Here
under follows the transcription of Houston Stewart Chamberlain's unfinished book Natur und Leben, edited by
the biologist Jakob von Uexküll, published by F. Bruckmann, 1928.
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3
HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
NATUR
UND LEBEN
HERAUSGEGEBEN
VON
J. VON
UEXKÜLL
F. BRUCKMANN A.-G., MÜNCHEN
4
COPYRIGHT 1928 BY F.
BRUCKMANN A.-G., MUNICH
DRUCK VON F. BRUCKMANN
A.-G., MÜNCHEN
PRINTED
IN GERMANY
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INHALTS-ÜBERSICHT
6
Vorwort
des Herausgebers
In
unseren Tagen politischer Wirrnis fällt es besonders schwer, ein
allgemeines, ruhiges und abgeklärtes Verständnis für die
Bedeutung Houston Stewart Chamberlains zu erwecken. Seitdem er in den
„Grundlagen des 19.
Jahrhunderts“ auf die Rolle der Rasse in der Geschichte und Politik
hingewiesen, wirkt sein Name wie ein Fehdehandschuh und ruft, sobald er
genannt wird, zahllose Gegner auf den Plan.
Daß Chamberlain das reinste und glänzendste Deutsch schrieb,
daß er einer der ideenreichsten Schriftsteller war, wird selbst
von seinen Gegnern nicht bestritten. Die Gegner, die sich seinem
sprühenden Geist nicht gewachsen fühlten, suchten ihm auf
andere Weise beizukommen. Sie erklärten ihn für einen
Dilettanten, der nicht die genügende Fachkenntnis
besäße, und den man daher nicht ernst zu nehmen brauchte.
Nur
ein Historiker habe das Recht, über die Grundlagen des 19.
Jahrhunderts zu schreiben, nur ein Philosoph dürfe ein Buch
über Kant verfassen, und nur einem Theologen stünde es
zu,
sich an ein Thema wie „Mensch
und Gott“ heranzuwagen. Wenn nun gar ein
Schriftsteller, der in keinem einzigen Fach zu Hause sei, sich
anmaße, über wissenschaftliche Fragen zu urteilen, so sei er
von vornherein abzuweisen.
Ein
besonders tragisches Geschick hat es verhindert, daß Chamberlain
sein großangelegtes Werk über ein Fach, in dem er nicht
bloß zu Hause, sondern eine Autorität ersten Ranges war, zur
Vollendung brachte.
8
Vorwort des Herausgebers
Dieses Fach ist die
B i o l o g i e. Seine bahnbrechenden Ideen auf dem
Gebiet der Biologie finden sich in seinen großen Werken hie und
da verstreut, aber nirgend sind sie zu einem wohlgegliederten Ganzen
vereinigt worden, das ihre Bedeutung ins rechte Licht gesetzt
hätte. Dabei haben ihn die biologischen Probleme auf seinem ganzen
Lebensweg begleitet. Sie waren es, die ihn dauernd bewegten. Sie gaben
seinen historischen, philosophischen und religiösen Werken
Richtung und Gestalt.
Ganz
anders klingt es, wenn man statt Dilettant Biologe sagt. Einem
Erforscher des Lebens, denn das bedeutet Biologe, kann man schwerlich
das Recht streitig machen, über die Grundlagen des 19.
Jahrhunderts, über Kant und über das Thema „Mensch und Gott“
zu schreiben. Es kommt nur darauf an, ob er die geistige
Befähigung dazu besitzt. Und diese wird man Chamberlain kaum
abstreiten können.
Es
erübrigt nur, den bündigen Beweis dafür zu erbringen,
daß Chamberlain ein Biologe von Fach war: Niemand wird, der
Chamberlains Arbeit über den Wurzeldruck bei Pflanzen gelesen hat,
darüber im Zweifel sein, daß dies eine ausgezeichnete,
experimentelle Facharbeit ist.
Jede
ernsthafte experimentelle Arbeit hat nun das Eigentümliche,
daß sie uns unmittelbar vor die verschlossenen Tore der Natur
führt, hinter denen ihre Wunder verborgen liegen. Es braucht nur
ein Forscher mit aufgeschlossenem Gemüt einen Froschschenkel zu
reizen, und alsogleich steht er vor den Rätseln der Erregung und
Irritabilität. So stand Chamberlain mit andächtigem Sinn vor
der geheimnisvollen Kraft, die den Saft der Pflanzen aus den Wurzeln
emportreibt. Voll leidenschaftlichen Forscherdrangs hat er Tag und
Nacht experimentiert, um dies Rätsel zu lösen. Die Natur
verweigerte die Antwort,
9
Vorwort des Herausgebers
aber er gab nicht nach,
bis seine zarte Gesundheit erlag. Er mußte das Experimentieren
aufgeben. Deswegen gab er jedoch den Kampf nicht auf.
Zwei
Wege gibt es, um den Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen:
entweder man geht einem bestimmten, scharfumgrenzten Problem mit allen
Forscherkniffen zu Leibe, oder man tritt zurück und sucht einen
Standpunkt zu gewinnen, von dem aus man die Zusammenhänge der
Naturerscheinungen übersehen kann. Das Schicksal, nicht eigene
Wahl, wies Chamberlain auf den zweiten Weg, und er ist ihn zu Ende
gegangen, bis er sein Ziel erreichte und einen Standpunkt gewann, der
es ihm ermöglichte, nicht nur die Erscheinungen der lebenden Natur
zu überschauen, sondern auch seine eigene Art der Naturbetrachtung
zu beurteilen.
Den
Weg zu diesem Gipfelpunkt hat ihm Kant gewiesen. Als Chamberlain diese
Höhe erklommen hatte, und die Welt der Lebewesen in ihrem ganzen
Reichtum ihm zu Füßen lag, wunderbar verwoben mit den
eigenen Denkgesetzen — ging ihm wie eine neue Sonne die Erleuchtung
auf: Alles, was lebt hat Gestalt — Das Leben ist Gestalt.
Obzwar
jeder Mensch ohne Schwierigkeit das Lebendige vom Leblosen zu
unterscheiden vermag, waren dennoch alle Versuche, das Leben zu
definieren, ergebnislos verlaufen. Das Leben glitt stets durch die
Maschen des logischen Netzes, mit dem man es einfangen wollte.
Mit
der Erkenntnis: das Leben ist Gestalt, hatte Chamberlain endlich etwas
Greifbares unter den Händen, denn die Gestalt hat ganz bestimmte
Eigenschaften, die man auf alles Lebendige anwenden kann. Eine Gestalt
besteht immer aus verschiedenen Teilen, die sich gegenseitig bedingen.
„I
n
a l l e n L e b e n s g e s t a l t e n s t e h
e n d i e
10
Vorwort des Herausgebers
T e i l e u n t e
r s i c h i n
K o r r e l a t i o n“ war daher der erste Grundpfeiler des
Gebäudes der
Biologie, das Chamberlain zu erbauen unternahm. Die Lebensgestalten
müssen sich aber auch untereinander bedingen, wenn sie Teile der
Gesamtgestalt Leben sind, „D i e I n t e r d e p e n
d e n z d e r
L e b e n s g e s t a l t e n“ wurde zum zweiten Grundpfeiler.
Den dritten Pfeiler
bildete die Erkenntnis, daß „d i e Z a h
l d e r t y p i s c h e n G e s t a
l t e n n u r
e i n e b e s c h r ä n k t e i s t“.
Und schließlich wurde der Grundsatz
der „U n w a n d e l b a r k e i t d e
r G e s t a l t e n“ zum vierten Pfeiler des Baues,
der
als stolze Kuppel den Satz von der „E r h a l t u n
g d e r G e s a m t g e s t a l t
d e s L e b e n s“ tragen sollte.
An die
Grundsätze der anorganischen Natur von der Erhaltung der Kraft und
des Stoffes sollte sich der Grundsatz der organischen Natur von der
Erhaltung der Gestalt als gleichberechtigt anschließen.
Von
diesem großartigen Bau, der der Biologie für alle Zeiten
einen ebenbürtigen Platz neben der Physik und der Chemie gesichert
hätte, besitzen wir nur die Fundamente und einige vorläufige
Entwürfe. Sie zeigen deutlich die Anordnung der Hauptteile. Ein
Vorbau, der als Einführung in das naturwissenschaftliche Denken
dienen sollte, steht im Rohbau fertig da. Unter 20 Titeln, die
Chamberlain dafür in Betracht gezogen, wähle ich folgenden:
„Unser Wissen von der Natur — Elementare Grundbegriffe zur ersten
Einführung“.
Darauf
folgt der zweite Teil, der die „Lebenslehre“ Chamberlains enthält,
die in zwei sich ergänzenden Entwürfen vorliegt, aus den
Jahren 1896 und 1900.
Ich
habe beide Teile mit einer kurzen Einleitung versehen, am Manuskript
Chamberlains aber nichts geändert.
Als
Anhang folgt noch ein sehr aufschlußreicher Brief Chamberlains an
die Baronin Ehrenfels, den mir
11
Vorwort des Herausgebers
die Empfängerin
gütigst zur Verfügung gestellt hat, wofür ich ihr meinen
verbindlichsten Dank ausspreche.
Vor
allem ist es mir ein Herzensbedürfnis, Frau Eva Chamberlain
für das große Vertrauen zu danken, das sie mir bewiesen,
indem sie die Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften meines
verehrten Freundes in meine Hände legte.
Der
Zauber, der von Chamberlains Persönlichkeit ausging, und der aus
seinen klassischen Werken zu uns spricht, eignet auch seinen
naturwissenschaftlichen Schriften. Die Leichtigkeit und Sicherheit, mit
der hier die schwierigsten Probleme behandelt werden, wird jedem
gebildeten Leser einen tiefen Genuß bereiten und ihn zum
Nachdenken anregen. Ich bin aber überzeugt, daß auch die
modernen Gestaltstheoretiker, obgleich sie mehr psychologisch als
biologisch eingestellt sind, mit Freude die ihnen hier gebotene
Neubegründung ihrer Wissenschaft begrüßen werden, um
auf dem von Chamberlain errichteten Fundamenten weiter zu bauen.
12
(Leere Seite)
13
I. TEIL
UNSER
WISSEN VON DER NATUR
ELEMENTARE
GRUNDBEGRIFFE
ZUR ERSTEN EINFÜHRUNG
14
(Leere Seite)
15
Einleitung
des Herausgebers
Es
gibt keine voraussetzungslose Wissenschaft. Aus dem einfachen Grunde,
weil ein wissenschaftliches Denken ohne Voraussetzung unmöglich
ist. Ins Leere hinein kann man wohl phantasieren, aber
wissenschaftlich, d. h. aufbauend denken kann man nicht ohne
Voraussetzung, die als Fundament für den Gedankenbau dient. Eine
jede Wissenschaft bedarf eines solchen Fundamentes, das zu den
Selbstverständlichkeiten gehört, und deshalb weder in Frage
gestellt, noch sonderlich beachtet wird.
Die
selbstverständlichen Voraussetzungen der Wissenschaft, auf die
jeder Forscher stillschweigend zurückgreift, bilden gerade die
Hauptschwierigkeit für den Laien, der in das Verständnis der
Wissenschaft einzudringen bestrebt ist. Bei jeder Fragestellung wird
ein Etwas als selbstverständlich vorausgesetzt, über das der
Uneingeweihte sich vergeblich den Kopf zerbricht, und das ihm
häufig die Fragestellung selbst sinnlos erscheinen läßt.
Die
Selbstverständlichkeiten der Wissenschaften als eigenes Problem zu
behandeln, ist bisher noch niemand eingefallen. Hier zeigt sich die
wahrhaft geniale Beanlagung Chamberlains.
In den
hier folgenden Studien sucht Chamberlain die immer als
selbstverständlich vorausgesetzten Fundamente der verschiedenen
Naturwissenschaften aufzudecken und darzulegen, warum sie für jede
Wissenschaft so und nicht anders beschaffen sind. Chamberlain
interessiert sich dabei weniger für die Ergebnisse der
Wissenschaften; dafür sucht er die Denkrichtungen jener
großen
Forscher festzuhalten welche die Fundamente ihrer eigenen Wis-
16
Einleitung des Herausgebers
senschaft untersucht, und
ihre Notwendigkeit begründet haben.
Nur
wenn man die Aufgabe, die Chamberlain sich gestellt, verstanden hat,
und den Zweck den er mit der Lösung dieser Aufgabe verbunden —
nämlich das Verständnis der gebildeten Laien für das
Wesen der Naturwissenschaften zu ermöglichen — klar erkannt hat,
wird man sich von der Tragweite der hier folgenden Studien deutlich
Rechenschaft geben können.
Sie
sind für den Laien geschrieben, aber sie dienen nicht der
Verbreitung von Forschungsergebnissen, sondern der Vertiefung in den
Geist der Forschung selbst.
Wenn
man unter Dilettantismus Liebe und Freude an der Naturforschung
versteht, so dienen diese Studien der Steigerung des Dilettantismus.
Wenn man aber unter Dilettantismus spielerische Betätigung mit den
Ergebnissen der Naturforschung versteht, so wirken sie im höchsten
Grade antidilettantisch.
17
Einleitung des Verfassers
Zur
vorläufigen
Verständigung.
So
sehr auch Naturkenntnisse heute — im Verhältnis zu früheren
Zeiten — verbreitet sind, immer wieder wundert man sich, vielen sonst
gebildeten Männern und Frauen zu begegnen, die nichts von der sie
umgebenden Welt wissen, die keinen Stern am Himmel, keine Blume auf der
Wiese erkennend zu unterscheiden gelernt haben, geschweige, daß
sie irgendeine klare Vorstellung über die Leistung, die Tragweite
und auch die Begrenzung der die Struktur der Materie untersuchenden
Wissenschaft des Stoffes (Chemie), der die Kräfte in ihren
Richtungen und Umwandlungen verfolgenden Wissenschaft der Kräfte
(Physik), der den Aufbau des Kosmos erforschenden Wissenschaft des
Weltalls (Astronomie) usw. besäßen, und die natürlich
weniger als nichts in bezug auf Bau und Verrichtungen des Lebens
wissen. Die weitverbreitete, bewundernde Anbetung einer thronenden
„Wissenschaft“, der dumpfgehorsame Glaube an alles, was ihre amtlichen
Priester zu verkünden belieben, besitzt für die Kultur des
Menschengeistes nicht den geringsten Wert. Kulturwert bietet nur die
unmittelbare Berührung zwischen Mensch und Natur. Beim primitiven
Menschen findet sie statt...; auch beim Bauern, sowie bei jedem wahren
Landbewohner des heutigen Tages besteht noch eine lebendige
Wechselwirkung zwischen beiden. Dagegen wächst die große
Mehrzahl der Gebildeten, sowie die Gesamtheit der Stadtbewohner Europas
ohne jegliche unmittelbare Berührung mit Element und Leben der
Natur auf; dieser moderne Mensch wird hierdurch immer mehr auf sich
allein zurückgewiesen und verarmt infolgedessen in einem
Maße,
das bisher wenigen zum Bewußtsein gekommen ist, diese
18
Einleitung des Verfassers — Zur
vorläufigen Verständigung
wenigen aber mit
Schrecken erfüllt; denn es eröffnet sich ihnen die Aussicht
in einen unabwendbaren Verfall, indem die einzige wahre Quelle aller
Produktivität — „die ewig erfindungsreiche Natur“ — nunmehr vom
Denken und Fühlen abgeschieden, der Mensch also auf sich selber
eingeschränkt bleibt; hierdurch gerät er notwendig in einen
circulus vitiosus, in welchem er herum- und herumrast, ohne je etwas
anderes, als sich selber finden zu können; denn jetzt fehlt das
zweite ergänzende Element — das umfassende, unbewußt
hervorbringende — in das hinein der Geist seine zeugende Kraft
ergießen kann und aus dem heraus er dann das Unvorhergesehene,
jegliches Wollen Übertreffende, dasjenige, was einzig
schöpferisch genannt werden darf, empfängt. Eine sentimentale
Bewunderung sogenannter „schöner Natur“ bietet keinen Ersatz
für die fehlende unmittelbare Berührung mit der Natur... Noch
weniger vermag die angedeutete Lücke durch unsere
Populärwissenschaft ausgefüllt zu werden. Diese will das
Unmögliche: die Leute sollen erfahren, ohne gelernt zu haben;
„Ergebnisse“ sollen vom Geiste aufgenommen werden wie Maiskörner
von einer Mastgans, woraus einzig Verstandeskorpulenz, nicht aber
Verstandeskraft entstehen kann. Gerade das ist für Wissenschaft im
genauen Gegensatz zu Kunst bezeichnend, daß sie nie am Ziele ist;
unaufhörlich überwindet sie sich selbst; immer wieder
führt sie auf einer anderen Stufe zur Natur zurück, und jedes
gelöste Problem eröffnet den Augen neue Probleme. In den
Dienst der Kultur einer Allgemeinheit stellt sich die Wissenschaft erst
dann, wenn sie es versteht, den aus der Natur verbannten Menschen der
Natur zurückzugeben, daß er an ihr wieder teilhabe,
daß er sie wirklich erblicke und sie tausendfältig erfahre.
Die Natur meistern, ist ein Ziel für Techniker; dem Menschen als
Geist und Seele ist zu wünschen, daß er zu ihr in die Schule
gehe, um in aller
19
Einleitung des Verfassers — Zur
vorläufigen Verständigung
Bescheidenheit vor ihr
Größe, Mannigfaltigkeit, unerbittliche Wahrhaftigkeit zu
lernen, und aus ihrem Brunnen Ideen ohne Zahl zu schöpfen. Dies zu
bewirken, wäre das würdigste Ziel aller Wissenschaft.
Wie
schon angedeutet, handelt es sich bei mir nicht um
populärwissenschaft, weil einzig echte Wissenschaft erweiternd
und bereichernd auf den Menschengeist wirken kann. Der Einzelne mag aus
Rücksicht auf seine beschränkte Muße ein noch so eng
abgestecktes Gebiet sich erwählen, er muß es
wissenschaftlich zu ergründen bestrebt sein, sonst kommt nur der
übliche Mischmasch an eingebildeten, erlogenen Kenntnissen heraus,
die nicht einmal materiellen Wert besitzen, da die „Ergebnisse der
Wissenschaft“ alle zehn Jahre anders lauten. Nun hat aber Goethe — der
große Denker — bemerkt, es sei „leichter alle Wissenschaften zu
lernen, als eine allein“. Und in der Tat, der haarsträubende
Dilettantismus mancher unserer Fachleute rührt daher, daß
sie ein einzelnes Fach beherrschen, in den anderen aber fremd bleiben,
ohne wahre Einsicht, daher auch ohne Urteil, und dies wiederum wirkt
sogar auf ihre Beurteilung des eigenen Faches fälschend
zurück, da eigentliches Wissen immer erst an Grenzen lebendig
wird, wo Bezüge entstehen und das gleichgültige Einzelne, mit
anderem Einzelnen verwoben, Bedeutung erhällt. Wie sollen wir aber
— wenn schon das Bruchstück einer einzigen Wissenschaft,
angewachsen durch die Arbeit Unzähliger, jahrelanges Studium
erfordert — wie sollen wir, und gerade erst wir Nichtgelehrte, wir
Männer der Welt, die wir mit anderen Dingen beschäftigt sind
und die Natur nur als ein Element unserer Bildung kennenlernen wollen
— wie sollen wir „alle Wissenschaften“ studieren?
Ich
meine nun, das Wünschenswerteste hier wäre eine Art
Stufenleiter und zugleich eine Pendelbewegung: das Ideal wäre, von
einer ganz elementaren aber tief-
20 Einleitung des Verfassers — Zur
vorläufigen Verständigung
begründeten
allgemeinen Vorstellung aller Wissenschaften ausgehen zu können,
und dann in dem winzigen Bruchteil eines Faches ausführliche
Einzelkenntnisse zu gewinnen, was zugleich Erfahrung über die
Methoden, die Technik, die Handgriffe, die Denkgewohnheiten schenkt,
aus denen diese Einzelkenntnisse entstehen und zum nicht geringen Teil
sogar „be“-stehen. Also gestärkt, müßten wir dann aber
zu einer neuerlichen, befestigteren, erweiterten, mannigfaltigeren
Vorstellung von „allen Wissenschaften“ zurückkehren, um von hier
aus, noch einmal einer Spezialisierung — sei es im gleichen Fach oder
in einem anderen — aber diesmal einer umfassenderen, reicher
gegliederten — uns zu widmen. Und so weiter. Dies wäre, meiner
Meinung nach, die ideale Methode für jeden — gleichviel, ob er
sich
der Naturforschung fachmäßig oder nicht zu widmen gedenkt —
um zu jener neuerlichen Berührung mit der Natur zu gelangen, von
der vorhin die Rede war. Das Allgemeine — und das ist immer das
Geistige — ruht auf genauen Einzelerfahrungen, die Einzelerfahrungen
schöpfen Sinn und Bedeutung aus dem Besitz beziehungsreicher
Allgemeinvorstellungen.
Was
dieses kleine Buch — zugleich bescheiden und kühn — bezweckt, ist,
die allerunterste Sprosse auf dieser Leiter zu liefern, also jene
erste, allgemeinste Vorstellung „aller Wissenschaften“, die der
gänzlich Unwissende besitzen muß, will er als freier Mensch
an das Studium der Natur herantreten. Im Gegensatz zu der
Populärwissenschaft, welche das Allerspekulativste, oft das
nachweisbar Widerspruchvollste, Unmögliche, dem Laien als
angebliches Ergebnis zu gläubigem Staunen mundgerecht hinreicht,
will dieses Buch die ersten Elemente der wissenschaftlichen Methodik in
gedrängter Kürze mitteilen, um so den Anfänger in die
besonderen Denkbahnen der verschiedenen Wissenschaften einzuführen.
21
Einleitendes
§ 1. Begrenzung des
Menschengeistes.
Ein
denkendes Wesen besitzt kein Mittel, über sein eigenes Denken
hinauszukommen. Wohl vermag es, sein Denken durch die systematische
Vermehrung der Beziehungen nach außenhin und durch ihre
allmähliche Verfeinerung immer weiter zu bereichern, niemals
jedoch kann es dazu gelangen, sich selbst von außen zu erblicken
und somit ein objektives Urteil über das eigene Wesen zu gewinnen,
womit erst die Möglichkeit gegeben wäre, die Zutat des
Denkens zu jeder Wahrnehmung, zu jeder Vorstellung, zu jedem Urteil zu
entwirren. Was zur Aufklärung über diese im Wesen alles
Denkens liegende und daher unübersteigliche Begrenzung geschehen
konnte, hat im Altertum Plato, in unseren Tagen Immanuel Kant
geleistet; jeglicher dogmatischen Aussage über Mensch, über
Natur, sowie über die Beziehungen zwischen Mensch und Natur ist
durch das Werk dieser beiden ein für allemal der Boden entzogen.
§
2. Das angebliche
Wissen.
Darum
ist es — streng genommen — nicht zulässig, von einem Wissen zu
reden.
Man lächelt über die Kirchenväter, welche uns von dem
Wesen der Engel allerhand zu melden wagten; man sollte nicht weniger
über das vorgebliche Wissen unserer heutigen Weltenträtsler
lächeln, die nicht einmal über die mehrere Jahrtausende
zurückreichende Besinnung des Menschen unterrichtet sind, und sich
gleich Kindern an die Lösung von Problemen heranwagen, ohne sich
erst zu fragen, ob der Menschengeist zu solchem Vorhaben gerüstet
ist. Über letzte
22
Einleitendes
Fragen dogmatisch zu
entscheiden, wagt derjenige allein, der niemals über erste Fragen
nachgedacht hat.
§
3. Die Wissenschaft.
Dagegen ist es durchaus zulässig, von einer Wissenschaft zu reden,
wenn nur bestimmt wird, was das Wort besagen soll. Ursprung und
Geschichte des Wortes geben uns Auskunft. Wie das Sanskrit vid uns
belehrt, bedeutete „Wissen“ ursprünglich finden. Unsere Sinne
suchen tastend, gleich den Fühlhörnern eines blinden Tieres,
in der unerforschlichen Umgebung umher; was sie finden, melden sie; nur
weniges sind sie zu finden und zu melden befähigt; das Ohr ist nur
für einige wenige Schwingungen empfindsam: für die meisten
bleibt es taub; ebenso ist das Auge mehr blind als sehend, so daß
unsere Naturforscher von „unsichtbarem Lichte“ reden. Gleichviel: das
Gefundene liefert den Rohstoff zu unserer Vorstellung einer
außerhalb des Denkenden liegenden Natur. Dieser Rohstoff
muß aber gestaltet, d. h. nach den Erfordernissen des Denkens
geordnet, verknüpft, aufgebaut werden, sonst kann das
Bewußtsein ihn nicht erfassen und sich aneignen; ein reines, vom
Denken nicht umgestaltetes „Wissen“ gibt es — außer in den
Träumen ungezügelter Phantasie — nicht. Auf diese
Tätigkeit des Gestaltens deutet die Silbe -„schaft“, ein Wort,
das, in uralten Zeiten vermutlich das Zuhauen des Holzes bezeichnend,
heute in allen germanischen Sprachen verbreitet, immer zunächst
ein Ordnen, Bilden, Gestalten des Gegebenen bedeutet, bis es
schließlich — im Wort „er-schaffen“ — dahin gelangt, alles
Schöpferische des Menschengeistes auszudrücken. In dem Worte
„Wissenschaft“ tut sich die Herrlichkeit der deutschen Sprache kund —
ebenso wie in dem Worte „Weltanschauung“ an Stelle der armseligen
Philosophie. Denn die „Science“ der Engländer, Fran-
23
Einleitendes
zosen, Italiener usw. —
der lateinischen Vokabel für Kunde, Kenntnis, Geschicklichkeit
entnommen — ist ein gar dürftiger Ersatz, der selbst in seiner
vergangenen lebendigen Zeit nie weiter gelangte, als ein Trennen,
Scheiden, Zergliedern anzudeuten, die Hauptsache — das Auferbauen —
außer acht lassend.
§
4. Wissen und
Wissenschaft.
Reden
wir von einer „Wissenschaft der Natur“, so reden wir also mit
Bewußtsein von einer eigenmächtigen, schöpferischen
Gestaltung des sinnlich Wahrgenommenen und bekennen, daß ein
reines, absolutes, objektives Wissen unmöglich ist.
Besäßen wir Wissen, wir brauchten keine Wissenschaft.
§
5. Uexküll
über die Wissenschaft.
Der
erste Schritt zu einem wahren Verständnis aller Wissenschaft
bildet die Erkenntnis dieses willkürlichen schöpferischen
Elementes. Im ersten Augenblick mag es betrüben, daß wir
kein Mittel besitzen, reines Wissen über die Welt außerhalb
unseres Denkens zu erlangen; doch bald tröstet sich der Geist im
Wohlgefühl seiner Freiheit und Kraft, und freut sich an der
Aussicht auf immer neue Verknüpfungen zwischen dem gegebenen
Wissen und dem es gestaltenden „Schaffen“. — Der bahnbrechende Biologe
Uexküll schreibt (1909): „Mit dem Wort Wissenschaft wird
heutzutage ein lächerlicher Fetischismus getrieben. Deshalb ist es
wohl angezeigt, darauf hinzuweisen, daß die Wissenschaft nichts
anderes ist als die Summe der Meinungen der heute lebenden Forscher.
Soweit die Meinungen der älteren Forscher von uns aufgenommen
sind, leben auch sie in der Wissenschaft weiter. Sobald eine Meinung
verworfen oder vergessen wird, ist sie für die Wissenschaft tot!
Nach und nach werden
24
Einleitendes
alle Meinungen vergessen,
verworfen oder verändert. Daher kann man auf die Frage: was ist
eine wissenschaftliche Wahrheit? ohne Übertreibung antworten: ein
Irrtum von heute.“
§
6. Methodologische
Bemerkung.
In
bezug auf die Methode bemerke ich noch dieses eine: Ich halte es
für das Ideal eines solchen Lehrganges, möglichst wenig das
Gedächtnis zu belasten. Daß man nichts lernen könnte
ohne Inanspruchnahme des Gedächtnisses ist ohne weiteres
einleuchtend, daß aber der Menschenverstand ohne tätige
Mitwirkung des Urteils nichts sich einzuverleiben vermag, ist ebenso
sicher, wird aber seltener bedacht. Nun gibt es aber eine gewisse
Gegenwirkung zwischen Gedächtnis und Urteil, kraft welcher jede
Überbürdung des Gedächtnisses sich rächt an der
Güte des Urteils. Es besteht hierin ein sehr zartes, bei weitem
nicht genug beachtetes Verhältnis. Das durch Gedächtnis
Gewonnene ist ein bloßer Zuwachs, der mechanisch fördern
kann, aber auch hemmen; das durch Urteil Einverleibte wird zu einem
organischen Bestandteil des lebendigen Innenkörpers. Darum
enthält dieser Lehrgang für die unterste Stufe ein
Mindestmaß an Tatsachen und trägt eigentlich nur die
elementarsten Gedanken, die bei jedem Fach vorwalten, vor.
§
7. Es gibt mehrere
Wissenschaften.
Von
großem Vorteil wird es sich für den nach Wissen
Dürstenden erweisen, wenn er von allem Anfang an darüber
Klarheit besitzt, daß es nicht „Eine allumfassende Wissenschaft“
gibt, sondern, daß der Wissenschaften mehrere unterschieden
werden müssen. Der optische Standpunkt wechselt mit dem Gebiet,
das in Betracht kommt; wer genau zuschaut entdeckt, daß die
gleichen
25
Einleitendes
Worte nicht stets in den
verschiedenen Wissenschaften den gleichen Sinn besitzen: der Chemiker
stellt sein Denken anders ein als der Physiker, der Physiolog das
seinige anders als der Anatom. Diese Tatsache — wie meistens geschieht
— nicht zu beachten, führt zuletzt weitab in die Irre; die
Lobreden, die auf die Einheit der Wissenschaft gehalten werden,
gewöhnen das geistige Auge an ein bedenkliches Ungefähr. Es
wird vorteilhaft sein, einen Augenblick hierbei zu verweilen.
§
8. Wissenschaft des
Lebens und Wissenschaft des Unbelebten.
Zunächst haben wir allen Grund, mit Schärfe zwischen einer
Wissenschaft des Lebens (gewöhnlich organische Wissenschaft
genannt) und einer Wissenschaft des Unbelebten (gewöhnlich
anorganische oder unorganische Wissenschaft genannt) zu unterscheiden:
diese beiden weisen nicht allein tiefe Unterschiede auf, sondern sie
stehen sich gleichsam feindlich einander gegenüber. „Feindlich“
ist ein bißchen übertrieben gesprochen, doch gebrauche ich
das Wort mit Absicht, um recht kräftig zu betonen, wie Vieles und
Grundsätzliches sie voneinander scheidet. In einem gewissen Sinn
und Maß bilden organische und anorganische Wissenschaft
Gegenstücke, die eine bietet uns die Kehrseite der anderen, und
gerade aus dieser Verwandtschaft in der Entgegensetzung erfolgt manche
Irrung.
Bei
der Betrachtung des rein Organischen tritt jene „Disproportion unseres
Verstandes zu der Natur der Dinge“, von der Goethe spricht (der
Versuch), in das Bewußtsein; hier vermag nur höchste
Begabung den Weg zu weisen. In Wirklichkeit können wir
natürlich uns auch Unorganische Phänomene nicht ihrem Wesen
nach ergründen, doch ist es ungleich leichter dort eine mecha-
26
Einleitendes
nische Allegorie
aufzustellen, welche zeitweilig Dienste tut. Außerdem
ängstigt dann nicht wie auf organischem Gebiet die Danaidenarbeit
eines ewig Neuen. Jedes mechanische Problem kann entweder
tatsächlich oder doch unter gewissen denkbaren Bedingungen
erschöpft werden; die Vorstellungen über die Anziehung der
Körper z. B. mögen wechseln wie sie wollen (Druck, Zug,
elektrische Ladung usw.), ausgerechnet ist und bleibt alles was die
Gravitation betrifft bis auf das letzte I-Tüpfchen. Wogegen das
Lebendige unerschöpflich ist; je weiter der Mensch forscht, desto
weniger beherrscht er dies Gebiet, weil es sich mit der Forschung
zugleich nach allen Seiten (also in geometrischer Progression) ausdehnt
— ins Unendliche. Gar manche organische Probleme, die der Wissenschaft
vor hundert Jahren als gelöst oder fast gelöst galten, sind
inzwischen zu unabsehbaren Fragenkomplexen angewachsen; mehr als damals
begreift man heute, wie Recht Goethe hatte, „die Labyrinthe des
organischen Baues“ mit „dem Grundriß eines Irrgartens“ zu
vergleichen (Diderots Versuch in der Malerei). Hier gilt es nun nicht
etwa der fortschreitenden Forschung Grenzen zu ziehen, sondern dem
Genie Raum zu lassen, daß es leitende Ideen erfinde, und sie wie
Sonnen am Himmel der menschlichen Vorstellungswelt entzünde. Zwar
sind diese Ideen — wie das Leben, dem sie entsprießen und auf das
sie hinzielen — unausdenkbar, und darin erweist sich ihre
Verwandtschaft
mit den mythologischen Ideen unserer Altvordern. Goethe meint von
solchen
Ideen (er denkt an seine Metamorphosenlehre, an seine Farbenlehre und
an derartiges), ihnen komme „unendliche Wirksamkeit“ zu, dennoch
blieben sie unerreichbar, und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen,
doch unaussprechlich („Sprüche“, Hempel, Nr. 743). Man sieht
schon, wie die Methoden auseinandergehen in den organischen und
unorganischen Wissenschaften.
27
Einleitendes
Jeder
der beiden wohnt die Neigung inne, die Herrschaft an sich zu
reißen und die andere sich völlig zu unterwerfen, wobei ein
Verhältnis besondere Beachtung verdient. Ich will mich bildlich
deutlich zu machen versuchen. Betrachten wir die Gesamtheit der
Wissenschaften als einen breitfließenden Strom, so können
wir den Standpunkt des Lebens und den Standpunkt des Unlebendigen als
die beiden Ufer bezeichnen, zwischen denen der Fluß seinen Weg
bahnt. Nun stehen wir Menschen offenbar auf dem Ufer des Lebens; nur
kraft des Lebens besitzen wir Wissenschaft; das Leben geht überall
voraus, ist überall erste Voraussetzung; jedoch, gerade infolge
der Tatsache, daß das Leblose am entgegengesetzten Ufer liegt,
übersehen wir es klarer und lückenloser als unser eigenes
Ufer, auf welchem wir uns so zu sagen immer im Wege stehen, immer an
irgendeinem Ort uns einen undurchsichtigen Schatten werfen. Daher das
Vorwiegen der Wissenschaften des Leblosen, die bis vor ganz kurzem die
Wissenschaften des Lebens förmlich vergewaltigt haben, ja, die die
Existenz des Lebens leugneten und einzig dasjenige als Wissenschaft
gelten ließen, was Bewegungen toten Stoffes betraf. Erst in
allerletzter Zeit hat eine Gegenwirkung eingesetzt, doch noch immer
tragen alle Wissenschaften — auch diejenigen des Lebens — das
Gepräge unorganischer Wissenschaften. Dieses verleiht unserer
Auffassung der Natur eine arg verschobene Einseitigkeit.
§
9. Die Verursachung
(Kausalität).
Will
man sich darüber klar werden, wie weit auseinander die Standpunkte
auf den beiden Ufern sich befinden, so genügt es, den Unterschied
in der Auffassung und der Bewertung des Begriffes der Verursachung
(Kausalität) in Betracht zu ziehen. Der Leitgedanke, der aller
anorganischen Wissenschaft zugrunde liegt, und ohne den
28
Einleitendes
ihr ganzes Gerüst
einstürzt, ist der der Verursachung: nichts geschieht ohne
Ursache, die Folge gleicht haarscharf der Ursache, d. h. die beiden
(Ursache und Folge) sind aneinander meßbar; Wissenschaft ist die
ziffernmäßig genaue Kenntnis der Ursachen von Bewegungen. Im
Reich des Organischen treffen wir freilich auch den Begriff vor Ursache
und Wirkung, doch wesentlich anders geartet. Die Ursache bedeutet hier
ein Anheben, dessen Folgen unermeßlich sind und meistens
außerhalb jeden Maßstabes liegen. Dies gilt schon für
die einfachen Reflexbewegungen: wenn z. B. ein Käfer über das
Blatt einer Mimosa kriecht und sämtliche Blätter des Baumes
klappen zusammen, oder, wenn ein Finger in leise Berührung mit
einer Nadelspitze gerät, worauf der Arm heftig zurückgezogen
und der ganze Körper alarmiert wird: wie kann man in solchen
Fällen von einer Gleichheit zwischen Ursache und Wirkung reden?
Oder wiederum, welche Gleichheit besteht zwischen dem Reiz, den der
Lichtäther auf einige tausend blinder Nervenendigungen im Auge
ausübt, und der Landschaft, die im Gemüte als „Folge“
entsteht? Es handelt sich in diesem Falle offenbar um zwei
wesensverschiedene Erscheinungen und um eine schöpferische Kraft
des Lebens, dergleichen die unbelebte Natur nicht kennt. Ebensowenig
vermag eine noch so gewaltsame Menschenwillkür einen Vergleich
anzustellen zwischen der Handlung des Zeugens und dessen Erfolg, der
häufig über Jahrhunderte sich erstreckt: nach dem Zoologen
Weißmann ist das Keimplasma der Möglichkeit nach
unsterblich, indem es sich von Geschlecht zu Geschlecht forterbt. Kein
Wunder, wenn die besten Köpfe heute aus dem materialistischen
Alptraum erwachen und sagen: „wenn wir vorgehen, die Phänomene des
Lebens durch Stoff und Kraft zu erklären, so waten wir einfach
unbewußt in dem
stygischen Morast
metaphysischer Dog-
29
Einleitendes
matik“ ¹). Man
sieht,
welch verschiedene Bewertung der grundlegende Begriff der Verursachung
auf den beiden Ufern, des Belebten und des Unbelebten, erfährt;
wohl ist er zu allem zusammenhängenden Denken auf beiden gleich
unentbehrlich, doch umfaßt er hier und dort wesentlich
verschiedene Gedanken- und Vorstellungskreise.
§
10. Das Leben ist keine Maschine.
Noch
ein Wort über diesen entscheidend wichtigen Gegenstand. In seinem
grundlegenden Werke: „Philosophie des Organischen“ hat Hans Driesch ein
für allemal die Unmöglichkeit und die Ungereimtheit der
Annahme, daß das Leben einer Maschine gleich zu setzen sei,
nachgewiesen; er schreibt am Schluß seiner hierauf
bezüglichen Ausführungen: „Hier sind wir in wahre
Absurditäten hineingeführt! ... Gerade die Annahme der
Existenz einer M a s c h i n e erweist sich im Lichte der
experimentell
erhärteten Tatsachen als v o l l k o m m e n u
n
s i n n i g. Daher kann
keine Art von Maschine irgendwelcher Form, und kann überhaupt
keine Art von Kausalität, welche auf räumliche Constellation
begründet ist, die Grundlage...“ der Erscheinung des Lebens
sein (2. A., S. 133 fg.) ²). Die Marotte des
Kausalitätsgesetzes — Wirkung gleich Ursache —
hatte zur Vorstellung der falschen Gleichung
zwischen dem Leben und einer Maschine geführt; jetzt ist, wie
gesagt, die Absurdität dieser Annahme nachgewiesen, und nicht das
allein, son-
—————
¹) Karl Pearson: The Grammar of Science. 2. Aufl., S.
332.
²) Der Satz endet bei Driesch mit den Worten: „die
Grundlage der Differenzierung harmonisch-aequipotentieller Systeme
sein“. Ich habe meinen Leser nicht mit einem ihm unbekannten und daher
verwirrenden technischen Ausdruck erschrecken wollen, und durfte mir
obige Umschreibung erlauben, da der Besitz solcher Systeme für
alles Leben bezeichnend ist.
30 Einleitendes
dern Hans Driesch hat
unwiderleglich dargetan, daß im Leben eine andere Art von
Kausalität am Werke ist, als diejenige, welche auf den Gebieten
des Leblosen statthat, ja, er kommt zum Schluß, daß „alle
unsere wissenschaftlichen Begriffe (wie wir sie aus den anorganischen
Wissenschaften herübernehmen) eigentlich vollständig
unzureichend sind, wenn man sie mit den wirklichen Phänomenen des
Lebens zusammenbringt“. (S. 157.)
So
führt der Wahn einer strengen Einheitlichkeit der Wissenschaften
in die Irre!
§
11. Seitenblick auf Kant.
Aufklärend wird es wirken, wenn wir an dieser Stelle einen Blick
auf Kant's Standpunkt werfen.
Die
Mehrheit der Wissenschaften räumt er ein, indem er schreibt: „Es
kann so vielerlei Naturwissenschaften geben, als es spezifisch
verschiedene Dinge gibt, deren jedes sein eigentümliches inneres
Prinzip der zu seinem Dasein gehörigen Bestimmungen enthalten
muß“ ¹). Insofern stimmt Kant also mit obigen
Ausführungen
überein; es folgt aber eine bedeutungsschwere Einschränkung:
„Ich behaupte, daß
in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft
angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist“.
An anderer Stelle führt er aus: „Eine reine Naturlehre über
bestimmte Naturdinge ist nur vermittels der Mathematik möglich,
und da in jeder Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft
angetroffen wird, als sich darin Erkenntnis a priori befindet, so wird
Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft enthalten, als
Mathematik in ihr angewandt werden kann.“ Nach dieser Auffassung
dürfte man nur
—————
¹) Diese sowohl wie die folgenden
Ausführungen
entstammen der Vorrede zu der Schrift „Metaphysische Anfangsgründe
der Naturwissenschaft“.
31 Einleitendes
von einem
Teil der Astronomie, nämlich von der Bewegungslehre der Gestirne,
und von einem Teil der Physik‚ als von „eigentlichen Wissenschaften“
reden.
In der Tat ist dies Kants Ansicht, denn sogar von einer solchen reinen
Erfahrungswissenschaft wie die Chemie urteilt er, man „sollte sie eher
systematische Kunst, als Wissenschaft heißen“. In den
Wissenschaften des Lebens könnten demnach nur diejenigen
Bruchteile, die sich mit dem Toten, welches alles Lebendige mit sich
führt, oder mit
den rein
physikalischen Verrichtungen befassen, als „eigentliche Wissenschaft“
angesprochen werden, bloß also
Nebenerscheinungen des Lebens, nicht das Leben selbst. Wer
mit der Philosophie Kants vertraut ist und
die besondere Bedeutung des Begriffes „rein“ innerhalb dieser
Philosophie
kennt, wird ohne weiteres den Sinn dieser Unterscheidung verstehen, und
wer weiß, welche Phantastik dazumalen in den Wissenschaften —
namentlich in denen des Lebens — ihr Wesen trieb, wird diese strenge
Einschränkung auf die Mathematik und Mechanik als heilsam
begrüßen. Daß Kant mit seiner Behauptung Recht habe,
das steht nicht in Frage; nur muß nicht vergessen werden,
daß er von „reiner Wissenschaft“ redet und daß der
Nachdruck auf dem Beiwort reiner liegt. Die ganze Betrachtung ist eine
metaphysische; ihr Wert bleibt auf die Metaphysik beschränkt.
Wird das aus dem Auge gelassen, so kann sie bedenklichen Schaden
anrichten; denn dadurch drückt man die Beobachtung gegenüber
der Mathematik zu einem untergeordneten Rang herab, was widersinnig ist
und ein Schlag ins Gesicht für alle germanische Wissenschaft
bedeutet: wir haben viel unter dieser Verwechslung und dem daraus
erfolgenden Irrtum zu leiden gehabt.
32 Einleitendes
§
12. Die Planmäßigkeit der Natur.
Mit
seiner genauen Begrenzung und Abgrenzung von Vernunft und Verstand hat
Kant der Menschheit den größten Dienst geleistet, den
vielleicht ein Einzelner ihr überhaupt je geleistet hat; erst
durch ihn ist es möglich geworden, der die Menschheit narrenden
und knebelnden Wahngedanken ein für allemal Herr zu werden. Doch
in diesen heiligen Kampf vertieft, blieb manches dem Blicke des
großen Denkers entzogen. Mag es auch keine „reine“ Wissenschaft
außerhalb der Gebiete, wo Mathematik zur Anwendung kommt, geben,
so hindert das doch nicht, daß treues geduldiges, der Grenzen
bewußt bleibendes Befragen der Natur zu reichen Erkenntnissen
führt, zu Ergebnissen, die auf dem Wege der Mathematik niemals zu
erreichen gewesen wären. So hat im Laufe der vergangenen hundert
Jahre die Chemie von dem Range einer „systematischen Kunst“ — wie Kant
mit einiger Geringschätzung sagt — zu einem
bewunderungswürdigen, immer mehr sich vervollkommnenden, in sich
symmetrisch zusammenhängenden Gesamtbau sich gestaltet, — einem
Bau, reich an Überraschungen, an Bereicherungen unserer
menschlichen Vorstellungswelt, zu einem Bau, dem, mag ihm auch die
zwingende Nötigungskraft der Mathematik fehlen, doch unzweifelhaft
der Wert eines Symboles der unerforschlichen Naturwahrheit zukommt. Und
unter unseren Augen entdeckt die endlich zum Bewußtsein ihrer
selbständigen Würde erwachende Wissenschaft des Lebens eine
ganze, bisher ungeahnte Welt der harmonischen Beziehungen, der
planmäßigen Zusammenhänge, die einem der genialsten
unserer Biologen der Gegenwart das Urteil ablockt: „Die gesamte Leitung
der Lebewesen liegt sowohl im Einzelnen wie in der Art in den
Händen einer übermechanischen Naturgewalt ... Die
Planmäßigkeit in der
33 Einleitendes
Natur als letztes, alles
Leben umfaßendes Naturgesetz wird damit wieder der biologischen
Forschung eröffnet.“ (J. v.
Uexküll: Theoretische Biologie, 1920, S. 229 fg.)
§
13. Gliederung der
Wissenschaften der
Natur.
Dieses
nur in aller Kürze zur Andeutung einiger grundlegender
Erkenntnisse.
Fragen
wir uns jetzt, wie viele verschiedene Wissenschaften wir unterscheiden
und wie wir sie zusammenstellen wollen.
Nach
den obigen Ausführungen ergibt sich ohne weiteres eine erste
Hauptgabelung in zwei umfassende Abteilungen: in die Wissenschaften
der unbelebten Natur, und in die Wissenschaften des Lebens. Zahlreiche
Verästelungen stellen Verbindungen zwischen hüben und
drüben her, doch bleiben die beiden Gebiete durch eine tiefe Kluft
von einander geschieden.
Innerhalb der Wissenschaften des Unbelebten finden wir uns
veranlaßt, allgemeine und besondere Wissenschaften zu
unterscheiden.
Es
gibt zwei allgemeine Wissenschaften des Unbelebten: Die W i
s s e n s c h a f t e n
d e r K r ä f t e (Physik im weitesten Sinne
des
Wortes) und die W i s s e n s c h a f t d e
s S t o f f e s
(Chemie); und es gibt zwei besondere Wissenschaften des Unbelebten:
die
W i s s e n s c h a f t d e s W e l t a l l s
(Astronomie) und die W i s s e n s c h a f
t
d e r E r d k u g e l (Geologie, umfassend
Geographie, Gestein- und Kristallkunde).
Innerhalb der Wissenschaften des Lebens unterscheiden wir drei
Wissenschaften: die W i s s e n s c h a f t v o
n d e r G e s t a l t d e
s L e b e n s
(Morphologie einschließlich Tier- und Pflanzenkunde),
die
W i s s e n s c h a f t v o n d e n
V e r r i c h t u n g e n d e s L e b e n
s (Physiologie) und
34 Einleitendes
die W i s s e n s
c h a f t v o n d e m
L e b e n d e s L e b e n s (Biologie im
umfassendsten Sinne). Die erste dieser
drei Wissenschaften bewegt sich vielfach innerhalb der aus der
Mathematik bekannten Welt der Zahl und der geometrischen Vorstellungen;
die zweite borgt viel bei den Wissenschaften des Unbelebten; die dritte
führt hinaus in neue Welten, die erst jetzt uns zu dämmern
beginnen.
§
14. Die Tafel.
Ich
füge zur besseren Übersichtlichkeit unsere Gliederung
nochmals in Form einer Tafel an:
D i e
W i s s e n s c h a f t e n d e s U n b e l e b
t e n.
Allgemeine: die Wissenschaft der
Kräfte; die
Wissenschaft des Stoffes.
Besondere: die
Wissenschaft des Weltalls; die
Wissenschaft der Erdkugel.
D i
e W i s s e n
s c h a f t e n d e s
L e b e n s.
Die Wissenschaft von der
Gestalt des Lebens.
Die Wissenschaft von den
Verrichtungen des Lebens.
Die Wissenschaft von dem
Leben des Lebens.
§
15. Anmerkung.
Die
Rechenkunst (Mathematik) kann nicht zu den Wissenschaften der Natur
gezählt werden; hier handelt es sich um eine Besinnung des
Menschengeistes über eingeborene Gesetzmöglichkeiten, hier
handelt es sich um die bewußte Handhabung eines unvergleichlichen
Werkzeuges; an und für sich ist aber diese technische Kunst
absolut leer; einzig in der Anwendung gewinnt sie Wert, und zwar so
hohen Wert, daß Plato von ihr hat sagen können, nur mit
ihrer Hilfe „gelange man in jedwedem Dinge zur Einsicht“ (Philebus 17).
Für näheres verweise ich auf den Vortrag über Descartes
in meinem Kantbuche.
35
Die
Wissenschaft der Kräfte
§
16. Geschichtliches zur Einführung.
Die
Alten verstanden unter Physik ungefähr das, was wir heute
„Allgemeine Naturgeschichte“ nennen; sie bildete den Gegensatz zu
Metaphysik und Theologie. Namentlich die Himmelskunde pflegt an der
damaligen Physik hervorragenden Anteil zu nehmen: die Erforschung der
Natur richtete sich anfangs vornehmlich auf die entferntesten
Gegenstände; erst sehr spät gelangte sie zu dem, was uns am
nächsten berührt. Dieser Entwicklungsgang dünkt uns
Heutigen merkwürdig: zur Erklärung dient wohl der
großartige Eindruck, den der Sternenhimmel auf empfängliche
Gemüter ausübt, sowie die scheinbare Einfachheit und
Regelmäßigkeit in der Bewegung der Gestirne. So
unterschieden denn die Alten innerhalb der Physik zwei Wissenschaften,
eine von den „himmlischen und unvergänglichen Dingen“ und eine von
den „Dingen unter dem wechselnden Mond“, und sie widmeten sich mit
Vorliebe der ersteren. Man darf behaupten, die Physik trage bis heute
den Stempel ihres astronomischen Ursprunges deutlich zur Schau;
erleben wir's doch als das Allerneueste, daß die Bewegungen
winzigster Teilchen nach der Analogie mit Sonnensystemen vorgestellt
werden. Und was die Einbeziehung weiter Gebiete der Naturgeschichte zur
Physik anbetrifft, so erinnere ich daran, daß ein so „moderner“
Naturforscher wie J. Clerk Maxwell ebenfalls die gesamte Sternenkunde
und die Stoffkunde (Chemie) zum Bereiche der Physik mitzählt.
(Matter and Motion, S. 95.)
36
Die
Wissenschaft der Kräfte
§
17. Aristoteles.
Auch
in Bezug auf das richtungbestimmende Gedankengerüst und auf den
Schatz an gestaltungsmächtigen Vorstellungen fußen wir noch
heute auf den Leistungen der Griechen. Allgemein bekannt ist die
Unterscheidung zwischen Form und Stoff durch Aristoteles; der Stoff ist
ihm nur das Mögliche, die Form erst das Wirkliche: „Von den
sinnlichen
Dingen gibt es weder einen Begriff noch einen Beweis, die Form allein
ist es, worauf sich das Wissen bezieht“. Aber wie verwirklicht die Form
den Stoff? Durch die Bewegung. Die Bewegung ist der Mittler: „Die
Bewegung ist diejenige Tätigkeit, wodurch das zum Dasein kommt,
was vorher nur als Möglichkeit vorhanden war.... Fassen wir den
Begriff der Bewegung allgemein, so ist sie überhaupt das
Wirklichwerden des Möglichen, die Vollendung der Materie durch die
Formbestimmung“. In diesem Sinne bestimmt Aristoteles die Bewegung als
Inhalt der Physik, und das gilt noch heute, sobald man auf den Grund
geht. Ein französischer Meister in diesem Fache, Verdet, schreibt:
„Le vrai problème du physicien est toujours de ramener les
phénomènes à celui qui nous paraît le plus
simple et le plus clair, le mouvement“ (die wahre Aufgabe des Physikers
besteht immer in der Zurückführung der Vorgänge auf
denjenigen, der uns Menschen der einfachste und der klarste dünkt,
und das ist die Bewegung). Insofern wäre es richtiger, die Physik
„die Wissenschaft der Bewegungen“ zu nennen; denn was wir wahrnehmen,
ist überall Bewegung, nur Bewegung, wogegen „Kraft“ ein Gedanke
ist, und „Energie“ ein Denken über diesen Gedanken.
37 Die
Wissenschaft der Kräfte
§
18. Die beiden Hauptmythen.
Der
Leser halte nicht solche Betrachtungen für überflüssige
Metaphysik: alle Physiker sehen sich genötigt, sie anzustellen,
wollen sie wissen, wovon sie reden. Der Experimentator mag ein noch so
eingefleischter Empiriker sein, zwischen seinen Fingern entschwindet
der Stoff zu einem nichts. So sagt z. B. Lucien Poincaré: „Der
Stoff ist nichts weiter als das Tragvermögen (capacité)
für die Äußerungen der Energie“, und Clerk Maxwell
schreibt: „Alles,
was wir über
den Stoff wissen, bezieht sich auf die Phänomene, in denen Energie
von einem Teilstück zu einem anderen übergeht“. So werden die
Physiker unwillkürlich und notwendig, heute ebenso wie vor 2500
Jahren — zu Metaphysikern; und wie zu Metaphysikern, so werden sie auch
zu Bildnern von mythischen Vorstellungen und treten ebenfalls hier die
hellenische Erbschaft an: die zwei unentbehrlichsten, am meisten
umstrittenen Vorstellungen — die A t o m e und
der Ä t h e r — haben
wir bekanntlich von den Griechen überkommen: die eine dient zur
letzten Zergliederung des Stoffes, die andere zur letzten Zergliederung
der Kraft.
§
19. Die
Schwierigkeit dieser Wissenschaft.
Für den Laien bleibt die Physik die abstruseste und daher
unzugänglichste aller Wissenschaften, da sie überall nur mit
Bewegungen zu tun hat, und selbst die ruhenden Phänomene — wie die
der Farbe und des Magnetismus — erst in Bewegungen auflösen
muß, ehe sie damit etwas anfangen kann; so richtet sich ihr
ganzes Bestreben auf die Erfindung von Instrumenten zur Messung von
Bewegungen aller Art; dieses Heer von Instrumenten bildet ihr
Arbeitswerkzeug und bleibt dem Verständnis des Nichttechnikers
verschlossen. Und nun müssen erst
38 Die
Wissenschaft der Kräfte
die gewonnenen Zahlen
mathematisch bearbeitet werden, um ihren genauen Sinn zu ermitteln.
Keine Möglichkeit für den Nichtmathematiker, dem Gedankengang
des Physikers bei Aufstellung und Lösung eines Problemes zu
folgen. Wir werden uns darauf beschränken müssen, einige
Leitgedanken auszuschälen, und uns glücklich schätzen,
wenn wir Deutlichkeit nicht auf Kosten der Genauigkeit gewinnen.
§
20. Der leitende
Grundsatz aller Wissenschaft der Kräfte.
Fassen
wir gleich den Grundgedanken aller neueren Physik ins Auge, dem die
Bedeutung eines G r u n d s a t z e s zugesprochen
wird, als handele es sich
um eine sittliche Glaubenspflicht. Wir wollen das Wort beibehalten,
aber anders auffassen, nämlich als Grundsatz, ohne welchen diese
Wissenschaft auseinanderfällt, da er allein ihr Einheit verleiht.
Ich
darf wohl den Leser um einige Augenblicke erhöhter Aufmerksamkeit
ersuchen.
Die
geringste Überlegung wird überzeugen, daß man
zahlreiche Kräfte zu unterscheiden hat, und das heißt also,
wie wir gesehen haben, zahlreiche verschiedene Arten von Bewegungen:
die Kraft, welche die Erde an die Sonne bindet, ist doch etwas ganz
anderes, als die fliegende Eile des Lichtes, und diese wiederum
unterscheidet sich wesentlich von der Kraft des Armes, die den Stein
schleudert; die Dampfkraft, die die Lokomotive treibt, scheint einer
anderen Welt anzugehören, als die Luftschwingungen, die den Schall
erzeugen, und diese beiden lassen sich schwer mit dem Blitzstrahl
vereinen: und doch erweist sich die Vorstellung als unentbehrlich,
daß in allen diesen tausendfältigen Wirkungen die
proteusartigen Äußerungen einer einzigen Kraft sich kundtun.
39
Die
Wissenschaft der Kräfte
„Es gibt in Wahrheit nur
eine einzige Kraft“, ruft Robert Mayer aus. Gewöhnlich redet man
von dieser einheitlich vorgestellten und insofern abgezogenen
(abstrakten) Kraft als „Energie“, und von der Einheit der Energie. Alle
die verschiedenen Kräfte sind Erscheinungsformen der einen Energie.
Diese
Vorstellung von der Einheit der Energie kann man als die Grundannahme
aller Physik bezeichnen. Und nun kommt zu dieser Grundannahme der
„Grundsatz“, nämlich die Lehre von der „Erhaltung der Energie“.
Diese Lehre — die den Mittelpunkt alles physikalischen Denkens ausmacht
— besagt, daß die in der Welt vorhandene Summe der Energie eine
ein für allemal gegebene unabänderliche Größe
ausmacht, die weder Zunahme noch Abnahme erleidet, sondern ewig gleich
bleibt, nur unter tausend wechselnden Gestalten sich hier und dort
unseren Blicken zeitweilig entzieht. Die Physiker pflegen, wie gesagt,
die mit nichts zu vergleichende Wichtigkeit dieser Lehre dadurch
hervorzuheben, daß sie von dem „G r u n d s a t z“
(dem Prinzip) von der
Erhaltung der Energie reden; es läßt sich auch manches
zugunsten dieses Wortes anführen: denn „Theorie“ würde
irreführen, es handelt sich in diesem Falle um mehr und um weniger
als Theorie, und „Hypothese“ besagt zu wenig: es handelt sich um einen
Glaubenssatz, der zwar, streng genommen, ewig unbeweisbar bleibt, doch
ohne welchen das ganze Gebäude der heutigen Physik zerfällt.
Clerk Maxwell sagt von diesem Glaubenssatz: „er ist die eine einzige
allgemeine Behauptung, welche sich überall den Tatsachen
entsprechend erweist, nicht allein in einer einzigen physikalischen
Wissenschaft, sondern in allen“ (l. c., S. 60). Dieser Ausspruch mag
dem Leser eine Vorstellung von der Bedeutung des Grundsatzes von der
Erhaltung der Energie geben.
40 Die
Wissenschaft der Kräfte
Erst
in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Grundsatz in
seiner tiefen Bedeutung und mit voller Klarheit von dem deutschen Arzt
Robert Mayer aufgestellt, und bald folgte Helmholtz, und wies in seiner
berühmt gebliebenen Abhandlung „Über die Erhaltung der Kraft“
(1847) die Unentbehrlichkeit dieser gestaltenden Idee nach — eine
echte Gedankengestalt ¹).
§
21. Robert Mayer und Descartes.
Schon
lange, ehe Mayer auftrat, schwebte diese Gedankengestalt dem
Bewußtsein bedeutender Forscher, mehr oder minder greifbar, vor.
Der erste, der ihr faßlichen Ausdruck verlieh, war der
große, allgemein verkannte Descartes. Er sagt, man müsse
voraussetzen, daß Gott, indem er die Welt schuf, sie mit einer
gewissen Menge von Bewegungsfähigkeit ausstattete, und dafür
sorgt, daß diese Menge sich ewig gleich bleibe; und an anderer
Stelle spricht er sich noch unmißverständlicher aus, indem
er von den Körpern sagt: „il est impossible que leurs mouvements
cessent jamais, ni même qu'ils changent autrement que de sujet;
c'est à dire que la vertu ou la puissance de se mouvoir
soi-même, qui se rencontre dans un corps, peut bien passer tout
ou en partie dans un autre, et ainsi n'être plus dans le premier,
mais qu'elle ne peut pas n'être plus du tout dans la monde“ (Le
Monde, ou Traité de la Lumière, Kap. 3 und 7: es ist
unmöglich, daß die Bewegungen in den Körpern jemals
aufhören,
—————
¹) Freilich behandelt Helmholtzens Aufsatz fast
ausschließlich die mathematische Seite des Gegenstandes. Erst im
Jahre 1854 in seinen Vorträgen „Über die Wechselwirkung der
Naturkräfte und die darauf bezüglichen neuesten Ermittelungen
der Physik“ faßte er das Problem, wie R. Mayer es getan hatte,
von der anschaulichen Seite an; desgleichen tat er in seinem Zyklus von
Vorträgen, gehalten in den Jahren 1862/63 „Über die Erhaltung
der Kraft“.
41 Die
Wissenschaft der Kräfte
noch daß sie einen
anderen Wechsel aufweisen, als in Bezug auf den bewegten Körper;
mit anderen Worten, die Eigenschaft oder die Fähigkeit sich zu
bewegen, die man in einem Körper vorfindet, kann wohl im ganzen
oder zum Teil sich auf einen anderen Körper übertragen und
somit nicht mehr im ersten Körper vorhanden sein, aber die
Bewegung kann nicht aus der Welt entschwunden sein). Hiermit war der
Kern des Gedankens vollkommen deutlich — wenn auch noch nicht ganz
richtig — ausgesprochen.
Denn
was liegt dem Gedanken zugrunde? Die Antwort kann erst auf einem Umwege
erfolgen.
§
22. Nichts
entsteht aus dem Nichts, Nichts vergeht in das Nichts.
Zwei
Überzeugungen müssen im Menschengeiste unerschütterlich
feststehen, soll die Möglichkeit einer exakten Wissenschaft der
Natur gegeben sein; sie ergänzen sich gegenseitig: die eine
erklärt, „nichts entsteht aus dem Nichts“ (nil fieri ex nihilo),
die andere: „nichts vergeht in das Nichts“ (nil fieri ad nihilum).
Beide Überzeugungen sind durchaus nicht selbstverständlich;
der naive Mensch hegt sie nicht, vielmehr nimmt er ohne weiteres an,
daß hochorganisierte Wesen, wie Fliegen und Insekten, ja auch
Mäuse und Ratten in Schutt und Unrat von selbst entstehen, und
muß umso eher bereit sein, zuzugeben, unbelebter Stoff könne
sich bei Gelegenheit aus dem Nichts entwickeln. Der Besitz der
fraglosen Überzeugung „nichts entsteht aus dem Nichts“ bedeutet
einen gewichtigen Schritt auf dem Wege zu jener Kultur des Geistes,
welche Wissenschaft erst möglich macht. Immerhin wird diese erste
Überzeugung weit früher zum Gemeingut gebildeter Menschen,
als die zweite, wenigstens in ihrer strengeren Fassung, wo sie sich
nicht bloß auf die Materie
42 Die
Wissenschaft der Kräfte
bezieht, sondern auch die
Kräfte umfaßt. Vor einem materiellen Gegenstand, ja! da
geben wir nach geringer Überlegung zu, daß auch die
vollkommenste Zerstörung ihn nicht aus der Welt schaffe, sondern
ihn höchstens zu Staub zermalme; doch der Zumutung, ein gleiches
bei den Kräften anzunehmen, setzt der Geist einen entschiedenen
Widerstand entgegen. Sehen wir auch die Gestirne ihren ewigen Kreislauf
vollziehen, so beobachten wir um uns herum hunderte von Bewegungen,
welche aufhören, und somit scheinbar entschwinden, ohne eine Spur
von ihrem Dasein zu hinterlassen. Hier handelt es sich um die Gewinnung
neuer schöpferischer Einsichten: erstens gibt es sehr viele
Bewegungsarten — ich nenne Licht, Schall, Wärme, Elektrizität
— welche dem menschlichen Auge nicht unmittelbar als Bewegungen
wahrnehmbar sind — mit anderen Worten: unsichtbare Bewegungen; zweitens
bedarf der Satz Descartes' einer Berichtigung und einer Ergänzung;
die Verhältnisse liegen verwickelter, als der Philosoph
voraussetzte.
§
23. Die Spannkraft.
Es
stimmt nicht die Behauptung von der stets gleichen Summe der Bewegung
im Weltall, und es fehlt die Erkenntnis, daß Bewegung gleichsam
aufgehalten, aufgespart, verborgen gehalten werden kann, woraus der
Begriff der „latenten (d. h. einer schlummernden) Kraft“ oder
Spannkraft entsteht: erst aus der Unterscheidung der zwei Gattungen von
Kräften — der lebendigen und der schlummernden — erwächst die
Möglichkeit, die Energie als eine unwandelbare Einheit aufzufassen.
Wir
müssen noch einen Augenblick bei den schlummernden Kräften
verweilen, um sicher zu sein, daß unsere Vorstellungen sich auf
Wirklichkeit beziehen.
Auch
dem Laien ist der Begriff einer S p a n n k r a f t
43
Die
Wissenschaft der Kräfte
vertraut — ich brauche
nur an die aufgezogene Feder einer Taschenuhr zu erinnern —; dieser
Begriff bedarf allein der gehörigen Erweiterung, wie sie
physikalisches Erfahren und Denken verleiht, um alle schlummernden
Kräfte zu umspannen. Hebe ich z. B. einen 10 kg wiegenden Stein
vom
Boden auf und trage ihn aufs Dach, wo ich ihn hinlege, so erfolgt
zunächst aus dieser Arbeitsleistung keine weitere Bewegung, doch
habe ich den Stein in eine neue Lage gebracht, dank welcher sein Sturz
eine bedeutende Wirkung ausüben muß, und zwar eine Wirkung,
die, wie jeder Versuch beweist, der aufgewendeten Arbeit genau
entspricht: wir dürfen sagen, ich habe den Stein mit Spannkraft
begabt. Um ein von diesen zwei Beispielen fernliegendes
anzuführen: was man unter chemischer Verwandtschaft zwischen den
Stoffen versteht, kann als Spannkraft aufgefaßt werden, welche
durch Nähe und andere begünstigende Bedingungen
plötzlich zu heftigen Bewegungen der lebendigen Kräfte
führt. Hat man z. B. in ein Gefäß zwei Raumteile
Wasserstoff und einen Raumteil Sauerstoff eingeführt, so bleiben
diese beiden Gase ohne jede Wirkung aufeinander; nähert man jedoch
eine Flamme dem Gemisch, oder läßt einen elektrischen Funken
durchschlagen, so findet eine kräftige Explosion statt, indem sich
die beiden Elemente zu Wasser verschmelzen: so wird die Spannkraft zu
bewegender Kraft entbunden. Das großartigste Beispiel von
aufgespeicherter Spannkraft ist die Anhäufung von Energie des
Sonnenlichtes in den Pflanzenkörpern unter der Gestalt von
Stärke, Zucker und anderen Körpern, welche dann — den Tieren
als Nahrung zugeführt — umgewandelt wird in Wärme und
Muskelkraft.
Versteht man das Wort „Spannkraft“ in diesem allumfassenden Sinne, so
lautet der Grundsatz von der Erhaltung der Energie: es ist stets die
Summe der vorhandenen
44 Die
Wissenschaft der Kräfte
bewegenden Kräfte
und Spannkräfte konstant. (Helmholtz.) In dieser Weise muß
Descartes ergänzend berichtigt werden: nicht die Summe
der
B e w e g u n g bleibt sich im Weltall ewig gleich, sondern man
muß die
Summe der schlummernden Kräfte oder Spannkräfte hinzurechnen
und diese zwei Summen zusammengenommen bilden trotz aller
Verschiebungen, die immerfort zwischen bewegenden Kräften und
Spannkräften stattfinden, eine unveränderliche (konstante)
Größe.
Ehe
wir diesen ersten Grundsatz verlassen, will ich den Leser auf noch eine
Auffassung des so wichtigen Begriffes der schlummernden Kräfte
oder Spannkräfte aufmerksam machen, weil sie für die
besondere Art des Physikers, die Welt anzuschauen, lehrreich ist.
§
24. Die Kraft der Lage.
Was
vermehrte die Fallkraft des Steines in unserem vorhin gebrachten
Beispiel, und gestattete uns, von einer entstandenen, beziehungsweise
vermehrten Spannkraft zu reden? Eine Änderung in der Lage des
Steins — eine Änderung, wodurch die Entfernung des Steins vom
Erdboden — genauer gesprochen, die Entfernung vom Mittelpunkt der Erde
— vermehrt worden war. Ebenso können auch die Spannkräfte der
chemischen Verwandtschaft erst wirksam werden, wenn die betreffenden
Stoffe nahe aneinander gelagert worden sind. Das gleiche gilt von dem
Blitz, der erst entsteht, wenn zwei entgegengesetzt geladene Wolken
übereinander geraten. Immer wird man finden, daß die Lage
Beziehungen zur Spannkraft aufweist, weswegen die Physiker bisweilen
zwischen Energie der Bewegung und E n e r g i e d e
r L a g e unterscheiden — eine Unterscheidung,
welche ich dem
Nachsinnen empfehle, weil Gedanken dadurch Anschaulichkeit gewinnen.
Das Bild des Weltalls wird viel lebhafter, wenn man sich
45 Die
Wissenschaft der Kräfte
an die Vorstellung
gewöhnt, daß jede Bewegung — von derjenigen der Gestirne an
bis zu derjenigen, die in den Atomen eines Milligrammes Radium vor sich
gehen — zugleich eine Verschiebung der Gleichgewichtsverhältnisse
bedingt, und Kraft sowohl aufspeichert, als freiläßt; es
gewöhnt diese Betrachtungsweise auf G e s t a l t — im
weitesten Sinne
dieses Wortes — zu achten, und richtet die Aufmerksamkeit auf die meist
verborgenen Quellen der Kraft.
§
25. Die Grundmythe
aller Wissenschaft der Kräfte (Der Äther).
Nachdem wir so den Grundsatz, der allem Denken in der Wissenschaft der
Kräfte zugrunde liegt, kennengelernt haben, wenden wir uns jetzt
zu der kurzen Betrachtung einer mythischen Vorstellung, welche sich als
ebenso unentbehrlich für diese Wissenschaft erwiesen hat: die
Vorstellung eines Äthers. Ich nenne diese Vorstellung eine Mythe,
weil — wie unentbehrlich sie auch sei — sie etwas betrifft, dem keine
Sinnfälligkeit zukommt, etwas also, was lediglich ein Erzeugnis
der menschlichen Phantasie darstellt. Der Äther ist kein
bloßer Gedanke, vielmehr eine echte Gedanken g e s t a l t;
er wird
namentlich von der Vorstellungskraft gefordert, und dennoch
enthält er soviel Widerspruchsvolles, daß Denken und
Anschauen nie ins Reine, nie zur Ruhe kommen können: so hat man z.
B. berechnet, daß der Äther fünfzehntrillionenmal
leichter als die atmosphärische Luft sein muß, zugleich aber
läßt es sich nachweisen, daß er
zweitausendmillionenmal dichter als Blei ist. (J. J. Thomsen in
„Nature“, 26. 8. 1909); und während die einen von einer Materie
reden (z. B. Kant und Clerk Maxwell), erinnert uns der Sonderforscher
des Äthers, Paul Lenard: „der Äther ist nicht Materie“ und
„der unbewegte Uräther hat nichts mit der Materie zu tun“
(Äther und Uräther, S. 8, 17) und sein
46 Die
Wissenschaft der Kräfte
englischer Kollege,
Oliver Lodge, bestätigt: „Ether is not Matter“, „it is not
material nor mechanical“ (The Ether of Space, S. 108, 27. — Der
Äther ist nicht Materie, er ist weder stofflich noch mechanisch
aufzufassen).
§
26. Descartes und der
Äther.
Vielleicht gelangt der Laie am schnellsten zu einer lebhaften und
richtigen Vorstellung des Äthers, wenn er den Ursprung dieser
Gedankengestalt erfährt. Descartes ist ihr Schöpfer, und er
brauchte sie ausschließlich aber unabweisbar für seine
Erklärung von dem Wesen des Lichtes als einer Bewegung, nicht
eines Stoffes. Es lohnt sich, bei den Ideen dieses großen Denkers
und Erschauers einen Augenblick zu verweilen.
Uns
Heutigen ist die Vorstellung, daß Licht durch eine Bewegung
verursacht wird, derartig von Jugend an vertraut, daß es uns eine
gewisse Anstrengung kostet zu begreifen, welche Kraft des Genies dazu
gehörte, diesen Gedanken zu fassen. Descartes besaß diese
Kraft, Newton nicht, der bekanntlich hundert Jahre, nachdem Descartes
die richtige Bahn geöffnet hatte, den Gang der Wissenschaft durch
seine „Emissionstheorie“ aufhielt, eine Theorie, nach der das Licht
durch hervorgeschleuderte runde Körperchen verursacht sein sollte.
— Hingegen hatte Descartes geschrieben: „La Lumière n'est autre
chose qu'un certain mouvement ou une action fort prompte et fort vive
... il n'est pas besoin de supposer, qu'il passe quelquechose de
matérial depuis les objets jusqu'à nos yeux pour nous
faire voir les couleurs et la lumière, ni même qu'il y ait
rien en ces objets qui soit semblable aux idées ou aux
sentiments que nous en avons“ (das Licht ist nichts anderes, als eine
gewisse Bewegung oder eine sehr schnelle und lebhafte Handlung ... es
ist nicht notwendig vorauszusetzen, daß irgend etwas Stoffliches
von den Ge-
47
Die
Wissenschaft der Kräfte
genständen an unsere
Augen gelange, damit wir die Farben und das Licht erblicken, noch auch,
daß irgend etwas an diesen Gegenständen Ähnlichkeit
besitze mit den Vorstellungen, die wir uns davon machen, oder mit den
Gefühlen, welche uns dabei einnehmen. — La Dioptrique, Discours
premier). — Nun aber ist es der Bewegung unmöglich, sich durch
einen leeren Raum fortzupflanzen — so wenigstens empfand Descartes,
wie nach ihm Faraday, Helmholtz und Heinrich Hertz es auch empfanden —;
darum stellte er sich den Weltenraum als angefüllt mit „quelque
matière fort subtile et fort fluide, qui s'étende sans
interruption depuis les astres jusqu'à nous“ (mit irgendeinem
äußerst zarten und flüssigen Stoff, der sich ohne
Unterbrechung von den Sternen bis zur Erde ausdehnt. — ibidem) vor. Auf
diese Weise erkennt man, „daß alle Himmelskörper sich
untereinander berühren, ohne daß es irgendwo einen leeren
Raum gebe“. „Die Sterne können unmöglich irgendeine Bewegung
in unseren Augen erregen, wenn sie nicht in irgendeiner Weise den
ganzen Stoff, der zwischen ihnen und uns liegt, ebenfalls in Bewegung
setzen“ (Principia, IV. Teil, § 206). Und noch eine
Ausführung, diesmal aus einem Briefe, damit dem Leser an diesem
Gedanken nichts undeutlich bleibe: „Toute impulsion de la
matière subtile qui est parvenue à un certain
degré de vitesse cause le sentiment de la lumière mais
... je nie qu'un
mouvement plus lent et ordinaire de cette matière
puisse causer de la lumière“ (jeder Vorstoß des zarten
Stoffes, der eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hat, verursacht die
Empfindung des Lichtes ... aber ich leugne, daß eine langsamere
und gewöhnliche Bewegung dieses Stoffes die Fähigkeit
besitze, Licht zu erzeugen. — Brief vom 27. November 1637). In allen
mir bekannten Büchern wird Descartes ein Vorwurf daraus gemacht,
daß er gelehrt habe, das Licht brauche gar keine
48
Die
Wissenschaft der Kräfte
Zeit zu seiner
Ausbreitung, ein Irrtum, der daher stammt, daß sämtliche
Bücher die eine einzige Stelle voneinander abschreiben, in welcher
Descartes — um seine neue und so überraschende Entdeckung
begreiflich zu machen — das Bild eines Stockes gebraucht, der im selben
Augenblick, wo die hand den Griff bewegt, auch mit dem Ende
anstößt, was er mit dem Wort „instantané“
ausdrückt. Dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde können
wir auf dieser sublunaren Welt — wenn wir nicht Pedanten sind —
füglich „instantané“ nennen. Wie es Descartes in
Wirklichkeit meint, zeigt jede der oben angeführten Stellen: „das
Licht ist nichts anderes, als eine s e h r s c
h n e l l e u n d l e b h a f t e B e w e
g u n g“
und „jeder Vorstoß, d e r e i n
e g e w i s s e G e s c h w i n d i g k e i
t e r r e i c h t
h a t, verursacht die Empfindung des Lichtes“.
Wir
haben also nach Descartes uns einen äußerst feinen Stoff
vorzustellen, der den ganzen Weltenraum lükenlos ausfüllt,
und dessen Hauptamt es ist, die Bewegung, die wir Licht nennen, zu
vermitteln; weswegen lange Zeiten hindurch, ja, fast bis in die
Gegenwart hinein, man häufig dem Ausdruck „Lichtäther“
(l'éther lumineux) begegnet. Auf welche Weise diese Vermittlung
durch den Äther zu denken ist, wird nicht näher
ausgeführt, doch macht die Parabel des Stockes an die
Wellenbewegung denken; höchst auffallend ist die Tatsache,
daß eine bestimmte Geschwindigkeit erfordert wird im Erzittern
des Äthers, damit wir das Licht empfinden. Auch verdient es
Beachtung, wenn Descartes „zwei verschiedene Gestalten der Materie (den
Stoff und den Äther) unterscheidet“, und sie „die zwei ersten
Elemente der sichtbaren Welt“ nennt. (Principia, III. Teil, § 52.)
Es erweisen sich alle Hauptgedanken der heutigen Vorstellung über
den Äther als in dem Hirn des wunderbaren Mannes vorgebildet.
49
Die
Wissenschaft der Kräfte
§
27. Neuere
Anschauungen.
Die
einfachste Begriffsbestimmung, die ich von einem modernen Naturforscher
kenne, gibt Clerk Maxwell — einer der bedeutendsten Männer des 19.
Jahrhunderts — in der „Encyclopaedia Britannica“: „Der Ether oder der
Äther (wahrscheinlich von aitho = ich brenne) ist eine materielle
Substanz von feinerer Art, als die sichtbaren Körper, — eine
Substanz, welche man voraussetzt in jenen Teilen des Raumes, die
scheinbar leer sind“. Ein deutscher Physiker gibt die willkommene
Ergänzung: „Der
Äther stellt
die Verbindung zwischen den Erscheinungen her, ohne welche Physik und
Chemie in eine endlose Reihe von Elementen zerfallen würden“
(Hermann Fricke: Was ist Elektrizität?). Das ist aber sehr
elementar
gesprochen, und
läßt nicht ahnen, welchen ungeheuer verwickelten
Verhältnissen der Äther genügen muß, damit er
seinen Zweck
erfülle. Kant hat in den letzten Jahren seines Lebens viel
über diese Frage nachgedacht. Er kommt zu dem Schlusse, der
Äther müsse „imponderable“, „incoërcible“,
„incohäsible“ und „inexausible“ sein, was er folgendermaßen
erläutert: „Es muß eine Materie sein, durch welche die
praktische Wägbarkeit möglich ist, ohne für sich ein
Gewicht zu haben, — die Sperrbarkeit ohne äußerlich
coërcible (zusammendrückbar) zu sein, — die Cohäsion
(Zusammengehörigkeit), ohne innerlich zusammenzuhängen, —
endlich die Erfüllung aller Räume der Körper ohne
Erschöpfung oder Verminderung dieses alldurchdringenden Stoffes“.
(Vom Übergang von den metaphysischen
Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik,
Altpreußische Monatsschrift 1882. S. 122 fg.)
Mit diesen klaren Erkenntnissen eilte Kant seiner Zeit um ein halbes
Jahrhundert
voraus. Inzwischen hatte der Äther an Inhalt gewaltig
zugenommen, indem er als der
50
Die
Wissenschaft der Kräfte
Sitz der unabsehbar
reichen Welt der Elektrizität erkannt wurde, und indem das Reich
der Elektrizität immer allumfassender wurde. Es entstand hierdurch
eine ganz neue Physik: die Physik des Äthers oder der
Elektrizität, oder der Strahlungsenergie, die ein Gegenstück
bildet zu der Physik der mechanisch bewegten Materie; denn — ich
wiederhole es — der Äther ist wohl eine „Substanz“ im
philosophischen Sinne des Wortes, nicht aber „Materie“; der Äther
ist absolut ungreifbar und unbeweglich. Und wir haben so fabelhafte
Fortschritte in Bezug auf die Elektrizität gemacht, seit Faraday's
Genius den Weg uns aufdeckte, daß ein heutiger Forscher die
Behauptung aufstellen kann: „die elektrischen und magnetischen
Zustände des Äthers sind uns genauer bekannt, als die Gesetze
der Materie“ (G. Mie: „Der Weltäther“ in Handwb. der Natur). Den
Elektromagnetismus kann man nach heutigen Vorstellungen die Seele des
Äthers nennen; der Trägheit der Materie entspricht der
Magnetismus, ihrer Elastizität entspricht die eigentliche
Elektrizität. Licht ist eine Teilerscheinung des
Elektromagnetismus, oder, um den umfassenden Ausdruck zu gebrauchen,
der Strahlungsenergie; Goethes Ahnungen haben sich bewahrheitet, indem
wir dem von ihm empfohlenen „herrlichen elektrochemischen geistigen
Leitfaden“ gefolgt sind (Brief an Döbereiner, 26. Dezember 1812).
§
28. Das Licht.
Da
Licht für uns Menschen eine der allerentscheidendsten
Lebensbeziehungen darstellt, wollen wir wenige Worte ihm widmen, nur
genügend, um einige Grundbegriffe über dessen Verhältnis
zum Äther hervorzuheben.
Licht
wird, wie alle anderen elektromagnetischen Phänomene durch
Zustandsänderungen im Äther bewirkt. Sämtliche
Zustandsänderungen verbreiten sich im unbe-
51
Die
Wissenschaft der Kräfte
wegt bleibenden
Äther mit der Geschwindigkeit von 300 000 Kilometer in der Sekunde
— also, irdisch gesprochen, augenblicklich (Descartes'
„instantané“) — aber es ist wichtig, klar vor dem geistigen Auge
zu halten, daß es sich hierbei nicht um die Bewegung eines
vorüberfliegenden Körpers handelt, sondern vielmehr um die
Ausbreitung von Etwas, was wir uns nach der Analogie eines Erzitterns
des Äthers vorzustellen haben. Auch das Bild der Lichtwellen
muß — was äußerst selten geschieht — richtig
gefaßt werden, nämlich als ein bloßes Bild, eine
Allegorie. Welcher Art die sogenannten Wellen im Äther sind, davon
vermag sich der Mensch nicht den entferntesten Begriff zu machen. Unter
„Wellen“ haben wir uns „irgendeine Störung im Äther zu
denken, die periodisch, sowohl in Bezug auf den Raum, wie auf die Zeit,
wiederkehrt“ (Oliver Lodge, ibidem, S. 3). Beileibe sollen wir uns
nicht etwas Materielles noch Mechanisches darunter denken, sondern nur
Elektrisches und Magnetisches. Der Leser weiß übrigens,
daß die Meereswellen auch keine Vorwärtsbewegung
ausführen, sondern, daß jeder Tropfen Wasser nur in die
Höhe gehoben und in die Tiefe gesenkt wird; gerade dieser Umstand
macht das Bild der Welle so passend für die Bewegung, aus der das
Licht entsteht, und die eigentlich nicht Bewegung, sondern
Zustandsänderung ist (Lorentz). Wenn die betreffenden
Zustandsänderungen im Äther sich dreibillionen- bis
siebenbillionenmal in der Sekunde wiederholen, haben wir die Empfindung
des Lichtes, doch ist es der Wissenschaft gelungen, diese „Wellen“
nach oben, sowie nach unten weithin zu verfolgen: so gehören z. B.
die sogenannten Röntgenstrahlen zu den beschleunigteren und
dementsprechend kürzeren „Wellen“, und die Strahlungen, die wir
zur drahtlosen Telegraphie gebrauchen, zu den weniger häufigen und
dafür unvergleichlich längeren.
52
Die
Wissenschaft der Kräfte
Noch
manches andere Amt fällt dem Äther zu: so z. B. ist nach
vielen Physikern die Trägheit des Stoffes das Ergebnis eines
Druckzustandes im Äther, die den starken Expansionskräften
entgegenwirkt, welche dem Inneren der Atome eigen ist. Auch die
Gravitation glaubt man, noch unbekannten Wirkungen des Äthers
zuschreiben zu sollen. Ja, die Mythe zieht noch weitere Kreise. Lord
Kelvin hat die Wirbel von Descartes wieder modernisiert zu Ehren
gebracht, und läßt die Atome, aus denen die Materie
aufgebaut ist, aus solchen Wirbelbewegungen im Äther bestehen.
Heute, wo man so viel mehr über den Aufbau der Atome erfahren hat,
denkt man sich die Sache etwas anders, und Lenard faßt den
kleinsten, beweglichsten Bestandteil des Atoms, nämlich das
Elektron, als „das Ende einer magnetoelektrischen Kraftlinie“ des
Äthers auf. Nach dieser Ansicht besteht also die ganze Materie —
die
Gesamtheit dessen, was wir als Stoff wahrnehmen — letzten Endes aus
Äther; ja! wir alle, wir Menschen, wir sind dem Leibe nach nur
Äther!
Man
sieht, wir stehen hier ganz im Bereiche der Mythenbildung.
§
29. Der leitende
Grundgedanke aller Wissenschaft der Kräfte (das Atom).
Wiederum begegnen wir hier einer aus dem Altertum auf uns herabgeerbten
Vorstellung, einer Vorstellung, die wahrscheinlich die Hellenen auf
Umwegen von den Indern überkommen hatten. Vom ersten Augenblick an
schillert dieser Begriff in zwei verschiedenen Farben: denn einerseits
zeichnet ihn ein hoher Grad von Anschaulichkeit aus, während er
auf der anderen Seite zu undenkbaren Gedanken führt. Mit Wonne
greift
der Geist nach der Vorstellung von letzten, kleinsten, unteilbaren
Teilchen (Atomen), aus denen alles Stoffliche aufgebaut wäre;
diese Vorstel-
53
Die
Wissenschaft der Kräfte
lung gewährt ihm
Beruhigung, scheint sie doch so einleuchtend, so
„naturgemäß“; andrerseits gerät das Denken in
unauflösbare Widersprüche, soll es sich ein noch so kleines
Körperchen als nicht weiter teilbar vorstellen, und hat sich in
der Tat bis heute damit geholfen, daß es die „unteilbaren“ Atome
in immer zahlreichere Bestandteile zerlegt hat, bis die letzte
Entwicklung der Gegenwart von uns fordert, jedes Atom nach dem Bilde
eines Sonnensystemes zu denken.
Der
Inder Kanâda hatte gelehrt: „die Welt entsteht aus Atomen,
Paramânu (das höchste Kleine) genannt, die sich nach dem
Willen eines höheren Wesens miteinander vereinigten“ (L. v.
Schroeder, Indiens Literatur und Kultur, S. 588). Diese indischen Atome
unterscheiden sich von den griechischen dadurch, daß sie von
Hause aus — obwohl an Größe und Gestalt sich gleich —
Träger bestimmter Eigenschaften sind; so unterscheiden sich z. B.
die Atome der Erde von denen des Wassers, und diese beiden von denen
der Luft und des Feuers. Jedes dieser Elemente ist als Anhäufung
vergänglich, aber als Atom ewig. Das Manas — d. i. der zwischen
den Dingen und der Seele vermittelnde Intellekt — ist ebenfalls
atomklein, und, wie die Atome, ewig. (P. Deussen, Gesch. der
Philosophie, I, 2, S. 349 fg.) — Demokrit lehrt im Gegensatz zu den
Indern, die Atome seien alle, ihrem Wesen nach, gleicher Art, sie
wiesen aber an Gestalt und Größe unendliche Mannigfaltigkeit
auf; die verschiedenen Eigenschaften der Körper seien bedingt, die
primären (Schwere, Härte) durch die
verhältnismäßige Menge an leeren Räumen zwischen
den Atomen, und die sekundären (Wärme, Kälte, Geschmack,
Farbe) durch die Gestalt der Atome, sowie durch ihre Größe
und durch die Ordnung, in der sie sich befinden. Die Unteilbarkeit der
Atome hängt davon ab, daß sie keinen leeren Raum enthalten;
denn nur die Anwesenheit
54
Die
Wissenschaft der Kräfte
leerer Räume mache
die Dinge zerlegbar; somit ist an und für sich keine Grenze der
möglichen Größe eines Atoms gezogen; doch kommen,
soweit wir wissen, nur kleine Atome vor. Diese also beschaffenen Atome
fallen „nach unten“ durch den unbegrenzten leeren Raum, und geraten
infolge von Stoß und Gegenstoß in eine Wirbelbewegung,
wodurch dann durch Agglomeration (Bildung von Haufen) die Gestirne nach
und nach entstehen. Schon Aristoteles macht auf die Naivetät der
Vorstellung, daß es in einem leeren Raum ein Unten und ein Oben
gebe, aufmerksam, und bemerkt richtig, die Atome würden alle in
einem leeren Raum still liegen bleiben; doch kamen alle solche
Einwürfe nicht zur Geltung gegenüber der starken Werbekraft
einer so anschaulichen Vorstellung, und es dauerte nicht lange, da
verfaßte kurz vor Christi Geburt der römische Dichter
Lucretius sein weltberühmtes Gedicht „De natura rerum“ — und die
Atomlehre ward die populärste Weltanschauung im römischen
Reiche.
§
30. Robert Boyle.
Ein
englischer Forscher, Robert Boyle, war es, der im 17. Jahrhundert den
Anstoß gab zu der Wieder