus, sie
kann einfacher werden, sie kann durch Hypertrophie oder
durch „arrest of development“ verschiedenartige
Umgestaltungen erleiden, — das Bildungsgesetz bleibt aber
und bildet die primäre Eigenschaft des betreffenden
Körpers, von der seine Härte, seine Elastizität, seine
Durchsichtigkeit usw. gar nicht zu trennen sind. Die Analogie mit
meiner Auffassung der G e s t a l t als des
obersten Gesetzes des Lebens ist offenbar und anregend. — Es lassen
sich da
gar viele Betrachtungen anknüpfen. Weist man z.
B. darauf hin, daß die Erfahrung uns Leben nur aus oder an
Leben entstehend zeigt, so erinnert das uns daran,
daß so häufig ein Stoff aus seiner Lösung gar nicht
herauskristallisiert werden kann, — sobald man aber einen
einzigen Kristall desselben Stoffes besitzt und ihn eintaucht,
da kristallisiert das Übrige sofort. Und in dieser selben
Gedankenverbindung wäre noch eine anregende
Betrachtung anzustellen, natürlich nur als Illustration, jedoch
als eine Betrachtung, die viel-
134 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
leicht eine Analogie zu
dem ersten Entstehen des Lebens bietet: man denke sich unseren Planeten
aus einem flüssigen Zustand allmählich durch Abkühlung
in den festen Zustand übergehend; es werden da die verschiedenen
Bestandteile der Erdkruste herauskristallisieren: mathematisch
identische Kristalle werden an verschiedenen Enden der Erde zu gleicher
Zeit entstehen, dagegen durchaus ungleiche, ihrem Bildungsgesetz nach
unähnliche häufig nebeneinander sich ablagern. Warum sollte
es mit dem Leben nicht analog sich verhalten haben, als die Bedingungen
zu einem Entstehen gegeben waren? Abertausend Formen können zu
gleicher Zeit entstanden sein, — das dem Wesen nach Verwandte eben nur
dem Wesen nach, nicht aber in Bezug auf Zeit, Ort und Herkunft
verwandt, — das
Heterogene dicht nebeneinander. Und da wir hier doch einmal auf dem
Gebiete des Hypothetischen uns bewegen, so möchte ich fragen,
welches Anschauungsmaterial der Voraussetzung Wahrscheinlichkeit gibt,
daß die Natur überall erst mit dem E i n f a c h s t
e n begonnen haben müsse, um dann nach und nach auf dem
Wege der allmählichen Kräftigung und Übung zu immer
komplizierterem, oder wie wir es nennen „Höherem“
überzugehen? Dies scheint mir Anthropomorphismus in seiner
schlimmsten Gestalt, namentlich wenn man den beliebten Vergleich mit
unseren Künstfertigkeiten und Künsten und mit der Entwicklung
des menschlichen Geistes anführt. Das wurde doch alles nur unter
der Voraussetzung stimmen, daß das Universum das Werk eines
menschenähnlichen, gehirntragenden Wesens sei. Sonst ist gar nicht
einzusehen, warum es der Natur schwerer fallen sollte, einen Menschen
herzustellen als ein Infusionstierchen. Nicht allein haben wir
entdeckt, daß selbst kleinste, einzellige Wesen eine ungemein
komplizierte Struktur besitzen und durch Generationswechsel und
Fortpflanzungseinrichtungen nach
135 Entwurf zu einer Lebenslehre —
Manuskript A
manchen Richtungen hin einen
weit verwickelteren Daseinsgang haben
können als wir höheren Tiere, nicht allein steht es fest,
daß das Protoplasma selbst der einfachsten Amöbe eine
unendlich komplizierte Molekularstruktur besitzen muß, sondern
eine derartige Annahme der Progression aus dem Einfachen zu dem immer
Komplizierteren findet im Bereich der ganzen Natur kein Analogon —
außer eben in unserem Gehirn; es ist das eine durchaus subjektive
Blendung; dem Mysterium des Lebens gegenüber schwinden alle
solchen relativen Bestimmungen gänzlich. Und was zeigt uns denn
die Anschauung? Sie zeigt uns das Nebeneinanderbestehen einer fast
endlosen Reihe von Gestalten, von der einfachsten bis zur
kompliziertesten. Gleichberechtigt stehen sie nebeneinander. Gerade die
einfachsten scheinen die dauerhaftesten, die stabilen zu sein; Flechten
sollen, so vermutet man, Jahrtausende überleben; die Diatomaceen
bleiben durch ganze geologische Epochen unverändert; je einfacher
das Wesen, um so eher kann es auch wechselnden Bedingungen sich
fügen, um so weniger werden diese eine „Entwicklung“ bei ihm
anregen! Wie beginnt also die Evolution? Behauptet man aber, die
Entwicklung aus dem Einfachen zum Komplizierten sei die Folge eines
rein i n n e r e n Gesetzes, wie erklärt man
dann das Vorhandensein von Milliarden und Milliarden gerade dieser
allereinfachsten Gebilde? Was hat denn diese verhindert, dem Gesetz zu
gehorchen?
Derartige Betrachtungen auf dem mehr hypothetischen
Gebiete
wird es noch eine Menge anzustellen geben. Überall wird dargetan
werden können,
daß die Annahme einer Evolution aller Wesen aus einem Urkeim zu
endlosen Absurditäten führt und in der Anschauung
keine Unterstützung findet, — daß dagegen die Beharrlichkeit
der Gestalt (innerhalb gewisser Elastizitätsgrenzen) das
Grundgesetz des Lebens ist, wie es aus der Anschauung
136 Entwurf zu
einer Lebenslehre — Manuskript A
sich ergibt. L e b
e n i s t
e i n e i n d e r B e w e g u n
g b e h a r r e n d e G e s t a l t.
Beim Unorganischen sahen wir
schon das Prinzip der Gestalt sehr maßgebend, jedoch in engster
Verknüpfung mit dem Stoff; hier beim Leben ist das viel weniger
der Fall, die verschiedensten Stoffe werden in den Bann derselben
Gestaltungskraft gebracht, und blicken wir zurück auf ein Leben —
sei es auf das tausendjährige einer Flechte oder auf das
siebzigjährige eines Menschen — so erkennen wir, daß an ihm
der Stoff oft und oft gewechselt wurde und einzig die Gestalt das
Beharrende war.
5.
Einiges zur Ergänzung.
Es
dürfte
wohl von selbst einleuchten, wie eingreifend eine derartige Auffassung
auf die weitesten Gebiete menschlichen Denkens und Schaffens wirken
würde:
Die
P h i l
o s o p h i e würde ungemein gewinnen durch die
Hervorhebung des Wertes der metaphysischen Überlegung. Hiermit
hängt auch eng zusammen die starke Betonung des Seins im Gegensatz
zum Werden. Das Sein ist metaphysisch unstreitig das einzig Wahre, das
Werden ein Wahnbild des in Zeit und Raum und Kausalität befangenen
Verstandes; eine Naturwissenschaft, welche das Sein als Primäres,
das Werden als Sekundäres auffaßt, würde anregend und
fördernd auf die Philosophie wirken.
Die
K u n s
t gewinnt durch die Herrschaft einer idealen Weltanschauung
und durch die Zerstörung eines plump-empirischen,
kausalitätsbetörten Materialismus, der nichts anderes ist als
semitische Schöpfungsgeschichte in moderner Kleidung.
Die
P
o l i t i k (und S o z i o l o g i e)
reagiert endlich gegen den Fortschrittswahn, sowie auch gegen die
Schreckvorstellung des Verfalles und lernt einsehen, daß, bei
aller nötigen Elastizität, die Beharrlichkeit das
große, von der ganzen Natur uns gelehrte
Prinzip ist.
22.—28./10. 96.
Gardone.
137
MANUSKRIPT B AUS DEM
JAHRE 1900
zusammengestellt nach
Briefen an die Baronin Emma von Ehrenfels
Zur
Lebenslehre
Stichworte zur
Festhaltung einiger zerstreuter Gedanken.
1. D i e B e d e u t u n g
d e s B e g r i f f e s „G e s t a l t“
a l s
P r i n z i p d e s L e b e n s wird
vielleicht am
schärfsten erfaßt,
wenn man ihn dem Begriffe „Kristall“ gegenüberstellt.
Im Kristall findet
(vermutlich infolge der molekularen Struktur des betreffenden Stoffes)
eine geometrische Ablagerung
statt, welcher einerseits die möglichen Formen für jeden
einzelnen Stoff
auf bestimmte, durch mathematische Berechnung genau zu
katalogisierende Typen beschränkt, andererseits
aber jedem zufälligen äußeren Einfluß ohne
Widerstand
folgt und infolgedessen in nächster Nähe und ohne
Übergänge endlose Varietäten hervorbringt. Der kleinste
fremde
Zusatz zu dem auszukristallisierenden Stoff erzeugt einen neuen Stoff,
und mit ihm eine
andere, womöglich ganz entfernte, unverwandte kristallinische
Ablagerung. Im Leben dagegen tritt die „Gestalt“ diktatorisch auf und
zwingt jeden Stoff, der ihr begegnet, in ihre besonderen, eigenen
Bahnen. Es kann ein
Stoff — ein „Gift“ — das Leben vernichten (und zwar immer durch
Vernichtung gestaltender unentbehrlicher Organe, z. B. der
Blutkörperchen), es vermag aber kein Stoff die bestimmte Gestalt
in eine andere umzuwandeln. Denn wo dies örtlich geschieht,
genügt ein geringes Maß
138 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
(das bloße
Anschwellen der Extremitäten, eine kleine krebsartige Wucherung im
Innern usw.), um ebenfalls den Tod herbeizuführen!
Das
Kristall ist
das dem Leben entgegengesetzte Extrem, ein erstarrter, der gestaltenden
Macht des Lebens entzogener Stoff.
(NB.
— Innerhalb
des lebenden Körpers kommen vielfach Kristalle vor, doch stets als
ausgeschiedene, dem Lebensprozeß als solchem nicht mehr
angehörige Körper.)
Dem
Kristall
d u r c h a u s a n a l o g ist die Fixierung von
Energie in solchen Erscheinungen, wie z. B. in einem Planetensystem.
Wir
wissen ja, wie
die Begriffe „Kraft“ und „Stoff“ ineinander übergehen; wie dort
nun „Stoff“ ausgeschieden und fixiert ist (für unsere
gewöhnliche menschliche Vorstellung „Stoff“, nicht für die
Vorstellung aller hochgelehrten Physiker — so ist z. B. für Lord
Kelvin jedes sogenannte chemische Stoffatom nichts anderes als ein
permanent andauernder Wirbel im Äther, ein Kristall also, eine
Kombination unzähliger andauernder Wirbel), — wie nun, sage ich,
im Kristall „Stoff“ ausgeschieden und fixiert ist, so ist in einem
Weltensystem „Energie“ ausgeschieden und fixiert. Der sonstige Proteus
„Energie“ ist hier gebannt. In der regelmäßigen Abwechselung
der sich gegenseitig bedingenden Energie der Bewegung und Energie der
Lagen kreist der Planet um seine Sonne und bewegen sich die Sonnen
gegeneinander. Ein Ausweichen ist unmöglich; nur der Zusammenbruch
des Systems könnte diese große Masse gebannter Energie
freigeben zu allerhand Wandlungen in Wärme, Elektrizität usw.
Das
Planetensystem
ist also wie das Kristall ein S t a r r e s. Und
daher halte ich die beliebte
Analogie zwischen dem Leben und den kreisenden Gestirnen für ein
durchaus unzulässiges und irreführendes. — Zum Teil
139 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
mag sie wohl durch den
Ausdruck „Kreislauf des Lebens“ angeregt sein, doch ist
dieser Ausdruck selbst ein kaum zulässiger denn das
Leben des Individuums bildet doch offenbar keinen Kreis, es führt
nicht zurück zum Anfangspunkt, und das Leben der Art
ist entweder ein unbeweglicher Punkt oder ein Punkt, der sich nach
einer bestimmten
Richtung geradlinig, oder (vielleicht? Darwin) nach verschiedenen
Richtungen fächerartig bewegt.
Das Kreisende ist das Symbol
des Todes; das Leben
ist seine Verleugnung. Denn das Beharrende des Starren ist die Bewegung
— die in sich selbst ewig zurückkehrende Bewegung —‚ wogegen das
Beharrungsprinzip des Lebens die Unbeweglichkeit
der Gestalt ist, welche von Individuum zu Individuum
wiederholt wird.
Was im Leben „kreist“, sind der Stoff und die
Energie,
welche das Leben in
seinen Dienst zwingt.
Leben bannt Stoff und Energie (die voneinander nur
in Gedanken, in der Erfahrung
gar nicht zu trennen sind); doch tut es dies nur, insofern es dies
vermag einem so gestaltungsfeindlichen Wesen wie Stoffenergie
gegenüber. Die
zur Lebensgestalt gebannten Elemente, gleiten dem Leben immer wieder,
sozusagen „durch die Finger“; und darum muß es immer wieder mit
jeder Gestalt von vorn anfangen.
Das
Leben ist nicht ein
Erzeugnis von Stoffenergie, sondern im Gegenteil ein
unablässiger Kampf gegen sie.
Die Dauer eines Kristalles ist, so
wie die Dauer eines
Planetensystemes, ein nur Gedachtes. Denn was seinem Wesen nach
unvergänglich ist, hat keine Dauer; währt es nicht ewig, so
ist das ein Zufall (ein Zufall nämlich in bezug auf das
betreffende
Gebilde). Auf einem Kreise ist es unmöglich, zwischen zwei Punkten
zu unterscheiden. Dauer
besitzt das nur, was Anfang und Ende hat, und zwar notwendigen Anfang
und
notwendiges Ende. Alles Leben ohne Ausnahme hat
Anfang und Ende; die Ver-
140 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
gänglichkeit
gehört zum Wesen des Lebens — im strengsten Gegensatz zu Stoff
und zu Energie und zum Unterschied von allen ihren Gebilden —‚ und
daher dürfen wir sagen, nur das Leben ist, d. h. besitzt Dauer und
Dasein.
Soviel
vorläufig über die Gegenüberstellung von Lebensgestalt
und kristallinischer Gestalt.
2.
D i e
B e h a r r l i c h k e i t d e r G e s t a l t
(teilweise vermutlich schon mitgeteilt).
Diese
große
Abteilung wird mehrere Kapitel umfassen. Denn einerseits sehen wir die
Gestalt des Lebewesens „beharren“, d. h. sich unverrückbar
vererben; andrerseits aber ist die Beharrlichkeit der einzelnen
morphologischen Gebilde innerhalb eines bestimmten Lebenstypus ebenso
auffallend und belehrend.
Daß
die
Gestalt des Individuums innerhalb seines Lebens und, durch Vererbung,
über sein Leben hinaus beharrt, ist die große mittlere,
unanfechtbare Tatsache alles beobachteten Lebens. A priori
läßt sich dieses Gesetz nicht als notwendig einsehen. Es
gibt Stadien gewisser Lebewesen, — z. B. der Myxomyceten und Myxamoeben
—‚ in welchen tatsächlich die äußere Form des Wesens
immerfort ändert und keinerlei Symmetrie aufweist. Warum ist das
nicht überall und immer der Fall? Warum adaptiert sich nicht jedes
Wesen wechselnden Bedürfnissen und Bedingungen durch Änderung
seiner Gestalt? Warum erzeugt eine Gestalt immer dieselbe Gestalt,
nicht in buntester Mannigfaltigkeit andere? Ich für mein Teil habe
mir nicht vorgenommen, irgend etwas zu „erklären“; ich
begnüge mich festzustellen, daß das B e h a r r e
n d
e r G e s t a l t durch alle Beobachtung bezeugt
wird. Und selbst in solchen Fällen wie den obengenannten, bei den
Myxomyceten und Myxamoeben, haben ganz nüchterne, unphilosophische
Naturforscher darauf aufmerksam gemacht, daß uns sicherlich in
ihren scheinbar amorphen Zuständen nur
141 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
das Prinzip ihrer
Gestaltung verborgen bleibe, denn auch hier, wenn das Leben des
Individuums zu jener höchsten Krisis gelangt, wo Leben Leben
zeugen
soll, da sammelt sich von allen Seiten das Ungestalte, und auf einmal
steht ein enorm kompliziert gestaltetes, stets sich selber genau
gleiches Wesen vor uns.
B e o
b a c
h t e
t hat man eine dauernde Artveränderung (Variabilität)
noch niemals; gerade Darwins Beobachtungsreihen an den sehr plastisch
biegsamen Tauben haben gezeigt, daß die enormsten Unterschiede —
welche das ganze Wesen umzuwandeln schienen — in ganz wenigen
Generationen verloren gehen
und immer wieder dieselbe einfache, ursprüngliche,
wilde Taube vor uns steht — sobald die künstliche
Züchtung aufhört. Nun führt zwar Darwin eine Reihe
geschickter Argumente ins Feld, um uns zu überzeugen: die von ihm
erzielten Änderungen bezeugten die Tendenz der Gestalt zu endloser
Variabilität, der Rückschlag in die ursprüngliche
Gestalt sei aber nicht einem aktiven Lebensgesetz zuzuschreiben,
sondern lediglich unter dem Einfluß von allgemeinen tellurischen
Bestimmungen; —
kurz, Lebensgestalt ist für ihn ein Wachs, aus welchem
äußere Bedingungen alles schaffen, was sie wollen. Hier und
heute habe ich nun nicht vor, gegen Darwin zu Feld zu ziehen — dessen
Argumente ich für Trugschlüsse halte, sondern ich will nur
das eine feststellen, daß eine tatsächliche Veränderung
einer Gestalt in eine andere Gestalt nie b e o b a c h t e
t worden ist, sondern, daß man sie lediglich
durch A r g u m e n t e plausibel zu machen gesucht
hat. Denn gerade so wie unsere Myxomycete in ihrem Amoebenzustand
keinerlei beharrende Gestalt zu besitzen schien,
plötzlich aber uns entdeckte, daß ihre feste, bestimmte,
beharrende Gestalt nur gleichsam versteckt gewesen war, ebenso ist
die wahre „Taube“ nur gleichsam versteckt und verhüllt hinter den
künstlich er-
142 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
zeugten „Spieltauben“.
Und was wir hier vor allem zu lernen haben, ist, wie wenig gewisse
scheinbare, ins Auge fallende Veränderungen die im Grunde fest
beharrende, unveränderliche G e s t a l t
tangieren. Echte, rein
anschauliche, nicht kombinierende und „erklärende“ Anschauung
erblickt hier als das Primäre die Beharrlichkeit, dagegen die
Variabilität als ein nur Sekundäres.
Genau
zu demselben
Ergebnis wird jede unbeeinflußte Untersuchung des sogenannten
„geologischen Zeugnisses“ führen. Denn es kann keinem
vernünftigen Beobachter einfallen, jede Veränderlichkeit der
Gestalt zu leugnen; es macht aber einen grundsätzlichen
Unterschied in der gesamten Naturauffassung — une différence du
tout au tout — ob
ich (sei es mit
Lamarck und Darwin als von außen bewirkt, oder mit Weismann als
von innen bedingt) die V a r i a b i l i t ä t
als das Grundgesetz des Lebens betrachte, oder im Gegenteil
die B e h a r r u n g d e r G e s t a l
t
als das Grundgesetz auffasse und nur eine (bei den verschiedenen
Gestalten in sehr verschiedenem Grade vorhandene) plastische
Biegsamkeit oder Elastizität, innerhalb bestimmter Grenzen, als
eine durch die Beobachtung gesicherte Tatsache anerkenne. Gerade
das A u s s t e r b e n zahlloser Gestalten (denn
daß die Trilobiten, die Dinosaurier, die Lepidodendren usw.,
nicht durch Evolution in andere Formen „übergegangen“, sondern
einfach untergegangen sind, gibt selbst der enragierteste Transformist
zu) — gerade dieses Aussterben zeigt, wie eng die Grenzen der
plastischen Beweglichkeit gezogen sind. Ganze große Typen, welche
die Oberfläche der Welt bedeckten, sind einfach zugrunde gegangen
und auf immer verschwunden, als die meteorisch-geognostischen
Verhältnisse tiefe Modifikationen erlitten hatten; — vernichten
können die äußeren Mächte (Stoff und Energie) die
Lebensgestalt; sie vermögen es aber nicht, sie umzuwandeln. —
Verfolgen wir aber innerhalb
143 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
dieses „geologischen
Zeugnisses“ die wirklich stattgehabten — innerhalb der plastischen
Möglichkeiten einer bestimmten Gestalt als möglich gegebenen
— Umwandlungen, so wird uns gerade hier die e n o r m e
B e h a r r u n g s k r a f t der
Gestalt auffallen, welche, anstatt sich bei dem Eintritt neuer
tellurischer Verhältnisse in etwas ganz anderes zu verwandeln, mit
einem sozusagen „unpraktischen“ Eigensinn und allen materiellen
Gesetzen von einer Ökonomie der Kräfte zum Hohn, den Typus
bis in jede Einzelheit festhält und mit einem Minimum an
Adaptationen sich den neuen Bedingungen anpaßt. Ganz abgesehen
davon, daß wir Muscheln besitzen, welche ohne die kleinste
nachweisbare Änderung mehrere geologische Epochen durchlebt haben
(was allein genügt, um Weismanns haarsträubende Theorie zu
widerlegen), betrachte man doch die Fische, da ja bei ihnen das Zeugnis
sehr weit zurückreicht und in großen Mengen vor Augen
geführt
werden kann! Kein
Kind, das man in ein paläontologisches Museum führt, wird
einen Augenblick schwanken, die Fische aus den urältesten
geologischen Epochen als „Fische“ zu erkennen. Es gehört ein
naturwissenschaftlich
gebildetes Auge dazu, um den Unterschied im Bau der Schwanzflossen, auf
welchen Systematiker ein so großes Gewicht legen, auch nur zu
erblicken, — und die Tatsachen der Embryologie, welche uns im Keime
mancher heutiger Fische eine ähnliche Bildung zeigen (Tatsachen,
welche die Transformisten mit rührender Naivität als eine
„Rekapitulation“ des Werdens der Art auffassen!) beweisen, daß
ein derartiger Unterschied — wichtig für unsere menschlichen
Klassifikationen — für die typische Gestalt ohne Belang ist.
Jedenfalls fällt uns auch hier — gleichviel ob wir den
ausgewachsenen Fisch der silurischen Epoche und den ausgewachsenen
Fisch von heute, oder den ausgewachsenen Fisch von damals und das
144 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
Embryo des heutigen Tages
betrachten — das B e h a r r e n d e r G
e s t a l t als das oberste Gesetz
des Lebens auf.
Gegenstand
einer
wichtigen Untersuchung wird die Frage zu sein haben: welche Gestalten
zueinander gehören, welche nicht, — mit anderen Worten, deutlich
und empirisch den Begriff einer V e r w a n d t s c h a f
t d e r G e s t a l t e n zu
entwickeln. Hier können nicht Theorie und Kombination und
Mathematik uns leiten, sondern nur Beobachtung.
Winke
werden uns
z. B. geben: a) die verschiedenen Lebensphasen des einheitlichen
Individuums (der Amöbenzustand und der fruktifizierende Zustand
der vorhin genannten Myxomyceten, — das Ei und der Vogel, — das Eichen,
die Raupe, die Puppe, der Schmetterling, — die Kaulquappe, der Frosch
usw.); b) der Generationswechsel im umfassendsten Sinne des Wortes bei
gewissen Tieren und (denn es verdient wohl denselben Namen) auch bei
den Kryptogamen, — so z. B. das kleine flache, Archegonien und
Antherozoiden tragende Tallom und das geschlechtlose, sporentragende,
beblätterte, aufrechte Pflänzchen bei den Mosen usw.; c) die
abweichenden Gestaltungen bestimmter Organe und Teile innerhalb der
zweifellos typisch nahe verwandten Arten einer Familie oder einer
Gattung (man denke z. B. an die Früchte der Cruciferen, an die
Blüten der Orchideen, an die Blätter der Kakteen, man denke
an die Kopfformen der Coleopteren, an die Leibesgestalt der Fische, an
die Extremitäten der Säugetiere usw. ad infin.); d) das so
eigentümliche Verhältnis einer ganzen Lebensgestalt als
Einheit betrachtet zu ihren verschiedenen Organen und zu ihren
histologischen Bestandteilen (z. b. die Gestalt des Koniferenbaumes,
seine Nadeln, seine so äußerst charakteristischen
Holzzellen mit ihren besonderen Tüpfeln, — der Fisch und seine
Schuppen, der Vogel und seine Federn, das Säugetier und seine
Haare usw.).
145 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
Ich bin der
Meinung, daß das hier kurz Angedeutete zu unerwarteten
Ergebnissen führen würde. Auf dem direkten Wege der
Anschauung würden wir erkennen lernen, daß manche
Änderung der Gestalt (Variation), die uns Menschen als sehr
groß auffällt (siehe die Vermehrung der Schwanzfedern bei
Darwins Tauben usw.) ein geringes ist; wir würden begreifen
lernen, daß gerade so wie der an unterirdischen Wurzeln nagende
Wurm die Gestalt des durch die Frühlingsluft lustig summenden
Maikäfers in sich trägt, und die unscheinbare Raupe ungesehen
farbenprächtige Flügel verspricht, wie sie kein anderes
Wesen, sondern nur die Raupe allein entwickeln kann, — daß ebenso
eine Gestalt — gerade d u r c h ihre besondere
Gestalt und d a
n k ihrer
besonderen Gestalt — die Befähigung zu einer anderen Gestalt in
sich tragen kann. Man soll hier durchaus nicht apriorischen
Konstruktionen Raum gewähren; doch, hat man erst aus dem enormen
vorhandenen Material das organische Verhältnis von Gestalt zu
Gestalt in seinen Grundzügen festgesetzt, so wird man gewahr
werden, daß es nicht paradox ist zu behaupten: e i n
e Ä n d e r u n g
d e r K ö r p e r g e s t a l t k a n
n e i n e B e w a h r u n g d e
r K ö r p e r g e s t a l t
b e d e u t e n, und man wird dann den strengen Beweis
führen
können, daß diejenigen dauernden „Variationen“, welche aus
dem geologischen Zeugnis als wahrscheinlich anzunehmen sind, die
stärksten aller Beweise für die unüberwindliche
Beharrungskraft der Gestalt abgeben. [Nachtrag: Dagegen wird man
einsehen lernen, daß viele scheinbar kleine Änderungen durch
keine Gewalt der Umstände bewirkt werden können, -— weil
dieses Kleine eine typische Umformung bedingen würde, welche die
Gestalt als Prinzip des Lebens nicht leisten kann.] Auch dieser
Gedankengang führt zu so reichen Ergebnissen, daß sie in
solchen Stichworten wie den vorliegenden kaum angedeutet werden
können.
146 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
So z. B.
lehrt uns
vielleicht keine einzige der großen Tatsachen der Natur in so
beredter Weise das unüberwindliche Beharren der Gestalt als
oberstes Lebensgesetz erkennen, wie die Unzerstörbarkeit der
einzelnen morphologischen Gebilde innerhalb eines bestimmten Typus.
Man
denke an die
Extremitäten der Vertebraten: Flügel, Flossen, Vorderbeine,
Arme sind morphologisch gleich wertig! Und nicht bloß zeigen sie
sich im anatomischen Bau gleichwertig, sondern auch die Z a
h l der Extremitäten ist bei diesem ganzen Typus von
einer Unveränderlichkeit, die wir sonst nicht antreffen. Die
Reduzierung der Extremitäten auf zwei Paare ist ein Grundgesetz
(scheint es) der Vertebraten, womit eine Ungeschicklichkeit
zusammenhängt, welche ihnen wohl allein eignet. Man denke an das
edle Roß mit seinen vier hölzernen Beinen — dem Prinzen in
den 1001 Nächten vergleichbar, der vom Nabel abwärts zu
Marmor erstarrt war; man denke an den Fisch, bei dem alle Glieder als
Schwimmorgane dienen müssen, so daß ihm einzig ein auf- und
zuzusperrendes Maul für alle sonstigen Lebensfunktionen
übrigbleibt; man denke an den armlosen Vogel. Notwendig —
außer als Notwendigkeit der Gestalt — ist dies sicher nicht. Wir
sehen aus anderen Tierklassen, daß Organe, welche morphologisch
keine Beziehungen zu den Extremitäten der Vertebraten haben, zum
Fliegen, Laufen, Greifen usw. dienen können. So hat z. B. der zum
Laufen und zugleich zum Fliegen organisierte Käfer noch
außerdem Fühlhörner und Greiforgane — gleichsam
Hände — am Kopfe. Wie nützlich wäre derartiges dem
Vogel! Doch die G e s t a l t des Vertebraten
schließt jede derartige
Vervollkommnung aus — welche doch sicher im Laufe der Zeiten eintreten
müßte, wenn die Veränderlichkeit das Prinzip des
Organismus und die „Auswahl“ ein Prinzip der Evolution wäre.
In
diesem
Zusammenhang betrachte man auch solche
147 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
Dinge wie z. B. die
Unauslöschbarkeit des Kiemenapparates — und wohl betrachtet auch
der Lunge. Der von der Evolutionshypothese Verblendete behauptet
kurzweg: der Kiemenapparat
sei eine „niedrigere“ Stufe, die Lunge eine „höhere“. Was er sich
dabei denkt, mag er mit seinem Gotte ausmachen, denn er selber — wenn
er Anatom ist —
weiß, daß Kiemen und Lungen morphologisch durchaus
verschiedene Gebilde sind. Lebt der Vertebrat im Wasser, so wird die
unentbehrliche
Funktion der Atmung meistens durch einen Kiemenapparat besorgt, lebt er
in der Luft, durch einen Lungenapparat, physiologisch herrscht hier
Homologie, anatomisch
höchstens eine durch die Natur der Funktion hervorgerufene
Analogie.
Was uns hier aber
interessiert, ist die Tatsache, daß die Lunge — als anatomisches,
individuelles Gebilde — bei den Fischen ebenso existiert wie bei den
Lufttieren, und daß sie eine ebenso wichtige — wenn auch ganz
verschiedene — Funktion erfüllt, nämlich als
„Schwimmblase“ (ob dies der richtige technische Ausdruck, bin ich nicht
sicher; ich schreibe alle diese Bemerkungen im Gebirge, ohne ein
einziges
Nachschlagebuch, und habe seit fast zwanzig Jahren keine Gelegenheit
gehabt, mich mit
spezieller Zoologie zu befassen; dies wolle der Freund überall
berücksichtigen) — und andrerseits die Tatsache, daß der
Kiemenapparat
noch bei den vom Leben im Wasser entferntesten Vertebraten (so z. B.
auch beim
Menschen) anatomisch nachweisbar ist und als
„Zungenbein“ usw. bei der Atmung und Stimmbildung wichtige Dienste
leistet. Was also uns zum Atmen dient, dient dem Fische, um sich ohne
Zertrümmerung
seiner Gestalt in große Tiefen zu versenken und auch um seine
horizontale Lage im Ozean zu wechseln, — was aber dem stummen Fische
zum
Atmen dient, dient
uns zum Reden (vom ih! ha! des Esels bis zu einer akademischen Rede des
Herrn
Professor Virchow). Auch
148 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
hier wieder also
eigensinniges unüberwindliches B e h a r r e n
d e r G e s t a l t. Diese paßt sich den
verschiedensten Funktionen an, aber selbst der gewaltigste aller
umgebenden Einflüsse, der des Elementes, in welchem das Wesen von
der Geburt bis zum Tode lebt — vermag es nicht, aus einem gegebenen
Typus Neues herauszuschlagen.
Bei
einigem
Nachdenken und bei Benützung des durch die Wissenschaft
aufgespeicherten Hilfsmaterials ließe sich diese besondere
Betrachtung unendlich reich ausführen. — Ich erinnere z. B. daran,
wie bei den Spinnen, wo die Sekretierung der Seide usw. zu einer hohen
Ausbildung gewisser Organe und einer notwendigen (infolge der
Ökonomie der Gestalt „notwendigen“) Reduzierung anderer
geführt hat, das Männchen, das am Kopfe sitzende
rechtsseitige Mandibulum (?) zu einem Organ der Begattung ausgestaltet
besitzt. Der Evolutionstheoretiker wird natürlich hier wie
überall von „Entwicklung“ sprechen. Man versuche sich aber etwas
dabei zu denken, daß das Kopulationsorgan am Abdomen nach und
nach — unter der
Herrschaft
irgend welcher unbekannter Bedingungen — verschrumpft sei, und nunmehr
die natürliche Zuchtwahl diejenigen Individuen ausgesucht habe,
welche auf den grandiosen Einfall verfielen, ihr „Mundstück“ zu
diesem Zwecke zu gebrauchen usw. Solche Dinge gehören in die
Ammen- und Kinderstube. Uns aber (die wir nicht nach Ursprüngen,
sondern nach einfacher Anschauung dessen, was ist, suchen) zeigt dieser
Fall — und tausend andere — daß die Gestalt eine Despotin ist,
der das Leben als Sklave unterworfen bleibt, so daß, wenn — wie
in dem genannten Beispiel der Spinne — der Abdomen für gewisse
besondere Funktionen ein gewisses Übermaß an
Gestaltungselementen benötigt, dann selbst für die wichtigste
Funktion der Zeugung keine Möglichkeit bleibt, das für die
Paarung nötige Organ zu schaffen, sondern
149 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
dann irgendein anderes in
diesem Gestalttypus gegebenes Gebilde diese Funktion
übernehmen muß. [Ähnliches läßt sich im
großartigsten
Maßstabe für das gesamte Pflanzen- und Tierreich
ausführen, indem man die Aufmerksamkeit einerseits auf ganze
Familien richtet, wie bei den Spinnen, Krebsen, Schlangen usw.,
andrerseits auf einzelne Genera oder Gruppen, wie z. B. auf
den berüsselten Elefanten, den Pfau usw.]
Daß
unter noch anderen Bedingungen der Umgebung usw. (z. B. auf anderen
Planeten) g e n a u d i e s e l b e n
u n s b e k a n n t e n L e b e n s t y
p e n — d. h. Gestalt als Wesen und Ursache
des Lebens — noch weitere, von den uns hier auf Erden bekannten
Modifikationen weit abweichende, neue zeigen
würden, ist nicht zu bezweifeln.
Soviel
nur heute
über die Beharrlichkeit der Gestalt, wie wir sie um uns her
erblicken.
3. F a s s e i c h
e i n L e b e w e s e n i n s A u g
e, so finde ich G e s t a l t auf
verschiedenen
Stufen (wenn ich mich so ausdrücken darf), ich
habe den Umriß des ganzen Wesens, ich habe die verschiedenen
Formen seiner einzelnen Organe, ich habe die histologischen Elemente
dieser Organe, und
ich verfolge „Gestalt“ weiter, bis wohin das helfende Mikroskop nur
reicht.
(Für letzteres erinnere ich an das eine nur, als Beispiel [siehe Grundlagen, Kap. 9,
Abschnitt Wissenschaft], daß ein
Chlorophyllkorn immer eine bestimmte — für jede Pflanze
verschiedene — Gestalt besitzt, und daß erwiesenermaßen ein
Chlorophyllkorn einzig und allein aus einem Chlorophyllkorn entsteht
und
nicht aus der allgemeinen
Tätigkeit der Zelle hervorgeht — also bis ins Kleinste
hinein die Gestalt allein befähigt ist, Gestalt zu zeugen.) Ich
meine nun, wir werden bei der Ausführung dieser
Lebenslehre dahin gelangen, einen noch höheren Begriff von
„Gestalt“ als
das Lebenzeugende
und -erhaltende zu bilden, indem wir nämlich lernen
150 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
werden, die organischen
(geradezu „gestaltlichen“) Beziehungen zwischen den v e r s
c h i e d e n s t e n Wesen zu erblicken, woraus sich die
Einsicht ergeben wird, daß alles Gestaltete, Lebende zusammen
e i n G a n z e s bildet. Dies ist aber durchaus
nicht naturphilosophisch und tat-twam-asi'tisch (etwa à la
Schelling) zu verstehen, sondern es handelt sich hier, wie bei jeder
Einzelheit meiner Lehre, um eine e m p i r i s c h e
Tatsache, welche durch Anschauung und Erfahrung zu demonstrieren ist;
nicht erfinden, nicht dichten ist mein Ehrgeiz, sondern einfach mir und
anderen die Augen öffnen.
Doch
liegt uns die
gemeinte Einsicht heute so fern, daß es mir schwer fällt,
sie darzustellen und einen Begriff der unzähligen Einsichten zu
geben, die sich dereinst aus ihr ergeben werden.
Vor 25
Jahren, als
ich mich nur belehren lassen wollte und enthusiastisch das Neueste als
das Wahrste ergriff, hatte für mich in Darwins „Ursprung der
Arten“ ein Kapitel eine besondere, heimliche, nie erlahmende Anziehung
— es war das über die K o r r e l a t i o n.
Wer zuerst den Begriff der „Korrelation“ aufgestellt hat, ist mir
unbekannt, und — wie gesagt — ich schreibe, ohne ein einziges Buch zur
Hand zu haben. Jedenfalls ist die Sache so eminent scharfsichtigen und
philosophisch zusammenfassenden Geistern wie Cuvier und Lamarck bekannt
gewesen; bei Lamarcks berühmtem (auch von Darwin angeführtem)
Beispiel der Giraffe fällt die Korrelation zwischen der enormen
Entwicklung der Vorderteile und der Unentwickeltheit der Hinterteile
jedem in die Augen. Man kann eigentlich bei jedem Wesen von einer — dem
scharfen Auge — sichtbaren Korrelation der verschiedenen Teile und
Organe sprechen: der Tiger ist in ähnlicher Verbindung oft zitiert
worden, alles ist bei ihm auf den Sprung eingerichtet; man könnte
aber ebenso gut die harmonische
151 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
Zusammensetzung der
Organe zu bestimmten Lebensarten bei dem Affen, dem Pinguin, dem
Ichthyosaurus, der Schlange usw. aufzeigen. Jedoch man übersehe
nicht, daß bei jeder derartigen Betrachtung ein gut Teil
anthropomorphischen Teleologisierens sich hineinmengt. Wo die Sache
für uns interessant wird, ist genau dort, wo Darwin den Begriff
Korrelation einführt. Er hat vielleicht nicht scharf genug
gedacht, um selber diesen Punkt als den kritischen seiner Lehre zu
erkennen, doch war er viel zu erfahren, um ihn zu übersehen, und
viel zu redlich, um ihn zu verschweigen, — und ich glaube, daß
jeder unparteiische und begabte Leser empfinden wird, was mir mit 20
Jahren — erst unbewußt, dann immer deutlicher — auffiel,
daß hier eine der unleugbarsten unter allen den tausend
Achillesfersen jeder Evolutionslehre vorliegt. Es findet sich
nämlich, daß zwischen den entferntesten, einander scheinbar
in keiner Weise berührenden Organen eine „Korrelation“ (ein
gegenseitig bedingendes Verhältnis) besteht. Auch hier muß
ich bedauern, die Beispiele nicht in korrekter Ausführlichkeit im
Gedächtnis gegenwärtig zu haben; doch Hinweise genügen
für den Zweck
dieser
„Stichworte“. Ein besonders frappantes Beispiel gibt Darwin, das sich
auf Katzen bezieht: weiße Katzen, die ohne Schwanz geboren sind,
sind taub — ? — oder etwas Analoges; jedenfalls handelt es sich um die
Farbe des Felles, um die Entwicklung der Wirbelsäule und um ein
Sinnesorgan. Kein Anatom hat die blasseste Ahnung, wieso diese drei
Dinge aufeinander wirken, miteinander zusammenhängen — in
Korrelation stehen — können. Eigentlich noch interessanter,
wenngleich weniger auffallend, sind eine Reihe anderer Beispiele, die
ich nicht anführen will, um nicht die Tatsachen falsch zu
berichten. Besonderen Eindruck machten mir unter diesen die
Phänomene der Korrelation bei der Züchtung von Spieltau-
152 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
ben. Denn während
wir an anderem Orte evolutionistische Triumphgesänge darüber
vernommen hatten, daß es dem Züchter gelingt, die Anzahl
der Schwanzfedern zu vermehren, die Farbe zu modifizieren, den Schnabel
ebenfalls usw., — erfahren wir nun, daß jede derartige
Änderung unvorhergesehene Änderungen an entlegenen
Körperteilen hervorruft, — wodurch der Züchter nicht
bloß Dinge züchtet, die er nie im Sinn gehabt hat, sondern
seine Tätigkeit überhaupt bald beschränkt und beendet
sieht. So führt z. B. die eine künstlich gezüchtete
Variation dazu, daß die Taube sich nicht mehr nähren kann,
eine andere dazu, daß sie nicht mehr fliegen kann usw.
Während also wir Laien das Erzielte gaffend anstaunen und einen
Tausendkünstler zu erblicken glauben, und während der
Evolutionstheoretiker in der Unschuld seines Herzens die endlose
Variabilität der Gestalt experimentell erwiesen zu erblicken
glaubt, weiß der Züchter sehr genau, welche enge Grenzen ihm
gezogen sind, und er weiß, daß er nur das erzielen kann,
was schon deutlich in der bestimmten Gestalt gegeben und bloß
unentwickelt geblieben ist; wohl kann er durch geschickte Kreuzung und
Auswahl „Rasse“ züchten (wie die Geschichte es bei den Menschen
oft getan hat) — das heißt einen Stamm, bei welchem die besonders
charakteristischen Eigenschaften einer Lebensgestalt — resp. einige von
ihnen (bei dem Pferde z. B. entweder die Schnelligkeit auf Kosten der
Tragkraft, oder die Tragkraft auf Kosten der Schnelligkeit) — in hohem
Grade ausgebildet sind — „Rasse“ ist, wie wir hier sehen, G e s
t a l t in besonderer, durchsichtiger Reinheit —; doch der
Züchter weiß, daß, sobald er die Gestalt nicht
bloß zur vollen Reife entwickeln, sondern ä n d
e r n will, ihm
sehr, sehr enge Grenzen gezogen sind, bei deren Mißachtung er —
infolge der Korrelation der verschiedenen Teile, und das heißt
einfach infolge der Einheit und ge-
153 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
getzgebenden Bedeutung
der „Gestalt“ — das Wesen vernichtet.
Daß bei der
Darlegung des Lebens als Gestalt ein sehr ausführliches Kapitel
der Darstellung und Ergründung der Phänomene der Korrelation
gewidmet werden muß, leuchtet ohne weiteres ein. Das
experimentale Material wird natürlich zu
verwerten sein (wie denn überhaupt Darwin und seine Schule als
großartige Vorarbeiter sich bewähren werden), doch
meine ich, daß auch hier wieder die direkte Anschauung des vom
Leben Gebotenen uns viel weiter fuhren wird. Ist einmal das Augenmerk
auf die
Korrelation aller Teile einer Gestalt gerichtet so gewinnt die ganze
Welt in
bewußter Weise jene Einsicht, die einem einzigen genialen Cuvier
gestattete, aus e i n e m Knochen ein ganzes Tier
aufzubauen.
Auf diesem Wege wird nun sehr weit in die Geheimnisse der Gestalt als
Wesen des Lebens eindringen.
Nebenbei gesagt und ehe ich
diese Ausführung fortsetze, will ich folgenden
Einfall einschalten.
Daß
innerhalb bestimmter enger Grenzen eine Evolution manchmal stattfindet
und
daß hierbei eine durch den Kampf ums Dasein bedingte
natürliche Zuchtwahl stattfindet, ist, glaube ich, als
durchaus wahrscheinlich und von Darwin genügend begründet
anzunehmen, — nur ist dies nicht ein primäres,
sondern ein untergeordnetes Phänomen, und was wir daraus zu lernen
haben, ist das Gegenteil
von dem, was Darwin und alle anderen Evolutionisten daraus folgern Denn
es ist höchst wahrscheinlich und könnte, glaube ich, aus
vielen
Tatsachen der Paläontologie belegt werden,
daß die „natürliche Zuchtwahl“ — insofern sie nicht
bloß Rasse, sondern wahre Veränderung hervorzurufen imstande
sein mag — genau so wirken wird wie künstliche
Zuchtwahl; diese Voraussetzung liegt ja auch Darwins ganzer
Argumentation zugrunde. Nun haben
154 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
wir aber gesehen,
daß der künstlichen Zuchtwahl in bezug auf Änderung der
Gestalt sehr enge Grenzen gezogen sind, und zwar durch die vielfachen,
geheimnisvollen Korrelationen im Bau. Es ist nun klar, daß, wenn
die Natur in dieser Weise Gestalt züchtet — wenn z. B. Bedingungen
der Umgebung eine Vermehrung der Schwanzfedern der Taube
herbeiführen —‚ diesem Vorgang in der Natur sehr bald ein Ende
gesteckt werden muß, da am Kopfende oder anderswo Änderungen
infolge der Korrelation eintreten, welche das Leben des betreffenden
Tieres gefährden oder gar unmöglich machen. Was ich die
elastische Plastizitât der Gestalt nenne, erreicht darum bald
ihre Grenze, und der Pendel, der nach rechts sich hob, wird mit
Notwendigkeit nach links sich senken. Sollten dagegen die Bedingungen,
welche eine Änderung der Gestalt begünstigen und hervorrufen,
sich so dringend und übermächtig geltend machen, daß
sie coûte que coûte sich behaupten, so würde die
Elastizitätsgrenze überschritten werden, und das heißt
hier nichts anderes, als daß der betreffende Arttypus nach und
nach durch Aussterben seiner zum Leben nicht mehr tauglichen und
untauglich geborenen Individuen von der Erdoberfläche verschwinden
würde. Es ist aus den Phänomenen der Korrelation (im
weitesten und im engsten Sinne des Wortes) als sicher anzunehmen,
daß jede wirkliche und anhaltende „Evolution“ — anstatt zu
progressiver, unbegrenzter Vervollkommnung zu führen, wie die
verblendeten Naturscholastiker unseres Tages annehmen — unabweisbar zum
Niedergang
der betreffenden Art oder Gattung, oder auch der betreffenden ganzen
Familie führen muß. Erst diese Einsicht wird das
Verständnis des „Geologischen Zeugnisses“ aufhellen. Um ein mehr
äußeres und leicht faßliches Beispiel zu nennen: es
ist möglich, daß die uns bekannten Dinosaurier durch
Evolution gezüchtete Monstrositäten sind, bei denen die
unausgesetzte
155 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
Ausbildung der Gestalt
nach Seite der Größe und des Gewichtes — als Vorzüge im
Kampf ums Dasein — zur unbeholfenen Schwerfälligkeit und zu dem
nicht zu befriedigenden Bedürfnis enormer Nahrungsmengen
führte, —
daher zum Aussterben. Doch ist dieses Beispiel absichtlich grob
gewählt; wir sehen bei den Tauben — und die vergleichende Anatomie
würde uns Abertausende von Beispielen liefern — daß die
Korrelation viel unberechenbarer und sicherer wirkt, um jeder Evolution
durch Tod ein Ende zu machen.
Es ist uns ja bekannt,
daß selbst bei Rassenzüchtung (die mit Evolution keineswegs
zu verwechseln ist, wenn auch Darwin zwischen beiden nicht zu
unterscheiden wußte), sobald ein einigermaßen extremes
Resultat Bestand
haben soll, dies nur durch immer wiederholte Einführung des
mittleren, normalen Typus gelingt, — und was heißt dies anderes,
als durch Betonung der reinen Gestalt? Darwin selber führt
Beispiele an aus der Pferde- und Hundezucht, und ein sehr lehrreiches
wurde mir neulich bekannt — daß nämlich die vortrefflichen
Smyrna-Feigen nur unter der Bedingung Früchte hervorbringen,
daß sie mit dem Pollenstaub der wilden Feigen befruchtet werden.
Auf
diese erste
Einschaltung möge gleich eine zweite, kürzere kommen: Leben
ist Gestalt; Gestaltung kann sich aber nur an dem, was da ist,
betätigen und bewähren, und dieses „Etwas“ ist das, was wir
entweder als Stoff und Energie auseinanderhalten oder als Stoffenergie
identifizieren — je nach dem Standpunkt und Studiumszweig des
betreffenden Naturforschers. Wir hier lassen uns auf keine
Haarspalterei über das Verhältnis von Kraft und Stoff ein;
wir stellen aber —- belehrt durch Anschauung — das Eine fest: jede
Lebensgestalt beherrscht eine gewisse S t o f f m a s s e
und eine gewisse
E n e r g i e m e n g e, — sie ist aber auf diese bestimmte Masse und
Menge
beschränkt;
156 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
mit weniger kommt sie
nicht aus, mehr vermag sie nicht zu beherrschen. Diese
Beschränkung kann nicht durch Stoff und Energie gegeben sein, da
beide ihrem Wesen nach unbeschränkt sind, sondern muß durch
die Gestalt selbst bedingt sein.
Ich
kehre zum
Hauptthema dieses Abschnittes zurück. Wir haben die sogenannte
Korrelation am Werke innerhalb eines Individuums und Typus gesehen. Um
jetzt eine weitere Einsicht zu gewinnen, müssen wir beachten,
welche wahre Korrelation ein Wesen mit dem anderen, und d. h. eine
Gestalt mit der anderen, verknüpft.
Zunächst
fällt hier der enorme Komplex von Beziehungen zwischen heterogenen
Wesen auf, die man während der letzten 30 Jahre zu studieren
begonnen und unter dem Namen S y m b i o s e
zusammenzufassen sich
gewöhnt hat. — So bestehen z. B. die Flechten (Lichenos) —
vielleicht die langlebigsten aller organischen Wesen —
erwiesenermaßen aus dem Zusammenleben (der Symbiose) von Pilzen
und Algen. Ganze Klassen von Tieren (z. B. die Helminthoiden)
können den Kreislauf ihres für ihre Existenz unentbehrlichen
Generationswechsels nicht durchleben, wenn sie nicht durch den Leib
bestimmter anderer Tiere hindurchgehen, in deren Darm oder Blut oder
Muskeln sie gewisse Phasen durchmachen. Ähnlich verhält es
sich mit jenen neuerdings entdeckten Amöben, welche einen Teil
ihres Lebens (zugleich eine bestimmte Gestaltsphase) im Wasser, einen
zweiten nur innerhalb des Körpers der Mosquiten verbringen und
für die dritte und letzte Phase das heiße Blut eines
Vertebraten benötigen — wozu jedes von Mosquiten gestochene
heißblütige Tier dienen kann, so daß meistens
Vögel getroffen werden, häufig aber auch Affen und Menschen,
bei welch letzteren die wuchernde Sporenbildung der Amöbe
innerhalb des Blutsystems je nach der Art der Amöbe Wechselfieber,
157 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
gelbes Fieber usw.
erzeugt. Genau ebenso verhält es sich mit dem unübersehbaren
Heere der Mikroben — von denen es mehr und mehr anerkannt wird,
daß sie uns komplizierteren Lebewesen nicht allein Krankheit,
sondern auch Gesundheit geben, indem entweder sie oder andere, den
Gärungspilzen analoge Mikroorganismen an allerhand Funktionen der
Verdauung usw. hervorragend beteiligt sind. Dies ist echte Symbiose, da
die Mikrobe ohne uns und wir ohne die Mikrobe nicht existieren
könnten. (NB. — Dagegen bezeichnet P a r a s i t i s m
u s — genau genommen — das „sich von einem Wirt ernähren,
auf dessen Kosten allein und ohne ihn irgendwie zu fördern“;
meistens kann der Parasit — z. B. der Blutegel — auch anders leben.)
Ein anderes hervorragendes Beispiel der Symbiose sind jene
pilzähnlichen Organismen, welche in den Wurzelknollen (oder
vielmehr wurzelknoll-ähnlichen Erweiterungen der Wurzeln) der
Leguminosen ihren Wohnsitz haben; man glaubte zuerst, mit einer
parasitischen Erkrankung zu tun zu haben, doch belehrte nähere
Untersuchung, daß gerade diese symbiotischen „commensaux“ die so
wichtige Assimilation des Stickstoffs für diese Pflanzen besorgen,
und niemals fehlen k ö n n e n, da sonst die
Individuen dieser
großen — für die Menschheit so wichtigen Familie — nicht zu
leben vermöchten. Ich bin über die weiteren Entdeckungen der
letzten Jahre nicht unterrichtet, doch weiß ich, daß man
schon vor etlicher Zeit auf dem Wege war, die große Verbreitung
dieser Art der Symbiose im Pflanzenreiche aufzudecken.
Ohne
nun die
Beispiele dieser großen, allgemeinen, die gesamte Natur
durchdringenden Symbiose zu mehren, genügt das Gesagte schon zu
der einen Einsicht, daß die von den Evolutionstheoretikern
sogenannt „niederen“ Organismen die „höheren“ voraussetzen, und
ebenfalls die „höheren“ die „niederen“.
158 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
Ich meine
aber,
wir brauchen nur die Augen aufzumachen, um, wenn nicht gerade Symbiose,
nicht Zusammenleben, so doch — K o r r e l a t i o n
zwischen den lebenden Wesen im umfassendsten Sinne zu entdecken. Das
gesamte Reich des Lebens gleicht einem Gewebe: die tausend Fäden
kreuzen sich, halten sich, der Längsfaden stützt den
Querfaden und dieser jenen, der zu oberst schimmert, taucht herab, und
der untere tritt an die sichtbare Oberfläche... Auch hier wieder
hat Darwin — mehr oder weniger unbewußt — treffliche Argumente
gegen sich geliefert. Das eine seiner Beispiele hat Huxley witzig
erweitert zu einem Nachweis, daß Englands Kraft auf der
großen Anzahl seiner alten Jungfern beruhe. Denn diese Kraft sei
von der Qualität des Roastbeefs herzuleiten; das Roastbeef ist
aber durch die Fütterung der Ochsen bedingt; das beste Futter ist
in dieser Beziehung eine bestimmte Abart des Klees; nun hat man aber
bemerkt, daß diese Abart nur in nicht allzu großer
Entfernung von bewohnten Ortschaften gedeiht, sonst aber schwer zu
erhalten ist; dies liegt nun daran, daß der betreffende Klee nur
von einer bestimmten Wespenart befruchtet werden kann; die Nester
dieser in Erdhöhlen wohnenden Wespe werden aber von
Feldmäusen des Honigs wegen zerstört — und damit werden die
betreffenden Wespen selten; sind aber Katzen in genügender Anzahl
vorhanden, so werden die Mäuse selten, die Wespen vermehren sich,
der Klee wird reichlich befruchtet, breitet sich über die Felder
aus und bietet den Ochsen die vorzüglichste Nahrung; — wer
hält nun Katzen? Die alten Jungfern. — Dies ist, mehr oder
weniger, Witz; doch beruht der Witz auf sicheren Tatsachen und
veranschaulicht die Interdependenz gänzlich heterogener Lebewesen
in frappanter Weise. Wichtiger für uns ist die große,
einfache Einsicht, daß eine Mehrzahl aller blühenden
Pflanzen ohne die Mitwirkung bestimmter
159 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
Insekten sich nicht
fortzupflanzen vermögen; die betreffenden Insekten sind aber auf
diese bestimmten Pflanzen ebenfalls angewiesen. Hier ist also Gestalt
auf Gestalt angewiesen. Die Annahme des Evolutionstheoretikers, diese
Verhältnisse hätten sich allmählich entwickelt, ist
nicht bloß haarsträubend unverständlich, sondern durch
die früheren Beobachtungen über die Korrelation innerhalb des
einzelnen Organismus als unmöglich erwiesen. Denn wenn z. B. der
lang aufrollbare Rüssel eines Bombyx (?) nicht zu seiner Gestalt
als integrierender Bestandteil derselben gehört, sondern durch
Evolution entwickelt wurde, um bis auf den Grund einer (aus irgendeinem
unfaßlichen Grunde)
ebenfalls immer länger werdenden Krone einer Tubuliflora zu
reichen, so sind wir zu der Annahme berechtigt, daß die
dermaßen monströse Entwicklung eines Organes todbringende
Rückbildungen an anderen Organen zur Folge gehabt hätte. Ein
Gleiches gilt für die betreffende Pflanze. Viel einfacher und
natürlicher und „empirischer“ ist die Annahme: daß, wie im
einzelnen Organismus die entferntesten, scheinbar voneinander
unabhängigsten Teile der Gestalt doch in einem Verhältnis
allseitiger Interdependenz voneinander stehen, ebenso eine organische
Interdependenz — eine wahre Korrelation — Gestalt mit Gestalt verbinde.
Weitere Beispiele
dieser großen, allgemeinen Korrelation ließen sich bei
einigem Nachdenken in Hülle und Fülle geben. So z. B. bedarf
mancher Vogel bestimmter Samen, und finden andrerseits die Pflanzen,
welche diese Samen hervorbringen, nur durch diese ihre Samen
verschlingenden Vögel Verbreitung. — Auch folgendes: Würden
die Vögel nicht die Würmer und Raupen zu Millionen
auffressen, alle Vegetation wäre in kürzester Zeit
vernichtet. Zu einer Epoche also, wo es im Verlaufe der vermeintlichen
Evolution Insekten schon, aber noch keine
160 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
insektenfressenden Tiere
gegeben hätte, wäre die gesamte Grundlage aller Nahrung von
der Erde entschwunden! — Das großartigste aller Argumente scheint
mir aber in dieser Beziehung folgendes zu sein: Das Tierreich und das
Pflanzenreich sind gegenseitig als Gesamterscheinung voneinander
interdependent. Die Formel — keine Pflanzen ohne Tiere, keine Tiere
ohne Pflanzen — spricht die strikte, nachweisbare Wahrheit aus.
Gewöhnlich faßt man die Ernährung allein ins Auge und
sagt: Die Pflanze ernährt sich von dem mineralischen Boden usw.,
das Tier frißt die Pflanze, folglich geht die Pflanze voran. Man
betrachte aber unser beiderseitiges Verhältnis zur Luft — denn
dies ist das primärste von allen, das Grundlegende. Alle Tiere
(auch die Fische und Insekten im Wasser) bedürfen großer
Mengen Sauerstoff, die sie absorbieren, und hauchen Kohlensäure
aus: das ist, was man Atmung nennt; alle chlorophyllhaltigen Pflanzen
(und nach Hueppes Entdeckung auch einige chlorophyllose Bakterien)
desassoziieren das Kohlensäuremolekül, CO2,
behalten den
Kohlenstoff und lassen den Sauerstoff entweichen: das ist, was man
Assimilation nennt. Nun enthält aber die Atmosphäre eine
verhältnismäßig sehr geringe Menge CO2; ohne
den
Lebensprozeß zahlloser Tiere hätte die Vegetation der Erde
sie bald verzehrt und müßte — da Kohlenstoff die Grundlage
aller organischen Materie bildet und es von der Pflanze nur aus der
Atmosphäre gewonnen werden kann — baldigst zugrunde gehen.
Andrerseits bildet aber der Sauerstoff der Luft dem Stickstoff
gegenüber auch nur einen kleineren Teil (ich glaube, mich recht zu
erinnern, etwa 21 zu 79); wie schnell müßten also die Tiere
vergehen, wenn einerseits die Regeneration des O ausbliebe und
andrerseits sie selber die Atmosphäre immer mehr mit CO2
sättigten; die gesamte Tierwelt würde, sowohl positiv durch
den Überfluß der irrespirablen CO2, wie
161 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
auch negativ durch den
Mangel an genügendem O erstikken. Auf den möglichen (und
durch gewisse Welttheorien vorbereiteten) Einwurf, die Atmosphäre
habe früher größere Mengen von CO2 enthalten
und somit
Vegetation ohne das Dasein von Tieren ermöglicht, ist zu erwidern:
1. daß dies
wieder jenes Anhäufen von Hypothesen ist, zu welchen alle
Evolutionslehren führen, wogegen wir das, was ist, anschauen, das
genaue Ineinandergreifen aller Lebensphänomene — im
größten wie im kleinsten — erblicken und hiernach unsere
Ansicht über das Wesen des Lebens zu allen Zeiten geben; 2.
daß die Pflanze nicht bloß C assimiliert, sondern auch
atmet, und daß die Atmung am Tage durch die Assimilation verdeckt
ist, wogegen sie nachts allein besteht; wie nötig also CO2
der
Pflanze auch sein mag, jener vorausgesetzte Exzeß würde sie
ebenso ersticken wie das Tier.
Wer
über die
hier nur — oder vielmehr k a u m — angedeuteten
Verhältnisse mit
beständig anschauendem Geiste nachsinnt, wird, glaube ich, mit mir
zu der durchaus nicht mystischen, sondern empirisch
naturwissenschaftlichen Überzeugung gelangen, daß alle
Lebenserscheinungen zusammen eine einzige, umfassendste, die
undurchdringlichsten Verhältnisse gegenseitiger Interdependenz
bedingende O r g a n i s a t i o n ausmachen. Nicht
bloß ist im Individuum alles Gestalt bis hinunter zum
Blutkörperchen, zum Chlorophyllkorn, sondern diese Gestalt, die
wir hier hinein bis ins Kleinste verfolgen, verfolgen wir hinaus bis in
das Bereich der allgemeinsten
Verhältnisse, so daß wir behaupten dürfen,
a l l e s L e b e n s e i e i n e G e
s t a l t. Gerade dies erfassen, heißt, das Wesen des
Lebens erfassen. Denn Stoff ist nichts, er ist das wahre „Ding an
sich“, ein bloßer Grenzbegriff, den gerade der nüchterne,
empirische Physiker über Bord wirft, weil er nicht weiß, was
er damit anfangen soll,
162 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
und Energie ist dasselbe
Nichts, nur von einem anderen Standpunkt aus angesehen; das eine ist
das ewig Unveränderliche, das andere das ewig Veränderliche,
ewig auf dem Sprunge, jedes tatsächliche Verhältnis nur als
das „Potentielle“ eines anderen Verhältnisses faßbar — so
daß man Elektrizität durch chemische Wirkung, chemische
Wirkung durch Wärmeerzeugung, Wärmeerzeugung durch
mechanische Bewegung, mechanische Bewegung durch Schwere
(Anziehungskraft) usw. ausdrückt und erläutert und
mißt. Wogegen das L e b e n eine Einheit ist.
Und
weil das Leben
eine Einheit ist, darum wirkt jedes einzelne auf das Ganze. Man
weiß, daß, wenn man kommunizierende Röhren hätte,
so ausgedehnt wie die Milchstraße, ein einziger Tropfen Wassers,
an dem einen Ende zugegossen, genügen würde, um das gesamte
Wasser zu heben. Hier beim Leben ist der Zusammenhang noch enger und
dazu vielseitig.
Und
noch eine
Andeutung, ehe ich diesen Abschnitt schließe.
Wenn
es eine
Variabilität der Lebensgestalten gibt — was ich weder bejahe noch
verneine, was ich mir aber recht gut vorstellen kann, als Anpassung des
Lebens an verschiedene tellurische Verhältnisse, und wobei ich
zugleich an andere Erden denke — so ist diese Veränderlichkeit
sicherlich keine „Evolution“, und sind Lamarck und Darwin Männern
zu vergleichen, welche ein Teleskop mit dem falschen Ende ans Auge
halten. Denn die verschieden organisierten Wesen sind dermaßen
aufeinander angewiesen, daß eine „Evolution“ der „niederen“ die
„höheren“ töten würde; und andrerseits ist es
ausgeschlossen, daß einzelne Arten sich gleichsam
selbständig und auf eigene Kosten „entwickeln“ (die gemeinsame
Grundannahme des Lamarckismus, des Darwinismus und des Weismannismus),
denn die Korrelation innerhalb der ein-
163 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
zelnen Gestalt reicht
hinaus zu einer Korrelation mit anderen Gestalten. Kein Lebendiges
steht isoliert. Hat es also in der Geschichte unserer Welt
Veränderungen gegeben (nicht bloß Aussterben vielvertretener
Typen und Aufblühen bisher wenig zahlreich vorhandener), so hat es
sich gewiß jedesmal nicht um kleine Verbesserungen auf
evolutionistischem Wege hier und dort gehandelt, sondern um
große, organische, das gesamte Lebensmaterial umfassende
Verschiebungen (bei
welcher Gelegenheit ganze Gruppen zugrunde gingen). Nicht der Kampf des
einzelnen um das Leben ist das Primäre, sondern der Kampf des
Lebens selbst — (als Einheit)
— um das Leben. Gerade nun wie wir beim einzelnen
sahen, daß eine Änderung der Gestalt andere — unerwartete,
unberechenbare — Änderungen seiner Gestalt
verursachte, doch nicht immer sichtbare Änderungen a l l e
r Teile der Gestalt mit sich brachte, so ist es recht denkbar,
daß bei einer derartigen Verschiebung der gesamten Lebensgestalt
zu neuer Harmonie der Gestalt manche ganz entfernt scheinende Gegenden
des Lebenskomplexes tiefgreifende Umwandlungen erleiden, andere dagegen
wenig oder gar
nicht modifiziert werden würden.
Auch
diese — mit
allem Vorangegangenen innig zusammenhängende Einsicht — würde
unsere ganze Auffassung des „geologischen Zeugnisses“ völlig
umwandeln und neu beleuchten. Dann aber würde dieses ganze,
großartige,
paläontologische Material als Beleg und Illustration und
Überzeugungsmittel für die Richtigkeit der neuen Auffassung
des Lebens mitreden.
4. P o u r l a b o n n
e
b o u c h e. L e b e n i s t G e s
t a l t. Aus diesem Grundprinzip wird sich nach den
verschiedensten Richtungen hin eine unerwartete Menge Lichtes
ergießen, — natürlich nicht in dem Sinne einer
vermeintlichen „Erklärung“, wohl aber in dem einer beschreiben-
164 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
den Erfassung, und diese
allein ist Ziel und Leistung j e d e r echten
Wissenschaft.
Man
wird jedoch
sorgfältig zu sichten haben unter den verschiedenen, sich
aufdrängenden Problemen. Des Goetheschen Wortes eingedenk,
müssen wir erst unterscheiden lernen, wenn wir dann wollen
verbinden können. So ist z. B. alles, was in irgendeinem Sinne zur
Chemie des Körpers gehört, „Stoff“, und alles, was zur
Mechanik des Körpers gehört, „Energie“ (Kraft). Es bleibt
aber ein weites Gebiet, welches ich das L e b e
n d e s L e b e n s nennen möchte, und
hier ist es, wo die neue Vorstellung — „Leben ist Gestalt“ — aufhellen
wird.
Nur
ein Beispiel,
und ich wähle es absichtlich so, daß mein spekulativer
Freund für manche empirische Länge dieser Mitteilung
entschädigt werde. — Gewißlich ist das, was uns Menschen als
das D e n k e n bekannt ist, weder etwas Stoffliches
(wie der alberne Karl Vogt meinte, der es der Galle und dem Urin
verglich), noch auch eine Bewegung von Teilchen, also etwas
Energetisches (die im Grunde genommen genau ebenso sinnlose Annahme des
heutigen Tages), sondern ein E r g e b n i s v
o n G e s t a l t, — gleichsam die Innenseite der
Gestalt. Unsere braven Empiriker sind sehr erstaunt gewesen, als sie
nach und nach im Gegensatz zu ihren Voraussetzungen entdeckten,
daß nicht das Gewicht des Gehirns, sondern die feinsten Details
seiner Struktur ein unmittelbares Verhältnis zur Denkkraft des
Individuums aufweisen. Ich bin durchaus nicht geneigt, diesen das
Gebiet des konkret Wissenschaftlichen überfliegenden Einfall auf
eine derartige Tatsache stützen zu wollen, doch regt es immerhin
zum Nachsinnen an, daß wir die Leistungsfähigkeit des
Gehirns von der relativen Kompliziertheit seiner Gestalt abhängen
sehen; es zeigt, daß die Ahnung, Denken sei ein Ergebnis von
Gestalt, nicht so hirnverbrannt ist, wie sie manchem
165 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
mühsamen
Fußgänger auf dem Wege des Lebens scheinen möchte auf
den ersten Blick.
Was
wir alles auf
diesem Wege für die Spekulation gewinnen würden und werden,
läßt sich heute kaum voraussehen. Die Hauptsache, glaube
ich, wird sein, daß wir auf diese Weise lernen werden, auch das
Abstrakte anschaulich zu betrachten. Es wird sich hieraus eine
Weltanschauung ergeben, welche man vielleicht am kürzesten als
den genauen Gegensatz des Spinozismus bezeichnen kann. Denn
während dieser Jude mit charakteristischer Sicherheit den
unlösbaren Widerstreit zwischen Ausdehnung und Denken — der
unseren lieben germanischen Philosophen so viel ehrliche Qual
verursachte — dadurch aufheben wollte, daß er sie als zwei
Attribute des einen Gottes (d. h. der einen Natur) ansprach, — was
offenbar nichts weiter als ein gänzlich steriler Wortwitz ist,
stoßen wir auf
unserem Wege auf eine durchaus anschauliche — und daher
unerschöpflich reiche — Vorstellung.
Hierüber ein
anderes Mal mehr.
Nur
dieses noch
zur Verhütung von Mißverständnissen. Man wird
einwerfen, das D e n k e n sei uns nur beim Menschen
bekannt und bloß von einem geringen Bruchteil der animalischen
Welt allein vorauszusetzen. Dem widerspreche ich durchaus nicht. Was
ich aber glaube, ist, daß — infolge unserer bisherigen,
unüberlegten, kindisch-barbarischen Auffassung des Lebens — uns
noch große, einfache Einsichten auch hier fehlen. Schopenhauers
polternd gewalttätiger Versuch, den W i l l e n
als allgegenwärtig einzuführen, ist ein tölpelhaft
genialer, bewunderungswürdiger, aber übereilter, an der
Seuche des Anthropomorphismus kränkelnder Anlauf, eine Einsicht zu
gewinnen, die uns Menschen nicht durch reine Spekulation, sondern nur
durch reine Anschauung zuteil werden kann.
166 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
Gewiß ist das
Denken eine Funktion des Gehirns, und der Wille ist ein untrennbarer
Bestandteil des Denkens. Eine Homologie mit dem, was wir unter „Denken“
verstehen, ist nur vorstellbar, insofern ein Lebewesen ein Nervensystem
und ein Zentralganglion besitzt —; doch hüten wir uns vor dem
Anthropomorphismus! Ich bin überzeugt, daß keine
Lebensgestalt sein kann, ohne etwas zu besitzen, was — in einem weiten
kosmischen Sinne — unserem Denken entspricht, etwas, was
die I n n e n
s e i t e ihrer sichtbaren bestimmten Gestalt ist. Hier haben
wir, wie
gesagt, eine große, neue, belebende Einsicht erst noch zu
gewinnen, und zwar wird uns das auf dem Wege des liebevollen
Sichversenkens in die Natur, durch Anschauung, nicht auf dem Wege der
Abstraktion gelingen.
Als
Schlußwort eine Kleinigkeit, deren Zusammenhang mit dem soeben
Gesagten auf jenem blumigen Grenzgebiet zwischen empirischer und
transzendenter Erfahrung — ohne weiteres erhellt.
Mir
fiel in diesen
Tagen die „Korrelation“ zwischen der Stimme der Tiere und ihrer Gestalt
auf; sie spannt gleichsam die Brücke zwischen der Innenseite und
der Außenseite der Gestalt.
Zunächst
waren es die kleinen Hähne, die vor meinem Fenster herumspazieren
und -stolzieren, die mich die genaue, eigentümlich unaussprechbare
Zusammenstimmung zwischen diesem Gesang und dem ganzen Wesen des Hahns
empfinden ließen. Dann hörte ich oben an den Gletschern die
Murmeltiere pfeifen: man e r b l i c k t dabei
förmlich ihr
Schwänzchen und ihren in warmem Fett eingehüllten
Körper; dieses Pfeifen ist auch grundverschieden von dem der
Vögel (mit dem Unerfahrene und Unaufmerksame es oft verwechseln),
es besitzt weniger die Sentimentalität und sinnliche Exuberanz des
überheißen Vogelblutes und vielmehr eine der menschlichen
167 Zur
Lebenslehre — Manuskript B
verwandte Klugheit und
Schlauheit, dabei zugleich Güte und Anhänglichkeit.
Solche
Dinge
müssen mit großer Vorsicht und Reserve behandelt werden,
sonst verfallen sie in eitel Spielerei. Sie dürften — wie alle
ganz delikaten Grenzbegriffe und Grenzempfindungen — eigentlich nur den
Begabtesten mitgeteilt werden. Doch diesen dürften sie viel
Anregung gewähren — Spiegelt nicht bei jedem unter uns Menschen
die Stimme seine „Innenseite“ wieder? — So sehr, daß wenn wir sie
kennen und wenn nun Stoff und Energie — die dummen Riesen Fafner und
Fasolt — den goldenen Klang der lebenspendenden Holda uns geraubt haben
und wir vom Freunde nichts weiter erhalten können als solche
neununddreißig Quartseiten, uns als das Beste vom Ganzen das Eine
dünkt, daß wir seine S t i m m e zu
vernehmen glauben!
Obergurgl, 24./7. 1900.
22./8. 00.
168
Zur Lebenslehre
Einige kurze Notizen,
teils als Erwiderungen
1.
Meine
Lehre umfaßt die anderen; umgekehrt gilt das nicht. Daher kann es
leicht vorkommen, daß ein verbohrter Lamarckianer, Darwinianer,
Weismannianer, Nägelianer usw. bei mir angebliche
„Bestätigungen“ seiner Auffassung findet, doch ist darauf kein
Gewicht zu legen, da dieses Mißverständnis von vornherein zu
gewärtigen ist.
So
liefern z. B.
die echten Darwinianer den Lamarckianern einen Kampf auf Leben und Tod
in bezug auf Lamarcks Grundprinzip der Evolution: die Vererbung
erworbener Charaktere. Von unserem Standpunkt aus dagegen ist zu einem
leidenschaftlichen Disput hierüber keine Veranlassung. Mögen
Experiment und Naturbeobachtung zeigen, wer recht hat. Soweit ich
weiß, kann Darwins Behauptung der N i c h t v e r e r
b u n g als im großen und ganzen unanfechtbar gelten -—
ein herrlicher Beweis von der Beharrlichkeit der Gestalt! — Doch
höre ich, daß die Fachmänner Darwins Standpunkt
für allzu schroff halten und daß doch in gewissen
Fällen und in einem bestimmten Maße die Vererbung erworbener
Charaktere für wahrscheinlich gilt — was wiederum von meinem
Standpunkt aus durchaus annehmbar ist. Erst die Lehre der G e s
t a l t als Prinzip des Lebens wird zeigen, wie diese Vererbung
und Nichtvererbung zusammenhängen. Wirkt ein erworbener Charakter
durch K o r r e l a t i o n auf den Keim oder das Sperma,
so m u ß er das kommende Geschlecht in seiner
Gestalt beeinflussen; wenn nicht, nicht usw.
169 Zur
Lebenslehre — Einige
kurze
Notizen
Ähnlich verhält
es sich mit Darwins natürlicher Zuchtwahl und Weismanns
Keimevolution: von beiden wird sich herausstellen, sie seien durchaus
sekundär, ebenso sekundär wie Lamarcks Vererbung erworbener
Charaktere, doch habe ich keine Veranlassung, sie a priori zu
bekämpfen und zu verwerfen. Im Gegenteil, ich glaube, es werden
noch weitere Ursachen evolutionistischer Prozesse entdeckt werden. Auch
Nägelis geometrische Hypothese der Evolution durch Verschiebung
der Mizellen mag nicht ohne jede Berechtigung aufgestellt worden sein,
wenn sie auch schwerlich mehr als eine analogische Allegorie der
tatsächlichen Verhältnisse darstellt.
2. Daß
„Evolution“ vielerorten stattfinde, ist, meine ich, eine sichere
Tatsache, die weder geleugnet werden muß, noch darf, noch kann.
Auch glaube ich, daß die Betonung der Evolution als eines
Prinzipes des V e r f a l l e s von sehr großer
Wichtigkeit ist. Freilich zeigt uns die „Rasse“, daß
überschwengliche Individuen durch besondere Umstände
gezüchtet werden müssen, daß sie also nur latent (oder
wie Aristoteles sagen würde „energetisch“) mit der Gestalt gegeben
sind; doch lehrt uns dieselbe Erfahrung der „Rasse“, daß diese
Züchtung keinerlei Ferment zu weiterer Entwicklung enthält
oder
erzeugt oder aufdeckt. Der gezüchtete Edelmensch fällt ins
Gemeine zurück; das Edelpferd, der Jagdhund enthalten so wenig in
ihrem Wesen ein Prinzip der Weiterentwicklung, daß sie nicht auf
die Dauer erhalten werden können, wenn nicht immer wieder
„gemeines Blut“ zur Auffrischung gebraucht wird. (Siehe auch das
früher angeführte Beispiel der Feigen.) Gesetzt also, die
Natur brächte ohne menschliche Dazwischenkunft solche Bedingungen
hervor, daß sich das Pferd nach dem Typus „Rennpferd“ zu
„entwickeln“ wüßte, so berechtigt schon unsere jetzige
Erfahrung zu der Behauptung: dies wurde eine Degenereszenz, einen
170 Zur
Lebenslehre — Einige
kurze
Notizen
Verfall bedeuten. Und —
wie schon früher angedeutet — überall, wo wir durch
paläontologische Zeugnisse veranlaßt werden, von der
Evolution eines Typus zu sprechen, werden wir vermutlich nachweisen
können, daß diese „Evolution“ als Verfall aufgefaßt
werden muß — und zwar darum als „Verfall“, weil die
Existenzfähigkeit das Kriterion bildet. Gerade das Pferd pflegt ja
als ‚Beispiel hervorragendster Art von den Evolutionisten
angeführt zu werden — weil man (ich glaube in der älteren
Kreidezeit) pferdeähnliche Wesen findet, von welchen die
geologisch Älteren fünf ¹) (oder vier?) Zehen haben, die
jüngeren drei (oder zwei?), so daß eine allmähliche
Abnahme der Digitten angenommen wird, bis zu dem heutigen Pferd, das
auf einer Zehe steht und nur sehr störende Rudimente einer zweiten
(und ich glaube auch einer dritten) Zehe für die Belehrung der
Herren Zoologen und Evolutionstheoretiker trägt. Gesetzt nun den
Fall, es handle sich hier um eine „Evolution“, so zeigt sie in
frappanter Weise, daß Evolution eine course à la mort
bedeutet. Vielleicht ist kein Tier so offenbar eine „Ü
b e r t r e i b u n g“
wie das Pferd, und wäre es nicht in seiner fast absurd
unbeholfenen Gestalt dem Menschen brauchbar erschienen, so wäre es
längst von der Weltoberfläche verschwunden. Die wilde Katze
findet sich allerorten, die Ahnen des Haushundes sind leicht zu
ermitteln, der Elefant hat sich durch Zähmung gar nicht
geändert usw. — dagegen läßt sich die Herkunft des
Pferdes noch immer nicht ermitteln und wenn auch Przewalsky dessen
Ahnen in Zentralasien entdeckt zu haben glaubt, das wäre nur ein
abseits leben
—————
¹) Ich
habe
seitdem das sogenannte fünfzehige „Pferd“ in London gesehen; es
gleicht einem großen Hunde oder einem kleinen Bären in der
Gestalt und Größe. Der Anatom, der mich herumführte,
lachte, als er mir mitteilte — „das ist das berühmte Tier, das die
Haeckelianer ein fünfzehiges Pferd nennen!“
171 Zur
Lebenslehre — Einige
kurze
Notizen
der, letzter Zeuge eines
vergangenen Geschlechtes, — vergangen, weil nicht lebensfähig,
weil durch Evolution entartet, weil das Gleichgewicht des Gestalttypus
zerstört ist, — während Löwe und Tiger, Nilpferd und
Affe sich trotz aller
Ausrottungsversuche behaupten.
Hier
muß
aber vor einem naturphilosophischen Mißbrauch gewarnt werden. Das
Individuum entsteht, entwickelt sich und vergeht; wir sind nur allzu
geneigt, diese Vorstellung des Individuellen dort anzuwenden, wo sie
nicht am Platze ist. Es ist — wenigstens a priori — nicht einzusehen,
warum ein Gestaltstypus dieselbe Bahn zurücklegen sollte wie das
Individuum. Die Beharrlichkeit scheint das Gesetz des Lebens zu sein.
Wir kennen Typen, die sich durch alle geologischen Epochen hindurch
ohne jegliche Veränderung erhalten haben, und die Konstanz der
allgemeinen Lebensformen ist jedenfalls das Erste, was in die Augen
fällt. Es ist nun denkbar, daß eine bestimmte Gestalt
gleichsam prädestiniert ist, sobald sie einmal entsteht, in
Evolution hineinzugeraten und somit eine auf ihr Ende
hinausführende Bahn anzutreten; ebenso denkbar ist aber die
absolute Ewigkeit einer Gestalt oder ihre unbegrenzte Dauer, solange
die umgebenden Bedingungen wesentlich die gleichen bleiben. ¹)
Jung und
alt ist nur das I n d i v i d u u m, in welchem der
Kampf zwischen dem
gestaltenden Leben und der gestaltzerstörenden Kraft und Materie
sich ausficht, — die Gestalt selbst aber ist weder jung, noch alt und
kann nur begriffen werden als die Teiläußerung des
großen, allgemeinen L e b e n s. Hat d a s
—————
¹) Im
Natural. Histor. Museum in London sah ich ein vor kurzem entdecktes
spinnenähnliches Tier — C r y p t o s t e m m a a f z
e l l i — jetzt auf Sierra
Leone lebend, welches mit der A r a c h n i d e
P o l i o c h e z a p u n c t a t a aus den
Steinkohlenschichten Nordamerikas identisch ist! Wir besitzen also
Tiere höchst komplizierter Bauart, welche unverändert von der
paläozoischen Epoche bis heute lebten!
172 Zur
Lebenslehre — Einige
kurze
Notizen
L e b e n die
nötige
Gestaltungsmacht übrig, so wird sich die einzelne Gestalt gegen
alle Einflüsse behaupten, — ist das nicht der Fall, so wird sie
weichen und vielleicht auf den Weg der Evolution und des Verfalles bis
zum Hinschwinden geraten.
3. Bei
all
unserem vorläufigen Denken, Prüfen, Sammeln finde ich, mein
Freund, daß die Hauptsache in der Überzeugung besteht, hier
handle es sich um eine „Kopernikanische“ Einsicht. Kopernikus, obwohl
er Vorarbeiter vorfand — hat nicht genau gewußt, wohin sein Weg
ihn führte. Die Bewegung der Erde und der Planeten um die Sonne
hat er erfaßt, doch der Sternenhimmel blieb für ihn eine
einzige Sphäre; das eigentlich Umwälzende in seiner
Entdeckung — jene Pluralität der Sonnen und Welten, welche erst
Giordano Bruno ¹) mit trunkener Begeisterung begriff — blieb dem
Kopernikus unbekannt. Ein derartiges Unternehmen muß man wie
Christoph Kolumbus antreten: sicher, daß man Welten entdecken
wird, sicher, daß man die richtige Richtung einschlägt, doch
unkund, bis wohin die eigene Kraft reichen wird, und unwissend, welche
Länder sich den Nachfolgern eröffnen werden. Die
Gemütsstimmung erfordert ein Gemisch von wissenschaftlichen
Kenntnissen, scharfem Denken und — zugleich —
unerschütterlichem, selbstvertrauendem G l a u b e n.
Wer eine große Wahrheit ahnt, die er noch nicht empirisch
ausführlich darlegen und nachweisen kann, muß
notwendigerweise etwas vorn „Seher“ an sich haben. Wichtig ist nur,
daß er nicht Seher nach Art eines mit höheren Eingebungen,
Astralerkenntnissen u. dgl. arbeitenden Narren oder Charlatan sei,
sondern nach Art eines Kolumbus und eines Kopernikus. — Wer ahnt, um
was es sich handelt — und das ist Dein Fall, M. B. i. G. —‚ begreift,
daß es sich um eine völlige Umwälzung aller bis-
—————
¹) Nein
Cusanus, der Verf.
173 Zur
Lebenslehre — Einige
kurze
Notizen
herigen Ideen über
das Leben handelt, so daß in Wirklichkeit der Boden zu einer
D i s k u s s i o n mit unseren heutigen Lehren fehlt, —
denn sie stehen dort, wo die Lehre der Materie vor Galilei und Newton,
und wo die Lehre der Energie vor Descartes und (da er nicht verstanden
wurde) vor Joule
und Robert
Mayer stand. Ja, der Abstand ist noch
größer. Auch wird die neue Auffassung von dem Wesen des
Lebens ganz anders umgestaltend auf alle Zweige des Denkens und der
Kultur wirken.
Dies
in einem noch
so bescheidenen Maße anzubahnen, teilweise, wie gesagt, selber
über die Tragweite dessen, was man in die Welt setzt, unwissend,
vielfach, ich gestehe es, mehr einem unwiderstehlichen dunklen Triebe
als einer klaren Erkenntnis gehorchend — diese bescheidene obskure
Rolle eines Geistes, der eigentlich mehr erkennt, daß wir alle im
Dunklen herumtappen, als daß er das Licht des neuen Tages schon
erblickte, muß und kann unsereinem genügen. Hier, wie bei
allen großen Dingen, ist D i e n e n die
Parole. Nicht Anerkennung,
nicht Ruhm, nicht einmal den kaum zu erhoffenden eigenen
wissenschaftlichen Erfolg — das alles liegt zu fern; um den Stein zu
heben, der unseren menschlichen Geist noch wie in eine dunkle
Höhle sperrt, bedarf es eines gegenwärtigen,
kraftgewährenden Prinzipes, und dies kann nur das eigene, sichere,
unangreifbare Bewußtsein sein, daß man der Wahrheit dient
und anderen den Weg vorbereitet.
Jede
denkbare
Gattung des Mißverständnisses, der Entstellung, der
Verhöhnung, der kirchlichen und antikirchlichen Exkommunikation
ist zu gewärtigen, — und das wäre das schönste
Lebenslos, daß man die Sache so weit ausreifen könnte, um
sich dies alles zuzuziehen.
4.
Ein
Problem, welches in ganz neuer Gestalt auftauchen wird, ist das alte,
viel umstrittene, nie auch nur annähernd gelöste der
Bedeutung der I n d i v i d u a l i t ä t.
174 Zur
Lebenslehre — Einige
kurze
Notizen
Betrachten
wir
einfache Wesen, — z. B. ungezählte Millionen einzelliger Algen in
einem Bergteich, oder die in der Luft herumtreibenden Bakterien, oder
z. B. die höchst komplizierten — wenn auch einzelligen —
Diatomaceen, die als echte „Schizomyzeten“ sich nur (soviel bekannt)
durch Verdoppelung vermehren — so wird der Begriff der
Individualität zwar nicht ganz aufgehoben (denn bei näherer
Betrachtung werden wir gewiß zwischen den Individuen Unterschiede
aufdecken), doch lernen wir ihn gewissermaßen „objektiver“ ins
Auge fassen. Mir schwebt nun etwas vor, was ich noch nicht fähig
bin, klar auszusprechen. Ich glaube nämlich, daß das, was
wir (wenn wir von der subjektiven Nuance des Eigenbewußtseins
absehen) an einem Lebewesen als das Individuelle auffassen, gerade die
Kundgebung des Nichtindividuellen, d. h. also des Außer- und
Überindividuellen ist. Kleine Unterschiede in der Größe
usw. sind gewiß mechanischen Ursprungs; in ihnen spricht sich der
Kampf des Gestalterzeugenden gegen den Gestaltzerstörenden aus,
doch so, daß das „Antilebensprinzip“ das Sichtbare ist, das, was
den Stempel aufdrückt, indem es Gestalt verzerrt. Wo wir dagegen
das Individuelle am Werke zu sehen glauben — von den
ausschwärmenden Algensporen an bis zu unserem eigenen Tun und
Erstreben — da bekundet sich das Überindividuelle, das Leben
selbst, das Gestaltende. Schopenhauer — von einem anderen, abstrakteren
Gesichtspunkt ausgehend — hat mit bewunderswerter
Überzeugungskraft dargetan, wie das Individuum gerade dort, wo es
am fanatischesten rein „individuell“, völlig selbstsüchtig
vorzugehen scheint — nämlich in der auf Begattung hinzielenden
Liebe — ganz und gar im Dienste der Gattung steht und sein eigenes
Dasein nicht selten in diesem Dienste opfert. — Diese tiefe Einsicht —
von Schopenhauer einseitig ausgebeutet — verdient in einem Geiste
175 Zur
Lebenslehre — Einige
kurze
Notizen
weiter, toleranter,
scharfsinniger Wissenschaftlichkeit wieder aufgenommen zu werden, um
nicht bloß auf den Paroxysmus des Geschlechtstriebes, sondern auf
alle Betätigungen des „Individuellen“ ausgedehnt zu werden.
Es
wird sich
herausstellen, daß nur dort, wo das Einzelwesen sich gegen die
destruktiven Einflüsse von Stoff und Kraft wehrt, es im
eigentlichen Sinne des Wortes „individuell“, nämlich rein für
sich, das eigene vergängliche Sein behauptend, auftritt, —
daß dagegen jede reine, produktive, zeugende, von Leben zu Leben
führende Betätigung der Ausdruck des allgemeinen,
überindividuellen Lebensgestaltungsgesetzes ist. In je
höherer Potenz sich Persönlichkeit uns offenbart, um so
klarer erblicken wir das Überpersönliche. Die Wirkungsweise
des Genies (wie Kant so richtig erkannte) ist die der Natur, sie ist
ein Gesetzmäßiges, Notwendiges — im Gegensatz zu der
inferiorer Geister, wo das Element der Willkür, des rein
Individuellen (nicht allgemeinen, nicht allgemeingültigen)
auffällt. Eine Persönlichkeit ist um so größer, je
durchsichtiger sie für das Überpersönliche ist; sie ist
um so freier, je notwendiger ihr Denken und Handeln usw.
Wer
in dieser
Anregung nur das Paradoxe erblickt und stutzig wird, bedenke das
widerspruchsvolle Verhältnis, welches zwischen R a s s e
und ü b e r s c h w ä n g l i c h e m
Individuum besteht. (Siehe Grundlagen, Kap.
Völkerchaos.) Höchstes Glück ist nur
Persönlichkeit, — Persönlichkeit entsteht aber nur aus einer
bestimmten, gezüchteten Gemeinsamkeit und besteht nur im
Zusammenhang mit ihr. Diesen Ariadnefaden erfasse man und stürze
beherzt in das Labyrinth des Lebensrätsels, — man wird dann die
deutliche Ahnung dessen erhalten, was ich hier nur unbeholfen stottere.
176
Zur Lebenslehre
Erster Schattenriß
eines weiter auszubauenden Gedankenganges.
Zur
größeren Deutlichkeit sei der Gedanke in der genauen
genetischen Reihenfolge mitgeteilt:
a) Die
Beziehung der G r ö ß e zur Gestalt des
Lebewesens wird zu untersuchen sein.
Betrachtet
man z.
B. den Elefanten an dem einen Ende, die Rotifere oder Diatomazee an
dem anderen, so kann man sich des Gedankes kaum erwehren, daß
zwischen der relativen Größe und der Art der Struktur eine
gesetzmäßige Beziehung (Korrelation) besteht. Sehen wir von
jenen allerkleinsten Wesen ab, welche selbst unsere Mikroskope kaum
erblicken und daher uns gewiß nur im Umriß zeigen
(Bakterien usw.), so ist die ungeheure Komplikation des Baues ein
Charakteristikum k l e i n s t e r Wesen. Man denke
nur an die Schalen der Diatomazeen! An den wirbelnden Kranz der
Rotiferen! An die fruchttragende Form der Myxomyzeten! An die Zilien
der Zoospermen! usw. Dagegen erweckt der Umriß eines Elefanten,
von seiner Rüssel- bis zu seiner Schwanzspitze den Eindruck
weitgehendster Vereinfachung der Gestalt. Weiteres Nachsinnen wird
dasselbe Prinzip als bei allen Vertebraten vorherrschend zeigen:
möglichste Reduzierung aller Zahlen (Extremitäten,
Sinnesorgane, Geschlechtsorgane usw.), möglichste Verschmelzung
gesonderter Körpersegmente (Fisch!, Schlange!, Wallfisch! — Auch
der Vogel ist ein Triumph der Vereinfachung usw). Und, nota bene, die
Vertebraten sind unter allen Tieren die „Großen“: nur sie, nicht
die Insekten, haben fliegende Wesen von der
177 Zur
Lebenslehre — Erster
Schattenriß eines Gedankenganges
Größe eines
Adlers und eines Albatrosses hervorgebracht; kein schwimmender
Brachypode gleicht den Fischmonstren und kein Fisch gleicht dem noch
weiter vereinfachten Säugetier, dem Wallfisch; kein Laufkäfer
und keine Spinne kommt dem Nilpferd an Größe gleich, und
kein Wurm der Schlange.
Es
wäre also
zu untersuchen, ob nicht relative Größe und relative
Komplikation der Gestalt in einem umgekehrten Verhältnis
zueinander stehen.
(NB.
— Zum
Schrecken empirischer Narren, wenn auch nicht vielleicht sehr im
Ernste, könnte man dahin gelangen, eine „mittlere
Normalgröße“ theoretisch festzustellen. Wenn nämlich
Größe und Komplikation sich dermaßen zueinander
verhalten, daß stets G + K = 1 sind, so wäre es denkbar,
daß man das relative Verhältnis von G und K zueinander
ziffernmäßig zum Ausdruck bringen könnte.)
b)
Dieser
spaßhafte Einfall führt nun zu einer ernsten Vorstellung
über: es wäre denkbar, daß ein bestimmtes
Verhältnis (oder mehrere bestimmte Verhältnisse) von G und K
ein M a x i m u m v o n L e b e n — das
heißt also,
„Leben“ in einer reineren Gestalt — in die Erscheinung treten
ließe. Denn wir mögen einschlagen, welchen Weg wir wollen,
immer finden wir Materie und Energie als die dem Leben widerstrebenden,
d. h. gestaltvernichtenden Mächte (resp., wenn man sie mit den
Physikern als die Doppelspiegelung eines in Wirklichkeit einfachen
auffaßt, als die eine, zwiefach Gestalt vernichtende Macht). Und
es ist durchaus plausibel und wahrscheinlich, daß es gewisse
Verhältnisse zwischen Größe der Gestalt und
Komplikation der Struktur gibt, welche diesen widerstrebenden
Mächten am erfolgreichsten die Stirn bieten. Wenn — wie
maßgebende Botaniker vermuten — die Flechten unsterblich sind
oder zumindest ein Individuum Jahrtausende
178 Zur
Lebenslehre — Erster
Schattenriß eines Gedankenganges
durchleben kann, so
bieten sie uns ein Beispiel dafür, wie weit die Gestalt es in
bezug auf Dauer (wenn auch nicht in anderer Beziehung) im Kampf mit
Materie und Energie bringen kann. Wir brauchen aber nicht bloß
Dauer in Betracht zu ziehen. Ein Maximum an Leben kann auch nach
anderer Richtung erreicht werden.
Dieser
Gedanke ist
weiter zu verfolgen.
c)
Doch ehe
ich hierzu Muße gefunden hatte, fiel mir ein anderer Gedanke —
oder vielmehr Gedankengang — ein, von verführerischer
Kühnheit, und der mir sowohl philosophisch als wissenschaftlich
viel zu verheißen scheint.
G r
ö ß e
und K o m p l i k a t i o n stellen vielleicht zwei
Überwindungsmittel dar,
die eine die Überwindung der gestaltzerstörenden Energie, die
andere die Überwindung der gestaltzerstörenden Materie. Durch
die Größe (man denke an den Elefanten und den Dinosaurier)
meistert die Gestalt die Energie, unterliegt aber zuletzt der Materie;
durch die Komplikation der Struktur (Diatomazeen, sog. Moosfrucht usw.,
oder auch das Menschenhirn, die Fühlhörner der Insekten usw.)
meistert die Gestalt die Materie, doch je mehr ihr das gelingt, um so
engere Grenzen sind ihr in bezug auf die Bekämpfung großer
Energiemengen, d. h. also in bezug auf Größe gestellt.
Ist
hiermit nun
eine große, grundlegende Wahrheit ausgesprochen —- und das glaube
ich —‚ so ist nicht nur der zuerst ausgesprochene Gedanke eines
Verhältnisses zwischen Größe und Komplikation (der im
ersten Augenblick banal erscheint) glänzend gerechtfertigt,
sondern es eröffnet sich in dem Problem des Lebens ein weites
Gebiet dem wirklich begreifenden Forschen.
Salzburg, 31. 8.
00.
Nach den Bleistiftnotizen
des 30. 3. 00.
179
ANHANG
EIN BRIEF
AN DIE BARONIN
EHRENFELS
UND
SCHLUSSWORT DES
HERAUSGEBERS
180
(Leere Seite)
181
Ein Brief an die Baronin Emma
von Ehrenfels
Wenn
ich so im
Giordano Bruno lese — er war ja der erste und lange, lange Zeit der
einzige auf der Welt, der durch die leuchtende Kraft seines Blickes den
Sternhimmel durchschaute, alle Sternensonnen, um welche Planeten
kreisen, diese von Leben bedeckt, alles ins Unendliche reichend
(daß die Inquisition ihn verbrannte ist logisch, daß aber
die Herren Fachgelehrten ihn überall wegen der Unsinnigkeit seiner
diesbezüglichen Behauptungen bekämpften, das ist das
Belehrende auch für uns und für heute) — dann fällt mir
meine eigene Anschauung betreffend die Lebensformen ein, und die
Erbärmlichkeit der Evolutionstheorie zeigt sich in ihrer fast
abstoßenden Unzulänglichkeit. Denn wie wird das Leben sein
auf den anderen Planeten und Systemen? Die Spektralanalyse hat noch
keinen einzigen uns unbekannten Stoff (so viel ich weiß) in den
Sternen nachgewiesen. Und ich bin überzeugt, wir können mit
voller Sicherheit voraussetzen, wo auch wir im All des Universums Leben
antreffen, werden wir es — nie in ganz gleichen Formen wie bei uns —
und gewiß ist jedes einzelne Wesen, wie bei uns jeder neu
entdeckte Käfer, ein Wunder, ein Unvorhergesehenes —‚ doch wir
werden gewiß unser Schema wiederfinden, auf dem einen
Himmelskörper nach einer Richtung ausgebildet, nach einer anderen
verkümmert, auf einem anderen umgekehrt, — möglicherweise
auch ergänzt durch Gestaltungstypen, die auf unserer Erde die
Bedingungen zum Aufleben nicht fanden; doch ganz gewiß — der
Sternhimmel selber deutet es uns an — ganz gewiß sind die
Gestaltungsgesetze kosmisch, d. h. universell. Und nun frage ich:
sollten wir erst
182 Anhang — Ein Brief an die
Baronin Emma von Ehrenfels
unsere Untersuchungen so
weit hinaus ausdehnen können, auf welche neue haarsträubende
Absurdität werden die Evolutionisten verfallen, um eine lineare
Abstammungsverwandtschaft plausibel zu machen zwischen den
Geschöpfen auf den Planeten, die den Arcturus umkreisen, und
unserer Fauna und Flora? Ob dann endlich die Menschen begreifen werden,
daß es unentrinnbare Gestaltungsgesetze gibt für das Leben?
und daß, wo und wann das Leben auch entsteht und besteht, es nur
innerhalb gewisser ewiger Typen entstehen und bestehen kann? Und
daß das Pferd auf unserer Erde nicht der first cousin twice
removed des Pferdes auf dem Jupiter ist, — sondern daß diese
Behauptung verblödender Unsinn ist?
Heute,
wo eine
echt wissenschaftliche Physik erst durch die Vorstellung von der
„Erhaltung der Masse“ möglich geworden ist, und erst durch die in
unserem Jahrhundert (unter wie vielen Kämpfen und nur von
Nichtfachphysikern) siegreich durchgedrungene Vorstellung der
„Erhaltung der Energie“ zu weiteren Fortschritten befähigt wurde,
— ebenso werden wir die richtige Vorstellung und Formulierung für
ein Gesetz der „Erhaltung der Gestalt“ führen müssen.
Mir
kreist heute
ein Gedanke im Kopfe, den ich in Worten auszusprechen noch nicht
weiß. Schon Descartes hat (Principia II, § 36) die
Behauptung aufgestellt: Die Größe der Bewegung sei konstant;
daraus hat sich unsere heutige Vorstellung von der Erhaltung der Kraft
entwickelt, nach welcher sich eine Form der Energie in die andere
umsetzt, z. B. Elektrizität in Licht, Licht in Wärme usw. die
Gesamtsumme der Energie aber unveränderlich bleibt. Ich
möchte nun wissen, ob es nicht eine bestimmte Menge
Gestaltungskraft und das heißt „Lebenskraft“ in der Welt gibt,
und zwar so, daß die Gestaltung nach dem einen Typus mehr
Gestaltungsenergie absor-
183 Anhang — Ein Brief an die
Baronin Emma von Ehrenfels
biert als die nach einem
anderen, z. B. „Tier“ hundertmal mehr als „Pflanze“, und „Vertebrate“
zwanzigmal mehr als „Sternförmig“ usw. Woraus auf einem Planeten,
wie der unsere, allerdings ein enger einigender Zusammenhang zwischen
allen Lebewesen bestünde — nicht in dem Sinne, daß Urenkel
Affe seine Urgroßmutter Nuß aufknackt, sondern daß
jede Bewegung in der Gestaltung notwendig auf jede andere Gestaltung
zurückwirkt; denn da — nach der Hypothese, — nur eine gewisse
Summe „Gestaltung“ vorhanden ist, wenn sich an einem Orte ein
Organismus zu größerer Komplikation entwickelt, so muß
an einigen anderen Organismen eine Rückbildung stattfinden.
Ich
weiß
nicht, ob ich mich in irgendeinem Maße begreiflich mache?
Durch
eine
derartige Vorstellung wird auf die schönste Weise Licht über
jene ungeheuere Klasse von Phänomenen geworfen, vor der jede
Evolution ratlos steht: die gegenseitige Interdependenz der Lebewesen,
nicht allein in den zahllosen Tatsachen der Symbiose, sondern z. B. in
der Befruchtung der Pflanzen durch Insekten (das „Geheimnis der Natur“,
wie es der alte Spengel nannte), wo zwei Wesen völlig getrennter
Typen für die Möglichkeit ihrer Leistung aufeinander
angewiesen sind. Doch dies nur als Beispiel für die mögliche
Fruchtbarkeit der Idee.
H. St.
Chamberlain,
Wien, 9. Juni 1900.
184 Anhang —
Schlußwort
des Herausgebers
Schlußwort
des Herausgebers
Mit
diesen
temperamentvoll hingeworfenen Zeilen bricht Chamberlains Lebenslehre ab.
Die
philosophische
Durchdringung des Gestaltproblems hat dann über ein Jahrzehnt
später im Platovortrag
ihren Abschluß gefunden, aber die
biologische Auswertung der Gestaltgesetze endet mit diesem Brief.
Deshalb
ist er so
ungemein wertvoll. Er enthält zwei Grundgedanken, von denen der
erste keiner Erläuterung bedarf. Es ist selbstverständlich,
daß die Auffindung gleichen Tiertypen auf anderen Planeten das
experimentum crucis für Chamberlains Lehre bilden würde. Denn
damit wäre die Annahme universeller Gestaltungsgesetze bewiesen,
und die Erhaltung der Gestalt würde sich ohne weiteres an die
Gesetze von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft anreihen.
Der
zweite Gedanke
Chamberlains bedarf dagegen einer näheren Erläuterung. Auf
den ersten Blick erscheint es ganz unsinnig, die Gestaltungskraft mit
anderen Kräften auf die gleiche Stufe stellen zu wollen, denn
diese verschwinden niemals, sondern erscheinen stets in anderer Form
wieder. Wenn ein Holzhaus verbrennt, so setzt sich die im Holz
aufgespeicherte Sonnenwärme wieder in Wärme um, aber niemals
die Gestalt des Hauses. Ein beliebiges Holzbrett bringt ebenso viel
Wärme hervor wie die kunstvollste Holzschnitzerei. Ein Band
Goethescher Gedichte liefert nicht mehr Wärme als ein Haufen
Zeitungen.
185 Anhang — Schlußwort
des Herausgebers
Gestaltungskraft
ist keine Kraft im physikalischen Sinne. Darüber war sich
Chamberlain völlig im klaren. Und doch hat er es versucht, messend
an die Gestaltungskraft heranzutreten. Eine Gestalt als ein planvoll im
Raume ausgebreitetes Gebilde ist eine qualitative und keine
quantitative Größe. Nun gibt es aber einfachere und
mannigfaltigere Gestalten. Vielleicht läßt sich aus der
wechselnden Mannigfaltigkeit der gleiche Nenner als allgemeiner
Maßstab gewinnen.
Wenn
ich ein
Mosaik aus 64 gleichen weißen Steinen herstelle, so ist das eine
einfache Mannigfaltigkeit. Sie besitzt sozusagen nur eine Falte. Nehme
ich statt dessen 32 weiße und 32 schwarze Steine, so ist die
Mannigfaltigkeit doppelt so groß = 2. Und nun ordne ich die
Steine wie ein Schachbrett an, dann zeigt sich eine weitere
Mannigfaltigkeit, die ich, da sie aus dem stets gleichen Wechsel von
Schwarz und Weiß besteht, ebenfalls = 1 setzen kann. Danach
besäße ein Schachbrett gegenüber dem
gleichmäßig weißen Mosaik die dreifache
Mannigfaltigkeit.
Der
Mannigfaltigkeitsnenner eines Gemäldes würde gegen den einer
einfarbig bemalten Wandfläche, auch wenn die Anzahl der
verwendeten Pinselstriche die gleiche bliebe, ein ungleich viel
höherer sein. Wie auch der Mannigfaltigkeitsnenner eines jeden
Musikstückes den der einfachen Tonleiter stets überragt.
Es
ist sicher,
daß der Mannigfaltigkeitsnenner für eine jede Lebensgestalt
unabänderlich ist, weil er an ihren Bauplan gebunden ist. Er ist
auch für jede Art ein für allemal gegeben.
Das
gleiche gilt
für alle Fälle, wenn 2 Gestalten durch einen gemeinsamen Plan
verbunden sind, d. h. in allen Fällen der Interdependenz
(Symbiose, Parasitismus usw.). Und wenn man die gesamte Lebewelt, die
durch Interdependenz zusammengehalten wird, in einen gemeinsamen
186 Anhang — Schlußwort
des Herausgebers
Plan zusammenfaßt,
so gilt auch von ihr der Satz von der Unwandelbarkeit des Nenners der
Mannigfaltigkeit.
Den
Mannigfaltigkeitsnenner kann man also als Maß für die
Gestaltungskraft verwenden. Aber welch sonderbare Kraft ist diese
Gestaltungskraft. Ihr fällt es leicht, die gleiche Gestalt
beliebig oft zu wiederholen, sobald das nötige lebende
Zellmaterial vorhanden ist. Dagegen ist sie nicht imstande, neue
Gestalten hervorzubringen. Hier setzt die Lebenslehre Chamberlains ein,
die behauptet, die Formen, in denen sich die Gestaltungskraft auswirkt,
sind von vorneherein gegeben, und liegen als fertige Klischees für
alle Lebensgestalten allerorts im Kosmos von Ewigkeit zu Ewigkeit
fertig da — und gestatten wohl zahlreiche aber beschränkte
Variationen.
Die
Gestaltungskraft verwandelt sich nie in eine andere Kraft, denn sie
gibt sich nie aus. Sie formt, aber zieht sich vom Geformten
zurück, das sie dem Spiel der physikalischen und chemischen
Kräfte überläßt. Sie ist deshalb völlig
unveränderlich.
Um
die von der
landläufigen grundsätzlich abweichende Weltanschauung
Chamberlains ins rechte Licht zu setzen, setze ich den Fall: es seien
zwei großen Naturforschern von der Natur zwei verschiedene
Maßstäbe zur Erforschung der Welt mit in die Wiege gegeben
worden. Dem einen ein Kieselstein und dem andern ein Grashalm. Dann
wird der eine, vom Kieselstein ausgehend, seine Forschungen der
anorganischen Welt widmen und mit Hilfe der physikalisch-chemischen
Weltgesetze eine Welt erbauen, die streng kausal in ihren Angeln
hängt. Es umgibt ihn dann eine ungeheuere, aber völlig sinn-
und planlose Maschine, in der alle Lebewesen und schließlich er
selbst die Rolle unbedeutender Maschinenteilchen spielen.
Der
andere
hingegen, dem der Grashalm als Wertmesser mitgegeben war, sieht sich in
ein Märchenland
187 Anhang — Schlußwort
des Herausgebers
versetzt, wo ihn
allerorts geheimnisvolle Gestalten umgeben, deren Sinn er wohl
gelegentlich enträtseln kann, weil ihm überall nur
Planmäßiges begegnet. Aber die erkannten Pläne weisen
immer auf umfassendere Pläne hin, deren Sinn sich im Unerkennbaren
verliert. Immer wieder wird sein Blick hinausschweifen zu jenem Meer,
„das flutend strömt gesteigerte Gestaltung“.
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Letzte
Änderung am 12. Augustus 2005