Here under follows the transcription of Houston Stewart Chamberlain's unfinished book Natur und Leben, edited by the biologist Jakob von Uexküll, published by F. Bruckmann, 1928.

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HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
NATUR UND LEBEN


HERAUSGEGEBEN

VON

J. VON UEXKÜLL



F. BRUCKMANN A.-G., MÜNCHEN

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COPYRIGHT 1928 BY F. BRUCKMANN A.-G., MUNICH
DRUCK VON F. BRUCKMANN A.-G., MÜNCHEN




PRINTED IN GERMANY


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INHALTS-ÜBERSICHT


Seite
Vorwort des Herausgebers 7
TEIL 1. UNSER WISSEN VON DER NATUR. — ELEMENTARE GRUNDBEGRIFFE ZUR ERSTEN EINFÜHRUNG 13
Einleitung des Herausgebers 15
Einleitung des Verfassers: Zur vorläufigen Verständigung 17
Einleitendes
§ 1. Begrenzung des Menschengeistes S. 21 —. § 2. Das angebliche Wissen S. 21 —. § 3. Die Wissenschaft S. 22 —. § 4. Wissen und Wissenschaft S. 23 —. § 5. Uexküll über die Wissenschaft S. 23 —. § 6. Methodologische Bemerkung S. 24 —. § 7. Es gibt mehrere Wissenschaften S. 24 —. § 8. Wissenschaft des Lebens und Wissenschaft des Unbelebten S. 25 —. § 9. Die Verursachung (Kausalität) S. 27 —. § 10. Das Leben ist keine Maschine S. 29 —. § 11 Seitenblick auf Kant S. 30 —. § 12. Die Planmäßigkeit der Natur S. 32 —. § 13. Gliederung der Wissenschaften der Natur S. 33 —. § 14. Die Tafel S. 34 —. § 15. Anmerkung S. 34 —.
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Die Wissenschaft der Kräfte
§ 16. Geschichtliches zur Einführung S. 35 —. § 17. Aristoteles S. 36 —. § 18. Die beiden Hauptmythen S. 37 —. § 19. Die Schwierigkeit dieser Wissenschaft S. 37 —. § 20. Der leitende Grundsatz aller Wissenschaft der Kräfte S. 38 —. § 21. Robert Mayer und Descartes S. 40 —. § 22. Nichts entsteht aus dem Nichts, Nichts vergeht in das Nichts S. 41 —. § 23. Die Spannkraft S. 42 —. § 24. Die Kraft der Lage S. 44 —. § 25. Die Grundmythe aller Wissenschaft der Kräfte (der Äther) S. 45 —. § 26. Descartes und der Äther S. 46 —. § 27. Neuere Anschauungen S. 49 —. § 28. Das Licht S. 50 —. § 29. Der leitende Grundgedanke aller Wissenschaft der Kräfte (das Atom) S. 52 —. § 30. Robert Boyle S. 54 —. § 31. John Daltons drei Grundsätze S. 55 —. § 32. Das Atom der Chemiker und das Atom der
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Physiker S. 57 —. § 33. Die Röntgenstrahlen S. 58 —. § 34. Das Atom zu denken nach der Vorstellung eines Sonnensystems S. 59 —. § 35. Zusammenfassung S. 62 —.
Die Wissenschaft des Stoffes
§ 36. Warum man nichts sagen kann über die Wissenschaft des Stoffes S. 67 —. § 37. Der erste Lehrgang S. 68 —. § 38. Spätere Studien S. 70 —.
67
Die Wissenschaft des Weltalls
Der Standpunkt S. 73 —. Die großen Zahlen S. 76 —. Der Kosmos S. 80 —.
73
Die Wissenschaft der Erdkugel
Der Umfang dieser Wissenschaft S. 84 —. Die Frage der Zeit S. 85 —.
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TEIL II. DIE LEBENSLEHRE 93
Einleitung des Herausgebers 95
Entwurf des Verfassers zu einer Lebenslehre
(Manuskript A aus dem Jahre 1896.)
1. Zur allgemeinen Orientierung: Schutzgeist Plato S. 104 —. 2. Zur metaphysischen Orientierung: Schutzgeist Kant S. 106 —. 3. Zur künstlerisch-symbolischen Orientierung: Schutzgeist Schopenhauer S. 109 —. 4. Zur naturwissenschaftlichen Orientierung: Schutzgeist Goethe S. 115 —. 5. Einiges zur Ergänzung S. 136 —.
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Zur Lebenslehre. Stichworte zur Festhaltung einiger zerstreuter Gedanken
(Manuskript B aus dem Jahre 1900. Zusammengestellt nach Briefen an die Baronin Ehrenfels.)
1. Die Bedeutung des Begriffes „Gestalt“ als Prinzip des Lebens S. 137 —. 2. Die Beharrlichkeit der Gestalt S. 140 —. 3. Fasse ich ein Lebewesen ins Auge... S. 149 —. 4. Pour la bonne bouche. Leben ist Gestalt S. 163 —.
137
Zur Lebenslehre. Einige kurze Notizen, teils als Erwiderungen 168
Zur Lebenslehre. Erster Schattenriß eines weiter auszubauenden Gedankenganges 176
ANHANG 179
Ein Brief an die Baronin Emma von Ehrenfels 181
Schlußwort des Herausgebers 184

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Vorwort des Herausgebers

    In unseren Tagen politischer Wirrnis fällt es besonders schwer, ein allgemeines, ruhiges und abgeklärtes Verständnis für die Bedeutung Houston Stewart Chamberlains zu erwecken. Seitdem er in den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ auf die Rolle der Rasse in der Geschichte und Politik hingewiesen, wirkt sein Name wie ein Fehdehandschuh und ruft, sobald er genannt wird, zahllose Gegner auf den Plan.
    Daß Chamberlain das reinste und glänzendste Deutsch schrieb, daß er einer der ideenreichsten Schriftsteller war, wird selbst von seinen Gegnern nicht bestritten. Die Gegner, die sich seinem sprühenden Geist nicht gewachsen fühlten, suchten ihm auf andere Weise beizukommen. Sie erklärten ihn für einen Dilettanten, der nicht die genügende Fachkenntnis besäße, und den man daher nicht ernst zu nehmen brauchte.
    Nur ein Historiker habe das Recht, über die Grundlagen des 19. Jahrhunderts zu schreiben, nur ein Philosoph dürfe ein Buch über Kant verfassen, und nur einem Theologen stünde es zu, sich an ein Thema wie „Mensch und Gott“ heranzuwagen. Wenn nun gar ein Schriftsteller, der in keinem einzigen Fach zu Hause sei, sich anmaße, über wissenschaftliche Fragen zu urteilen, so sei er von vornherein abzuweisen.
    Ein besonders tragisches Geschick hat es verhindert, daß Chamberlain sein großangelegtes Werk über ein Fach, in dem er nicht bloß zu Hause, sondern eine Autorität ersten Ranges war, zur Vollendung brachte.

8 Vorwort des Herausgebers

Dieses Fach ist die   B i o l o g i e.   Seine bahnbrechenden Ideen auf dem Gebiet der Biologie finden sich in seinen großen Werken hie und da verstreut, aber nirgend sind sie zu einem wohlgegliederten Ganzen vereinigt worden, das ihre Bedeutung ins rechte Licht gesetzt hätte. Dabei haben ihn die biologischen Probleme auf seinem ganzen Lebensweg begleitet. Sie waren es, die ihn dauernd bewegten. Sie gaben seinen historischen, philosophischen und religiösen Werken Richtung und Gestalt.
    Ganz anders klingt es, wenn man statt Dilettant Biologe sagt. Einem Erforscher des Lebens, denn das bedeutet Biologe, kann man schwerlich das Recht streitig machen, über die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, über Kant und über das Thema „Mensch und Gott“ zu schreiben. Es kommt nur darauf an, ob er die geistige Befähigung dazu besitzt. Und diese wird man Chamberlain kaum abstreiten können.
    Es erübrigt nur, den bündigen Beweis dafür zu erbringen, daß Chamberlain ein Biologe von Fach war: Niemand wird, der Chamberlains Arbeit über den Wurzeldruck bei Pflanzen gelesen hat, darüber im Zweifel sein, daß dies eine ausgezeichnete, experimentelle Facharbeit ist.
    Jede ernsthafte experimentelle Arbeit hat nun das Eigentümliche, daß sie uns unmittelbar vor die verschlossenen Tore der Natur führt, hinter denen ihre Wunder verborgen liegen. Es braucht nur ein Forscher mit aufgeschlossenem Gemüt einen Froschschenkel zu reizen, und alsogleich steht er vor den Rätseln der Erregung und Irritabilität. So stand Chamberlain mit andächtigem Sinn vor der geheimnisvollen Kraft, die den Saft der Pflanzen aus den Wurzeln emportreibt. Voll leidenschaftlichen Forscherdrangs hat er Tag und Nacht experimentiert, um dies Rätsel zu lösen. Die Natur verweigerte die Antwort,

9 Vorwort des Herausgebers

aber er gab nicht nach, bis seine zarte Gesundheit erlag. Er mußte das Experimentieren aufgeben. Deswegen gab er jedoch den Kampf nicht auf.
    Zwei Wege gibt es, um den Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen: entweder man geht einem bestimmten, scharfumgrenzten Problem mit allen Forscherkniffen zu Leibe, oder man tritt zurück und sucht einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus man die Zusammenhänge der Naturerscheinungen übersehen kann. Das Schicksal, nicht eigene Wahl, wies Chamberlain auf den zweiten Weg, und er ist ihn zu Ende gegangen, bis er sein Ziel erreichte und einen Standpunkt gewann, der es ihm ermöglichte, nicht nur die Erscheinungen der lebenden Natur zu überschauen, sondern auch seine eigene Art der Naturbetrachtung zu beurteilen.
    Den Weg zu diesem Gipfelpunkt hat ihm Kant gewiesen. Als Chamberlain diese Höhe erklommen hatte, und die Welt der Lebewesen in ihrem ganzen Reichtum ihm zu Füßen lag, wunderbar verwoben mit den eigenen Denkgesetzen — ging ihm wie eine neue Sonne die Erleuchtung auf: Alles, was lebt hat Gestalt — Das Leben ist Gestalt.
    Obzwar jeder Mensch ohne Schwierigkeit das Lebendige vom Leblosen zu unterscheiden vermag, waren dennoch alle Versuche, das Leben zu definieren, ergebnislos verlaufen. Das Leben glitt stets durch die Maschen des logischen Netzes, mit dem man es einfangen wollte.
    Mit der Erkenntnis: das Leben ist Gestalt, hatte Chamberlain endlich etwas Greifbares unter den Händen, denn die Gestalt hat ganz bestimmte Eigenschaften, die man auf alles Lebendige anwenden kann. Eine Gestalt besteht immer aus verschiedenen Teilen, die sich gegenseitig bedingen.
    „I n   a l l e n   L e b e n s g e s t a l t e n   s t e h e n   d i e

10 Vorwort des Herausgebers

T e i l e   u n t e r   s i c h   i n   K o r r e l a t i o n“   war daher der erste Grundpfeiler des Gebäudes der Biologie, das Chamberlain zu erbauen unternahm. Die Lebensgestalten müssen sich aber auch untereinander bedingen, wenn sie Teile der Gesamtgestalt Leben sind,   „D i e   I n t e r d e p e n d e n z   d e r   L e b e n s g e s t a l t e n“   wurde zum zweiten Grundpfeiler. Den dritten Pfeiler bildete die Erkenntnis, daß   „d i e   Z a h l   d e r   t y p i s c h e n   G e s t a l t e n   n u r   e i n e   b e s c h r ä n k t e   i s t“.   Und schließlich wurde der Grundsatz der   „U n w a n d e l b a r k e i t   d e r   G e s t a l t e n“   zum vierten Pfeiler des Baues, der als stolze Kuppel den Satz von der   „E r h a l t u n g   d e r   G e s a m t g e s t a l t   d e s   L e b e n s“   tragen sollte.
    An die Grundsätze der anorganischen Natur von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes sollte sich der Grundsatz der organischen Natur von der Erhaltung der Gestalt als gleichberechtigt anschließen.
    Von diesem großartigen Bau, der der Biologie für alle Zeiten einen ebenbürtigen Platz neben der Physik und der Chemie gesichert hätte, besitzen wir nur die Fundamente und einige vorläufige Entwürfe. Sie zeigen deutlich die Anordnung der Hauptteile. Ein Vorbau, der als Einführung in das naturwissenschaftliche Denken dienen sollte, steht im Rohbau fertig da. Unter 20 Titeln, die Chamberlain dafür in Betracht gezogen, wähle ich folgenden: „Unser Wissen von der Natur — Elementare Grundbegriffe zur ersten Einführung“.
    Darauf folgt der zweite Teil, der die „Lebenslehre“ Chamberlains enthält, die in zwei sich ergänzenden Entwürfen vorliegt, aus den Jahren 1896 und 1900.
    Ich habe beide Teile mit einer kurzen Einleitung versehen, am Manuskript Chamberlains aber nichts geändert.
    Als Anhang folgt noch ein sehr aufschlußreicher Brief Chamberlains an die Baronin Ehrenfels, den mir

11 Vorwort des Herausgebers

die Empfängerin gütigst zur Verfügung gestellt hat, wofür ich ihr meinen verbindlichsten Dank ausspreche.
    Vor allem ist es mir ein Herzensbedürfnis, Frau Eva Chamberlain für das große Vertrauen zu danken, das sie mir bewiesen, indem sie die Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften meines verehrten Freundes in meine Hände legte.
    Der Zauber, der von Chamberlains Persönlichkeit ausging, und der aus seinen klassischen Werken zu uns spricht, eignet auch seinen naturwissenschaftlichen Schriften. Die Leichtigkeit und Sicherheit, mit der hier die schwierigsten Probleme behandelt werden, wird jedem gebildeten Leser einen tiefen Genuß bereiten und ihn zum Nachdenken anregen. Ich bin aber überzeugt, daß auch die modernen Gestaltstheoretiker, obgleich sie mehr psychologisch als biologisch eingestellt sind, mit Freude die ihnen hier gebotene Neubegründung ihrer Wissenschaft begrüßen werden, um auf dem von Chamberlain errichteten Fundamenten weiter zu bauen.

12

(Leere Seite)

13


I. TEIL

UNSER WISSEN VON DER NATUR
ELEMENTARE GRUNDBEGRIFFE
ZUR ERSTEN EINFÜHRUNG


14

(Leere Seite)

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Einleitung des Herausgebers

    Es gibt keine voraussetzungslose Wissenschaft. Aus dem einfachen Grunde, weil ein wissenschaftliches Denken ohne Voraussetzung unmöglich ist. Ins Leere hinein kann man wohl phantasieren, aber wissenschaftlich, d. h. aufbauend denken kann man nicht ohne Voraussetzung, die als Fundament für den Gedankenbau dient. Eine jede Wissenschaft bedarf eines solchen Fundamentes, das zu den Selbstverständlichkeiten gehört, und deshalb weder in Frage gestellt, noch sonderlich beachtet wird.
    Die selbstverständlichen Voraussetzungen der Wissenschaft, auf die jeder Forscher stillschweigend zurückgreift, bilden gerade die Hauptschwierigkeit für den Laien, der in das Verständnis der Wissenschaft einzudringen bestrebt ist. Bei jeder Fragestellung wird ein Etwas als selbstverständlich vorausgesetzt, über das der Uneingeweihte sich vergeblich den Kopf zerbricht, und das ihm häufig die Fragestellung selbst sinnlos erscheinen läßt.
    Die Selbstverständlichkeiten der Wissenschaften als eigenes Problem zu behandeln, ist bisher noch niemand eingefallen. Hier zeigt sich die wahrhaft geniale Beanlagung Chamberlains.
    In den hier folgenden Studien sucht Chamberlain die immer als selbstverständlich vorausgesetzten Fundamente der verschiedenen Naturwissenschaften aufzudecken und darzulegen, warum sie für jede Wissenschaft so und nicht anders beschaffen sind. Chamberlain interessiert sich dabei weniger für die Ergebnisse der Wissenschaften; dafür sucht er die Denkrichtungen jener großen Forscher festzuhalten welche die Fundamente ihrer eigenen Wis-

16 Einleitung des Herausgebers

senschaft untersucht, und ihre Notwendigkeit begründet haben.
    Nur wenn man die Aufgabe, die Chamberlain sich gestellt, verstanden hat, und den Zweck den er mit der Lösung dieser Aufgabe verbunden — nämlich das Verständnis der gebildeten Laien für das Wesen der Naturwissenschaften zu ermöglichen — klar erkannt hat, wird man sich von der Tragweite der hier folgenden Studien deutlich Rechenschaft geben können.
    Sie sind für den Laien geschrieben, aber sie dienen nicht der Verbreitung von Forschungsergebnissen, sondern der Vertiefung in den Geist der Forschung selbst.
    Wenn man unter Dilettantismus Liebe und Freude an der Naturforschung versteht, so dienen diese Studien der Steigerung des Dilettantismus. Wenn man aber unter Dilettantismus spielerische Betätigung mit den Ergebnissen der Naturforschung versteht, so wirken sie im höchsten Grade antidilettantisch.


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Einleitung des Verfassers
Zur vorläufigen Verständigung.

    So sehr auch Naturkenntnisse heute — im Verhältnis zu früheren Zeiten — verbreitet sind, immer wieder wundert man sich, vielen sonst gebildeten Männern und Frauen zu begegnen, die nichts von der sie umgebenden Welt wissen, die keinen Stern am Himmel, keine Blume auf der Wiese erkennend zu unterscheiden gelernt haben, geschweige, daß sie irgendeine klare Vorstellung über die Leistung, die Tragweite und auch die Begrenzung der die Struktur der Materie untersuchenden Wissenschaft des Stoffes (Chemie), der die Kräfte in ihren Richtungen und Umwandlungen verfolgenden Wissenschaft der Kräfte (Physik), der den Aufbau des Kosmos erforschenden Wissenschaft des Weltalls (Astronomie) usw. besäßen, und die natürlich weniger als nichts in bezug auf Bau und Verrichtungen des Lebens wissen. Die weitverbreitete, bewundernde Anbetung einer thronenden „Wissenschaft“, der dumpfgehorsame Glaube an alles, was ihre amtlichen Priester zu verkünden belieben, besitzt für die Kultur des Menschengeistes nicht den geringsten Wert. Kulturwert bietet nur die unmittelbare Berührung zwischen Mensch und Natur. Beim primitiven Menschen findet sie statt...; auch beim Bauern, sowie bei jedem wahren Landbewohner des heutigen Tages besteht noch eine lebendige Wechselwirkung zwischen beiden. Dagegen wächst die große Mehrzahl der Gebildeten, sowie die Gesamtheit der Stadtbewohner Europas ohne jegliche unmittelbare Berührung mit Element und Leben der Natur auf; dieser moderne Mensch wird hierdurch immer mehr auf sich allein zurückgewiesen und verarmt infolgedessen in einem Maße, das bisher wenigen zum Bewußtsein gekommen ist, diese

18 Einleitung des Verfassers — Zur vorläufigen Verständigung
wenigen aber mit Schrecken erfüllt; denn es eröffnet sich ihnen die Aussicht in einen unabwendbaren Verfall, indem die einzige wahre Quelle aller Produktivität — „die ewig erfindungsreiche Natur“ — nunmehr vom Denken und Fühlen abgeschieden, der Mensch also auf sich selber eingeschränkt bleibt; hierdurch gerät er notwendig in einen circulus vitiosus, in welchem er herum- und herumrast, ohne je etwas anderes, als sich selber finden zu können; denn jetzt fehlt das zweite ergänzende Element — das umfassende, unbewußt hervorbringende — in das hinein der Geist seine zeugende Kraft ergießen kann und aus dem heraus er dann das Unvorhergesehene, jegliches Wollen Übertreffende, dasjenige, was einzig schöpferisch genannt werden darf, empfängt. Eine sentimentale Bewunderung sogenannter „schöner Natur“ bietet keinen Ersatz für die fehlende unmittelbare Berührung mit der Natur... Noch weniger vermag die angedeutete Lücke durch unsere Populärwissenschaft ausgefüllt zu werden. Diese will das Unmögliche: die Leute sollen erfahren, ohne gelernt zu haben; „Ergebnisse“ sollen vom Geiste aufgenommen werden wie Maiskörner von einer Mastgans, woraus einzig Verstandeskorpulenz, nicht aber Verstandeskraft entstehen kann. Gerade das ist für Wissenschaft im genauen Gegensatz zu Kunst bezeichnend, daß sie nie am Ziele ist; unaufhörlich überwindet sie sich selbst; immer wieder führt sie auf einer anderen Stufe zur Natur zurück, und jedes gelöste Problem eröffnet den Augen neue Probleme. In den Dienst der Kultur einer Allgemeinheit stellt sich die Wissenschaft erst dann, wenn sie es versteht, den aus der Natur verbannten Menschen der Natur zurückzugeben, daß er an ihr wieder teilhabe, daß er sie wirklich erblicke und sie tausendfältig erfahre. Die Natur meistern, ist ein Ziel für Techniker; dem Menschen als Geist und Seele ist zu wünschen, daß er zu ihr in die Schule gehe, um in aller

19 Einleitung des Verfassers — Zur vorläufigen Verständigung

Bescheidenheit vor ihr Größe, Mannigfaltigkeit, unerbittliche Wahrhaftigkeit zu lernen, und aus ihrem Brunnen Ideen ohne Zahl zu schöpfen. Dies zu bewirken, wäre das würdigste Ziel aller Wissenschaft.
    Wie schon angedeutet, handelt es sich bei mir nicht um populärwissenschaft, weil einzig echte Wissenschaft erweiternd und bereichernd auf den Menschengeist wirken kann. Der Einzelne mag aus Rücksicht auf seine beschränkte Muße ein noch so eng abgestecktes Gebiet sich erwählen, er muß es wissenschaftlich zu ergründen bestrebt sein, sonst kommt nur der übliche Mischmasch an eingebildeten, erlogenen Kenntnissen heraus, die nicht einmal materiellen Wert besitzen, da die „Ergebnisse der Wissenschaft“ alle zehn Jahre anders lauten. Nun hat aber Goethe — der große Denker — bemerkt, es sei „leichter alle Wissenschaften zu lernen, als eine allein“. Und in der Tat, der haarsträubende Dilettantismus mancher unserer Fachleute rührt daher, daß sie ein einzelnes Fach beherrschen, in den anderen aber fremd bleiben, ohne wahre Einsicht, daher auch ohne Urteil, und dies wiederum wirkt sogar auf ihre Beurteilung des eigenen Faches fälschend zurück, da eigentliches Wissen immer erst an Grenzen lebendig wird, wo Bezüge entstehen und das gleichgültige Einzelne, mit anderem Einzelnen verwoben, Bedeutung erhällt. Wie sollen wir aber — wenn schon das Bruchstück einer einzigen Wissenschaft, angewachsen durch die Arbeit Unzähliger, jahrelanges Studium erfordert — wie sollen wir, und gerade erst wir Nichtgelehrte, wir Männer der Welt, die wir mit anderen Dingen beschäftigt sind und die Natur nur als ein Element unserer Bildung kennenlernen wollen — wie sollen wir „alle Wissenschaften“ studieren?
    Ich meine nun, das Wünschenswerteste hier wäre eine Art Stufenleiter und zugleich eine Pendelbewegung: das Ideal wäre, von einer ganz elementaren aber tief-

20 Einleitung des Verfassers — Zur vorläufigen Verständigung

begründeten allgemeinen Vorstellung aller Wissenschaften ausgehen zu können, und dann in dem winzigen Bruchteil eines Faches ausführliche Einzelkenntnisse zu gewinnen, was zugleich Erfahrung über die Methoden, die Technik, die Handgriffe, die Denkgewohnheiten schenkt, aus denen diese Einzelkenntnisse entstehen und zum nicht geringen Teil sogar „be“-stehen. Also gestärkt, müßten wir dann aber zu einer neuerlichen, befestigteren, erweiterten, mannigfaltigeren Vorstellung von „allen Wissenschaften“ zurückkehren, um von hier aus, noch einmal einer Spezialisierung — sei es im gleichen Fach oder in einem anderen — aber diesmal einer umfassenderen, reicher gegliederten — uns zu widmen. Und so weiter. Dies wäre, meiner Meinung nach, die ideale Methode für jeden — gleichviel, ob er sich der Naturforschung fachmäßig oder nicht zu widmen gedenkt — um zu jener neuerlichen Berührung mit der Natur zu gelangen, von der vorhin die Rede war. Das Allgemeine — und das ist immer das Geistige — ruht auf genauen Einzelerfahrungen, die Einzelerfahrungen schöpfen Sinn und Bedeutung aus dem Besitz beziehungsreicher Allgemeinvorstellungen.
    Was dieses kleine Buch — zugleich bescheiden und kühn — bezweckt, ist, die allerunterste Sprosse auf dieser Leiter zu liefern, also jene erste, allgemeinste Vorstellung „aller Wissenschaften“, die der gänzlich Unwissende besitzen muß, will er als freier Mensch an das Studium der Natur herantreten. Im Gegensatz zu der Populärwissenschaft, welche das Allerspekulativste, oft das nachweisbar Widerspruchvollste, Unmögliche, dem Laien als angebliches Ergebnis zu gläubigem Staunen mundgerecht hinreicht, will dieses Buch die ersten Elemente der wissenschaftlichen Methodik in gedrängter Kürze mitteilen, um so den Anfänger in die besonderen Denkbahnen der verschiedenen Wissenschaften einzuführen.

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Einleitendes

§ 1. Begrenzung des Menschengeistes.

    Ein denkendes Wesen besitzt kein Mittel, über sein eigenes Denken hinauszukommen. Wohl vermag es, sein Denken durch die systematische Vermehrung der Beziehungen nach außenhin und durch ihre allmähliche Verfeinerung immer weiter zu bereichern, niemals jedoch kann es dazu gelangen, sich selbst von außen zu erblicken und somit ein objektives Urteil über das eigene Wesen zu gewinnen, womit erst die Möglichkeit gegeben wäre, die Zutat des Denkens zu jeder Wahrnehmung, zu jeder Vorstellung, zu jedem Urteil zu entwirren. Was zur Aufklärung über diese im Wesen alles Denkens liegende und daher unübersteigliche Begrenzung geschehen konnte, hat im Altertum Plato, in unseren Tagen Immanuel Kant geleistet; jeglicher dogmatischen Aussage über Mensch, über Natur, sowie über die Beziehungen zwischen Mensch und Natur ist durch das Werk dieser beiden ein für allemal der Boden entzogen.

§ 2. Das angebliche Wissen.

    Darum ist es — streng genommen — nicht zulässig, von einem Wissen zu reden. Man lächelt über die Kirchenväter, welche uns von dem Wesen der Engel allerhand zu melden wagten; man sollte nicht weniger über das vorgebliche Wissen unserer heutigen Weltenträtsler lächeln, die nicht einmal über die mehrere Jahrtausende zurückreichende Besinnung des Menschen unterrichtet sind, und sich gleich Kindern an die Lösung von Problemen heranwagen, ohne sich erst zu fragen, ob der Menschengeist zu solchem Vorhaben gerüstet ist. Über letzte

22 Einleitendes

Fragen dogmatisch zu entscheiden, wagt derjenige allein, der niemals über erste Fragen nachgedacht hat.

§ 3. Die Wissenschaft.

    Dagegen ist es durchaus zulässig, von einer Wissenschaft zu reden, wenn nur bestimmt wird, was das Wort besagen soll. Ursprung und Geschichte des Wortes geben uns Auskunft. Wie das Sanskrit vid uns belehrt, bedeutete „Wissen“ ursprünglich finden. Unsere Sinne suchen tastend, gleich den Fühlhörnern eines blinden Tieres, in der unerforschlichen Umgebung umher; was sie finden, melden sie; nur weniges sind sie zu finden und zu melden befähigt; das Ohr ist nur für einige wenige Schwingungen empfindsam: für die meisten bleibt es taub; ebenso ist das Auge mehr blind als sehend, so daß unsere Naturforscher von „unsichtbarem Lichte“ reden. Gleichviel: das Gefundene liefert den Rohstoff zu unserer Vorstellung einer außerhalb des Denkenden liegenden Natur. Dieser Rohstoff muß aber gestaltet, d. h. nach den Erfordernissen des Denkens geordnet, verknüpft, aufgebaut werden, sonst kann das Bewußtsein ihn nicht erfassen und sich aneignen; ein reines, vom Denken nicht umgestaltetes „Wissen“ gibt es — außer in den Träumen ungezügelter Phantasie — nicht. Auf diese Tätigkeit des Gestaltens deutet die Silbe -„schaft“, ein Wort, das, in uralten Zeiten vermutlich das Zuhauen des Holzes bezeichnend, heute in allen germanischen Sprachen verbreitet, immer zunächst ein Ordnen, Bilden, Gestalten des Gegebenen bedeutet, bis es schließlich — im Wort „er-schaffen“ — dahin gelangt, alles Schöpferische des Menschengeistes auszudrücken. In dem Worte „Wissenschaft“ tut sich die Herrlichkeit der deutschen Sprache kund — ebenso wie in dem Worte „Weltanschauung“ an Stelle der armseligen Philosophie. Denn die „Science“ der Engländer, Fran-

23 Einleitendes

zosen, Italiener usw. — der lateinischen Vokabel für Kunde, Kenntnis, Geschicklichkeit entnommen — ist ein gar dürftiger Ersatz, der selbst in seiner vergangenen lebendigen Zeit nie weiter gelangte, als ein Trennen, Scheiden, Zergliedern anzudeuten, die Hauptsache — das Auferbauen — außer acht lassend.

§ 4. Wissen und Wissenschaft.

    Reden wir von einer „Wissenschaft der Natur“, so reden wir also mit Bewußtsein von einer eigenmächtigen, schöpferischen Gestaltung des sinnlich Wahrgenommenen und bekennen, daß ein reines, absolutes, objektives Wissen unmöglich ist. Besäßen wir Wissen, wir brauchten keine Wissenschaft.

§ 5. Uexküll über die Wissenschaft.

    Der erste Schritt zu einem wahren Verständnis aller Wissenschaft bildet die Erkenntnis dieses willkürlichen schöpferischen Elementes. Im ersten Augenblick mag es betrüben, daß wir kein Mittel besitzen, reines Wissen über die Welt außerhalb unseres Denkens zu erlangen; doch bald tröstet sich der Geist im Wohlgefühl seiner Freiheit und Kraft, und freut sich an der Aussicht auf immer neue Verknüpfungen zwischen dem gegebenen Wissen und dem es gestaltenden „Schaffen“. — Der bahnbrechende Biologe Uexküll schreibt (1909): „Mit dem Wort Wissenschaft wird heutzutage ein lächerlicher Fetischismus getrieben. Deshalb ist es wohl angezeigt, darauf hinzuweisen, daß die Wissenschaft nichts anderes ist als die Summe der Meinungen der heute lebenden Forscher. Soweit die Meinungen der älteren Forscher von uns aufgenommen sind, leben auch sie in der Wissenschaft weiter. Sobald eine Meinung verworfen oder vergessen wird, ist sie für die Wissenschaft tot! Nach und nach werden

24 Einleitendes

alle Meinungen vergessen, verworfen oder verändert. Daher kann man auf die Frage: was ist eine wissenschaftliche Wahrheit? ohne Übertreibung antworten: ein Irrtum von heute.“

§ 6. Methodologische Bemerkung.

    In bezug auf die Methode bemerke ich noch dieses eine: Ich halte es für das Ideal eines solchen Lehrganges, möglichst wenig das Gedächtnis zu belasten. Daß man nichts lernen könnte ohne Inanspruchnahme des Gedächtnisses ist ohne weiteres einleuchtend, daß aber der Menschenverstand ohne tätige Mitwirkung des Urteils nichts sich einzuverleiben vermag, ist ebenso sicher, wird aber seltener bedacht. Nun gibt es aber eine gewisse Gegenwirkung zwischen Gedächtnis und Urteil, kraft welcher jede Überbürdung des Gedächtnisses sich rächt an der Güte des Urteils. Es besteht hierin ein sehr zartes, bei weitem nicht genug beachtetes Verhältnis. Das durch Gedächtnis Gewonnene ist ein bloßer Zuwachs, der mechanisch fördern kann, aber auch hemmen; das durch Urteil Einverleibte wird zu einem organischen Bestandteil des lebendigen Innenkörpers. Darum enthält dieser Lehrgang für die unterste Stufe ein Mindestmaß an Tatsachen und trägt eigentlich nur die elementarsten Gedanken, die bei jedem Fach vorwalten, vor.

§ 7. Es gibt mehrere Wissenschaften.

    Von großem Vorteil wird es sich für den nach Wissen Dürstenden erweisen, wenn er von allem Anfang an darüber Klarheit besitzt, daß es nicht „Eine allumfassende Wissenschaft“ gibt, sondern, daß der Wissenschaften mehrere unterschieden werden müssen. Der optische Standpunkt wechselt mit dem Gebiet, das in Betracht kommt; wer genau zuschaut entdeckt, daß die gleichen

25 Einleitendes

Worte nicht stets in den verschiedenen Wissenschaften den gleichen Sinn besitzen: der Chemiker stellt sein Denken anders ein als der Physiker, der Physiolog das seinige anders als der Anatom. Diese Tatsache — wie meistens geschieht — nicht zu beachten, führt zuletzt weitab in die Irre; die Lobreden, die auf die Einheit der Wissenschaft gehalten werden, gewöhnen das geistige Auge an ein bedenkliches Ungefähr. Es wird vorteilhaft sein, einen Augenblick hierbei zu verweilen.

§ 8. Wissenschaft des Lebens und Wissenschaft des Unbelebten.

    Zunächst haben wir allen Grund, mit Schärfe zwischen einer Wissenschaft des Lebens (gewöhnlich organische Wissenschaft genannt) und einer Wissenschaft des Unbelebten (gewöhnlich anorganische oder unorganische Wissenschaft genannt) zu unterscheiden: diese beiden weisen nicht allein tiefe Unterschiede auf, sondern sie stehen sich gleichsam feindlich einander gegenüber. „Feindlich“ ist ein bißchen übertrieben gesprochen, doch gebrauche ich das Wort mit Absicht, um recht kräftig zu betonen, wie Vieles und Grundsätzliches sie voneinander scheidet. In einem gewissen Sinn und Maß bilden organische und anorganische Wissenschaft Gegenstücke, die eine bietet uns die Kehrseite der anderen, und gerade aus dieser Verwandtschaft in der Entgegensetzung erfolgt manche Irrung.
    Bei der Betrachtung des rein Organischen tritt jene „Disproportion unseres Verstandes zu der Natur der Dinge“, von der Goethe spricht (der Versuch), in das Bewußtsein; hier vermag nur höchste Begabung den Weg zu weisen. In Wirklichkeit können wir natürlich uns auch Unorganische Phänomene nicht ihrem Wesen nach ergründen, doch ist es ungleich leichter dort eine mecha-

26 Einleitendes

nische Allegorie aufzustellen, welche zeitweilig Dienste tut. Außerdem ängstigt dann nicht wie auf organischem Gebiet die Danaidenarbeit eines ewig Neuen. Jedes mechanische Problem kann entweder tatsächlich oder doch unter gewissen denkbaren Bedingungen erschöpft werden; die Vorstellungen über die Anziehung der Körper z. B. mögen wechseln wie sie wollen (Druck, Zug, elektrische Ladung usw.), ausgerechnet ist und bleibt alles was die Gravitation betrifft bis auf das letzte I-Tüpfchen. Wogegen das Lebendige unerschöpflich ist; je weiter der Mensch forscht, desto weniger beherrscht er dies Gebiet, weil es sich mit der Forschung zugleich nach allen Seiten (also in geometrischer Progression) ausdehnt — ins Unendliche. Gar manche organische Probleme, die der Wissenschaft vor hundert Jahren als gelöst oder fast gelöst galten, sind inzwischen zu unabsehbaren Fragenkomplexen angewachsen; mehr als damals begreift man heute, wie Recht Goethe hatte, „die Labyrinthe des organischen Baues“ mit „dem Grundriß eines Irrgartens“ zu vergleichen (Diderots Versuch in der Malerei). Hier gilt es nun nicht etwa der fortschreitenden Forschung Grenzen zu ziehen, sondern dem Genie Raum zu lassen, daß es leitende Ideen erfinde, und sie wie Sonnen am Himmel der menschlichen Vorstellungswelt entzünde. Zwar sind diese Ideen — wie das Leben, dem sie entsprießen und auf das sie hinzielen — unausdenkbar, und darin erweist sich ihre Verwandtschaft mit den mythologischen Ideen unserer Altvordern. Goethe meint von solchen Ideen (er denkt an seine Metamorphosenlehre, an seine Farbenlehre und an derartiges), ihnen komme „unendliche Wirksamkeit“ zu, dennoch blieben sie unerreichbar, und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch unaussprechlich („Sprüche“, Hempel, Nr. 743). Man sieht schon, wie die Methoden auseinandergehen in den organischen und unorganischen Wissenschaften.

27 Einleitendes

    Jeder der beiden wohnt die Neigung inne, die Herrschaft an sich zu reißen und die andere sich völlig zu unterwerfen, wobei ein Verhältnis besondere Beachtung verdient. Ich will mich bildlich deutlich zu machen versuchen. Betrachten wir die Gesamtheit der Wissenschaften als einen breitfließenden Strom, so können wir den Standpunkt des Lebens und den Standpunkt des Unlebendigen als die beiden Ufer bezeichnen, zwischen denen der Fluß seinen Weg bahnt. Nun stehen wir Menschen offenbar auf dem Ufer des Lebens; nur kraft des Lebens besitzen wir Wissenschaft; das Leben geht überall voraus, ist überall erste Voraussetzung; jedoch, gerade infolge der Tatsache, daß das Leblose am entgegengesetzten Ufer liegt, übersehen wir es klarer und lückenloser als unser eigenes Ufer, auf welchem wir uns so zu sagen immer im Wege stehen, immer an irgendeinem Ort uns einen undurchsichtigen Schatten werfen. Daher das Vorwiegen der Wissenschaften des Leblosen, die bis vor ganz kurzem die Wissenschaften des Lebens förmlich vergewaltigt haben, ja, die die Existenz des Lebens leugneten und einzig dasjenige als Wissenschaft gelten ließen, was Bewegungen toten Stoffes betraf. Erst in allerletzter Zeit hat eine Gegenwirkung eingesetzt, doch noch immer tragen alle Wissenschaften — auch diejenigen des Lebens — das Gepräge unorganischer Wissenschaften. Dieses verleiht unserer Auffassung der Natur eine arg verschobene Einseitigkeit.

§ 9. Die Verursachung (Kausalität).

    Will man sich darüber klar werden, wie weit auseinander die Standpunkte auf den beiden Ufern sich befinden, so genügt es, den Unterschied in der Auffassung und der Bewertung des Begriffes der Verursachung (Kausalität) in Betracht zu ziehen. Der Leitgedanke, der aller anorganischen Wissenschaft zugrunde liegt, und ohne den

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ihr ganzes Gerüst einstürzt, ist der der Verursachung: nichts geschieht ohne Ursache, die Folge gleicht haarscharf der Ursache, d. h. die beiden (Ursache und Folge) sind aneinander meßbar; Wissenschaft ist die ziffernmäßig genaue Kenntnis der Ursachen von Bewegungen. Im Reich des Organischen treffen wir freilich auch den Begriff vor Ursache und Wirkung, doch wesentlich anders geartet. Die Ursache bedeutet hier ein Anheben, dessen Folgen unermeßlich sind und meistens außerhalb jeden Maßstabes liegen. Dies gilt schon für die einfachen Reflexbewegungen: wenn z. B. ein Käfer über das Blatt einer Mimosa kriecht und sämtliche Blätter des Baumes klappen zusammen, oder, wenn ein Finger in leise Berührung mit einer Nadelspitze gerät, worauf der Arm heftig zurückgezogen und der ganze Körper alarmiert wird: wie kann man in solchen Fällen von einer Gleichheit zwischen Ursache und Wirkung reden? Oder wiederum, welche Gleichheit besteht zwischen dem Reiz, den der Lichtäther auf einige tausend blinder Nervenendigungen im Auge ausübt, und der Landschaft, die im Gemüte als „Folge“ entsteht? Es handelt sich in diesem Falle offenbar um zwei wesensverschiedene Erscheinungen und um eine schöpferische Kraft des Lebens, dergleichen die unbelebte Natur nicht kennt. Ebensowenig vermag eine noch so gewaltsame Menschenwillkür einen Vergleich anzustellen zwischen der Handlung des Zeugens und dessen Erfolg, der häufig über Jahrhunderte sich erstreckt: nach dem Zoologen Weißmann ist das Keimplasma der Möglichkeit nach unsterblich, indem es sich von Geschlecht zu Geschlecht forterbt. Kein Wunder, wenn die besten Köpfe heute aus dem materialistischen Alptraum erwachen und sagen: „wenn wir vorgehen, die Phänomene des Lebens durch Stoff und Kraft zu erklären, so waten wir einfach unbewußt in dem stygischen Morast metaphysischer Dog-

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matik“ ¹). Man sieht, welch verschiedene Bewertung der grundlegende Begriff der Verursachung auf den beiden Ufern, des Belebten und des Unbelebten, erfährt; wohl ist er zu allem zusammenhängenden Denken auf beiden gleich unentbehrlich, doch umfaßt er hier und dort wesentlich verschiedene Gedanken- und Vorstellungskreise.

§ 10. Das Leben ist keine Maschine.

    Noch ein Wort über diesen entscheidend wichtigen Gegenstand. In seinem grundlegenden Werke: „Philosophie des Organischen“ hat Hans Driesch ein für allemal die Unmöglichkeit und die Ungereimtheit der Annahme, daß das Leben einer Maschine gleich zu setzen sei, nachgewiesen; er schreibt am Schluß seiner hierauf bezüglichen Ausführungen: „Hier sind wir in wahre Absurditäten hineingeführt! ... Gerade die Annahme der Existenz einer   M a s c h i n e   erweist sich im Lichte der experimentell erhärteten Tatsachen als   v o l l k o m m e n   u n s i n n i g.   Daher kann keine Art von Maschine irgendwelcher Form, und kann überhaupt keine Art von Kausalität, welche auf räumliche Constellation begründet ist, die Grundlage...“ der Erscheinung des Lebens sein (2. A., S. 133 fg.) ²). Die Marotte des Kausalitätsgesetzes — Wirkung gleich Ursache — hatte zur Vorstellung der falschen Gleichung zwischen dem Leben und einer Maschine geführt; jetzt ist, wie gesagt, die Absurdität dieser Annahme nachgewiesen, und nicht das allein, son-
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    ¹) Karl Pearson: The Grammar of Science. 2. Aufl., S. 332.
    ²) Der Satz endet bei Driesch mit den Worten: „die Grundlage der Differenzierung harmonisch-aequipotentieller Systeme sein“. Ich habe meinen Leser nicht mit einem ihm unbekannten und daher verwirrenden technischen Ausdruck erschrecken wollen, und durfte mir obige Umschreibung erlauben, da der Besitz solcher Systeme für alles Leben bezeichnend ist.

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dern Hans Driesch hat unwiderleglich dargetan, daß im Leben eine andere Art von Kausalität am Werke ist, als diejenige, welche auf den Gebieten des Leblosen statthat, ja, er kommt zum Schluß, daß „alle unsere wissenschaftlichen Begriffe (wie wir sie aus den anorganischen Wissenschaften herübernehmen) eigentlich vollständig unzureichend sind, wenn man sie mit den wirklichen Phänomenen des Lebens zusammenbringt“. (S. 157.)
    So führt der Wahn einer strengen Einheitlichkeit der Wissenschaften in die Irre!

§ 11. Seitenblick auf Kant.

    Aufklärend wird es wirken, wenn wir an dieser Stelle einen Blick auf Kant's Standpunkt werfen.
    Die Mehrheit der Wissenschaften räumt er ein, indem er schreibt: „Es kann so vielerlei Naturwissenschaften geben, als es spezifisch verschiedene Dinge gibt, deren jedes sein eigentümliches inneres Prinzip der zu seinem Dasein gehörigen Bestimmungen enthalten muß“ ¹). Insofern stimmt Kant also mit obigen Ausführungen überein; es folgt aber eine bedeutungsschwere Einschränkung: „Ich behaupte, daß in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist“. An anderer Stelle führt er aus: „Eine reine Naturlehre über bestimmte Naturdinge ist nur vermittels der Mathematik möglich, und da in jeder Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen wird, als sich darin Erkenntnis a priori befindet, so wird Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft enthalten, als Mathematik in ihr angewandt werden kann.“ Nach dieser Auffassung dürfte man nur
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    ¹) Diese sowohl wie die folgenden Ausführungen entstammen der Vorrede zu der Schrift „Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft“.

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von einem Teil der Astronomie, nämlich von der Bewegungslehre der Gestirne, und von einem Teil der Physik‚ als von „eigentlichen Wissenschaften“ reden. In der Tat ist dies Kants Ansicht, denn sogar von einer solchen reinen Erfahrungswissenschaft wie die Chemie urteilt er, man „sollte sie eher systematische Kunst, als Wissenschaft heißen“. In den Wissenschaften des Lebens könnten demnach nur diejenigen Bruchteile, die sich mit dem Toten, welches alles Lebendige mit sich führt, oder mit den rein physikalischen Verrichtungen befassen, als „eigentliche Wissenschaft“ angesprochen werden, bloß also Nebenerscheinungen des Lebens, nicht das Leben selbst. Wer mit der Philosophie Kants vertraut ist und die besondere Bedeutung des Begriffes „rein“ innerhalb dieser Philosophie kennt, wird ohne weiteres den Sinn dieser Unterscheidung verstehen, und wer weiß, welche Phantastik dazumalen in den Wissenschaften — namentlich in denen des Lebens — ihr Wesen trieb, wird diese strenge Einschränkung auf die Mathematik und Mechanik als heilsam begrüßen. Daß Kant mit seiner Behauptung Recht habe, das steht nicht in Frage; nur muß nicht vergessen werden, daß er von „reiner Wissenschaft“ redet und daß der Nachdruck auf dem Beiwort reiner liegt. Die ganze Betrachtung ist eine metaphysische; ihr Wert bleibt auf die Metaphysik beschränkt. Wird das aus dem Auge gelassen, so kann sie bedenklichen Schaden anrichten; denn dadurch drückt man die Beobachtung gegenüber der Mathematik zu einem untergeordneten Rang herab, was widersinnig ist und ein Schlag ins Gesicht für alle germanische Wissenschaft bedeutet: wir haben viel unter dieser Verwechslung und dem daraus erfolgenden Irrtum zu leiden gehabt.

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§ 12. Die Planmäßigkeit der Natur.

    Mit seiner genauen Begrenzung und Abgrenzung von Vernunft und Verstand hat Kant der Menschheit den größten Dienst geleistet, den vielleicht ein Einzelner ihr überhaupt je geleistet hat; erst durch ihn ist es möglich geworden, der die Menschheit narrenden und knebelnden Wahngedanken ein für allemal Herr zu werden. Doch in diesen heiligen Kampf vertieft, blieb manches dem Blicke des großen Denkers entzogen. Mag es auch keine „reine“ Wissenschaft außerhalb der Gebiete, wo Mathematik zur Anwendung kommt, geben, so hindert das doch nicht, daß treues geduldiges, der Grenzen bewußt bleibendes Befragen der Natur zu reichen Erkenntnissen führt, zu Ergebnissen, die auf dem Wege der Mathematik niemals zu erreichen gewesen wären. So hat im Laufe der vergangenen hundert Jahre die Chemie von dem Range einer „systematischen Kunst“ — wie Kant mit einiger Geringschätzung sagt — zu einem bewunderungswürdigen, immer mehr sich vervollkommnenden, in sich symmetrisch zusammenhängenden Gesamtbau sich gestaltet, — einem Bau, reich an Überraschungen, an Bereicherungen unserer menschlichen Vorstellungswelt, zu einem Bau, dem, mag ihm auch die zwingende Nötigungskraft der Mathematik fehlen, doch unzweifelhaft der Wert eines Symboles der unerforschlichen Naturwahrheit zukommt. Und unter unseren Augen entdeckt die endlich zum Bewußtsein ihrer selbständigen Würde erwachende Wissenschaft des Lebens eine ganze, bisher ungeahnte Welt der harmonischen Beziehungen, der planmäßigen Zusammenhänge, die einem der genialsten unserer Biologen der Gegenwart das Urteil ablockt: „Die gesamte Leitung der Lebewesen liegt sowohl im Einzelnen wie in der Art in den Händen einer übermechanischen Naturgewalt ... Die Planmäßigkeit in der

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Natur als letztes, alles Leben umfaßendes Naturgesetz wird damit wieder der biologischen Forschung eröffnet.“ (J. v. Uexküll: Theoretische Biologie, 1920, S. 229 fg.)

§ 13. Gliederung der Wissenschaften der Natur.

    Dieses nur in aller Kürze zur Andeutung einiger grundlegender Erkenntnisse.
    Fragen wir uns jetzt, wie viele verschiedene Wissenschaften wir unterscheiden und wie wir sie zusammenstellen wollen.
    Nach den obigen Ausführungen ergibt sich ohne weiteres eine erste Hauptgabelung in zwei umfassende Abteilungen: in die Wissenschaften der unbelebten Natur, und in die Wissenschaften des Lebens. Zahlreiche Verästelungen stellen Verbindungen zwischen hüben und drüben her, doch bleiben die beiden Gebiete durch eine tiefe Kluft von einander geschieden.
    Innerhalb der Wissenschaften des Unbelebten finden wir uns veranlaßt, allgemeine und besondere Wissenschaften zu unterscheiden.
    Es gibt zwei allgemeine Wissenschaften des Unbelebten: Die   W i s s e n s c h a f t e n   d e r   K r ä f t e   (Physik im weitesten Sinne des Wortes) und die   W i s s e n s c h a f t   d e s   S t o f f e s   (Chemie); und es gibt zwei besondere Wissenschaften des Unbelebten: die   W i s s e n s c h a f t   d e s   W e l t a l l s   (Astronomie) und die   W i s s e n s c h a f t   d e r   E r d k u g e l   (Geologie, umfassend Geographie, Gestein- und Kristallkunde).
    Innerhalb der Wissenschaften des Lebens unterscheiden wir drei Wissenschaften: die   W i s s e n s c h a f t   v o n   d e r   G e s t a l t   d e s   L e b e n s   (Morphologie einschließlich Tier- und Pflanzenkunde), die   W i s s e n s c h a f t   v o n   d e n   V e r r i c h t u n g e n   d e s   L e b e n s   (Physiologie) und

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die   W i s s e n s c h a f t   v o n   d e m   L e b e n   d e s   L e b e n s   (Biologie im umfassendsten Sinne). Die erste dieser drei Wissenschaften bewegt sich vielfach innerhalb der aus der Mathematik bekannten Welt der Zahl und der geometrischen Vorstellungen; die zweite borgt viel bei den Wissenschaften des Unbelebten; die dritte führt hinaus in neue Welten, die erst jetzt uns zu dämmern beginnen.

§ 14. Die Tafel.

    Ich füge zur besseren Übersichtlichkeit unsere Gliederung nochmals in Form einer Tafel an:

D i e   W i s s e n s c h a f t e n   d e s   U n b e l e b t e n.

Allgemeine: die Wissenschaft der Kräfte; die Wissenschaft des Stoffes.

Besondere: die Wissenschaft des Weltalls; die Wissenschaft der Erdkugel.

D i e   W i s s e n s c h a f t e n   d e s   L e b e n s.

Die Wissenschaft von der Gestalt des Lebens.

Die Wissenschaft von den Verrichtungen des Lebens.
Die Wissenschaft von dem Leben des Lebens.

§ 15. Anmerkung.

    Die Rechenkunst (Mathematik) kann nicht zu den Wissenschaften der Natur gezählt werden; hier handelt es sich um eine Besinnung des Menschengeistes über eingeborene Gesetzmöglichkeiten, hier handelt es sich um die bewußte Handhabung eines unvergleichlichen Werkzeuges; an und für sich ist aber diese technische Kunst absolut leer; einzig in der Anwendung gewinnt sie Wert, und zwar so hohen Wert, daß Plato von ihr hat sagen können, nur mit ihrer Hilfe „gelange man in jedwedem Dinge zur Einsicht“ (Philebus 17). Für näheres verweise ich auf den Vortrag über Descartes in meinem Kantbuche.


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Die Wissenschaft der Kräfte

§ 16. Geschichtliches zur Einführung.

    Die Alten verstanden unter Physik ungefähr das, was wir heute „Allgemeine Naturgeschichte“ nennen; sie bildete den Gegensatz zu Metaphysik und Theologie. Namentlich die Himmelskunde pflegt an der damaligen Physik hervorragenden Anteil zu nehmen: die Erforschung der Natur richtete sich anfangs vornehmlich auf die entferntesten Gegenstände; erst sehr spät gelangte sie zu dem, was uns am nächsten berührt. Dieser Entwicklungsgang dünkt uns Heutigen merkwürdig: zur Erklärung dient wohl der großartige Eindruck, den der Sternenhimmel auf empfängliche Gemüter ausübt, sowie die scheinbare Einfachheit und Regelmäßigkeit in der Bewegung der Gestirne. So unterschieden denn die Alten innerhalb der Physik zwei Wissenschaften, eine von den „himmlischen und unvergänglichen Dingen“ und eine von den „Dingen unter dem wechselnden Mond“, und sie widmeten sich mit Vorliebe der ersteren. Man darf behaupten, die Physik trage bis heute den Stempel ihres astronomischen Ursprunges deutlich zur Schau; erleben wir's doch als das Allerneueste, daß die Bewegungen winzigster Teilchen nach der Analogie mit Sonnensystemen vorgestellt werden. Und was die Einbeziehung weiter Gebiete der Naturgeschichte zur Physik anbetrifft, so erinnere ich daran, daß ein so „moderner“ Naturforscher wie J. Clerk Maxwell ebenfalls die gesamte Sternenkunde und die Stoffkunde (Chemie) zum Bereiche der Physik mitzählt. (Matter and Motion, S. 95.)

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§ 17. Aristoteles.

    Auch in Bezug auf das richtungbestimmende Gedankengerüst und auf den Schatz an gestaltungsmächtigen Vorstellungen fußen wir noch heute auf den Leistungen der Griechen. Allgemein bekannt ist die Unterscheidung zwischen Form und Stoff durch Aristoteles; der Stoff ist ihm nur das Mögliche, die Form erst das Wirkliche: „Von den sinnlichen Dingen gibt es weder einen Begriff noch einen Beweis, die Form allein ist es, worauf sich das Wissen bezieht“. Aber wie verwirklicht die Form den Stoff? Durch die Bewegung. Die Bewegung ist der Mittler: „Die Bewegung ist diejenige Tätigkeit, wodurch das zum Dasein kommt, was vorher nur als Möglichkeit vorhanden war.... Fassen wir den Begriff der Bewegung allgemein, so ist sie überhaupt das Wirklichwerden des Möglichen, die Vollendung der Materie durch die Formbestimmung“. In diesem Sinne bestimmt Aristoteles die Bewegung als Inhalt der Physik, und das gilt noch heute, sobald man auf den Grund geht. Ein französischer Meister in diesem Fache, Verdet, schreibt: „Le vrai problème du physicien est toujours de ramener les phénomènes à celui qui nous paraît le plus simple et le plus clair, le mouvement“ (die wahre Aufgabe des Physikers besteht immer in der Zurückführung der Vorgänge auf denjenigen, der uns Menschen der einfachste und der klarste dünkt, und das ist die Bewegung). Insofern wäre es richtiger, die Physik „die Wissenschaft der Bewegungen“ zu nennen; denn was wir wahrnehmen, ist überall Bewegung, nur Bewegung, wogegen „Kraft“ ein Gedanke ist, und „Energie“ ein Denken über diesen Gedanken.

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§ 18. Die beiden Hauptmythen.

    Der Leser halte nicht solche Betrachtungen für überflüssige Metaphysik: alle Physiker sehen sich genötigt, sie anzustellen, wollen sie wissen, wovon sie reden. Der Experimentator mag ein noch so eingefleischter Empiriker sein, zwischen seinen Fingern entschwindet der Stoff zu einem nichts. So sagt z. B. Lucien Poincaré: „Der Stoff ist nichts weiter als das Tragvermögen (capacité) für die Äußerungen der Energie“, und Clerk Maxwell schreibt: „Alles, was wir über den Stoff wissen, bezieht sich auf die Phänomene, in denen Energie von einem Teilstück zu einem anderen übergeht“. So werden die Physiker unwillkürlich und notwendig, heute ebenso wie vor 2500 Jahren — zu Metaphysikern; und wie zu Metaphysikern, so werden sie auch zu Bildnern von mythischen Vorstellungen und treten ebenfalls hier die hellenische Erbschaft an: die zwei unentbehrlichsten, am meisten umstrittenen Vorstellungen — die   A t o m e   und der   Ä t h e r — haben wir bekanntlich von den Griechen überkommen: die eine dient zur letzten Zergliederung des Stoffes, die andere zur letzten Zergliederung der Kraft.

§ 19. Die Schwierigkeit dieser Wissenschaft.

    Für den Laien bleibt die Physik die abstruseste und daher unzugänglichste aller Wissenschaften, da sie überall nur mit Bewegungen zu tun hat, und selbst die ruhenden Phänomene — wie die der Farbe und des Magnetismus — erst in Bewegungen auflösen muß, ehe sie damit etwas anfangen kann; so richtet sich ihr ganzes Bestreben auf die Erfindung von Instrumenten zur Messung von Bewegungen aller Art; dieses Heer von Instrumenten bildet ihr Arbeitswerkzeug und bleibt dem Verständnis des Nichttechnikers verschlossen. Und nun müssen erst

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die gewonnenen Zahlen mathematisch bearbeitet werden, um ihren genauen Sinn zu ermitteln. Keine Möglichkeit für den Nichtmathematiker, dem Gedankengang des Physikers bei Aufstellung und Lösung eines Problemes zu folgen. Wir werden uns darauf beschränken müssen, einige Leitgedanken auszuschälen, und uns glücklich schätzen, wenn wir Deutlichkeit nicht auf Kosten der Genauigkeit gewinnen.

§ 20. Der leitende Grundsatz aller Wissenschaft der Kräfte.

    Fassen wir gleich den Grundgedanken aller neueren Physik ins Auge, dem die Bedeutung eines   G r u n d s a t z e s   zugesprochen wird, als handele es sich um eine sittliche Glaubenspflicht. Wir wollen das Wort beibehalten, aber anders auffassen, nämlich als Grundsatz, ohne welchen diese Wissenschaft auseinanderfällt, da er allein ihr Einheit verleiht.
    Ich darf wohl den Leser um einige Augenblicke erhöhter Aufmerksamkeit ersuchen.
    Die geringste Überlegung wird überzeugen, daß man zahlreiche Kräfte zu unterscheiden hat, und das heißt also, wie wir gesehen haben, zahlreiche verschiedene Arten von Bewegungen: die Kraft, welche die Erde an die Sonne bindet, ist doch etwas ganz anderes, als die fliegende Eile des Lichtes, und diese wiederum unterscheidet sich wesentlich von der Kraft des Armes, die den Stein schleudert; die Dampfkraft, die die Lokomotive treibt, scheint einer anderen Welt anzugehören, als die Luftschwingungen, die den Schall erzeugen, und diese beiden lassen sich schwer mit dem Blitzstrahl vereinen: und doch erweist sich die Vorstellung als unentbehrlich, daß in allen diesen tausendfältigen Wirkungen die proteusartigen Äußerungen einer einzigen Kraft sich kundtun.

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„Es gibt in Wahrheit nur eine einzige Kraft“, ruft Robert Mayer aus. Gewöhnlich redet man von dieser einheitlich vorgestellten und insofern abgezogenen (abstrakten) Kraft als „Energie“, und von der Einheit der Energie. Alle die verschiedenen Kräfte sind Erscheinungsformen der einen Energie.
    Diese Vorstellung von der Einheit der Energie kann man als die Grundannahme aller Physik bezeichnen. Und nun kommt zu dieser Grundannahme der „Grundsatz“, nämlich die Lehre von der „Erhaltung der Energie“. Diese Lehre — die den Mittelpunkt alles physikalischen Denkens ausmacht — besagt, daß die in der Welt vorhandene Summe der Energie eine ein für allemal gegebene unabänderliche Größe ausmacht, die weder Zunahme noch Abnahme erleidet, sondern ewig gleich bleibt, nur unter tausend wechselnden Gestalten sich hier und dort unseren Blicken zeitweilig entzieht. Die Physiker pflegen, wie gesagt, die mit nichts zu vergleichende Wichtigkeit dieser Lehre dadurch hervorzuheben, daß sie von dem   „G r u n d s a t z“   (dem Prinzip) von der Erhaltung der Energie reden; es läßt sich auch manches zugunsten dieses Wortes anführen: denn „Theorie“ würde irreführen, es handelt sich in diesem Falle um mehr und um weniger als Theorie, und „Hypothese“ besagt zu wenig: es handelt sich um einen Glaubenssatz, der zwar, streng genommen, ewig unbeweisbar bleibt, doch ohne welchen das ganze Gebäude der heutigen Physik zerfällt. Clerk Maxwell sagt von diesem Glaubenssatz: „er ist die eine einzige allgemeine Behauptung, welche sich überall den Tatsachen entsprechend erweist, nicht allein in einer einzigen physikalischen Wissenschaft, sondern in allen“ (l. c., S. 60). Dieser Ausspruch mag dem Leser eine Vorstellung von der Bedeutung des Grundsatzes von der Erhaltung der Energie geben.

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    Erst in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Grundsatz in seiner tiefen Bedeutung und mit voller Klarheit von dem deutschen Arzt Robert Mayer aufgestellt, und bald folgte Helmholtz, und wies in seiner berühmt gebliebenen Abhandlung „Über die Erhaltung der Kraft“ (1847) die Unentbehrlichkeit dieser gestaltenden Idee nach — eine echte Gedankengestalt ¹).

§ 21. Robert Mayer und Descartes.

    Schon lange, ehe Mayer auftrat, schwebte diese Gedankengestalt dem Bewußtsein bedeutender Forscher, mehr oder minder greifbar, vor. Der erste, der ihr faßlichen Ausdruck verlieh, war der große, allgemein verkannte Descartes. Er sagt, man müsse voraussetzen, daß Gott, indem er die Welt schuf, sie mit einer gewissen Menge von Bewegungsfähigkeit ausstattete, und dafür sorgt, daß diese Menge sich ewig gleich bleibe; und an anderer Stelle spricht er sich noch unmißverständlicher aus, indem er von den Körpern sagt: „il est impossible que leurs mouvements cessent jamais, ni même qu'ils changent autrement que de sujet; c'est à dire que la vertu ou la puissance de se mouvoir soi-même, qui se rencontre dans un corps, peut bien passer tout ou en partie dans un autre, et ainsi n'être plus dans le premier, mais qu'elle ne peut pas n'être plus du tout dans la monde“ (Le Monde, ou Traité de la Lumière, Kap. 3 und 7: es ist unmöglich, daß die Bewegungen in den Körpern jemals aufhören,
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    ¹) Freilich behandelt Helmholtzens Aufsatz fast ausschließlich die mathematische Seite des Gegenstandes. Erst im Jahre 1854 in seinen Vorträgen „Über die Wechselwirkung der Naturkräfte und die darauf bezüglichen neuesten Ermittelungen der Physik“ faßte er das Problem, wie R. Mayer es getan hatte, von der anschaulichen Seite an; desgleichen tat er in seinem Zyklus von Vorträgen, gehalten in den Jahren 1862/63 „Über die Erhaltung der Kraft“.

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noch daß sie einen anderen Wechsel aufweisen, als in Bezug auf den bewegten Körper; mit anderen Worten, die Eigenschaft oder die Fähigkeit sich zu bewegen, die man in einem Körper vorfindet, kann wohl im ganzen oder zum Teil sich auf einen anderen Körper übertragen und somit nicht mehr im ersten Körper vorhanden sein, aber die Bewegung kann nicht aus der Welt entschwunden sein). Hiermit war der Kern des Gedankens vollkommen deutlich — wenn auch noch nicht ganz richtig — ausgesprochen.
    Denn was liegt dem Gedanken zugrunde? Die Antwort kann erst auf einem Umwege erfolgen.

§ 22. Nichts entsteht aus dem Nichts, Nichts vergeht in das Nichts.

    Zwei Überzeugungen müssen im Menschengeiste unerschütterlich feststehen, soll die Möglichkeit einer exakten Wissenschaft der Natur gegeben sein; sie ergänzen sich gegenseitig: die eine erklärt, „nichts entsteht aus dem Nichts“ (nil fieri ex nihilo), die andere: „nichts vergeht in das Nichts“ (nil fieri ad nihilum). Beide Überzeugungen sind durchaus nicht selbstverständlich; der naive Mensch hegt sie nicht, vielmehr nimmt er ohne weiteres an, daß hochorganisierte Wesen, wie Fliegen und Insekten, ja auch Mäuse und Ratten in Schutt und Unrat von selbst entstehen, und muß umso eher bereit sein, zuzugeben, unbelebter Stoff könne sich bei Gelegenheit aus dem Nichts entwickeln. Der Besitz der fraglosen Überzeugung „nichts entsteht aus dem Nichts“ bedeutet einen gewichtigen Schritt auf dem Wege zu jener Kultur des Geistes, welche Wissenschaft erst möglich macht. Immerhin wird diese erste Überzeugung weit früher zum Gemeingut gebildeter Menschen, als die zweite, wenigstens in ihrer strengeren Fassung, wo sie sich nicht bloß auf die Materie

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bezieht, sondern auch die Kräfte umfaßt. Vor einem materiellen Gegenstand, ja! da geben wir nach geringer Überlegung zu, daß auch die vollkommenste Zerstörung ihn nicht aus der Welt schaffe, sondern ihn höchstens zu Staub zermalme; doch der Zumutung, ein gleiches bei den Kräften anzunehmen, setzt der Geist einen entschiedenen Widerstand entgegen. Sehen wir auch die Gestirne ihren ewigen Kreislauf vollziehen, so beobachten wir um uns herum hunderte von Bewegungen, welche aufhören, und somit scheinbar entschwinden, ohne eine Spur von ihrem Dasein zu hinterlassen. Hier handelt es sich um die Gewinnung neuer schöpferischer Einsichten: erstens gibt es sehr viele Bewegungsarten — ich nenne Licht, Schall, Wärme, Elektrizität — welche dem menschlichen Auge nicht unmittelbar als Bewegungen wahrnehmbar sind — mit anderen Worten: unsichtbare Bewegungen; zweitens bedarf der Satz Descartes' einer Berichtigung und einer Ergänzung; die Verhältnisse liegen verwickelter, als der Philosoph voraussetzte.

§ 23. Die Spannkraft.

    Es stimmt nicht die Behauptung von der stets gleichen Summe der Bewegung im Weltall, und es fehlt die Erkenntnis, daß Bewegung gleichsam aufgehalten, aufgespart, verborgen gehalten werden kann, woraus der Begriff der „latenten (d. h. einer schlummernden) Kraft“ oder Spannkraft entsteht: erst aus der Unterscheidung der zwei Gattungen von Kräften — der lebendigen und der schlummernden — erwächst die Möglichkeit, die Energie als eine unwandelbare Einheit aufzufassen.
    Wir müssen noch einen Augenblick bei den schlummernden Kräften verweilen, um sicher zu sein, daß unsere Vorstellungen sich auf Wirklichkeit beziehen.
    Auch dem Laien ist der Begriff einer   S p a n n k r a f t

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vertraut — ich brauche nur an die aufgezogene Feder einer Taschenuhr zu erinnern —; dieser Begriff bedarf allein der gehörigen Erweiterung, wie sie physikalisches Erfahren und Denken verleiht, um alle schlummernden Kräfte zu umspannen. Hebe ich z. B. einen 10 kg wiegenden Stein vom Boden auf und trage ihn aufs Dach, wo ich ihn hinlege, so erfolgt zunächst aus dieser Arbeitsleistung keine weitere Bewegung, doch habe ich den Stein in eine neue Lage gebracht, dank welcher sein Sturz eine bedeutende Wirkung ausüben muß, und zwar eine Wirkung, die, wie jeder Versuch beweist, der aufgewendeten Arbeit genau entspricht: wir dürfen sagen, ich habe den Stein mit Spannkraft begabt. Um ein von diesen zwei Beispielen fernliegendes anzuführen: was man unter chemischer Verwandtschaft zwischen den Stoffen versteht, kann als Spannkraft aufgefaßt werden, welche durch Nähe und andere begünstigende Bedingungen plötzlich zu heftigen Bewegungen der lebendigen Kräfte führt. Hat man z. B. in ein Gefäß zwei Raumteile Wasserstoff und einen Raumteil Sauerstoff eingeführt, so bleiben diese beiden Gase ohne jede Wirkung aufeinander; nähert man jedoch eine Flamme dem Gemisch, oder läßt einen elektrischen Funken durchschlagen, so findet eine kräftige Explosion statt, indem sich die beiden Elemente zu Wasser verschmelzen: so wird die Spannkraft zu bewegender Kraft entbunden. Das großartigste Beispiel von aufgespeicherter Spannkraft ist die Anhäufung von Energie des Sonnenlichtes in den Pflanzenkörpern unter der Gestalt von Stärke, Zucker und anderen Körpern, welche dann — den Tieren als Nahrung zugeführt — umgewandelt wird in Wärme und Muskelkraft.
    Versteht man das Wort „Spannkraft“ in diesem allumfassenden Sinne, so lautet der Grundsatz von der Erhaltung der Energie: es ist stets die Summe der vorhandenen

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bewegenden Kräfte und Spannkräfte konstant. (Helmholtz.) In dieser Weise muß Descartes ergänzend berichtigt werden: nicht die Summe der   B e w e g u n g   bleibt sich im Weltall ewig gleich, sondern man muß die Summe der schlummernden Kräfte oder Spannkräfte hinzurechnen und diese zwei Summen zusammengenommen bilden trotz aller Verschiebungen, die immerfort zwischen bewegenden Kräften und Spannkräften stattfinden, eine unveränderliche (konstante) Größe.
    Ehe wir diesen ersten Grundsatz verlassen, will ich den Leser auf noch eine Auffassung des so wichtigen Begriffes der schlummernden Kräfte oder Spannkräfte aufmerksam machen, weil sie für die besondere Art des Physikers, die Welt anzuschauen, lehrreich ist.

§ 24. Die Kraft der Lage.

    Was vermehrte die Fallkraft des Steines in unserem vorhin gebrachten Beispiel, und gestattete uns, von einer entstandenen, beziehungsweise vermehrten Spannkraft zu reden? Eine Änderung in der Lage des Steins — eine Änderung, wodurch die Entfernung des Steins vom Erdboden — genauer gesprochen, die Entfernung vom Mittelpunkt der Erde — vermehrt worden war. Ebenso können auch die Spannkräfte der chemischen Verwandtschaft erst wirksam werden, wenn die betreffenden Stoffe nahe aneinander gelagert worden sind. Das gleiche gilt von dem Blitz, der erst entsteht, wenn zwei entgegengesetzt geladene Wolken übereinander geraten. Immer wird man finden, daß die Lage Beziehungen zur Spannkraft aufweist, weswegen die Physiker bisweilen zwischen Energie der Bewegung und   E n e r g i e   d e r   L a g e   unterscheiden — eine Unterscheidung, welche ich dem Nachsinnen empfehle, weil Gedanken dadurch Anschaulichkeit gewinnen. Das Bild des Weltalls wird viel lebhafter, wenn man sich

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an die Vorstellung gewöhnt, daß jede Bewegung — von derjenigen der Gestirne an bis zu derjenigen, die in den Atomen eines Milligrammes Radium vor sich gehen — zugleich eine Verschiebung der Gleichgewichtsverhältnisse bedingt, und Kraft sowohl aufspeichert, als freiläßt; es gewöhnt diese Betrachtungsweise auf   G e s t a l t — im weitesten Sinne dieses Wortes — zu achten, und richtet die Aufmerksamkeit auf die meist verborgenen Quellen der Kraft.

§ 25. Die Grundmythe aller Wissenschaft der Kräfte (Der Äther).

    Nachdem wir so den Grundsatz, der allem Denken in der Wissenschaft der Kräfte zugrunde liegt, kennengelernt haben, wenden wir uns jetzt zu der kurzen Betrachtung einer mythischen Vorstellung, welche sich als ebenso unentbehrlich für diese Wissenschaft erwiesen hat: die Vorstellung eines Äthers. Ich nenne diese Vorstellung eine Mythe, weil — wie unentbehrlich sie auch sei — sie etwas betrifft, dem keine Sinnfälligkeit zukommt, etwas also, was lediglich ein Erzeugnis der menschlichen Phantasie darstellt. Der Äther ist kein bloßer Gedanke, vielmehr eine echte Gedanken g e s t a l t;   er wird namentlich von der Vorstellungskraft gefordert, und dennoch enthält er soviel Widerspruchsvolles, daß Denken und Anschauen nie ins Reine, nie zur Ruhe kommen können: so hat man z. B. berechnet, daß der Äther fünfzehntrillionenmal leichter als die atmosphärische Luft sein muß, zugleich aber läßt es sich nachweisen, daß er zweitausendmillionenmal dichter als Blei ist. (J. J. Thomsen in „Nature“, 26. 8. 1909); und während die einen von einer Materie reden (z. B. Kant und Clerk Maxwell), erinnert uns der Sonderforscher des Äthers, Paul Lenard: „der Äther ist nicht Materie“ und „der unbewegte Uräther hat nichts mit der Materie zu tun“ (Äther und Uräther, S. 8, 17) und sein

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englischer Kollege, Oliver Lodge, bestätigt: „Ether is not Matter“, „it is not material nor mechanical“ (The Ether of Space, S. 108, 27. — Der Äther ist nicht Materie, er ist weder stofflich noch mechanisch aufzufassen).

§ 26. Descartes und der Äther.

    Vielleicht gelangt der Laie am schnellsten zu einer lebhaften und richtigen Vorstellung des Äthers, wenn er den Ursprung dieser Gedankengestalt erfährt. Descartes ist ihr Schöpfer, und er brauchte sie ausschließlich aber unabweisbar für seine Erklärung von dem Wesen des Lichtes als einer Bewegung, nicht eines Stoffes. Es lohnt sich, bei den Ideen dieses großen Denkers und Erschauers einen Augenblick zu verweilen.
    Uns Heutigen ist die Vorstellung, daß Licht durch eine Bewegung verursacht wird, derartig von Jugend an vertraut, daß es uns eine gewisse Anstrengung kostet zu begreifen, welche Kraft des Genies dazu gehörte, diesen Gedanken zu fassen. Descartes besaß diese Kraft, Newton nicht, der bekanntlich hundert Jahre, nachdem Descartes die richtige Bahn geöffnet hatte, den Gang der Wissenschaft durch seine „Emissionstheorie“ aufhielt, eine Theorie, nach der das Licht durch hervorgeschleuderte runde Körperchen verursacht sein sollte. — Hingegen hatte Descartes geschrieben: „La Lumière n'est autre chose qu'un certain mouvement ou une action fort prompte et fort vive ... il n'est pas besoin de supposer, qu'il passe quelquechose de matérial depuis les objets jusqu'à nos yeux pour nous faire voir les couleurs et la lumière, ni même qu'il y ait rien en ces objets qui soit semblable aux idées ou aux sentiments que nous en avons“ (das Licht ist nichts anderes, als eine gewisse Bewegung oder eine sehr schnelle und lebhafte Handlung ... es ist nicht notwendig vorauszusetzen, daß irgend etwas Stoffliches von den Ge-

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genständen an unsere Augen gelange, damit wir die Farben und das Licht erblicken, noch auch, daß irgend etwas an diesen Gegenständen Ähnlichkeit besitze mit den Vorstellungen, die wir uns davon machen, oder mit den Gefühlen, welche uns dabei einnehmen. — La Dioptrique, Discours premier). — Nun aber ist es der Bewegung unmöglich, sich durch einen leeren Raum fortzupflanzen — so wenigstens empfand Descartes, wie nach ihm Faraday, Helmholtz und Heinrich Hertz es auch empfanden —; darum stellte er sich den Weltenraum als angefüllt mit „quelque matière fort subtile et fort fluide, qui s'étende sans interruption depuis les astres jusqu'à nous“ (mit irgendeinem äußerst zarten und flüssigen Stoff, der sich ohne Unterbrechung von den Sternen bis zur Erde ausdehnt. — ibidem) vor. Auf diese Weise erkennt man, „daß alle Himmelskörper sich untereinander berühren, ohne daß es irgendwo einen leeren Raum gebe“. „Die Sterne können unmöglich irgendeine Bewegung in unseren Augen erregen, wenn sie nicht in irgendeiner Weise den ganzen Stoff, der zwischen ihnen und uns liegt, ebenfalls in Bewegung setzen“ (Principia, IV. Teil, § 206). Und noch eine Ausführung, diesmal aus einem Briefe, damit dem Leser an diesem Gedanken nichts undeutlich bleibe: „Toute impulsion de la matière subtile qui est parvenue à un certain degré de vitesse cause le sentiment de la lumière mais ... je nie qu'un mouvement plus lent et ordinaire de cette matière puisse causer de la lumière“ (jeder Vorstoß des zarten Stoffes, der eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hat, verursacht die Empfindung des Lichtes ... aber ich leugne, daß eine langsamere und gewöhnliche Bewegung dieses Stoffes die Fähigkeit besitze, Licht zu erzeugen. — Brief vom 27. November 1637). In allen mir bekannten Büchern wird Descartes ein Vorwurf daraus gemacht, daß er gelehrt habe, das Licht brauche gar keine

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Zeit zu seiner Ausbreitung, ein Irrtum, der daher stammt, daß sämtliche Bücher die eine einzige Stelle voneinander abschreiben, in welcher Descartes — um seine neue und so überraschende Entdeckung begreiflich zu machen — das Bild eines Stockes gebraucht, der im selben Augenblick, wo die hand den Griff bewegt, auch mit dem Ende anstößt, was er mit dem Wort „instantané“ ausdrückt. Dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde können wir auf dieser sublunaren Welt — wenn wir nicht Pedanten sind — füglich „instantané“ nennen. Wie es Descartes in Wirklichkeit meint, zeigt jede der oben angeführten Stellen: „das Licht ist nichts anderes, als eine   s e h r   s c h n e l l e   u n d  l e b h a f t e   B e w e g u n g“   und „jeder Vorstoß,   d e r   e i n e   g e w i s s e   G e s c h w i n d i g k e i t  e r r e i c h t   h a t,   verursacht die Empfindung des Lichtes“.
    Wir haben also nach Descartes uns einen äußerst feinen Stoff vorzustellen, der den ganzen Weltenraum lükenlos ausfüllt, und dessen Hauptamt es ist, die Bewegung, die wir Licht nennen, zu vermitteln; weswegen lange Zeiten hindurch, ja, fast bis in die Gegenwart hinein, man häufig dem Ausdruck „Lichtäther“ (l'éther lumineux) begegnet. Auf welche Weise diese Vermittlung durch den Äther zu denken ist, wird nicht näher ausgeführt, doch macht die Parabel des Stockes an die Wellenbewegung denken; höchst auffallend ist die Tatsache, daß eine bestimmte Geschwindigkeit erfordert wird im Erzittern des Äthers, damit wir das Licht empfinden. Auch verdient es Beachtung, wenn Descartes „zwei verschiedene Gestalten der Materie (den Stoff und den Äther) unterscheidet“, und sie „die zwei ersten Elemente der sichtbaren Welt“ nennt. (Principia, III. Teil, § 52.) Es erweisen sich alle Hauptgedanken der heutigen Vorstellung über den Äther als in dem Hirn des wunderbaren Mannes vorgebildet.

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§ 27. Neuere Anschauungen.

    Die einfachste Begriffsbestimmung, die ich von einem modernen Naturforscher kenne, gibt Clerk Maxwell — einer der bedeutendsten Männer des 19. Jahrhunderts — in der „Encyclopaedia Britannica“: „Der Ether oder der Äther (wahrscheinlich von aitho = ich brenne) ist eine materielle Substanz von feinerer Art, als die sichtbaren Körper, — eine Substanz, welche man voraussetzt in jenen Teilen des Raumes, die scheinbar leer sind“. Ein deutscher Physiker gibt die willkommene Ergänzung: „Der Äther stellt die Verbindung zwischen den Erscheinungen her, ohne welche Physik und Chemie in eine endlose Reihe von Elementen zerfallen würden“ (Hermann Fricke: Was ist Elektrizität?). Das ist aber sehr elementar gesprochen, und läßt nicht ahnen, welchen ungeheuer verwickelten Verhältnissen der Äther genügen muß, damit er seinen Zweck erfülle. Kant hat in den letzten Jahren seines Lebens viel über diese Frage nachgedacht. Er kommt zu dem Schlusse, der Äther müsse „imponderable“, „incoërcible“, „incohäsible“ und „inexausible“ sein, was er folgendermaßen erläutert: „Es muß eine Materie sein, durch welche die praktische Wägbarkeit möglich ist, ohne für sich ein Gewicht zu haben, — die Sperrbarkeit ohne äußerlich coërcible (zusammendrückbar) zu sein, — die Cohäsion (Zusammengehörigkeit), ohne innerlich zusammenzuhängen, — endlich die Erfüllung aller Räume der Körper ohne Erschöpfung oder Verminderung dieses alldurchdringenden Stoffes“. (Vom Übergang von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik, Altpreußische Monatsschrift 1882. S. 122 fg.)
      Mit diesen klaren Erkenntnissen eilte Kant seiner Zeit um ein halbes Jahrhundert voraus. Inzwischen hatte der Äther an Inhalt gewaltig zugenommen, indem er als der

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Sitz der unabsehbar reichen Welt der Elektrizität erkannt wurde, und indem das Reich der Elektrizität immer allumfassender wurde. Es entstand hierdurch eine ganz neue Physik: die Physik des Äthers oder der Elektrizität, oder der Strahlungsenergie, die ein Gegenstück bildet zu der Physik der mechanisch bewegten Materie; denn — ich wiederhole es — der Äther ist wohl eine „Substanz“ im philosophischen Sinne des Wortes, nicht aber „Materie“; der Äther ist absolut ungreifbar und unbeweglich. Und wir haben so fabelhafte Fortschritte in Bezug auf die Elektrizität gemacht, seit Faraday's Genius den Weg uns aufdeckte, daß ein heutiger Forscher die Behauptung aufstellen kann: „die elektrischen und magnetischen Zustände des Äthers sind uns genauer bekannt, als die Gesetze der Materie“ (G. Mie: „Der Weltäther“ in Handwb. der Natur). Den Elektromagnetismus kann man nach heutigen Vorstellungen die Seele des Äthers nennen; der Trägheit der Materie entspricht der Magnetismus, ihrer Elastizität entspricht die eigentliche Elektrizität. Licht ist eine Teilerscheinung des Elektromagnetismus, oder, um den umfassenden Ausdruck zu gebrauchen, der Strahlungsenergie; Goethes Ahnungen haben sich bewahrheitet, indem wir dem von ihm empfohlenen „herrlichen elektrochemischen geistigen Leitfaden“ gefolgt sind (Brief an Döbereiner, 26. Dezember 1812).

§ 28. Das Licht.

    Da Licht für uns Menschen eine der allerentscheidendsten Lebensbeziehungen darstellt, wollen wir wenige Worte ihm widmen, nur genügend, um einige Grundbegriffe über dessen Verhältnis zum Äther hervorzuheben.
    Licht wird, wie alle anderen elektromagnetischen Phänomene durch Zustandsänderungen im Äther bewirkt. Sämtliche Zustandsänderungen verbreiten sich im unbe-

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wegt bleibenden Äther mit der Geschwindigkeit von 300 000 Kilometer in der Sekunde — also, irdisch gesprochen, augenblicklich (Descartes' „instantané“) — aber es ist wichtig, klar vor dem geistigen Auge zu halten, daß es sich hierbei nicht um die Bewegung eines vorüberfliegenden Körpers handelt, sondern vielmehr um die Ausbreitung von Etwas, was wir uns nach der Analogie eines Erzitterns des Äthers vorzustellen haben. Auch das Bild der Lichtwellen muß — was äußerst selten geschieht — richtig gefaßt werden, nämlich als ein bloßes Bild, eine Allegorie. Welcher Art die sogenannten Wellen im Äther sind, davon vermag sich der Mensch nicht den entferntesten Begriff zu machen. Unter „Wellen“ haben wir uns „irgendeine Störung im Äther zu denken, die periodisch, sowohl in Bezug auf den Raum, wie auf die Zeit, wiederkehrt“ (Oliver Lodge, ibidem, S. 3). Beileibe sollen wir uns nicht etwas Materielles noch Mechanisches darunter denken, sondern nur Elektrisches und Magnetisches. Der Leser weiß übrigens, daß die Meereswellen auch keine Vorwärtsbewegung ausführen, sondern, daß jeder Tropfen Wasser nur in die Höhe gehoben und in die Tiefe gesenkt wird; gerade dieser Umstand macht das Bild der Welle so passend für die Bewegung, aus der das Licht entsteht, und die eigentlich nicht Bewegung, sondern Zustandsänderung ist (Lorentz). Wenn die betreffenden Zustandsänderungen im Äther sich dreibillionen- bis siebenbillionenmal in der Sekunde wiederholen, haben wir die Empfindung des Lichtes, doch ist es der Wissenschaft gelungen, diese „Wellen“ nach oben, sowie nach unten weithin zu verfolgen: so gehören z. B. die sogenannten Röntgenstrahlen zu den beschleunigteren und dementsprechend kürzeren „Wellen“, und die Strahlungen, die wir zur drahtlosen Telegraphie gebrauchen, zu den weniger häufigen und dafür unvergleichlich längeren.

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    Noch manches andere Amt fällt dem Äther zu: so z. B. ist nach vielen Physikern die Trägheit des Stoffes das Ergebnis eines Druckzustandes im Äther, die den starken Expansionskräften entgegenwirkt, welche dem Inneren der Atome eigen ist. Auch die Gravitation glaubt man, noch unbekannten Wirkungen des Äthers zuschreiben zu sollen. Ja, die Mythe zieht noch weitere Kreise. Lord Kelvin hat die Wirbel von Descartes wieder modernisiert zu Ehren gebracht, und läßt die Atome, aus denen die Materie aufgebaut ist, aus solchen Wirbelbewegungen im Äther bestehen. Heute, wo man so viel mehr über den Aufbau der Atome erfahren hat, denkt man sich die Sache etwas anders, und Lenard faßt den kleinsten, beweglichsten Bestandteil des Atoms, nämlich das Elektron, als „das Ende einer magnetoelektrischen Kraftlinie“ des Äthers auf. Nach dieser Ansicht besteht also die ganze Materie — die Gesamtheit dessen, was wir als Stoff wahrnehmen — letzten Endes aus Äther; ja! wir alle, wir Menschen, wir sind dem Leibe nach nur Äther!
    Man sieht, wir stehen hier ganz im Bereiche der Mythenbildung.

§ 29. Der leitende Grundgedanke aller Wissenschaft der Kräfte (das Atom).

    Wiederum begegnen wir hier einer aus dem Altertum auf uns herabgeerbten Vorstellung, einer Vorstellung, die wahrscheinlich die Hellenen auf Umwegen von den Indern überkommen hatten. Vom ersten Augenblick an schillert dieser Begriff in zwei verschiedenen Farben: denn einerseits zeichnet ihn ein hoher Grad von Anschaulichkeit aus, während er auf der anderen Seite zu undenkbaren Gedanken führt. Mit Wonne greift der Geist nach der Vorstellung von letzten, kleinsten, unteilbaren Teilchen (Atomen), aus denen alles Stoffliche aufgebaut wäre; diese Vorstel-

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lung gewährt ihm Beruhigung, scheint sie doch so einleuchtend, so „naturgemäß“; andrerseits gerät das Denken in unauflösbare Widersprüche, soll es sich ein noch so kleines Körperchen als nicht weiter teilbar vorstellen, und hat sich in der Tat bis heute damit geholfen, daß es die „unteilbaren“ Atome in immer zahlreichere Bestandteile zerlegt hat, bis die letzte Entwicklung der Gegenwart von uns fordert, jedes Atom nach dem Bilde eines Sonnensystemes zu denken.
    Der Inder Kanâda hatte gelehrt: „die Welt entsteht aus Atomen, Paramânu (das höchste Kleine) genannt, die sich nach dem Willen eines höheren Wesens miteinander vereinigten“ (L. v. Schroeder, Indiens Literatur und Kultur, S. 588). Diese indischen Atome unterscheiden sich von den griechischen dadurch, daß sie von Hause aus — obwohl an Größe und Gestalt sich gleich — Träger bestimmter Eigenschaften sind; so unterscheiden sich z. B. die Atome der Erde von denen des Wassers, und diese beiden von denen der Luft und des Feuers. Jedes dieser Elemente ist als Anhäufung vergänglich, aber als Atom ewig. Das Manas — d. i. der zwischen den Dingen und der Seele vermittelnde Intellekt — ist ebenfalls atomklein, und, wie die Atome, ewig. (P. Deussen, Gesch. der Philosophie, I, 2, S. 349 fg.) — Demokrit lehrt im Gegensatz zu den Indern, die Atome seien alle, ihrem Wesen nach, gleicher Art, sie wiesen aber an Gestalt und Größe unendliche Mannigfaltigkeit auf; die verschiedenen Eigenschaften der Körper seien bedingt, die primären (Schwere, Härte) durch die verhältnismäßige Menge an leeren Räumen zwischen den Atomen, und die sekundären (Wärme, Kälte, Geschmack, Farbe) durch die Gestalt der Atome, sowie durch ihre Größe und durch die Ordnung, in der sie sich befinden. Die Unteilbarkeit der Atome hängt davon ab, daß sie keinen leeren Raum enthalten; denn nur die Anwesenheit

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leerer Räume mache die Dinge zerlegbar; somit ist an und für sich keine Grenze der möglichen Größe eines Atoms gezogen; doch kommen, soweit wir wissen, nur kleine Atome vor. Diese also beschaffenen Atome fallen „nach unten“ durch den unbegrenzten leeren Raum, und geraten infolge von Stoß und Gegenstoß in eine Wirbelbewegung, wodurch dann durch Agglomeration (Bildung von Haufen) die Gestirne nach und nach entstehen. Schon Aristoteles macht auf die Naivetät der Vorstellung, daß es in einem leeren Raum ein Unten und ein Oben gebe, aufmerksam, und bemerkt richtig, die Atome würden alle in einem leeren Raum still liegen bleiben; doch kamen alle solche Einwürfe nicht zur Geltung gegenüber der starken Werbekraft einer so anschaulichen Vorstellung, und es dauerte nicht lange, da verfaßte kurz vor Christi Geburt der römische Dichter Lucretius sein weltberühmtes Gedicht „De natura rerum“ — und die Atomlehre ward die populärste Weltanschauung im römischen Reiche.

§ 30. Robert Boyle.

    Ein englischer Forscher, Robert Boyle, war es, der im 17. Jahrhundert den Anstoß gab zu der Wiedereinführung der Vorstellung der Atome in die Wissenschaft. Das geschah, indem er — vertieft in die Entwicklung der neueren Chemie — die alte Vorstellung der Elemente in ganz anderer, fruchtbarer Gestalt von neuem ins Leben rief — nämlich als Bezeichnung für jeden nicht weiter zerlegbaren Stoff. Aus Boyles Elementen wurden mit der Zeit die Atome neugeboren. Er unterschied zwischen Gemengen und Verbindungen; erstere galten ihm lediglich als mechanische Mischungen, letztere — die Verbindungen — als die Bildung neuer Körper durch Vereinigung kleinster Teilchen miteinander, unter gleichzeitigem Abstoßen eines anderen Elementes.

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§ 31. John Daltons drei Grundgesetze.

    Man darf sich wundern — so deutlich liegen die Atome in Boyles System vorgeahnt — daß es mehr als ein Jahrhundert dauerte, bis ein zweiter Engländer, beschlagen in den Lehren der alten Atomiker, mit einer ausführlichen, durchdachten Atomlehre auftrat: John Dalton (1766—1841). Durch Dalton erhielten die Atome sozusagen handgreifliches Dasein.
    Dalton war Sonderforscher — nicht auf dem Gebiete der Wissenschaft der Kräfte, sondern auf dem Gebiete der Wissenschaft des Stoffes (Chemie); ein Umstand, der, wie man sehen wird, alle Beachtung verdient. Gestützt auf seine vorgefaßten Überzeugungen, ging er an eine Reihe von Versuchen, die zur Entdeckung dreier Grundgesetze bei allen chemischen Verbindungen führten, — Grundgesetze, die als glänzende Bestätigungen ihm erscheinen mußten, indem die Annahme von Atomen sie erläuternd erklärt und als naturnotwendig erscheinen läßt. Ich will versuchen, diese Naturgesetze meinem unvorbereiteten Laienleser soweit verständlich zu machen, daß er sich etwas dabei vorstellt. Er fand also, daß in jedem neuentstandenen Stoff gewisse Gewichtsverhältnisse zwischen den Bestandteilen unveränderlich waren, daß, wenn z. B. man die Verbindung von Chlor und Wasserstoff auflöst und in die Verbindung von Chlor und Natron (Tafelsaltz) überführt, die Menge Natron zu der Menge Chlor ein bestimmtes Verhältnis stets aufweisen wird, gleichviel, welche Mengen man von den beiden zu verbindenden Bestandteilen hinzugetan haben mag. Man pflegt dieses Gesetz in die Formel zusammenzufassen: „In jeder chemischen Verbindung sind die Gewichtsverhältnisse der in ihr enthaltenen Bestandteile unabänderlich dieselben.“ Ein jeder wird verstehen, welche Aufklärung diese eigen-

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artige, unerwartete Tatsache durch die Annahme erfährt, jedes Element bestehe aus kleinsten unteilbaren Teilchen, die untereinander ganz gleich sind, aber von Element zu Element verschieden, ein jedes Elementaratom mit seinem ihm nur eigenen Gewicht: da bei der neuen Verbindung je ein Atom von dem einen Element ein Atom von dem an deren Element an sich bindet, sind die Gewichtsverhältnisse im voraus bestimmt. Das zweite Gesetz scheint im ersten Augenblick dem ersten zu widersprechen, dient ihm aber in Wirklichkeit zur glänzenden Bestätigung. Es gibt nämlich Fälle, in denen ein Element je nach den Bedingungen, mehr oder weniger von einem anderen Element an sich bindet. Nun findet sich aber, daß dieses „mehr oder weniger“ immer eine Bewegung in ganzen Zahlen bedeutet, mit Ausschluß von Bruchteilen, was offenbar wiederum zugunsten der Atomentheorie spricht. So kennt man z. B. fünf Verbindungen zwischen Sauerstoff und Stickstoff; in allen fünf liefert der Stickstoff genau 14 Teile, der Sauerstoff liefert
in der ersten Verbindung 8 Teile = 1 x 8
„   „ zweiten 16 = 2 x 8
„   „ dritten 24 = 3 x 8
„   „ vierten 32 = 4 x 8
„   „ fünften 40 = 5 x 8
(Richter, Lehrbuch der Anorganischen Chemie, 6. Aufl., S. 66). Und so ebenfalls bei allen den hunderttausenden von chemischen Verbindungen: hat man erst eine Verhältniszahl für das Atomgewicht eines Elementes, so begegnet man dieser Zahl überall. Damit sind wir schon in das Bereich des dritten Gesetzes gelangt, welches besagt, daß eine und dieselbe Gewichtsverhältniszahl für alle Verbindungen mit den verschiedensten Elementen Geltung besitzt, so z. B. setze ich voraus, das Atomgewicht des Sauerstoffes betrage 8, so stimmt das überall, ob es die

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Verbindung mit dem Element Stickstoff, wie in dem eben angeführten Beispiel betrifft, oder mit dem leichtesten Element, Wasserstoff, zur Bildung von Wasser, oder wiederum mit den Schwermetallen, Eisen oder Blei, oder sonst einem beliebigen Körper. Und Stickstoff, den wir oben in allen fünf Verbindungen mit Sauerstoff die Verhältniszahl 14 bewahren sahen, tritt ebenfalls in seine zahlreichen anderen Verbindungen mit der Zahl 14 oder mit einem Mehrfachen von 14 ein.

§ 32. Das Atom der Chemiker und das Atom der Physiker.

    Damit hielt die Atomtheorie endgültig ihren siegreichen Einzug in die Wissenschaft des Stoffes (Chemie) und bildet seitdem die wichtigste Grundannahme dieser Wissenschaft. Namentlich die genaue Bestimmung der Atomgewichte der verschiedenen Elemente hat einem Heer von Fachleuten Arbeit verschafft, und hat zur Entdeckung des sogenannten „periodischen Systems“ der Elemente geführt. Hingegen hatte längere Zeit hindurch die Wissenschaft der Kräfte (Physik) keine Gelegenheit, sich mit der Frage nach den Atomen zu befassen. Das wurde auf einmal anders mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen und der Radiumstrahlen vor 25 Jahren; seitdem haben die Physiker die Atomenfrage ganz an sich gerissen, und man kann fast von zweierlei Atomen heute sprechen: dem Atom der Chemiker und dem Atom der Physiker.
    Wiederum war es ein Engländer, der diese neue Epoche einführte, der verehrungswürdige William Crookes, den man leicht geneigt ist, über die glanzvolleren Namen seiner Vorgänger und seiner Nachfolger zu vergessen. Gehört er auch nicht zu den größten Forschern, so besaß er doch einen offenen, kindlich reinen Blick, und ein merkwürdiger Instinkt war ihm für die Geheimnisse

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der Natur eigen; so wurde er noch als Greis Bahnbrecher durch seine Untersuchungen über elektrische Entladungen in Röhren, aus denen er es mit größtem Geschick verstand, fast die gesamte Luft auszupumpen. Die Crookeschen Röhren sind die Vorgänger aller heutigen Röntgen- und anderen dergleichen Röhren, und Crookes „strahlende Materie“ ist der unmittelbare Vater der vielen Strahlen, mit denen wir heute beglückt werden. Er redete von einem „vierten Aggregatzustand“ im Unterschied von den schon gekannten drei: dem festen, dem flüssigen und dem gasförmigen, und nannte diesen vierten eben „strahlende Materie“. Er wußte auch, daß es bei diesen Phänomenen um „die Genesis der Elemente“ ging.
    Es kann nicht in der Absicht dieses Buches liegen, irgendeine Gruppe von Phänomenen näher ins Auge zu fassen, vielmehr handelt es sich bei uns lediglich um eine allgemeine Richtungnahme des Geistes. Ich will jedoch im Vorübergehen eine weitverbreitete Verwirrung zu zerstreuen suchen.

§ 33. Die Röntgenstrahlen.

    Die Röntgenstrahlen sind keinem menschlichen Sinne wahrnehmbar; das blendende Licht, das in der Röntgenröhre so unangenehm ins Auge fällt, wird durch den Kathodenstrahl hervorgebracht, der die unwahrnehmbaren Röntgenstrahlen erst zum Dasein weckt. Die Röntgenstrahlen haben so kurze Wellen (nämlich von einhundertstel bis zu einem zehntausendstel Mikromillimeter, und ein Mikromillimeter ist ein tausendstel Millimeter), daß kein Auge sie aufzunehmen vermag, und sie nur an ihren Taten gemerkt werden. Es sind aber echte Strahlen, analog dem Licht, bis auf die Sichtbarkeit und bis auf gewisse Unterschiede, die sich aus der Atomkleinheit ihrer Verhältnisse erklären, wie z. B., daß sie weder gebrochen

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noch wiedergespiegelt werden. Hingegen sind die vorhingenannten Kathodenstrahlen oder β-Strahlen nicht gleichartig mit Licht, vielmehr handelt es sich um kleinste Teilchen von sich zerstäubenden Atomen. „In den Kathodenstrahlen haben wir es zweifellos mit freien negativen Elektronen zu tun, d. h. mit solchen, die nicht an gewöhnliche Materie gebunden sind“ (G. C. Schmidt). Im Vorbeifliegen erzeugen sie bisweilen Funken, wodurch sie wahrnehmbar werden, während ihre Gegenwart häufiger nur an ihren Wirkungen nachzuweisen ist, z. B. durch das Schwärzen einer photographischen Platte, oder durch die Erregung von Phosphoreszenz an der Oberfläche gewisser Körper. Der Laie wird also gut daran tun, zwischen Strahlen und Strahlen zu unterscheiden, d. h. zwischen Strahlen, die Schwingungen des Äthers darstellen, mögen sie auch unsichtbar bleiben, und Strahlen, die von bewegten Körperchen erzeugt werden, und die unter gewissen Bedingungen zeitweilig strahlenartig aufleuchten. Die ersteren haben unter dem Namen „Röntgenstrahlen“ durch ihre vielfache Verwendung in der Heilkunde Weltruhm erreicht; die zweiten haben in der Wissenschaft Revolution gemacht, und namentlich zu gänzlich neuen Vorstellungen vom Wesen und Natur der Atome geführt.

§ 34. Das Atom zu denken nach der Vorstellung eines Sonnensystems.

    Kurz gesagt, die Sonderforscher stellen sich heute die Atome nach dem Gleichnis eines Sonnensystems vor, und zwar mit einer Sonne, umkreist von zahlreichen Planeten (den Trägern der negativen Elektrizität, genannt Elektronen); die Elektronen haben das Eigentümliche an sich, daß sie alle genau gleich groß sind. Es ist noch die Frage, ob Elektronen überhaupt Materie sind im gewöhnlichen Sinne des Wortes, oder, oh wir nicht in ihnen vielmehr

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lediglich kleinste Ladungen von negativer Elektrizität zu erkennen haben.
    Es ist so wichtig, daß der Leser sich eine genaue Vorstellung von diesem neuen Mythus des Atoms macht, daß ich das schon Gesagte ein zweitesmal wiederholen will, indem ich die Worte eines anerkannten Meisters zu diesem Behuf borge. W. Nernst sagt in seiner Rede: Das Weltgebäude im Lichte der neueren Forschung (1921): „Im Anschluß an die Durchforschung der radioaktiven Erscheinungen sind wir, insbesondere dank den Arbeiten von Rutherford und Bohr, zu tiefen Einblicken in die Konstitution der Atome chemischer Elemente gelangt. Hiernach besteht jedes Atom aus einem positiv geladenen, schweren Kern, um den die viel leichteren, negativen Elektronen, die Elementaratome der negativen Elektrizität, kreisen. Durch die denkwürdige Entdeckung von Professor v. Laue wurde man sogar in den Stand gesetzt, sämtliche Elemente nach der Zahl der Ladungen des Kernes, oder, was dasselbe ist, nach der Zahl der umlaufenden Elektronen, in eine Reihe zu ordnen, sie mit anderen Worten, mit Sicherheit zu numerieren. Die Ordnungszahl des höchsten (d. h. des schwersten) uns bekannten Elementes, des Urans, beträgt 92“.
    Man sieht, es wird von uns eine Ableugnung des Sinnenzeugnisses gefordert, welche noch größere Ansprüche an unsere Glaubenskraft erhebt, als die Lehre von der unbeweglichen Sonne, die doch unsere Erde zu umkreisen scheint. Alle die harten Körper, von denen wir umringt sind, sollen aus solchen Atomen bestehen; wo wir unbedingte Unbeweglichkeit wahrnehmen, kreisen ungezählte Billionen von Elektronen unaufhörlich mit größter Schnelligkeit um ihre Sonne herum. Wir müssen uns einen ganz anderen Begriff von Härte und Undurchdringlichkeit machen. Nicht genug mit diesem Umsturz in unseren

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Grundvorstellungen von der uns umgebenden Welt, wankt auch das Grundgebäude aller Wissenschaft des Stoffes. Denn es wird uns gelehrt, daß in manchen Fällen ein Teil der Atome beständig in Explosionszustand übergeht, und, indem sie negative und positive Teilchen abspalten, neue Elemente hervorbringen; also wird die Umwandelung eines Elementes in ein anderes Element behauptet. Und da die Schnelligkeit, mit der dieser Vorgang sich vollzieht, wenigstens in gewissen Fällen sich berechnen läßt, hat Rutherford die „Lebenslänge“ gewisser Elemente bestimmt; z. B. hat er von einem der Elemente, die am schnellsten sich verwandeln — dem Uranium — festgestellt, daß es eine Lebensdauer von sieben Millionen fünfhunderttausend Jahren hat. Wirft die Auffassung von der Welt bewegter Atome, die uns umgeben soll, unser Sinnenzeugnis über den Haufen, so zerstört die Lehre von der Umwandelung der Elemente ineinander, einen der grundlegenden Sätze der Chemie, das Gesetz von der Unwandelbarkeit der Elemente, — ein Gesetz, ohne das es keine Chemie gäbe. Daher leisten noch manche Erforscher des Stoffes Widerstand gegen die neuen Lehren über die Atome, doch sind die bedeutendsten heutigen Chemiker alle halbe Physiker — wie der oben angeführte Nernst —‚ und es hat keinen Anschein, daß die Physiker nicht das Feld behaupten. Wir müssen uns gewöhnen umzudenken!
    So mager auch diese Skizze der Idee des Atoms ausgefallen ist, ich glaube, sie wird genügt haben, den Leser zu überzeugen, daß — wie ich es Anfangs behauptete — sie zu jeder Zeit ein hoher Grad von Anschaulichkeit ausgezeichnet hat, während sie auf der anderen Seite stets zu undenkbaren Gedanken führt; das gilt von Kanâda an bis heute. Wie dem auch sei, man wird nicht leugnen können, daß diese idee zu den fruchtbarsten gehört, und daß heutzutage kaum eine andere Vorstellung ihr an plasti-

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schem Reichtum und dadurch an fördernder Gedankenfülle gleichkommt.

§ 35. Zusammenfassung.

    Indem ich den Leser in den leitenden Grundsatz aller Wissenschaft der Kräfte einführte, habe ich ihn gleichsam in das Gewissen dieser Wissenschaft eingeführt; mit der leitenden Grundmythe gab ich ihm den Schlüssel zu ihrer Traumwelt in die Hand, und mit dem leitenden Grundgedanken lernte er ihre Schätze an Dichtungskraft kennen. Von dem ersteren kann man sagen, es gleiche einem Gebote: so mußt du denken, wenn eine Wissenschaft der Kräfte möglich sein soll — du hast keine Wahl; das Zweite bietet die Hilfe einer großartigen Anschauung, aber überallhin durch Unanschaubares begrenzt; das Dritte endlich liefert einen der fruchtbarsten Gedanken, der unerschöpflich an hilfreichen Einfällen ist und lediglich unter dem Umstand leidet, daß er nach jeder Richtung hin in undenkbare Gedanken mündet. Diese drei Grundprinzipien der Wissenschaft der Kräfte haben alle drei, wie man sieht, etwas Gewaltsames an sich, und wir lernen gleich hier am Anfang erkennen, daß die Wissenschaft der Natur überall in geheimnisvollen Tiefen wurzelt. Und zwar betreffen die Geheimnisse in diesem Falle — wie nicht anderes zu erwarten war, wo alle Methoden des architektonischen Aufbaues mathematische sind — ebenfalls das mathematische Gebiet.
    Übrigens wäre es angezeigt, hier von fünf Begriffen zu sprechen, nicht bloß von drei. Professor Silvanus P. Thompson erinnert uns daran in seinem „Leben Lord Kelvins“: Die Tendenz der modernen höheren Physik in Bezug auf die Frage nach dem Bestand der Materie, neigt zur Annahme von den fünf folgenden Begriffen: 1. dem   Ä t h e r,   das ist das   p l e n u m,   das den Raum ausfüllt; 2.

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das   E l e c t r o n,   vorgestellt als einen Knoten in dem Äther, wahrscheinlich von zwiefacher Art; 3. das   A t o m,   zusammengesetzt aus Elektronen im Äther; 4. das   M o l e k ü l,   eine besondere Gruppe von Atomen (oder in einigen Fällen nur ein Atom); 5. die   M a s s e,   eine Anhäufung von Molekülen. Diese fünf Begriffe umfassen alle Vorstellungen, die man sich heutzutage über den Stoff macht.
    Bei dem Grundsatz von der Erhaltung der Kraft verwickeln wir uns in unerläßliche, aber nicht minder offenbare Sophismen über schlummernde Kräfte, über Energie der Lage usw. Kein geringerer, als Heinrich Hertz spottet in der Einleitung zu seinen: Prinzipien der Mechanik. „Wir sehen etwa ein Stück Eisen auf dem Tische ruhen, wir vermuten demnach, daß keine Bewegungsursachen, keine Kräfte, daseien. Die Physik, welche auf unsere Mechanik aufgebaut, und durch dies Fundament notwendig bestimmt ist, belehrt uns eines anderen. Jedes Atom des Eisens wird zu jedem anderen Atom des Weltalls durch die Gravitationskraft hingezogen. Jedes Atom des Eisens ist aber auch magnetisch und dadurch mit jedem anderen magnetischen Atom des Weltalls durch neue Kräfte verbunden. Aber die Körper des Alls sind auch erfüllt mit bewegter Elektrizität, und von diesen bewegten Elektrizitäten gehen weitere verwickelte Kräfte aus, welche an jedem magnetischen Atom des Eisens ziehen. Und insofern die Teile des Eisens selbst Elektrizität enthalten, haben wir wieder andere Kräfte in Betracht zu ziehen; neben diesen dann noch verschiedene Arten von Molekularkräften. Einige dieser Kräfte sind nicht klein; wäre von allen Kräften nur ein Teil wirksam, so könnte dieser Teil das Eisen in Stücke reißen. In Wahrheit aber sind alle Kräfte so gegeneinander abgeglichen, daß die Wirkung der gewaltigen Zurüstung Null ist; daß trotz tausend vorhandenen Bewegungsursachen Bewegung nicht

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eintritt; daß das Eisen eben ruht. Wenn wir nun diese Vorstellung unbefangen Denkenden vortragen, wer wird uns glauben? Wen werden wir überzeugen, daß wir noch von wirklichen Dingen reden, und nicht von Gebilden einer ausschweifenden Einbildungskraft?“ Man sieht, wohin solch ein Grundsatz uns führt, und man begreift es, wenn Hertz gesteht: „wir selbst aber werden nachdenklich werden, ob wir wirklich die Ruhe des Eisens in einfacher Weise geschildert und abgebildet haben“. Die Verwickelung aber läßt sich nicht vermeiden; sie ist der Preis, den man bezahlen muß, um Einheitlichkeit in die Gesamtauffassung der Phänomene der Natur zu erhalten.
    Nicht minderen Schwierigkeiten begegnen wir bei der Mythe des Äthers; ich machte schon oben darauf aufmerksam. Einige Neueren haben — durch die Sophismen Einsteins dazu verführt — geglaubt, den gordischen Knoten am besten zu durchhauen, indem sie die Vorstellung des Äthers ganz aufgaben; doch, da schwanden Raum und Zeit ebenfalls dahin, und es blieb ein leerer Gedankenhokuspokus. Da kommen wir doch weiter, wenn wir einem Forscher, wie Paul Lenard uns zur Führung anvertrauen, welcher lehrt: “der Äther, das bisher angenommene Medium des Lichts und der anderen elektromagnetischen Strahlungen, der elektromagnetischen Kräfte überhaupt, und auch der Gravitation, ist kein fester, kein flüssiger und kein gasförmiger Körper; er ist überhaupt nicht Materie, sondern er ist die andere Stoffart, die zusammen mit der Materie den Raum ausfüllt, zusammen mit ihr die gesamte materielle Welt ausmacht und deren Erscheinungen hervorbringt. Dennoch war es und ist es noch immer für den Menschen das Gegebene, den Äther in Vergleich mit der Materie zu stellen; denn von der letzteren, als den Sinnen unmittelbar zugängig, stammt unsere ganze Anschauung, die wir von den Vorgängen in der materiel-

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len Welt überhaupt haben. Von den Vergleichen mit der Materie aus müssen wir sehen, weiterzukommen zu einem Bilde des Äthers, wie er eben wirklich ist, dessen einzelne Züge der Erfahrung entnommen werden müssen, die aber über den Äther nur spärlich fließt, da alles, was ihn betrifft, der Einrichtung unserer Sinnesorgane nach, nur auf Umwegen von uns ergründet werden kann. Es ist dem Menschen nicht gegeben, seinen Sinnen nicht offenbare Wirklichkeiten frei zu erfinden; er muß abwarten, bis die Natur ihm genügende Einblicke dazu erteilt hat. Nur ganz allmählich können wir also zu Vorstellungen vom Äther vordringen, die weiter und weiter von unzutreffender Anlehnung an die Materie sich entfernen und diejenige selbständige, durch die Erfahrung gegebene Eigenart aufweisen, die ihnen allein vollen Wert verleihen kann“ (Äther und Uräther). So schwebt denn die Mythe des Äthers wahrheitsträchtig uns vor den Augen, ohne daß jemals die Hand sie würde erfassen können: eine echte Mythe!
    Und was der Gedanke an Atome von uns an Phantasiekunststücken erfordert, geben die besonnensten Forscher ohne weiteres zu. So bezeichnet z. B. Walther Nernst in seiner „Theoretischen Chemie“ die oben geschilderte Hypothese des einem Sonnensysteme gleichenden Atom aufbaues als eine „zunächst sehr kühne Auffassung“ und urteilt: „auf den ersten Blick scheint die Rutherfordsche Atomzerfallhypothese womöglich noch seltsamer zu sein, als die Radioaktivität selber“ (II. Buch, 11. Kap.). Und trotz dieser „Kühnheit“ und dieser „Seltsamkeit“ setzt sich mit dem ganzen großen Gewicht seiner Autorität der genannte Gelehrte für die Deutung Rutherfords ein. Das höchste Denken ist eben Dichten — nicht weniger in den Naturwissenschaften, als an anderen Orten.
    Ich beabsichtige, nicht mehr zu sagen über die Wissenschaft der Kräfte, denn jeder Schritt weiter wäre ein

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Schritt ins Technische hinein, desgleichen diesem Buche verwehrt bleibt. Ich fürchte freilich, es ist mir nur halb gelungen, dem Technischen auszuweichen, weil diese Wissenschaften der Kräfte und des Stoffes so ausschließlich technisch sind, daß man gar nicht von ihnen reden kann, ohne die Technik zu berühren. Ich kann nur den Leser bitten, sich nicht dadurch beirren zu lassen, und zu empfinden, daß es mir lediglich auf die Mitteilungen geistiger Stimmungen ankam: so muß man fühlen und denken, wenn man sich mit dieser Wissenschaft befassen will.


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Die Wissenschaft des Stoffes

§ 36. Warum man nichts sagen kann über die Wissenschaft des Stoffes.

    Indem ich die Feder ergreife, um über die Wissenschaft des Stoffes zu reden, bemerke ich, daß ich womöglich noch mehr gefesselt bin, als beim vorigen Abschnitt über die Wissenschaft der Kräfte. Es gibt eigentlich gar nichts über Chemie zu sagen, es handelt sich lediglich um ein Tun, gefolgt von einem Beobachten und einem treuen Sichmerken. Diesem Sichmerken kommt nun zur Hilfe ein Gerüst von Annahmen — genannt Theorien, so daß ich anderen Orts habe von dieser Wissenschaft sagen können: „keine andere Wissenschaft vereinigt in solchem Maße die Eigenschaften des ganz Konkreten und des rein Theoretischen: nicht ein Schritt kann getan werden, ohne zu sehen, und zwar so „Gedankenfernes“, so ausschließlich Stoffliches zu sehen, daß der Lernende zunächst nicht begreift, was und warum er sehen soll; denn von Natur aus sehen wir nur, insofern wir denken — es geschehe bewußt oder unbewußt, es werde Richtiges oder Falsches gedacht, gleichviel; und daher kommt es, daß die Chemie eine theoretische Wissenschaft im höchsten Grade ist, in der ohne Theorie ebensowenig ein Schritt getan werden kann, wie ohne Anschauung. Da aber hier zu den Theorien eigentlich gar kein Gedankenstoff vorliegt, so müssen sie rein aus der Phantasie des Menschen geboren werden... Ein — wenn ich mich so ausdrücken darf — geradezu armseliger Befund erfährt eine vollkommene Verwandlung, sobald die menschliche Phantasie sich selbstherrlich

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dieses Befundes bemächtigt hat; aus dieser Ehe zwischen Empirie und Theorie entstehen dann unabsehbare Ergebnisse, die auch die Praxis unseres Lebens von allen Seiten durchdringen und neugestalten.“

§ 37. Der erste Lehrgang.

    Das Erste, was vom Neuling in dieser Wissenschaft gefordert wird, ist symbolisch für alles Folgende; darum sei diesem Gegenstand ein Absatz gewidmet.
    Besagter Neuling wird vor einen Tisch geführt, bedeckt mit Flaschen, enthaltend sogenannte Reagenzien (Prüfungsmittel); schon für gewöhnliche Fälle ist die Anzahl dieser Reagenzien eine ziemlich stattliche. Ich finde in meinem Laboratoriumbuch notiert: verdünnte Schwefelsäure, konzentrierte Schwefelsäure. Salpetersäure, Chlorwasserstoffsäure, Bleiacetat, Natronlauge, Kalilauge, Ammoniak, Schwefelammonium, Ammoniumkarbonat, Natriumkarbonat, Natriumphosphat, Schwefelwasserstoff, Chlorbarium, Silbernitrat, Ferrocyankalium, Kaliumoxalat, Kaliumnitrit, Quecksilberchlorid, Magnesiumsulfat, Kaliumbichromat, Kalkwasser, Weingeist, Alkohol; außerdem Stücke von Zink, Eisen und Cadmium, und wer weiß wieviel meinem Gedächtnis nicht gegenwärtig sein mag, wieviel vom Wichtigsten, sind doch mehr als vierzig Jahre vergangen, seit ich erstmals als ein solcher Neuling verworren und klopfenden Herzens vor dem Versuchstisch stand! Als erste Aufgabe erhält man mehrere Gläser mit Lösungen von bekannten Stoffen und man hat sich durch den Augenschein zu überzeugen, daß die in den Büchern angegebenen Reaktionen tatsächlich stattfinden, und unter welchen begleitenden Umständen — kurz, man muß ganz allein Auge werden und sich üben „chemisch zu sehen“. Zu diesem Behuf nimmt man ein fingerförmiges Probiergläschen nach dem anderen, gießt etwas aus dem einen

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    Glas hinein, und fügt dann einige Tropfen eines der Reagenzien hinzu; paßt dann auf, ob ein Niederschlag entsteht, oder nicht, und was für einer, d. h. wie gefärbt, ob er Gase entwickelt oder sonst irgendeine auffallende Eigenschaft kundtut. Dann nimmt man ein zweites Probiergläschen und versucht es mit einem zweiten Prüfungsmittel usw. Oder aber man prüft, ob der entstandene Niederschlag durch die Einwirkung eines anderen Mittels wieder aufgelöst wird, um vielleicht durch ein drittes Mittel nochmals gefällt zu werden, und zwar als ein anders gefärbter Niederschlag. Diese Niederschläge sind neue chemische Verbindungen, und durch ihre Hilfe enträtselt sich nach und nach die Natur des ursprünglich zur Untersuchung ausgewählten Stoffes. Auf dem Tisch steht noch ein Apparat, der bisher unerwähnt blieb; ein Gasbunsenbrenner, mit einer besonderen Vorrichtung versehen, welche die Flamme sozusagen in ihre einzelnen Bestandteile auseinanderlegt, welche Teile eine verschiedene Wirkung auf die Körper ausüben, die man hineinhält; außerdem ein Platindraht und ein kleiner Platinteller, die dazu dienen, das Verhalten fester Körper in der Flamme zu beobachten; schließlich ein sehr wichtiges Stück — das Lötrohr, mit welchem ebenfalls trockene Körper bearbeitet werden. Zu erwähnen bleibt noch ein Filtrierapparat und ein Apparat zum Destillieren, und bald kommt auch das Spektroskop hinzu. Mit diesem Apparat versehen, befindet sich der Neuling vor einer grenzenlosen Empirie (Tatsachenmaterial), und es bleibt nur zu verwundern, wie verhältnismäßig bald der Instinkt sich auf den neuen und anscheinend so planlosen Stoff einstellt. Handelt es sich um einen Parallelismus zwischen Menschengeist und Naturvorgängen, oder um eine Kraft der Suggestion stammend von den Vorgängern auf dieser Bahn?

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§ 38. Spätere Studien.

    Aber hiermit habe ich nur den kleinsten und einfachsten Teil der Aufgabe geschildert, vor die sich der angehende Chemiker gestellt sieht: nur die qualitative Analyse der unorganischen Stoffe, d. h. nur die Bestimmung der stofflichen Bestandteile der nicht aus der Tätigkeit des Lebens stammenden Stoffe. Dazu kommt noch die quantitative Analyse, d. h. die peinlich genaue Bestimmung der relativen Stoffmengen in jedem Körper. Wir haben schon bei den Atomen gesehen, welche große Bedeutung der genauen Bestimmung der verhältnismäßigen Menge von jedem Element in einem Stoffe zukommt. Hiermit beginnt erst die eigentliche Wissenschaft des Stoffes und zugleich die Technik der praktischen Chemie. Fast jede der tausend und abertausend Manipulationen bezweckt ein Messen, ein Wägen, ein Zählen. Und dazu kommt noch das uferlose Gebiet der organischen Chemie, d. h. der Wissenschaft der Stoffe, die ihr Entstehen dem Leben verdanken, und die nach anderen Methoden erforscht werden wollen. Zu meiner Zeit rechnete man fünfzehn Jahre bei einem gutbegabten und -geleiteten Mann, bis man behaupten durfte, er sei auf diesem ganzen Gebiet sattelfest; jedoch zur Beherrschung des Ganzen ist es keinem Menschen gegeben, zu gelangen, Meisterschaft kann nur innerhalb eines kleinen Teiles erzielt werden.
    So würde denn diese Wissenschaft an ihrer eigenen Stoffülle zugrunde gehen, wenn nicht die Phantasie mit kühnen Gebilden zur Hilfe herbeikäme. Da haben sich in letzter Zeit verschiedene hervorragende Physiker als Wohltäter der Chemie hervorgetan, indem sie Ordnung in die unübersichtliche Unmenge von Erfahrungstatsachen durch Theorien hereinbrachten: ich nenne nur Ostwald, Svante Arrhenius, J. J. Thomson. Durch die Tätigkeit

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dieser Männer und ihrer zahlreichen Genossen ist die Chemie nach und nach eine immer „gelehrtere“, mehr mathematische Wissenschaft geworden. So entzieht sie sich von beiden Seiten einer Veranschaulichung für Laien: auf der einen Seite durch die Massenhaftigkeit der — einzeln betrachtet — völlig interessenlosen Tatsachen, auf der anderen Seite durch die abstrakt mathematisch-technischen Vorstellungen, in denen die Tatsachen Gestalt finden.
    Übrigens verhält es sich eigentümlich mit diesen chemischen Theorien. Wohl stehen sie klipp und klar in den Lehrbüchern da; wer aber tiefer auf den Grund geht, entdeckt, daß hier eine Art von Betrug obwaltet. Einer von den ersten großen Chemikern des 18. Jahrhunderts, Claude Louis Berthollet, machte aufmerksam, „daß es reine Stoffe im strengen Sinne nicht gibt, da bei der Entstehung eines jeden Stoffes auch alle anderen möglichen mitentstehen müssen“. Wozu Wilhelm Ostwald bemerkt: „Ich will gleich erwähnen, daß dies im bestimmten Sinne auch das Ergebnis der heutigen Wissenschaft ist“ (Leitlinien der Chemie, 1906, S. 39). „Diese allgemeine Auffassung, daß kein chemischer Vorgang absolut zu Ende geht, bringt dann notwendig auch den Schluß mit sich, daß es reine Stoffe im strengen Sinne nicht gibt, da bei der Entstehung eines jeden Stoffes auch alle anderen Möglichen mitentstehen müssen... und daraus folgt notwendig, daß alle unsere Präparate Gemenge von wechselnder Zusammensetzung sind“ (ebenda, S. 40). Und was gilt von den sogenannten „Gesetzen“? Von den grundlegenden Gay-Lussacschen erfahren wir: diesem Gesetz entspricht nicht ein   w i r k l i c h e s,   sondern nur ein   i d e a l e s   Gas... es ist für wirkliche Gase nur ein Annäherungsgesetz oder ein Grenzgesetz ¹).
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    ¹) Das betreffende Gesetz bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Temperatur und Volumen, und besagt, daß pro Celsiusgrad der Betrag der Volumausdehnung der gleiche ist.

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    Ja, Ostwald hält „den Atombegriff für die Darstellung und das Verständnis der chemischen Grundtatsachen für entbehrlich“ (ebenda, S. 153). Er bemerkt dazu: „Während fast eines Jahrhunderts ist die Gesamtheit der wissenschaftlichen Ergebnisse auf diesem Gebiet ausschließlich in den Formen der Atomtheorie dargestellt und mitgeteilt worden, und die entsprechenden Formen sind so ausgebildet, ja die ganze Forschung ist unwillkürlich solche Wege gegangen, daß eine gegenseitige Anpassung unserer Kenntnisse und jener Anschauungsweise eine Notwendigkeit ist...“ „Daß diese Schematisierungen sich ausschließlich an die Atomhypothese gehalten haben, ist allerdings ein geschichtlicher Zufall, dessen unbedingte Notwendigkeit man nicht anzunehmen oder zuzugeben braucht“ (ebenda, S. 154 und 158). — Man sieht, allüberall schwebt es und wankt es auf dem Gebiete der chemischen Theorie, und das ist kein Wunder, handelt es sich doch um ganz undurchsichtige Vorgänge.


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Der Standpunkt.

    Der ausschlaggebende Wert, den Kant der Betrachtung der Gestirne für die produktive Einbildungskraft des Menschengemütes zuschreibt, ist allgemein bekannt; überall findet man die Worte angeführt: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht:   d e r   b e s t i r n t e   H i m m e l   ü b e r   m i r,   u n d   d a s   m o r a l i s c h e   G e s e t z   i n   m i r“   (Kritik der praktischen Vernunft, Beschluß). Selten aber begegnet man dem nachfolgenden ergänzenden Satz, welcher lautet: „Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen, und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz“. Die beiden sollen nicht zu Schwärmerei anregen, sondern vielmehr zu fruchtbaren Gedanken und Erkenntnissen. Kant fährt fort: „Das erste (der bestirnte Himmel) fängt von dem Platze an, den ich in der äußeren Sinnenwelt einnehme, und erweitert die Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über Welten und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das Zweite (das moralische Gesetz in mir) fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit an, und stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort in bloß zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne.“ Jedes einzelne Wort verdient

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unsere Beachtung. „... nicht im Überschwenglichen, außer unserem Gesichtskreis suchen“, wie so häufig geschieht bei Betrachtung der Gestirne, wo ungeheure Zahlen uns trunken machen, anstatt, daß wir uns einfach sagen: „ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz“. So soll der Mensch zusammenwachsen mit dem ihm umgebenden Weltall, und die nötige Unendlichkeit erhält er von dem „moralischen Gesetz in ihm“, welches „ihn darstellt in einer Welt, die wahre Unendlichkeit hat, und mit welcher er zugleich mit allen jenen sichtbaren Welten in allgemeiner und notwendiger Verknüpfung sich erkennt“. Ja, hineinwachsen soll der Mensch in das ihn umgebende Weltall, er soll den bestirnten Himmel über ihm als seine Heimat erkennen, voll Vertrauen, daß er ihre Geheimnisse wird enträtseln können, — gehört er doch organisch zu ihr und ist ihren gigantischen Verhältnissen gewachsen.
    Der große Gedanke der Solidarität zwischen dem moralischen Gesetz in uns und dem uns umgebenden Weltall, indem jeder von beiden gleichsam die Bürgschaft für die Realität, d. h. die Wirklichkeit des anderen, übernimmt, ist wohl wert, in erster Reihe hervorgehoben zu werden. Die Gefahr liegt nämlich sehr nahe, daß der erste Eindruck des bestirnten Himmels auf das Gemüt sich nach und nach verflüchtige und einer Überfülle von Zahlen, von physikalischen und mathematischen Formeln das Feld räume, wodurch das heimatliche Gefühl — das Gefühl der Nähe der Sterne und des Verwobenseins mit ihnen — verloren geht. Das darf nicht sein! Das subjektive Gefühl des Gewachsenseins jeder Großartigkeit der Verhältnisse, gehört zum Verständnis der astronomischen Tatsachen. Goethe macht aufmerksam, welche Gefahr darin liegt, sobald der Mensch den Maßstab des rein Menschlichen, „die ganz natürliche Art, die Sachen anzu-

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sehen und zu beurteilen“, den einzigen allgemein verständlichen, allgemein gültigen, Maßstab aus den Augen verliert; da irrt er herum im Ungeheuren: im ungeheuer Großen, im ungeheuer Kleinen, im ungeheuer Verwickelten; Zahlen, bei denen keiner sich etwas vorzustellen vermag, weil sie kein Verhältnis zu dem Maßstab unseres eigenen Wesens und Daseins, zu den uns Menschen angewiesenen Tagen und Jahren, besitzen, häufen sich um uns, und sollen Eindruck auf uns machen. Hierbei üben die sonst aller Bewunderung würdigen Instrumente — Teleskop, Spektroskop usw. — „wodurch wir unseren Sinnen zu Hilfe kommen, keine sittlich günstige Wirkung auf den Menschen aus... der äußere Sinn wird dadurch mit der inneren Urteilsfähigkeit außer Gleichgewicht gesetzt“. Inzwischen hat — Hand in Hand mit dieser widernatürlichen Erweiterung des Horizontes — das Subjekt nach und nach immer mehr an Bedeutung verloren, erst ward es äußerlich immer nichtiger und nichtiger; der Mensch ward ein Wurm auf einem dunklen Wandelsterne, welcher durch die Finsternis des Weltenraumes ziellos dahinrast; dann ward der Stern selber immer kleiner, bis er jetzt — wie wir's in einem früheren Kapitel sahen — mit dem Atom in dem Molekül eines chemischen Körpers verglichen wird, denn zwischen solchen Atomen sollen ähnliche Verhältnisse obwalten, wie zwischen den Gliedern eines Sonnensystemes. „Das Erhabene durch Kenntnisse nach und nach zerpflückt, tritt vor unserem Geist nicht leicht wieder zusammen, und so werden wir um das Hohe gebracht, das wir genießen können, um die Einheit, die uns in vollem Maße zur Mitempfindung des Unendlichen erhebt, wogegen wir bei vermehrter Kenntnis immer kleiner werden“ (Maximen und Reflexionen, 1139).
    Man merkt, wie Goethe hier mit Kant zusammentrifft. Kant hatte auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht,

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den inneren Menschen zu stählen, ihn gleichsam über sich selber hinauszusteigern, sollte er die Fähigkeit erhalten, es mit den Erscheinungen des Weltalls aufzunehmen, und wies zu diesem Behuf auf ein Erwachen des Bewußtseins des moralischen Gesetzes in ihm, wodurch er sich in einer Welt dargestellt findet, „die wahre Unendlichkeit hat“ und durch welche er sich als „mit allen jenen sichtbaren Welten nicht in bloß zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung“ erkennt. Und Goethe lehrt: „es kommt jetzt besonders auf Ausbildung des Subjekts an, daß es so rein und tief als möglich die Gegenstände ergreife, und nicht bei mittleren Vorstellungsarten stehen bleibe, oder wohl gar sich mit gemeinen helfe“ (Brief an Jacobi, v. 17. Oktober 1796). Wohl hat Goethe nicht allein die Sternkunde bei diesen Worten im Sinn, sondern die Wissenschaften überhaupt; desto gewichtiger fallen sie in die Wagschale, und gewiß ist die Stimmung, auf die Kant hindeutet, als Erfolg des unmittelbaren Eindrucks der Welt der Gestirne auf ein empfängliches Gemüt geeignet, wie keine zweite, uns zu veranlassen, die Gegenstände „so rein und tief als möglich zu ergreifen“.
    Dies also ist der erhabene Standpunkt, von dem aus die zwei größten Denker der Deutschen uns auffordern, an das Studium des Weltalls heranzutreten.

Die großen Zahlen.

    Niederdrückend auf das Gemüt und verdummend auf den Verstand wirken die Zahlen, wie sie in den meisten Werken über Astronomie gebracht werden. Sagt man uns z. B. — unter dem Vorwande, uns einen Begriff von der Größe der Entfernung zu geben, die uns von dem Polarstern trennt — ein Expreßzug von der Schnelligkeit von sechzig Kilometern die Stunde würde 722 Millionen Jahre ununterbrochen laufen müssen, so führt man die Phanta-

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sie irre durch ein völlig ungereimtes Bild. Es besteht eben keine Vergleichbarkeit zwischen dem Gang eines Expreßzuges und den Verhältnissen der Gestirne, zwischen den Leistungen eines menschlichen Artefakten, eines Erzeugnisses menschlicher Erfindungskraft und menschlichen Fleißes auf der einen Seite, und auf der anderen kosmischer Schöpfungen. Kein Mensch kann sich etwas unter 722 Millionen Jahren vorstellen; die dreifache oder zehnfache oder hundertfache Zahl würde genau denselben Eindruck machen, und ebenso entsprechend kleinere Zahlen. Es wird ein nebelhaft unbestimmter Eindruck von Unermeßlichkeit hervorgebracht, weiter nichts. Man dürfte nur in „Lichtjahren“ reden: das Licht legt 300 000 Kilometer in der Sekunde zurück, die Strecke, die es demgemäß in einem Jahr zurücklegt, heißt ein Lichtjahr; und vernimmt man jetzt, daß das Licht 42 Jahre vom Polarstern bis zur Erde braucht, so verfügt man über eine halbwegs vorstellbare Vorstellung, denn wir Menschen wissen, was 40 Jahre zu bedeuten haben. Auch eintausend Jahre, oder sogar mehrere tausend Jahre sind uns aus der Geschichte geläufige Vorstellungen.
    Ebenso, wie in Bezug auf Zeit, wird in Bezug auf Raum viel gesündigt. Die riesigen Verhältnisse, die in der Sternenwelt obwalten, werden benutzt, um unsere Phantasie zu erdrücken. Nachdem die Sonne ausgebeutet worden ist, als alle Vorstellbarkeit übertreffendes Gebilde, müssen wir erfahren, daß die Sonne zu den kleineren Sternen gehört, und daß es welche gibt, die sie um das Zehnfache übertreffen, ja, um noch weit mehr! Hierauf ist zu erwidern, erstens, daß dem Stoff gegenüber Größe sozusagen nicht existiert; „obwohl nämlich für uns die Vorstellung Raum an den Gedanken von Stoff anknüpft, ist der Stoff selber dem Raum gegenüber völlig indifferent; Begrenzung — und mit ihr Gestalt — schafft hier wie überall nur das

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Leben; außerhalb des Lebens steht, wenn ich so sagen darf, stets der ganze Stoff und die ganze Kraft zur Verfügung, und das heißt ein Unbegrenztes.“ (Chamberlain, Im. Kant, Platovortrag.) Somit haben wir keine Veranlassung, über die verhältnismäßige Größe der Sterne uns besondere Gedanken zu machen, es genügt, wenn wir die Tatsachen zur Kenntnis nehmen. Weit interessanter ist es, von der Theorie Eddingtons zu erfahren, nach welcher die Massen aller uns sichtbaren Sterne nahezu von derselben Größenordnung sein müssen: es gibt ein bestimmtes Höchstmaß und ein bestimmtes Mindestmaß. „Sterne mit kleineren Maßen, so lehrt die Theorie, können nicht genügend hohe Temperaturen erreichen, daß sie uns als selbstleuchtende Sterne sichtbar werden könnten. Sterne mit größeren Maßen kann es deshalb nicht geben, weil nach der Theorie bei so großen Maßen der Strahlungsdruck im Stern so groß wird, daß die Anziehungskraft nicht mehr ausreicht, die Materie zusammenzuhalten. Ein solcher Stern kann nicht bestehen, weil der Strahlungsdruck ihn sofort nach allen Seiten auseinandertreiben würde.“ (Newcomb-Engelmann, Populäre Astronomie.) So erfahren wir denn, daß die Größe auch der Sterne ihre Grenzen hat, was mehr Wert besitzt, als blendende Schilderungen von ihrer unermeßlichen Größe.
    Jedoch, neben den unstatthaften Vergleichen gibt es solche, denen man eine gewisse Berechtigung nicht absprechen kann; so z. B. solche, die die Leerheit des Raumes veranschaulichen sollen. Verteile man gleichmäßig die Gestirne durch den Raum, so käme ein Massekörnchen von der Größe eines Stecknadelkopfes im Mittel etwa auf alle hundert Kilometer (Nernst)! In dem hübschen kleinen Buch „Einfache Himmelskunde“ von Ph. Fauth & A. Mang, finden wir folgende Versinnbildlichung der Verhältnisse unseres Sonnensystems: „Jede Million Kilo-

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meter sei durch einen Meter dargestellt, die Verkleinerung der Wirklichkeit also milliardenfach gewählt. Die Sonne von 1 000 000 Kilometer Durchmesser sei als weißglühende Kugel von 1,4 Meter Durchmesser am Ende der 4 Kilometer langen Friedrichstraße in Berlin postiert. Der sonnennächste Planet, Merkur, bekommt in 58 Metern oder fünf Hauslängen Entfernung als Hanfkorn seinen Platz. Venus wird als Haselnuß von 12½ Millimeter Dicke, in rund 100 Meter Entfernung von der Sonne niedergelegt. Sodann kommt unser Erdenmodell von nahe 13 Millimeter Dicke als zweite Haselnuß in rund 150 Meter Entfernung von der Sonne an die Reihe. Als Marsmodell können wir nur eine Erbse von knapp 7 Millimeter Durchmesser brauchen, und sie muß rund 200 Meter weit von der Sonne entfernt werden. Indem wir darauf verzichten, die Planetoiden als Stäubchen von 1/10 Millimeter darzustellen, schreiten wir zu den großen Planeten und deponieren einen Jupiter von 14½ Zentimeter Größe als Kokosnuß rund 750 Meter (= ¾ Kilometer) weit, und einem 5 Zentimeter großen Uranus als Wallnuß fast 3 Kilometer weit von unserem Sonnenmodell, während ein Saturn von fast 12 Zentimeter als sehr großer Apfel rund 1½ Kilometer weit abliegt. Ganz draußen in der Fortsetzung der Friedrichstraße, in 4½ Kilometer Abstand, können wir erst unseren Neptun von 5½ Zentimeter Dicke als Orange anbringen. „Das gibt uns, so dünkt mich, eine lebhafte Vorstellung von der Leere des Raumes im Bereiche unseres Sonnensystems. Wollten wir im selben Maßstab die Entfernung des uns zunächst gelegenen Sternes ausdrücken — des Sternes Alpha im Kentauren — so müßten wir ihn in 40 000 Kilometer Entfernung als zweite weißglühende Kugel aufstellen‚ also genau einen Erdumfang weit; wäre es uns aber erwünscht, einen etwas entfernteren Stern auszuwählen etwa Capella im Fuhrmann — so müßten

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wir das Modell rund 400 000 Kilometer von der Erde entfernen, mit anderen Worten, es direkt auf den Mond versetzen, soweit liegen die Sterne auseinander! Gesetzt den unmöglichen Fall, ein Mensch könnte der Erde entsteigen und durch den Weltraum mit großer Schnelligkeit während Jahre hindurch fliegen, es wäre tausend gegen eins zu wetten, daß er auf kein Gestirn stoßen, sondern stets durch den bloßen Äther schweben würde.
    Das ist eine der grundlegenden Tatsachen, die die Wissenschaft des Weltalls aufdeckt, sie bleibt viel zu wenig bekannt und bedacht; deswegen sind Kunstgriffe, die sie unserem Bewußtsein näherbringen, willkommen zu heißen.

Der Kosmos.

    Das Erfreulichste an der neuen Astronomie bildet, nach meinem Gutdünken, der stete Fortschritt in der Entwirrung der unabsehbaren Zahl bekannter Tatsachen: indem diese zu großzügigen Theorien zusammengefaßt werden, entsteht allmählich aus einem Chaos ein Kosmos, so z. B. für die Bewegung der Sterne. Man weiß, daß diese, während so vieler Jahrhunderte für das absolut Unbewegliche in der Natur gehalten, alle in Bewegung sind, und zwar, je mehr man erforschte, desto bunter wurde das Bild; es war zuletzt ein Durcheinander von Richtungen und Geschwindigkeiten, daß die Karten, auf denen diese Verhältnisse veranschaulicht wurden, förmlich dem Auge weh taten. Nun ist auf einmal Ordnung in diese Wirrnis gebracht worden — hauptsächlich durch das Verdienst des holländischen Astronomen Kapteyn. Dieser machte aufmerksam, daß wir die Sterne perspektivisch aus sehr verschiedenen Winkeln in Bewegung erblicken, und daß gerade solche, die parallel miteinander gehen, von uns aus gesehen, fächerartig auseinander zu strahlen scheinen; er lehrte neue Methoden, um die wahrscheinlich richtige

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Bewegungsrichtung auszurechnen. Und siehe da! es gelang ihm wahrscheinlich zu machen, daß alle Sterne unseres Systemes sich in zwei Richtungen bewegen, und zwar nach zwei diametral entgegengesetzten Himmelspunkten. So sehen wir denn sämtliche Sterne wie von zwei entgegengesetzten Fluten getragen, durcheinander sich majestätisch bewegen, ohne einander im mindesten zu stören, — die Astronomen reden von zwei „Sterntriften“, und es währte nicht lange, bis sich Kräfte regten, welche Einheit in diese Zweiheit brachten, so z. B. lehrt Turner, daß sämtliche Gestirne in Bewegung sind um einen gemeinsamen Mittelpunkt; wegen der äußerst langgestreckten Bahnen entstehe der Eindruck entgegengesetzter Sterntriften, während sie in Wirklichkeit alle eine einzige bilden. „Die Umlaufszeiten der Sterne würden sehr groß sein; die der Sonne schätzt Turner auf 400 Millionen Jahre.“ In so großartiger Weise ist hier aus Chaos Kosmos geworden, und wir verstehen, wie Alexander v. Humboldt dieses Wort — Kosmos — verdeutschen konnte als „Schmuck des Geordneten“.
    Es ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß der alte Mädler schon vor Jahren die Hypothese aufgestellt hatte, daß sämtliche Gestirne sich im Kreislauf befänden um Alcyone in den Plejaden als Mittelpunkt; doch hat er diese geniale Eingebung nicht auf genügende Beobachtung stützen können.
    Ein anderes Beispiel. Eine große Anzahl von Astronomen widmen seit Jahren den besten Teil ihrer Kraft dem Studium der Sternhaufen und der Nebelflecke; ihre Bemühungen sind nicht ohne Erfolg geblieben, sie haben uns zunächst scharf zu unterscheiden gelehrt zwischen drei Klassen von Phänomenen: erstens den verhältnismäßig nahen unregelmäßigen Nebeln, nach Art der allbekannten Nebel im Orion und um die Plejaden — dies

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sind echte Nebel im eigentlichem Sinne des Wortes; zweitens den Kugelsternhaufen, die in ungeheuren Entfernungen (bis 220 000 Lichtjahre) von uns schweben, und drittens den Spiralnebeln, deren Entfernung noch größer, ja, schier unermeßlich ist. Man glaubt, die Kugelsternhaufen trotz ihrer ungeheuren Entfernung und ihrer riesigen Größenmaße (man schätzt den Durchmesser von einzelnen Haufen auf 470 Lichtjahre) noch zu unserem Sternensystem zählen zu sollen, gewissermaßen als „outsiders“, als Gebilde des äußersten Randes. Anders die Spiralnebel. In ihnen erkennen mehrere der hervorragendsten Fachleute fremde Sternensysteme, die ja wiederum in Beziehungen zu unsrem System stehen mögen, weil schließlich alles zu allem in Beziehung steht, die aber als selbständige Anhäufung von entstandenen und noch entstehenden Welten außerhalb unserer Milchstraße sich befinden. Eine der wichtigsten Entdeckungen der letzten Jahre ist die der großen Anzahl dieser Spiralnebel. Man weiß, daß die Photographie uns gleichsam mit neuen Augen begabt hat, indem — zum Unterschied von dem menschlichen Auge — die Wirkung auf die empfindliche Platte mit der Dauer der Belichtung wächst, statt abzunehmen; nichts verhindert den Astronomen, an mehreren Nächten hintereinander seine photographische Platte auf dieselbe Stelle zu richten, und somit die Wirkung beliebig anzuhäufen. Ein amerikanischer Astronom, Keeler, hat von 1898 an bewaffnet mit dem berühmten Croßley-Reflektor des Lick-Observatoriums sich der Aufgabe gewidmet, den ganzen Himmel mittelst der Photographie nach Spiralnebeln abzusuchen. Nach einigen Jahren konnte er bereits 220 000 nachweisen; in der Fortsetzung dieser Arbeit hat es sich ergeben, daß die Gesamtzahl dieser Gebilde bedeutend höher einzuschätzen ist, und etwa ¾ bis 1 Million beträgt, — so viele Spiralnebel sind erreichbar für die opti-

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schen Kräfte des Croßley-Reflektors. Dies eröffnet einen ganz neuen Einblick in das Wunderland der Schöpfung; denn ein jeder dieser Spiralnebel stellt eine ganze Sternenwelt für sich dar, eine eigene Milchstraßenbildung mit ihren tausenden Millionen von Sternen, großen und kleinen, umkreist von Planeten, Kometen und Meteoren. Dieses Bild bietet sich, wie gesagt, nicht unserem Auge unmittelbar dar, um so mehr muß unser Denken es erfassen, oder vielmehr heranwachsen, bis es fähig wird, diese Größe zu erfassen. So werden wir uns würdig der Ermahnungen Kants und Goethes erweisen.


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Die Wissenschaft der Erdkugel

Der Umfang dieser Wissenschaft.

    Keine der anderen Wissenschaften stellt so hohe Ansprüche an Umfang des Wissens und an Schmiegsamkeit des Geistes wie diese. So liegt es z. B. auf der Hand, daß die allernächsten Beziehungen herrschen müssen zwischen der Wissenschaft der Erdkugel und der Wissenschaft des Weltalls; richtet sich doch die erste Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Erde und dem Weltganzen, nach ihrer Lage im Weltenraum, ihrer Größe, ihren Bewegungen, ihrem Gewichte usw.: alles Fragen, die ohne Hilfe der Astronomie nicht zu beantworten sind. Ebenfalls hierher gehören auch alle theoretischen Gedanken über Entstehung und Entwicklung der Erde. Nicht einen Schritt kann man aber hier tun, ohne den Beistand der Wissenschaft der Kräfte, deren vornehmste Aufgabe es gerade ist, den Zusammenhang zwischen den Weltkörpern, was sie aneinander kettet und voneinander scheidet, aufzudekken. Und welche gewaltigen Kräfte gibt es hier zu ergründen: die vom Feuer herrührenden, die vom Wasser, die vom Monde erzeugten Fluten, die magnetischen und elektrischen Strömungen usw. Nicht ist es nötig hervorzuheben, wie unentbehrlich genaueste Vertrautheit mit der Wissenschaft des Stoffes sein muß für denjenigen, der mit der Spenderin alles Stoffes zu schaffen sich vornimmt — der Mutter Erde: der Bestand der Gesteine, ihre Umwandlungen, ihre Kristallisationen und aufeinanderfolgenden Zustände, die Zusammensetzung der Atmosphäre zu verschiedenen Zeiten, die wechselnden chemischen Bestandteile des Ozeanwassers usw., ins Unendliche. Dank der Tatsache aber, daß die Abdrücke früherer organischer

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Geschöpfe das Hauptzeugnis für die Geschichte der Erde abgeben, findet sich außerdem diese Forschung vor die Notwendigkeit gestellt, ausführlich genaue Kenntnisse in der Wissenschaft von der Gestalt des Lebens (vergleichende Morphologie) zu besitzen, und auch nicht unbekannt zu bleiben mit den Wissenschaften von den Verrichtungen des Lebens (Physiologie) und von dem Leben des Lebens (Biologie). Daher vergleicht Lyell in seinen   P r i n c i p l e s   o f   G e o l o g y   den Geologen dem Historiker: von beiden glauben wir uns berechtigt, eine Art Allwissenheit zu verlangen. „Der Historiker“, sagt er, „sollte, wenn möglich, zugleich gründlich bewandert in den Wissenschaften der Ethik der Politik, des Rechtes sein, sowie der militärischen Kunst und der Theologie; in einem Wort, mit allen Zweigen des Wissens, durch welche Einsicht in menschliche Angelegenheiten oder in die moralische und intellektuelle Natur des Menschen gewonnen wird“. Es wäre nicht weniger wünschenswert, daß der Geologe gut geschult sei in Chemie, Physik, Mineralogie, Zoologie, vergleichender Anatomie, Botanik usw., kurz, in jeder Wissenschaft, die Bezug hat auf organische oder anorganische Natur. Wo sollen wir aber Männer finden, die solchen Forderungen gewachsen sind? Jedenfalls werden es nur wenige sein, und wir müssen erwarten, viel Unzulänglichem zu begegnen. Daher eine erste Warnung an den Anfänger. Auf keinem anderen Gebiet treibt der Dilettantismus so üppige Blüten, wie hier, wo es so schwer ist, sich als echter Meister zu behaupten.

Die Frage der Zeit.

    So ist z. B. über eine Frage unendlich viel gestritten worden während des ganzen vorigen Jahrhunderts, bis Helmholtz kam, und eine Theorie aufstellte, die alle Stimmen vereinigte: ich rede von der Frage der Zeit, d. i. von

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der Dauer, die man den kosmischen Geschehnissen zuzuschreiben hat, von dem wahrscheinlichen Alter der Sonne, der Erde usw. Die Geologen wurden nach und nach immer anspruchsvoller mit ihren Forderungen an Zeitspanne, während die Kosmologen — ich weiß nicht weswegen — sich immer zurückhaltender zeigten und mit der Zeit geizten; da kam Helmholtz und faßte die Frage dadurch ins Enge, daß er bloß fragte, welche Dauer man der Strahlung der Sonne zuschreiben könnte. Es ist klar, daß alles Leben auf diesem Planeten von den Sonnenstrahlen abhängt, und daß wir dem sogenannten „Wärmetod“ entgegengehen, wenn die allmähliche Abnahme in der Bestrahlung zu erwarten steht. Nach Helmholtzens Theorie ist das der Fall. Die Quelle der Sonnenkraft sieht er in der allmählichen Verdichtung der Sonne. Einstmals war unsere Sonne eine der sogenannten „Riesensonnen“; heute gehört sie zu den „Zwergsonnen“ und der Prozeß geht immer weiter; der Tag ist nicht mehr ferne, wo es zu Ende gehen wird. Von der Bildung der Erdkruste ab bis zum heutigen Tage sind rund zwanzig Millionen Jahre vergangen; es stehen höchstens halb so viel noch zu erwarten. Dies ist sehr wenig, namentlich, wenn man bedenkt, in welche Ewigkeiten uns die Welt der Sterne blicken läßt; aus den bloßen Entfernungen zwischen den Sternen (s. Seite 76 ff.) liest man endlose Zeiten; und so ist auch ein Nernst gekommen, der uns von diesem Alp befreit hat, indem er eine Theorie aufstellt, die über praktisch unbegrenzte Zeiten zu gebieten gestattet (Nernst:   D a s   W e l t g e b ä u d e   i m   L i c h t e   d e r   n e u e n   F o r s c h u n g,   1921). Er führt dort aus: „Es muß notwendig außer der Massenanziehung noch eine andere, ungleich mächtigere Energiequelle vorhanden gewesen sein, um die hohe Lebensdauer der leuchtenden Sonnen zu ermöglichen. Es lag nun die Annahme nahe, daß die radioaktiven Prozesse die erforderliche

87 Die Wissenschaft der Erdkugel
Energie lieferten; nehmen wir aber von den bekannten Radioelementen den günstigsten Fall, denken wir uns, daß reiner Uranstaub zur Bildung der Fixsterne im Sinne von Kant-Laplace benutzt wurde, so lehrt die Rechnung, daß auch dann nur ein mäßiger Bruchteil, der während des Fixsternlebens ausgestrahlten Wärmemenge gedeckt wird. Durch eine einzige, zur Zeit allerdings noch hypothetische Annahme glaube ich die vorhandenen Schwierigkeiten   s ä m t l i c h   u n d   e i n f a c h   zu beseitigen... Wir erkannten oben, daß der sogenannte Wärmetod der Materie im letzten Ende auf eine Verflüchtigung von Materie im Weltenraume zurückgeführt werden kann, indem die Wärmestrahlung in den Lichtäther des Weltalls wandert. Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß gegenwärtig die Existenz des Lichtäthers vielfach in Frage gestellt wird, und wenn auch zugegeben werden muß, daß große Erscheinungskomplexe sich ohne Benutzung der Lichtätherhypothese behandeln lassen, so steht doch andrerseits fest, daß für viele Vorgänge, z. B. um die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zu erklären, die Hypothese eines unwägbaren Zwischenmediums nicht entbehrt werden kann. Jedenfalls befinde ich mich in der Gesellschaft vieler ausgezeichneter Physiker, wenn ich an der Existenz des Lichtäthers unbedingt festhalte. Nun lehren die modernen Atomtheorien, daß auch beim absoluten Nullpunkt noch lebhafte Bewegungen im Inneren des Atoms stattfinden, daß also ein Teil ihrer Maße auf Energieinhalt, wie wir sagen, auf Nullpunktsenergie, beruhe. Unter diesen Umständen ist natürlich die einfachste Annahme die, daß die gesamte Materie auf Nullpunktsenergie besteht. Zieht man die weitere Konsequenz, daß diese Energie im Gleichgewicht mit der Energie des Lichtäthers sich befindet, so läßt sich zeigen, daß der Gehalt des Lichtäthers an Energie ganz ungeheure Beträge besitzen muß. Wir können nun die

88 Die Wissenschaft der Erdkugel
Hypothese aufstellen, daß im Weltenraume durch gelegentliche Schwankungen des Energieinhaltes des Lichtäthers Atome chemischer Elemente sich bilden können, und müssen dann natürlich auch umgekehrt annehmen, daß in einer Fortsetzung des sogenannten radioaktiven Abbaues die Atome der chemischen Elemente, insbesondere die Endprodukte des radioaktiven Abbaues, Helium- und Wasserstoffatome, wieder in die Nullpunktsenergie des Lichtäthers sich zurückwandeln können. So hätten wir denn also im Weltall ein fortwährendes Kommen und Gehen der Materie anzunehmen... Bezüglich der Art der Atome, die direkt durch die Nullpunktsenergie des Lichtäthers gebildet werden, wollen wir noch unsere Annahme dahin spezialisieren, daß fast oder ganz ausschließlich sich Elemente von sehr hoher Ordnungszahl, also Elemente, die oberhalb des Urans in der Reihe der Elemente stehen, zugleich also sehr stark radioaktive Elemente, bilden, die in zahlreichen Stufen, also unter viel größerer Wärmeentwicklung, als beim Uran gemessen, radioaktiv zerfallen... Die im Weltenraume, wenn auch ganz vereinzelt, neugebildeten Atome von Elementen sehr hoher Ordnungszahl, vereinigen sich zunächst zu riesig ausgedehnten kalten Nebelsternen, deren schwaches Leuchten durch radioaktive Ausstrahlung hervorgerufen wird. Bei ihrer stärkeren Verdichtung entsteht hohe Temperatur, die zu gewöhnlicher Lichtstrahlung führt. Durch weiteres Zusammenfallen bilden sich dann die heißen, sogenannten Zwergsterne, d. h. die sonnenartigen Weltkörper. Diese Sonnen besitzen nun aber zunächst noch einen gewaltigen Vorrat an radioaktiven Stoffen, und dieser ist es, der ihre hohe Temperatur und damit ihre lange Wärmestrahlung solange aufrecht erhält. Dann aber erschöpft sich dieser Vorrat allmählich, die sehr lange Zeit ungefähr konstant gebliebene Temperatur beginnt zu sinken, verhältnis-

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mäßig rasch geht der weiße Fixstern in einen gelben und dann rötlichen Stern über, um schließlich zu erkalten. Der erkaltete Stern zerfällt nunmehr mit großer Langsamkeit weiterhin radioaktiv, und verschwindet so allerdings erst in ungeheuren Zeiträumen, wie vorher auseinandergesetzt, gänzlich von der Bildfläche. Inzwischen bilden sich im Mittel etwa in der gleichen Anzahl aus den neuentstandenen radioaktiven Atomen neue Sterne. Wenn der radioaktive Abbau, wie bei der Sonne der Fall, im wesentlichen erschöpft ist, müssen die gewöhnlichen chemischen Elemente stets in einem ungefähr konstanten Mengenverhältnis vorhanden sein, d. h. die im späteren Stadium befindlichen Sterne müssen nahezu gleiche chemische Zusammensetzung besitzen, wie es oben bereits als wahrscheinlich erkannt wurde...
    Kant und Laplace arbeiteten lediglich mit der Gravitation als maßgebender Kraftwirkung bei der Bildung des Sonnensystemes. Wir müssen jetzt vermuten, daß, zumal bei der anfänglichen Bildung der Fixsterne, infolge der mit starker Elektrifizierung verbundenen radioaktiven Wirkungen auch Kräfte elektrischen Ursprungs vorübergehend eine hervorragende Rolle gespielt haben. Da sich in der Tat gezeigt hat, daß man mit der Newtonschen Attraktion zur Erklärung der Planetenbildung nach Laplace nicht auskommt, so sind für die künftige Entwicklung der Theorie neue Gesichtspunkte gegeben...
    Kant sagte: „Gebt mir Materie, ich will euch eine Welt daraus bauen.“ Mag sein, aber schließlich würde diese Welt nicht die unsrige werden. Näher der Wahrheit kommen wir vielleicht, wenn wir sagen: Gebt mir Materie sehr hochatomiger, radioaktiver Elemente, dann gewinnen wir erst die ungeheuren Energiemengen, die das Weltall durchfluten, und deren Erklärung uns Kant und Laplace noch schuldig blieben. Und fügen wir noch hinzu: Gebt uns die

90 Die Wissenschaft der Erdkugel

Nullpunktsenergie des Lichtäthers, so sehen wir in unserem Geiste das Bestehen des Weltalls gesichert von Ewigkeit zu Ewigkeit (a. a. O., S. 30—38).
    In dieser nunmehr gesicherten Ewigkeit sehen wir nun, nach jüngeren Geologen, die Menschheit von sehr weit her gemächlich herankommen, mindestens von der Steinkohlenzeit. „Wenn also der Menschenstamm ... noch in das mesozoische Zeitalter zurückgeht, so muß er eben mesozoische Formeneigentümlichkeiten damals gehabt haben und jetzt noch voll entwickelt oder rudimentär an sich tragen; also z. B. den opponierbaren Daumen oder den aufgerichteten Gang auf primär, nicht sekundär verlängerten bzw. aufgerichteten Hinterbeinen. Und das hat er. Er hat aber auch in seiner Extremität den primitiven Formzüstand des Landtieres, wenn auch etwas abgeändert, bewahrt, und er ist mindestens jungpaläozoischer Herkunft.
    „Mit dieser Erkenntnis dürfen wir jetzt nach dem Gesetz der Zeitcharaktere den Menschenstamm bis in das paläozoische Erdzeitalter zurückführen und für seine Evolution folgende Stadien annehmen: Zuerst muß er amphibische und reptilhaft scheinende Merkmale besessen haben. Er hatte vielleicht mit den Amphibien den schleppenden Gang und schwimmhautartig verwachsene Finger und Zehen, auch wohl noch keine entschieden opponierbaren Daumen. Mit den ältesten Amphibien und Reptilien hatte er vielleicht einen teilweise hornig gepanzerten Körper gemein, ein Merkmal, das überhaupt in der Endzeit der paläozoischen Epoche als Zeitcharakteristikum ¹) insofern gelten kann, als auch die Amphibien mit ihrem an und für sich schleimigen, drüsenbesetzten Hautmantel zu solcher
—————
    ¹) In bestimmten Zeitepochen kommen bestimmte Gestaltungen und Organe bei den verschiedensten Typen zum Vorschein; diese Gestaltungen und Organe werden als „Zeitsignatur“ bezeichnet.

91 Die Wissenschaft der Erdkugel

Panzerbildung, oft an Kehle und Brust, auch auf dem Rücken, bis zur Stärke von Hautknochenplatten sich steigernd, übergehen. Mit beiden Gruppen aber hatte der hypothetische Urmensch wohl ein vollentwickeltes Parietalorgan, d. i. eine auf der Schädeldecke vollentwickelte augenartige Öffnung, die jenen ältesten Landbewohnern durchweg gemeinsam war, und als ein bestimmtes, bisher nicht deutbares, wenn auch sicher augenförmig ausgebildetes Sinnesorgan gelten darf...
    Im mesozoischen Zeitalter wird der Urmensch — er wird in vielen Stämmen und Einzelformen verschiedener Gattung gelebt haben — im allgemeinen sein Scheitelorgan durch Rückbildung langsam verloren und nun seine Säugetiernatur deutlicher enthüllt haben. In der Triaszeit finden wir die ersten als solche erkennbaren und in diesem Sinne echten Säugetierreste; sie gehören dem Stamm der Beuteltiere an, und nur solche findet man das ganze mesozoische Zeitalter hindurch in seltenen Resten. Dies war die damalige Stufe des Säugetierwerdens, eben als Zeitsignatur, und daher wird auch der äußerlich schon säugetierhafter aussehende Mensch die anatomischen Eigenschaften des Beuteltieres geteilt haben, wie er im paläozoischen Zeitalter die des Reptils und Amphibiums trug. Im mesozoischen Zeitalter erkannten wir auch die Epoche, wo der aufrechte Gang der Landtiere angestrebt wurde; wir übertragen dies entsprechend auf den damaligen Menschenstamm. Es war auch die Zeit, wo die verwachsenere, ursprünglichere Extremität der vollendeteren mit den spreizbaren Fingern und dem opponierbaren Daumen Platz machte; so wird auch der Mensch in dieser Hinsicht uns ähnlicher geworden sein. Das Säugetier hatte kein Scheitelorgan mehr; der mesozoische Mensch hatte es also mehr und mehr rückgebildet, und dafür die vollere Entwicklung des Großhirns erreicht: er muß einen gewölb-

92 Die Wissenschaft der Erdkugel

teren Schädel mit einer abgesetzten, weniger flachen Stirne erhalten haben... Schließlich endete der Menschenstamm unter Ausstoßung aller nicht zum Quartärzeittypus gehörenden tierischen Charaktere in unserem heutigen Menschenstadium, das gewiß nicht einheitlich, sondern auf vielen Stammlinien wird erreicht worden sein, und das nur deshalb anatomisch so einheitlich erscheint, weil eben jetzt die Zeitsignatur   u n s e r e s   Menschenstadiums herrscht. Dieses bevölkert heute die Erde, wie im paläozoischen Zeitalter wohl das scheiteläugige amphibienhafte, im mesozoischen Zeitalter das beuteltierhafte Menschenwesen“.



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II. TEIL

DIE LEBENSLEHRE

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(Leere Seite)

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Einleitung des Herausgebers

    Chamberlains kurze und treffende Definition des Lebens lautet: „Leben ist Gestalt.“ Mit dieser Definition kann der Laie nichts anfangen, da er nicht weiß, was er unter Gestalt verstehen soll.
    Als Beweis dafür, wie verschieden das Wort Gestalt gebraucht wird, gebe ich zwei Beispiele. In dem bekannten Volksliede heißt es:

„Ach wie bald, ach wie bald,
Schwinden Schönheit und Gestalt.“

Hier wird unter Gestalt die äußere Körperform und speziell die Form des jugendlichen Körpers verstanden.
    Hören wir dagegen Schiller in seinem tiefsinnigen Gedicht „Das Ideal und das Leben“:

„Nur der Körper eignet jenen Mächten,
Die das dunkle Schicksal flechten;
Aber frei von jeder Zeitgewalt,
Die Gespielin seliger Naturen,
Wandelt oben in des Lichtes Fluren
Göttlich unter Göttern die Gestalt.“

Für Schiller ist die Gestalt eine platonische Idee.
    Um nun ganz genau anzugeben, was Chamberlain unter Gestalt verstanden wissen will, ist es ratsam von vorneherein zwischen Form und Gestalt zu unterscheiden. Dann können wir feststellen, welche Formen Chamberlain zu den Gestalten rechnet und welche nicht.
    Die Formen, die er nicht als Gestalten anerkennt sind: 1. die Kristallformen; 2. die Formen der Planetensysteme und die ihnen analog gedachten Atomsysteme der

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Physiker; 3. die Maschinen und all die verschiedenen Formen unserer Gebrauchsgegenstände. Nur die lebenden Wesen werden von ihm als Gestalten anerkannt.
    In dem Platovortrag seines Kantbuches hat Chamberlain in aller Klarheit seine Ansichten auseinandergesetzt, und ich kann dem Leser nur raten sich an dieser unvergleichlichen Quelle selbst Rats zu holen. Jahrzehntelang hat Chamberlain an der Durcharbeitung des Gestaltproblems gearbeitet, bis es von allen Seiten sichtbar vor ihm stand.
    Chamberlain geht von folgender Definition Platos aus: „Nicht bei einer Vielfachheit kann man von Teilen reden, sondern nur dort, wo eine ideell erfaßbare Einheit aus dem Zusammentreffen alles Vielen zu einem einzigen Ganzen geworden ist; hiervon erst kann man sagen, der Teil sei ein Teil.“ Oder wie Chamberlain diese These kurz zusammenfaßt: „Gestalt bedeutet die Einheit eines Mannigfaltigen.“ Das heißt, nur dort kann von Gestalt die Rede sein, wo das Ganze aus verschiedenartigen Teilen zusammengesetzt ist. Wo die Teile nicht verschieden sind, sind sie bloß Einzelheiten einer Summe, die bald größer, bald kleiner ist, die aber niemals als ein in sich geschlossenes Ganzes angesprochen werden kann.
    Der Kristall besteht nur aus Einzelheiten und nicht aus Teilen. „Ein Quarzkristall, ein Feldspatkristall, schreibt Chamberlain, kann so klein sein, daß nur die stärksten Vergrößerungen des Mikroskops ihn entdecken; von beiden sind aber Exemplare bekannt, die mehrere Meter an Länge und an Breite messen; zwischen den ersteren und den letzteren besteht kein Unterschied... In einem Kristall kommen wohl Richtungen zum Ausdruck, die Grenzen aber sind zufällig... Eine Figur, die sich nicht selbst begrenzt ist zufällig.“ So faßt Chamberlain die Kristallbildung als ein zufälliges Erzeugnis äußerer

97 Einleitung des Herausgebers

physikalischer Wirkungen auf. Deshalb ist der Kristall, selbst wenn er nicht aus lauter gleichartigen Einzelheiten bestünde, nicht als Gestalt anzusprechen.
    Ich entsinne mich eines Gespräches, das ich mit Chamberlain über die Frage der Kristallbildung führte. Ich war nicht davon überzeugt, daß es kein eigenes Kristallbildungsgesetz gäbe, sondern drückte den Gegensatz zwischen Kristallbildung und lebendiger Bildung durch ein Gleichnis aus, indem ich ihm sagte: „Nehmen wir an, es treten in einem Teller mit Suppe bei längerem Stehen Salzkristalle auf, so ist das ein anorganischer Vorgang, wenn aber aus der Suppe statt dessen — ‚ein Suppenlöffel entstünde',“ warf Chamberlain lachend ein. „Jawohl sagte ich dann wäre dies ein Lebensvorgang.“ Damit war Chamberlain auch einverstanden.
    Danach wäre der Kristall wohl eine eigenartige Raumform aber nicht eine auf eine Leistung bezogene Form, wie es alle Lebewesen sind. Unter Gestalt haben wir immer eine Leistungsform zu verstehen. Die Leistung ihrerseits ist jene nur ideell erfaßbare Einheit, von der Plato redet. Auf diesen Punkt werde ich später zurückkommen.
    Wir können die Frage, ob es ein autonomes Kristallbildungsgesetz gibt oder nicht ruhig offen lassen, denn es ist sicher, daß dieses niemals befähigt ist Leistungsformen hervorzubringen, sondern nur Raumformen — die keine Gestalten sind.
    Fassen wir die Kristalle als Raumformen auf, so sind die Planetensysteme als Bewegungsformen anzusprechen, die sicher nicht autonom sind, sondern durch äußere physikalische Ursachen geformt werden. Ich erinnere an die reizende Episode aus Jules Vernes „Reise zum Monde“, wie der von den Reisenden in ihrem Raumschiff mitgenommene Hund in den Weltraum fällt, und nun als kleiner Mond um das Raumschiff zu kreisen beginnt Darin

98 Einleitung des Herausgebers

kommt die Überzeugung der heteronomen Entstehung von Planetensystemen drastisch zum Ausdruck.
    Auch in den an ein Planetensystem erinnernden Atommodellen mit ihren kreisenden Elektronen werden immer nur äußere physikalische Wirkungen als Bildner der Bewegungsformen angenommen.
    Wenn eine von außen eingeprägte Form durch einen äußeren Eingriff zerstört wird, so ist sie einfach nicht mehr da, und kann nur durch eine erneute äußere Prägung wieder hergestellt werden; sehr im Gegensatz zu den Gestalten der Lebewesen.
    Damit sind die drei Grundbedingungen, die der Gestalt eignen, aufgezeigt: 1. Verschiedenheit der Teile; 2. Leistungsbezogenheit; 3. Autonomie.
    Die Verschiedenheit der Teile ist die unumgängliche Vorbedingung für eine jede Leistung, denn gleiche Einzelheiten auf gleiche Einzelheiten in gleicher Weise bezogen, bilden immer nur einen Haufen oder Summe, aber niemals ein Gefüge, das zu einer einheitlichen Leistung befähigt wäre.
    Wir verstehen daher sehr gut, warum Chamberlain die bloße Raumform der Kristalle nicht als Gestalt anerkennt. Gebilde aber, die nur durch äußere Wirkungen entstanden sind, wie die Planetensysteme und die Atomsysteme, können zwar geregelte Bewegungen ausführen, die weiter bestehen, so lange die äußeren Wirkungen sich nicht ändern, sie sind trotzdem keine Gestalten, auch wenn sie aus verschiedenartigen Teilen bestehen, weil sie mit den äußeren Bedingungen ihrer Form stehen und fallen. Die bloße Bewegungsform ist noch keine Leistung eines Gefüges, das unabhängig von äußeren Einflüssen, eine eigene Tätigkeit entfaltet, sondern ist nur der Ausdruck bewegter Teile, die sich in einem gewissen Gleichgewichtszustand befinden.

99 Einleitung des Herausgebers

    Auch sie sind keine Gestalten. Darin werden wir Chamberlain unbedingt rechtgeben müssen. Warum lehnt er es aber auch ab, die Maschinen als Gestalten anzuerkennen? Bei ihnen ist doch ein festes Gefüge vorhanden, das eine einheitliche Leistung vollbringt. Sie bestehen aus verschiedenartigen Teilen, die in sich zusammenhängen und nicht durch äußere Wirkungen zusammengehalten werden. Sie sind sicher mehr als bloße Raumformen oder Bewegungsformen, sie sind ausgesprochene Leistungsformen.
    Chamberlain schreibt hierüber: „Ist es nun das Wesen des Lebens Gestalt zu sein, so ist es das Wesen der Gestalt eine Einheit zu sein, und das besagt zugleich, aus Teilen zu bestehen, aus Teilen, die zueinander und zum Ganzen in gegenseitig sich bedingenden Beziehungen stehen.“
    Das ist richtig, eine in sich abgeschlossene Gestalt kann nicht zum Teil von fremden Bedingungen abhängig sein, sondern muß die Bedingung der eigenen Ganzheit in sich tragen. Und in diesem Punkt versagen die Maschinen.
    „Wohl scheint, schreibt Chamberlain, auf den ersten Blick die Maschine unserer obigen Definition eines 'einheitlichen Ganzen' zu entsprechen; das ist aber eine Täuschung; denn nach jener Definition sollten die Teile 'sich gegenseitig bedingen', in einer Maschine aber bedingen 'sich' die verschiedenen Teile gegenseitig nicht, sondern ich Mensch bedinge sie... das künstliche Werk, das wir einen Automaten nennen (d. h. einen Selbstbeweger) ist in Wirklichkeit ein Heteromat; weder tritt es in Bewegung, noch bleibt es darin, wenn nicht ein anderer immer wieder eingreift.“
    Gerade dieses innige Verflochtensein zwischen Mensch und Maschine ist nun, meiner Überzeugung nach, ein wertvolles Hilfsmittel, um genau darzulegen, was wir nach Chamberlain unter Gestalt zu verstehen haben. Die Maschine besitzt nämlich Etwas, das weder Kristall, noch

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Atomsystem, noch Planetensystem ihr eigen nennen — einen Bauplan. Der Bauplan ist es, der in der Maschine die verschiedenen Teile zu einem Gefüge vereinigt, das zu einer einheitlichen Leistung befähigt ist. Man kann ebensowohl von einem Bauplan oder Funktionsplan, oder Leistungsplan reden, gemeint ist immer dasselbe, nämlich die planvolle Anordnung der Teile, die ein Zusammenarbeiten ermöglicht. Auch sämtliche Gebrauchsgegenstände besitzen einen Plan, ohne dessen Kenntnis sie als solche gar nicht vorhanden sind, sondern nur Hindernisse bilden.
    Ich führe als Beispiel hierfür gern ein eigenes Erlebnis an. Ein junger Massaineger, den ich aus dem Inneren Afrikas nach Daressalaam mitgenommen hatte, antwortete mir auf meine Aufforderung eine kurze Leiter, die vor ihm stand, zu besteigen: „Herr, das kann ich nicht, ich sehe nur Stangen und Löcher.“ Nachdem ein anderer Neger ihm das Leiterbesteigen vorgemacht hatte, konnte er es sofort nachmachen. Denn nun wußte er, was eine „Leiter“ war, nämlich ein Ding, das zum Klettern der Menschen dient. Der Leistung des Kletterns muß die Gegenleistung des Erklettertwerdens im Gegenstand entsprechen. Für jemand, der noch nie eine Leiter erstiegen hat, gibt es noch keine Leiter, die doch nur ein erkletterbarer Gegenstand ist. Und nun kommt die grundlegende Erkenntnis: Wir lernen es einem Gegenstand seine Gegenleistung anzusehen, sobald wir die ihm entsprechende Leistung kennengelernt haben. Ein Stuhl wird aus einem bloßen Hindernis zu einer Sitzgelegenheit des Menschen, sobald er einmal auf ihm gesessen. Erst dann wird er wirklich zum Stuhl, wie das Gestänge für den Neger zur Leiter wurde, sobald er ihre Gegenleistung durchschaut hatte.
    Was sehen wir in Wirklichkeit, wenn wir unsere Gebrauchsgegenstände und Maschinen betrachten? Wir sehen verschiedene Farben, die durch ein Formschema

101 Einleitung des Herausgebers

zusammengehalten werden. Aber wir sehen noch etwas Unsichtbares, etwas Immaterielles, das aber zum Zustandekommen der Gegenleistung notwendig ist.
    Dieses Immaterielle, unseren Sinnen nicht unmittelbar zugängliche, das nur durch unser Denken erfaßt werden kann, bezeichnen wir, wenn wir das Gewicht auf die Leistung legen als planvolle Anordnung der Teile, als Grundriß oder Bauplan — wenn wir dagegen das Gewicht auf seine bloße Denkbarkeit legen, als Sinn oder Zweck.
    Und nun wird es auch sofort deutlich, daß wir zwar dem Kristall, dem Atomsystem und dem Planetensystem ein Formschema geben müssen, welches die räumlichen Beziehungen ihrer Teile umfaßt, daß ihnen aber der Bauplan mangelt und daß ihnen Zweck und Sinn fehlt.
    Von den Gebrauchsgegenständen und Maschinen wissen wir, daß sie nur deshalb einen Sinn und Zweck haben, weil der Mensch ihnen seinen menschlichen Bauplan aufzwang. Deshalb bleiben auch die erlesensten Maschinen tot, weil dieser Bauplan ihnen nicht zu eigen gehört. Erst bei den Lebewesen ist der Bauplan ein ihnen innewohnender aktiv eingreifender Faktor, der sie formt und erhält. Nur das sich selbst Gestaltende besitzt Gestalt.
    Wie der heteronome Bauplan der Maschinen, so kann auch der autonome Bauplan der Lebewesen nur durch das Denken erfaßt werden, deshalb entsteht eine Gestalt nur dann, wenn sie zugleich mit den Sinnen und dem Denken erfaßt wird. Das hat Chamberlain in klassischer Weise folgendermaßen in Worte gefaßt: „Und so ist denn der Gedanke der Zweckmäßigkeit, die Anschauung der Lebensgestalt ins Begriffliche übertragen, oder ... die Gestalt als Gesetz des Lebens ist der Zweckgedanke, wie er sich in der Anschauung darstellt.“
    Setzen wir, um die Mißverständnisse zu vermeiden (vor denen Chamberlain selbst gewarnt hat) die allzuleicht

102 Einleitung des Herausgebers

entstehen, wenn man den Zweck, wie es Kant getan hat, als eine in die Zukunft verlegte Vorstellung definiert, an Stelle von Zweckmäßigkeit das Wort Planmäßigkeit, so würde die uns von Chamberlain gelehrte Grundwahrheit kurz lauten: „Gestalt ist angeschaute Planmäßigkeit — und Planmäßigkeit ist gedachte Gestalt.“
    Damit könnte ich schließen und den Leser dem hohen Genuß der klassischen Ausführungen Chamberlains überlassen, wenn ich nicht befürchten müßte, daß einige als selbstverständlich vorausgesetzte Begriffe einer Anzahl von Lesern nicht genügend geläufig sind. Chamberlain fußt auf dem Boden kantischen Denkens. Im Mittelpunkt unserer gesamten Denktätigkeit steht nach Kant eine Bildungskraft, die unablässig Einzelheiten zu Einheiten verbindet. Die Einzelheiten, die das Material des Denkens liefern, sind unsere Sinnesempfindungen, die in Raum und Zeit hinausverlegt werden und die Eigenschaften aller Dinge in der Welt bilden. Raum und Zeit liefern die gesetzlichen Formen, in denen diese Umwandlung vor sich geht. Die Eigenschaften liegen aber in Raum und Zeit nicht unvermittelt nebeneinander, sondern sind durch räumliche und zeitliche Schemata miteinander verknüpft. Auf diese Weise entstehen die Raumformen der uns umgebenden Gegenstände und die zeitlich zusammengefaßten Melodien. Hierzu gesellen sich noch zwei Denkformen, die Kausalität oder das Gesetz von Ursache und Wirkung, das allem Werden, und die Planmäßigkeit, die allem Sein ihre Gesetze vorschreiben.
    An allen Gegenständen der Außenwelt unterscheiden wir in Gedanken den Stoff als das Träge und die Kraft als das Bewegende. So lange wir uns auf diese Beziehungen beschränken, genügt das Gesetz der Kausalität, um alle Veränderungen begreiflich zu machen. Um aber Gestalten zu erfassen bedürfen wir der Planmäßigkeit.


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Entwurf des Verfassers einer Lebenslehre

zusammengestellt aus Manuskripten einer Korrespondenz mit der Baronin Ehrenfels aus den Jahren 1886 und 1900.

    Eine neue Anschauung bezüglich der Gestalten lebender Wesen und der Bedeutung des Begriffes der Verwandtschaft zwischen den Organismen, entstanden unter dem Einflusse der Goetheschen Naturanschauung, des indischen und des Kantischen Denkens: vorläufiger Schattenriß zur Verständigung über die geeignetsten Mittel und Wege, um dieser Idee habhaft zu werden, das heißt, um sie aus dem Bereiche des nebelhaft Geahnten in das des deutlich Geschauten und klar Durchdachten überzuführen: in der Hoffnung, den geistigen Besitz der Menschen hierdurch zu bereichern, der plump-empirischen Evolutionslehre eine Todeswunde zu schlagen, und sowohl der Metaphysik wie der heiligen Kunst in fördersamer Weise entgegenzuarbeiten.
22., 23./10. 96.


104

Manuskript A aus dem Jahre 1896

1. Zur allgemeinen Orientierung: Schutzgeist Plato.

    Nicht das Leben bildet bei diesem Unternehmen den Gegenstand ¹). Das Leben, welches die modernste Naturwissenschaft zu leugnen bestrebt ist, ist im Gegenteil das eigentliche „Mysterium magnum“. — Das Suchen nach Erklärungen, die Sucht, für alles den Grund, die   U r s a c h e   auffinden zu wollen, ist überhaupt ein Beweis von kindisch unbeholfenem Denken; die Idealität des Kausalitätsbegriffes (die Inder, Kant) ist nicht eine metaphysische Spitzfindigkeit, sondern eine grundlegende Einsicht, welche hinfürder in weitest ausgedehntem Maße bestimmend auf unsere Stellung der umgebenden Welt gegenüber wirken soll und muß.
    Betrachten wir z. B. die große Zahl bekannter Lebensformen und stellen wir dabei die Kausalitätsfrage auf: „Wie sind diese Wesen entstanden?“ — so tun wir eine Frage, auf die es keine Antwort gibt, denn jeder konsequent durchgeführte Erklärungsversuch (persönliche Schöpfung, Evolution usw.) führt zu offenbaren Absurditäten.
    Zunächst aber müssen wir uns darüber klar werden,   w a s   über das Leben und über die Gestalten, in welchen es sich kundtut, vernünftigerweise gefragt werden kann.
—————
    ¹) Erläuterung: Ursprünglich lautete der erste Satz: „Unerklärlichkeit des Lebens: diese bildet eine Grunderkenntnis“. — Ich wollte damit andeuten, daß mich hier nicht   d a s   L e b e n   d e s   L e b e n s,   nicht die Physiologie beschäftigen sollte, sondern vielmehr das Wesen des Lebens überhaupt.

105 Entwurf zu einer Lebenslehre — Manuskript A
Dabei wird sich herausstellen, daß einzig die   A n s c h a u u n g,   d. h. dasjenige, welches sich bei der Betrachtung der Dinge unmittelbar als Vorstellung widerspiegelt, einen sicheren Wert besitzt und dem Denken eine feste Grundlage gewährt. Sowohl in Schöpfungsgeschichten (z. B. in der Mosaischen), wie auch in den verschiedenen Evolutionstheorien, benützt das vom Kausalitätswahn betörte Denken eine verhältnismäßig sehr schmale Grundlage des Angeschauten, um darauf einen babylonischen Turm von Syllogismen zu erbauen. Unser Bestreben muß darauf gerichtet sein, diesen Fehler zu vermeiden: wir müssen der Anschauung mehr Freiheit lassen; ihr Spielraum muß bis an die äußersten Grenzen unserer sorgsam gepflegten und geübten Sinne ausgedehnt werden, und vor allem, sie muß auf ihrem Gebiete ungehemmt walten. Die Logik ist nicht die   G ö t t i n   der Wahrheit, sondern ihre Magd; das Auge ist der König, das Ohr die Königin, der Tastsinn der weise Ratgeber; durch sie stehen wir, Unerforschliche, mit der unerforschlichen Umgebung in Berührung. Wollen wir also, den wachsenden Bedürfnissen unseres Gedankenlebens gehorsam, das Bild der umgebenden Natur mit immer größerer Klarheit uns gedanklich deuten, so müssen wir — Goethe nachstrebend, und im Gegensatz zu jeglichem Rationalismus — ein Gebäude zu errichten suchen, welches nicht um eines Haares Breite über die Grundlage des Angeschauten hinausragt, und welches nicht bis in das Wolkenkuckucksheim vermeintlicher Welterklärungen hinaufreicht, sondern durch Maß, Form und Begrenztheit das Prädikat eines Kunstwerkes verdiene. (Schopenhauer.) Indem nämlich die Vernunft das Heterogene sich zu assimilieren und in das ihr Homogene umzugestalten bestrebt ist (und ihrer Natur nach auch sein muß), sind ihre Produkte — wiewohl an und für sich Naturprodukte, der übrigen Welt gegenüber dennoch immer — künstliche

106 Entwurf zu einer Lebenslehre — Manuskript A

Produkte; erst dann entsteht eine vollgültige Analogie zwischen den Erzeugnissen des Gehirns und denen der Natur, wenn Eigenschaften der Einheitlichkeit, der Formgebung, der Harmonie, der gegenseitig sich bedingenden Verhältnisse, der Durchsichtigkeit, der symbolischen Bedeutsamkeit dieses künstliche Werk zu einem   K u n s t w e r k   gesteigert und geschaffen haben. — Nicht also eine „Erklärung“ der Lebensformen soll uns als Ziel vorschweben, sondern die Umschaffung des   l e d i g l i c h   Geschauten in ein Geschautes, welches zugleich im Denken ein Widerbild findet; das Denken soll das Geschaute deuten; das Geschaute aber durch diese Mitwirkung zu einer „Anschauung“ werden, d. h. zu dem Untergrund eines begrifflichen Schemas.

2. Zur metaphysischen Orientierung: Schutzgeist Kant.

    Es geht nicht an, bei der Betrachtung von „Gestalt“ die subjektive Natur, d. h. die transzendentale Idealität, der Raumvorstellung außer acht zu lassen. Ist der dreidimensionale Raum das a priori Ergebnis einer Funktion unseres Denkorganismus, ist er wesentlich als ein Schema für mögliche Erfahrung aufzufassen, dann läßt sich nicht leugnen, daß jede Erscheinung im Raume, also jede Gestalt, subjektive, apriorische Elemente enthalten muß. — Es wird vermutlich recht schwer sein, diese subtil metaphysische Einsicht in einer leicht faßlichen Darstellung zahlreichen Menschen nahezubringen; jedoch es muß versucht werden. Denn in der Tat: überblicken wir das Reich lebendiger Wesen, führen wir unserem Auge die großen Gruppen (oder Klassen) homologer Wesen vor (wie die Vertebraten, die Anneliden, die Krustaceen, die Koniferen, die Phanerogamen usw.), so zweifellos fest charakterisiert, so scharf voneinander geschieden, — betrachten wir wei-

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ter die kleineren Gruppen innerhalb der großen (wie z. B. innerhalb der Vertebraten die Abteilungen der Fische, der Amphibien, der Schlangen, der Vögel, der Säugetiere, oder innerhalb der Phanerogamen die großen Abteilungen der Dikotyledonen und der Monocotyledonen), — und dann weiter die Familien innerhalb der kleineren Gruppen (wie die Huftiere, die Waltiere, die Raubtiere, die Halbaffen, die Nagetiere usw. bei den Säugetieren, oder die großen Familien der Rosaceen, der Kompositen, der Umbelliferen, der Cruciferen usw. bei den Dicotyledonen), versenken wir uns recht tief in diese Betrachtung und ergänzen wir sie durch die Beobachtung der vielen merkwürdigen Analogien zwischen heterogenen Wesensgruppen, von denen die Metameren der Anneliden verglichen mit der Wirbelsäulensymmetrie der Vertebraten ein immer genanntes Beispiel abgeben, gar manches andere aber, wie die Gesichts- und Gehörorgane, die Glieder zur Bewegung durch Luft und Wasser und auf der Erdoberfläche ebenso treffend angeführt werden könnten, so werden wir, insofern die Errungenschaften Çankaras und Kants zu einem lebendigen Bestandteil unseres Bewußtseins geworden sind, uns dem Eindruck nicht entziehen können, daß diese mathematische Bestimmtheit und diese (trotz der phantastischen Fülle von Tier- und Pflanzenformen) dennoch sehr strenge und in Wahrheit sehr enge Begrenzung möglicher Typen für lebendige Gestalten, zum Teil in der Beschaffenheit   u n s e r e s   apperzipierenden Geistes seine Erklärung findet. Da ich nicht die mindeste Veranlassung zu der Annahme habe, daß der Raum als Raum außerhalb meines Bewußtseins existiere, da ich — wenn der Raum auch objektiv existierte — jedenfalls nicht voraussetzen dürfte, daß er den engen Beschränkungen meines Geistes auch selber unterworfen wäre (bekanntlich spielt die Hypothese einer vierten Dimension auch in den empiri-

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schen Hypothesen mathematischer Physiker eine immer größere Rolle), so ist es klar, daß der Schematismus, den mein Verstand dem Raume aufzwingt, auch auf jedes Wesen in seiner Eigenschaft als räumliche Erscheinung gestaltend wirken muß. In welcher Weise diese subjektive Gestaltung auf die unbekannten Ursachen unserer Sinneseindrücke verzerrend sich betätigen mag, entzieht sich jeglicher Erkenntnis; diese Frage gehört zu den verbotenen, weil sie sinnlos wäre, indem sie jeder Möglichkeit der Anschauung entbehrt. Nicht sinnlos, sondern auf endloser Anschauung gegründet, ist dagegen die andere Seite der angedeuteten Einsicht; daß unsere Vorstellungskraft nämlich nur innerhalb gewisser, bestimmter, der Zahl nach beschränkter Schemen sich bewegt, und daß einem jeden dieser Schemen eine bestimmte geometrische Symmetrie zugrunde liegt — eine Symmetrie, welche die Natur uns nirgendswo in einiger Vollendung bietet, welche wir aber trotzdem allen Lebensformen zwangsweise unterschieben, und zwar mit so instinktiver Notwendigkeit, daß selbst dort, wo die Asymmetrie in auffallendster Weise sich kundtut, wir diese als die Umgestaltung eines imaginären symmetrischen Prototyps auffassen und die von der Natur uns gebotene Gestalt erst dann begriffen zu haben meinen, wenn es uns gelungen ist, sie nach der Künstlichkeit unseres a priori Schematismus zu deuten. (Hierzu zahllose Beispiele aus dem Tier- und Pflanzenreiche und ein Verweis auf den naturwissenschaftlichen Teil.)
    Hier wie überall wird der philosophisch minder Begabte auch ohne Eindringen in die metaphysische Seite des Problems die weitere Argumentation verstehen und die allgemeine Einsicht und Theorie mit uns teilen können; der höher organisierte Geist wird dagegen mit Vorliebe gerade bei dieser Betrachtung verweilen und aus ihr die sehr wertvolle Erkenntnis gewinnen, daß die be-

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stimmte Symmetrie lebender Wesen und die beschränkte Zahl der möglichen symmetrischen Schemen, rein metaphysisch betrachtet, höchst wahrscheinlich auf subjektive Zwangsbedingungen unserer Apperzeption und unseres Bewußtseins hinweist.

3. Zur künstlerisch-symbolischen Orientierung: Schutzgeist Schopenhauer.

    In dem Abschnitt „Zur allgemeinen Orientierung“ ist schon auf die Bedeutung des Kunstwerkes hingewiesen worden, das heißt der bis zur Leibhaftigkeit einer Welt für sich ausgestalteten Anschauung. Schopenhauer sagt: In dem Kunstwerk trete die Idee in die Erscheinung, das Genie zeige in ihm der Natur, was sie gewollt und nicht erreicht habe; für den Zweck der vorliegenden Untersuchung muß die durch diese Worte angedeutete Wahrheit anders gefaßt werden. Sobald der Mensch über eine große Anzahl von, durch die Erfahrung gewonnenen Bildern verfügt (wie das bei den Formen lebender Wesen der Fall ist), und er denkend an diese Erfahrungsmasse herantritt, so wird er — gleichviel ob mit oder ohne Bewußtsein — dazu getrieben, durch künstlich-schematische Geistesarbeit Ordnung, Klarheit, Zusammenhang in diese Masse hineinzubringen; Gestalten waren es, die er beobachtet und in der Schatzkammer des Gedächtnisses aufbewahrt hatte, er selber aber tritt gestaltend an sie heran. Dieser Trieb ist daher offenbar ein künstlerischer; er betätigt sich in jeder theoretischen Naturwissenschaft. Je bedeutender nun die auf diesem Wege erreichten Ergebnisse, um so mehr tut sich in ihnen das Künstlerisch-Schöpferische kund, wozu die Zoologie des Aristoteles und die „natürlichen Systeme“ des Jussieu, des Cuvier und andere als überzeugende Beispiele dienen können. Es mag sein, daß ein Naturforscher niemals das Epitheton „Genie“

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verdiene (wie Kant behauptet), weil das rein Schöpferische bei ihm notwendigerweise der Beobachtung in einem gewissen Grade stets untergeordnet und von ihr allseitig eingeengt bleibt; ein derartig theoretisierender Naturforscher ist aber dem künstlerischen Genie gewiß stammverwandt, und in der Person des großen Goethe sehen wir das unzweifelhafteste dichterische Genie, ohne jemals den Boden der empirischen Beobachtung zu verlassen, in den Naturwissenschaften schöpferisch gestaltend — weil mit höchster dichterischer Anschauungskraft begabt — wirken. Dieses zugegeben, so müssen wir fragen: was ist der Sinn und die Bedeutung dieses in den Naturwissenschaften sich betätigenden künstlerischen Triebes? Und da wird die Antwort für uns anders als für Schopenhauer ausfallen Nicht der Natur zeigen wir, was sie wollte, wohl aber uns selbst, was wir wollen! Dieser unwillkürliche Trieb zur Aufstellung von „Typen“, dieses Bedürfnis nach Symmetrie ist zunächst nicht etwas aus der Beobachtung der Natur Entnommenes, sondern der Ausfluß einer inneren ästhetischen Anlage. Die Ästhetik, ich meine, der ästhetische Trieb streckt eben seine Arme sehr weit aus, nach den verschiedensten Seiten; überhaupt ist die Scheidung unserer geistigen Tätigkeit in verschiedene Fächer doch nur ein Notbehelf für die Wissenschaft der Psychologie, in Wahrheit bilden die metaphysische, die logische, die moralische, die ästhetische sowie die anderen Anlagen unseres Geistes ein einziges Geflecht, nur daß an einer Stelle der eine Faden, an einer anderen der andere obenauf liegt. Die Verwandtschaft zwischen der metaphysischen Notwendigkeit, die Erfahrungen nach bestimmten Normen zu apperzipieren (auf die ich im vorigen Abschnitt hindeutete) und dem eingeborenen ästhetischen Trieb, die in der Natur (unter Mitwirkung dieser a priori Bestimmungen) geschauten Formen auf   i d e a l i s t i s c h e

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T y p e n   zurückzuführen, welche Typen nicht die Natur uns bietet, sondern unsere eigene schöpferische Anlage hinstellt, ist offenbar. Wir werden aber wohl tun, diese beiden Äußerungen der Geistesbeschaffenheit, welche in subjektiver Weise gestaltend und umgestaltend auf unsere Erfahrungen wirken, auseinanderzuhalten. Der aus der transzendentalen Idealität der Anschauungsformen sich mit Sicherheit ergebende subjektive Bestandteil unserer Vorstellungen von Gestalten hat etwas starr Notwendiges, Unabänderliches, außerdem entzieht er sich jeder Schätzung, jeder Bestimmung; dagegen ist der ästhetische Trieb zur Typenbildung etwas viel Faßlicheres, wir können hier viel eher dazu gelangen, uns selbst am Werke zu beobachten, denn hier herrscht nicht das Starre ein für allemal, sondern es zeigt sich eine bedeutende schöpferische Freiheit. Die großen Geister der Menschheit haben verschiedene künstlerische Schemata der Lebensformen aufgestellt, sie haben verschieden gebunden und verschieden getrennt: die Auffassung, die Goethe bei seiner Metamorphose der Pflanzen und bei seinen zooanatomischen Studien leitet, ist z. B. eine wesentlich andere als diejenige, welche es Cuvier ermöglicht, die vergleichende Anatomie zu einer neuen Wissenschaft umzugestalten, und wiederum ganz anders ist die Vorstellung, welche Darwin vorschwebt; — auf das alles wird im weiteren Verlauf ausführlich zurückzukommen sein. Einstweilen muß es genügen, darauf aufmerksam gemacht zu haben, daß bei unseren Vorstellungen der zahllosen Formen, in denen das Leben sich äußert, ein künstlerisch schaffender Trieb tätig ist, und zwar nicht bloß ein Trieb, der allen Menschen in gleichem Maße und in gleicher Art zu eigen wäre (wie jener gestaltende transzendentale), sondern ein in sehr verschiedener Potenz auftretender, von der Kraft der Anschauung abhängender Trieb, der sich bei außerordent-

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lichen Köpfen zu der Bedeutung eines durchaus Persönlichen, Individuellen hindurchringt.
    Eins muß aber noch hinzugefügt werden. Allem Künstlerischen haftet etwas   S y m b o 1 i s c h e s   an, und wo außerhalb der eigentlichen künstlerischen Tätigkeit doch die künstlerische Seite unserer Natur mitschafft — wie hier bei der Typenbildung — da werden wir immer das symbolische Element antreffen. Auch das Symbol ist eine Notwendigkeit für den menschlichen Geist, und zwar eine, welche dem künstlerischen Trieb, Typen zu schaffen, eng verwandt ist. Wir vermögen es nicht, eine Mannigfaltigkeit zu gleicher Zeit in der denkenden Anschauung zu betrachten, und so treffen wir die Bestimmung, daß Eines für Vieles zu gelten habe; es kann dieses Eine ein Individuum sein, noch häufiger aber ist es der auf künstlerischem Wege geschaffene   T y p u s;   denn unser Geist operiert immer lieber mit idealen Konstruktionen als mit den von der Erfahrung gelieferten Gebilden. Ich unterscheide aber ein   S y m b o l   (ich würde heute statt Symbol   S c h e m a   sagen. Mai 1901) von einem Typus, weil der Typus zwar ein künstlich-künstlerisches Gebilde ist, nichtsdestoweniger aber eine vollkommene, in allen Teilen ausgeführte Gestalt, währenddem beim symbolischen Gebrauche das gedankliche Element vor dem gestaltlichen vorwiegt. Der Typus gilt für das Anschauungswerk, es hilft uns dieses vereinfachen; das Symbol dient demselben Zwecke auf dem Gebiete des Denkens. Darum ist es ziemlich biegsam und immer bereit, möglichst viele Bestimmungen abstreifen zu lassen, um auf diesem Wege, ohne alle Gestalt zu verlieren, doch immer abstrakter zu werden. Das Symbol hängt eben, nach der anderen Seite zu, eng mit den philosophischen Bedürfnissen unseres Geistes zusammen. Wie wir große Berechnungen und alle ins Philosophisch-Allgemeine hinaufreichende mathematische Probleme nur mit

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Zuhilfenahme algebraischer Symbole durchzuführen vermögen, wobei jeder Buchstabe zwar eine konkrete, genau zu bestimmende Zahlengröße bedeutet, uns aber während der Operation als solche kaum oder gar nicht gegenwärtig ist, ebenso bedürfen wir für alle umfassenden Geistesoperationen der Symbole, d. h. Zeichen, die möglichst der konkreten Bestimmung entledigt sind. Natürlich läßt sich das auf keinem Gebiete so weit durchführen, wie bei der bloßen Zahlengröße (schon die Geometrie muß als Symbol den Typus benützen); was jedoch niemals außer acht gelassen werden sollte, ist, daß alle großen Generalisationen, also auch diejenigen, die wir aus der Naturbeobachtung direkt abzuleiten wähnen, durch diese Beschaffenheit unseres Geistes, eher mit Worten als mit Dingen operieren zu können, stark beeinflußt sind. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: In einigen wenigen Exemplaren wurden Überreste eines reptilienartigen Vogels aufgefunden, sie wichen in manchen Einzelheiten voneinander ab und waren überhaupt nur fragmentarisch als Versteinerung vorhanden, — dies ist, was die tatsächliche Beobachtung der Natur uns geliefert hat; hierauf wurde ein Typus konstruiert und   A r c h a e o p t e r y x   genannt; daß ein tatsächliches Individuum jemals diesem Typus genau entsprach, ist nicht anzunehmen, alle Individuen weichen voneinander ab, und was wir Menschen als frei schaffende Künstler für die Vollendung einer Gestalt halten, ist der Natur ein Fremdes; sobald wir uns aber um nur ein weniges von dem Beobachteten entfernt haben, fühlen wir uns auf einmal wie entfesselt, und so gelangten wir auch hier recht bald zu dem Begriff eines „Urvogels“, der die Eigenschaften des Reptils mit denen des Vogels vereinigt gezeigt hätte, und zwar in durchgreifenderem Maße als dies beim   A r c h a e o p t e r y x   der Fall. Eine ungesehene Gestalt vermag sich aber der Mensch niemals vorzustellen; dieser

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„Urvogel“ bleibt daher halb Begriff, halb Vorstellung, dient aber unserem Geiste für seine kühnen Operationen — namentlich in diesem Falle der Evolutionstheorie, welche dieser Zwischenform bedarf — als ein Symbol, mit dem er ebenso bequem und ungeniert umgeht, wie mit dem X und dem Y irgendeiner beliebigen künstlich erdachten Gleichung, unbekümmert, ob die Natur jemals etwas diesem Symbol Entsprechendes gekannt hat. — Die geheimnisvolle Gewalt der symbolisierenden Tendenz unseres Geistes erstreckt sich jedoch noch ferner. Hier wird es nötig sein, auf die Bedeutung des Symbols in Kunst und Religion einzugehen und, hieran anknüpfend, nachzuweisen, welche Rolle das Symbolische in unseren Vorstellungen der Natur spielt (auch in der allermodernsten, angeblich rein empirischen), namentlich für die Verkettung des Fernliegenden und für die kühne Durchschauung der Verwandtschaftsmomente heterogenster Wesen. Durch die Erkenntnis der sehr subjektiven Natur des Denk- und Empfindungsvorganges, durch welchen wir zu diesen Verkettungen und zu diesen Ahnungen von Verwandtschaftsbeziehungen gelangen, lernen wir Vorsicht. Es geht doch offenbar nicht an, Beziehungen, die wir erst den von uns erdachten Typen und Symbolen entnehmen, ohne weiteres auf die Natur und auf die Lebensformen, die sie uns bietet, überzutragen, namentlich nicht in der kindischen Weise zu übertragen, daß wir ohne weiteres auf Blutsverwandtschaft schließen, wo doch sehr leicht möglicherweise bloß eine Analogie der notwendigen Bildungsgesetze vorliegt — Bildungsgesetze außerdem, bei denen die umbildende, nach gewissen gegebenen, subjektiven Notwendigkeiten zwangsweise gestaltende Mitwirkung unseres Geistes, wie in obigen Paragraphen dargetan, anzunehmen ist, und zwar als eine unwillkürlich schematisierende, symmetrisierende, typenbildende und symbolisierende Mitwirkung.

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    Wahrhaft objektiv ist einzig diejenige Naturbetrachtung, die mit einer Kritik des beobachtenden Subjekts beginnt. Theoretische Naturwissenschaft kann es ohne Metaphysik und Ästhetik, ohne Fühlung mit Religion, Philosophie und Kunst nicht geben.

4. Zur naturwissenschaftlichen Orientierung: Schutzgeist Goethe.

    Gleich im ersten Paragraphen stellte ich es als mein leitendes Prinzip auf, daß bei der denkenden Betrachtung der Natur wir vor allem darauf bedacht sein sollten, der   A n s c h a u u n g   den weitesten Spielraum zu verschaffen und ihr darin die freieste Herrschaft zu lassen. Die vorhergehenden Ausführungen verfolgen nun vorzüglich diesen Zweck. Wir werden es natürlich niemals vermögen, die apriorischen Elemente aus unseren Beobachtungen und aus unserem Denken zu entfernen; darüber aber Klarheit zu besitzen, bedeutet eine Vorschule wahrhaft objektiver Betrachtung; das Wissen von diesen Dingen dient auch gar häufig, sei es als Warnung, sei es als Korrektiv, sei es auch als wegweisender Leitstern; im Verlaufe dieses Unternehmens wird sich das häufig zeigen. Diese vorangeschickten philosophischen Erörterungen verfolgen jedoch zunächst den einen Zweck: der Anschauung größtmögliche Freiheit zu verschaffen. Sobald wir von der Selbstkritik zur Betrachtung der Natur hinübergehen, haben wir dieser frei und offen ins Auge zu schauen; gewarnt freilich gegen die vielen Selbsttäuschungen, sonst aber vertrauensvoll und unbekümmert.
    Während also alles bisherige nur die Bedeutung einer einleitenden Betrachtung besitzt, treten wir hier in den eigentlichen, ungeheuer umfangreichen Gegenstand der Untersuchung ein. Es ist recht schwer, im voraus zu bestimmen, welchen Gang die Darstellung und die Argumen-

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tation hier zu nehmen haben werden; es hängt dabei zu viel von dem Stoff ab, der erst durch planmäßige Studien zu beherrschen wäre, dann aber den rechten Weg schon weisen wird. Vielleicht mache ich mich an diesem Ort am ehesten verständlich, wenn ich mit dem Ergebnis meines vieljährigen, jedoch nicht planmäßigen, sondern eher unbewußten oder mindestens unbeabsichtigten Denkens und Schauens beginne und erst später einige Gedanken über die Ausführung einer systematischen Darlegung hinzufüge.
    Der Kernpunkt meiner Auffassung ist nun folgender: (ich bin genötigt, einen Satz nach dem anderen aufzustellen, und bitte, dem Gedankengang mit einiger Geduld und Ausdauer zu folgen).
    Die Natur zeigt uns die Variabilität der Gestalten als ein in sehr verschiedenen Graden waltendes, jedoch vielleicht ausnahmslos anzutreffendes Lebensgesetz. Zwei Individuen desselben Geschlechtes sind sich niemals gleich; daß wir sie zu einem Begriff vereinigen, ist schon ein Werk der Abstraktion, der Vernunft. Neben dieser Variabilität zeitgenössischer Wesen desselben Stammes finden wir aber eine weit bedeutendere, die Variabilität aller Formen (oder fast aller) im Verlauf der aufeinanderfolgenden Zeiten; wie wir das Individuum sich entwickeln, einen Höhepunkt der Ausbildung erreichen und dann in Verfall und Tod sinken sehen, ebenso sehen wir Arten, Gattungen, ganze Gestaltungsgruppen (Familien nennt sie die Systematik) auftreten, sich in zunehmender Mannigfaltigkeit über die Erde verbreiten und dann wieder verkümmern und verschwinden. Insofern ist ohne Frage jedes Dogma von der Unveränderlichkeit der Arten als eine künstliche, der Erfahrung widersprechende Voraussetzung abzuweisen. Für das andere Dogma aber, welches augenblicklich unsere Wissenschaft und unser ganzes Denken

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beherrscht, die Annahme, daß heterogene Gestalten voneinander   a b s t a m m e n,   und daß sämtliche lebende Wesen durch den Besitz eines gemeinsamen Urstammes materiell verwandt und nur durch allmähliche Entwicklung in bezug auf Gestalt und Eigenschaften voneinander nach und nach abgewichen seien — für diese „Evolutionshypothese“ spricht in Wahrheit keine einzige Beobachtung, sondern das Ganze ist eine a priori Konstruktion des Menschengeistes, der in dieser scheinbar einfachen, in Wahrheit jedoch grenzenlos komplizierten und überall zu haarsträubenden Absurditäten führenden Theorie eine Befriedigung seiner allerplattesten logischen Bedürfnisse findet und nunmehr jede Beobachtung daraufhin deutet. Wenn wir uns dagegen damit bescheiden würden, dasjenige, was die Natur uns darbietet, mit klarem, durchdringendem Blick anzuschauen, ohne nach Erklärungen, die gar nicht erklären, zu suchen, sondern einzig von dem Wunsche beseelt, das, was wir mit dem Auge erblicken, im Denken klar widerzuspiegeln, so dürften wir zu einer Anschauung gelangen, die zwar minder kühn wäre, in Wahrheit aber weit großartiger und von weittragender Bedeutung für unsere ganze philosophische Weltauffassung.
    Die Natur zeigt uns auf dem Gebiete des Lebendigen folgendes:   G e s t a l t e n, — Gestalten, die eine gewisse plastische Beweglichkeit besitzen, welche sich im Verlaufe des individuellen Lebens wenig, im Verlaufe des durch geschlechtliche oder ungeschlechtliche Generation unmittelbar fortgesetzten Daseins dieses Individuums manchmal sehr eingreifend kundtut; diese Gestalten sehen wir aber trotz aller Beweglichkeit nichtsdestoweniger einem ganz bestimmten, mittleren Bildungsgesetz gehorsam bleiben: — ich verstehe hier unter „Bildungsgesetz“ ein Gesetz von Zahl, von symmetrischen Verhältnissen, von Orientierun-

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gen der verschiedenen Teile einander gegenüber usw. Wie ein Pendel hin- und herschwingt, diese Fähigkeit aber der Tatsache verdankt, daß er einen festen, unverrückbaren Angelpunkt besitzt, ebenso entnehmen wir aus der Betrachtung der Lebensformen zwei Beobachtungen: ihre   V e r ä n d e r l i c h k e i t   und ihre   B e h a r r l i c h k e i t,   und zwar ist diese zweite Eigenschaft — die Beharrlichkeit — das Primäre, überall ausnahmslos Anzutreffende, also offenbar der Ausdruck eines obersten Gesetzes, während die Veränderlichkeit erst in zweiter Reihe der Anschauung sich aufdrängt, und zwar in sehr wechselndem Maße, denn wir finden Gestalten, welche die unermeßlichen Zeiten mehrerer aufeinanderfolgender geologischer Epochen unverändert durchlaufen, und jeder Naturforscher weiß, daß, wenn es auch bei den jetzt lebenden Pflanzen und Tieren Gruppen gibt, die einer schier endlosen Variabilität unterworfen sind, so daß nicht zwei Sachkenner den Artbegriff bei ihnen in gleicher Begrenzung fassen, andere dagegen so stabil sind, daß es der genauesten Beobachtung bedarf, um auch nur eine Spur jener Pendelbewegung bei ihnen zu entdecken. Der menschliche Geist, immer zur Einseitigkeit geneigt, hat zu gewissen Epochen die Beharrlichkeit, zu anderen die Veränderlichkeit seinen Deutungen der Natur zugrunde gelegt; wir dagegen wollen versuchen, beides im Auge zu behalten, jedoch unter steter Berücksichtigung der aus der Anschauung sich ergebenden Tatsache, daß die Beharrlichkeit des Bildungsgesetzes (ich wiederhole es) das Primäre ist, was wir aus der Anschauung entnehmen, die Veränderlichkeit, das Sekundäre. Wollen wir also die Natur in ihren Lebensgestalten uns gedanklich deuten, so werden wir dieses Verhältnis nicht umkehren dürfen.
    Ich sagte, das Leben zeige uns Gestalten; es zeigt uns wirklich weiter nichts. Daß die Begriffe Gattung, Familie,

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Ordnung, Klasse, Reich usw. das Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen dem, was die Natur unserer Anschauung bietet, und dem Bedürfnis unseres Denkapparates sind, leuchtet wohl einem jeden ein. Wer aber an das Problem der Lebensgestalten herantritt, darf vor allem auch darüber nicht im unklaren bleiben, daß es mit dem Begriffe einer   A r t   (einer Spezies) ebenso bestellt ist. Gewiß ist dieser Begriff der mindest abstrakte in dieser Reihe und er enthält am meisten Anschauung; nichtsdestoweniger könnte er ohne die Mitwirkung der in den vorangehenden Paragraphen genannten, notwendig gestaltenden Eigenschaften unseres Geistes nicht entstehen. Die Dehnbarkeit und unsichere Begrenzung dieses Begriffes ist dem praktischen Naturforscher wohlbekannt; die Bestimmung dessen, was man nach unten zu lieber als bloße Variation, nach oben zu lieber als Gattung auffassen sollte, ist der Willkür des einzelnen Systematikers so ziemlich überlassen; der Gestaltungskreis, der in einer kleineren Familie die Aufstellung eines besonderen Genus oder einer selbständigen Art unbedenklich rechtfertigen würde, erhält in einer sehr großen Familie nur die Würde eines „Subgenus“ oder einer „Rotte“. Die Natur bietet uns eben gar keine „Arten“, sondern nur Individuen, und der von uns im Laufe der Zeit (von Aristoteles bis Linnäus) ausgebildete und jetzt geläufige Begriff der „Art“, so einfach und sicher er im Gebrauch des gewöhnlichen Lebens erscheint, wird um so unbestimmter und wankender, je weiter unser Anschauungskreis sich ausdehnt. Es hat darum etwas fast kindlich Naives, wenn man Bücher „Über die Entstehung der   A r t e n“   schreibt, in welchen dieser so entscheidenden, subjektiven Mitwirkung unserer Phantasie und unseres Denkens mit keiner Silbe gedacht wird. Die reine Empirie, auf die heute so viel gegeben wird, überliefert uns in Wahrheit mit gebundenen Händen und Füßen

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der blinden Tyrannei anonymer Zwangsvorstellungen. Das Nonplusultra des Absurden wird wohl erreicht, wenn wir — über die Entstehung der Arten diskutierend, d. h. also, den Begriff der Art unserer ganzen Betrachtung als Voraussetzung zugrunde hegend — zu dem Schlusse gelangen, es gäbe keine Arten! Weder Geoffroy Saint-Hilaire, noch Lamarck, noch Darwin sind als Denker Männer allerersten Ranges; Cuvier, trotz seiner eigensinnig einseitigen Betonung des Beharrlichkeitsprinzipes, überragt sie offenbar um eine Haupteshöhe und leistet auch für die wahre Wissenschaft, d. h. für die Klarheit und Intensität in der Anschauung der Natur weit mehr, ja Ewiges. Der ganze Evolutionsrummel hat nur vorübergehenden Wert; er ist die Übertreibung einer richtigen Beobachtung ins Maßlose: seine Bedeutung besteht aber lediglich in der großen Ansammlung von neuen, tatsächlichen Beobachtungen, die wir seiner Anregung verdanken, nicht in seinem Ideengehalt. Dieser, im Gegenteil, entspricht einer Verflachung und dient nur einer weitergehenden Verflachung; dadurch ist die Evolutionslehre zu einer öffentlichen Kalamität geworden, gegen die nur durch Rückkehr zur heilig-einfachen Anschauung der Natur, unterstützt durch die denkende Anschauung der in uns selbst innerlich gestaltenden Natur reagiert werden kann. Der erste Schritt hierzu ist die sorgliche klare Trennung des tatsächlich Geschauten von dem durch unsere gedankliche Mitwirkung Hinzugekommenen. Dies bezwecke ich hier und stelle also zunächst fest, daß die lebendige Natur uns   G e s t a l t e n   zeigt, weiter nichts; Gestalten, die bei aller Veränderlichkeit und Anpassungsfähigkeit an wechselnde Lebensbedingungen sich nur um ein gegebenes, beharrendes Bildungsgesetz, eine „ewige Norm“ (wie Goethe im „Faust“ sagt) bewegen.
    Schreiten wir nunmehr zu einer näheren Bestimmung.

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    Die Natur bietet uns nicht allein zahllose lebende Individuen, sondern eine ungeheuer große Anzahl verschiedener Gestalten. Unter Pflanzen allein hat man — ohne die nur als Versteinerungen bekannten mitzuzahlen — gegen eine halbe Million unterschiedener Gestalten (Arten) beschrieben; für das Tierreich ist dieselbe (?) Zahl nicht zu hoch gegriffen. Offenbar wäre es ganz unmöglich, eine derartige Mannigfaltigkeit sich überhaupt nur vorzustellen, wenn nicht die Natur unserem eingeborenen Bedürfnis nach Vereinfachung (siehe § 1—3) entgegenkäme. Und in der Tat, alles Lebendige läßt sich auf eines oder das andere von ganz wenigen Schemen, was ich oben „Bildungsgesetze“ nannte, zurückführen. Schematisiert man nicht willkürlich, sondern nimmt die großen Lebenstypen in der weit umfassenden Einfachheit, in welcher die Anschauung sie uns unmittelbar zuführt, so sind es ihrer so wenige, daß die Finger unserer zwei Hände zur Aufzählung hinreichen. Zunächst tritt das Leben nicht in hundert, auch nicht in zwanzig verschiedenen Grundformen auf, was doch an und für sich sehr denkbar gewesen wäre, sondern in nur zwei — es ist entweder Pflanze oder Tier. Nehmen wir nun im Pflanzenreiche zwei und im Tierreiche acht Grundtypen an, so sind wir eher zu weit gegangen, als nicht weit genug; dies wird später noch mehr auszuführen sein. Wesentlich ist einstweilen die Einsicht, daß alle Formen des Lebens nach ganz wenigen, schematisierten Grundrissen gestaltet sind. Wir haben z. B. bei den Tieren die große Klasse der das Meer bewohnenden Sternförmigen, wo das oberste Gesetz der Symmetrie die strahlenförmige Anordnung ist, rings um einen organischen Mittelpunkt (der meist auch mit dem mathematischen Mittelpunkt sehr nahe zusammenfällt). Bei der fast unübersehbar großen Klasse der Anneliden dagegen ist die Wiederholung einer (prinzipiell) unbeschränkten

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Zahl gleichwertiger, aneinandergereihter Körpersegmente das eine Bildungsprinzip, wozu dann die Symmetrie der zwei Hälften eines jeden Segments, rechts und links der Längsachse, als Übereinstimmung und (häufig) die Symmetrie einer Rücken- und einer Bauchseite als einander ergänzender Kontraste gestaltend hinzukommt. Bei den Insekten ist, trotz ihrer geradezu phantastischen Mannigfaltigkeit, die Beschränkung auf einen bestimmten, unabänderlichen Bildungstypus höchst auffallend; auch hier haben wir die Symmetrie der Körperhälften, rechts und links der Längsachse, dazu die scharfe Kontrastierung der Rücken- und Bauchseite; die Körpersegmente sind hier ganz scharf voneinander getrennt und differenziert; es gibt aber deren immer nur drei, nie mehr, nie weniger; überhaupt herrscht hier die starre Zahlregelmäßigkeit: der Kopf trägt die Sinnesorgane und die Werkzeuge zur Ernährung, je zwei und zwei, der Thorax trägt die Organe der Lokomotion, sechs Beine und zwei oder vier Flügel, der Abdomen enthält die Verdauungs- und Fortpflanzungsorgane. Sehr stark kontrastiert mit dieser wankellosen Regelmäßigkeit die ungeheure Mannigfaltigkeit innerhalb des Bildungsgesetzes, das man als das der „Vertebraten“ zu bezeichnen pflegt. Es genüge der Hinweis darauf, daß hier der Fisch, die Schlange, der Vogel, der Mensch als ein und demselben Schema gehörig betrachtet werden! Der gemeinsame Besitz einer Wirbelsäule mit einer symmetrischen Verteilung der Organe rechts und links von dieser Längsachse genügt, um diese so gänzlich heterogenen Wesen mit Recht als von demselben morphologischen Bildungsgesetz beherrscht zu betrachten. — Was ich hier fühlbar machen will, ist nun einstweilen nur: 1. daß es prinzipiell verschiedene Schemata gibt; 2. daß es deren (in diesem weitesten Sinn eines allgemeinen Bildungsgesetzes) nur wenige gibt. Bei den Tieren z. B. ge-

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hören mindestens eine halbe Million verschiedenartiger Gestalten (die in ungezählten Milliarden die Erde bewohnen) nur etwa höchstens acht Grundtypen an; noch einfacher ist das Verhältnis bei den Pflanzen, ja es wird zu untersuchen sein, ob diese nicht ungezwungen auf einen einzigen Bildungstypus zurückzuführen wären.
    Nun ist es aber Zeit, mit unseren Betrachtungen aus dem ersten Paragraphen wieder einzusetzen: der Begriff eines Grundschemas für ganze Gestaltungsklassen ist nicht ohne Willkür; der eine Systematiker faßt ihn enger, der andere weiter; es handelt sich hierbei offenbar nicht bloß um Anschauung, sondern um Anschauung   p l u s   menschliches Denken. Den Stoff zu diesen Schemen geben uns Arttypen, und diese Arttypen abstrahieren wir aus geschauten Individuen; daraus, daß zwei der Gestalt nach gänzlich verschiedene Individuen einem selben großen Typus (sagen wir den Koleopteren) angehören, oder gar vielleicht bloß demselben noch allgemeineren Schema (z. B. den Insekten). Beides, Typus und Schema, Erzeugnisse unserer abstrahierenden Denktätigkeit — werden wir zunächst auf keine irgendwie materiell abzuleitende   V e r w a n d t s c h a f t   schließen dürfen, mit Ausnahme der Verwandtschaft in unserem eigenen Geiste; wir können nur sagen: diese zwei Exemplare lebender Organismen sind unter dem Einfluß ähnlicher Bildungsgesetze entstanden; weiter nichts. Diese Betrachtung kann aber auch in umgekehrter Richtung angestellt werden: wir können — ohne den heilsamen Boden der Anschauung zu verlassen — die Gesetzmäßigkeit in der Gestaltenbildung lebender Wesen nach oben zu verfolgen und uns fragen, ob nicht wirklich ein gut Teil Willkür und praktischer Zweckmäßigkeitsrücksichten bei der Aufstellung ihrer wenigen Grundschemen, wenigstens in ihrer angeblichen Bedeutung als Grenzpfeiler, am Werke waren? Und ob

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wir nicht unschwer eine große, allgemeine, allumfassende   E i n h e i t   des Bildungsgesetzes für lebende Wesen auffinden könnten? Das wird an Ort und Stelle auszuführen sein: einstweilen möge zur Verdeutlichung der hinweis genügen auf die Analogie zwischen der Symmetrie der sternförmigen Tiere und derjenigen der Blumen der Phanerogamen, der Archegonien der Moose usw.; eine Symmetrie, die aber auch sonst vielfach gestaltend bei den Pflanzen auftritt; ich erinnere nur an die Anatomie des Stammes der Dicotyledonen; allerdings ist bei den Pflanzen auch dasjenige Bildungsgesetz tätig, welches man am besten mit dem mathematischen Symbol ∞ bezeichnen würde, die Unbegrenztheit; um die unbegrenzte Längsachse des Stammes gruppieren sich aber die Seitenorgane nach verschiedenen, mathematisch genau bestimmten Systemen (1/2, 2/5, 3/8 usw.), welche alle sich ungezwungen auf das strahlenförmige mit längsgezerrter Achse zurückführen lassen; auch die Bilateralität und die Dorsozentralität sind in den meisten Blättern, sowie in den Blüten und Geschlechtsorganen ausgeprägt. Alle diese aus der Anschauung entnommenen Erwägungen weisen auf ein großes, allgemeines, einheitliches Bildungsgesetz lebender Formen, welchen gegenüber unsere Hauptschemen oder Typen nur untergeordneten Wert besäßen, in derselben Weise, wie der Typus einer Familie dem einer Klasse untergeordnet ist. Zwei Gründe sprechen für diese Einheit des Bildungsgesetzes: das, was die Anschauung uns liefert, sodann das Bedürfnis unseres eigenen Geistes nach Einheitlichkeit auf allen Gebieten.
    Ich glaube, man merkt schon, worauf diese ganze Betrachtung hinzielt: ich will der Anschauung und dem Denken alle Freiheit wahren: nach oben zu will ich mir mein Recht nicht verkümmern lassen, in sämtlichen Gestalten des Lebens ein einheitliches Bildungsgesetz zu ent-

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decken — wenn ich's vermag, unbekümmert um alle „Klassifikationen“ und ihre Dogmen; nach unten zu, dort, wo die Anschauung das sichtende Denken überwuchert, will ich es nicht gestatten, daß der zum Artbegriff verdichtete, künstlich-künstlerische Typus als ein Schleier mir sowohl über meine gesunde Anschauung wie über mein gesundes Denken geworfen wird, indem nämlich
einerseits das tatsächlich Beobachtete unendlich viel einfacher und regelmäßiger mir von der Wissenschaft dargestellt wird, als es in Wahrheit ist, und andrerseits ich zu logischen Schlüssen gezwungen werden soll, für die ich in der Natur nicht den geringsten Anhalt finde, wie z. B. zu der Annahme, daß zwei mehr oder weniger ähnliche Wesen blutsverwandt sein müssen, wo ich nicht einmal Grund zu der Annahme habe, daß zwei vollkommen identische Wesen eine andere Verwandtschaft besitzen als diejenige, welche mein Denken ihnen beilegt.
    Alles Vorausgehende ist sehr kurz; es sind nur Andeutungen eines Gedankenganges, der ausführlich dargelegt werden müßte, von zahlreichen Beispielen unterstützt. Hoffentlich aber genügt das Gesagte, damit der Kernpunkt meiner Auffassung, meiner „Theorie“ (wenn man will) nicht unverstanden bleibt. Ich will ihn nunmehr zu begründen und zu formulieren versuchen.
    Was zeigt uns die Anschauung? Sie zeigt uns Schemen oder Typen verschiedener Ordnung, je nachdem es unserem Geiste gefällt, den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit auf größere oder geringere Spezifikation zu richten. Ein lebendes Wesen ist zunächst entweder Tier oder Pflanze. Ist es ein Tier, so gehört es entweder zu den Protozoen oder den sternförmigen oder zu den Anneliden oder zu den Insekten usw.; ist es ein Insekt, so ist es nach einem von dreizehn Typen gestaltet und gehört folglich entweder zu den Hymenopteren oder zu den Lepidopteren

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oder zu den Apteren oder zu den Koleopteren usw.; ist es ein Koleoptere (ein Käfer), so reiht er sich wieder in diese oder jene der zahlreichen, scharf charakterisierten Gruppen ein; innerhalb der Gruppen finden wir die verschiedenen Typen der Gattungen, die noch recht viel Schematisches an sich haben; schließlich kommt dann die Art, welche angeblich nur noch typisiert und gar nicht schematisiert ist, da sie mit den von der Natur gebotenen Individuen identisch sein soll. Letzteres ist, wie schon früher hervorgehoben, durchaus nicht wahr; vielmehr ist die   A r t   schon ein Produkt, und zwar zu allermeist ein recht schwankendes, undeutlich begrenztes Produkt unseres Geistes. Was man bei näherer Betrachtung dieser Übersicht bemerken wird, ist, daß je allgemeiner, je umfassender ein solches Schema ist, um so   b e s t i m m t e r   i s t   e s,   u m   s o   s i c h e r e r   i m   G e b r a u c h e.   Wenn man von einigen mikroskopisch kleinen Wesen absieht, deren große Einfachheit sie kaum weder zu den Tieren noch zu den Pflanzen zählen läßt, so kann jedes Kind von einem lebendigen Organismus aussagen, ob es Tier oder Pflanze sei, und sagt damit etwas ganz Bestimmtes, Entscheidendes, Inhaltsreiches aus, trotzdem die Aussage die Wahl unsicher läßt zwischen vielen Hunderttausenden von Gestalten. Auch die Bestimmung der Zugehörigkeit zu einer der großen Klassen möglicher Gestaltung ist reich an Gehalt: sage ich von einem Tiere aus, es sei ein Insekt, so habe ich sowohl positiv wie negativ eine ganze Menge der wichtigsten Bestimmungen ausgesprochen, sichere, unwandelbare Wahrheiten erster Ordnung. Die Familien innerhalb der Klassen sind zum Teil auch noch sehr scharf bestimmte Begriffe, zum Teil aber nicht; hier beginnt schon die Herrschaft der Willkür und der — angeblich wissenschaftlichen — Spielerei. Die Gruppen stimmen nicht in zwei Klassifikationssystemen überein, und bei den Gattun-

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gen und Arten ist das Durcheinander unentwirrbar; was dem einen als Art gilt, also als Kollektivname für tatsächlich vorhandene Individuen, gilt dem anderen Naturforscher als Gattung, also als Abstraktion! — Man sieht, wie schwer es ist, hier reines Haus zu halten und die typenbildende Anlage unseres Geistes von der tatsächlichen Beobachtung der Natur zu trennen. Aus diesen Erwägungen ergibt sich nun folgendes wichtiges Resultat:   d i e   U r t e i l e ,   d i e   u n s e r   D e n k e n   ü b e r   a n g e s c h a u t e   G e s t a l t e n   f ä l l t,   s i n d   u m   s o   z u v e r l ä s s i g e r,   b e s t i m m t e r   u n d   i n h a l t s r e i c h e r,   j e   g r ö ß e r   d i e   A n s c h a u u n g s m a s s e,   a u f   d i e   s i e   s i c h   s t ü t z e n. Wir werden folglich eher imstande sein, etwas Zuverlässiges, Bestimmtes und Inhaltsreiches über die Gestaltungsgesetze des gesamten Tierreiches oder einer großen Klasse des Tierreiches auszusagen, als über diejenigen einer Familie oder gar einer Gruppe oder einer Gattung oder einer Art. Man mißverstehe mich nicht: die Beobachtung der Natur kann nur an einzelnen Individuen stattfinden, alle induktive Wissenschaft wird stets vom Konkreten ausgehen, und erst von da aus immer höher steigen; das Denken — also das vernunftgemäße Theoretisieren über das durch die Anschauung und durch weise Induktion Gewonnene — das Denken dagegen   m u ß   den umgekehrten Weg einschlagen, soll es zu Ergebnissen führen, die harmonisch zu dem Anschauungsbild stimmen, und zwar muß es das aus dem einen hinreichenden Grunde, damit seine Strukturen auf einer möglichst breiten Grundlage der Anschauung ruhen. Je beschränkter der Stoff an konkreter Beobachtung, je individueller, um so unsicherer kann das Denken damit operieren. Hieraus folgt nun, daß wir ein Problem wie dasjenige der Gestalten lebender Wesen (mit anderen Worten der „Arten“) nicht am kleinen Ende, sondern am großen Ende anfassen müßten;

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nicht das Detail einzelner Beobachtungen über die Veränderlichkeit der Tauben usw. (Darwin) kann uns hier den Weg weisen, — alle diese empirischen Methoden können nur zu Beobachtungen und immer wieder zu Beobachtungen führen, nicht zu Gedanken und gedanklichen Erfassen —‚ sondern wir müssen mit den allerallgemeinsten Sätzen beginnen, und zwar weil diese die meiste Anschauung enthalten, und von hier aus vorsichtig weiterbauen, so weit es geht.
    Der allgemeinste Satz nun, den wir aus der Anschauung entnehmen, ist folgender:   d a ß   d a s   L e b e n   a n   b e s t i m m t e   B i l d u n g s g e s e t z e,   d. h.   a n   b e s t i m m t e   G e s t a l t e n   g e b u n d e n   i s t.   Ja, ich werde an anderer Stelle meine Überzeugung begründen — durch den Vergleich mit den Gesetzen des unorganischen Stoffes —‚ daß Leben, rein morphologisch betrachtet,   n i c h t s   a n d e r e s   i s t   a l s   e i n e   b e s o n d e r e   G e s t a l t.   Ich wähne nicht, hiermit das Leben „erklärt“ zu haben; diese Zumutung wies ich als eine unsinnige gleich im § 1 zurück; ich bin aber der Ansicht, daß mit diesem Ausspruch die Quintessenz alles dessen, was die Anschauung des Lebendigen uns bietet, ausgesagt wird. — Des weiteren sehen wir, daß dieses Gestaltungsprinzip nur nach einigen ganz wenigen Schemen sich betätigt, so daß wir, im Besitz einer ungeheuer umfangreichen Anschauung, zu der Behauptung berechtigt sind: ü b e r a l l,   w o   L e b e n   e n t s t e h t   u n d   b e s t e h t,   m u ß   e s   n o t w e n d i g e r w e i s e   g e m ä ß   d e m   e i n e n   o d e r   d e m   a n d e r e n   d i e s e r   w e n i g e n   m ö g l i c h e n   S c h e m e n   s i c h   g e s t a l t e n.   Diese Schemen sind zunächst Verhältnisse der Körperteile im Raum zueinander, also geometrische, sowie auch unverrückbar bestimmte Zahlenverhältnisse, also arithmetische; das ist, was das Auge zunächst erblickt. Diese geometrischen und arithmetischen Verhältnisse spiegeln sich aber bis in die

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intimste histologische Struktur wieder, so daß das, was wir außen erblicken, zugleich die vereinfachte, deutliche Kundgebung innerlichster Bildungsgesetze ist. Mag die Variabilität gewisser Formen noch so groß sein, mag weitgebende Entwicklung stattfinden, sei es einer größeren Komplikation, sei es einer zunehmenden Vereinfachung zu, mag auch Degeneration eintreten, die Wege, die alle diese Wandlungen schreiten müssen, sind genau vorgezeichnet; das Gestaltungsgesetz ist das Oberste, alles andere nur untergeordnet.
    Das ist zunächst also die große, einfache, breite Grundlage, welche die Anschauung unserem Denken über die Lebensformen gewährt; das ist, was das Denken als noch ganz ungetrübter Spiegel dem Schauen erwidert.
     Was weiter geht, ist hypothetisch. Jedoch auf diesem weiteren Gebiete ist zweierlei durchaus statthaft, sogar geboten: das eine, mehr Empirische, ist das Zusammentragen und die Untersuchung aller großen Tatsachengruppen, um sie im Lichte der grundlegenden Haupterkenntnis zu betrachten und zu zeigen, wie das eine das andere beleuchtet und erklärt, wie ungezwungen und natürlich sich bei dieser Auffassung alle Phänomene begreifen lassen usw., das andere ist, das Unternehmen auf rein hypothetischem Wege (zu noch allgemeineren Prinzipien aufsteigend), diese Erkenntnis bezüglich der Lebensformen mit anderen Erkenntnissen harmonisch zu verbinden.
    Der erstere dieser beiden Gedankenkomplexe, die empirische Sichtung, würde natürlich in jeder ausführlichen Darlegung dieser Theorie einen wichtigen Hauptbestandteil des Werkes zu bilden haben. Alle die Argumente, die in so mühsamer Weise zusammengetragen werden, um die Evolutionstheorie wahrscheinlich zu machen, müssen systematisch durchgenommen, und es muß gezeigt werden: 1. polemisch, daß sie das nicht be-

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weisen, was sie beweisen sollen; 2. daß sie höchst ungezwungen in die Anschauung beharrlicher Lebensformen hineinpassen. — Beispiele: Die   V a r i a b i l i t â t   lebender Wesen kann der   E 1 a s t i z i t ä t   der unorganischen Materie verglichen werden; wie diese in verschiedenen Stoffen sehr verschieden, so ist auch die Variabilität verschiedener Lebensformen sehr verschieden. Darüber lassen sich höchst interessante, zum Teil ganz neue Bemerkungen machen: z. B., daß bei den im hohen Grade variablen Formen die Rückkehr zum Urtypus (Atavismus) viel gründlicher, plötzlicher und häufiger geschieht, als bei minder variablen — was den Parallelismus mit elastischen Stoffen noch auffallender macht. Die Variabilität ist (wie die Elastizität) die Fähigkeit, sich verschiedenen Lebensbedingungen anzupassen; ganz unelastische Formen verschwinden unter neuen Bedingungen. Die Variation, also die Entwicklung aus einer Form in eine andere, ist der Ausdruck eines Kompromisses zwischen zwei widerstrebenden Kräften. Weder der   K a m p f   u m s   D a s e i n,   noch die daraus erfolgende natürliche   Z u c h t w a h l,   noch die hierdurch bedingte, in mehr oder weniger weitem Umfang sich betätigende „Evolution“ wird von meiner Auffassung geleugnet, sondern einzig die Ausdehnung dieser bestimmt umgrenzten Tatsache auf unbegrenzte Gebiete, weit über alle Anschauung hinaus. Die   E r b l i c h k e i t   ist bei der Evolutionstheorie eine Art mystischen Dogmas; hier erscheint sie ganz einfach; sie ist die Kontinuität des gleichen Bildungsgesetzes: nicht ein stofflicher Hokuspokus (siehe Darwins „Pangenesis“, Weismanns „unsterbliches Plasma“ und die anderen tollen Hirngespinste)‚ sondern eine beharrende Kraft wie die übrigen Kräfte der Natur. Zugleich kommen aber auch solche Lehren wie die Schopenhauers (und auch Köllikers u. a.) über die   „g e n e r a t i o   e x   u t e r o   h e t e r o g e n e o“   hier zu ihrem Recht;

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denn es ist durchaus denkbar, daß unter der Einschränkung gewisser mathematischer Bedingungen — eine neue Gestalt aus einer alten entstünde. — Welche befriedigende, widerspruchslose Erklärung die   r u d i m e n t ä r e n   O r g a n e   (jener Stein des Anstoßes aller Evolutionstheoretiker) bei mir fänden, ist zu klar, als daß eine nähere Ausführung vonnöten wäre. Solche Beispiele wie das vielgenannte des Pferdes und seiner drei-, vier- und fünfzehigen Verwandten aus der Kreidezeit würden nicht   g e g e n   die Theorie der „ewigen Normen“, sondern in glänzender Weise   f ü r   sie zeugen. — Die vom Darwinismus so arg mißbrauchten Tatsachen der   E m b r y o l o g i e   würden hier erst ihren wahren Sinn erhalten, und das höhere gemeinschaftliche Bildungsgesetz offenbaren, welches getrennten Schemen zugrunde liegt. — Die Zeugnisse der   P a l ä o n t o l o g i e,   Die Tatsachen der   g e o g r a p h i s c h e n   V e r b r e i t u n g,   die Phänomene von   M i m i c r y,   g e s c h l e c h t l i c h e r   A b w e i c h u n g,   I n t e r d e p e n d e n z    von Pflanzen und Tieren usw., lassen alle eine andere Deutung zu als die der Evolutionslehre. Die Tatsachen aber, die sich auf   K u n s t f e r t i g k e i t,   I n s t i n k t,   I n t e l l i g e n z   usw. beziehen, wären niemals von der Betrachtung der Gestalt zu trennen. In der Gestalt ist alles gegeben. — Hierdurch soll nur eine schwache Andeutung einer der interessantesten, an Anschauungsstoff reichsten Abteilungen des auszuführenden Werkes gegeben sein.
  Nicht minder interessant dürfte sich sodann die mehr hypothetische Betrachtung gestalten. Hier ist es nämlich, wo die Schwächen aller Evolutionslehren — die, solange man auf rein empirischem Boden bleibt, so manches Bestechende haben — sich in ihrer ganzen Erbärmlichkeit entdecken. In einem künftigen Abschnitt werden die tollen Absurditäten dieser wahnwitzigen Weltanschauung grell beleuchtet werden müssen (Einschachtelung,

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Ewigkeit des Keims usw.). Wer weiter fähig bleibt, sich etwas dabei zu denken, wenn man ihm sagt, daß der Affe der Vetter des Baumes sei, auf dem er sitzt, möge seine Befriedigung in diesem Unsinn finden. Wir dagegen gehen von der durch die unmittelbare Anschauung gewonnenen Einsicht aus, daß alles, was lebt, an bestimmte Gestalt gebunden ist und daß die Verwandtschaft alles Lebenden miteinander (Tat-twam-asi) einerseits in der stofflichen Grundlage besteht (welche es aber mit dem gesamten auch unorganischen Kosmos gemeinsam hat), vor allem aber in der allen Wesen gemeinsamen, ewig beharrlichen Gestaltungskraft. Wie so manches andere, ist diese Verwandtschaft — eine wahre und innige — nur auf metaphysischem Wege klar und richtig zu erfassen; die Übertragung ins Materielle gibt ein Zerrbild. — Führte man etwa gegen uns an, daß nirgendswo eine Spur von spontaner Generation nachgewiesen werden kann, so wäre darauf zu erwidern: 1. daß dieser Einwurf weder für noch wider unsere Theorie spricht; 2. daß neues Leben aus nicht lebendem Stoff täglich überall entsteht und daß an jedem Individuum nicht der Stoff, sondern einzig die Gestalt das Beharrliche ist. — Die Analogie mit den Gestaltungsgesetzen im Reich des Unorganischen, d. h. der Kristallbildung, dürfte auf diesem Felde sehr lehrreich und anregend sein. Der berühmte Botaniker und Physiker Nägeli hat bekanntlich eine ganze „Theorie der Abstammung“ auf der Annahme einer kristallinischen Struktur der einfachsten Körperteile (Mizellen) begründet; das muß uns allerdings völlig verfehlt erscheinen; dagegen dürfte die hier aufgedeckte Analogie zwar nicht zur Erläuterung dienen, wohl aber auf ein gemeinsames höheres Gesetz hinweisen. Wir wissen jetzt, daß, sobald ein Stoff aus der relativen Gestaltlosigkeit des Flüssigen oder Gasförmigen in den Zustand des Festen übergeht, er sofort eine genau

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bestimmte geometrische Gestalt annimmt, eine Gestalt, die zwar vielfache Variationen in jedem einzelnen Falle zuläßt, die aber durch ein unabänderliches mathematisches Schema bestimmt ist. Die Außenseite der Felsen bietet uns allerdings selten den Anblick seiner kristallinischen Beschaffenheit; die sogenannte Physiographie der Steine hat aber gezeigt, daß sie überall und ohne Ausnahme — wo sie nicht organische Reste darstellen — aus Kristallen zusammengesetzt sind, deren Natur man durch mikroskopische Untersuchung und unter Zuhilfenahme optischer Instrumente genau bestimmen kann. Auch hier gibt es nur eine gewisse kleine Anzahl möglicher Schemen; innerhalb der einzelnen möglichen Schemen gibt es auch hier viele Unterabteilungen, und auch der einzelne bestimmte Stoff variiert vielfach innerhalb der ihm gesteckten Grenzen, — die Gestalt kann komplizierter werden als der sonst als normal betrachtete Typus, sie kann einfacher werden, sie kann durch Hypertrophie oder durch „arrest of development“ verschiedenartige Umgestaltungen erleiden, — das Bildungsgesetz bleibt aber und bildet die primäre Eigenschaft des betreffenden Körpers, von der seine Härte, seine Elastizität, seine Durchsichtigkeit usw. gar nicht zu trennen sind. Die Analogie mit meiner Auffassung der   G e s t a l t   als des obersten Gesetzes des Lebens ist offenbar und anregend. — Es lassen sich da gar viele Betrachtungen anknüpfen. Weist man z. B. darauf hin, daß die Erfahrung uns Leben nur aus oder an Leben entstehend zeigt, so erinnert das uns daran, daß so häufig ein Stoff aus seiner Lösung gar nicht herauskristallisiert werden kann, — sobald man aber einen einzigen Kristall desselben Stoffes besitzt und ihn eintaucht, da kristallisiert das Übrige sofort. Und in dieser selben Gedankenverbindung wäre noch eine anregende Betrachtung anzustellen, natürlich nur als Illustration, jedoch als eine Betrachtung, die viel-

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leicht eine Analogie zu dem ersten Entstehen des Lebens bietet: man denke sich unseren Planeten aus einem flüssigen Zustand allmählich durch Abkühlung in den festen Zustand übergehend; es werden da die verschiedenen Bestandteile der Erdkruste herauskristallisieren: mathematisch identische Kristalle werden an verschiedenen Enden der Erde zu gleicher Zeit entstehen, dagegen durchaus ungleiche, ihrem Bildungsgesetz nach unähnliche häufig nebeneinander sich ablagern. Warum sollte es mit dem Leben nicht analog sich verhalten haben, als die Bedingungen zu einem Entstehen gegeben waren? Abertausend Formen können zu gleicher Zeit entstanden sein, — das dem Wesen nach Verwandte eben nur dem Wesen nach, nicht aber in Bezug auf Zeit, Ort und Herkunft verwandt, — das Heterogene dicht nebeneinander. Und da wir hier doch einmal auf dem Gebiete des Hypothetischen uns bewegen, so möchte ich fragen, welches Anschauungsmaterial der Voraussetzung Wahrscheinlichkeit gibt, daß die Natur überall erst mit dem   E i n f a c h s t e n   begonnen haben müsse, um dann nach und nach auf dem Wege der allmählichen Kräftigung und Übung zu immer komplizierterem, oder wie wir es nennen „Höherem“ überzugehen? Dies scheint mir Anthropomorphismus in seiner schlimmsten Gestalt, namentlich wenn man den beliebten Vergleich mit unseren Künstfertigkeiten und Künsten und mit der Entwicklung des menschlichen Geistes anführt. Das wurde doch alles nur unter der Voraussetzung stimmen, daß das Universum das Werk eines menschenähnlichen, gehirntragenden Wesens sei. Sonst ist gar nicht einzusehen, warum es der Natur schwerer fallen sollte, einen Menschen herzustellen als ein Infusionstierchen. Nicht allein haben wir entdeckt, daß selbst kleinste, einzellige Wesen eine ungemein komplizierte Struktur besitzen und durch Generationswechsel und Fortpflanzungseinrichtungen nach

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manchen Richtungen hin einen weit verwickelteren Daseinsgang haben können als wir höheren Tiere, nicht allein steht es fest, daß das Protoplasma selbst der einfachsten Amöbe eine unendlich komplizierte Molekularstruktur besitzen muß, sondern eine derartige Annahme der Progression aus dem Einfachen zu dem immer Komplizierteren findet im Bereich der ganzen Natur kein Analogon — außer eben in unserem Gehirn; es ist das eine durchaus subjektive Blendung; dem Mysterium des Lebens gegenüber schwinden alle solchen relativen Bestimmungen gänzlich. Und was zeigt uns denn die Anschauung? Sie zeigt uns das Nebeneinanderbestehen einer fast endlosen Reihe von Gestalten, von der einfachsten bis zur kompliziertesten. Gleichberechtigt stehen sie nebeneinander. Gerade die einfachsten scheinen die dauerhaftesten, die stabilen zu sein; Flechten sollen, so vermutet man, Jahrtausende überleben; die Diatomaceen bleiben durch ganze geologische Epochen unverändert; je einfacher das Wesen, um so eher kann es auch wechselnden Bedingungen sich fügen, um so weniger werden diese eine „Entwicklung“ bei ihm anregen! Wie beginnt also die Evolution? Behauptet man aber, die Entwicklung aus dem Einfachen zum Komplizierten sei die Folge eines rein   i n n e r e n   Gesetzes, wie erklärt man dann das Vorhandensein von Milliarden und Milliarden gerade dieser allereinfachsten Gebilde? Was hat denn diese verhindert, dem Gesetz zu gehorchen?
    Derartige Betrachtungen auf dem mehr hypothetischen Gebiete wird es noch eine Menge anzustellen geben. Überall wird dargetan werden können, daß die Annahme einer Evolution aller Wesen aus einem Urkeim zu endlosen Absurditäten führt und in der Anschauung keine Unterstützung findet, — daß dagegen die Beharrlichkeit der Gestalt (innerhalb gewisser Elastizitätsgrenzen) das Grundgesetz des Lebens ist, wie es aus der Anschauung

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sich ergibt.   L e b e n   i s t   e i n e   i n   d e r   B e w e g u n g   b e h a r r e n d e   G e s t a l t.   Beim Unorganischen sahen wir schon das Prinzip der Gestalt sehr maßgebend, jedoch in engster Verknüpfung mit dem Stoff; hier beim Leben ist das viel weniger der Fall, die verschiedensten Stoffe werden in den Bann derselben Gestaltungskraft gebracht, und blicken wir zurück auf ein Leben — sei es auf das tausendjährige einer Flechte oder auf das siebzigjährige eines Menschen — so erkennen wir, daß an ihm der Stoff oft und oft gewechselt wurde und einzig die Gestalt das Beharrende war.

5. Einiges zur Ergänzung.

    Es dürfte wohl von selbst einleuchten, wie eingreifend eine derartige Auffassung auf die weitesten Gebiete menschlichen Denkens und Schaffens wirken würde:
    Die   P h i l o s o p h i e   würde ungemein gewinnen durch die Hervorhebung des Wertes der metaphysischen Überlegung. Hiermit hängt auch eng zusammen die starke Betonung des Seins im Gegensatz zum Werden. Das Sein ist metaphysisch unstreitig das einzig Wahre, das Werden ein Wahnbild des in Zeit und Raum und Kausalität befangenen Verstandes; eine Naturwissenschaft, welche das Sein als Primäres, das Werden als Sekundäres auffaßt, würde anregend und fördernd auf die Philosophie wirken.
    Die   K u n s t   gewinnt durch die Herrschaft einer idealen Weltanschauung und durch die Zerstörung eines plump-empirischen, kausalitätsbetörten Materialismus, der nichts anderes ist als semitische Schöpfungsgeschichte in moderner Kleidung.
    Die   P o l i t i k   (und   S o z i o l o g i e)   reagiert endlich gegen den Fortschrittswahn, sowie auch gegen die Schreckvorstellung des Verfalles und lernt einsehen, daß, bei aller nötigen Elastizität, die Beharrlichkeit das große, von der ganzen Natur uns gelehrte Prinzip ist.

22.—28./10. 96.
Gardone.



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MANUSKRIPT B AUS DEM JAHRE 1900

zusammengestellt nach Briefen an die Baronin Emma von Ehrenfels

Zur Lebenslehre
Stichworte zur Festhaltung einiger zerstreuter Gedanken.

    1.   D i e   B e d e u t u n g   d e s   B e g r i f f e s   „G e s t a l t“   a l s   P r i n z i p   d e s   L e b e n s   wird vielleicht am schärfsten erfaßt, wenn man ihn dem Begriffe „Kristall“ gegenüberstellt.
    Im Kristall findet (vermutlich infolge der molekularen Struktur des betreffenden Stoffes) eine geometrische Ablagerung statt, welcher einerseits die möglichen Formen für jeden einzelnen Stoff auf bestimmte, durch mathematische Berechnung genau zu katalogisierende Typen beschränkt, andererseits aber jedem zufälligen äußeren Einfluß ohne Widerstand folgt und infolgedessen in nächster Nähe und ohne Übergänge endlose Varietäten hervorbringt. Der kleinste fremde Zusatz zu dem auszukristallisierenden Stoff erzeugt einen neuen Stoff, und mit ihm eine andere, womöglich ganz entfernte, unverwandte kristallinische Ablagerung. Im Leben dagegen tritt die „Gestalt“ diktatorisch auf und zwingt jeden Stoff, der ihr begegnet, in ihre besonderen, eigenen Bahnen. Es kann ein Stoff — ein „Gift“ — das Leben vernichten (und zwar immer durch Vernichtung gestaltender unentbehrlicher Organe, z. B. der Blutkörperchen), es vermag aber kein Stoff die bestimmte Gestalt in eine andere umzuwandeln. Denn wo dies örtlich geschieht, genügt ein geringes Maß

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(das bloße Anschwellen der Extremitäten, eine kleine krebsartige Wucherung im Innern usw.), um ebenfalls den Tod herbeizuführen!
    Das Kristall ist das dem Leben entgegengesetzte Extrem, ein erstarrter, der gestaltenden Macht des Lebens entzogener Stoff.
    (NB. — Innerhalb des lebenden Körpers kommen vielfach Kristalle vor, doch stets als ausgeschiedene, dem Lebensprozeß als solchem nicht mehr angehörige Körper.)
    Dem Kristall   d u r c h a u s   a n a l o g   ist die Fixierung von Energie in solchen Erscheinungen, wie z. B. in einem Planetensystem.
    Wir wissen ja, wie die Begriffe „Kraft“ und „Stoff“ ineinander übergehen; wie dort nun „Stoff“ ausgeschieden und fixiert ist (für unsere gewöhnliche menschliche Vorstellung „Stoff“, nicht für die Vorstellung aller hochgelehrten Physiker — so ist z. B. für Lord Kelvin jedes sogenannte chemische Stoffatom nichts anderes als ein permanent andauernder Wirbel im Äther, ein Kristall also, eine Kombination unzähliger andauernder Wirbel), — wie nun, sage ich, im Kristall „Stoff“ ausgeschieden und fixiert ist, so ist in einem Weltensystem „Energie“ ausgeschieden und fixiert. Der sonstige Proteus „Energie“ ist hier gebannt. In der regelmäßigen Abwechselung der sich gegenseitig bedingenden Energie der Bewegung und Energie der Lagen kreist der Planet um seine Sonne und bewegen sich die Sonnen gegeneinander. Ein Ausweichen ist unmöglich; nur der Zusammenbruch des Systems könnte diese große Masse gebannter Energie freigeben zu allerhand Wandlungen in Wärme, Elektrizität usw.
    Das Planetensystem ist also wie das Kristall ein   S t a r r e s.   Und daher halte ich die beliebte Analogie zwischen dem Leben und den kreisenden Gestirnen für ein durchaus unzulässiges und irreführendes. — Zum Teil

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mag sie wohl durch den Ausdruck „Kreislauf des Lebens“ angeregt sein, doch ist dieser Ausdruck selbst ein kaum zulässiger denn das Leben des Individuums bildet doch offenbar keinen Kreis, es führt nicht zurück zum Anfangspunkt, und das Leben der Art ist entweder ein unbeweglicher Punkt oder ein Punkt, der sich nach einer bestimmten Richtung geradlinig, oder (vielleicht? Darwin) nach verschiedenen Richtungen fächerartig bewegt.
    Das Kreisende ist das Symbol des Todes; das Leben ist seine Verleugnung. Denn das Beharrende des Starren ist die Bewegung — die in sich selbst ewig zurückkehrende Bewegung —‚ wogegen das Beharrungsprinzip des Lebens die Unbeweglichkeit der Gestalt ist, welche von Individuum zu Individuum wiederholt wird.
    Was im Leben „kreist“, sind der Stoff und die Energie, welche das Leben in seinen Dienst zwingt.
    Leben bannt Stoff und Energie (die voneinander nur in Gedanken, in der Erfahrung gar nicht zu trennen sind); doch tut es dies nur, insofern es dies vermag einem so gestaltungsfeindlichen Wesen wie Stoffenergie gegenüber. Die zur Lebensgestalt gebannten Elemente, gleiten dem Leben immer wieder, sozusagen „durch die Finger“; und darum muß es immer wieder mit jeder Gestalt von vorn anfangen.

    Das Leben ist nicht ein Erzeugnis von Stoffenergie, sondern im Gegenteil ein unablässiger Kampf gegen sie.
    Die Dauer eines Kristalles ist, so wie die Dauer eines Planetensystemes, ein nur Gedachtes. Denn was seinem Wesen nach unvergänglich ist, hat keine Dauer; währt es nicht ewig, so ist das ein Zufall (ein Zufall nämlich in bezug auf das betreffende Gebilde). Auf einem Kreise ist es unmöglich, zwischen zwei Punkten zu unterscheiden. Dauer besitzt das nur, was Anfang und Ende hat, und zwar notwendigen Anfang und notwendiges Ende. Alles Leben ohne Ausnahme hat Anfang und Ende; die Ver-

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gänglichkeit gehört zum Wesen des Lebens — im strengsten Gegensatz zu Stoff und zu Energie und zum Unterschied von allen ihren Gebilden —‚ und daher dürfen wir sagen, nur das Leben ist, d. h. besitzt Dauer und Dasein.
    Soviel vorläufig über die Gegenüberstellung von Lebensgestalt und kristallinischer Gestalt.
    2.   D i e   B e h a r r l i c h k e i t   d e r   G e s t a l t   (teilweise vermutlich schon mitgeteilt).
    Diese große Abteilung wird mehrere Kapitel umfassen. Denn einerseits sehen wir die Gestalt des Lebewesens „beharren“, d. h. sich unverrückbar vererben; andrerseits aber ist die Beharrlichkeit der einzelnen morphologischen Gebilde innerhalb eines bestimmten Lebenstypus ebenso auffallend und belehrend.
    Daß die Gestalt des Individuums innerhalb seines Lebens und, durch Vererbung, über sein Leben hinaus beharrt, ist die große mittlere, unanfechtbare Tatsache alles beobachteten Lebens. A priori läßt sich dieses Gesetz nicht als notwendig einsehen. Es gibt Stadien gewisser Lebewesen, — z. B. der Myxomyceten und Myxamoeben —‚ in welchen tatsächlich die äußere Form des Wesens immerfort ändert und keinerlei Symmetrie aufweist. Warum ist das nicht überall und immer der Fall? Warum adaptiert sich nicht jedes Wesen wechselnden Bedürfnissen und Bedingungen durch Änderung seiner Gestalt? Warum erzeugt eine Gestalt immer dieselbe Gestalt, nicht in buntester Mannigfaltigkeit andere? Ich für mein Teil habe mir nicht vorgenommen, irgend etwas zu „erklären“; ich begnüge mich festzustellen, daß das   B e h a r r e n   d e r   G e s t a l t   durch alle Beobachtung bezeugt wird. Und selbst in solchen Fällen wie den obengenannten, bei den Myxomyceten und Myxamoeben, haben ganz nüchterne, unphilosophische Naturforscher darauf aufmerksam gemacht, daß uns sicherlich in ihren scheinbar amorphen Zuständen nur

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das Prinzip ihrer Gestaltung verborgen bleibe, denn auch hier, wenn das Leben des Individuums zu jener höchsten Krisis gelangt, wo Leben Leben zeugen soll, da sammelt sich von allen Seiten das Ungestalte, und auf einmal steht ein enorm kompliziert gestaltetes, stets sich selber genau gleiches Wesen vor uns.
    B e o b a c h t e t   hat man eine dauernde Artveränderung (Variabilität) noch niemals; gerade Darwins Beobachtungsreihen an den sehr plastisch biegsamen Tauben haben gezeigt, daß die enormsten Unterschiede — welche das ganze Wesen umzuwandeln schienen — in ganz wenigen Generationen verloren gehen und immer wieder dieselbe einfache, ursprüngliche, wilde Taube vor uns steht — sobald die künstliche Züchtung aufhört. Nun führt zwar Darwin eine Reihe geschickter Argumente ins Feld, um uns zu überzeugen: die von ihm erzielten Änderungen bezeugten die Tendenz der Gestalt zu endloser Variabilität, der Rückschlag in die ursprüngliche Gestalt sei aber nicht einem aktiven Lebensgesetz zuzuschreiben, sondern lediglich unter dem Einfluß von allgemeinen tellurischen Bestimmungen; — kurz, Lebensgestalt ist für ihn ein Wachs, aus welchem äußere Bedingungen alles schaffen, was sie wollen. Hier und heute habe ich nun nicht vor, gegen Darwin zu Feld zu ziehen — dessen Argumente ich für Trugschlüsse halte, sondern ich will nur das eine feststellen, daß eine tatsächliche Veränderung einer Gestalt in eine andere Gestalt nie   b e o b a c h t e t   worden ist, sondern, daß man sie lediglich durch   A r g u m e n t e   plausibel zu machen gesucht hat. Denn gerade so wie unsere Myxomycete in ihrem Amoebenzustand keinerlei beharrende Gestalt zu besitzen schien, plötzlich aber uns entdeckte, daß ihre feste, bestimmte, beharrende Gestalt nur gleichsam versteckt gewesen war, ebenso ist die wahre „Taube“ nur gleichsam versteckt und verhüllt hinter den künstlich er-

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zeugten „Spieltauben“. Und was wir hier vor allem zu lernen haben, ist, wie wenig gewisse scheinbare, ins Auge fallende Veränderungen die im Grunde fest beharrende, unveränderliche   G e s t a l t   tangieren. Echte, rein anschauliche, nicht kombinierende und „erklärende“ Anschauung erblickt hier als das Primäre die Beharrlichkeit, dagegen die Variabilität als ein nur Sekundäres.
    Genau zu demselben Ergebnis wird jede unbeeinflußte Untersuchung des sogenannten „geologischen Zeugnisses“ führen. Denn es kann keinem vernünftigen Beobachter einfallen, jede Veränderlichkeit der Gestalt zu leugnen; es macht aber einen grundsätzlichen Unterschied in der gesamten Naturauffassung — une différence du tout au tout — ob ich (sei es mit Lamarck und Darwin als von außen bewirkt, oder mit Weismann als von innen bedingt) die   V a r i a b i l i t ä t   als das Grundgesetz des Lebens betrachte, oder im Gegenteil die   B e h a r r u n g   d e r   G e s t a l t   als das Grundgesetz auffasse und nur eine (bei den verschiedenen Gestalten in sehr verschiedenem Grade vorhandene) plastische Biegsamkeit oder Elastizität, innerhalb bestimmter Grenzen, als eine durch die Beobachtung gesicherte Tatsache anerkenne. Gerade das   A u s s t e r b e n   zahlloser Gestalten (denn daß die Trilobiten, die Dinosaurier, die Lepidodendren usw., nicht durch Evolution in andere Formen „übergegangen“, sondern einfach untergegangen sind, gibt selbst der enragierteste Transformist zu) — gerade dieses Aussterben zeigt, wie eng die Grenzen der plastischen Beweglichkeit gezogen sind. Ganze große Typen, welche die Oberfläche der Welt bedeckten, sind einfach zugrunde gegangen und auf immer verschwunden, als die meteorisch-geognostischen Verhältnisse tiefe Modifikationen erlitten hatten; — vernichten können die äußeren Mächte (Stoff und Energie) die Lebensgestalt; sie vermögen es aber nicht, sie umzuwandeln. — Verfolgen wir aber innerhalb

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dieses „geologischen Zeugnisses“ die wirklich stattgehabten — innerhalb der plastischen Möglichkeiten einer bestimmten Gestalt als möglich gegebenen — Umwandlungen, so wird uns gerade hier die   e n o r m e   B e h a r r u n g s k r a f t   der Gestalt auffallen, welche, anstatt sich bei dem Eintritt neuer tellurischer Verhältnisse in etwas ganz anderes zu verwandeln, mit einem sozusagen „unpraktischen“ Eigensinn und allen materiellen Gesetzen von einer Ökonomie der Kräfte zum Hohn, den Typus bis in jede Einzelheit festhält und mit einem Minimum an Adaptationen sich den neuen Bedingungen anpaßt. Ganz abgesehen davon, daß wir Muscheln besitzen, welche ohne die kleinste nachweisbare Änderung mehrere geologische Epochen durchlebt haben (was allein genügt, um Weismanns haarsträubende Theorie zu widerlegen), betrachte man doch die Fische, da ja bei ihnen das Zeugnis sehr weit zurückreicht und in großen Mengen vor Augen geführt werden kann! Kein Kind, das man in ein paläontologisches Museum führt, wird einen Augenblick schwanken, die Fische aus den urältesten geologischen Epochen als „Fische“ zu erkennen. Es gehört ein naturwissenschaftlich gebildetes Auge dazu, um den Unterschied im Bau der Schwanzflossen, auf welchen Systematiker ein so großes Gewicht legen, auch nur zu erblicken, — und die Tatsachen der Embryologie, welche uns im Keime mancher heutiger Fische eine ähnliche Bildung zeigen (Tatsachen, welche die Transformisten mit rührender Naivität als eine „Rekapitulation“ des Werdens der Art auffassen!) beweisen, daß ein derartiger Unterschied — wichtig für unsere menschlichen Klassifikationen — für die typische Gestalt ohne Belang ist. Jedenfalls fällt uns auch hier — gleichviel ob wir den ausgewachsenen Fisch der silurischen Epoche und den ausgewachsenen Fisch von heute, oder den ausgewachsenen Fisch von damals und das

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Embryo des heutigen Tages betrachten — das   B e h a r r e n   d e r   G e s t a l t   als das oberste Gesetz des Lebens auf.
    Gegenstand einer wichtigen Untersuchung wird die Frage zu sein haben: welche Gestalten zueinander gehören, welche nicht, — mit anderen Worten, deutlich und empirisch den Begriff einer   V e r w a n d t s c h a f t   d e r   G e s t a l t e n   zu entwickeln. Hier können nicht Theorie und Kombination und Mathematik uns leiten, sondern nur Beobachtung.
    Winke werden uns z. B. geben: a) die verschiedenen Lebensphasen des einheitlichen Individuums (der Amöbenzustand und der fruktifizierende Zustand der vorhin genannten Myxomyceten, — das Ei und der Vogel, — das Eichen, die Raupe, die Puppe, der Schmetterling, — die Kaulquappe, der Frosch usw.); b) der Generationswechsel im umfassendsten Sinne des Wortes bei gewissen Tieren und (denn es verdient wohl denselben Namen) auch bei den Kryptogamen, — so z. B. das kleine flache, Archegonien und Antherozoiden tragende Tallom und das geschlechtlose, sporentragende, beblätterte, aufrechte Pflänzchen bei den Mosen usw.; c) die abweichenden Gestaltungen bestimmter Organe und Teile innerhalb der zweifellos typisch nahe verwandten Arten einer Familie oder einer Gattung (man denke z. B. an die Früchte der Cruciferen, an die Blüten der Orchideen, an die Blätter der Kakteen, man denke an die Kopfformen der Coleopteren, an die Leibesgestalt der Fische, an die Extremitäten der Säugetiere usw. ad infin.); d) das so eigentümliche Verhältnis einer ganzen Lebensgestalt als Einheit betrachtet zu ihren verschiedenen Organen und zu ihren histologischen Bestandteilen (z. b. die Gestalt des Koniferenbaumes, seine Nadeln, seine so äußerst charakteristischen Holzzellen mit ihren besonderen Tüpfeln, — der Fisch und seine Schuppen, der Vogel und seine Federn, das Säugetier und seine Haare usw.).

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    Ich bin der Meinung, daß das hier kurz Angedeutete zu unerwarteten Ergebnissen führen würde. Auf dem direkten Wege der Anschauung würden wir erkennen lernen, daß manche Änderung der Gestalt (Variation), die uns Menschen als sehr groß auffällt (siehe die Vermehrung der Schwanzfedern bei Darwins Tauben usw.) ein geringes ist; wir würden begreifen lernen, daß gerade so wie der an unterirdischen Wurzeln nagende Wurm die Gestalt des durch die Frühlingsluft lustig summenden Maikäfers in sich trägt, und die unscheinbare Raupe ungesehen farbenprächtige Flügel verspricht, wie sie kein anderes Wesen, sondern nur die Raupe allein entwickeln kann, — daß ebenso eine Gestalt — gerade   d u r c h   ihre besondere Gestalt und   d a n k   ihrer besonderen Gestalt — die Befähigung zu einer anderen Gestalt in sich tragen kann. Man soll hier durchaus nicht apriorischen Konstruktionen Raum gewähren; doch, hat man erst aus dem enormen vorhandenen Material das organische Verhältnis von Gestalt zu Gestalt in seinen Grundzügen festgesetzt, so wird man gewahr werden, daß es nicht paradox ist zu behaupten:   e i n e   Ä n d e r u n g   d e r   K ö r p e r g e s t a l t   k a n n   e i n e   B e w a h r u n g   d e r   K ö r p e r g e s t a l t   b e d e u t e n,   und man wird dann den strengen Beweis führen können, daß diejenigen dauernden „Variationen“, welche aus dem geologischen Zeugnis als wahrscheinlich anzunehmen sind, die stärksten aller Beweise für die unüberwindliche Beharrungskraft der Gestalt abgeben. [Nachtrag: Dagegen wird man einsehen lernen, daß viele scheinbar kleine Änderungen durch keine Gewalt der Umstände bewirkt werden können, -— weil dieses Kleine eine typische Umformung bedingen würde, welche die Gestalt als Prinzip des Lebens nicht leisten kann.] Auch dieser Gedankengang führt zu so reichen Ergebnissen, daß sie in solchen Stichworten wie den vorliegenden kaum angedeutet werden können.

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    So z. B. lehrt uns vielleicht keine einzige der großen Tatsachen der Natur in so beredter Weise das unüberwindliche Beharren der Gestalt als oberstes Lebensgesetz erkennen, wie die Unzerstörbarkeit der einzelnen morphologischen Gebilde innerhalb eines bestimmten Typus.
    Man denke an die Extremitäten der Vertebraten: Flügel, Flossen, Vorderbeine, Arme sind morphologisch gleich wertig! Und nicht bloß zeigen sie sich im anatomischen Bau gleichwertig, sondern auch die   Z a h l   der Extremitäten ist bei diesem ganzen Typus von einer Unveränderlichkeit, die wir sonst nicht antreffen. Die Reduzierung der Extremitäten auf zwei Paare ist ein Grundgesetz (scheint es) der Vertebraten, womit eine Ungeschicklichkeit zusammenhängt, welche ihnen wohl allein eignet. Man denke an das edle Roß mit seinen vier hölzernen Beinen — dem Prinzen in den 1001 Nächten vergleichbar, der vom Nabel abwärts zu Marmor erstarrt war; man denke an den Fisch, bei dem alle Glieder als Schwimmorgane dienen müssen, so daß ihm einzig ein auf- und zuzusperrendes Maul für alle sonstigen Lebensfunktionen übrigbleibt; man denke an den armlosen Vogel. Notwendig — außer als Notwendigkeit der Gestalt — ist dies sicher nicht. Wir sehen aus anderen Tierklassen, daß Organe, welche morphologisch keine Beziehungen zu den Extremitäten der Vertebraten haben, zum Fliegen, Laufen, Greifen usw. dienen können. So hat z. B. der zum Laufen und zugleich zum Fliegen organisierte Käfer noch außerdem Fühlhörner und Greiforgane — gleichsam Hände — am Kopfe. Wie nützlich wäre derartiges dem Vogel! Doch die   G e s t a l t   des Vertebraten schließt jede derartige Vervollkommnung aus — welche doch sicher im Laufe der Zeiten eintreten müßte, wenn die Veränderlichkeit das Prinzip des Organismus und die „Auswahl“ ein Prinzip der Evolution wäre.
    In diesem Zusammenhang betrachte man auch solche

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Dinge wie z. B. die Unauslöschbarkeit des Kiemenapparates — und wohl betrachtet auch der Lunge. Der von der Evolutionshypothese Verblendete behauptet kurzweg: der Kiemenapparat sei eine „niedrigere“ Stufe, die Lunge eine „höhere“. Was er sich dabei denkt, mag er mit seinem Gotte ausmachen, denn er selber — wenn er Anatom ist — weiß, daß Kiemen und Lungen morphologisch durchaus verschiedene Gebilde sind. Lebt der Vertebrat im Wasser, so wird die unentbehrliche Funktion der Atmung meistens durch einen Kiemenapparat besorgt, lebt er in der Luft, durch einen Lungenapparat, physiologisch herrscht hier Homologie, anatomisch höchstens eine durch die Natur der Funktion hervorgerufene Analogie. Was uns hier aber interessiert, ist die Tatsache, daß die Lunge — als anatomisches, individuelles Gebilde — bei den Fischen ebenso existiert wie bei den Lufttieren, und daß sie eine ebenso wichtige — wenn auch ganz verschiedene — Funktion erfüllt, nämlich als „Schwimmblase“ (ob dies der richtige technische Ausdruck, bin ich nicht sicher; ich schreibe alle diese Bemerkungen im Gebirge, ohne ein einziges Nachschlagebuch, und habe seit fast zwanzig Jahren keine Gelegenheit gehabt, mich mit spezieller Zoologie zu befassen; dies wolle der Freund überall berücksichtigen) — und andrerseits die Tatsache, daß der Kiemenapparat noch bei den vom Leben im Wasser entferntesten Vertebraten (so z. B. auch beim Menschen) anatomisch nachweisbar ist und als „Zungenbein“ usw. bei der Atmung und Stimmbildung wichtige Dienste leistet. Was also uns zum Atmen dient, dient dem Fische, um sich ohne Zertrümmerung seiner Gestalt in große Tiefen zu versenken und auch um seine horizontale Lage im Ozean zu wechseln, — was aber dem stummen Fische zum Atmen dient, dient uns zum Reden (vom ih! ha! des Esels bis zu einer akademischen Rede des Herrn Professor Virchow). Auch

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hier wieder also eigensinniges unüberwindliches   B e h a r r e n   d e r   G e s t a l t.   Diese paßt sich den verschiedensten Funktionen an, aber selbst der gewaltigste aller umgebenden Einflüsse, der des Elementes, in welchem das Wesen von der Geburt bis zum Tode lebt — vermag es nicht, aus einem gegebenen Typus Neues herauszuschlagen.
    Bei einigem Nachdenken und bei Benützung des durch die Wissenschaft aufgespeicherten Hilfsmaterials ließe sich diese besondere Betrachtung unendlich reich ausführen. — Ich erinnere z. B. daran, wie bei den Spinnen, wo die Sekretierung der Seide usw. zu einer hohen Ausbildung gewisser Organe und einer notwendigen (infolge der Ökonomie der Gestalt „notwendigen“) Reduzierung anderer geführt hat, das Männchen, das am Kopfe sitzende rechtsseitige Mandibulum (?) zu einem Organ der Begattung ausgestaltet besitzt. Der Evolutionstheoretiker wird natürlich hier wie überall von „Entwicklung“ sprechen. Man versuche sich aber etwas dabei zu denken, daß das Kopulationsorgan am Abdomen nach und nach — unter der Herrschaft irgend welcher unbekannter Bedingungen — verschrumpft sei, und nunmehr die natürliche Zuchtwahl diejenigen Individuen ausgesucht habe, welche auf den grandiosen Einfall verfielen, ihr „Mundstück“ zu diesem Zwecke zu gebrauchen usw. Solche Dinge gehören in die Ammen- und Kinderstube. Uns aber (die wir nicht nach Ursprüngen, sondern nach einfacher Anschauung dessen, was ist, suchen) zeigt dieser Fall — und tausend andere — daß die Gestalt eine Despotin ist, der das Leben als Sklave unterworfen bleibt, so daß, wenn — wie in dem genannten Beispiel der Spinne — der Abdomen für gewisse besondere Funktionen ein gewisses Übermaß an Gestaltungselementen benötigt, dann selbst für die wichtigste Funktion der Zeugung keine Möglichkeit bleibt, das für die Paarung nötige Organ zu schaffen, sondern

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dann irgendein anderes in diesem Gestalttypus gegebenes Gebilde diese Funktion übernehmen muß. [Ähnliches läßt sich im großartigsten Maßstabe für das gesamte Pflanzen- und Tierreich ausführen, indem man die Aufmerksamkeit einerseits auf ganze Familien richtet, wie bei den Spinnen, Krebsen, Schlangen usw., andrerseits auf einzelne Genera oder Gruppen, wie z. B. auf den berüsselten Elefanten, den Pfau usw.]
    Daß unter noch anderen Bedingungen der Umgebung usw. (z. B. auf anderen Planeten)   g e n a u   d i e s e l b e n   u n s   b e k a n n t e n   L e b e n s t y p e n — d. h. Gestalt als Wesen und Ursache des Lebens — noch weitere, von den uns hier auf Erden bekannten Modifikationen weit abweichende, neue zeigen würden, ist nicht zu bezweifeln.
    Soviel nur heute über die Beharrlichkeit der Gestalt, wie wir sie um uns her erblicken.
    3.  F a s s e   i c h   e i n   L e b e w e s e n   i n s   A u g e,   so finde ich   G e s t a l t   auf verschiedenen Stufen (wenn ich mich so ausdrücken darf), ich habe den Umriß des ganzen Wesens, ich habe die verschiedenen Formen seiner einzelnen Organe, ich habe die histologischen Elemente dieser Organe, und ich verfolge „Gestalt“ weiter, bis wohin das helfende Mikroskop nur reicht. (Für letzteres erinnere ich an das eine nur, als Beispiel [siehe Grundlagen, Kap. 9, Abschnitt Wissenschaft], daß ein Chlorophyllkorn immer eine bestimmte — für jede Pflanze verschiedene — Gestalt besitzt, und daß erwiesenermaßen ein Chlorophyllkorn einzig und allein aus einem Chlorophyllkorn entsteht und nicht aus der allgemeinen Tätigkeit der Zelle hervorgeht — also bis ins Kleinste hinein die Gestalt allein befähigt ist, Gestalt zu zeugen.) Ich meine nun, wir werden bei der Ausführung dieser Lebenslehre dahin gelangen, einen noch höheren Begriff von „Gestalt“ als das Lebenzeugende und -erhaltende zu bilden, indem wir nämlich lernen

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werden, die organischen (geradezu „gestaltlichen“) Beziehungen zwischen den   v e r s c h i e d e n s t e n   Wesen zu erblicken, woraus sich die Einsicht ergeben wird, daß alles Gestaltete, Lebende zusammen   e i n   G a n z e s   bildet. Dies ist aber durchaus nicht naturphilosophisch und tat-twam-asi'tisch (etwa à la Schelling) zu verstehen, sondern es handelt sich hier, wie bei jeder Einzelheit meiner Lehre, um eine   e m p i r i s c h e   Tatsache, welche durch Anschauung und Erfahrung zu demonstrieren ist; nicht erfinden, nicht dichten ist mein Ehrgeiz, sondern einfach mir und anderen die Augen öffnen.
    Doch liegt uns die gemeinte Einsicht heute so fern, daß es mir schwer fällt, sie darzustellen und einen Begriff der unzähligen Einsichten zu geben, die sich dereinst aus ihr ergeben werden.
    Vor 25 Jahren, als ich mich nur belehren lassen wollte und enthusiastisch das Neueste als das Wahrste ergriff, hatte für mich in Darwins „Ursprung der Arten“ ein Kapitel eine besondere, heimliche, nie erlahmende Anziehung — es war das über die   K o r r e l a t i o n.   Wer zuerst den Begriff der „Korrelation“ aufgestellt hat, ist mir unbekannt, und — wie gesagt — ich schreibe, ohne ein einziges Buch zur Hand zu haben. Jedenfalls ist die Sache so eminent scharfsichtigen und philosophisch zusammenfassenden Geistern wie Cuvier und Lamarck bekannt gewesen; bei Lamarcks berühmtem (auch von Darwin angeführtem) Beispiel der Giraffe fällt die Korrelation zwischen der enormen Entwicklung der Vorderteile und der Unentwickeltheit der Hinterteile jedem in die Augen. Man kann eigentlich bei jedem Wesen von einer — dem scharfen Auge — sichtbaren Korrelation der verschiedenen Teile und Organe sprechen: der Tiger ist in ähnlicher Verbindung oft zitiert worden, alles ist bei ihm auf den Sprung eingerichtet; man könnte aber ebenso gut die harmonische

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Zusammensetzung der Organe zu bestimmten Lebensarten bei dem Affen, dem Pinguin, dem Ichthyosaurus, der Schlange usw. aufzeigen. Jedoch man übersehe nicht, daß bei jeder derartigen Betrachtung ein gut Teil anthropomorphischen Teleologisierens sich hineinmengt. Wo die Sache für uns interessant wird, ist genau dort, wo Darwin den Begriff Korrelation einführt. Er hat vielleicht nicht scharf genug gedacht, um selber diesen Punkt als den kritischen seiner Lehre zu erkennen, doch war er viel zu erfahren, um ihn zu übersehen, und viel zu redlich, um ihn zu verschweigen, — und ich glaube, daß jeder unparteiische und begabte Leser empfinden wird, was mir mit 20 Jahren — erst unbewußt, dann immer deutlicher — auffiel, daß hier eine der unleugbarsten unter allen den tausend Achillesfersen jeder Evolutionslehre vorliegt. Es findet sich nämlich, daß zwischen den entferntesten, einander scheinbar in keiner Weise berührenden Organen eine „Korrelation“ (ein gegenseitig bedingendes Verhältnis) besteht. Auch hier muß ich bedauern, die Beispiele nicht in korrekter Ausführlichkeit im Gedächtnis gegenwärtig zu haben; doch Hinweise genügen für den Zweck dieser „Stichworte“. Ein besonders frappantes Beispiel gibt Darwin, das sich auf Katzen bezieht: weiße Katzen, die ohne Schwanz geboren sind, sind taub — ? — oder etwas Analoges; jedenfalls handelt es sich um die Farbe des Felles, um die Entwicklung der Wirbelsäule und um ein Sinnesorgan. Kein Anatom hat die blasseste Ahnung, wieso diese drei Dinge aufeinander wirken, miteinander zusammenhängen — in Korrelation stehen — können. Eigentlich noch interessanter, wenngleich weniger auffallend, sind eine Reihe anderer Beispiele, die ich nicht anführen will, um nicht die Tatsachen falsch zu berichten. Besonderen Eindruck machten mir unter diesen die Phänomene der Korrelation bei der Züchtung von Spieltau-

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ben. Denn während wir an anderem Orte evolutionistische Triumphgesänge darüber vernommen hatten, daß es dem Züchter gelingt, die Anzahl der Schwanzfedern zu vermehren, die Farbe zu modifizieren, den Schnabel ebenfalls usw., — erfahren wir nun, daß jede derartige Änderung unvorhergesehene Änderungen an entlegenen Körperteilen hervorruft, — wodurch der Züchter nicht bloß Dinge züchtet, die er nie im Sinn gehabt hat, sondern seine Tätigkeit überhaupt bald beschränkt und beendet sieht. So führt z. B. die eine künstlich gezüchtete Variation dazu, daß die Taube sich nicht mehr nähren kann, eine andere dazu, daß sie nicht mehr fliegen kann usw. Während also wir Laien das Erzielte gaffend anstaunen und einen Tausendkünstler zu erblicken glauben, und während der Evolutionstheoretiker in der Unschuld seines Herzens die endlose Variabilität der Gestalt experimentell erwiesen zu erblicken glaubt, weiß der Züchter sehr genau, welche enge Grenzen ihm gezogen sind, und er weiß, daß er nur das erzielen kann, was schon deutlich in der bestimmten Gestalt gegeben und bloß unentwickelt geblieben ist; wohl kann er durch geschickte Kreuzung und Auswahl „Rasse“ züchten (wie die Geschichte es bei den Menschen oft getan hat) — das heißt einen Stamm, bei welchem die besonders charakteristischen Eigenschaften einer Lebensgestalt — resp. einige von ihnen (bei dem Pferde z. B. entweder die Schnelligkeit auf Kosten der Tragkraft, oder die Tragkraft auf Kosten der Schnelligkeit) — in hohem Grade ausgebildet sind — „Rasse“ ist, wie wir hier sehen,   G e s t a l t   in besonderer, durchsichtiger Reinheit —; doch der Züchter weiß, daß, sobald er die Gestalt nicht bloß zur vollen Reife entwickeln, sondern   ä n d e r n   will, ihm sehr, sehr enge Grenzen gezogen sind, bei deren Mißachtung er — infolge der Korrelation der verschiedenen Teile, und das heißt einfach infolge der Einheit und ge-

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getzgebenden Bedeutung der „Gestalt“ — das Wesen vernichtet.
    Daß bei der Darlegung des Lebens als Gestalt ein sehr ausführliches Kapitel der Darstellung und Ergründung der Phänomene der Korrelation gewidmet werden muß, leuchtet ohne weiteres ein. Das experimentale Material wird natürlich zu verwerten sein (wie denn überhaupt Darwin und seine Schule als großartige Vorarbeiter sich bewähren werden), doch meine ich, daß auch hier wieder die direkte Anschauung des vom Leben Gebotenen uns viel weiter fuhren wird. Ist einmal das Augenmerk auf die Korrelation aller Teile einer Gestalt gerichtet so gewinnt die ganze Welt in bewußter Weise jene Einsicht, die einem einzigen genialen Cuvier gestattete, aus   e i n e m   Knochen ein ganzes Tier aufzubauen. Auf diesem Wege wird nun sehr weit in die Geheimnisse der Gestalt als Wesen des Lebens eindringen.
    Nebenbei gesagt und ehe ich diese Ausführung fortsetze, will ich folgenden Einfall einschalten.
    Daß innerhalb bestimmter enger Grenzen eine Evolution manchmal stattfindet und daß hierbei eine durch den Kampf ums Dasein bedingte natürliche Zuchtwahl stattfindet, ist, glaube ich, als durchaus wahrscheinlich und von Darwin genügend begründet anzunehmen, — nur ist dies nicht ein primäres, sondern ein untergeordnetes Phänomen, und was wir daraus zu lernen haben, ist das Gegenteil von dem, was Darwin und alle anderen Evolutionisten daraus folgern Denn es ist höchst wahrscheinlich und könnte, glaube ich, aus vielen Tatsachen der Paläontologie belegt werden, daß die „natürliche Zuchtwahl“ — insofern sie nicht bloß Rasse, sondern wahre Veränderung hervorzurufen imstande sein mag — genau so wirken wird wie künstliche Zuchtwahl; diese Voraussetzung liegt ja auch Darwins ganzer Argumentation zugrunde. Nun haben

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wir aber gesehen, daß der künstlichen Zuchtwahl in bezug auf Änderung der Gestalt sehr enge Grenzen gezogen sind, und zwar durch die vielfachen, geheimnisvollen Korrelationen im Bau. Es ist nun klar, daß, wenn die Natur in dieser Weise Gestalt züchtet — wenn z. B. Bedingungen der Umgebung eine Vermehrung der Schwanzfedern der Taube herbeiführen —‚ diesem Vorgang in der Natur sehr bald ein Ende gesteckt werden muß, da am Kopfende oder anderswo Änderungen infolge der Korrelation eintreten, welche das Leben des betreffenden Tieres gefährden oder gar unmöglich machen. Was ich die elastische Plastizitât der Gestalt nenne, erreicht darum bald ihre Grenze, und der Pendel, der nach rechts sich hob, wird mit Notwendigkeit nach links sich senken. Sollten dagegen die Bedingungen, welche eine Änderung der Gestalt begünstigen und hervorrufen, sich so dringend und übermächtig geltend machen, daß sie coûte que coûte sich behaupten, so würde die Elastizitätsgrenze überschritten werden, und das heißt hier nichts anderes, als daß der betreffende Arttypus nach und nach durch Aussterben seiner zum Leben nicht mehr tauglichen und untauglich geborenen Individuen von der Erdoberfläche verschwinden würde. Es ist aus den Phänomenen der Korrelation (im weitesten und im engsten Sinne des Wortes) als sicher anzunehmen, daß jede wirkliche und anhaltende „Evolution“ — anstatt zu progressiver, unbegrenzter Vervollkommnung zu führen, wie die verblendeten Naturscholastiker unseres Tages annehmen — unabweisbar zum Niedergang der betreffenden Art oder Gattung, oder auch der betreffenden ganzen Familie führen muß. Erst diese Einsicht wird das Verständnis des „Geologischen Zeugnisses“ aufhellen. Um ein mehr äußeres und leicht faßliches Beispiel zu nennen: es ist möglich, daß die uns bekannten Dinosaurier durch Evolution gezüchtete Monstrositäten sind, bei denen die unausgesetzte

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Ausbildung der Gestalt nach Seite der Größe und des Gewichtes — als Vorzüge im Kampf ums Dasein — zur unbeholfenen Schwerfälligkeit und zu dem nicht zu befriedigenden Bedürfnis enormer Nahrungsmengen führte, —  daher zum Aussterben. Doch ist dieses Beispiel absichtlich grob gewählt; wir sehen bei den Tauben — und die vergleichende Anatomie würde uns Abertausende von Beispielen liefern — daß die Korrelation viel unberechenbarer und sicherer wirkt, um jeder Evolution durch Tod ein Ende zu machen.
    Es ist uns ja bekannt, daß selbst bei Rassenzüchtung (die mit Evolution keineswegs zu verwechseln ist, wenn auch Darwin zwischen beiden nicht zu unterscheiden wußte), sobald ein einigermaßen extremes Resultat Bestand haben soll, dies nur durch immer wiederholte Einführung des mittleren, normalen Typus gelingt, — und was heißt dies anderes, als durch Betonung der reinen Gestalt? Darwin selber führt Beispiele an aus der Pferde- und Hundezucht, und ein sehr lehrreiches wurde mir neulich bekannt — daß nämlich die vortrefflichen Smyrna-Feigen nur unter der Bedingung Früchte hervorbringen, daß sie mit dem Pollenstaub der wilden Feigen befruchtet werden.

    Auf diese erste Einschaltung möge gleich eine zweite, kürzere kommen: Leben ist Gestalt; Gestaltung kann sich aber nur an dem, was da ist, betätigen und bewähren, und dieses „Etwas“ ist das, was wir entweder als Stoff und Energie auseinanderhalten oder als Stoffenergie identifizieren — je nach dem Standpunkt und Studiumszweig des betreffenden Naturforschers. Wir hier lassen uns auf keine Haarspalterei über das Verhältnis von Kraft und Stoff ein; wir stellen aber —- belehrt durch Anschauung — das Eine fest: jede Lebensgestalt beherrscht eine gewisse   S t o f f m a s s e   und eine gewisse   E n e r g i e m e n g e, — sie ist aber auf diese bestimmte Masse und Menge beschränkt;

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mit weniger kommt sie nicht aus, mehr vermag sie nicht zu beherrschen. Diese Beschränkung kann nicht durch Stoff und Energie gegeben sein, da beide ihrem Wesen nach unbeschränkt sind, sondern muß durch die Gestalt selbst bedingt sein.
    Ich kehre zum Hauptthema dieses Abschnittes zurück. Wir haben die sogenannte Korrelation am Werke innerhalb eines Individuums und Typus gesehen. Um jetzt eine weitere Einsicht zu gewinnen, müssen wir beachten, welche wahre Korrelation ein Wesen mit dem anderen, und d. h. eine Gestalt mit der anderen, verknüpft.
    Zunächst fällt hier der enorme Komplex von Beziehungen zwischen heterogenen Wesen auf, die man während der letzten 30 Jahre zu studieren begonnen und unter dem Namen   S y m b i o s e   zusammenzufassen sich gewöhnt hat. — So bestehen z. B. die Flechten (Lichenos) — vielleicht die langlebigsten aller organischen Wesen — erwiesenermaßen aus dem Zusammenleben (der Symbiose) von Pilzen und Algen. Ganze Klassen von Tieren (z. B. die Helminthoiden) können den Kreislauf ihres für ihre Existenz unentbehrlichen Generationswechsels nicht durchleben, wenn sie nicht durch den Leib bestimmter anderer Tiere hindurchgehen, in deren Darm oder Blut oder Muskeln sie gewisse Phasen durchmachen. Ähnlich verhält es sich mit jenen neuerdings entdeckten Amöben, welche einen Teil ihres Lebens (zugleich eine bestimmte Gestaltsphase) im Wasser, einen zweiten nur innerhalb des Körpers der Mosquiten verbringen und für die dritte und letzte Phase das heiße Blut eines Vertebraten benötigen — wozu jedes von Mosquiten gestochene heißblütige Tier dienen kann, so daß meistens Vögel getroffen werden, häufig aber auch Affen und Menschen, bei welch letzteren die wuchernde Sporenbildung der Amöbe innerhalb des Blutsystems je nach der Art der Amöbe Wechselfieber,

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gelbes Fieber usw. erzeugt. Genau ebenso verhält es sich mit dem unübersehbaren Heere der Mikroben — von denen es mehr und mehr anerkannt wird, daß sie uns komplizierteren Lebewesen nicht allein Krankheit, sondern auch Gesundheit geben, indem entweder sie oder andere, den Gärungspilzen analoge Mikroorganismen an allerhand Funktionen der Verdauung usw. hervorragend beteiligt sind. Dies ist echte Symbiose, da die Mikrobe ohne uns und wir ohne die Mikrobe nicht existieren könnten. (NB. — Dagegen bezeichnet   P a r a s i t i s m u s   — genau genommen — das „sich von einem Wirt ernähren, auf dessen Kosten allein und ohne ihn irgendwie zu fördern“; meistens kann der Parasit — z. B. der Blutegel — auch anders leben.) Ein anderes hervorragendes Beispiel der Symbiose sind jene pilzähnlichen Organismen, welche in den Wurzelknollen (oder vielmehr wurzelknoll-ähnlichen Erweiterungen der Wurzeln) der Leguminosen ihren Wohnsitz haben; man glaubte zuerst, mit einer parasitischen Erkrankung zu tun zu haben, doch belehrte nähere Untersuchung, daß gerade diese symbiotischen „commensaux“ die so wichtige Assimilation des Stickstoffs für diese Pflanzen besorgen, und niemals fehlen   k ö n n e n,   da sonst die Individuen dieser großen — für die Menschheit so wichtigen Familie — nicht zu leben vermöchten. Ich bin über die weiteren Entdeckungen der letzten Jahre nicht unterrichtet, doch weiß ich, daß man schon vor etlicher Zeit auf dem Wege war, die große Verbreitung dieser Art der Symbiose im Pflanzenreiche aufzudecken.
    Ohne nun die Beispiele dieser großen, allgemeinen, die gesamte Natur durchdringenden Symbiose zu mehren, genügt das Gesagte schon zu der einen Einsicht, daß die von den Evolutionstheoretikern sogenannt „niederen“ Organismen die „höheren“ voraussetzen, und ebenfalls die „höheren“ die „niederen“.

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    Ich meine aber, wir brauchen nur die Augen aufzumachen, um, wenn nicht gerade Symbiose, nicht Zusammenleben, so doch —   K o r r e l a t i o n   zwischen den lebenden Wesen im umfassendsten Sinne zu entdecken. Das gesamte Reich des Lebens gleicht einem Gewebe: die tausend Fäden kreuzen sich, halten sich, der Längsfaden stützt den Querfaden und dieser jenen, der zu oberst schimmert, taucht herab, und der untere tritt an die sichtbare Oberfläche... Auch hier wieder hat Darwin — mehr oder weniger unbewußt — treffliche Argumente gegen sich geliefert. Das eine seiner Beispiele hat Huxley witzig erweitert zu einem Nachweis, daß Englands Kraft auf der großen Anzahl seiner alten Jungfern beruhe. Denn diese Kraft sei von der Qualität des Roastbeefs herzuleiten; das Roastbeef ist aber durch die Fütterung der Ochsen bedingt; das beste Futter ist in dieser Beziehung eine bestimmte Abart des Klees; nun hat man aber bemerkt, daß diese Abart nur in nicht allzu großer Entfernung von bewohnten Ortschaften gedeiht, sonst aber schwer zu erhalten ist; dies liegt nun daran, daß der betreffende Klee nur von einer bestimmten Wespenart befruchtet werden kann; die Nester dieser in Erdhöhlen wohnenden Wespe werden aber von Feldmäusen des Honigs wegen zerstört — und damit werden die betreffenden Wespen selten; sind aber Katzen in genügender Anzahl vorhanden, so werden die Mäuse selten, die Wespen vermehren sich, der Klee wird reichlich befruchtet, breitet sich über die Felder aus und bietet den Ochsen die vorzüglichste Nahrung; — wer hält nun Katzen? Die alten Jungfern. — Dies ist, mehr oder weniger, Witz; doch beruht der Witz auf sicheren Tatsachen und veranschaulicht die Interdependenz gänzlich heterogener Lebewesen in frappanter Weise. Wichtiger für uns ist die große, einfache Einsicht, daß eine Mehrzahl aller blühenden Pflanzen ohne die Mitwirkung bestimmter

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Insekten sich nicht fortzupflanzen vermögen; die betreffenden Insekten sind aber auf diese bestimmten Pflanzen ebenfalls angewiesen. Hier ist also Gestalt auf Gestalt angewiesen. Die Annahme des Evolutionstheoretikers, diese Verhältnisse hätten sich allmählich entwickelt, ist nicht bloß haarsträubend unverständlich, sondern durch die früheren Beobachtungen über die Korrelation innerhalb des einzelnen Organismus als unmöglich erwiesen. Denn wenn z. B. der lang aufrollbare Rüssel eines Bombyx (?) nicht zu seiner Gestalt als integrierender Bestandteil derselben gehört, sondern durch Evolution entwickelt wurde, um bis auf den Grund einer (aus irgendeinem unfaßlichen Grunde) ebenfalls immer länger werdenden Krone einer Tubuliflora zu reichen, so sind wir zu der Annahme berechtigt, daß die dermaßen monströse Entwicklung eines Organes todbringende Rückbildungen an anderen Organen zur Folge gehabt hätte. Ein Gleiches gilt für die betreffende Pflanze. Viel einfacher und natürlicher und „empirischer“ ist die Annahme: daß, wie im einzelnen Organismus die entferntesten, scheinbar voneinander unabhängigsten Teile der Gestalt doch in einem Verhältnis allseitiger Interdependenz voneinander stehen, ebenso eine organische Interdependenz — eine wahre Korrelation — Gestalt mit Gestalt verbinde.
    Weitere Beispiele dieser großen, allgemeinen Korrelation ließen sich bei einigem Nachdenken in Hülle und Fülle geben. So z. B. bedarf mancher Vogel bestimmter Samen, und finden andrerseits die Pflanzen, welche diese Samen hervorbringen, nur durch diese ihre Samen verschlingenden Vögel Verbreitung. — Auch folgendes: Würden die Vögel nicht die Würmer und Raupen zu Millionen auffressen, alle Vegetation wäre in kürzester Zeit vernichtet. Zu einer Epoche also, wo es im Verlaufe der vermeintlichen Evolution Insekten schon, aber noch keine

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insektenfressenden Tiere gegeben hätte, wäre die gesamte Grundlage aller Nahrung von der Erde entschwunden! — Das großartigste aller Argumente scheint mir aber in dieser Beziehung folgendes zu sein: Das Tierreich und das Pflanzenreich sind gegenseitig als Gesamterscheinung voneinander interdependent. Die Formel — keine Pflanzen ohne Tiere, keine Tiere ohne Pflanzen — spricht die strikte, nachweisbare Wahrheit aus. Gewöhnlich faßt man die Ernährung allein ins Auge und sagt: Die Pflanze ernährt sich von dem mineralischen Boden usw., das Tier frißt die Pflanze, folglich geht die Pflanze voran. Man betrachte aber unser beiderseitiges Verhältnis zur Luft — denn dies ist das primärste von allen, das Grundlegende. Alle Tiere (auch die Fische und Insekten im Wasser) bedürfen großer Mengen Sauerstoff, die sie absorbieren, und hauchen Kohlensäure aus: das ist, was man Atmung nennt; alle chlorophyllhaltigen Pflanzen (und nach Hueppes Entdeckung auch einige chlorophyllose Bakterien) desassoziieren das Kohlensäuremolekül, CO2, behalten den Kohlenstoff und lassen den Sauerstoff entweichen: das ist, was man Assimilation nennt. Nun enthält aber die Atmosphäre eine verhältnismäßig sehr geringe Menge CO2; ohne den Lebensprozeß zahlloser Tiere hätte die Vegetation der Erde sie bald verzehrt und müßte — da Kohlenstoff die Grundlage aller organischen Materie bildet und es von der Pflanze nur aus der Atmosphäre gewonnen werden kann — baldigst zugrunde gehen. Andrerseits bildet aber der Sauerstoff der Luft dem Stickstoff gegenüber auch nur einen kleineren Teil (ich glaube, mich recht zu erinnern, etwa 21 zu 79); wie schnell müßten also die Tiere vergehen, wenn einerseits die Regeneration des O ausbliebe und andrerseits sie selber die Atmosphäre immer mehr mit CO2 sättigten; die gesamte Tierwelt würde, sowohl positiv durch den Überfluß der irrespirablen CO2, wie

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auch negativ durch den Mangel an genügendem O erstikken. Auf den möglichen (und durch gewisse Welttheorien vorbereiteten) Einwurf, die Atmosphäre habe früher größere Mengen von CO2 enthalten und somit Vegetation ohne das Dasein von Tieren ermöglicht, ist zu erwidern: 1. daß dies wieder jenes Anhäufen von Hypothesen ist, zu welchen alle Evolutionslehren führen, wogegen wir das, was ist, anschauen, das genaue Ineinandergreifen aller Lebensphänomene — im größten wie im kleinsten — erblicken und hiernach unsere Ansicht über das Wesen des Lebens zu allen Zeiten geben; 2. daß die Pflanze nicht bloß C assimiliert, sondern auch atmet, und daß die Atmung am Tage durch die Assimilation verdeckt ist, wogegen sie nachts allein besteht; wie nötig also CO2 der Pflanze auch sein mag, jener vorausgesetzte Exzeß würde sie ebenso ersticken wie das Tier.
    Wer über die hier nur — oder vielmehr   k a u m — angedeuteten Verhältnisse mit beständig anschauendem Geiste nachsinnt, wird, glaube ich, mit mir zu der durchaus nicht mystischen, sondern empirisch naturwissenschaftlichen Überzeugung gelangen, daß alle Lebenserscheinungen zusammen eine einzige, umfassendste, die undurchdringlichsten Verhältnisse gegenseitiger Interdependenz bedingende   O r g a n i s a t i o n   ausmachen. Nicht bloß ist im Individuum alles Gestalt bis hinunter zum Blutkörperchen, zum Chlorophyllkorn, sondern diese Gestalt, die wir hier hinein bis ins Kleinste verfolgen, verfolgen wir hinaus bis in das Bereich der allgemeinsten Verhältnisse, so daß wir behaupten dürfen,   a l l e s   L e b e n   s e i   e i n e   G e s t a l t.   Gerade dies erfassen, heißt, das Wesen des Lebens erfassen. Denn Stoff ist nichts, er ist das wahre „Ding an sich“, ein bloßer Grenzbegriff, den gerade der nüchterne, empirische Physiker über Bord wirft, weil er nicht weiß, was er damit anfangen soll,

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und Energie ist dasselbe Nichts, nur von einem anderen Standpunkt aus angesehen; das eine ist das ewig Unveränderliche, das andere das ewig Veränderliche, ewig auf dem Sprunge, jedes tatsächliche Verhältnis nur als das „Potentielle“ eines anderen Verhältnisses faßbar — so daß man Elektrizität durch chemische Wirkung, chemische Wirkung durch Wärmeerzeugung, Wärmeerzeugung durch mechanische Bewegung, mechanische Bewegung durch Schwere (Anziehungskraft) usw. ausdrückt und erläutert und mißt. Wogegen das   L e b e n   eine Einheit ist.
    Und weil das Leben eine Einheit ist, darum wirkt jedes einzelne auf das Ganze. Man weiß, daß, wenn man kommunizierende Röhren hätte, so ausgedehnt wie die Milchstraße, ein einziger Tropfen Wassers, an dem einen Ende zugegossen, genügen würde, um das gesamte Wasser zu heben. Hier beim Leben ist der Zusammenhang noch enger und dazu vielseitig.
    Und noch eine Andeutung, ehe ich diesen Abschnitt schließe.
    Wenn es eine Variabilität der Lebensgestalten gibt — was ich weder bejahe noch verneine, was ich mir aber recht gut vorstellen kann, als Anpassung des Lebens an verschiedene tellurische Verhältnisse, und wobei ich zugleich an andere Erden denke — so ist diese Veränderlichkeit sicherlich keine „Evolution“, und sind Lamarck und Darwin Männern zu vergleichen, welche ein Teleskop mit dem falschen Ende ans Auge halten. Denn die verschieden organisierten Wesen sind dermaßen aufeinander angewiesen, daß eine „Evolution“ der „niederen“ die „höheren“ töten würde; und andrerseits ist es ausgeschlossen, daß einzelne Arten sich gleichsam selbständig und auf eigene Kosten „entwickeln“ (die gemeinsame Grundannahme des Lamarckismus, des Darwinismus und des Weismannismus), denn die Korrelation innerhalb der ein-

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zelnen Gestalt reicht hinaus zu einer Korrelation mit anderen Gestalten. Kein Lebendiges steht isoliert. Hat es also in der Geschichte unserer Welt Veränderungen gegeben (nicht bloß Aussterben vielvertretener Typen und Aufblühen bisher wenig zahlreich vorhandener), so hat es sich gewiß jedesmal nicht um kleine Verbesserungen auf evolutionistischem Wege hier und dort gehandelt, sondern um große, organische, das gesamte Lebensmaterial umfassende Verschiebungen (bei welcher Gelegenheit ganze Gruppen zugrunde gingen). Nicht der Kampf des einzelnen um das Leben ist das Primäre, sondern der Kampf des Lebens selbst — (als Einheit) — um das Leben. Gerade nun wie wir beim einzelnen sahen, daß eine Änderung der Gestalt andere — unerwartete, unberechenbare — Änderungen seiner Gestalt verursachte, doch nicht immer sichtbare Änderungen   a l l e r   Teile der Gestalt mit sich brachte, so ist es recht denkbar, daß bei einer derartigen Verschiebung der gesamten Lebensgestalt zu neuer Harmonie der Gestalt manche ganz entfernt scheinende Gegenden des Lebenskomplexes tiefgreifende Umwandlungen erleiden, andere dagegen wenig oder gar nicht modifiziert werden würden.
    Auch diese — mit allem Vorangegangenen innig zusammenhängende Einsicht — würde unsere ganze Auffassung des „geologischen Zeugnisses“ völlig umwandeln und neu beleuchten. Dann aber würde dieses ganze, großartige, paläontologische Material als Beleg und Illustration und Überzeugungsmittel für die Richtigkeit der neuen Auffassung des Lebens mitreden.
    4.   P o u r   l a   b o n n e   b o u c h e.   L e b e n   i s t   G e s t a l t.   Aus diesem Grundprinzip wird sich nach den verschiedensten Richtungen hin eine unerwartete Menge Lichtes ergießen, — natürlich nicht in dem Sinne einer vermeintlichen „Erklärung“, wohl aber in dem einer beschreiben-

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den Erfassung, und diese allein ist Ziel und Leistung   j e d e r   echten Wissenschaft.
    Man wird jedoch sorgfältig zu sichten haben unter den verschiedenen, sich aufdrängenden Problemen. Des Goetheschen Wortes eingedenk, müssen wir erst unterscheiden lernen, wenn wir dann wollen verbinden können. So ist z. B. alles, was in irgendeinem Sinne zur Chemie des Körpers gehört, „Stoff“, und alles, was zur Mechanik des Körpers gehört, „Energie“ (Kraft). Es bleibt aber ein weites Gebiet, welches ich das   L e b e n   d e s   L e b e n s   nennen möchte, und hier ist es, wo die neue Vorstellung — „Leben ist Gestalt“ — aufhellen wird.
    Nur ein Beispiel, und ich wähle es absichtlich so, daß mein spekulativer Freund für manche empirische Länge dieser Mitteilung entschädigt werde. — Gewißlich ist das, was uns Menschen als das   D e n k e n   bekannt ist, weder etwas Stoffliches (wie der alberne Karl Vogt meinte, der es der Galle und dem Urin verglich), noch auch eine Bewegung von Teilchen, also etwas Energetisches (die im Grunde genommen genau ebenso sinnlose Annahme des heutigen Tages), sondern ein   E r g e b n i s   v o n   G e s t a l t, — gleichsam die Innenseite der Gestalt. Unsere braven Empiriker sind sehr erstaunt gewesen, als sie nach und nach im Gegensatz zu ihren Voraussetzungen entdeckten, daß nicht das Gewicht des Gehirns, sondern die feinsten Details seiner Struktur ein unmittelbares Verhältnis zur Denkkraft des Individuums aufweisen. Ich bin durchaus nicht geneigt, diesen das Gebiet des konkret Wissenschaftlichen überfliegenden Einfall auf eine derartige Tatsache stützen zu wollen, doch regt es immerhin zum Nachsinnen an, daß wir die Leistungsfähigkeit des Gehirns von der relativen Kompliziertheit seiner Gestalt abhängen sehen; es zeigt, daß die Ahnung, Denken sei ein Ergebnis von Gestalt, nicht so hirnverbrannt ist, wie sie manchem

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mühsamen Fußgänger auf dem Wege des Lebens scheinen möchte auf den ersten Blick.
    Was wir alles auf diesem Wege für die Spekulation gewinnen würden und werden, läßt sich heute kaum voraussehen. Die Hauptsache, glaube ich, wird sein, daß wir auf diese Weise lernen werden, auch das Abstrakte anschaulich zu betrachten. Es wird sich hieraus eine Weltanschauung ergeben, welche man vielleicht am kürzesten als den genauen Gegensatz des Spinozismus bezeichnen kann. Denn während dieser Jude mit charakteristischer Sicherheit den unlösbaren Widerstreit zwischen Ausdehnung und Denken — der unseren lieben germanischen Philosophen so viel ehrliche Qual verursachte — dadurch aufheben wollte, daß er sie als zwei Attribute des einen Gottes (d. h. der einen Natur) ansprach, — was offenbar nichts weiter als ein gänzlich steriler Wortwitz ist, stoßen wir auf unserem Wege auf eine durchaus anschauliche — und daher unerschöpflich reiche — Vorstellung.
    Hierüber ein anderes Mal mehr.
    Nur dieses noch zur Verhütung von Mißverständnissen. Man wird einwerfen, das   D e n k e n   sei uns nur beim Menschen bekannt und bloß von einem geringen Bruchteil der animalischen Welt allein vorauszusetzen. Dem widerspreche ich durchaus nicht. Was ich aber glaube, ist, daß — infolge unserer bisherigen, unüberlegten, kindisch-barbarischen Auffassung des Lebens — uns noch große, einfache Einsichten auch hier fehlen. Schopenhauers polternd gewalttätiger Versuch, den   W i l l e n   als allgegenwärtig einzuführen, ist ein tölpelhaft genialer, bewunderungswürdiger, aber übereilter, an der Seuche des Anthropomorphismus kränkelnder Anlauf, eine Einsicht zu gewinnen, die uns Menschen nicht durch reine Spekulation, sondern nur durch reine Anschauung zuteil werden kann.

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Gewiß ist das Denken eine Funktion des Gehirns, und der Wille ist ein untrennbarer Bestandteil des Denkens. Eine Homologie mit dem, was wir unter „Denken“ verstehen, ist nur vorstellbar, insofern ein Lebewesen ein Nervensystem und ein Zentralganglion besitzt —; doch hüten wir uns vor dem Anthropomorphismus! Ich bin überzeugt, daß keine Lebensgestalt sein kann, ohne etwas zu besitzen, was — in einem weiten kosmischen Sinne — unserem Denken entspricht, etwas, was die   I n n e n s e i t e   ihrer sichtbaren bestimmten Gestalt ist. Hier haben wir, wie gesagt, eine große, neue, belebende Einsicht erst noch zu gewinnen, und zwar wird uns das auf dem Wege des liebevollen Sichversenkens in die Natur, durch Anschauung, nicht auf dem Wege der Abstraktion gelingen.
    Als Schlußwort eine Kleinigkeit, deren Zusammenhang mit dem soeben Gesagten auf jenem blumigen Grenzgebiet zwischen empirischer und transzendenter Erfahrung — ohne weiteres erhellt.
    Mir fiel in diesen Tagen die „Korrelation“ zwischen der Stimme der Tiere und ihrer Gestalt auf; sie spannt gleichsam die Brücke zwischen der Innenseite und der Außenseite der Gestalt.
    Zunächst waren es die kleinen Hähne, die vor meinem Fenster herumspazieren und -stolzieren, die mich die genaue, eigentümlich unaussprechbare Zusammenstimmung zwischen diesem Gesang und dem ganzen Wesen des Hahns empfinden ließen. Dann hörte ich oben an den Gletschern die Murmeltiere pfeifen: man   e r b l i c k t   dabei förmlich ihr Schwänzchen und ihren in warmem Fett eingehüllten Körper; dieses Pfeifen ist auch grundverschieden von dem der Vögel (mit dem Unerfahrene und Unaufmerksame es oft verwechseln), es besitzt weniger die Sentimentalität und sinnliche Exuberanz des überheißen Vogelblutes und vielmehr eine der menschlichen

167 Zur Lebenslehre — Manuskript B

verwandte Klugheit und Schlauheit, dabei zugleich Güte und Anhänglichkeit.
    Solche Dinge müssen mit großer Vorsicht und Reserve behandelt werden, sonst verfallen sie in eitel Spielerei. Sie dürften — wie alle ganz delikaten Grenzbegriffe und Grenzempfindungen — eigentlich nur den Begabtesten mitgeteilt werden. Doch diesen dürften sie viel Anregung gewähren — Spiegelt nicht bei jedem unter uns Menschen die Stimme seine „Innenseite“ wieder? — So sehr, daß wenn wir sie kennen und wenn nun Stoff und Energie — die dummen Riesen Fafner und Fasolt — den goldenen Klang der lebenspendenden Holda uns geraubt haben und wir vom Freunde nichts weiter erhalten können als solche neununddreißig Quartseiten, uns als das Beste vom Ganzen das Eine dünkt, daß wir seine   S t i m m e   zu vernehmen glauben!

Obergurgl, 24./7. 1900.

22./8. 00.




168

Zur Lebenslehre

Einige kurze Notizen, teils als Erwiderungen

    1. Meine Lehre umfaßt die anderen; umgekehrt gilt das nicht. Daher kann es leicht vorkommen, daß ein verbohrter Lamarckianer, Darwinianer, Weismannianer, Nägelianer usw. bei mir angebliche „Bestätigungen“ seiner Auffassung findet, doch ist darauf kein Gewicht zu legen, da dieses Mißverständnis von vornherein zu gewärtigen ist.
    So liefern z. B. die echten Darwinianer den Lamarckianern einen Kampf auf Leben und Tod in bezug auf Lamarcks Grundprinzip der Evolution: die Vererbung erworbener Charaktere. Von unserem Standpunkt aus dagegen ist zu einem leidenschaftlichen Disput hierüber keine Veranlassung. Mögen Experiment und Naturbeobachtung zeigen, wer recht hat. Soweit ich weiß, kann Darwins Behauptung der   N i c h t v e r e r b u n g   als im großen und ganzen unanfechtbar gelten -— ein herrlicher Beweis von der Beharrlichkeit der Gestalt! — Doch höre ich, daß die Fachmänner Darwins Standpunkt für allzu schroff halten und daß doch in gewissen Fällen und in einem bestimmten Maße die Vererbung erworbener Charaktere für wahrscheinlich gilt — was wiederum von meinem Standpunkt aus durchaus annehmbar ist. Erst die Lehre der   G e s t a l t   als Prinzip des Lebens wird zeigen, wie diese Vererbung und Nichtvererbung zusammenhängen. Wirkt ein erworbener Charakter durch   K o r r e l a t i o n   auf den Keim oder das Sperma, so   m u ß   er das kommende Geschlecht in seiner Gestalt beeinflussen; wenn nicht, nicht usw.

169 Zur Lebenslehre — Einige kurze Notizen

Ähnlich verhält es sich mit Darwins natürlicher Zuchtwahl und Weismanns Keimevolution: von beiden wird sich herausstellen, sie seien durchaus sekundär, ebenso sekundär wie Lamarcks Vererbung erworbener Charaktere, doch habe ich keine Veranlassung, sie a priori zu bekämpfen und zu verwerfen. Im Gegenteil, ich glaube, es werden noch weitere Ursachen evolutionistischer Prozesse entdeckt werden. Auch Nägelis geometrische Hypothese der Evolution durch Verschiebung der Mizellen mag nicht ohne jede Berechtigung aufgestellt worden sein, wenn sie auch schwerlich mehr als eine analogische Allegorie der tatsächlichen Verhältnisse darstellt.
    2.  Daß „Evolution“ vielerorten stattfinde, ist, meine ich, eine sichere Tatsache, die weder geleugnet werden muß, noch darf, noch kann. Auch glaube ich, daß die Betonung der Evolution als eines Prinzipes des   V e r f a l l e s   von sehr großer Wichtigkeit ist. Freilich zeigt uns die „Rasse“, daß überschwengliche Individuen durch besondere Umstände gezüchtet werden müssen, daß sie also nur latent (oder wie Aristoteles sagen würde „energetisch“) mit der Gestalt gegeben sind; doch lehrt uns dieselbe Erfahrung der „Rasse“, daß diese Züchtung keinerlei Ferment zu weiterer Entwicklung enthält oder erzeugt oder aufdeckt. Der gezüchtete Edelmensch fällt ins Gemeine zurück; das Edelpferd, der Jagdhund enthalten so wenig in ihrem Wesen ein Prinzip der Weiterentwicklung, daß sie nicht auf die Dauer erhalten werden können, wenn nicht immer wieder „gemeines Blut“ zur Auffrischung gebraucht wird. (Siehe auch das früher angeführte Beispiel der Feigen.) Gesetzt also, die Natur brächte ohne menschliche Dazwischenkunft solche Bedingungen hervor, daß sich das Pferd nach dem Typus „Rennpferd“ zu „entwickeln“ wüßte, so berechtigt schon unsere jetzige Erfahrung zu der Behauptung: dies wurde eine Degenereszenz, einen

170 Zur Lebenslehre — Einige kurze Notizen

Verfall bedeuten. Und — wie schon früher angedeutet — überall, wo wir durch paläontologische Zeugnisse veranlaßt werden, von der Evolution eines Typus zu sprechen, werden wir vermutlich nachweisen können, daß diese „Evolution“ als Verfall aufgefaßt werden muß — und zwar darum als „Verfall“, weil die Existenzfähigkeit das Kriterion bildet. Gerade das Pferd pflegt ja als ‚Beispiel hervorragendster Art von den Evolutionisten angeführt zu werden — weil man (ich glaube in der älteren Kreidezeit) pferdeähnliche Wesen findet, von welchen die geologisch Älteren fünf ¹) (oder vier?) Zehen haben, die jüngeren drei (oder zwei?), so daß eine allmähliche Abnahme der Digitten angenommen wird, bis zu dem heutigen Pferd, das auf einer Zehe steht und nur sehr störende Rudimente einer zweiten (und ich glaube auch einer dritten) Zehe für die Belehrung der Herren Zoologen und Evolutionstheoretiker trägt. Gesetzt nun den Fall, es handle sich hier um eine „Evolution“, so zeigt sie in frappanter Weise, daß Evolution eine course à la mort bedeutet. Vielleicht ist kein Tier so offenbar eine   „Ü b e r t r e i b u n g“   wie das Pferd, und wäre es nicht in seiner fast absurd unbeholfenen Gestalt dem Menschen brauchbar erschienen, so wäre es längst von der Weltoberfläche verschwunden. Die wilde Katze findet sich allerorten, die Ahnen des Haushundes sind leicht zu ermitteln, der Elefant hat sich durch Zähmung gar nicht geändert usw. — dagegen läßt sich die Herkunft des Pferdes noch immer nicht ermitteln und wenn auch Przewalsky dessen Ahnen in Zentralasien entdeckt zu haben glaubt, das wäre nur ein abseits leben
—————
    ¹)  Ich habe seitdem das sogenannte fünfzehige „Pferd“ in London gesehen; es gleicht einem großen Hunde oder einem kleinen Bären in der Gestalt und Größe. Der Anatom, der mich herumführte, lachte, als er mir mitteilte — „das ist das berühmte Tier, das die Haeckelianer ein fünfzehiges Pferd nennen!“

171 Zur Lebenslehre — Einige kurze Notizen

der, letzter Zeuge eines vergangenen Geschlechtes, — vergangen, weil nicht lebensfähig, weil durch Evolution entartet, weil das Gleichgewicht des Gestalttypus zerstört ist, — während Löwe und Tiger, Nilpferd und Affe sich trotz aller Ausrottungsversuche behaupten.
    Hier muß aber vor einem naturphilosophischen Mißbrauch gewarnt werden. Das Individuum entsteht, entwickelt sich und vergeht; wir sind nur allzu geneigt, diese Vorstellung des Individuellen dort anzuwenden, wo sie nicht am Platze ist. Es ist — wenigstens a priori — nicht einzusehen, warum ein Gestaltstypus dieselbe Bahn zurücklegen sollte wie das Individuum. Die Beharrlichkeit scheint das Gesetz des Lebens zu sein. Wir kennen Typen, die sich durch alle geologischen Epochen hindurch ohne jegliche Veränderung erhalten haben, und die Konstanz der allgemeinen Lebensformen ist jedenfalls das Erste, was in die Augen fällt. Es ist nun denkbar, daß eine bestimmte Gestalt gleichsam prädestiniert ist, sobald sie einmal entsteht, in Evolution hineinzugeraten und somit eine auf ihr Ende hinausführende Bahn anzutreten; ebenso denkbar ist aber die absolute Ewigkeit einer Gestalt oder ihre unbegrenzte Dauer, solange die umgebenden Bedingungen wesentlich die gleichen bleiben. ¹) Jung und alt ist nur das   I n d i v i d u u m,   in welchem der Kampf zwischen dem gestaltenden Leben und der gestaltzerstörenden Kraft und Materie sich ausficht, — die Gestalt selbst aber ist weder jung, noch alt und kann nur begriffen werden als die Teiläußerung des großen, allgemeinen L e b e n s.   Hat   d a s
—————
    ¹) Im Natural. Histor. Museum in London sah ich ein vor kurzem entdecktes spinnenähnliches Tier — C r y p t o s t e m m a   a f z e l l i — jetzt auf Sierra Leone lebend, welches mit der   A r a c h n i d e   P o l i o c h e z a   p u n c t a t a   aus den Steinkohlenschichten Nordamerikas identisch ist! Wir besitzen also Tiere höchst komplizierter Bauart, welche unverändert von der paläozoischen Epoche bis heute lebten!

172 Zur Lebenslehre — Einige kurze Notizen

L e b e n   die nötige Gestaltungsmacht übrig, so wird sich die einzelne Gestalt gegen alle Einflüsse behaupten, — ist das nicht der Fall, so wird sie weichen und vielleicht auf den Weg der Evolution und des Verfalles bis zum Hinschwinden geraten.
    3. Bei all unserem vorläufigen Denken, Prüfen, Sammeln finde ich, mein Freund, daß die Hauptsache in der Überzeugung besteht, hier handle es sich um eine „Kopernikanische“ Einsicht. Kopernikus, obwohl er Vorarbeiter vorfand — hat nicht genau gewußt, wohin sein Weg ihn führte. Die Bewegung der Erde und der Planeten um die Sonne hat er erfaßt, doch der Sternenhimmel blieb für ihn eine einzige Sphäre; das eigentlich Umwälzende in seiner Entdeckung — jene Pluralität der Sonnen und Welten, welche erst Giordano Bruno ¹) mit trunkener Begeisterung begriff — blieb dem Kopernikus unbekannt. Ein derartiges Unternehmen muß man wie Christoph Kolumbus antreten: sicher, daß man Welten entdecken wird, sicher, daß man die richtige Richtung einschlägt, doch unkund, bis wohin die eigene Kraft reichen wird, und unwissend, welche Länder sich den Nachfolgern eröffnen werden. Die Gemütsstimmung erfordert ein Gemisch von wissenschaftlichen Kenntnissen, scharfem Denken und — zugleich — unerschütterlichem, selbstvertrauendem   G l a u b e n.   Wer eine große Wahrheit ahnt, die er noch nicht empirisch ausführlich darlegen und nachweisen kann, muß notwendigerweise etwas vorn „Seher“ an sich haben. Wichtig ist nur, daß er nicht Seher nach Art eines mit höheren Eingebungen, Astralerkenntnissen u. dgl. arbeitenden Narren oder Charlatan sei, sondern nach Art eines Kolumbus und eines Kopernikus. — Wer ahnt, um was es sich handelt — und das ist Dein Fall, M. B. i. G. —‚ begreift, daß es sich um eine völlige Umwälzung aller bis-
—————

    ¹)  Nein Cusanus, der Verf.

173 Zur Lebenslehre — Einige kurze Notizen

herigen Ideen über das Leben handelt, so daß in Wirklichkeit der Boden zu einer   D i s k u s s i o n   mit unseren heutigen Lehren fehlt, — denn sie stehen dort, wo die Lehre der Materie vor Galilei und Newton, und wo die Lehre der Energie vor Descartes und (da er nicht verstanden wurde) vor Joule und Robert Mayer stand. Ja, der Abstand ist noch größer. Auch wird die neue Auffassung von dem Wesen des Lebens ganz anders umgestaltend auf alle Zweige des Denkens und der Kultur wirken.
    Dies in einem noch so bescheidenen Maße anzubahnen, teilweise, wie gesagt, selber über die Tragweite dessen, was man in die Welt setzt, unwissend, vielfach, ich gestehe es, mehr einem unwiderstehlichen dunklen Triebe als einer klaren Erkenntnis gehorchend — diese bescheidene obskure Rolle eines Geistes, der eigentlich mehr erkennt, daß wir alle im Dunklen herumtappen, als daß er das Licht des neuen Tages schon erblickte, muß und kann unsereinem genügen. Hier, wie bei allen großen Dingen, ist   D i e n e n   die Parole. Nicht Anerkennung, nicht Ruhm, nicht einmal den kaum zu erhoffenden eigenen wissenschaftlichen Erfolg — das alles liegt zu fern; um den Stein zu heben, der unseren menschlichen Geist noch wie in eine dunkle Höhle sperrt, bedarf es eines gegenwärtigen, kraftgewährenden Prinzipes, und dies kann nur das eigene, sichere, unangreifbare Bewußtsein sein, daß man der Wahrheit dient und anderen den Weg vorbereitet.
    Jede denkbare Gattung des Mißverständnisses, der Entstellung, der Verhöhnung, der kirchlichen und antikirchlichen Exkommunikation ist zu gewärtigen, — und das wäre das schönste Lebenslos, daß man die Sache so weit ausreifen könnte, um sich dies alles zuzuziehen.
    4. Ein Problem, welches in ganz neuer Gestalt auftauchen wird, ist das alte, viel umstrittene, nie auch nur annähernd gelöste der Bedeutung der   I n d i v i d u a l i t ä t.

174 Zur Lebenslehre — Einige kurze Notizen

    Betrachten wir einfache Wesen, — z. B. ungezählte Millionen einzelliger Algen in einem Bergteich, oder die in der Luft herumtreibenden Bakterien, oder z. B. die höchst komplizierten — wenn auch einzelligen — Diatomaceen, die als echte „Schizomyzeten“ sich nur (soviel bekannt) durch Verdoppelung vermehren — so wird der Begriff der Individualität zwar nicht ganz aufgehoben (denn bei näherer Betrachtung werden wir gewiß zwischen den Individuen Unterschiede aufdecken), doch lernen wir ihn gewissermaßen „objektiver“ ins Auge fassen. Mir schwebt nun etwas vor, was ich noch nicht fähig bin, klar auszusprechen. Ich glaube nämlich, daß das, was wir (wenn wir von der subjektiven Nuance des Eigenbewußtseins absehen) an einem Lebewesen als das Individuelle auffassen, gerade die Kundgebung des Nichtindividuellen, d. h. also des Außer- und Überindividuellen ist. Kleine Unterschiede in der Größe usw. sind gewiß mechanischen Ursprungs; in ihnen spricht sich der Kampf des Gestalterzeugenden gegen den Gestaltzerstörenden aus, doch so, daß das „Antilebensprinzip“ das Sichtbare ist, das, was den Stempel aufdrückt, indem es Gestalt verzerrt. Wo wir dagegen das Individuelle am Werke zu sehen glauben — von den ausschwärmenden Algensporen an bis zu unserem eigenen Tun und Erstreben — da bekundet sich das Überindividuelle, das Leben selbst, das Gestaltende. Schopenhauer — von einem anderen, abstrakteren Gesichtspunkt ausgehend — hat mit bewunderswerter Überzeugungskraft dargetan, wie das Individuum gerade dort, wo es am fanatischesten rein „individuell“, völlig selbstsüchtig vorzugehen scheint — nämlich in der auf Begattung hinzielenden Liebe — ganz und gar im Dienste der Gattung steht und sein eigenes Dasein nicht selten in diesem Dienste opfert. — Diese tiefe Einsicht — von Schopenhauer einseitig ausgebeutet — verdient in einem Geiste

175 Zur Lebenslehre — Einige kurze Notizen

weiter, toleranter, scharfsinniger Wissenschaftlichkeit wieder aufgenommen zu werden, um nicht bloß auf den Paroxysmus des Geschlechtstriebes, sondern auf alle Betätigungen des „Individuellen“ ausgedehnt zu werden.
    Es wird sich herausstellen, daß nur dort, wo das Einzelwesen sich gegen die destruktiven Einflüsse von Stoff und Kraft wehrt, es im eigentlichen Sinne des Wortes „individuell“, nämlich rein für sich, das eigene vergängliche Sein behauptend, auftritt, — daß dagegen jede reine, produktive, zeugende, von Leben zu Leben führende Betätigung der Ausdruck des allgemeinen, überindividuellen Lebensgestaltungsgesetzes ist. In je höherer Potenz sich Persönlichkeit uns offenbart, um so klarer erblicken wir das Überpersönliche. Die Wirkungsweise des Genies (wie Kant so richtig erkannte) ist die der Natur, sie ist ein Gesetzmäßiges, Notwendiges — im Gegensatz zu der inferiorer Geister, wo das Element der Willkür, des rein Individuellen (nicht allgemeinen, nicht allgemeingültigen) auffällt. Eine Persönlichkeit ist um so größer, je durchsichtiger sie für das Überpersönliche ist; sie ist um so freier, je notwendiger ihr Denken und Handeln usw.
   
Wer in dieser Anregung nur das Paradoxe erblickt und stutzig wird, bedenke das widerspruchsvolle Verhältnis, welches zwischen   R a s s e   und   ü b e r s c h w ä n g l i c h e m   Individuum besteht. (Siehe Grundlagen, Kap. Völkerchaos.) Höchstes Glück ist nur Persönlichkeit, — Persönlichkeit entsteht aber nur aus einer bestimmten, gezüchteten Gemeinsamkeit und besteht nur im Zusammenhang mit ihr. Diesen Ariadnefaden erfasse man und stürze beherzt in das Labyrinth des Lebensrätsels, — man wird dann die deutliche Ahnung dessen erhalten, was ich hier nur unbeholfen stottere.


176


Zur Lebenslehre

Erster Schattenriß eines weiter auszubauenden Gedankenganges.

    Zur größeren Deutlichkeit sei der Gedanke in der genauen genetischen Reihenfolge mitgeteilt:
    a) Die Beziehung der   G r ö ß e   zur Gestalt des Lebewesens wird zu untersuchen sein.
   
Betrachtet man z. B. den Elefanten an dem einen Ende, die Rotifere oder Diatomazee an dem anderen, so kann man sich des Gedankes kaum erwehren, daß zwischen der relativen Größe und der Art der Struktur eine gesetzmäßige Beziehung (Korrelation) besteht. Sehen wir von jenen allerkleinsten Wesen ab, welche selbst unsere Mikroskope kaum erblicken und daher uns gewiß nur im Umriß zeigen (Bakterien usw.), so ist die ungeheure Komplikation des Baues ein Charakteristikum   k l e i n s t e r   Wesen. Man denke nur an die Schalen der Diatomazeen! An den wirbelnden Kranz der Rotiferen! An die fruchttragende Form der Myxomyzeten! An die Zilien der Zoospermen! usw. Dagegen erweckt der Umriß eines Elefanten, von seiner Rüssel- bis zu seiner Schwanzspitze den Eindruck weitgehendster Vereinfachung der Gestalt. Weiteres Nachsinnen wird dasselbe Prinzip als bei allen Vertebraten vorherrschend zeigen: möglichste Reduzierung aller Zahlen (Extremitäten, Sinnesorgane, Geschlechtsorgane usw.), möglichste Verschmelzung gesonderter Körpersegmente (Fisch!, Schlange!, Wallfisch! — Auch der Vogel ist ein Triumph der Vereinfachung usw). Und, nota bene, die Vertebraten sind unter allen Tieren die „Großen“: nur sie, nicht die Insekten, haben fliegende Wesen von der

177 Zur Lebenslehre — Erster Schattenriß eines Gedankenganges

Größe eines Adlers und eines Albatrosses hervorgebracht; kein schwimmender Brachypode gleicht den Fischmonstren und kein Fisch gleicht dem noch weiter vereinfachten Säugetier, dem Wallfisch; kein Laufkäfer und keine Spinne kommt dem Nilpferd an Größe gleich, und kein Wurm der Schlange.
   
Es wäre also zu untersuchen, ob nicht relative Größe und relative Komplikation der Gestalt in einem umgekehrten Verhältnis zueinander stehen.
    (NB. — Zum Schrecken empirischer Narren, wenn auch nicht vielleicht sehr im Ernste, könnte man dahin gelangen, eine „mittlere Normalgröße“ theoretisch festzustellen. Wenn nämlich Größe und Komplikation sich dermaßen zueinander verhalten, daß stets G + K = 1 sind, so wäre es denkbar, daß man das relative Verhältnis von G und K zueinander ziffernmäßig zum Ausdruck bringen könnte.)
    b) Dieser spaßhafte Einfall führt nun zu einer ernsten Vorstellung über: es wäre denkbar, daß ein bestimmtes Verhältnis (oder mehrere bestimmte Verhältnisse) von G und K ein   M a x i m u m   v o n   L e b e n — das heißt also, „Leben“ in einer reineren Gestalt — in die Erscheinung treten ließe. Denn wir mögen einschlagen, welchen Weg wir wollen, immer finden wir Materie und Energie als die dem Leben widerstrebenden, d. h. gestaltvernichtenden Mächte (resp., wenn man sie mit den Physikern als die Doppelspiegelung eines in Wirklichkeit einfachen auffaßt, als die eine, zwiefach Gestalt vernichtende Macht). Und es ist durchaus plausibel und wahrscheinlich, daß es gewisse Verhältnisse zwischen Größe der Gestalt und Komplikation der Struktur gibt, welche diesen widerstrebenden Mächten am erfolgreichsten die Stirn bieten. Wenn — wie maßgebende Botaniker vermuten — die Flechten unsterblich sind oder zumindest ein Individuum Jahrtausende

178 Zur Lebenslehre — Erster Schattenriß eines Gedankenganges

durchleben kann, so bieten sie uns ein Beispiel dafür, wie weit die Gestalt es in bezug auf Dauer (wenn auch nicht in anderer Beziehung) im Kampf mit Materie und Energie bringen kann. Wir brauchen aber nicht bloß Dauer in Betracht zu ziehen. Ein Maximum an Leben kann auch nach anderer Richtung erreicht werden.
    Dieser Gedanke ist weiter zu verfolgen.
    c) Doch ehe ich hierzu Muße gefunden hatte, fiel mir ein anderer Gedanke — oder vielmehr Gedankengang — ein, von verführerischer Kühnheit, und der mir sowohl philosophisch als wissenschaftlich viel zu verheißen scheint.
    G r ö ß e   und   K o m p l i k a t i o n   stellen vielleicht zwei Überwindungsmittel dar, die eine die Überwindung der gestaltzerstörenden Energie, die andere die Überwindung der gestaltzerstörenden Materie. Durch die Größe (man denke an den Elefanten und den Dinosaurier) meistert die Gestalt die Energie, unterliegt aber zuletzt der Materie; durch die Komplikation der Struktur (Diatomazeen, sog. Moosfrucht usw., oder auch das Menschenhirn, die Fühlhörner der Insekten usw.) meistert die Gestalt die Materie, doch je mehr ihr das gelingt, um so engere Grenzen sind ihr in bezug auf die Bekämpfung großer Energiemengen, d. h. also in bezug auf Größe gestellt.
    Ist hiermit nun eine große, grundlegende Wahrheit ausgesprochen —- und das glaube ich —‚ so ist nicht nur der zuerst ausgesprochene Gedanke eines Verhältnisses zwischen Größe und Komplikation (der im ersten Augenblick banal erscheint) glänzend gerechtfertigt, sondern es eröffnet sich in dem Problem des Lebens ein weites Gebiet dem wirklich begreifenden Forschen.

Salzburg, 31. 8. 00.
Nach den Bleistiftnotizen des 30. 3. 00.



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ANHANG


EIN BRIEF AN DIE BARONIN EHRENFELS

UND

SCHLUSSWORT DES HERAUSGEBERS



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(Leere Seite)


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Ein Brief an die Baronin Emma von Ehrenfels

    Wenn ich so im Giordano Bruno lese — er war ja der erste und lange, lange Zeit der einzige auf der Welt, der durch die leuchtende Kraft seines Blickes den Sternhimmel durchschaute, alle Sternensonnen, um welche Planeten kreisen, diese von Leben bedeckt, alles ins Unendliche reichend (daß die Inquisition ihn verbrannte ist logisch, daß aber die Herren Fachgelehrten ihn überall wegen der Unsinnigkeit seiner diesbezüglichen Behauptungen bekämpften, das ist das Belehrende auch für uns und für heute) — dann fällt mir meine eigene Anschauung betreffend die Lebensformen ein, und die Erbärmlichkeit der Evolutionstheorie zeigt sich in ihrer fast abstoßenden Unzulänglichkeit. Denn wie wird das Leben sein auf den anderen Planeten und Systemen? Die Spektralanalyse hat noch keinen einzigen uns unbekannten Stoff (so viel ich weiß) in den Sternen nachgewiesen. Und ich bin überzeugt, wir können mit voller Sicherheit voraussetzen, wo auch wir im All des Universums Leben antreffen, werden wir es — nie in ganz gleichen Formen wie bei uns — und gewiß ist jedes einzelne Wesen, wie bei uns jeder neu entdeckte Käfer, ein Wunder, ein Unvorhergesehenes —‚ doch wir werden gewiß unser Schema wiederfinden, auf dem einen Himmelskörper nach einer Richtung ausgebildet, nach einer anderen verkümmert, auf einem anderen umgekehrt, — möglicherweise auch ergänzt durch Gestaltungstypen, die auf unserer Erde die Bedingungen zum Aufleben nicht fanden; doch ganz gewiß — der Sternhimmel selber deutet es uns an — ganz gewiß sind die Gestaltungsgesetze kosmisch, d. h. universell. Und nun frage ich: sollten wir erst

182 Anhang — Ein Brief an die Baronin Emma von Ehrenfels

unsere Untersuchungen so weit hinaus ausdehnen können, auf welche neue haarsträubende Absurdität werden die Evolutionisten verfallen, um eine lineare Abstammungsverwandtschaft plausibel zu machen zwischen den Geschöpfen auf den Planeten, die den Arcturus umkreisen, und unserer Fauna und Flora? Ob dann endlich die Menschen begreifen werden, daß es unentrinnbare Gestaltungsgesetze gibt für das Leben? und daß, wo und wann das Leben auch entsteht und besteht, es nur innerhalb gewisser ewiger Typen entstehen und bestehen kann? Und daß das Pferd auf unserer Erde nicht der first cousin twice removed des Pferdes auf dem Jupiter ist, — sondern daß diese Behauptung verblödender Unsinn ist?
    Heute, wo eine echt wissenschaftliche Physik erst durch die Vorstellung von der „Erhaltung der Masse“ möglich geworden ist, und erst durch die in unserem Jahrhundert (unter wie vielen Kämpfen und nur von Nichtfachphysikern) siegreich durchgedrungene Vorstellung der „Erhaltung der Energie“ zu weiteren Fortschritten befähigt wurde, — ebenso werden wir die richtige Vorstellung und Formulierung für ein Gesetz der „Erhaltung der Gestalt“ führen müssen.
    Mir kreist heute ein Gedanke im Kopfe, den ich in Worten auszusprechen noch nicht weiß. Schon Descartes hat (Principia II, § 36) die Behauptung aufgestellt: Die Größe der Bewegung sei konstant; daraus hat sich unsere heutige Vorstellung von der Erhaltung der Kraft entwickelt, nach welcher sich eine Form der Energie in die andere umsetzt, z. B. Elektrizität in Licht, Licht in Wärme usw. die Gesamtsumme der Energie aber unveränderlich bleibt. Ich möchte nun wissen, ob es nicht eine bestimmte Menge Gestaltungskraft und das heißt „Lebenskraft“ in der Welt gibt, und zwar so, daß die Gestaltung nach dem einen Typus mehr Gestaltungsenergie absor-

183 Anhang — Ein Brief an die Baronin Emma von Ehrenfels

biert als die nach einem anderen, z. B. „Tier“ hundertmal mehr als „Pflanze“, und „Vertebrate“ zwanzigmal mehr als „Sternförmig“ usw. Woraus auf einem Planeten, wie der unsere, allerdings ein enger einigender Zusammenhang zwischen allen Lebewesen bestünde — nicht in dem Sinne, daß Urenkel Affe seine Urgroßmutter Nuß aufknackt, sondern daß jede Bewegung in der Gestaltung notwendig auf jede andere Gestaltung zurückwirkt; denn da — nach der Hypothese, — nur eine gewisse Summe „Gestaltung“ vorhanden ist, wenn sich an einem Orte ein Organismus zu größerer Komplikation entwickelt, so muß an einigen anderen Organismen eine Rückbildung stattfinden.
    Ich weiß nicht, ob ich mich in irgendeinem Maße begreiflich mache?
    Durch eine derartige Vorstellung wird auf die schönste Weise Licht über jene ungeheuere Klasse von Phänomenen geworfen, vor der jede Evolution ratlos steht: die gegenseitige Interdependenz der Lebewesen, nicht allein in den zahllosen Tatsachen der Symbiose, sondern z. B. in der Befruchtung der Pflanzen durch Insekten (das „Geheimnis der Natur“, wie es der alte Spengel nannte), wo zwei Wesen völlig getrennter Typen für die Möglichkeit ihrer Leistung aufeinander angewiesen sind. Doch dies nur als Beispiel für die mögliche Fruchtbarkeit der Idee.

H.  St. Chamberlain, Wien, 9. Juni 1900.


184 Anhang — Schlußwort des Herausgebers

Schlußwort des Herausgebers

    Mit diesen temperamentvoll hingeworfenen Zeilen bricht Chamberlains Lebenslehre ab.
    Die philosophische Durchdringung des Gestaltproblems hat dann über ein Jahrzehnt später im Platovortrag ihren Abschluß gefunden, aber die biologische Auswertung der Gestaltgesetze endet mit diesem Brief.
    Deshalb ist er so ungemein wertvoll. Er enthält zwei Grundgedanken, von denen der erste keiner Erläuterung bedarf. Es ist selbstverständlich, daß die Auffindung gleichen Tiertypen auf anderen Planeten das experimentum crucis für Chamberlains Lehre bilden würde. Denn damit wäre die Annahme universeller Gestaltungsgesetze bewiesen, und die Erhaltung der Gestalt würde sich ohne weiteres an die Gesetze von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft anreihen.
    Der zweite Gedanke Chamberlains bedarf dagegen einer näheren Erläuterung. Auf den ersten Blick erscheint es ganz unsinnig, die Gestaltungskraft mit anderen Kräften auf die gleiche Stufe stellen zu wollen, denn diese verschwinden niemals, sondern erscheinen stets in anderer Form wieder. Wenn ein Holzhaus verbrennt, so setzt sich die im Holz aufgespeicherte Sonnenwärme wieder in Wärme um, aber niemals die Gestalt des Hauses. Ein beliebiges Holzbrett bringt ebenso viel Wärme hervor wie die kunstvollste Holzschnitzerei. Ein Band Goethescher Gedichte liefert nicht mehr Wärme als ein Haufen Zeitungen.

185 Anhang — Schlußwort des Herausgebers

    Gestaltungskraft ist keine Kraft im physikalischen Sinne. Darüber war sich Chamberlain völlig im klaren. Und doch hat er es versucht, messend an die Gestaltungskraft heranzutreten. Eine Gestalt als ein planvoll im Raume ausgebreitetes Gebilde ist eine qualitative und keine quantitative Größe. Nun gibt es aber einfachere und mannigfaltigere Gestalten. Vielleicht läßt sich aus der wechselnden Mannigfaltigkeit der gleiche Nenner als allgemeiner Maßstab gewinnen.
    Wenn ich ein Mosaik aus 64 gleichen weißen Steinen herstelle, so ist das eine einfache Mannigfaltigkeit. Sie besitzt sozusagen nur eine Falte. Nehme ich statt dessen 32 weiße und 32 schwarze Steine, so ist die Mannigfaltigkeit doppelt so groß = 2. Und nun ordne ich die Steine wie ein Schachbrett an, dann zeigt sich eine weitere Mannigfaltigkeit, die ich, da sie aus dem stets gleichen Wechsel von Schwarz und Weiß besteht, ebenfalls = 1 setzen kann. Danach besäße ein Schachbrett gegenüber dem gleichmäßig weißen Mosaik die dreifache Mannigfaltigkeit.
    Der Mannigfaltigkeitsnenner eines Gemäldes würde gegen den einer einfarbig bemalten Wandfläche, auch wenn die Anzahl der verwendeten Pinselstriche die gleiche bliebe, ein ungleich viel höherer sein. Wie auch der Mannigfaltigkeitsnenner eines jeden Musikstückes den der einfachen Tonleiter stets überragt.
    Es ist sicher, daß der Mannigfaltigkeitsnenner für eine jede Lebensgestalt unabänderlich ist, weil er an ihren Bauplan gebunden ist. Er ist auch für jede Art ein für allemal gegeben.
    Das gleiche gilt für alle Fälle, wenn 2 Gestalten durch einen gemeinsamen Plan verbunden sind, d. h. in allen Fällen der Interdependenz (Symbiose, Parasitismus usw.). Und wenn man die gesamte Lebewelt, die durch Interdependenz zusammengehalten wird, in einen gemeinsamen

186 Anhang — Schlußwort des Herausgebers

Plan zusammenfaßt, so gilt auch von ihr der Satz von der Unwandelbarkeit des Nenners der Mannigfaltigkeit.
    Den Mannigfaltigkeitsnenner kann man also als Maß für die Gestaltungskraft verwenden. Aber welch sonderbare Kraft ist diese Gestaltungskraft. Ihr fällt es leicht, die gleiche Gestalt beliebig oft zu wiederholen, sobald das nötige lebende Zellmaterial vorhanden ist. Dagegen ist sie nicht imstande, neue Gestalten hervorzubringen. Hier setzt die Lebenslehre Chamberlains ein, die behauptet, die Formen, in denen sich die Gestaltungskraft auswirkt, sind von vorneherein gegeben, und liegen als fertige Klischees für alle Lebensgestalten allerorts im Kosmos von Ewigkeit zu Ewigkeit fertig da — und gestatten wohl zahlreiche aber beschränkte Variationen.
    Die Gestaltungskraft verwandelt sich nie in eine andere Kraft, denn sie gibt sich nie aus. Sie formt, aber zieht sich vom Geformten zurück, das sie dem Spiel der physikalischen und chemischen Kräfte überläßt. Sie ist deshalb völlig unveränderlich.
    Um die von der landläufigen grundsätzlich abweichende Weltanschauung Chamberlains ins rechte Licht zu setzen, setze ich den Fall: es seien zwei großen Naturforschern von der Natur zwei verschiedene Maßstäbe zur Erforschung der Welt mit in die Wiege gegeben worden. Dem einen ein Kieselstein und dem andern ein Grashalm. Dann wird der eine, vom Kieselstein ausgehend, seine Forschungen der anorganischen Welt widmen und mit Hilfe der physikalisch-chemischen Weltgesetze eine Welt erbauen, die streng kausal in ihren Angeln hängt. Es umgibt ihn dann eine ungeheuere, aber völlig sinn- und planlose Maschine, in der alle Lebewesen und schließlich er selbst die Rolle unbedeutender Maschinenteilchen spielen.
    Der andere hingegen, dem der Grashalm als Wertmesser mitgegeben war, sieht sich in ein Märchenland

187 Anhang — Schlußwort des Herausgebers

versetzt, wo ihn allerorts geheimnisvolle Gestalten umgeben, deren Sinn er wohl gelegentlich enträtseln kann, weil ihm überall nur Planmäßiges begegnet. Aber die erkannten Pläne weisen immer auf umfassendere Pläne hin, deren Sinn sich im Unerkennbaren verliert. Immer wieder wird sein Blick hinausschweifen zu jenem Meer, „das flutend strömt gesteigerte Gestaltung“.




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Letzte Änderung am 12. Augustus 2005