Here under follows the transcription of Worte Christi (Words of Christ) by Houston Stewart Chamberlain, 7th. ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1919. The first edition appeared in 1901.

Hieronder volgt de transcriptie van Worte Christi van Houston Stewart Chamberlain, 7e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1919. De eerste editie verscheen in 1901.
 

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WORTE CHRISTI ÜBER GLAUBEN UND BETEN

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WORTE CHRISTI

Die Bücher nützen mir nicht so

viel, wenn ich sie lese, wie das
lebendige Wort Christi, das bis
heute in den Menschen forttönt.
PAPIAS
(in dem ersten Buche über  W o r t e  C h r i s t i,  aus dem 2. Jahrhundert).
 
 
 
 
7. Auflage
F. Bruckmann A.-G. / München 1919

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INHALT


  Seite
APOLOGIE 1
WORTE CHRISTI  
    ÜBER GLAUBEN UND BETEN
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59
    ÜBER GOTT UND DAS REICH GOTTES
171819202122232425262728293031323334353637383940
79
    ÜBER SICH UND DIE SEINEN
414243444546474849505152535455565758596061626364656667
113
    ÜBER DIE PRIESTER UND IHRE RELIGIONSGEBRÄUCHE
6869707172737475767778798081
143
    ÜBER DIE WELT UND DIE MENSCHEN
(LEBENSWEISHEIT)
828384858687888990919293949596979899100101102103104105106107108109110111112113114115116117118119120121122123
165
    ÜBER THUN UND LASSEN
(SITTLICHE GEBOTE)
124125126127128129130131132133134135136137138139140141142143144145146147148149150151152153154155156157158159160
215
ANMERKUNGEN 259

VI


(Leere Seite)

VII

APOLOGIE


VIII

(Leere Seite)
 
IX APOLOGIE

Begleitwort zur neuen Ausgabe

    Trotz der geringen Beachtung, die dieser Sammlung der WORTE CHRISTI von seiten einer weiteren Öffentlichkeit zuteil wurde, und trotz heftiger Anfeindung durch einzelne frommgläubige und andre aller Religion feindselig gesinnte Beurteiler, ist doch in Jahresfrist eine Auflage von mehreren tausend Exemplaren fast erschöpft worden. Mein Freund und ich, wir haben uns also in unserer Erwartung nicht getäuscht: das Bedürfnis, aus dem uns diese Zusammenstellung der reinmenschlichen WORTE CHRISTI erwuchs, lebt in vielen Herzen; nur an diese wenden wir uns, die andern mögen unsern Versuch auch weiterhin unbeachtet lassen.

    Für diese neue Ausgabe waren wir in der Lage, die kritischen Richtigstellungen und Vorschläge mehrerer Theologen — darunter zwei Gelehrte europäischen Rufes — und eines Philologen zu verwenden. Dank

X APOLOGIE

dieser unerwarteten, gütigen Mitarbeiterschaft dürfen wir hoffen, die wenigen Irrtümer der ersten Auflage ausgetilgt zu haben.
    Ein Mißverständnis muß hier noch zerstreut werden; es betrifft unsere Auffassung des Evangeliums nach Johannes.
    Von gelehrter Seite wurde der Einwand erhoben, wir hätten die „Authenticität“ dieses Evangeliums zu stark betont. Uns hat es aber fern gelegen, die „Echtheit“ dieses Werkes im engeren Sinne einer thatsächlich durch den Apostel Johannes selbst erfolgten Niederschrift behaupten zu wollen; diese Frage entzieht sich vollständig unserer Kompetenz; wir haben dazu weder ja noch nein zu sagen; sie besitzt sogar für uns nur ein bedingtes Interesse. Welche Art von „Echtheit“ wir heute mit Sicherheit behaupten dürfen, erhellt zur Genüge aus den Ausführungen in der Apologie, sowie aus den ergänzenden Bemerkungen in dem allgemeinen Teil der Anmerkungen, und sie ist wahrlich wert, betont zu werden. Die „Echtheit“ dieses Evangeliums umfaßt zwei entgegengesetzte Thatsachenreihen von unermeßlichem Werte: einerseits die Genauigkeit der Ortskenntnisse und des Wissens um viele sonst unentwirrbare Einzel-

XI APOLOGIE

keiten aus der Reihe der thatsächlichen Begebnisse im Erdenwandeln Jesu Christi, andrerseits die unvergleichlich tiefe Auffassung seiner Persönlichkeit. Gleichviel wer diesem Berichte seine endgültige Gestalt verliehen und wie viel gnostische Spekulation er aus Eigenem hinzugethan haben mag, der Kern des Berichtes stammt aus einer nahen und innigen Berührung mit Christus; das ist Thatsache und mehr haben wir nicht sagen wollen. Es zu sagen waren wir aber um so mehr verpflichtet, als wir uns genötigt sahen, die johanneischen Worte aus dieser Sammlung auszuschließen, was genau und ohne alle Zweideutigkeit begründet werden mußte.
    Nach dem Mißverständnis noch das Unverständnis.
    Einige Beurteiler haben uns entgegengehalten: nicht das   L e b e n   Christi, nur sein   T o d   besitze für die Menschheit Wert; es sagten das sehr Fromme, die in der Menschwerdung Christi nur eine kurze Phase der göttlichen Heilsordnung erblicken, und es sagten es Philosophen der entwickelungstheoretischen Richtung, für die Christus nicht eine Persönlichkeit, sondern eine Idee ist, geboren aus geschichtlicher Notwendigkeit

XII APOLOGIE

und verkörpert in einem beliebigen, zufällig erwählten Menschen. Für uns dagegen ist die   P e r s ö n l i c h k e i t   Christi die Wurzel aller Religion im Christentume, und wir bekennen uns zu dem Glauben Goethe‘s: „Christi Wandel ist für den edlen Teil der Menschheit noch belehrender und fruchtbarer als sein Tod“. Welchen Augenblick dieses Lebens aber wir auch immer ins Auge fassen mögen: Christi WORTE sind seine Thaten.
    Möge diese anspruchslos zusammengestellte Sammlung in vielen Herzen den Sinn für den lebendigen Klang der Stimme Christi wecken.

H. S. C.

Am 1. Januar 1903.
 

1
APOLOGIE


    Gar manches gesprochene Wort besitzt nur als Bestandteil eines grösseren Zusammenhanges Sinn und Bedeutung; anderen Worten wohnt dagegen eine so ureigene Lebenskraft inne, dass sie, aus den Fesseln des Bedingenden losgelöst, an Grösse der Gestalt und an unausdenkbarem Reichtum des Inhaltes wachsen.
    Es giebt Menschen, deren Worte ihre Handlungen sind. Um zu reden, wandelten sie auf Erden. „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt kommen, dass ich für die Wahrheit zeuge“, spricht Christus, und dieses Amt nennt er das „königliche“. Seine Worte — nicht seine Thaten — führten zum Tode am Kreuz.
    Die evangelischen Berichte sind tausendfältig bedingt; die Worte Christi sind unbedingt. Aus den Evangelien hat die

2 APOLOGIE

europäische Menschheit eine Heilslehre gewonnen, reich an ewiger Wahrheit, dennoch aber so eingeengt durch Ort, Zeit und Geschichte, dass sie nicht einmal unsere kleine Erde zu umspannen vermag, und dem Weltall gegenüber, das wir heute erblicken, offenbar unzureichend ist. Wogegen die Worte Christi so beschaffen sind, dass sie jede Ferne und jede Zeit besiegen und — wie das Licht den dunklen Raum durchfliegt, um überall neu zu erwachen, wo Leben seiner harrt — so auch ihnen die Macht eignet, von Stern zu Stern die „frohe Botschaft“ zu tragen.
    Gross und heilig ist der Tempel, der ihnen auf Erden erbaut wurde. Ebensowenig wie der Seemann sein Schiff, möchten wir unsere Kirchen verlassen; wir haben nicht die Kraft, allein durch das Leben zu schwimmen; wir sind es zufrieden, zu beten, wie unsere Väter gebetet haben: „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9, 24). Doch schon der blosse Wiederhall der Worte Christi — und es ist kaum mehr auf uns gekommen — lässt uns gewahr werden, dass weder das

3 APOLOGIE

schlichte Herz galiläischen Volksglaubens, noch die Subtilität hellenischer Dialektik, noch der Tiefsinn ägyptischer Religionstraditionen, noch die Weisheit römischer Weltgedanken, noch auch alle vier vereinigt, die Befähigung besassen, diese Worte adäquat zu fassen und demnach auch ein hinreichendes Gefäss für sie abzugeben. Wohl sind unsere Kirchen mit christlichem Segen angefüllt, doch nach allen Seiten strömt der Inhalt über, und jedes Schisma ist von Christus ausgegangen.
    Christi Thaten waren seine Worte. Das wussten seine Feinde, die Pharisäer; das hat bald die Kirche verstanden; doch seine Jünger, die schlichten Volkssöhne Galiläas, nahmen zwar diese Worte mit Ehrfurcht auf, staunten aber noch mehr über die Wunderthaten; in letzteren, nicht in ersteren, lag für sie das Überzeugende. Das war ein begreiflicher Irrtum, aber doch ein Irrtum; Christus selber verbietet einmal über das andere, dass man von seinen Wundern überhaupt rede! (z. B. Markus 1, 44; 5, 43). Darum, als am Ende des 2. Jahrhunderts der antichristliche Philosoph Celsus

4 APOLOGIE

die Behauptung aufstellte, die Christen glaubten an die göttliche Sendung Christi wegen der Wunder, die er gewirkt haben sollte, empfand dies einer der mächtigsten unter den frühen Verkündern christlichen Glaubens, Origenes, als einen Schimpf, wert, mit aller Energie zurückgewiesen zu werden. Nein, erwiderte Origenes, nicht also, nicht weil er Wunder wirkte, glauben wir an Christus, sondern weil wir an Christus glauben, darum zweifeln wir an den Wundern nicht, die von ihm erzählt werden. Und Origenes verweist auf die Stellen, wo Christus — nach den evangelischen Berichten — gesagt hat: ein Jeder, der Glauben habe, könne die selben Werke vollbringen wie er, und noch grössere. ¹)
    Wer in der Geschichte bewandert ist, weiss, dass es wunderwirkende heilige Männer, welche Teufel austrieben, Blinde sehend machten, Aussätzige heilten, damals die Fülle gab. Die Evangelien Lukas (9, 49) und Markus (9, 38) melden von einem Manne, der nicht zu der Gefolg-
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    ¹) Siehe die Schrift des Origenes Gegen Celsus, Buch 2, Kap. 48; und vergl. Matth. 17, 20, Markus 11, 23, Lukas 17, 6, Joh. 14, 12.

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APOLOGIE


schaft Christi gehörte und dennoch die selben Wunder wirkte. „Wunder waren zu jener Zeit fast etwas Alltägliches,“ bezeugt Adolf Harnack; ¹) die Sucht nach „Mirakeln“ war eines von den Symptomen des schweren moralischen und intellektuellen Siechtums, an dem die damalige civilisierte Menschheit krankte; wie Christus selber sagt: „ein böses und ehebrecherisches Geschlecht ist es, das nach Wundern verlangt“. ²) Noch gegenwärtig trifft man in abgelegenen, kulturell völlig vernachlässigten Ländern Europas solche arme Bevölkerungen an, für die Thaumaturgie und Religion gleichbedeutend sind, und mit Gefühlen des Abscheus haben wir selber in dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts dem „Austreiben von Teufeln“ zugesehen. Wo immer der Geist sich von dergleichen Überzeugungsmitteln abwendet, beweist dies Gesundheit. Unsere Zeit ist nicht so verdorben, wie Manche zu behaupten lieben; sie dürstet nach Religion und verlangt nicht nach Wundern. Viele tief religiös beanlagte Menschen wandeln unter uns, die nur des-
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    ¹) Das Wesen des Christentums, 1900, S. 16.
    ²) Matthäus, 16, 4.

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APOLOGIE


wegen die Gestalt Christi in ihrer Grösse zu erblicken nicht vermögen, weil die Schilderung des Thaumaturgen sie verletzt und fernhält. Geborene echte Christen leiden sie darunter, dass weder ihr Auge die Gestalt Christi klar erblicken, noch ihr Ohr seine Worte deutlich vernehmen kann. Unsere Kirchen haben durch Jahrhunderte hindurch Millionen zu Christus hingeführt, jedoch nicht Wenige sind derer, für die sie eine Scheidewand zwischen ihm und dem sehnenden Herzen bedeuteten. Nicht Wunder können heute bekehren, nur Worte.
    Wesentlich für ein Wort ist seine Gestalt. Die Worte Christi sind uns in der Gestalt, in der er sie gesprochen hat, verloren. Christus hat aramäisch gesprochen; er und die Zeugen seines Lebens haben ausser dem Aramäischen nur noch ein wenig Hebräisch verstanden. Nach den übereinstimmenden Aussagen der ältesten Kirchenschriftsteller sind denn auch die ersten Aufzeichnungen in aramäischer Sprache erfolgt. Der heilige Epiphanius bezeugt im 4. Jahrhundert, in seiner Schrift Gegen die Häretiker: „Die Wahrheit zu sagen,

7 APOLOGIE

hat Matthäus nur in hebräischer Sprache und in hebräischer Schrift die Erzählung und Predigt des Neuen Testaments verfasst;“ ¹) und schon zwei Jahrhunderte früher hatte Papias — einer der sogenannten „apostolischen Väter“, der möglicherweise den Apostel Johannes noch gekannt hat — sich darüber beklagt, dass man die Worte Christi in den Kirchen nur aramäisch besitze, nämlich in den sogenannten Logia (d. h. Worte) des Matthäus, diese Sprache verstünden aber nur Wenige, und darum sei „Jeder gezwungen, diese aramäisch überlieferten Worte nach bestem Vermögen ins Griechische zu übertragen.“ Diese älteste und einzige Aufzeichnung der Worte Christi von einem Ohrenzeugen in der Ursprache ist leider sehr früh spurlos verschwunden. ²) Wir besitzen folglich kein
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    ¹) Das Aramäische wurde früher von dem Hebräischen nicht streng gesondert; die alten Schriftsteller nennen es meistens kurzweg „hebräisch“.
    ²) Über die Matthäus-Logia, Papias u. s. w., alles Nähere in jeder besseren Kirchengeschichte, gleichviel ob protestantisch oder katholisch; unter letzteren kamt z. B. Döllinger‘s Christentum und Kirche, Buch 1., § 197 fg., unter ersteren Bernhard Weiss‘ Lehrbuch der Einleitung in das Neue Testament, 3. Aufl. 1897, § 5 und 45 nachgeschlagen werden.

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einziges Wort Christi in seiner ursprünglichen Gestalt, sondern unsere Quellen — die Evangelien und die Berichte von ältesten Kirchenvätern (welche einzelne nicht in den Evangelien enthaltene Worte anführen) — sind alle griechisch. Und um sich vorzustellen, was das bedeutet, genügt die Erwägung, dass die aramäische Sprache der griechischen eben so fern steht, wie die arabische der deutschen!
    Wollen wir also die Worte Christi in ihrer reinen Gestalt erblicken, so stossen wir hier auf ein erstes Hemmnis: denn, wenn wir auch auf die griechischen Texte zurückgehen — wie die Theologen es thun, wie Hieronymus für seine Übersetzung ins Lateinische und Luther für seine Übersetzung ins Deutsche es thaten — wir treffen damit nicht auf die Worte, die Christus in Wirklichkeit gesprochen hat, sondern auf ihre Verdolmetschung in eine völlig unverwandte Sprache.
    Ein zweites Hemmnis kommt hinzu.
    Irenäus, ein Vater des 2. Jahrhunderts und Heiliger der katholischen Kirche, berichtet, dass Matthäus erst um das Jahr 65 herum seine „Worte Christi“ — die vorhin

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APOLOGIE


genannten Logia — aufgeschrieben habe; Eusebius, der älteste Kirchenhistoriker, bestätigt es; und die freisinnigste moderne Kritik hat durch allerhand historische Argumente die Glaubwürdigkeit dieser Tradition — wie so mancher anderen der vor hundert Jahren bezweifelten und belächelten uralten Überlieferungen — glänzend dargethan. Nun war aber Christus um das Jahr 30 gestorben; zwischen seinem Tode und der schriftlichen Feststellung der Logia sind also selbst nach orthodoxester kirchlicher Berichterstattung mindestens dreissig Jahre vergangen. Dreissig Jahre und mehr sind eine lange Zeit, eine gewaltige Lücke, um vernommene Worte erst dann aufzuzeichnen! So lange hatten ausserdem die Gläubigen nicht warten können, vielmehr hatte sich eine reichverzweigte mündliche Überlieferung sofort nach Christi Tod zu bilden begonnen. Der Apostel Paulus z. B. weiss weder von einem Evangelium, noch von schriftlich aufbewahrten Herrenworten etwas, sondern nur von mündlicher Überlieferung, und aus ihr meldet er Worte, die unsere Evangelien nicht berichten (siehe z. B. das Wort 149). Lukas — der nach der ortho-

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APOLOGIE


dox kirchlichen Lehre sein Evangelium zu derselben Zeit schrieb wie Matthäus seine „Worte“ ¹) — erzählt in dem ersten Vers seines ersten Kapitels, dass schon damals „sich‘s   V i e l e   unterwunden haben, zu stellen die Rede von den Geschichten, so unter uns ergangen sind“, und er nennt diese mündlichen Verbreiter der Worte Christi mit einem schönen Namen: hyperetai tu logu, was Herder verdeutscht hat „Untergehilfen des Wortes“. Man kann sich leicht vorstellen, welche vielfache Umwandlungen die Worte Christi unter solchen Bedingungen erlitten haben müssen. Schon der Presbyter Johannes ²) klagte dem Papias gegenüber, Markus habe zwar, „so weit sein Gedächtnis reichte“, sehr gewissenhaft alles aufgeschrieben, was er aus den „Predigten des Petrus“ vernommen zu haben sich erinnerte — („denn den Herrn selbst hatte er nie gehört“) —‚ doch sei
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    ¹) Siehe den Vorbericht zu dem Evangelium nach Lukas in der vom apostolischen Stuhle approbierten Bibelübersetzung des Josef Franz Allioli.
    ²) Ob man unter diesem Namen den Apostel selbst oder einen Nachfolger denken soll, ist noch unausgemacht, doch jedenfalls handelt es sich um einen Zeugen, der bis in die apostolische Zeit zurückreicht.

11 APOLOGIE

dies nicht in der richtigen Ordnung geschehen, sondern nur „so wie er sich‘s erinnerte“. ¹) Und so sind denn die Berichte über das, was Christus gesprochen hat, sehr schwankend, sowohl was den Wortlaut der verschiedenen Sprüche betrifft, wie auch in Bezug auf die begleitenden Umstände, das heisst in Bezug auf die besondere Veranlassung, unter der jeder einzelne gesprochen wurde und auf den weiteren Zusammenhang der Rede.
    Nicht allein besitzen wir also keine aramäischen Originale der Worte Christi, sondern die griechischen Berichte stimmen nicht miteinander überein. In ihnen erhält vielmehr der selbe Ausspruch durch wechselnde Einfassung und durch allerhand Abweichungen des Wortlautes an verschiedenen Orten eine verschiedene Physiognomie; manchmal steigert sich der Unterschied bis zur Gegensätzlichkeit.
    Wie sehr die Physiognomie der Worte durch die Umgebung wechseln kann, soll ein Beispiel veranschaulichen.
    In dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 10, Vers 16, lesen wir: „Siehe, ich
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    ¹) Eusebius: Kirchengeschichte III, 39.

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sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“ Das sind schon zwei verschiedene „Worte“: ich sende euch wie Schafe u. s. w., und   d a r u m   seid klug u. s. w.; an keiner anderen Stelle werden sie verbunden angetroffen, wie logisch und natürlich die Verbindung hier auch aussieht. Das zweite Wort kommt für die folgende Ausführung nicht in Betracht; nur das erste: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“ Bei Matthäus richtet es Christus an die namentlich aufgeführten zwölf Apostel, als er sie das erste Mal aussendet. Und wenn wir diese Rede an die Apostel weiter verfolgen, finden wir darin (Vers 28) noch folgende Mahnung: „Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht mögen töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben mag in die Hölle.“ — Wenn wir nun diese selbe Rede an die zwölf Apostel im Markus nachschlagen (Kap. 6), so finden wir weder das Wort von den Schafen unter den Wölfen, noch das von dem sich nicht fürchten; sie kommen bei

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APOLOGIE


diesem Evangelisten weder hier noch anderwärts vor. Im Lukas dagegen finden wir die beiden, doch weit auseinander, und ebenfalls nicht in der Rede an die zwölf Apostel (welche Kap. 9 steht). Das erste: „Gehet hin! Siehe, ich sende euch als die Lämmer mitten unter die Wölfe“ (10, 3,) ist hier an die siebzig Jünger gerichtet, welche Christo in die verschiedenen Ortschaften vorangehen sollen; das zweite steht aber in einem völlig anderen Zusammenhang, zwei ganze Kapitel weiter (12, Vers 4 und 5). Bei Matthäus ist Letzteres ausserdem durch die Worte eingeführt: „Was   i c h   euch sage in der Finsternis, das   r e d e t   im Licht“; bei Lukas lautet dagegen die Einführung: „Was   i h r   in der Finsternis saget (nicht, was ich sage!), das wird   m a n   im Licht   h ö r e n.“   Die moralische Motivierung der möglichen Furcht ist also ganz verschieden; denn in dem einen Fall handelt es sich um ein gefahrbringendes Gebot, in dem anderen um eine Mahnung. — Nun aber kommt erst das schlagende Beispiel für die Art, wie ein Wort Physiognomie erhalten kann. Der sogenannte „Verfasser des 2. Clemensbriefes“, ein Mann, der um

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APOLOGIE


die Mitte des zweiten Jahrhunderts schrieb, zu einer Zeit also, da die lebendige Erinnerung an die Worte Christi noch nicht völlig erloschen war und diese Worte noch immer von Mund zu Mund gingen, hat uns ebenfalls, nebst vielen anderen, auch diese zwei Worte — den Vergleich mit Lämmern und die Ermahnung zur Furchtlosigkeit — aufbewahrt. Er bringt sie aber in einen organischen, dramatischen Zusammenhang zu einander! Clemens schreibt in seiner Homilie (Abschnitt 5): „Deshalb, Brüder, wollen wir ..... nicht erschrecken bei dem Gedanken, aus dieser Welt zu scheiden. Denn der Herr sagt: Ihr werdet sein wie Lämmer mitten unter Wölfen. Petrus nun gab ihm zur Antwort: Wenn aber die Wölfe die Lämmer zerreissen? Da entgegnete Jesus dem Petrus: „Nach ihrem Tode brauchen die Lämmer die Wölfe nicht zu fürchten; fürchtet auch ihr die nicht, welche euch töten und euch nichts thun können; sondern den fürchtet, der nach eurem Tode die Macht besitzt, Leib und Seele in das Feuer der Hölle zu werfen.“ ¹) In dieser
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    ¹) Obige Übersetzung ist aus Thalhofer‘s Bibliothek der Kirchenväter entnommen.

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APOLOGIE


Fassung — welche auf die selben Quellen zurückreichen dürfte, wie die ältesten schriftlichen Grundlagen zu unseren vier Evangelien — heisst es also erstens nicht „Ich sende euch“, sondern „Ihr werdet sein“, was der Sache eine ganz andere Farbe giebt; zweitens bereichert uns die Unterbrechung des ungestümen Petrus um ein neues, tiefes Wort von der auszeichnenden Herbheit der echtesten Worte Christi: „nach ihrem Tode brauchen die Lämmer die Wölfe nicht zu fürchten“; drittens treten zwei Worte, welche bei Matthäus durch zwölf Verse, und bei Lukas durch Wunder und Reden und Parabeln und Reisen von einander geschieden sind, in ein unmittelbares, zwingendes, unvergessliches Verhältnis zu einander; viertens entfällt hiermit die Veranlassung des „fürchtet euch nicht“ durch das vorangegangene „was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht“.
    So wechselt die Physiognomie der Worte mit den Berichterstattern. Dass diese alle treu sind, alle bestrebt, nichts auszulassen von dem, was ihnen berichtet worden ist, dafür zeugt selbst obiges Beispiel mit allen seinen Varianten. Dennoch wird,

16 APOLOGIE

wer die angeführten Stellen bei Matthäus, Lukas und Clemens neben einander hält, gestehen müssen, dass es nicht leicht ist, die physiognomische Gestalt — d. h. die volle und genaue lebendige Individualität — eines so verschieden überlieferten Wortes sicher zu erfassen. Die Klage des Presbyter Johannes wird in unseren Seelen ein Echo finden.
    Schlimmer noch ist es, wenn die Unterschiede in der Berichterstattung sich bis zur unmittelbaren Gegensätzlichkeit steigern, so dass Christus nach dem einen Zeugen das Gegenteil gesagt hat von dem, was der Andere verstand. Es kommt häufig vor, und gerade an entscheidenden Stellen. Der ungelehrteste Mensch kann unschwer den Vorgang der Umwandlung verfolgen, den wohlmeinendes Missverständnis vielleicht schon im Augenblick der Rede veranlasste und Legendenbildung später vollführte; es bedarf dazu nur eines zugleich unbefangenen und aufmerksamen Blickes. Auch hierfür soll statt vieler Beispiele ein einziges stehen.
    Markus, der schlichteste unserer Evangelisten, erzählt (Kap. 9, Vers 37), dass Christus ein Kind herbeiruft, es herzt und

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APOLOGIE


spricht: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“ Mehr allgemein und rein menschlich kann nicht geredet werden. Das Kind ist ein Wesen, das noch keiner Sekte angehört, auf keine Meinung eingeschworen ist, ein Wesen, dessen Persönlichkeit noch schlummert und dessen Eigenart sich unbewusst und absichtslos bethätigt; das Kind steht noch ausserhalb der Geschichte; das Kind ist „Mensch“ kurzweg. Indem Christus ein Kind herbeiruft, zeigt er, dass er Güte und Barmherzigkeit im schrankenlosesten Sinne meint. Und nun sagt er: wer Güte gegen ein solches unschuldiges und zu keiner Dankesleistung fähiges Wesen übt, gleichviel wer er auch sei, er gehört zu den Meinen, es ist gleich, als ob er es mir thäte. Und damit kein Schatten eines Missverständnisses bleibt, fügt der Heiland gleich hinzu: wer mich aufnimmt, der nimmt „nicht“ mich auf, sondern Gott. Auf der einen Seite also das Kind, als das reine Symbol allgemeinen Menschtums, auf der andern Seite Gott — oder wie Christus ihn

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APOLOGIE


gewöhnlich nennt „der Vater“. Wir bewegen uns hier in einem Gedankenkreise, der von aller theologischen Kirchenlehre ferner liegt, als die Sonne von der Erde. Nun schlage man aber im Evangelium Matthäus 10, 40 nach. Man wird fast buchstäblich die selben Worte finden, und das heisst ohne allen Zweifel,   d a s   s e l b e   W o r t.   Entweder schöpfen beide Schreiber aus der einen Tradition, oder der Redaktor des Matthäus-Evangeliums hat (was aus unzähligen anderen Stellen zu schliessen ist) Markus benutzt und aus ihm zur Ergänzung des ihm vorliegenden Urtextes allerhand eingeschoben. ¹) Doch was lesen
—————
    ¹) Dass unser griechisches Evangelium „nach Matthäus“ nicht die Übersetzung jener ursprünglichen aramäisches Aufzeichnungen des Apostels Matthäus ist, wussten die Kirchenväter: das Zeugnis des Papias genügt zum Beweise, dass die „Matthäus-Logia“ lediglich eine Spruchsammlung waren. Die Philologie hat unwiderleglich dargethan, dass das Evangelium des Matthäus, ebenso wie die drei anderen, überhaupt keine Übersetzung, sondern ein griechisches Original ist. Es kann ausserdem leicht gezeigt werden, dass der Verfasser (oder „Redaktor“) des Matthäus-Evangeliums niemals in Palästina gewesen ist, da er Ortschaften und ihre Lagen verwechselt — wogegen der Verfasser des Johannes-Evangeliums jedes Dörfchen aus eigener Anschauung kennt. (Ausführliches bei Weiss: Lehrbuch der Einleitung in das Neue Testament, 3. Aufl., 512 fg., 563, 570.)

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APOLOGIE


wir jetzt? Es klingt wesentlich anders, als bei Markus. Wir lesen: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Nicht mehr heisst es also: „ein solches Kind“, sondern jetzt sind diese Worte direkt an die zwölf Apostel gerichtet, und nur an sie; sie bilden einen Bestandteil jener Weisungen, Ermahnungen und Verheissungen, die ihnen bei ihrer Aussendung mitgegeben werden, und von denen wir einige Bruchstücke im vorigen Beispiel anführten. ¹) „Wer   e u c h   aufnimmt, der nimmt mich auf“ ist jetzt ein besonderes Privilegium bestimmter Männer, es gehört zur Weihe des priesterlichen Amtes; das allgemein Menschliche ist bis auf die letzte Spur entschwunden. Und genau so wie die Stellung zum Menschlichen ist ebenfalls die Stellung zum Göttlichen durch eine scheinbar geringfügige Abänderung völlig umgewandelt worden. Es sind nämlich jetzt die Worte: „der nimmt nicht mich auf, sondern“ ausgelassen
—————
    ¹) Bei Johannes stehen diese Worte wieder an einem anderen Ort, nämlich als beim letzten Abendmahl gesprochen (13, 20).

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APOLOGIE


worden, so dass es jetzt heisst: „wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Dem bestimmten, beschränkenden „euch“ folgt jetzt das streng begrenzende, eine und unvergleichliche „mich“. Dadurch erscheint uns hier das göttliche Gemüt des Heilands in einem ganz anderen Lichte. Der Jesus Christus, der vorhin das fremde Kind herbeirief und herzte, und der durch diese eine Gebärde, sowie durch die Worte, die er daran knüpfte, uns Allen — Menschen von allen Zonen, Zeiten und Gestirnen — so innig nahe, vertraut und verständlich war, scheidet sich jetzt auf ewig von uns: wer mich aufnimmt, der nimmt Gott auf. Dort hatte er die Gottheit von sich gewiesen; er war ganz Mensch unter Menschen gewesen; und gerade durch diese Gebärde heiligster Demut — „wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf“ — hatte er in unser Herz die unaussprechliche und unmittelbare Gegenwart des Göttlichen gegossen. Hier wird er in unerreichbare Fernen entrückt.
     So ist denn die Gestalt, in welcher Christi Worte gesprochen wurden, verloren.

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APOLOGIE


Weder ihre allgemeine, noch ihre besondere Veranlassung, noch ihre sinnreiche Verkettung, noch auch — sehr häufig — ihr wahrer Sinn ist uns bekannt. Und trotzdem dringt die erhabene Persönlichkeit siegreich durch! Dies liegt nun — abgesehen von der Macht ohnegleichen dieser Persönlichkeit — an der reinen Unbefangenheit der Augenzeugen, auf welche unsere evangelischen und ausserevangelischen Berichte in letzter Reihe zurückgehen. Die Absicht war bei ihnen eine reine, oder vielmehr, die reine Absichtslosigkeit hob sie über sich selbst hinaus. Hier redet Wahrheit. Und der lauteren Wahrheit wohnt eine unermessliche Macht inne. Häufig verstanden diese schlichten Zeugen nicht viel von dem was der Eine sagte — „das ist eine harte Rede! wer kann sie hören?“ (Joh. 6, 60) mögen sie oft geklagt haben —; und nie waren sie gewandt, das lebendige Wort in Schriftzüge zu bannen — was, wie wir gesehen haben, erst nach vielen, vielen Jahren von Einzelnen unternommen wurde. ¹)
—————
    ¹) Von Matthäus, wie gesagt, frühestens dreissig Jahre und von Johannes, laut orthodoxer kirchlicher Tradition, siebzig Jahre nach dem Tod Christi! Markus,

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APOLOGIE


Und dennoch haben sich an ihrem Zeugnisse Jahrtausende erbaut; Jahrtausende werden sich noch daran erbauen. Denn eines gab es, das ganz ihr Eigentum geworden war, und dieses eine schenkten sie aus liebevollem Herzen den Minderbeglückten kommender Zeiten: sie hatten die göttliche   S t i m m e   vernommen, der   T o n   klang ihnen bis zu ihrem letzten Tage beseligend im Ohre, und dieser Klang ist es auch, der — von Ohr zu Ohr getragen — unsere europäische Menschheit für Christus gewann. Die Dogmen kamen später; ihr kunstvolles Gebäude ruht nie, ist nie vollendet; die Worte sind ewig.
    Ist uns also die äussere Seite der Gestalt der Worte — wenigstens zunächst und für den ersten Blick — verloren, so ward uns dafür jenes geheimnisvolle innere Gestaltungsmoment bewahrt: der Ton, die Stimme. Und während der verdienstvolle
—————
Lukas, sowie die übrigen Berichterstatter über Worte Christi (einschliesslich des Verfassers unseres Matthäus-Evangeliums) fixieren nur die mündliche Tradition, wie sie von Gemeinde zu Gemeinde wanderte, insofern sie nicht lediglich die Matthäus-Logia abschreiben. Bis gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts hat die junge Kirche keinen anderen Kanon gekannt, als diese Überlieferungen.

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Fachgelehrte — immer von edlem Wissenstrieb und meistens ausserdem von hingebender Liebe zu Jesu dazu angespornt — die unendlich mühsamen Wege der Philologie, der Textvergleichung, der Geschichte wandelt, in der nicht immer vergeblichen Hoffnung, die ursprüngliche Gestalt jedes Wortes Christi herzustellen, giebt es auch für den Ungelehrten einen Weg — eine göttliche Vorsehung hat dafür gesorgt! — so nahe an die Stimme Christi heranzutreten, dass er ihren rein menschlichen Klang vernimmt und sie untrüglich erkennt. Nicht etwa als sollte dieser Ungelehrte sich erkühnen zu behaupten: das hier ist echt, jenes dort ist unecht! Nicht einmal dem Gelehrten wollen wir hierzu das Recht einräumen. Wir sagten es schon: in den Evangelien redet Wahrheit. Es sind aber verschiedene Spiegel, in denen die selbe Wahrheit sich wiederspiegelt, und nur etwas Unbefangenheit, etwas Aufmerksamkeit, nur ein recht willenloses Zuhören — ein ebenso wahrhaftiges wie jenes Erzählen — gehört dazu, um bald die charakteristischen Stimmen unseres Matthäus und Markus und Lukas aus ihren Berichten herauszuhören

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und somit die Stimme Christi deutlich unterschieden zu vernehmen. Doch auch die anderen ehrwürdigen Zeugen aus frühester Zeit rufe man heran: den Verfasser des Barnabasbriefes, den heiligen Ignatius, den heiligen Polykarp, den vorhin genannten Verfasser des zweiten Clemensbriefes, auch die Fragmente aus untergegangenen Evangelien, die uns Hieronymus, Eusebius, Epiphanius, Clemens Alexandrinus und viele Andere überliefert haben, und die uralten Kirchenschriften, wie die apostolische Kirchenordnung und die Lehre der zwölf Apostel; in allen diesen Schriften und auch in einigen anderen finden wir Worte Christi; keine bringt mehr als eine gelegentliche Bereicherung zu unseren unvergleichlichen evangelischen Berichten, doch jede lehrt uns die Stimme eines jeden der vier Evangelisten noch deutlicher von der Stimme Christi unterscheiden, so dass diese immer klarer und reiner in unserem Ohr ertönt.
    Was das Ohr da hört, kann nicht in Worte gefasst werden, doch soll man sich trotzdem nicht scheuen, einiges darüber in Ehrfurcht auszusagen.
    Christi Reden war schlicht bis zur Herb-

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heit; es war unempfindsam, fast hart; es brannte mit innerer Glut, doch nur selten schlug die Flamme durch. Wie am Horizont die Erde und der Himmel sich berühren, so verschmolz hier das ganz Natürliche mit dem Übernatürlichen: vom Worte aus erhob sich ein strahlendes Gewölbe, doch das Wort selbst glich der einfachen Erdkrume, in die Jahve einst Odem blies. Eine besondere Eigenschaft dieses Redens ist seine volle Anschaulichkeit; es geht im Bilde oder in der angedeuteten Handlung auf; kein Wort wird über das unerlässliche Mass hinzugefügt. Dass wir aus der Gestalt der Rede auf die Gestalt des sie formenden Denkens und Fühlens schliessen dürfen, ist klar. Das „schlicht bis zur Herbheit“ muss auch hier gelten; man braucht nur die Worte 17 und 44 und 56 nachzulesen. Hier herrscht ein kluges und liebevolles Eingehen auf die Grundthatsachen unseres Erdenlebens (siehe 97 und 115), verbunden mit einer völligen Loslösung von allem, was uns Menschen wie gebückte Sklaven an die Welt fesselt. Nicht aber ist eine asketische oder philosophisch-moralische Abwendung von der Welt aus

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dem Reden zu spüren, sondern hier erblickt ein Verstand unmittelbar in allem Zeitlichen das Ewige (wie im Acker den Schatz) und in allem Einzelnen das Allgemeine (wie bei dem: „das Reich Gottes ist inwendig in euch“). Daher in dieser Stimme das Zusammengehen von Liebe mit scheinbarer Unempfindlichkeit, von Frömmigkeit mit Geringschätzung aller Kirchensatzungen, von Demut gepaart mit Unnahbarkeit. Aus dieses Redens Ton erfahren wir, dass das Reingöttliche dem Reinmenschlichen sehr nahe steht, und dass jegliche Zuthat — und rühre sie auch von der frommen Hand unserer Evangelisten her, und werde sie sogar als ein Ausfluss der himmlischen Vorsehung betrachtet — ein Entfernen bedeutet.
    Deutlich sehen wir das an dem einen Zeugen, der noch nicht genannt wurde, an dem grössten der Evangelisten, Johannes. „Die drei andern Evangelisten“, schreibt Augustinus, „sind gleichsam mit dem   M e n s c h e n   auf Erden gewandelt, und haben von seiner   G o t t h e i t   wenig gesagt“; Johannes dagegen, fährt er fort, habe das

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„verschmäht“, und habe sich über die Erde und den Himmel und über die Heerschar der Engel, bis an den Thron Gottes erhoben. Jeder hat wohl empfunden, dass Johannes uns hierdurch Christus zugleich näher und ferner rückt, näher, insofern er ihm jene menschliche Herbheit nimmt und uns den sich in Liebe zu uns hinabbeugenden Gott zeigt, ferner, weil jetzt das Undenkbare, Unfassbare, Unerkennbare, das „fleischgewordene Wort“ redet.
    Kein Ergebnis eines hundertjährigen heissen kritischen Bemühens soll sicherer sein (so versichern die Gelehrten der verschiedensten Richtungen), als die Authenticität des Evangeliums nach Johannes. Weit entfernt apokryph und erdichtet zu sein (wie man früher vielfach behauptete), ist gerade dieses eine Evangelium der authentische Bericht eines Augenzeugen. Matthäus hat nur Logia aufgeschrieben; das unter seinem Namen gehende Evangelium (es heisst in den Handschriften nie „von“, immer „nach — kata — Matthäus“, „nach Markus“ u. s. w.) ist von einem Unbekannten ausgeführt worden, der nachweislich (S. 18) Palästina nicht einmal kannte;

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Markus erzählt, was er sich erinnert, von Petrus gehört zu haben (S. 10 fg.), so dass Justinus der Märtyrer sein Evangelium kurzweg „die Memoiren (apomnemoneumata) des Petrus“ nennt; Lukas bekennt selber, er wisse nichts aus eigener Anschauung, sondern er schreibe, was er „mit Fleiss erkundet habe“ (1, 3); einzig in dem Evangelium Johannes redet ein Augenzeuge unmittelbar zu uns. Die Kritik hat das an hundert Zügen unwiderleglich dargethan. Der Verfasser kennt das Land Palästina genau, sowie auch dessen Gewohnheiten (wogegen die anderen Evangelisten sich oft irren); er weiss die Namen aller Beteiligten, er weiss allerhand kleinste Einzelheiten zu melden, die den anderen Evangelisten unbekannt waren, — nicht aber lebensvolle Geringfügigkeiten allein, sondern auch Dinge von entscheidender Wichtigkeit, durch welche erst das Leben und Wirken Christi klar wird, wogegen für jeden aufmerksamen Leser die Lückenhaftigkeit und nicht selten Irrtümlichkeit der anderen Berichterstattungen manche unlösbare Rätsel schaffen. Die mehrjährige Wirksamkeit Christi, seine wiederholten Reisen nach

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Jerusalem, die allmähliche Entwickelung seines Verhältnisses zum offiziellen Priestertum, die Art, wie das Volk ihm erst zujubelte und dann sich enttäuscht von ihm abwandte, die wahre, ausführliche Geschichte seines Verhörs und seiner Verurteilung, alles das ist nur aus Johannes zu entnehmen. ¹) Johannes berichtigt denn auch die Berichterstattung, wie sie in unseren anderen Evangelien ziemlich übereinstimmende Gestalt gewonnen hat, an mehr als einer Stelle ausdrücklich (vergl. z. B. Joh. 3, 24 und Matth. 14, 3). Doch mag eine einzige Thatsache genügen: Johannes allein weiss, an welchem Tage (des jüdischen Kalenders) das letzte Abendmahl und folglich auch die Kreuzigung stattfand, wogegen die anderen Evangelisten Angaben machen, die von den seinigen abweichen und nachweisbar unmöglich sind! Das sagt alles. ²)
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    ¹) Hierfür vergleiche man ganz besonders das Leben Jesu von Weist.
    ²) Die anderen Evangelisten fassen nämlich das letzte Abendmahl als das jüdische Passahmahl auf, womit die Juden (deren Tage von Abend zu Abend gezählt werden) ihr Passahfest beginnen; Christus wäre somit an einem der größten Feiertage gekreuzigt worden, was nach jüdischem Gesetz völlig undenkbar ist. Johannes dagegen sagt ausdrücklich, dass das letzte Abendmahl

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— Doch, wenn die kritische Analyse das alles auch nicht dargethan hätte, ich meine, das Herz allein hätte genügt, uns zu überzeugen, dass nur der thatsächliche Apostel des lebendigen Christus — derjenige, „welchen Jesus lieb hatte“ — befähigt war, diese Schilderung zu entwerfen. Nur der Donnersohn — wie ihn Christus nannte — besass die künstlerische Tiefe des Gemütes und die Kraft der Originalität, dieses Buch zu schreiben. Und wahr ist an ihm nicht bloss das Detail — wie oben gezeigt — sondern auch das Bild, das es uns giebt, das Bild des Heilands, „der sein Leben lässet für seine Freunde“ (15, 13).
    Und dennoch, sicher ist, dass Johannes in seiner Schilderung Christi dichterisch verfahren ist. Darum gerade eignet seiner Darstellung ein intensiver Grad der Wahrheit, wie ihn nur das poetische Wiedergebären, niemals die Chronik erreichen kann. Hörten wir aber bei den anderen Evangelisten hinter der Stimme Christi ihre
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v o r   d e m   F e s t   (13, 1 und 29) und dass Christi Kreuzigung an dem Tage stattfand, wo zum Feste erst „gerüstet“ ward (19, 14 und 31); daher auch die grosse Eile mit dem Töten und Herabnehmen.

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eigene Stimme, so verhält es sich hier umgekehrt; wir hören eigentlich nur die Stimme des Johannes, ein weicher, glühender, zur Ekstase neigender Ton, — und nur selten schlägt das schlichte, herbe, fast harte Wort Christi an unser Ohr. Die persönliche Stimme des Johannes ist uns aus seinen Briefen gut bekannt — dort ja, nicht im Evangelium, sagt er: „Gott ist die Liebe“ (1. Epistel 4, 16) —‚ wir treffen sie hier überall an; auch Johannes den Täufer lässt er Reden halten, wie sie ihm kein Anderer zuschrieb und sie bei dem Wüstenmanne schwerlich vorauszusetzen sind. Das künstlerische Prinzip der Darstellung ist hier das im Altertum bei historischen Werken übliche: die Schilderung der Persönlichkeiten durch Reden. Thucydides ist das klassische Beispiel. Er ist ein nach strenger Wahrheit strebender, scharfsinniger, kritischer Geschichtsschreiber; doch genau so wie Shakespeare Richard III. durch Monologe und Träume schildert, so erfindet Thucydides Selbstgespräche, Dialoge, Reden, die er den handelnden Personen ohne Scheu in den Mund legt, teils um ihren Charakter unmittelbar statt mittelbar zu enthüllen, teils

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um die historischen Begebnisse ins rechte Licht zu rücken. Heute fordern wir die materielle Genauigkeit jeder Einzelheit; die Methode des Thucydides und des Johannes wüssten wir nicht zu handhaben, denn wir thäten es mit schlechtem Gewissen; und doch lässt sich nicht leugnen, dass unser ängstlicher Realismus oft nicht entfernt den Grad innerlicher, echter Wahrhaftigkeit, plastischer Wirklichkeit erreicht, den jene unbefangenen, tiefblickenden Männer erzielten. Gewiss giebt es in den ganzen langen Christusreden des Johannes-Evangeliums nicht ein einziges Wort, das entbehrt werden könnte, das nicht zur Verdeutlichung des Bildes des Heilands beitrüge. Nur muss man sich klar darüber sein, dass Johannes redet. Man darf nicht die unverkennbare Stimme des Donnersohnes mit der unverkennbaren Stimme Christi verwechseln, ebensowenig wie man verkennen darf, dass dieser Dichtung nicht Phantasie, sondern geschichtliche Wahrheit zu Grunde liegt, und dass hier nicht bloss Johannes, wie er Christus geliebt und angebetet, redet, Johannes, wie er sich nie hat genug thun können in der Betonung

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der Hoheit, des Überirdischen, der Göttlichkeit, vor Allem der göttlichen Liebe — nein, sondern Christus, wie ihn Johannes gehört hat, Christus, wie er von Johannes allein unter Allen erblickt, erfasst, verstanden wurde. Dieses Hohelied auf den Gottmenschen ist ein Hoheslied der Wahrheit.
    Was nun die Gestalt der wirklich von Christus gesprochenen Worte anbelangt, so ergiebt sich aus dem dargelegten Thatbestand ein eigenartiges, fast paradoxes Verhältnis zwischen dem Johannes-Evangelium und den anderen drei.
    Als vor einhundertunddreissig Jahren die Kurzsichtigkeit einseitigen Gelehrtenwissens am Johannes-Evangelium zu nörgeln und zu quengeln begann, griff der grosse Johann Gottfried Herder zur Feder. „O Johannes! wie habe ich dich jedesmal bewundern und lieben lernen! Wie rein und himmlisch du deinen Meister vorstellest, und ihm treu bleibst, als lägest du noch an seiner Brust und lauschetest dem Worte seines Herzens! — — — Du rufst Licht und Äther hinab auf die Erde; nur aber, dass sein Bild — — — strahle und sich verkläre und dein Bild sei!“ Wie man

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sieht: die höchste, hingebendste Bewunderung, und zugleich — wie immer bei diesem in mancher Beziehung tiefsten Geist, den die Deutschen je hervorgebracht haben — das feinste kritische Verständnis: Sein Bild ist dein Bild. Das heisst: dass wir Christus so strahlend und verklärt erblicken, geschieht, weil wir durch Johannes‘ Augen ihn sehen lernen. Und dennoch schreibt der selbe Herder am selben Ort: „wenn ein Schriftsteller der Bibel uns Paradoxon sein könnte: so Johannes. Wie von den anderen Evangelisten verschieden! welche eigene Denkart und Sprache! fast kein Ausdruck seines Gemäldes oder der Rede Jesu einem der anderen Evangelisten ähnlich! Hat wenig, was jene haben! Hat, was sie haben, in so Himmelanderm Element, zu so scheinbar anderm Zweck, auf so andere Weise. Als Geschichtsschreiber und Lehrer, sonderbarer Schriftsteller, der Evangelist Johannes!“ ¹) Und als einige zwanzig Jahre später Herder seine zwei — jetzt vorübergehend vergessenen, doch
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    ¹) Aus dem Fragment Johannes, in Bernhard Suphan‘s Ausgabe der sämtlichen Werke Herder‘s, Band VII, S. 313 fg. Die weiterhin genannten Schriften findet man im 19. Band der selben Ausgabe.

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unvergänglichen — Schriften veröffentlichte, Vom Erlöser der Menschen, nach unseren drei ersten Evangelien und Von Gottes Sohne, der Welt Heiland, nach Johannes‘ Evangelium, da fasste er dieses scheinbare Paradoxon gerade an dem Punkt an, der uns hier beschäftigt, und fragte sich: „Wem sollen wir nun trauen? Sprach Christus, wie ihn Johannes darstellt? Oder wie ihn seine drei andern Evangelisten malen?“ Nach den drei ersten Evangelisten, sagt Herder mit Recht, hat Christus in kurzen, gedrungenen „Denk- und Machtsprüchen“ geredet, so dass „nach ihnen der Charakter dieses Mannes äusserste Präcision zu sein scheinet“. Wogegen „der vierte Evangelist ihn in langen, oft harten Allegorien sich selbst wiederholen, bisweilen auch so rätselhaft sprechen lässt, dass man kaum glauben kann, es sei der Jesus der anderen Evangelisten“.
    Dieses Paradoxon ist nun nicht schwer aufzulösen; dazu gehört keine Gelehrsamkeit, nur ein klarer Einblick in die besprochenen Verhältnisse.
    Wer einen Charakter dadurch schildert, dass er ihn sich selber durch Reden malen

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lässt, wird (wenn er ein Donnersohn ist) sein Ziel erreichen, er wird die Persönlichkeit lebendig vor uns hinstellen — bis auf eines: bis auf seine persönliche Art zu reden. Wie sollte ein gemessener, in sich gekehrter, wortkarger Mann in endlosen Reden immerwährend von sich sprechen, und was er als heiligstes Geheimnis im Busen trägt, umständlich verkünden? Das ist der Preis, der für Vollendung bezahlt werden muss. Christus spricht bei Johannes fast unausgesetzt, und ist doch stumm; denn seine eigene Stimme vernehmen wir beinahe nie. Und das darf sein, ja, das muss sein; der heilige Augustinus hat uns vor anderthalb Jahrtausenden gesagt, warum: weil Johannes den Gott, nicht den Menschen uns zu geben berufen war, und der Gott sich jenseits von allem Reden und Schweigen befindet. Ganz anders die übrigen Zeugen! Sie sind „mit dem Menschen auf Erden gewandelt“. Und weit entfernt, dass sie die unermessliche Bedeutung der Worte ahnen, die Christus spricht, weit entfernt, wie Johannes, „Licht und Äther auf die Erde hinabzurufen“, um sie verklärt und verwandelt der Welt zu über-

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liefern, berufen sie sich noch nach der Kreuzigung und nach der Himmelfahrt auf die Wunder, „welche die Worte begleiten und bekräftigen“ (siehe den letzten Vers des Markus-Evangeliums); ohne diese Beglaubigung hätten sie selber ihrer wenig geachtet. Und man lese nur an derselben Stelle (Markus 16, 17 fg.), welche Art von Wundern diesen einfachen Seelen vorschwebte: Teufelaustreiben, mit Zungen reden ¹), Schlangen bändigen ²), Gift trinken ohne Schaden zu nehmen, Krankheiten heilen. Für das eigentliche „Wunder“ — die Offenbarung des Gottesreichs „inwendig in uns“ und den Hinweis auf die „Umkehr“,
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    ¹) Die sogenannte Glossolalie, ein ekstatisches Reden (siehe namentlich 1. Korinther 14, 2 und folgende).
    ²) Luther übersetzt falsch: „Schlangen vertreiben“, Allioli richtig: „Schlangen aufheben“ (opheis arhusi), das heisst in die Hand nehmen und mit ihnen nach Belieben verfahren, wie das noch heute eine Hauptleistung orientalischer Zauberer ist. Die entsprechende Verheissung bei Lukas 10, 19: — „Ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Scorpione“ — bezieht sich ebenfalls ganz realistisch, nicht allegorisch, auf die seit undenklichen Zeiten im Orient geübte Bändigung dieser schlimmsten Feinde des dortigen Menschen. Das „Treten“ auf die Schlangen und die Scorpione gilt immer als das grösste Wunder, weil diese Tiere sich eher jede andere Behandlung gefallen lassen, als gerade das Getretenwerden.

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die dahin führt — kein Wort! Und grade darum — grade, weil das Herz dieser Männer mehr fasste als der Verstand, weil das Auge und das Ohr mit beinahe ängstlicher, abergläubischer Treue an allerhand kleinen Äusserlichkeiten hängen blieben — grade darum verdanken wir ihnen eine Überlieferung der Worte von zäher Genauigkeit und von unverwüstlich frischer Lebendigkeit. Wie es diesen traditionell aufbewahrten, von Gemeinde zu Gemeinde als kostbares Gut wandernden Worten erging, haben wir schon oben kurz berührt. Doch selbst die spät erfolgte schriftliche Aufzeichnung, selbst die frühe Übertragung in ein unverwandtes Idiom, selbst jene Zerreissung und Zerstreuung in „falsche Ordnung“ (die der Presbyter Johannes beklagte), selbst die ebenso unwillkürlichen als unvermeidlichen Entstellungen eines lückenhaften Verständnisses haben doch dem Ton der Stimme, und mit ihm dem Gedankeninhalt der Worte Christi wenig anhaben können. Wie wir vorher sahen: die äussere Gestalt mag zerstört sein, doch die innere ist erhalten.
    Die Folgerung ergiebt sich von selbst.

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    Wer Christo, dem Gott, mit gläubigem Herzen zu nahen verlangt, wird es immer an der Hand des Apostels der Liebe thun. Wie Goethe sagt: „Das Testament Johannis empfehle ich euch aber und abermal, dessen Inhalt Mosen und die Propheten, Evangelisten und Apostel begreift.“ ¹) Wer aber die Stimme des Menschen vernehmen, wer Christi eigene Worte hören will, wird die anderen Evangelien aufschlagen, sowie die Berichte der frühen Väter.

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    Einigermassen rhapsodisch sind obige Bemerkungen vorgetragen: dem Verfasser lag daran, auch nur den Schein eines wissenschaftlichen Versuches zu vermeiden. Dazu besässe er keine einzige der vielen erforderlichen Eigenschaften. Jetzt sei es gestattet, die Veranlassung zu folgender Sammlung und die Grundsätze, nach der sie durchgeführt wurde, kurz zu nennen.
    Ein Mann — in anderem Lande, in anderer gesellschaftlicher Umgebung, in ande-
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    ¹) Brief an Herder vom 20. 2. 1786.

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rer Kirche aufgewachsen — ein Mann von schlichter, frommer Gemütsart, hatte aus Gedanken über die „Erscheinung Christi“, veröffentlicht von dem Verfasser dieser Apologie, einen eigenartigen, tiefen Eindruck erhalten. Dieser Eindruck führte zur Freundschaft. Was uns zusammengeführt hatte — die Gestalt des Göttlichen — blieb auch fernerhin das Einigende; es ward uns schwer, bei anderen Dingen zu verweilen. Jeder achtete die abweichende Erziehung und Glaubensrichtung des Andern; nicht Schmerz, auch nicht Abwendung von der eigenen Art, viel eher neues, frisches Leben erwachte bei beiden aus der Berührung des anders Gearteten und Belehrten. Es war, als hätte Jeder zu den eigenen Augen noch die des Andern und damit zugleich die Mitteilung eines reicheren Verständnisses Christi erhalten. Was dem Freund nun neu war, das war das ganz lebendige, persönliche Verhältnis zu Christus; wenn ich mich so ausdrücken darf, ohne missverstanden zu werden: zu dem noch nicht gekreuzigten und verklärten Christus; das Empfinden einer unmittelbaren, rein menschlichen Gegenwart, der Umgang mit dem auf Erden

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Wandelnden, als weile er noch in unserer Mitte, das Erblicken seines Auges, das Vernehmen seiner Stimme.
    Hieraus entstand die Anregung zu dieser Sammlung, die zunächst lediglich als eine Gabe von Freund zu Freund gedacht war. Wer sie gerecht beurteilen will, wird sie auch fernerhin so betrachten.
    Doch zwischen Idee und Ausführung schob sich vorerst ein scheinbar unüberwindliches Hindernis ein.
    Nicht umsonst soll Goethe gewarnt haben:
Willkür bleibet ewig verhasst den Göttern und Menschen,
Wenn sie in Thaten sich zeigt, auch nur in Worten sich kundgiebt.
    Worte Christi willkürlich herauswählen und willkürlich redigieren, das war ausgeschlossen. Nach theologischen oder philologischen Gesichtspunkten vorzugehen, das verbot unsere Erziehung, unsere Beanlagung, unser Zweck. Der sehr verdienstvolle Versuch des Professor Wendt, die ursprünglichen Matthäus-Logia aus den Evangelien

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nach Matthäus und Lukas herauszuschälen, ¹) schoss weit über unser Ziel hinaus und zugleich reichte es nicht an das heran, was uns als Ziel vorschwebte. Die Hilfe kam, woher wir sie vielleicht kaum gesucht hätten, nämlich aus dem Katechismus nach dem Beschlusse des Konzils von Trient für die Pfarrer. Hier wird viel Gewicht darauf gelegt, dass Christus zugleich perfectus deus und perfectus homo, vollkommener Gott und vollkommener Mensch, gewesen sei, oder wie es an anderen Orten heisst: verus deo et verus homo, wahrer Gott und wahrer Mensch. Und an einer Stelle (erster Teil, drittes Hauptstück, Abschnitt elf) lasen wir: Multa sunt, quae de Salvatore nostro in sacris literis dicuntur, quorum alia ut Deus est, alia ut homo, ipsi convenire perspicuum est, quoniam e diversis naturis diversas earum proprietates accepit. Das heisst (nach der erzbischöflich approbierten deutschen Übersetzung, Regensburg, 1896): „Vieles wird in der Heiligen Schrift von unserem Heiland ausgesagt, wovon ihm offenbar einiges als Gott, anderes als Mensch zukommt, da er
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    ¹) Zweiter Abschnitt aus dem Buche Die Lehre Jesu, 1886, Band I, S. 44—191.

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ja von den verschiedenen Naturen ihre verschiedenen Eigentümlichkeiten angenommen hat.“ Eine Unterscheidung zwischen Gott und Mensch durfte also die Grundlage zu einer Sammlung der Worte Christi abgeben, ohne dass dadurch irgend einer Rechtgläubigkeit zu nahe getreten wurde. Christus der Gott gehört den Theologen, hier dagegen sollte Christus der Mensch vernommen werden.
    Man darf uns nicht missverstehen. Zweifellos ist, dass die   E r s c h e i n u n g   Christi — das mit Augen erblickte Bild seiner Gestalt und der Gestalt seines Lebensganges — das Untrüglichste, Reinste, Vollendetste ist, was wir jemals von ihm werden besitzen können. Daran ist festzuhalten. Und hier ist es, wo der Glaube geheimnisvolle Bande knüpft und wo jene Himmelsleiter unseren Blicken sich offenbart, an der überirdische Helfer zu uns heruntersteigen und uns Stufe für Stufe hinanführen — über uns selbst weit hinaus. Doch der Geheimnisse sind viele, und keines ist heiliger als jenes, welches wir oben streiften: dass das schlackenlos reine Menschliche dem Reingöttlichen sehr nahe

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steht. Die menschliche Stimme des perfectus homo menschlich rein zu vernehmen, muss darum erlaubt und erstrebenswert sein.
    Aus obiger Erwägung ergab sich die Verpflichtung, eine Reihe von Worten auszuscheiden. Zunächst fast alle Johanneische, da, wie Augustinus uns belehrte, dieser Apostel „es verschmäht hat, mit dem   M e n s c h e n   auf Erden zu wandeln“. Weiter aber noch alle solche, welche für das eigentlich Theologisch-Dogmatische in Anspruch genommen werden können.
    Wie wenig Dogmatisches das Neue Testament enthält, ist bekannt. Dogmen sind darauf errichtet worden, doch selber dogmatisiert es wenig oder gar nicht. Der Unaufmerksamste muss das bemerkt haben. Selbst die sogenannten Lehrbriefe der Apostel enthalten an keinem einzigen Ort auch nur den Ansatz zu einem zusammenhängenden dogmatischen Gebäude, und gar erst die Evangelien — namentlich die drei ersten — lassen ohne vorherige Belehrung kaum ein einziges Dogma der Kirchen erraten. Nur ein einziges Mal, und nur nach seinem Tode, nicht während seines Lebens

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— nur also als Gott, nicht als Mensch — nennt Christus die Dreifaltigkeit ¹); als Mensch redete er nur vom „Vater“ und von „eurem Vater“. ²) Ähnlich geheimnisvoll verhält es sich mit der Einsetzung des Abendmahles. Johannes, der bei diesem Mahle neben Christus sass, und der seiner Beschreibung fünf lange Kapitel widmet, meldet kein Wort davon, und Paulus — als der erste, der den Wortlaut der Einsetzung mitteilt — sagt ausdrücklich (1. Kor. 11, 23), er habe diese Kunde durch göttliche Offenbarung empfangen, nicht, wie er von sonstigen Ereignissen berichtet, durch die Erzählung der Augenzeugen. Die Scheidung zwischen Gott und Mensch, zwischen Dogma und Evangelium reicht so tief, dass diejenige Aussage, welche alle Grundlagen des dogmatischen Glaubens zusammenfasst und welche der römischen, der orientalischen, der lutherischen und der calvinistischen Kirche gemeinsam ist —
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    ¹) Matthäus 28, 19. Die einzige evangelische Parallelstelle, Markus 16, 16, erwähnt die Trinität nicht, und ebensowenig thut es Petrus in seiner Taufformel Apostelgeschichte 2, 38.
    ²) Man siehe die Anmerkung zu Wort 59.

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nämlich, das sogenannte apostolische Glaubensbekenntnis — über das   L e b e n   Christi nicht ein einziges Wort enthält, seine Lehren mit Stillschweigen übergeht, und nur meldet: „empfangen vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben und begraben etc.“. Also „geboren — gestorben“; dazwischen lebte aber der Mensch. Wenn also die Evangelien auch wenig Dogmatisches im eigentlichen Sinne des Wortes enthalten, wir durften für unser Vorhaben als Grundsatz aufstellen, dass nicht nur alles auszulassen sei, was zur speziellen Kirchenlehre gehört — wie Taufe und Abendmahleinsetzung — sondern auch alle Worte, die in den Evangelien einen Bezug auf Christi Geburt oder Tod haben, sowie alle, die auf Zeiten vor der Geburt und nach dem Tode deuten, da diese alle in das theologische Gebiet des perfectus deus gehören.
    Zu diesem Hauptgrundsatz kamen noch folgende.
    Worte, die Christus in der Einsamkeit oder im stillen Gebete gesprochen haben

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soll, konnten nicht als thatsächlich ausgesprochene Worte betrachtet werden. Manche solche Stellen gehören zu den schönsten, und zweifellos sind sie der Ausdruck einer höheren Wahrheit; doch das, was oben über das Evangelium Johannes ausgeführt wurde, gilt auch hier.
    Auszulassen waren ferner alle Worte, welche zwar nicht die göttliche Natur Christi betreffen, doch eine rein   k i r c h l i c h e   Bedeutung erlangt haben. So z. B. die Verleihung des Beinamens Petrus an Simon; eine scheinbare Kleinigkeit, die doch in der Geschichte der Kirche so enorme Wichtigkeit erlangt und zu so endlosen Fehden geführt hat. Leider hat Markus, der als Vertreter des Petrus am besten unterrichtet sein musste, gar nichts darüber gemeldet (8, 29 und 30), und die beiden Evangelisten, die es thun, Matthäus (16, 18) und Johannes (1, 42) geben so unvereinbar verschiedene Berichte, dass hier nur der Glaube, nicht die historische Instanz entscheiden kann. Es giebt eine Anzahl solcher Aussprüche, die es kaum mehr möglich ist, unbefangen rein menschlich zu betrachten. Sie blieben weg.

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    Auszulassen waren auch alle jene Worte, die erst aus einem umständlichen Zusammenhange deutlichen Sinn erhalten, oder die sich auf einen besonderen Fall beziehen. Wir durften nur Worte aufnehmen, welche als „Worte“ unmittelbar verständlich sind und deren Bedeutung an keinen bedingenden Umstand geknüpft ist.
    Manche Worte sind wesentlich Citate oder Paraphrasen alttestamentischer Sprüche; einige sind lediglich sprichwörtliche Wendungen. Aus solchen kann man die persönliche Art zu reden nicht kennen lernen; sie mussten wegbleiben.
    Die alten Manuskripte, auf denen unsere Kenntnis der Evangelien ruht, weichen in manchen Einzelheiten von einander ab. Hieronymus, der Verfasser des Vulgatatextes, klagt häufig seine Not darüber. Schon 1707 hatte der englische Forscher Mill in den Manuskripten des Neuen Testamentes mehr als dreissigtausend Varianten festgestellt! Seit der Zeit hat aber die wissenschaftliche Kritik Fortschritte gemacht; ausserdem haben gerade die letzten Jahre einige höchst wertvolle Bereicherungen an uraltem Material gebracht. So wird denn

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der wahre Bestand der Urtexte doch nach und nach sicherer. Ganze Worte und einzelne Aussprüche innerhalb der Worte, welche nachweislich apokryph oder sehr verdächtig sind, blieben weg.
    Soviel über die negativen Grundsätze, die bei der folgenden Sammlung massgebend waren. In positiver Beziehung gab es nur einen einzigen Grundsatz: die wortgetreue Wiedergabe des evangelischen Textes, mit Zugrundelegung der besten deutschen Übersetzungen und mit Herbeiziehung derjenigen wissenschaftlichen Behelfe zu einem lückenlosen, sicheren Verständnis, die einem gebildeten Laien zugänglich sind.
    Näheres über die Beschaffenheit des Textes steht hinten in den Anmerkungen.
    Ein wichtiger Punkt blieb aber noch zu entscheiden. Wussten wir auch, dass wir alle unmittelbar verständlichen, rein menschlichen Worte von allgemeiner Bedeutung zusammenstellen wollten, waren wir auch entschlossen, uns möglichst genau an den altvertrauten und dadurch geheiligten Text anzuschliessen, so mussten wir uns doch

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sagen: jedes einzelne Wort darf nur in   e i n e r   e i n z i g e n   G e s t a l t   auftreten; als Ausfluss der Persönlichkeit ist es selbst ein Persönliches. Fast nie stimmen aber die Evangelisten genau überein. Die meisten Worte besitzen wir in zwei, viele in drei, einige in vier verschiedenen Fassungen. ¹) Die im ersten Teil dieser Apologie angeführten Beispiele mögen genügen. Ob nun Christus gesagt hat: „wer mich aufnimmt, nimmt Gott auf“, oder ob er gesagt hat: „wer mich aufnimmt, nimmt nicht mich,   s o n d e r n   Gott auf“, mag für den perfectus Deus einerlei sein; wenn der Theologe das darthut, werfen wir ihm nicht Kasuistik vor, denn er hat von seinem Standpunkt ganz recht; doch für den perfectus homo, der uns hier einzig beschäftigt, verhält es
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    ¹) Man vergleiche z. B. Matth. 10, 39, Markus 8, 35, Lukas 17, 33 und Joh. 12, 25. Jeder der Evangelisten trägt eine persönliche Färbung in das einfache Wort. Matthäus Spricht von „finden“ und „verlieren“, Markus von „behalten wollen“ und von dem Verkünden des Evangeliums, Lukas spricht von „Leben gewinnen“ und an anderer Stelle (9, 24, denn er bringt dasselbe Wort zweimal) von „Leben retten“ oder „erretten“; Johannes aber wandelt das Wort völlig um, indem er Christus sagen lässt, man solle „sein Leben auf dieser Welt   h a s s e n.“

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sich anders. Das wahrhaftige Ohr wird bezeugen, dass hier verschiedene Stimmen sprechen, und das untrügliche Herz fühlt, dass — sobald man diese Worte nur menschlich auffasst — zwei verschiedene Gesinnungen sich kundgeben. In allen solchen Fällen also — und sie wiederholten sich fast Wort für Wort — mussten wir wählen.
    Auch hier durfte jedoch Willkür nicht entscheiden, keine blosse Vorliebe, kein subjektiver Geschmack, sondern ein Grundsatz. Und dieser Grundsatz war: nicht allein Spruch für Spruch, sondern auch Satz für Satz und Wort für Wort aus allen vorliegenden Fassungen die   k ü r z e s t e   und die   s c h l i c h t e s t e   zu wählen, diejenige Fassung, welche aller Kirchenlehre und historischen Bedingtheit am fernsten steht.
    Wer ohne nähere Kenntnisse das Buch aufschlüge, könnte an der weitgehenden Auslösung der Worte aus dem gewohnten Zusammenhang Anstoss nehmen. Doch bedarf sie nach den Ausführungen im allgemeinen Teil dieser Apologie kaum einer weiteren Rechtfertigung. Der Eine von uns hätte sogar manches Wort gern noch weiter

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aufgelöst, wenn nicht das achtungswerte Pietätsgefühl des Andern ihm eine Grenze gezogen hätte.
    Es liegt auf der Hand, dass eine mündliche Überlieferung längerer Reden auf keine Authenticität Anspruch erheben kann. Darum ist es eben so natürlich wie vertrauenerweckend, dass der Zöllner Matthäus — wie uns Papias bezeugt — nur eine Sammlung von kurzen Sprüchen (die oben mehrfach erwähnten Matthäus-Logia) aufgesetzt hat. Und der Gelehrte, der heute die eingehendste Bemühung gerade dieser Frage gewidmet hat, kommt zu dem Schlusse, dass jenes Urevangelium wahrscheinlich doch einige kleine Erzählungen umfasste, insofern solche zu dem Verständnis des von Christus Gesprochenen unentbehrlich schienen, dass aber die mitgeteilten Worte selbst sehr kurz, und höchstens an einigen Orten durch formelhafte Wendungen an einander gereiht waren. ¹)
    Doch der Hypothesen bedürfen wir gar nicht. Unsere Evangelisten genügen, um
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    ¹) Wendt: in seiner obengenannten analytischen Untersuchung, S. 188 fg.

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die Berechtigung der weitestgehenden Auslösung zu beweisen. Sie selber, wie man an dem Beispiel S. 11 fg. gesehen hat, verbinden und trennen, wie es ihnen gut dünkt. Und nimmt man die glaubwürdigsten Väter dazu, so findet man eine weitere Bestätigung, dass die Reihenfolge der Worte durch die Tradition nicht fixiert war, sondern in der That willkürlich bestimmt wurde.
     Wer also eine längere Rede nach der Fassung des einen Evangelisten als massgebend hinstellt, begeht einen Akt der Willkür; und da der Zusammenhang und die Folge der Gedanken für eine Persönlichkeit äusserst bezeichnend ist, läuft er Gefahr, die Gestalt der Rede bedenklich zu fälschen. Wer dagegen die einzelnen Worte so viel wie thunlich absondert, verzichtet auf einen kostbaren, doch täuschenden Schein, vernimmt aber dafür die Stimme Christi möglichst rein.
    Dieses Ziel ist jeder Entsagung wert.
    Ein Letztes, die Anordnung betreffend.
    Eine Reihenfolge der Zeit nach ist auf Grundlage der Evangelien unmöglich, aus-

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serdem bei einer so kurzen Wirksamkeit ohne Bedeutung, höchstens irreführend. Ob bei unserm Versuch Willkür oder sicherer Instinkt für lebendigen Zusammenhang gewaltet hat, kann nur der Erfolg zeigen. Was uns als erstrebenswert vorschwebte, war ein „Organismus“, das heisst, ein Gebilde, in welchem nicht bloss ein jeder Teil in den nächstliegenden logisch hinüberleitet, sondern auch eine Symmetrie zwischen den entgegengesetzten Teilen stattfindet, sowie zwischen der Mitte einerseits und dem Anfang und Ende andererseits, eine Symmetrie, die teils ein Zueinander-, teils ein Auseinanderstreben bedeutet. Eine derartige organische Gliederung zu finden, schien uns von grosser Wichtigkeit: sie ersetzt, so weit irgend möglich, den fehlenden Zusammenhang; sie baut die Persönlichkeit aus den einzelnen Edelsteinen ihrer Gedanken auf; sie ermöglicht Übersicht und Vergleich und Vertiefung. Äusserlich kann so etwas nichts anderes als ein Schema sein; ist es innerlich ein blosses Schema, so ist es verfehlt.
    Unsere Anordnung lautet:

55 APOLOGIE

WORTE CHRISTI
1. ÜBER GLAUBEN UND BETEN
2. ÜBER GOTT UND DAS REICH GOTTES
3. ÜBER SICH UND DIE SEINEN
4. ÜBER DIE PRIESTER UND IHRE RELIGIONSGEBRÄUCHE
5. ÜBER DIE WELT UND DIE MENSCHEN
(Lebensweisheit)
6. ÜBER THUN UND LASSEN
(sittliche Gebote).

    Soweit möglich, sind dann innerhalb jeder der sechs Abteilungen die einzelnen Worte sinnvoll aneinander gereiht.

    Dem Wunsche Anderer, nicht dem eigenen Geschmacke folgend, haben wir in einem Anhang eine Reihe von Anmerkungen hinzugefügt, welche das volle und freie Verständnis befördern sollen.

56 APOLOGIE

    Möge der Leser die Länge dieser einleitenden Apologie entschuldigen. Über Zweck und Verfahren mussten wir Rechenschaft ablegen.
    Ein „Schriftgelehrter“ hätte den Versuch nicht unternehmen dürfen. Seinem Wollen hätte sein Wissen im Wege gestanden. Und doch ist vielleicht das Bedürfnis, welches uns beide zu dieser Zusammenstellung von Worten Christi trieb, ein verbreitetes, ebenso wie das Bedürfnis, aus verschiedenen Kirchen uns in dem heiligen Namen Christi geeint zu finden und zu wissen.
    Nicht an die Kritik richten wir das kleine Buch, sondern an bedürftige Herzen; diese sollen sagen, ob wir gut beraten waren oder nicht; Herzen, denen wir — gleichviel, welcher Kirche sie angehören, gleichviel, wenn auch keine unserer heutigen Kirchen ihnen genugthut — nichts von ihrem Glauben rauben wollen noch werden.
    Was hier vorliegt, ist ein erster Versuch, völlig aus dem Stegreif entsprungen. Das Herz befahl, und das Herz kennt keine

57 APOLOGIE

Geduld. Doch sollte wirklich das Bedürfnis, welches Einzelne empfanden, bei Vielen auf ein ähnliches treffen, so dürfen wir hoffen, das, was hier im Entwurfe vorliegt, nach und nach auszubauen.
    Im Übrigen glauben wir an die ewige, unversiegbare Gewalt dieser Worte, gleichviel, in welcher Fassung sie dargeboten werden.

HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
(Herbst 1901).

 
 
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WORTE CHRISTI ÜBER GLAUBEN UND BETEN

Letzte Änderung am / Laatste wijziging / Last update: 11 Juni 2005