Here under follows the transcription of the notes of the book Worte Christi (Words of Christ) by Houston Stewart Chamberlain, 7th. ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1919.

Hieronder volgt de transcriptie van de noten bij het boek Worte Christi van Houston Stewart Chamberlain, 7e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1919.

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Worte Christi

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ALLGEMEINES

    Dem Laien liegt die Bibelkritik im Allgemeinen sehr fern, doch sobald er ein Vorhaben wie das unsere fasst, lernt er ihre Verdienste begreifen. Gezwungen, hypothetisch vorzugehen, hat die Kritik, auch in Bezug auf die Entstehungsgeschichte unserer Evangelien, viele Schwankungen durchmachen müssen; doch die Naturwissenschaften zeigen uns, dass selbst falsche Hypothesen zur Entdeckung neuer Thatsachen und somit zur Erkenntnis der Wahrheit hinleiten; und sobald die Bibelkritik die Hindernisse überwunden hatte, die ihr sowohl die lutherische, wie die römische Kirche in den Weg stellten, sobald sie die unbedingte Freiheit der Forschung in den


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Dienst der völlig objektiven, wissenschaftlichen Wahrheit stellen konnte, musste sie Gutes schaffen, und hat es auch gethan. Um sie zu fördern, ist eine ungeheure Summe nicht bloss an scharfsinniger Gelehrsamkeit und eisernem Fleiss, sondern auch an moralischem Mut und Entsagungsopfern dargebracht worden; das wird nicht umsonst gewesen sein. Es wird vielleicht einen grösseren Einfluss auf die Geschichte der europäischen Religion ausüben, als heute die meisten ahnen.
    Erhebend ist es nun, zu gewahren, dass die vielfachen Kreuz- und Quergänge der Forschung nicht ein zielloses Irren waren, sondern dass sie uns — gestärkt und bereichert, wissenschaftlich fest gegründet, — dorthin zurückgeführt haben, von wo aus der sichere Instinkt des Genies den Ausgang nahm. Denn mit jedem Jahre sind drei Ergebnisse an Sicherheit gewachsen: 1) dass das Evangelium des Johannes (gleichviel ob von ihm selbst oder von einem Schüler aufgeschrieben) echt ist (siehe Apologie, S. 27 fg.); 2) dass von den anderen drei Evangelien (den sog. synoptischen) dasjenige des Markus das älteste,

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unmittelbarste, zuverlässigste ist; ¹) 3) dass Lukas und der Verfasser des Matthäusevangeliums, beide, das Evangelium des Markus gekannt und benutzt haben, sowie jene ursprünglichen Herrenworte (siehe S. 7 fg. und S. 52), die der Apostel Matthäus laut ältestem kirchlichen Zeugnis aramäisch aufgesetzt hatte. Und gerade diese drei Punkte bilden den Kern von Herder's Überzeugung, wie er sie in seiner Regel der Zusammenstimmung unserer Evangelien, aus ihrer Entstehung und Ordnung im Jahre 1797 aussprach. ²) Hiermit stellte sich Herder in Widerspruch sowohl zu der antihistorischen Orthodoxie, wie zu der seit Jahrhunderten verbreiteten Meinung, Markus sei lediglich ein Epitomator des Matthäus (schon Augustinus hielt ihn für einen breviator Matthaei), wie auch zu der damals gerade entstandenen und lange vorherrschenden Grisbachschen Theorie, Markus habe nicht aus Mat-
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    ¹) Eine kurze Zusammenfassung, sowie den wichtigeren Litteraturnachweis findet man z. B. bei Gustav Krüger: Geschichte der altchristlichen Litteratur in den ersten drei Jahrhunderten, 1895, Kap. 3.
   ²) Als Anhang zu den beiden in der Apologie genannten Evangelienschriften, in denen man ebenfalls hierauf zielende Bemerkungen antrifft. (Ausgabe von Bernhard Suphan, Band 19, S. 380 fg.)

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thäus allein, sondern aus Matthäus und Lukas einen Auszug gemacht. Herder's aus genauester Kenntnis und innigstem Verständnis fliessende Überzeugung war auch ganz anders beschaffen, als Lessing's geistvolle und vielfach aufklärende, doch den historischen Kern nicht treffende Gedanken. ¹) Kurz, er stand allein und hat deutlich erblickt, was ein Jahrhundert emsiger Forschung inzwischen als wahr nachgewiesen hat. Das kann uns viel Vertrauen geben.
    Von dem Evangelium nach Markus sagt Herder: „Kein Evangelium hat so wenig Schriftstellerisches und so viel lebendigen Laut eines Erzählenden wie dieses.“ Seine völlige Unabhängigkeit von Matthäus und Lukas weist er nach, und sagt, dieses Buch sei „ein Archetyp der Erzählung“; ja, er nennt es „das einzige Richtmass von dem, was in anderen Kompositionen hinzugefügt worden ist“.
    Um die Stimme des perfectus homo deutlich zu vernehmen, war es daher geboten,
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    ¹) Vergl. die Neue Hypothese über die Evangelisten, 1778.

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in erster Reihe Markus zu berücksichtigen und gewissermassen zu Grunde zu legen.
    Doch ist es für Markus charakteristisch, dass er verhältnismässig mehr erzählt, als Reden anführt, und dass er überhaupt allen vorgängen der Umgebung besondere Beachtung schenkt, wofür er die Christus betreffenden Teile entsprechend kürzen muss. Dieses schränkt seine Bedeutung für unseren besonderen Zweck ein. Und so sind wir denn glücklich, Herder's Ansicht von der neuesten, radikalsten Kritik bestätigt zu finden, dass nämlich der Matthäusredaktor und Lukas, beide, ausser dem Markus, auch die ursprünglichen, aramäisch geschriebenen Logia, oder zumindest eine griechische Übersetzung dieser verlorenen Urschrift gekannt und benützt haben. Während also Markus für die Erzählung der beiden anderen ein „Richtmass“ ist, besitzen diese Evangelisten eine besondere Quelle für viele Worte, um deren Kenntnis sie uns bereichern, und zwar, wie aus der genauen Übereinstimmung hervorgeht, beide die selbe Quelle.
    Das Evangelium des Markus einerseits, in welchem uns ein Auszug aus den Er-

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innerungen des Petrus aufbewahrt wird (siehe S. 11 und S. 28), und die „Herrenworte“ des Urmatthäus andererseits, stellen, wie man sieht, die wichtigsten Quellen dar; kaum drei oder vier Worte werden uns von der Apostelgeschichte und sämtlichen Lehrbriefen zusammen übermittelt. Und ist es auch ein für alle Mal unmöglich, dort wo Petrus und Matthäus ein Wort verschieden berichten, oder wo der spätere, griechisch schreibende Redaktor des Matthäus-Evangeliums und Lukas ihre gemeinsame Logia-Quelle verschieden bearbeiten, mathematisch sicher festzustellen, welche Fassung der Wahrheit am nächsten kommt, so entspringt, wie Herder sehr richtig bemerkt, „gerade aus dem Dunkel des Widerspruchs Zurechtweisung und Belehrung“. Man lernt (siehe Apologie S. 23) den persönlichen Ton der einzelnen Evangelisten erkennen und somit von dem andersgearteten, unvergleichlichen Ton der Stimme Christi unterscheiden. Dadurch — ich berufe mich wieder auf Herder — „gewinnt der Grund ihres Inhaltes aus den Widersprüchen selbst Wahrheit“.
    Es ist, wie man sieht, keine vergebliche

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Hoffnung, auch auf rein kritischem Wege der Wahrheit nahezukommen. Und das musste hier erwähnt werden, weil wir, als Laien, zwar nicht diesen Weg selbständig einschlagen durften, doch mit Verehrung und Dankbarkeit aus manchen Ergebnissen der Kritik Belehrung gezogen haben. Einige Bücher von Bernhard Weiss — namentlich seine Bearbeitung der Evangelien in der 8. Auflage von Meyer's Kritisch-exegetischem Kommentar über das Neue Testament, 1890, ¹) sowie sein Lehrbuch der Einleitung in das Neue Testament, 3. Aufl., 1897 — waren uns stets zur Hand; auch Ludwig Hahn's Lukas-Kommentar, 1892—94, wurde zu Rate gezogen, sowie der erste Band von H. H. Wendt's Lehre Jesu, 1886, welcher die eingehendste Nachforschung nach dem ursprünglichen Bestand der Matthäus-Logia enthält. Aus diesen Werken und noch anderen, die wir gelegentlich benützten, ²)
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    ¹) Der Evangelien-Kommentar bildet die Bände I. 1, I. 2 und II des von mehreren Theologen neu bearbeiteten Gesamtwerkes. In dem Exemplar, das wir benützten, gehörten die zwei letzten Bände zu der 6. Auflage, 1878 und 1880.
    ²) Von diesen sei besonders erwähnt Adalbert Merx: Die vier kanonischen Evangelien nach ihrem ältesten

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suchten wir Sicherheit zu gewinnen über den Wortlaut der Texte und über ihre Bedeutung, auch über die ursprünglichere Form verschiedener Fassungen der selben Worte und dergleichen. Da diese Benützung meistens dem Text selbst zu Gute kam und nur selten in den wenigen Anmerkungen ausdrücklich genannt werden konnte, so sei unsere Verpflichtung hier ein für alle Mal anerkannt.
    Inzwischen war unser Zweck kein wissenschaftlich-kritischer, sondern, wie in der Apologie auseinandergesetzt, ein rein menschlicher. Die Stimme des perfectus homo wollten wir vernehmen lassen, losgelöst von allen Beigaben und Zugaben, losgelöst auch von denjenigen Bestandteilen seiner Reden, die dem perfectus deus angehören. Nicht weiter erstreckte sich unser Bemühen.
    Und so war denn eine der wichtigsten Fragen: welche Übersetzung zu Grunde zu legen sei? Die Antwort konnte nicht zweifelhaft sein. Welcher unerhört gewaltige Meister deutscher Rede in Martin Luther's
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bekannten Texte, Übersetzung der syrischen, im Sinai-Kloster gefundenen Palimpsest-Handschrift, 1897.

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ganze Heilige Schrift deutsch gestaltet, dessen wird man in vollem Umfang erst dann gewahr, wenn man — wie wir es bei unserer kleinen Arbeit thaten — Satz für Satz diese Verdeutschung mit anderen vergleicht und auch englische und französische Übersetzungen zu Rate zieht. Dieses Werk steht einzig da in der Weltgeschichte. Wehe dem Volke, das einen solchen Besitz — gleichviel aus welchen Beweggründen — geringschätzen könnte! Wollte Gott, dieser Mann hätte die Reden Christi vernommen und aufgezeichnet! Er allein wäre dazu befähigt gewesen.
    Dass Luther bei der Verdolmetschung hin und wieder gefehlt und dass eine ihm aus seiner Mönchszeit verbliebene Schwäche für die lateinische Vulgata ihn an einigen Stellen irregeführt hat, kann nicht geleugnet werden. Doch handelt es sich um geringfügige Dinge, die leicht zu verbessern sind. Im Ganzen ist die buchstäbliche Genauigkeit, die der Reichtum seines Sprachschatzes ihm für die Wiedergabe fremder Idiome ermöglichte, eine unvergleichliche, und wir sehen die Allerneuesten — z. B. Hahn, der Wort für Wort dem Buchstaben-

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sinn nach übersetzt — an vielen Stellen, die man inzwischen verbessern zu müssen gemeint hatte, zu Luther zurückkehren. ¹)
    Luther's Text wurde also zu Grunde gelegt. Und da die heutigen Ausgaben in Kleinigkeiten voneinander abweichen, nahmen wir die kritische Bearbeitung der letzten Originalausgabe, 1545, von Bindseil und Niemeyer (1850—55), in welcher der ursprüngliche Text diplomatisch genau mitgeteilt ist, zur Norm. ²)
    Doch versäumten wir nicht, die beiden bekanntesten Verdeutschungen des Neuen Testaments von orthodox katholischen Autoren — Kistemaker und Allioli — Satz für Satz zu Rate zu ziehen. Kistemaker's Übersetzung ist „bischöflich approbiert“; das modernere Werk von Allioli, „aus der Vulgata mit Bezug auf den Grundtext über-
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    ¹) Man vergleiche z. B. das Gleichnis des neuen Lappen aufs alte Kleid (Lukas 5, 36) bei Hahn und bei Weizsäcker.
    ²) Luther hat während dreissig Jahre an seiner Bibelübersetzung gearbeitet; er ist in dem Werke ihrer Vervollkommnung nie ermüdet, er hat sich nie genug than. In der genannten kritischen Ausgabe von Bindseil kann man dieser Arbeit durch die Jahre folgen, bis zu der letzten „auffs new zugerichteten“ Ausgabe, die in Luther's letztem Lebensjahre veröffentlicht wurde.

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setzt“ (wahrlich eine kühne That!) ist „vom apostolischen Stuhle approbiert“ und von vierundzwanzig namentlich aufgeführten Bischöfen empfohlen. Bei unserem Vergleichungswerk stellte sich aber das unerwartete Ergebnis heraus, dass beide Übersetzer Luther abgeschrieben haben, und dass ihre Werke lediglich Paraphrasen sind mit einer Anzahl mehr oder weniger geschickter Verschlimmbesserungen. Kistemaker ist der Selbständigere; Allioli's Änderungen an Luther's Texte sind fast lediglich Modernisierungen vom traurigsten sprachlichen Geschmack. Diese Entdeckung musste uns in dem Vorsatz bestärken, den echten Lutherischen Text beizubehalten, da er ja — im Grunde genommen, wie man sieht — allen deutschen Christen Gemeingut ist. Doch verglichen wir, wie gesagt, Kistemaker und Allioli, um sicher zu sein, dass unser Text nirgends zu ihnen in Widerspruch trete. Dabei kamen uns die sehr zahlreichen Anmerkungen Allioli's an mehreren Orten zu Gute und wurden dankbar benützt.
    Von grösserer Bedeutung für die Feststellung des Textes war der Vergleich mit Professor Carl Weizsäcker's Übersetzung des

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Neuen Testamentes (in der 8. Auflage, 1898). Dieses Werk besitzt autoritative Geltung, denn es bezeichnet den wissenschaftlichen Höhepunkt der augenblicklich erreichbaren Genauigkeit in der litterarisch tadellosen Verdeutschung der griechischen Urtexte. Es bildet eine Ergänzung zu, nicht einen Ersatz für Luther's Übersetzung, und dürfte in keinem Hause fehlen, wo diese geehrt wird. Ihm haben wir zahlreiche Verbesserungen und Verdeutlichungen und Richtigstellungen entnommen.
    Zugleich fanden wir es nützlich, die englische revised authorised version und die ganz vortreffliche wörtliche Übersetzung des professeur Louis Segond ins Französische zu Rate zu ziehen. Auch ihnen verdanken wir mehrfache Belehrung.
    Was die ausserevangelischen Worte Christi anbetrifft, so brauchen wir nur auf die allbekannten, in der Apologie mehrfach genannten Schriften der Kirchenväter zu erweisen, sowie auf die zwar „ausserkanonischen“, doch nicht apokryphen Evangelien, welche diese gern heranziehen. Während der Arbeit kam uns noch eine sehr wertvolle Zusammenstellung zur Hand:

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Erwin Preuschen's Antilegomena. Die Reste der ausserkanonischen Evangelien und urchristlichen Überlieferungen, herausgegeben und übersetzt, 1901.
    Eine so ausführliche Aufzählung mag in einem ungelehrten Werke überflüssig dünken. Doch geschieht sie gerade deswegen, weil wir in einem Laienbuche uns über die Gestalt des Textes in jedem einzelnen Wort nicht ausweisen können. Unsere ist ja keine gelehrt-kritische Arbeit; wir sind weder Theologen, noch Philologen. Darum veröffentlichen wir nicht das Grundmanuskript zu dem Text unserer Worte, mit allen Varianten, Kommentaren u. s. w., sondern nur das reine Ergebnis; ein anderes Verfahren würde unserem Zweck direkt widersprechen. Dagegen müssen wir uns in voraus gegen jeden Vorwurf der Willkür verteidigen, und das thun wir, indem wir auf unsere Führer hinweisen, ohne die wir keinen einzigen Schrift gewagt haben.
    Von einer Angabe der Evangelienstellen haben wir grundsätzlich Abstand genommen. War doch unser Zweck gerade die

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Loslösung der Worte aus dem gewohnten Zusammenhang, um jedes einzelne für sich rein wirken zu lassen! Wie wenig man sich auf den angeblichen Zusammenhang verlassen kann, ist in der Apologie ausführlich gezeigt worden; wer also „nachschlägt, um den Zusammenhang zu finden“ (ein Wunsch, den Freunde schon geäussert haben), verkennt unsere Absicht und ahnt noch nicht die Bedeutung und die Wirkung der reinen Stimme Christi. — Übrigens genügt jede Konkordanz, um mit geringer Mühe alle Stellen aufzufinden, und für diejenigen Worte, die nicht aus den Evangelien entnommen sind, haben wir in den Anmerkungen die genaue Herkunft angegeben.

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    War es auch unser Grundsatz, nur Worte aufzunehmen, die ihres rein menschlichen Inhaltes wegen ohne weiteres allgemein verständlich sind, so hat doch die Sorge um ein lückenloses, richtiges Verständnis einige Anmerkungen erfordert. Einige beziehen sich auf blosse Worterklärungen; andere bringen Erläuterungen aus

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der Textkritik; wieder andere versuchen den Sinn, der in den Worten liegt, deutlicher hervortreten zu lassen, wobei hier und dort die Rechte des perfectus homo gegen die Übergriffe der alles wegallegorisierenden Theologen in Schutz zu nehmen waren.

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ANMERKUNGEN ZU DEN WORTEN


ZUM WORT 3
    Markus 9, 23 nach der Lesart des syrischen Palimpsestes.

ZUM WORT 4
    Der syrische Text hat: „nichts wird euch schwer sein.“

ZUM WORT 15
    Bemerkenswert ist ein von Clemens Alexandrinus und Origenes bezeugtes Wort Christi
Bittet um das Grosse, so wird euch das Kleine gewährt, und bittet um

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himmlische Güter, so werden euch die irdischen gewährt.
    (Vergl. Preuschen: Antilegomena, S. 44 und 139.)

ZUM WORT 16
    Das Vaterunser steht hier in seiner unverfälschten Gestalt, wie es alle alten Manuskripte des Lukas-Evangeliums bezeugen.

ZUM WORT 18
    Einige wenige Worte haben wir aus Johannes aufgenommen, um einen Ton hören zu lassen, der von den anderen Evangelisten niemals angeschlagen wird. Das Ohr merkt sofort, dass hier nicht Christus spricht, sondern Johannes; doch muss es ein Echo sein von Aussprüchen Christi, und da gerade diese Aussprüche an den Anderen spurlos vorübergingen, sind wir gezwungen, sie in Johanneischer Form zu bringen.
    In der Vulgata und bei Luther lesen wir noch: „Gott ist Geist und die ihn an anbeten, die müssen ihn im Geist und in der

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Wahrheit anbeten.“ Im ältesten Text fehlt dieser Satz, der somit offenbar nur die überflüssige Verdoppelung eines frommen Abschreibers ist.

ZUM WORT 21
    Antwort auf die Frage der Jünger: „Wann kommt das Reich Gottes?“
    Dieses Wort steht in unmittelbarem, unlösbarem Widerspruch zu den bekannten Stellen über „ein Kommen in den Wolken des Himmels, mit hellen Posaunen u. s. w.“ Hier, meinen wir, wäre der Kern der Religion Christi — sofern er perfectus homo war — aufzusuchen.
    Dass Christus den damals allgemein verbreiteten Aberglauben an ein nahes Weltende verspottet habe, berichten allerhand Traditionen. So z. B. soll er, nach dem Ägypter-Evangelium, auf eine ähnliche Frage wie die obige geantwortet haben: „Solange die Weiber gebären, solange werden die Menschen sterben“ (siehe Preuschen: Antilegomena). Und nach Clemens Romanus (2. Brief an die Korinther, Kap. 12) soll Christus die Frage nach dem Zeitpunkt des

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Weltendes ungeduldig abgewehrt haben mit dem Bescheid: „Wenn die Zwei Eins wird.“ ¹)

ZUM WORT 22
    Dieses von Matthäus in etwas unklarem Zusammenhang überlieferte Wort, wird von Justinus Martyr, in seinem Dialog mit Tryphon, bezeugt und als ein selbständiges erhärtet. Man vergleiche auch Lukas 16, 16. — An sämtlichen Stellen, wo Matthäus „das Reich der Himmel“ schreibt (von Luther meist „das Himmelreich“ übersetzt), schreiben Lukas und Markus „das Reich Gottes“; auch Johannes hat „das Reich Gottes“. Das stark nach Heidentum schmeckende Uranos des Matthäus-Redactors entspricht sicher nicht irgend einer Redewendung Christi. Wir haben überall „Reich Gottes“ geschrieben. (Vergl. Wendt: Lehre Jesu, I, 48 und 58. Und daselbst S. 62 fg. über die nur dem Matthäus eigenen Ausdrücke:
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    ¹) Der Vollständigkeit halber bleibe es nicht unerwähnt, das einige Exegeten, in ihrer theologischen Not, die unmissverständlichen Worte εντοσ υμων mit „mitten unter euch“ verdolmetschen.

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„Vater im Himmel“ oder „in den Himmeln“ und „himmlischer Vater“.) ¹)

ZUM WORT 25
    Die „Auslegung“ des Gleichnisses habe ich in der neuen Ausgabe gestrichen, da Jülicher, Harnack u. A. sie bestimmt als einen Zusatz von fremder Hand bezeichnen.

ZUM WORT 26
    Der griechische Text spricht nicht (wie Luther und die Vulgata) von „Unkraut“ im Allgemeinen, sondern von der Zizanie, dem Lolium temulentum der Botaniker, auf deutsch Tollgerste oder Taumellolch. Ohne Zweifel hat Christus die in Kleinasien wohlbekannte Pflanze auch thatsächlich genannt, denn dadurch erst wird das Gleichnis klar und anschaulich. Die Tollgerste gleicht nämlich im Habitus dem Getreide, bis end-
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    ¹) Gegen Wendt's Ausführungen wird eingewandt, dass der Gebrauch des Wortes „Himmel“ für Gott im Zeitalter Christi vielerorten üblich war; an obigen Ausführungen wird hierdurch nichts geändert, da dann „Reich der Himmel“ nur eine ehrfurchtsscheue Umschreibung für „Reich Gottes“ bedeutete.

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lich die Blütenrispe zum Vorschein kommt und den Unterschied aufdeckt. Daher „findet sich das Unkraut“ erst als „die grüne Saat sprosste und Frucht trieb“. Nun enthält aber der Samen dieser Lolchart Giftstoffe, die für Mensch und Tier gefährlich sind, da sie Schwindel, Erbrechen, ja sogar Krampfanfälle und schliesslich den Tod verursachen können. Daher die teuflische List des Feindes, daher die Besorgnis der Knechte, daher der Befehl, den Lolch sorgsam „in Bündlein zu binden“ und zu verbrennen.

ZUM WORT 27
    Die Lutherische Bibelübersetzung bringt nach „Stunde“ noch die Worte „in welcher des Menschen Sohn kommen wird“. Weder die Mehrzahl der griechischen Manuskripte, noch die lateinische Vulgata enthalten sie.

ZUM WORT 28
    Zehntausend Talente sind neununddreissig Millionen Mark heutiger Währung

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und bezeichnen also eine ungeheure, unmöglich aufzubringende Summe. Hundert Denare machen siebzig Mark aus.
    „Der“ Vater statt „mein“ Vater nach Wellhausen's entscheidender Belehrung (siehe die Anmerkung zum Wort 59 und auch die Anmerkung zum Wort 22).

ZUM WORT 31
    Nach Christi eigener Deutung des Gleichnisses, ist der Acker, in welchem das Reich Gottes verborgen liegt, „diese Welt“.

ZUM WORT 34
    Ein Denar macht nach heutiger Münze siebzig Pfennige aus; es war der zu Chisti Zeiten übliche Tagelohn für Feldarbeiter. Trotz der enorm gesteigerten Preise der Lebensmittel und trotz einer Ausgestaltung der Civilisation, welche höhere Ansprüche berechtigt, ist der Lohn für Feldarbeiter in vielen Teilen Europas heute nicht höher, ja, manchmal nicht so hoch!
    Die dritte Stunde ist morgens 9 Uhr.
    Die sechste Stunde ist Mittag.

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    Die neunte Stunde ist nachmittags 3 Uhr.
    Die elfte Stunde ist nachmittags 5 Uhr.
    Die zwölfte Stunde ist abends 6 Uhr.
    Die ersten Arbeiter hatten (die Rast gerechnet) elf bis zwölf Stunden gearbeitet, die letzten nicht ganz zwei.
    In der Vulgata und auch bei Luther (der ihr mit auffallender Treue folgt) finden sich am Schlusse noch zwei Sätze. Der eine: „Denn Viele sind berufen, aber Wenige sind auserwählt“ ist, nach dem Zeugnis der besten Manuskripte, eine späte Interpolation; er hat auch nicht den entferntesten Zusammenhang mit dem Gleichnis, in welchem vielmehr sämtliche Arbeiter berufen und auch sämtliche entlohnt worden waren. Der vorangehende andere Satz: „Also werden die Letzten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein“, steht in einem ebenso offenbaren und schreienden Widerspruch mit der Lehre dieses Gleichnisses, welches gegen den Neid gerichtet ist und gegen jeglichen eitlen Versuch, die Menschen nach der Menge ihrer Leistungen einzuschätzen, wo es doch vielmehr bei dem Reich Gottes auf eine innere Gesinnung ankommt und nicht auf das sichtbare Werk. In dieser

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Bildnisrede werden die Arbeiter einander alle gleichgestellt, Keiner ist ein Erster, Keiner ein Letzter. Der fromme Kompilator hat also mit seinem Zusatz die ganze soeben vorgetragene Lehre aufgehoben! Da nun der selbe Satz, Wort für Wort, und im richtigen Zusammenhang, von dem selben Matthäus an anderem Orte (19, 30) gebracht, und auch von Markus (10, 31) und von Lukas (13, 30) in dem selben richtigen Zusammenhang bezeugt wird, so ist er ohne Zweifel hier nur durch eine schriftstellerische Absichtlichkeit wiederholt worden. Dass Christus ihn in diesem Zusammenhang nicht gesprochen haben kann, ist sicher. Die köstlichen, natursüssen, jedem Kinde zugänglichen Lehren der Gleichnisreden Christi dürfen wir uns nicht durch falsche, künstliche Deutungen rauben lassen, und wären sie so uralte wie diese.

ZUM WORT 35
    Zu dem soeben Gesagten bietet dieses Gleichnis den schlagendsten Beleg. Die hier mitgeteilte Fassung ist nach Lukas 14, 16-21; genau dasselbe Gleichnis findet sich

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aber Matthäus 22, 1-14, dort aber in einer Weise umgearbeitet und ausgeschmückt und bis zur Unverständlichkeit verdorben, dass der unbefangene Leser leicht aus diesem einen Beispiel lernen kann, wie unbekümmert frei die Verfasser der Evangelien mit dem ihnen vorliegenden Stoff umgegangen sind, gleichviel ob die mündliche Tradition über das, was Christus in Wirklichkeit gesprochen hatte, oder die schriftlichen Logia des Apostels Matthäus ihrer Bearbeitung zu Grunde liegen mag.

ZUM WORT 37
    Thut sich Johannes sonst keinen Zwang an im Erdichten von Reden, so sprechen gewichtige Gründe für die Geschichtlichkeit der Unterhaltung mit Nikodemus, worüber das Nähere in den Kommentaren zu finden ist. Auch Justin Martyr bezeugt das Wort, wenn auch in weit gedrungenerer Gestalt. Auf den genauen Wortlaut ist aber natürlich wenig Verlass. Ausserdem ist der Ausdruck „aus Wasser“ nachweislich eine spätere Interpolation, wie schon die blosse

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Betrachtung des Zusammenhanges lehrt; wir liessen ihn darum fort.

ZUM WORT 38
    Der Sinn dieses Gleichnisses ist jedem Unbefangenen auf den ersten Blick klar. Wohl mag die Anwendung auf die Kinder — „Eines dieser Kleinen“ — bei Matthäus nur durch den Zusammenhang veranlasst sein, in den er dieses Gleichnis hineingearbeitet hat; die anderen Evangelisten wissen von diesem Zusammenhang nichts; doch wird der Kern der Lehre dadurch nicht getroffen, welche in klaren Worten ausspricht: Gott will nicht, dass auch nur Ein Mensch verloren gehe. Daraus hat nun Lukas gemacht (15, 7) „einen Sünder, der Busse thut“! Durch welches Schlupfloch sich in diese krystallreine Verherrlichung göttlicher Liebe die Vorstellung der „Busse“ eingeschlichen hat, würde unbegreiflich bleiben, wenn wir nicht aus dem Kontext entnähmen (siehe 15, 1 und 2), dass der Schreiber die Allegorie in einen Zusammenhang gebracht hat, wo er — nicht Christus — diese Anwendung auf Sünder und auf Busse

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nicht entbehren konnte. Wir sehen also hier ein und dasselbe Gleichnis von dem einen Evangelisten auf die noch völlig unschuldsvollen Kinder, von dem andern auf offenkundig verworfene Sünder — auf berufsmässige Zöllner und Dirnen — anwenden, und lernen daraus, dass es immer weise ist, die Gleichnisse Christi aus dem, was vorangeht, und dem, was als „Moral“ daran geknüpft ist, sorglich auszuschälen. Nur auf diesem Wege kann es gelingen, den Ton seiner Stimme ganz rein zu vernehmen.

ZUM WORT 43
    Der Schluss ist ein wörtliches Citat nach Micha 7, 6.

ZUM WORT 45
    Dieses Wort beantwortet die Frage, ob Christus der erhoffte Messias sei. Nach Meyer-Weiss (Kommentar I¹ p. 211) bedeutet es: selig ist, der aus der Art meines Wirkens, so verschieden von dem, was die Menschen sich von einem Messias gedacht

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hatten, keinen Anlass nimmt, meine Lehre zu verwerfen.

ZUM WORT 46
    Das „lebendig zu machen“ statt „selig zu machen“ nach dem ältesten bekannten Text, dem syrischen.

ZUM WORT 47
    Luther hat Matthäus 9, 13 und Markus 2, 17 „zu rufen die Sünder zur Busse“ geschrieben; das „zur Busse“ ist eine eigenmächtige Ergänzung nach einem Zusatz, den die Parallelstelle Lukas 5, 32 aufweist. Auch Clemens Romanus führt dieses Wort ohne den Zusatz „zur Busse“ an. (2. Brief an die Korinther, c. 2.)

ZUM WORT 49
    Der uns so wohlbekannte Ausdruck „der Menschensohn“ ist lediglich durch ein Missverständnis in die Bibel hineingekommen. Wellhausen schreibt darüber (Israelitische und jüdische Geschichte, 2. Ausgabe,

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S. 381): „Die messianische Deutung des Ausdruckes Menschensohn stammt erst von den griechischen Übersetzern des Evangeliums. Da Jesus aramäisch gesprochen hat, so hat er nicht „der Sohn des Menschen“ gesagt, sondern Barnascha. Das bedeutet aber „der Mensch“ und nichts weiter, die Aramäer haben keinen andern Ausdruck für den Begriff.“ Wir müssten also, um uns genau vorzustellen, was in Wirklichkeit Christus gesagt hat, diesen missverständnisvollen Ausdruck bisweilen (wie in dem vorliegenden Falle) mit „ich“, bisweilen mit „der Mensch“ wiedergeben, was in der Folge stillschweigend geschehen ist. (Weitere Ausführungen und Belege bei Wellhausen am angeführten Orte.)
    Neue Ausgabe. — Inzwischen ist, wie ich erfahre, bei Mohr in Tübingen, eine ausführliche Untersuchung dieser Frage durch Paul Fiebig erschienen, und zwar mit dem sicheren Ergebnis, dass der Ausdruck Barnascha „der Mensch“ bedeutet und auch von Jesus nur in diesem Sinne gebraucht worden ist.

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ZUM WORT 50
    Das Wort Basileia bedeutet hier nicht „Reich“ oder „Königreich“, sondern das Amt des Königs, das Königtum, le royauté (Meyer-Weiss.) Ein charakteristisch Johanneischer Spruch (18, 36—37).

ZUM WORT 53
    An diesem Wort kann man lernen, wie leicht ein einfacher tiefer Gedanke durch Missverständnis in sein Gegenteil verkehrt und dadurch oberflächlich und falsch werden kann. Markus (9, 40) und Lukas (9, 50), sowie etliche Väter, legen nämlich Christus die umgekehrte Aussage in den Mund: „Wer nicht wider uns ist, der ist für uns.“

ZUM WORT 56
    An den Jünger gerichtet, der um Urlaub gebeten hatte, seinen Vater zu begraben.

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ZUM WORT 57
    Die Kreuzigung war die übliche Form der Todesstrafe, und es war Sitte, den Verurteilten sein Kreuz selber zur Richtstätte tragen zu lassen; daher das Bild.

ZUM WORT 59
    Die unterscheidung zwischen „der Vater“ und „mein Vater“ ist wiederum eine willkürliche Interpretation der griechischen Redaktoren, da Christus im Aramäischen nur Abba gesagt haben kann, was einfach Vater heisst, und ebensogut als „euer Vater“ oder „unser Vater“ verdolmetscht werden könnte. (Siehe Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte, 3. Ausg., S. 378). — Diese Anmerkung steht ein für allemal.

ZUM WORT 61
    Vergl. über dieses Wort die Apologie, S. 16 bis 20.

ZUM WORT 68
    Rabbi bedeutet auf aramäisch Meister, Doktor, Gottesgelehrter.

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    Die Vulgata und auch Luther's Übersetzung hat nach den Worten „denn einer ist euer Meister“, den Zusatz „Christus“, er findet sich aber nur in einem Teil der Handschriften und ist zweifellos interpoliert. — Das erste Mal heisst es Didaskalos und das bedeutet „Lehrer“, nicht Meister im deutschen Sinn dieses Wortes. Das zweite Mal heisst es Kathegetes, und dies bedeutet „Führer, Pfadfinder“, ebenfalls aber nicht Meister.

ZUM WORT 71
    Die Stelle über „die Häuser der Witwen“ erläutert Allioli folgendermassen: „die ihr für reiche Witwen lange Gebete verrichtet und ihr Vermögen dafür an euch zieht“; dieses Wort Christi ist also auf die heutigen Verhältnisse buchstäblich anwendbar. — Die nächste Rüge trifft die damals (ebenfalls wie heute) in hoher Blüte stehende Missionsthätigkeit. — Die Stelle über die Propheten bezieht sich auf die Thatsache, dass keiner der Propheten Israels dem Priesterstand entstammt oder ein eigentlicher Theologe gewesen war,

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sondern vielmehr alle Propheten, wie Christus selber, in offenem Gegensatz zu diesen Elementen gestanden hatten. — Eine Anzahl interessanter Varianten zu dieser Strafrede findet man bei Justin Martyr. „Blinde Führer!“ ist der immer wiederkehrende Refrain.

ZUM WORT 72
    Dieses Gleichnis ist eine beissende Satire auf die Theologen und ihre kasuistische Deutung der jüdischen Morallehre; es ist hier nach der zweifellos einzig richtigen Lesart der syrischen Palimpsesthandschrift gebracht. Schon Hieronymus hat seine schwere Not mit dieser Stelle gehabt; denn die frühen Heidenchristen hatten der Antwort „Der letzte!“ keinen Sinn abzugewinnen gewusst, und so hatten sich einige Abschreiber dadurch geholfen, dass sie die Antworten der Söhne umtauschten, andere dadurch, dass sie den dogmatischen Bescheid der Priester „Der letzte“, eigenmächtig umänderten in „Der erste“. Hieronymus berichtet, wie verlegen er gewesen sei, als er in den ihm vorliegenden Manuskripten

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diese unlösbaren Widersprüche fand. Er entschied sich für den zweiten Ausweg und schrieb „Der erste“; ihm folgte Luther. Weswegen aber hätte Christus, wenn die Priester die natürlich richtige, menschlich wahre Antwort gegeben hätten, sie angefahren: „die Zöllner und die Dirnen mögen wohl eher ins Himmelreich kommen, denn ihr!“ —? Der syrische Palimpsest hat nun gezeigt, dass jene beiden Versionen gutgemeinte Fälschungen des Urtextes sind. Die Spitze des Gleichnisses liegt gerade darin, dass die jüdischen Theologen dem gesunden Menschenverstand Hohn sprechen und — nach den Regeln ihrer Kasuistik — demjenigen Sohne Recht geben, der dem Vater mit den Lippen Ehrerbietung und Gehorsam erwies, im Herzen aber log. (Vergl. die eingehenden Ausführungen bei Merx, a. a. O., S. 237 fg.  Vergl. auch die jesuitische Lehre der reservatio mentalis.)

ZUM WORT 73
    Ein „Schriftgelehrter“ ist buchstäblich das, was wir heute einen Theologen nennen,

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ein Pharisäer buchstäblich das, was wir heute einen Pietisten nennen. Die für uns ganz richtige und verständliche Übersetzung würde also lauten: „Es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Theologen und Pietisten, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Das ist zugleich der unvergängliche und der buchstäbliche Sinn dieses ewig wahren Wortes.

ZUM WORT 75
    Auch dieses Gleichnis ist gegen den Priesterstand gerichtet, wie Matthäus, Markus und Lukas alle drei bezeugen; wie alle Gleichnisreden Christi ist auch diese von ewiger, rein menschlicher Bedeutung und ist heute so wahr wie gestern. Viele Theologen sind aber von altersher bestrebt gewesen, ihr diesen bitteren Geschmack zu nehmen, und sie zu diesem Behufe auf eine Allegorie herabzumindern, gerichtet gegen die Juden, und gültig nur für den Tag, an dem sie gesprochen wurde. Die zuerst gesandten Knechte sollen die Propheten, der Sohn Christus, die ungetreuen Winzer das auserwählte jüdische Volk, das Töten

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die Kreuzigung, das Umbringen der Weingärtner die Zerstörung Jerusalems, und die neueingesetzten Weingärtner die Heiden sein! Dabei leistet die Wendung „ich will meinen lieben Sohn senden“ gute Dienste, ebenso wie bei Markus: „er hatte einen einigen Sohn.“ Bei Lukas dagegen heisst es einfach: „Darnach sandte er seinen Sohn zu ihnen und sprach: Sie werden sich vor meinem Sohne scheuen.“ Wie thöricht eine solche Verdrehung schlichter, allen Menschen unmittelbar verständlicher Worte ist, geht aus der einfachen Überlegung hervor, dass dann Christus die Entthronung Gottes gelehrt hätte, denn der Sohn des „Menschen, der den Weinberg gepflanzt hat“, beerbt seinen Vater. Da wäre denn die allegorisierende Deutung auf Kronos und Zeus ebenso berechtigt!

ZUM WORT 78
    Dieses Gleichnis erfolgt als Antwort auf die Frage, die ein Theologe an Christus richtet: Wer ist für mich ein „Nächster“? Die sogenannten Gottesgelehrten sind zu allen Zeiten die grossen Meister der Ka-

297 ANMERKUNGEN

suistik gewesen, und ebenso wie die Verkünder christlicher Liebe innerhalb weniger Jahrhunderte mehr als zehn Millionen Menschen der Religion wegen hinschlachteten, ebenso hatten die jüdischen Theologen es verstanden, das klare Gebot der Nächstenliebe so umzudeuten, dass es nur Juden beträfe, wogegen der Nichtjude kein „Nächster“ sei und ihm gegenüber darum keine Pflicht bestünde. Hierauf antwortet nun Christus. — Doch damit der Leser an einem Beispiel lerne, wessen er sich auch heute von seiten der Schriftausleger zu gewärtigen hat, so mache ich ihn darauf aufmerksam, dass gerade dieses schöne Gleichnis reinster Menschlichkeit von den Theologen aller Zeiten als eine Allegorie hinweggedeutet worden ist; hier reicht Luther dem Ambrosius und Melanchthon dem Augustinus die Hand, und wie Origenes im dritten, so lehren der Protestant Thiersch und der Katholik Allioli im neunzehnten Jahrhundert: dieses Gleichnis, sagen sie, sei nicht nach seinem klaren Inhalt zu verstehen, vielmehr sei es eine Zusammenfassung des Heilsdogmas. Man höre. Der Mensch, der die Reise macht, ist Adam

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(als Vertreter des Menschengeschlechts); das Jerusalem, das er verlässt, ist das ihm verlorene Paradies; Jericho, wo er hinreist, ist die Welt; die Räuber, die ihn anfallen, sind der Satan und seine Teufel; der Priester, der vorbeigeht, ist das jüdische Gesetz; der Levit die Prophetenlehre; der Samariter bedeutet Christus; das Öl und der Wein, die in die Wunden gegossen werden, sind die Evangelien und die Episteln; das Tier (nach dem griechischen Text zu schliessen, ein Esel), welches den Verwundeten trägt, stellt den als Opfer dargebrachten Leib Christi dar; die Herberge ist die christliche (resp. die heilige römische) Kirche; der Wirt ist (nach Allioli) der „Seelsorger“, ohne dessen Vermittlung das Heil nicht zu erlangen ist, nach Andern ist er der Bischof oder der Papst; die zwei Denare deuten auf die Sakramente der Taufe und des Abendmahls hin; die in Aussicht gestellte Rückkehr des Samariters ist die Wiederkunft Christi am letzten Tage! — So werden uns die Worte Christi genommen und statt Brot Steine geboten. Und doch hatte Christus selber gewarnt: „Es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die

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Kinder, so werdet ihr nimmer in das Reich Gottes eingehen.“

ZUM WORT 81
    Dieser höchst bedeutende Zusatz zu Lukas 6, l—5 findet sich in einem der besten graeco-lateinischen Evangelienhandschriften, dem sogenannten Codex Bezae oder Codex Cantabrigiensis (von den Theologen unter der Chiffre D citiert), aus dem 6. Jahrhundert. An der Authenticität des Wortes zu zweifeln, ist kein Grund.

ZUM WORT 82
    Dieses Wort wird in dem sogenannten zweiten Clemensbrief an die Korinther (Kap. 14), der ältesten Homilie, welche die Kirche besitzt, citiert. Der zweifellos authentische Spruch dient als Korrektiv zu den asketischen Worten, die Johannes (ungefähr zu gleicher Zeit) Christus in den Mund legte und die zu den übrigen Aussagen Christi wenig stimmen; so z. B. 6, 63: Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze.

300 ANMERKUNGEN

ZUM WORT 84
    Dieser Allegorie liegt nach den Kommentatoren ein vierfaches Bild zu Grunde: 1. das Salz als Würze unserer Speisen; 2. das Salz als ein besonderes „Bundeszeichen“ in jedem jüdischen Speiseopfer (siehe Leviticus II, 13); 3. das Salz als ein seit ältesten Zeiten bekanntes Mittel gegen das Verfaulen von Fleisch und das Verderben des Trinkwassers; 4. das Salz als nützlicher Bestandteil des Düngers.

ZUM WORT 86
    Eine interessante Variante zum letzten Satz bietet Lukas (11, 36): „Wenn nun dein Leib ganz licht ist, dass er kein Stück von Finsternis hat, so wird er ganz licht sein, wie wenn ein Licht mit hellem Blitz dich erleuchtet.“

ZUM WORT 88
    In dem kürzlich von Grenfell und Hunt entdeckten Oxyrynchus-Papyrus mit „Sprüchen Jesu“, findet man eine eigenartige Variante dieses Spruches: „Kein Prophet

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ist in seinem Vaterlande willkommen; kein Arzt vollzieht Heilungen an seinen Bekannten“ (vergl. Preuschen: Antilegomena, 1901, S. 43 und 138).

ZUM WORT 90
    Dieses Wort kann als Kommentar zu des grossen Kant's Behauptung dienen: nur gute Menschen seien aufrichtig gläubig, und darum müsse das ganze Bestreben der Erziehung darauf gerichtet sein, „gute Menschen zu machen“, nicht äusserlich gläubige. (Siehe Kritik der reinen Vernunft, Abschnitt: Vom Meinen, Wissen und Glauben, 2. Aufl., S. 858, Anm., und vergl. damit die wundervolle Stelle über religiöse Aufrichtigkeit in: Die Religion innerhalb der Grenzen u. s. w., 4. Stück, 2. Teil, § 4, die Anmerkung zum letzten Satze.)

ZUM WORT 94
    Dieses Wort Christi wird im 2. und 3. Jahrhundert viel citiert, so z. B. von Clemens Alexandrinus (gest. 220) in seinen Stromata (I, 28, 177), sowie auch zu öfteren

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Malen in den sogenannten „clementinischen Homilien“ (vergl. Preuschen: Antilegomena, 1901, S. 44, 90, 139, 174—175).

ZUM WORT 98
    In den Evangelien (Matthäus 10, 10 und Lukas 10, 7) steht dieses Wort in sehr engem Zusammenhang mit einem Satz, der ohne allgemeines Interesse ist; doch kommt es häufig in den älteren Schriften — z. B. in den pseudoclementinischen Homilien — als vereinzeltes Wort vor, darf also jedenfalls herausgelöst und dadurch in seiner bleibenden Bedeutung hervorgehoben werden.

ZUM WORT 101
    In dem letzten Satze liest man gewöhnlich: „wir sind unnütze Knechte“. Das Wort „unnütz“, welches schon sprachlich den Philologen verdächtig war und ausserdem sinnlos ist einem Knecht gegenüber, der die ihm zugewiesene Arbeit verrichtet, erweist sich nach dem Zeugnis des ältesten Textes (nämlich der im Sinaikloster aufbe-

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wahrten Palimpsesthandschrift) als eine Interpolation.

ZUM WORT 104
    Eine von den wertvollsten Handschriften des Evangeliums, der vorhin genannte Codex Bezae, bringt zu diesem Gleichnis noch folgende einleitende Worte:
Ihr sollt suchen, aus kleinem Anfang zu wachsen, und euch kleiner zu geben als ihr gross seid.
    (Siehe Preuschen's Antilegomena, S. 46 und 139.)

ZUM WORT 105
    Hieronymus, der verdiente Kirchenvater, der Verfasser der in der römischen Kirche als autoritativ geltenden Vulgata, führt dieses Wort aus dem sogenannten „Hebräerevangelium“ an und hält es für authentisch. Sein Text lautet: „Et nunquam laeti sitis, nisi cum fratrem vestrum videritis in caritate.“ (Ich citiere nach Preuschen: Antilegomena, S. 8.)

304 ANMERKUNGEN

ZUM WORT 108
    Die Worte des letzten Satzes verdienen besondere Beachtung. Sie sind ganz allgemein menschlich gesprochen und fliessen von selbst aus der völlig konkreten und zugleich transscendenten Vorstellung des Zusammenhanges zwischen „Erde“ und „Himmel“, zwischen Gegenwart und Ewigkeit, über welche eine Reihe von Aussprüchen Christi (siehe z. B. Nr. 21, 41) Zeugnis ablegt. Nun hat aber entweder ein beschränkter Zuhörer oder ein späteres Geschlecht, welches das Verständnis für das lebendige Wort verloren hatte, diese selben Worte — ganz buchstäblich — genommen und sie Christo in der Weise in den Mund gelegt (siehe Matthäus 16, 19), als hätte er sie an Petrus allein gerichtet und somit diesem einen Manne — demselben Manne, den er gleich darauf (Matthäus 16, 23) anfährt: „Satan, heb' dich von mir! denn du meinest nicht was göttlich, sondern was menschlich ist“ — die unerklärliche Gewalt verliehen, für ewig zu binden und zu lösen. Wer hierüber nachsinnt, wird einen tiefen Blick in die Religion Jesu Christi und zu-

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gleich in die Geschichte unseres kirchlichen Christentums thun.
    [Neue Ausgabe. — Über dieses Wort 108 schreibt mir ein berühmter Theologe: „Dieser Spruch ist in seiner Echtheit höchst verdächtig, weil er von der Gemeinde spricht. Von ihr hat Jesus aber unseres Wissens niemals gesprochen; denn die andere Stelle, wo sie noch vorkommt (Matthäus 16, 18), ist erst recht verdächtig. Markus, Lukas und Johannes wissen nichts von Gemeinde im Munde Jesu.“]

ZUM WORT 109
    Diese Worte sind an einen Mann gerichtet, der Christus angerufen hatte, in einem Erbschaftsstreit zwischen ihm und seinem Bruder Schiedsrichter zu sein.

ZUM WORT 112
    Dieses Wort, sowie die beiden folgenden, betrifft die Juden. Für uns hier hat es nicht die Bedeutung einer Prophezeiung, da das den Grundsätzen unserer Sammlung widersprechen würde, sondern ist interessant als die einzige bekannte Beurteilung

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eines bestimmten Volkes aus dem Munde Christi.

ZUM WORT 114
    „Die Kinder des Reichs“: die Juden (Wellhausen, a. a. O., S. 378).

ZUM WORT 116
    Es wurde die schlichtere Fassung des Matthäus gewählt, jedoch mit Auslassung zweier sinnverderbender Zusätze, die bei Lukas nicht vorkommen. Der Evangelist möchte nämlich — um den äusserlichen Zusammenhang seiner Erzählung zu wahren — in das Gleichnis eine Beziehung auf das künftige Leben hineinbringen, die schlechterdings in diesem herrlich konkreten, die heiligen Pflichten des reellen Lebens behandelnden Bilde nicht zu entdecken ist; und so setzt er beide Male zu den Worten „ich will dich über viel setzen“ hinzu: „gehe ein zu deines Herrn Freude“. Wenn aber der gute Knecht gleich ins Paradies eingeht, so bleibt das „ich will dich über viel setzen“, sowie auch die Deutung des Gleichnisses am Schluss ohne Sinn und Anwendung. In gleicher Weise lässt er den

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„trägen Knecht“ nicht allein durch Entziehung dessen, was er hat, bestraft werden, sondern noch „hinauswerfen in die äusserste Finsternis, da wird sein Heulen und Zähneklappen“. Auch hier dient die vermeinte Verstärkung des schlichten, rein menschlichen Bildes nur dazu, die beabsichtigte Lehre aufzuheben. (Für die Berechtigung, diese sinnverdrehenden Worte auszulassen, vergl. man Lukas 19, 17, 19 und 26.)
    Wichtig ist die Ergänzung zu dieser Parabel, die wir dem ältesten Kirchenhistoriker, Eusebius von Caesarea, verdanken. Er erzählt, dass nach dem sogenannten Hebräerevangelium der eine der drei Knechte der treue und tüchtige war, der das Anvertraute verdoppelte, der zweite habe es verspielt und verjubelt, der dritte vergraben. Dem treulosen, leichtsinnigen Knecht wurde die harte Strafe zuteil; dem furchtsamen wurde nur das anvertraute Talent weggenommen. Und Eusebius — der in freieren Zeiten als die heutigen lebte, nämlich im Anfang des 4. Jahrhunderts, wo Christen sich noch nicht scheuten, offen und unbefangen ihre heiligen Bücher zu betrachten — Eusebius fragt sich, ob nicht bei Mat-

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thäus und Lukas eine Konfusion stattgefunden hat, wodurch die überflüssige Verdoppelung des guten Knechts und die barbarische Bestrafung des nur furchtsamen, nicht ünredlichen Knechts sich erklären würde — indem sich in der Tradition, aus der sie schöpften, die Erinnerung an die wirkliche Beschaffenheit des zweiten Knechts verloren hatte.

ZUM WORT 117
    Schon in sehr alten Zeiten brachte man dieses Wort in Beziehung zu Plato's: „Unmöglich ist es, zu gleicher Zeit an Gütern und an Tugend reich zu sein“ (Gesetze, Buch 5, Kap. 12).
    In dieser Verbindung wäre auch das Gleichnis des Lazarus zu bringen gewesen. Doch von allen Gleichnissen haben wir dieses einzige nicht aufnehmen können, da es in seinem ganzen Aufbau, in der Wahl der Bilder, in der Art der Gedanken, von sämtlichen anderen Gleichnissen Christi völlig abweicht. Da es ausserdem von Lukas allein bezeugt ist, besitzen wir keine Handhabe, um bis zur echten Stimme Christi durchzudringen.

309 ANMERKUNGEN

(Nachtrag. — Während des Druckes erfahre ich, dass der ägyptische Ursprung dieses Gleichnisses höchst wahrscheinlich gemacht worden ist. Man vergleiche Griffith: Stories of the High Priests of Memphis, 1900.)

ZUM WORT 122
    Die ersten Worte können auch übersetzt werden: „Seid nicht besorgt um euer Leben...“

ZUM WORT 125
    Die Erzählung von Christus und der Ehebrecherin ist in keinem unserer vier, sogenannt „kanonischen“ Evangelien enthalten; denn auch in dem Evangelium des Johannes fehlt sie in allen ältesten Handschriften und Versionen. Sie ist also eine ziemlich späte Interpolation in das Evangelium des Johannes, gewiss aber aus irgend einer anderen der vielen untergegangenen Berichterstattungen, denn sie trägt das Zeugnis ihrer Wahrhaftigkeit an der Stirn. Nach einer Mitteilung des Eusebius hat sie Papias erwähnt.

310 ANMERKUNGEN

ZUM WORT 126
    Dieses Wort ist durch die sogenannte Apostolische Kirchenordnung (§ 8), eine auf die ältesten Zeiten zurückgehende Schrift, gerettet worden. (Vergl. Bernhard Weiss: Lehrbuch der Einleitung in das Neue Testament, 3. Aufl., S. 48).

ZUM WORT 129
    Ich verweise auf die Apologie S. 12 fg., und erinnere an den uns vom Verfasser des sogenannten 2. Clemensbriefes in Verbindung mit diesem Wort überlieferten Ausspruch:
    Nach ihrem Tode brauchen die Lämmer die Wölfe nicht zu fürchten.

ZUM WORT 133
    Die Hinrichtung durch Zersägen war eine in syrischen Ländern übliche Art der Bestrafung. König David liebte es, auch seine Kriegsgefangenen und ihre Frauen und Kinder, wo die Ziegelöfen zu ihrer Verbrennung bei lebendigem Leibe nicht hinreichten, zersägen zu lassen (siehe 2 Samuel 12, 31). Die Unkenntnis dieser Sitte

311 ANMERKUNGEN

hat zu einer Reihe von falschen Übersetzungen und Deutungen geführt, von Hieronymus an bis Luther und bis heute, worüber das Nähere in Meyer-Weiss' Kommentar, 1¹, S. 422 nachgesehen werden kann.

ZUM WORT 135
    Apostelgeschichte XX, 35, ausdrücklich als „ein Wort des Herrn Jesu“ angeführt.
    Clemens Romanus meldet (1. Brief an die Korinther, Kap. 13) noch ein hierhergehöriges Wort:
    Wie ihr Mildthätigkeit übet, so wird man sie euch erzeigen.

ZUM WORT 148
    Immanuel Kant deutet die „weite Pforte“ und den „breiten Weg“ auf die Kirchen, welche die Religion zu einem äusseren, leicht zu befolgenden Kultus umgestalten, wogegen echte Religion durch innerlichen Kampf und innerliche Arbeit „errungen“ werden muss und durch keinerlei Observanz ersetzt werden kann.

312 ANMERKUNGEN

ZUM WORT 149
    Dieses Wort ist aus dem Brief an die Galater 6, 2; Paulus bezeichnet es als „das Gesetz Christi“, und seit alten Zeiten haben Kirchenschriftsteller es für ein echtes Wort Christi — nicht für eine blosse Epitome des Paulus gehalten. Allerdings bleibt es fraglich, ob ihre Auffassung berechtigt ist oder nicht.

ZUM WORT 150
    Ein echt Johanneischer Spruch, an welchem der fremde Ton den Lesern dieser „Worte“ sofort auffallen wird.

ZUM WORT 151
    Der Schlusssatz: „denn er lässt seine Sonne etc.“ kommt in sehr verschiedener Verbindung vor; am häufigsten wohl mit dem Wort (Nr. 44): „Was heissest du mich gut? Niemand ist gut, denn der Eine, der seine Sonne aufgehen lässt u. s. w.“ Justin Martyr citiert es auch in Verbindung mit dem Wort: „Seid barmherzig, wie auch

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euer Vater barmherzig ist und seine Sonne u. s. w.“

ZUM WORT 152
    In den Worten 151 bis 156 knüpft Christus an das alte jüdische Gesetz an, um auf dem Wege des Paradoxons ein völlig neues Gesetz zu errichten. Christus nennt das: „das Gesetz nicht auflösen, sondern erfüllen“; in der That aber vernichtet er damit das alte und verkündet ein so neues Ideal, dass wir in dem Zeitraum von zweitausend Jahren nur wenige Schritte zu seiner Verwirklichung zurückgelegt haben. Wie schon in der Apologie bemerkt wurde (S. 46): Christi   L e h r e n   fand in unserem Glaubensbekenntnis keine Aufnahme.

ZUM WORT 154
    „Des grossen Königs Stadt“ heisst „Gottes Stadt“.

ZUM WORT 156
    Das erste Citat ist nach Genesis 1, 27, das zweite nach Genesis 2, 24. (Die Über-

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setzungen nach der in Hermann Gunkel's Kommentar enthaltenen.)

ZUM WORT 160
    Der Ausdruck, der (so gut es geht) mit „arm im Geist“ übersetzt wird, kann ohne eine Erläuterung nicht richtig verstanden werden. Die bei den Juden üblichen Vorstellungen des Himmels waren ganz materialistische; im Allgemeinen handelte es sich für sie lediglich um ein messianisches Reich auf dieser Welt, in welchem die Juden über alle Völker der Erde herrschen sollten, und an diese Vorstellung knüpft sich die im Alten Testament öfters ausgesprochene Verheissung: „wer von euch jetzt arm ist, wird dann reich sein“. Christus beginnt nun seine Bergpredigt mit diesen selben, dem Volke vertrauten Worte: Selig sind die Armen! Doch hier, wie überall bei ihm, ist die Anknüpfung an die theologischen Vorstellungen seiner Zeit und Umgebung eine rein äusserliche, vorbereitende, denn sofort folgt der Zusatz: „im Geist“. Armut und Reichtum gelten Christo als völlig belanglos (siehe die Worte 51,

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116, 117, 123). Für ihn ist alle Religion ein Vorgang im geistigen Innern. Die neun Seligpreisungen gelten: 1. den geistig Armen, 2. den geistig Betrübten, 3. den Sanftmütigen, 4. den Gerechten, 5. den Barmherzigen, 6. den Reinen, 7. den Friedfertigen, 8. den Standhaften, 9. den Getreuen; nicht mit einem einzigen Worte wird dieser rein und allgemein menschliche, rein geistige, untheologische Rahmen überschritten. Auf keinen Glauben wird hingewiesen, als eine Bedingung zur Seligkeit, und ebensowenig auf irgend einen zu vollziehenden Kultus oder ein Sakrament. Selig sind die Treuen, die Tapferen, die Friedlichen, die Lauteren, die Mitleidigen, die Redlichen, die Duldsamen, die Trauernden und die Demütigen. Der Ausdruck „arm im Geist“ wird vielleicht am besten verstanden, wenn man ihm Sokrates' „Bewusstsein des Nichtwissens“ an die Seite stellt. Für Sokrates war die Überzeugung des „Nichtwissens“ die unentbehrliche Grundlage alles wahrhaftigen Wissens; für Christus ist die Empfindung der Armut des Menschengeistes, das heisst die echte Demut, die Grundbedingung für seine wahr-

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haftige Bereicherung. Bei ihm handelt es sich aber nicht um eine Bereicherung im Sinne einer rationellen Erkenntnis, sondern um die Beschaffenheit des Gemütes, und das Gemüt ist weder weise noch unweise, sondern reich oder arm. Wer nun den Menschengeist für reich, für allvermögend hält — der eigentliche Rationalist — wird bettelarm an Gemüt sein, unzugänglich der religiösen Verklärung des Lebens; wer dagegen die Beschränkung und die Armut dieses Geistes tief empfindet, dem steht das Reich Gottes offen, jenes Reich, welches in diesem Leben — wie der Schatz im Acker — vergraben liegt.
    „Das Erdreich besitzen“ ist eine figürliche Redeweise für „das Himmelreich besitzen“. (Allioli.) Sie beruht auf der jüdischen Vorstellung eines Himmelreichs auf Erden und wird in der prophetischen Literatur öfters in der selben Weise wie hier von Christus gebraucht.


 
 
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Worte Christi

Letzte Änderung am / Laatste wijziging / Last update: 11 Juni 2005