141.

    Ein Mensch hatte zween Söhne; und der jüngere unter ihnen sprach zum Vater: Gieb mir, Vater, den Kindsteil, der mich trifft. Und er teilte ihnen das Gut. Und nicht lange darnach sammelte der jüngste Sohn alles zusammen, und zog ferne über Land; und daselbst verschleuderte er sein Gut mit liederlichem Leben. Da er nun alles das Seine verzehret hatte, kam eine schwere Hungersnot über dasselbe ganze Land, und er fing an zu darben. Und ging hin und hängte sich an einen Bürger desselbigen Landes, der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue assen; und Niemand gab sie ihm. Da schlug er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot die Fülle haben, und ich gehe hier an Hunger zu Grunde. Ich will mich ermannen, und hinreisen zu meinem Vater, und zu ihm sagen: Vater, ich habe himmelschreiend gesündigt, und ganz besonders gegen dich, und ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heisse; mache mich als einen deiner Tagelöhner! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seine Hals, und bedeckte ihn mit Küssen. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe himmelschreiend gesündigt und ganz besonders gegen dich; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heisse. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringet das beste Kleid hervor, und thut ihn an, und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand, und Schuhe an seine Füsse; und bringet ein gemästetes Kalb her, und schlachtet es; lasset uns essen und fröhlich sein; denn dieser mein Sohn war tot, und ist wieder lebendig worden, er war verloren, und ist gefunden worden. Und fingen an fröhlich zu sein. Aber der ältere Sohn war auf dem Felde, und als er nahe zum Hause kam, hörte er das Gesänge und den Reigen, und rief zu sich der Knechte einen und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist kommen, und dein Vater hat ein gemästetes Kalb geschlachtet, dass er ihn gesund wieder hat. Da ward er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater hinaus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zum Vater: Siehe, soviel Jahre diene ich dir und habe deine Gebote noch nie übertreten; und du hast mir nie ein Böcklein gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der deine Habe mit Dirnen verschlungen hat, hast du ihm ein gemästetes Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Es galt aber fröhlich sein und sich freuen, weil dieser dein Bruder tot war und ist wieder lebendig worden, verloren und ward gefunden.